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Full text of "Kausch Die Unbequeme Nation 2000 Jahre Kriege Gegen Die Deutschen 206 S"

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Georg Kausch 


Die unbequeme Nation 

2000Jahre Wirtschafts- und 
Religionskrieg gegen die Deutschen 


Deutscher Freiwirtschaftsbund e.V 
Selbstverlag 2009; 3. Auflage 2010 
Überarbeitete Version 2013 


Inhaltsverzeichnis 


1. Teil - Legionen gegen Germanien 

Das Duell der Feldherren 

Das Schwert verlor, die Lüge siegte 

Herkunft und Entwicklung der Germanisch-Deutschen Nation 
Der Sieg des Germanenstaates über Rom 

2. Teil - Priester gegen Deutschland 
Ein neuer Feind tritt auf 

Die ersten Kreuzzüge gegen die Germanen 

Die Zerstörung der germanischen Wirtschaftsordnung 

Der geplante Weg ins Elend 

200 Jahre Wirtschaftsblüte - Niedergang der Kirche 
Neuer Aufstieg der Kirche und Wirtschaffsverfall 
Der Rückfall in das finsterste Mittelalter 
Ein Versuch, uns sprachlich zu überwältigen 
Not in Deutschland - Wirtschaftsblüte in Italien 
Wirtschaftsaufschwung - Ursache der Reformation! 

Die Priester gewinnen wieder an Macht 
Neue Kreuzzüge gegen die germanischen Nationen 
Der Dreißigjährige Kreuzzug in Deutschland 
Frankreich wird Vormacht des Abendlandes 
Und-wieder einmal Notstandszeit! 

Preußen, Keimzelle neuen Aufstieges der Deutschen 
Friedrich der Große und Politik im 18. Jahrhundert 


Die Zeit der »Aufklärung« und ihre Ursache 92 

Revolution in Frankreich und die Folgen 94 

Deutschlands »Befreiungskriege« - für wen? 97 

Nichts für das Volk - das Reich nur für Reiche 100 

Bismarcks verfehlte Wirtschaftspolitik 104 

»Kulturkampf« = Priesterkampf gegen Deutsche 108 

Die Einfädelung des (Ersten) Weltkrieges 110 

Das Ende einer verfaulten Herrenschicht 114 

Verrat am Volk- die größte Niederlage 119 

3. Teil - Die verrottete Gesellschaftsordnung 127 

Wie lange noch Nation im Unglück? 129 

Privatgrundeigentum - das Unglück der Nation 133 


Der ewige Krieg zwischen Grundeigentümern und Entrechteten 136 


Die kapitalistische Geldwirtschaft - Wurzel aller Übel 140 

4. Teil - Unsere naturgemäße Lebensordnung 149 

Die Grundlagen der ausbeutungsfreien Wirtschaft 151 

Neubau der Wirtschaftsordnung heißt: 

Neubau von Volk und Staat 158 

Anmerkungen und Ergänzungen/Quellen 1. Teil 165 

2. Teil 169 

3. und 4. Teil 193 

Worte hoher Priester aus neuerer Zeit zum 

Nachweis des Fortbestehens druidischen Geistes 199 

Weitere Zitate 203 


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l.Teil 

Legionen gegen 
Germanien 

»Als die Römer frech geworden, 
kamen sie nach Deutschlands 
Norden« 



Das Duell der Feldherren 

Zum Anfang des Jahres 16, das in Rom bekanntlich mit dem März 
begann, kehrte der römische Oberbefehlshaber Gajus Julius 
Cäsar Germanicus nach Deutschland zurück. Mit großer En¬ 
ergie betrieb er die Vorbereitung des neuen Feldzuges^, besich¬ 
tigte Legionen und Schiffswerften, besprach sich mit den Offi¬ 
zieren und prüfte Agentenmeldungen. Da viele Germanen - jetzt 
als Bundesgenossen - im römischen Heere dienten, mußte er al¬ 
lerdings darauf gefaßt sein, daß man auch in Deutschland ziem¬ 
lich genau wußte, was auf der römischen Seite im Gange war. Die 
Germanen hatten auf ihrem Thing jetzt Arminius zum alleinigen 
Feldherrn bestimmt und beschlossen, dessen Onkel Ingiomar 
ihm zu unterstellen. Solche Meldungen erfüllten ihn mit Sorge. 
Anscheinend rechneten die Germanen längst mit einem neuen 
Feldzuge der Römer. Keine Intrige, keine Bestechung hatte of¬ 
fenbar gewirkt. Sie verachteten das Geld: Kein germanischer Gau 
prägte Münzen; und der Boden, der war nicht käuflich, er gehörte 
der Allgemeinheit. Sie wollten keinen Herrscher über sich und 
schon gar nicht einen Kaiser. Welche Überwindung, ja Verzweif¬ 
lung mußte es sie gekostet haben, nun dem einen von ihnen das 
Heer und damit die Gewalt anzuvertrauen, mit der er die eigene 
Staatsordnung zugrunde richten konnte! Ja, wäre er in Rom oder 
im Orient - da wußte man, wie man Feinde bezwingt. Könnte 
man diesen Arminius kaufen, wie einfach würde der Krieg, wie 
unermeßlich die Beute! Rom würde ihm den Abfall verzeihen, 
sogar die toten Legionen des Varus, ihm mit heimlicher Verach¬ 
tung unter seinem deutschen Namen seinen ewigen Platz in der 
Geschichte gewähren! Man hatte etliche Völksführer für Rom zu 
gewinnen gewußt - aber nicht die, auf welche es ankam. Warum 
wollten diese Deutschen lieber kämpfen als sich mit römischem 
Gelde, das man ihnen angeboten, ein gutes Leben zu machen? 
Treue geloben und sie halten bis in den Tod, Führer zu sein und 
die Gefolgsleute nicht zu verraten, das war einem Südländer un¬ 
begreiflich. Germanicus, als jetzt Dreißigjähriger, war geschul¬ 
ter Staatsmann genug um im Germanenvolk, seiner Ethik, Kultur 
und Gesellschaftsordnung eine größere Gefahr für das römische 
Imperium zu erkennen als die etruskischen und keltischen Heer¬ 
haufen, die einst Rom in Schrecken versetzt hatten. Waren nicht 
viele gefangene Legionäre des Varus in Deutschland geblieben, 
hatte nicht die Regierung denen, die sich durchgeschlagen hatten, 
das Betreten italienischen Bodens verboten? Germanien war ein 
gefährliches Vorbild'S 2 \ Da blieb nur eines: Es restlos auszurotten, 
Männer, Weiber und Kinder, was übrig war unter andere Völker 
zu verstreuen und fremde Völker in Deutschland anzusiedeln. Ja, 
genau das war ja die römische Politik, die auszuführen ihm aufge¬ 
tragen war, wobei die Freundschaft mit den Römern, die man ein¬ 
zelnen Völksgauen anbot und erhielt, nur die Maske für das letzte 
Ziel war, und die man fallen lassen konnte, sobald die Mehrheit 
bezwungen oder totgeschlagen war. 

Germanicus sah den kommenden Feldzug keineswegs als leicht 
an. Entsprechend war seine Vorbereitung. Nach Beginn der wär¬ 
meren Witterung befahl er dem Legaten Silius, mit den beiden 
Mainzer Legionen ins Chattenland vorzustoßen. Kurze Zeit spä¬ 
ter ließ er seine sechs Legionen in Vetera zusammenziehen und 
marschierte mit ihnen die Lippe aufwärts nach Aliso. Aber ihm 
gelang keine Überraschung. Auch seine Hoffnung, die Germa¬ 
nen würden sich bei Aliso zum Kampfe stellen, wurde enttäuscht. 
Sie verschwanden einfach vor der anrückenden Armee. Germa¬ 
nicus ging sogleich an den Wiederaufbau der Lippelinie. Silius 
hatte noch weniger ausgerichtet, einziger Erfolg von dem Marsch 
der zwei Legionen war, daß man die Tochter eines Chattenherzogs 
gefangennahm. Zu Kämpfen war es hier ebenso wenig gekom¬ 


men. Die Mainzer Legionen mußten umkehren und sofort über 
die Rheinstraße ins Bataverland marschieren. Mit verschiedenen 
Täuschungsmanövern zog Germanicus seine Armee in die Aus¬ 
gangslager zurück. Phase Eins des Feldzuges war fehlgeschlagen. 
Die Vorbereitungen des eigentlichen Aufmarsches zogen sich 
in die Länge, obwohl Germanicus energisch vorwärts trieb. 
Die Flotte kam erst Anfang Juli von der Anlegung der Magazine 
an der Ems zurück. Die Verladung der acht Legionen auf Schiffe 
war organisatorisch ein militärisches Meisterstück. Er fand guten 
Wind, fuhr den Drusus-Kanal zur Nordsee und kam in die Ems. 
Beim Ausladen begannen jedoch die Schwierigkeiten. Er mußte 
auf dem linken Ufer die Stammlager bauen und eine Brücke an ge¬ 
eigneter Stelle dazu. Allerdings verlor er dabei nicht die kostbare 
Zeit, die ihm Besserwisser später vorwarfen. Man kann schlie߬ 
lich nicht 70 000 Mann einfach an Land setzen und abrücken las¬ 
sen. Der Abmarsch konnte erst beginnen, als alles stand und fertig 
war, eine Brücke über den nicht besonders breiten Fluß war kein 
Problem, zumal genügend Schiffe für diesen Zweck zur Verfügung 
standen. Germanicus schaffte die 120 km von der Hasemündung 
bis zur Weser bei Minden in sechs Tagen. Doch hier ging es schon 
los: Der Troß wurde unterwegs von »Angrivariern« überfallen. 
Erzürnt befahl Germanicus dem Legaten Stertinius, mit ei¬ 
ner starken Abteilung Reiterei und leichter Infanterie die Verbin¬ 
dungslinie zur Ems dauerhaft zu säubern. Stertinius führte den 
Auftrag mit römischer Rücksichtslosigkeit durch, in einem brei¬ 
ten Streifen wurde alles war germanisch war zerstört und ermor¬ 
det. Unerfreulicher war für Germanicus die Feststellung, daß 
Arminius schon auf dem anderen Weserufer mit seinen Truppen 
bereitstand, ihm den Übergang streitig zu machen. Was nun? Da 
versuchte es Arminius mit Verhandlungen. Germanicus ging 
gern darauf ein. Des Arminius eigener Bruder Flavus, Offizier 
im römischen Heer, wurde vorgeschickt, den Vermittler zu über¬ 
nehmen. Welch ein trauriges Bild müssen diese beiden Germa¬ 
nen, der eine im Dienst einer fremden, eroberungstollen Macht, 
der andere verzweifelt bemüht, Volk, Land und nationale Eigen¬ 
art vor dieser zu retten, für die Zeugen ihres Streitgesprächs abge¬ 
geben haben! Flavus ist weniger das Ebenbild des Verräters als 
das bekannteste Beispiel aus der Frühzeit unserer Geschichte, wie 
wenig Deutsche ihre eigene Kultur und Nation achten. Die Deut¬ 
schen, die von den fremden Völkern stets bewundert und wegen 
ihrer Volksseele stets ein wenig gefürchtet werden, haben sich ih¬ 
rerseits zu oft in einfältiger Bewunderung jenen Fremden an den 
Hals geworfen, die ihnen in keiner Hinsicht ein Vorbild waren 
und ihnen nichts zu bieten hatten als hohle Äußerlichkeiten. Was 
besagte es viel, daß Flavus von den Germanen beschimpft und 
vor den Römern den mit Verachtung beobachteten Rückzug an¬ 
trat? Die Waffen mußten jetzt entscheiden, und Flavus war nicht 
der einzige oder letzte, der in fremden Diensten zum Kampf gegen 
die eigene Nation anrückte. 

Wir können es heute noch Arminius nachfühlen, welche Gedan¬ 
ken ihn nach diesem Gespräch mit dem eigenen Bruder auf des 
Feindes Seite bedrückten. Diesem Helden hat das Schicksal wahr¬ 
lich nichts erspart. Frau und Kind in den Händen des Feindes, der 
Schwiegervater zum Feinde übergelaufen, sein Besitz verwüstet, 
die eigene Verwandtschaft ihm eifersüchtig feindlich gesonnen, 
nur weil das Volk ihn zu seinem Feldherrn erkoren! Welch eine 
Charaktergröße besaß dieser Mann, als er die taktische Lage sei¬ 
nes Heeres betrachtete und sich sagen mußte, daß er eine Schlacht 
gegen Germanicus unmöglich gewinnen konnte! Nur die ste¬ 
hende Truppe aus rund 15 000 Mann stand ihm kampfbereit zur 
Verfügung. Das Aufgebot der Landeswehr, das sein Onkel In- 
GiOMARbefehligte, war wegen des schnellen Anmarsches der Rö- 


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mer erst in der Versammlung - die Männer hatten ja von der Ar¬ 
beit auf den Feldern weg zu den Sammelplätzen geholt werden 
müssen. Die Boten mußten sie anweisen, wohin die Hundert¬ 
schaften zu marschieren hatten, oftmals auf Umwegen, denn es 
war zu berücksichtigen, daß die römische Armee sie einzeln über¬ 
rennen und zerstreuen würde. Würden die Römer dort angrei¬ 
fen, wo Arminius es vermutete? Was nützten jetzt Späher, in den 
Kopf eines feindlichen Feldherrn kann der nicht schauen! Nur ein 
genialer Heerführer vermag das! Und Arminius, den wir leider 
hier immer mit seinem römischen Namen nennen müssen, weil 
man uns seinen deutschen auslöschte, sandte einen Boten mit ei¬ 
ner Weisung an Ingiomar: 

»1. Römische Armee an der Weser bei Idistaviso, wird hier ver¬ 
mutlich den Übergang erzwingen wollen. 

2. Eigenes Heer unter meiner Führung nimmt die Schlacht an, um 
den Aufmarsch der Landeswehr zu decken. 

3. Landeswehraufgebot bezieht Verteidigungsstellung zwischen 
Schaumburger Wald und Wesergebirge. Alle Vorbereitungen sind 
zu treffen, den Durchbruch der römischen Armee auf die Straßen 
Richtung Hameln und Hannover zu verhindern«. 

Wir wissen einiges über Ingiomars Charakter: Er war eine Art 
Feldmarschall Blücher oder Schorner, Haudegen, Drauf¬ 
gänger und grob, allen feineren Überlegungen abhold, als tapfe¬ 
rer und anerkannter Truppenführer wenig geneigt auf weite Sicht 
strategisch zu denken. Was mag er sich bei diesem Befehl gedacht 
haben? »Hört euch das an«, wird er zu seinem Stabe gesagt haben, 
»da zieht mein Neffe mit unserer Jungmannschafi gegen eine fünfmal 
stärkere Armee von Berufssoldaten und verbietet mir, ihm zu helfen! 
Ist er verrückt geworden? Er kann Germanicus nicht am Weserüber¬ 
ganghindern, das sieht er selbst ein! Ach, ich habe ihm Gefolgschaft ge¬ 
loben müssen, aber Tyr wird wissen, daß ich ihn nicht im Stich lassen 
darf. Was kampfbereit ist, folgt mir nach Idistaviso!« 

Germanicus hatte das Gelände durch Späher und eigene Prü¬ 
fung erkundet. Sein Plan war, die Stellung des Arminius südlich 
zu umgehen. Reiterei und leichte Truppen sollten die Weser süd¬ 
lich der Bergkette bei der Porta Westfalica überschreiten und die 
offenbar schwache Flankendeckung von dem Höhenzug hinunter¬ 
werfen. Arminius mußte dann nach Süden Front machen, worauf 
die Legionen ihrerseits direkt über den Fluß und in seine Flanke 
gehen würden. Alles verlief wie er gedacht hatte, für Germani¬ 
cus ein Wunderzeichen. Mit dem Flankenmarsch, den die Bata- 
ver-Germanen unter der Führung des Chariovalda gehorsam 
ausführten, opferte er nach echt römischen Grundsätzen Germa¬ 
nen im Kampf gegen Germanen. So erbittert war der Kampf, daß 
diese Germanen eingeschlossen und vernichtet worden wären, 
hätte nicht die römische Hauptarmee eingegriffen. Jetzt wurde das 
Heer des Arminius eingeschlossen, aber in einem Verzweiflungs¬ 
kampf durchbrach er, selbst verwundet, mit seiner Mannschaft die 
römischen Schlachtlinien und erreichte die Weser, von der sie teils 
schwimmend, teils kämpfend zu den eigenen Linien zurückkehr¬ 
ten. Auch Ingiomar gelang es, mit seinem Stoßkeil den Rückzug 
zu erkämpfen. Die Verluste waren unter den Germanen (auf bei¬ 
den Seiten) schwer, die römische Elitetruppe hingegen geschont. 
Sie lobte die Weisheit ihres Feldherrn und feierte den Sieg. Ger¬ 
manicus ließ so schnell wie möglich die Brücke errichten, über 
die nun die Hauptmacht, die Artillerie und der ungeheure Troß ge¬ 
schafft wurden. Germanicus machte man später wiederum den 
Vorwurf, er habe zu viel Zeit auf dem Schlachtfelde mit Siegesfei¬ 
ern versäumt. Der Bau der Brücke, die Überführung der Armee auf 
das rechte Ufer der Weser, Sicherung des Brückenkopfes, Aufräu¬ 
men des Schlachtfeldes, um dem Feinde den Wiedergebrauch der 
Waffen zu verhindern hätte aber so oder so zwei bis drei Tage ge¬ 


kostet. Germanicus konnte nicht schneller vorrücken, als es tat¬ 
sächlich geschah. Er sah diesen Sieg als nachhaltig genug an, weil 
er damit den Eingang in das germanische Kernland freigekämpft 
hatte. Daß die unzuverlässigen Auxilien Arminius durchlassen 
würden, war nicht vorherzusehen. Der war schon dabei, die Feh¬ 
ler seines Onkels gutzumachen. Arminius war fortan auf ihn nicht 
gut sprechen, was sich wohl verstehen läßt. Da wurde den Germa¬ 
nen das Verweilen der Römer auf dem Schlachtfelde von Idistaviso 
von entscheidendem Nutzen. Jetzt trafen die Hundertschaften aus 
der weiteren Umgebung hinter der Widerstandslinie ein, täglich 
wuchs das Heer der Verteidiger um 10 000 bis 15 000 Mann und so 
waren in diesen zwei oder drei Tagen (den Schlachttag eingerech¬ 
net, der um 11 Uhr begann und bis in denAbend dauerte) die Ver¬ 
luste ausgeglichen. Hart arbeiteten sie an der Verteidigungslinie. 
Sie fällten Bäume, bauten Wolfsgruben, dämmten Bäche um das 
Land zu versumpfen und schufen gedeckte Stellungen. 

Die römische Armee brauchte nicht weit zu marschieren, als ihre 
Vorhut überrascht auf die germanische Stellung aufprallte. Ger¬ 
manicus überzeugte sich selbst von der Unmöglichkeit eines 
Durchbruches und befahl schweren Herzens den Rückmarsch 
in das Lager auf dem rechten Weserufer. Der römische Feldherr 
beschloß nunmehr, die deutsche Stellung durch einen Flanken¬ 
marsch nach Norden in Richtung Nienburg zu umgehen und 
brach sehr zeitig am nächsten Tage auf. Die einzige andere Mög¬ 
lichkeit wäre ein Rückzug über die Weser gewesen, dies aber hätte 
den Verlust des Feldzuges ohne Entscheidungskampf bedeutet. 
Mit großer Spannung wartete Arminius auf die Bewegung der 
Römer. Als er von ihr durch die Späher erfuhr, gab er unverzüglich 
den Tausendschaften der Verteidiger den Befehl, auf Richtwegen 
gleichfalls nach Norden, zur Sumpfenge zwischen Weser, Loccum 
und Düsseiburg zu marschieren. Dieser Parallelmarsch, aus der 
taktischen Lage im Stegreif angeordnet, dürfte eine der genialsten 
Taten sein, die ein militärischer Führer jemals ersann. Die Deut¬ 
schen trafen vor den Römern auf der von Arminius beschlosse¬ 
nen neuen Verteidigungslinie zwischen Düsseiburg und Weser 
ein. Man hat in dem berühmt gewordenen Angrivarierwall eine 
alte Grenzstellung zwischen zwei Germanenstämmen vermutet. 
Das ist unwahrscheinlich, denn es finden sich woanders nicht sol¬ 
che angeblichen Grenzwälle. Nein, Arminius ließ diese Befesti¬ 
gung durch sein Heer in dem Augenblick errichten, als die Rö¬ 
mer den Flankenmarsch unternahmen. Die Enge zwischen Düs¬ 
seiburg und Weser bei Leese-Stolzenau ist knapp 10 km. Davon 
war der größte Teil durch seine Natur ungangbar. Der eigentliche 
Angrivarierwall braucht nur 1 bis 2 km lang gewesen zu sein, und 
wenn Arminius darauf 20000 Mann ansetzte, so standen für je¬ 
den Meter Wall 10 Mann zu Verfügung. Genug, um das Bollwerk 
in einigen Stunden zu errichten! Der Wall war auch nicht überall 
gleich stark. Schuchardt entdeckte, daß er nicht einmal einen 
richtigen Graben (so genannte Berme) davor hatte. Ein Hinweis, 
daß dafür die Bauzeit nicht ausreichte. Es kam für Arminius dar¬ 
auf an, die Straße zum Wegekreuz Nienburg zu sperren, und diese 
Aufgabe hat er erfüllt. 

Germanicus kam mit seiner großen Armee und dem schwerfäl¬ 
ligen Troß nicht so schnell vorwärts wie die leichtfüßigen Germa¬ 
nen. Er mußte nach einem Tagesmarsch von Idistaviso (etwa 25 
km) ein Zwischenlager einnehmen, bis er am Vormittag des näch¬ 
sten Tages auf den stark besetzten Angrivarierwall stieß. Jetzt er¬ 
kannte er die tödliche Falle, in die er unabsichtlich seine Armee 
geführt hatte. Was hatte das Opfer einiger tausend Germanen bei 
Idistaviso genützt? In dem Schach der Feldherrn hatte Germani¬ 
cus eine Rochade ausgeführt, aber Arminius bot ihm wiederum 
»Schach«. Hier war keine Schlacht möglich, wie er sie suchte. 


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Hatte er nicht früher seinen Vertrauten gesagt, daß er sich vom 
Gegner nicht den Kampfplatz aufzwingen lassen würde? Nun gab 
es gar keine Wahl, er mußte sich stellen; Rückzug war nicht mehr 
möglich, er mußte über diesen Wall, es war die einzige Hoffnung 
ins Freie zu kommen oder die Armee wurde hier vernichtet. 

Der erste Ansturm auf den Wall misslang vollständig. Germani- 
CUS befahl den Einsatz der Artillerie, der Wurf- und Schleuder¬ 
waffen, um die Verteidiger hinunterzuschießen und den Wall zu 
zertrümmern. Wie es weiterging, berichtet die hochdramatische 
Schilderung des Tacitus der Nachwelt: »Als erster >stürmte der 
Caesars mit seinen prätorianischen Kohorten den Wall und machte 
einen Angriff auf die Wälder, dort entspann sich ein Handgemenge. 
Gemanicus bat seine Truppen, im Kampfe nicht nachzulassen, sie 
brauchten keine Gefangenen, nur die >Vernichtung dieses Volkes ma¬ 
che dem Krieg ein Endes«. Wer hört nicht aus diesen Worten das 
Bewußtsein der Todesgefahr für die Römer? Was nie zuvor in der 
Geschichte der römischen Armee geschah, das ereignete sich hier 
am Angrivarierwall: Die Prätorianer mußten als Sturmtruppe 
eingesetzt werden! Sogar der Feldherr greift als Infanterist zum 
Schwerte und stürmt mit! Der Schilderung gemäß waren die Rö¬ 
mer gefährlichen Flankenangriffen aus den Wäldern ostwärts des 
Walles ausgesetzt. Wie das Ziel des Flankenmarsches, so sah Ar- 
minius auch die Möglichkeit eines Durchbruches voraus; da¬ 
für standen seine Reserven an der richtigen Stelle bereit. Die Le¬ 
gionen ermatten in dem stundenlangen, erbitterten Kampfe, in 
den die Deutschen immer neue, frische Verbände hineinwerfen. 
Wir haben nur römische Quellen als Zeugen für diese Schlacht. 
Trotz aller Verschleierung ist erkennbar, daß sie bis zum Einbruch 
der Nacht nicht entschieden war. Zwar war den Römern die Er¬ 
stürmung des Walles gelungen, aber ihre Lage blieb so ernst wie 
vorher. In einem mindestens zehnstündigen ununterbroche¬ 
nen Kampf Mann gegen Mann erlitten die Römer unzweifelhaft 
schwerste Verluste. Denn nach dem Verbrauch der Fernwaffe (pi- 
lum) blieb ihnen nur das Schwert, und da gab stets die überlegene 
Zahl den Ausschlag. »Erst spät am Tage zog er eine Legion aus der 
Schlacht, um ein Lager aufzuschlagen, die übrigen sättigten bis in die 
Nacht am Blute ihrer Feinde. Der Kampf der Reiter blieb unentschie- 
denss. (Tacitus) 

Als Germanicus »spät am Tage« eine Legion aus der Schlacht 
herauszog, um mit ihr ein notdürftiges Lager zu bauen, hatte er 
die Lage seiner Armee als hoffnungslos erkannt. Der römische 
Feldherr sah keine Aussicht auf Sieg und war vielmehr bedacht, 
schnellstens eine Rettungsstellung für seine bedrängte Truppe zu 
schaffen bevor ihr Widerstand zusammenbrach. Er wird sich des 
Varus erinnert haben, der am dritten Schlachttage sich in der ge¬ 
nau gleichen Lage befand wie er jetzt. Normalerweise benutzten 
die Römer stets den Nachmittag eines Marschtages für den La¬ 
gerbau. Weiterhin läßt sich daraus schließen, daß der Wall von 
den Deutschen zurückerobert wurde und alles, was südlich da¬ 
von stand, verloren war. Der angeblich unentschiedene Ausgang 
des Reiterkampfes ist unwahr. In dieser Schlacht, nach römischem 
Geständnis auf Leben und Tod, wird die Reiterei ihrer schwer rin¬ 
genden Infanterie bis zum letzten beigestanden haben. Undenk¬ 
barist ihr Ab ritt vom Schlachtfeld ohne Entscheidung. Da sie aus¬ 
drücklich nicht siegte, wir von späteren Taten gar nichts hören, 
wurde sie vollständig vernichtet. Über die Hilfstruppen sagt Taci¬ 
tus kein Wort. Wahrscheinlich sind sie in dem Augenblick, als die 
Legionen nicht mehr hinter ihnen standen, zu ihren Landsleuten 
übergegangen. Ein Römer wird niemals den Abfall seiner »Bun¬ 
desgenossen« in dieser Stunde der Entscheidung zugeben, auch 
nicht 50Jahre danach! 


Hätte Germanicus in der Schlacht am Angrivarierwall tatsäch¬ 
lich gesiegt, so wäre er Herr Deutschlands bis zur Elbe geworden. 
Aber Germanicus ist irgendwie und sofort nach dieser Schlacht zur 
Ems zurückgekehrt und seine Armee war beinahe vernichtet. An die¬ 
ser Tatsache rüttelt niemand, auch nicht Tacitus. Die näheren Um¬ 
stände, die die Römer darüber berichten, sind daher erlogen. 

Am Angrivarierwall stellte Arminius die acht römischen Legio¬ 
nen zu einem Entscheidungskampf, der die Schlacht gegen Va¬ 
rus weit übertraf. Nur mit Mühe gelang es 10 000 bis 15000 ab¬ 
gekämpften Legionären zur Dunkelheit hinter die Wälle des Not¬ 
lagers zu kommen, wo sie weiter ständigen Beunruhigungen aus¬ 
gesetzt waren. In dieser schlaflosen Nacht gab sich Germanicus 
bald Rechenschaft über die Lage. Die Verbandsführer meldeten 
ihm etwa ein Fünftel seiner Armee bedingt kampffähig. Alle Trup¬ 
pen waren erschöpft, verwundet, die Mehrheit gefallen. Sie wa¬ 
ren ohne Zelte, Sanitätsmaterial, Verpflegung, Ersatzausrüstung, 
ohne Artillerie und Troß, alles war am Wall zurückgeblieben und 
Beute der Deutschen geworden. 

Bei dieser Sachlage mußte dem römischen Feldherrn der Gedanke 
an eine Erneuerung der Schlacht oder gar die Weiterführung des 
Feldzuges aussichtslos erscheinen. Er mußte zu diesem Ergebnis 
kommen, wenn er nicht nur seine eigenen schwer angeschlage¬ 
nen Kräfte zählte, sondern berücksichtigte, was zur gleichen Zeit 
auf der deutschen Seite vor sich ging. Selbst wenn er Arminius 
die gleichen Verluste zugefügt wie er sie erlitten hatte, so bedeu¬ 
tete das, strategisch gesehen, gar nichts. Jeden Tag trafen Tausend- 
schaften aus dem weiten Hinterlande ein, und Arminius würde 
nicht zögern, mit diesen die Schlacht zu erneuern und weiterzu¬ 
kämpfen. Hatte er nicht die Legionen des Varus auf diese Weise 
aufgerieben? Selbst wenn Arminius vom einem erneuten Angriff 
abstände, die Germanen konnten vor den Lagerwällen länger aus- 
halten als die Römer drinnen. Der Weg nach Norden blieb verlegt, 
der Rückzug nach Süden abgeschnitten. Wenn er nicht das Ende 
des Varus erleiden wollte, gab es nur eine Möglichkeit: Flucht 
über die Weser und schnellster Marsch zur Ems. 

Bevor der Tag dämmerte, der jener denkwürdigen Entscheidungs¬ 
schlacht folgte, von der fast kein Deutscher etwas weiß, gab Ger¬ 
manicus seine Entschlüsse den Offizieren bekannt. Es muß ein 
unvorstellbares Spektakel für die Deutschen gewesen sein, als 
15 000 Römer, darunter ihr Feldherr, sich in die Weser stürzten, 
um ihr westliches Ufer schwimmend und watend zu erreichen. 
Germanicus gelang es - wenigstens ein Erfolg seiner Führungs¬ 
kunst - eine noch halbwegs kampffähige Ordnung unter seinen 
Truppenresten zu schaffen; sonst wäre kein Römer nach Hause ge¬ 
kommen. Hier zeigte er als Feldherr seine Überlegenheit zu dem 
verzagenden Varus. Und die Römer sind anscheinend schneller 
gelaufen als die germanischen Reiter hinter ihnen her. Jedenfalls 
wird von weiteren Kämpfen nichts gesagt. Berichtet wird von ei¬ 
nem Gefangenenaustausch mit den Germanen. Es müssen in der 
Schlacht nicht nur einzelne gewöhnliche Soldaten, sondern ganze 
Abteilungen mit höheren Offizieren vernichtet oder gefangen 
worden sein. Es gibt keinen besseren Hinweis auf die Katastrophe der 
römischen Armee im Jahre 16 als dieses Eingeständnis. 

Das Schwert verlor, die Lüge siegte 

Die Regierung in Rom verlangte von ihren hohen Beamten (zu¬ 
gleich Offiziere, der römische Staat kannte darin keinen Unter¬ 
schied wie wir) regelmäßige Berichterstattung. Dem Reichsfeld¬ 
herrn Germanicus dürfte wohl kein anderer so schwer gefallen 
sein wie der, den er nach dem Feldzug des Jahres 16 an seinen On¬ 
kel und Kaiser abzufassen hatte. Man möchte annehmen, daß er 
die Wahrheit sagte und es Tiberius und seinen Ratgebern über- 


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ließ, wie sie die Katastrophe politisch ummünzten. Wie die An¬ 
nalen des Tacitus andeuten, war Kaiser Tiberius kaum weni¬ 
ger verzweifelt als Augustus nach der Niederlage des Varus. Die 
Staatsräson verlangte die Schonung des Thronerben, auch wenn 
seine Stellung als Feldherr in Germanien völlig unhaltbar gewor¬ 
den war. Nach zwei (oder waren es gar drei) verlorenen Feldzü¬ 
gen konnte niemand von Germanicus noch Erfolge oder gar 
Siege erwarten. Der Neuaufbau der dezimierten Legionen mußte 
Jahre beanspruchen. Was man dem Publikum auch vorlog, die 
Materialverluste allein machten eine Wiederaufnahme des Krie¬ 
ges unmöglich. Germanicus hat gebettelt im Kommando belas¬ 
sen zu werden. Er wollte den Feldzug im nächsten Jahre wieder¬ 
holen, um die Germanen doch noch zu unterwerfen. Kaiser Tibe- 
rius hat das aus besserer Kenntnis der wirtschaftlichen Kraftre¬ 
serven des Imperiums nicht zugelassen. Die benötigten Gelder für 
einen dritten Neuaufbau der Legionen überstiegen alle finanziel¬ 
len Möglichkeiten. Er entschied, Germanicus abzuberufen und 
den Kampf mit den Germanen zu beenden. 

Es kam nun darauf an, die bisher größte Niederlage des römischen 
Imperiums für die Öffentlichkeit glaubhaft zu einem Erfolg umzu¬ 
fälschen. Man hatte schon ein Vorbild: Die Regierungserklärung 
des Augustus zur Deutschlandfrage nach dem Untergang des 
Varus. In der Tat, was wir über die Folgen der Schlacht am Angri- 
varierwall aus den römischen Berichten wissen, läßt uns einen Lü¬ 
genfeldzug erkennen, den man im 20. Jahrhundert nicht nieder¬ 
trächtiger führen könnte. Die Schlacht am Angrivarierwall wurde 
zu einem Siege umgefälscht, obwohl die unmittelbaren Folgen, ja 
schon die veröffentlichten Berichte das glatt widerlegten. Um die 
ungeheuren personellen und materiellen Verluste zu erklären, er¬ 
fand man die tolle Geschichte, ein Sturm auf der Nordsee habe 
die heimkehrenden Legionen samt ihren Schiffen vernichtet. Was 
wissen die Massen schon über das Wetter im Hochsommer in der 
Nordsee, wenn es fast nie Stürme gibt, und nie so schwere, in die 
sich eine römische Flotte hinauswagt (mit Truppen an Bord?) 
und zerstreut wird! Um dieses angebliche Unglück wieder abzu¬ 
schwächen, erfand man das Märchen hinzu, Germanicus habe 
die meisten schiffbrüchigen Legionäre auf den Inseln aufsammeln 
können. Die römische Propaganda behauptete, Silius sei mit 
30 000 Mann in das Chattenland eingerückt, und die Germanen 
hätten sich nicht zum Kampfe gestellt. Das sieht freilich nach ei¬ 
ner Aufwärmung des Frühjahrsfeldzuges aus, was vermutlich die 
römische Öffentlichkeit noch nicht gehört oder wieder vergessen 
hatte. Germanicus soll mit »größerer Streitmacht« in das Gebiet 
der »Marser« eingefallen sein und habe den Adler einer Varus- 
legion erbeutet. Man wird an den Vorstoß des Jahres 14 erinnert. 
Legenden, für die zu verdummende Allgemeinheit frisiert. Neh¬ 
men wir einmal an, diese Vorstöße, bei denen die Römer angeb¬ 
lich zweimal 30 000 Mann zur Verfügung hatten, seien tatsächlich 
erfolgt. Da stellt sich die Frage, weshalb diese Armeen erst nach 
der Niederlage vorgingen. War es aber die gleiche, die sich schon 
bei Idistaviso und am Angrivarierwall geschlagen hatte, dann war 
sie nicht in Trümmern zurückgekehrt, dann hatte sie kein Sturm 
zerstreut! Ja, warum hatte sie den Rückzug angetreten, obwohl sie 
(angeblich) gerade gesiegt hatte? Weshalb soll sie nochmals mit 
so geringem Erfolge einen Bruchteil des Weges vorgegangen sein? 
War nicht die Elbe das strategische Ziel der Römer? Wollten sie 
nicht das Germanenvolk vernichten ? 

Wie von etlichen Forschern vermutet wird, begannen die Römer 
Friedensverhandlungen und im Winter 16 zu 17 ist der Friede mit 
den Germanen zustande gekommen. Wenn uns darüber nichts 
bekannt ist, so müssen wir in erster Linie feststellen, daß alle Hin¬ 
weise auf eine Bundesregierung der germanischen Gaue unter¬ 


drückt worden sind. Es ist unsicher, ob schon die Römer das ta¬ 
ten, indem sie einer germanischen Bundesregierung, die es gege¬ 
ben haben muß, bisher stets die Anerkennung verweigert hatten. 
Dies hätte ihnen ja den völkerrechtlichen Vorwand gegeben, mit 
den Einzel»stämmen« (und -gauen) nach Willkür zu verfahren. 
Nach der Niederlage des Jahres 16 gegen die geeinten Germanen 
war das nicht mehr möglich. Die römische Propaganda stellte den 
Friedenschluß als Unterwerfung dar. Die entscheidenden Punkte 
dieses Friedens sind erkennbar: Räumung von ganz Norddeutsch¬ 
land bis zum Rhein von den Römern, die batavischen und friesi¬ 
schen Germanen verbleiben im römischen Bündnis, aber ohne 
oder nur symbolische Besatzung (die Friesen machten sich zwölf 
Jahre später aus dem Bündnis los, die Bataver im Jahre 69), die 
rechte Rheinseite wird auf etwa einen Tagesmarsch Breite als neu¬ 
tral erklärt und bleibt siedlungs- und militärfrei von beiden Seiten. 
Nur die Rheinbrücke in Köln bleibt für Handelszwecke als einzige 
bestehen. Süddeutschland, obwohl noch germanisch besiedelt, 
wurde völlig ausgeklammert. Hierzu wurde offenbar der römische 
Brückenkopf Mainz gerechnet. Die Römer benutzten diese Ver¬ 
tragslücke, sich allmählich das Gebiet zwischen Donau und Rhein 
schrittweise anzueignen und die dort ansässige deutsche Bevölke¬ 
rung zu vernichten. Die römische Diplomatie verstand aus dem 
verlorenen Kriege sehr günstig herauszukommen. Die Friedens¬ 
liebe der Germanen spielte wohl dabei die Hauptrolle. Bei ihnen 
hatte ja das ganze Volk in den Krieg zu ziehen und nicht ausge¬ 
hobene und bezahlte Söldnerhaufen. Wie dem auch sei, nun war 
der Vorwand gegeben, den ganzen Germanenkrieg abzuschlie¬ 
ßen und mit dem lange versprochenen Triumph zu krönen. Jetzt 
durfte sich Germanicus der Menge zeigen. Am 25. Mai 17 fand 
das große Spektakel in Rom statt, der »herrlichste Triumphzug, 
den Rom gesehen hat« (Strabo). Er war eine Farce. Germanische 
Völksführer waren erwiesenermaßen nicht darunter. Frauen, Kin¬ 
der und Überläufer mußten dafür herhalten, und fast alle waren 
schon imjahre 15 und früher gefangen worden (Man erinnere sich 
an den Gefangenenaustausch imjahre 16). Um die Zweifler in der 
Völksmasse, die gewiß zuerst sehr laut waren, zum Schweigen zu 
bringen, wurden in Rom sogar Kupfermünzen geprägt, die an den 
»Sieg« des Germanicus erinnern sollten! Niemand bezweifelt 
einen Betrug der Öffentlichkeit, als man aus Gebieten links des 
Rheines zwei Provinzen Germanien machte. Germanicus wurde 
mit dem Kommando in Syrien betraut, das wie eine Beförderung 
aussehen sollte, aber Varus war den umgekehrten Weg befördert 
worden! Germanicus hat sich als Feldherr nie mehr bewähren 
können. Er starb als ein gebrochener Mann beinahe vergessen 
schon am 10. Oktober 19 in Daphne bei Antiochia. 

Es bleibt die Frage, was die Römer beabsichtigten, als sie Deutsch¬ 
land erobern und unterwerfen wollten. Irgendwelche idealisti¬ 
schen oder missionsartigen Träume hatten die römischen Staats¬ 
führer nie. Sie waren nüchterne, eisig rechnende Geschäftsleute, 
die für Profit bereit waren über Leichenberge und Trümmer zu 
steigen, wie die heutigen Großbankiers. Sie hofften, in Deutsch¬ 
land ungeheure Gewinne erzielen zu können - aber wodurch? 
Kein Geschichtekundiger ist bisher dieser Frage nachgegangen! 
Sehen wir uns einmal um, wie die Angriffe der Römer auf andere 
Völker und Länder zu verstehen sind. Veii, Karthago, Rhodos, Ko¬ 
rinth usw. wurden von ihnen angegriffen und zerstört, teilweise 
unter Austreibung oder Vernichtung der Bevölkerung, um eine 
lästige Handelskonkurrenz zu beseitigen. Sie eroberten Spanien 
und Griechenland, um die dortigen Silberbergwerke für sich aus¬ 
zubeuten. Sie griffen nach Kleinasien, den vorderen Orient, Ägyp¬ 
ten, Afrika und plünderten die dort lebenden Völker bis auf die 
nackte Haut aus. Caesar griff das freie Gallien an und eroberte 


10 


es, um mit der Beute seine ungeheuere Schuldenlast abzutragen. 
Er machte zwei Versuche Deutschland und Britannien zu erobern, 
wobei ihn im zweiten Falle wie wir wissen, die sagenhaften Perlen 
und Zinnbergwerke lockten. Caesar der Parteiführer, der Staats¬ 
mann, der Feldherr, verabscheut von seinen klügeren Zeitgenos¬ 
sen wie Cicero und Cato, ermordet von seinen nächsten Freun¬ 
den, verklärt von seinen Schergen, bewundert vor allem von deut¬ 
schen Historikern (wie sollte es anders sein!). Dieser Mann war, 
wenn man seine eigenen Darstellungen unvoreingenommen liest, 
einer der größten Verbrecher, den die Erde je gesehen hat. In ihn 
hatten gewisse Kapitalisten Roms investiert oder anders ausge¬ 
drückt, ihn finanziert. In Gallien holte er die Auslagen (125 Mil¬ 
lionen Sesterzen!) zehnfach herein und schlachtete ein Drittel sei¬ 
ner Bevölkerung ab. Der Bürgerkrieg, den Caesar mit der Plün¬ 
derung der Staatskasse begann, erbrachte wahrscheinlich noch 
mehr. So riesig war die Beute, daß Caesar in seinem Testament 
jedem Bürger Roms 300 Sesterzen vererbte. Mit solch demagogi¬ 
schem Geschenk machte er das Volk Roms zu Teilhabern an in¬ 
ternationalen Raub- und Beutezügen und zu willigen Werkzeugen 
seiner Ausbeuterklasse. Etwaige moralische Bedenken wurden da¬ 
mit wirksam erledigt. Wenn man Nichtrömer ausplünderte und, 
wenn sie sich wehrten, dafür totschlug, so rührte den Römer das 
nicht. Hauptsache, es fiel reichlich Beute und Geld dabei ab. Erin¬ 
nern wir, daß die Legionen immer solche Geschenke für erfolg¬ 
reiche Feldzüge beanspruchten. Hier ist nicht der Platz, über die 
wirtschaftlichen und sozialen Zustände dieses gepriesenen und 
bewunderten Römischen Imperiums abzuhandeln. Wir kennen 
Wissenschaftler, die darüber nachforschten und schrieben. Vom 
Standpunkt eines freien Deutschen ist es der Blick in eine Jauche¬ 
grube, nicht nur in der Kaiserzeit, sondern solange die Römer ihre 
Geschichte aufzeichneten. Es gehört eine Menge intellektueller 
Verblödung dazu, trotz alledem dem Römertum den Vorzug zu 
geben und das eigene deutsche Volk als unkultivierte Barbarben 
zu bezeichnen, obwohl es als einziges von ganz Europa sich gegen 
die räuberischen Römer erfolgreich verteidigte. 

Die römische Regierung, gleichgültig ob Republik oder Monar¬ 
chie, hatte eine Hauptaufgabe: Geld herbeizuschaffen wo immer 
welches zu bekommen war. Ohne das, das wußte man damals 
ganz genau, stand die Wirtschaft still, wurde die Menge aufsäs¬ 
sig, kamen keine Steuern herein, konnte man nicht Kriege führen. 
Griff die Republik nach Silber und Silberbergwerken, so mußte 
das Kaiserreich Gold erbeuten, nachdem Caesar (auf wessen Rat 
- oder Anweisung - hin ?) mit dem Aureus die Goldwährung ein- 
führte. Wir wissen, daß Kaiser Trajan mit der gesamten Macht 
des Römerreiches das kleine Dakien angriff und eroberte. Wes¬ 
halb? Das erfuhr die Welt 50 Jahre später, als es an die Germanen 
verloren ging und die Römer den Verlust beklagten: Es war das 
Gold Siebenbürgens! Dürfen die Gründe für den Einfall der Rö¬ 
mer nach Deutschland nicht genannt werden, weil sie ihre Geld¬ 
gier enthüllen? Es gibt eine Menge Hinweise, daß es nicht anders 
sein kann. Zwei deutsche »Stämme« ragen wirtschaftlich aus den 
anderen heraus: 

1. Die »Siegambrer«, die die reichen Eisenerzgruben zwischen 
Lahn, Dill und Siegbesaßen. Für ihre Tüchtigkeit und technischen 
Fähigkeiten spricht die gewaltsame Verpflanzung von 40 000 von 
ihnen unter Augustus. 

2. Die »Cherusker«, die rechts der Weser um den Harz wohnten 
und von den Römern umschmeichelt zu »Freunden« erklärt wur¬ 
den. Seit der Bronzezeit war der Harz als ungeheuer reiches Berg¬ 
baugebiet bekannt. Bis in unser Jahrhundert sind hier die Boden¬ 
schätze aus Kupfer, Blei, Zink und Silber abgebaut worden. So¬ 
gar natürliche Bronze soll es da gegeben haben. Und so zögere ich 


nicht zu behaupten, daß es die Bodenschätze, vor allem des Harz’ 
waren, welche die Römer zum Angriff auf Deutschland verlock¬ 
ten. Wir verstehen jetzt den Zug des Drusus, imjahre 9 vZtw. den 
Harz von Osten zu umfassen (bei dem er den Tod fand). Varus 
mit seinem Sommerlager in der Nähe von Hameln stand an der 
strategisch richtigen Stelle, Betrieb und Abfuhr der Bergwerks¬ 
förderung (die ja nur im Sommer möglich war) zu sichern. Wir 
erkennen den Grund, daß der Limes schon bei Koblenz auf der 
rechten Rheinseite begann (nicht bei Mainz, wie die meisten glau¬ 
ben!) und Nassau einschloß. Denn in Nassau gibt es auch Silber¬ 
vorkommen! Die Römer bewiesen in allen diesen Fällen keine Ab¬ 
wehr angeblich räuberischer Barbarenstämme. Räuber waren sie 
selbst. Sie eroberten und raubten, wie es Jahrhunderte später die 
Spanier mit den Inkas und ihrem Gold, die Engländer mit Indien 
oder die USA mit den Ölschätzen der Erde gemacht hab en. Wenn 
die Römer Erfolg gehabt hätten, wären auch die übrigen guten Ei¬ 
genschaften der Deutschen gerne in ihre Dienste genommen wor¬ 
den. Man stelle sich einmal vor, die Tapferkeit der germanischen 
Tausendschaften wäre in die römischen Legionen eingezogen. 
Wer hätte da noch Rom widerstehen können? So aber mußte man 
sich damit begnügen, die Deutschen, die die Instinkte für ihre eigene 
Nation nicht besaßen oder durch Geld und Beschwatzung verloren, als 
Abtrünnige bei sich einzureihen, um damit Deutsche durch Deutsche 
zu bekämpfen. 

Herkunft und Entwicklung der Germanisch-Deutschen 
Nation 

»Der römisch-germanische Kampf war nicht ein Kampf zwischen 
zwei in politischem Gleichgewicht stehenden Mächten, in welchem die 
Niederlage der einen einen ungünstigen Friedensschluß rech fertigen 
kann; es war der Kampf eines zivilisierten Großstaates gegen eine tap¬ 
fere, aber >politisch und militärisch barbarische Nation<, in welchem 
das schließliche Ergebnis von vornherein feststeht und ein vereinzelter 
Mißerfolg in dem vorgezeichneten Plane so wenig etwas ändern darf, 
wie das Schiff darum seine Fahrt aufgibt, weil ein Windstoß es aus der 
Bahn wirfi. Wenn Augustus das eroberte Germanien nach der Varus¬ 
schlacht verloren gegeben hatte, wenn Tiberius jetzt, nachdem dieEr- 
oberung abermals in Angriff genommen war, sie abzubrechen befahl, 
so ist die Frage wohl berechtigt, was diese wichtigen Vorgänge für die 
allgemeine Reichspolitik bedeuten. Es muß Tiberius nicht leicht ange¬ 
kommen sein, den großen, mit dem Bruder gemeinschaftlich begonne¬ 
nen, nach dessen Tode von ihm fast vollendeten Bau >zusammenstür- 
zen zu sehen<. So ist dafür ein anderer Grund nicht zu finden, als daß 
sie die >durch zwanzig Jahre hindurch verfolgten Pläne< zur Verände¬ 
rung der Nordgrenze als >undurchführbar< erkannten und die Unter¬ 
werfung und Behauptung des Gebietes zwischen Rhein und Elbe >die 
Kräfte des Reiches zu übersteigens schien. Indes die >Niederlage< der 
augustischen Politik, wie der >Friede< und die Hinnahme der militä¬ 
rischen Katastrophes wohl bezeichnet werden kann, war >kaum ein 
Siegs«. 

So schreibt ein hochberühmter deutscher Historiker, Theodor 
Mommsen in seiner »Römischen Geschichte«. Mommsen be¬ 
schreibt hier genau das, was ich zuvor dem Leser in freier Nach¬ 
bildung der Geschehnisse vorgetragen habe. Diese Gedanken er¬ 
gaben sich, wenn man die gleichen Quellen, die Mommsen zur 
Verfügung standen, auf ihre verborgenen Aussagen auswertet. 
Freilich wollte Mommsens anerzogenes humanistisches Vorur¬ 
teil sich nicht damit abfinden. Er wollte um keinen Preis anerken¬ 
nen, daß Rom durch die germanische Kraft an den Wendepunkt 
seiner Geschichte gelangte. Denn ein Volk, das nicht von der 
größten Militärmacht der Erde bezwungen werden konnte, kann 
nicht eine »politisch und militärisch barbarische Nation« sein, 


11 


auch nie gewesen sein, denn ihre Kräfte haben die »des Reiches 
überstiegen«! Man vergleiche damit den römischen Angriff auf 
Britannien, den die gewiß nicht starke Regierung des Claudius 
trotz erheblicher Rückschläge erfolgreich durchstehen konnte. 
Wurden nicht die Britannier vollständig romanisiert? Man über¬ 
lege, welche »barbarische« Nation, und sei sie zahlenmäßig den 
Eroberern vielfach überlegen, dem Angriff eines wohl organisier¬ 
ten Staates widerstehen konnte. Die Inka-Reiche fielen mühe¬ 
los, so fiel das ganze, reiche Indien, die malaiischen Staaten, von 
den Indianern, Negern, Papuas und anderen Stämmen, die eine 
Staatsform nie gekannt und gebildet hatten, gar nicht zu reden. 
Wenn sie heute noch existieren, dann kaum noch als Völker mit 
eigener Kultur, welche sie vor der Niederwerfung besaßen. Aber 
der Großangriff auf Deutschland, richtiger Germanien, misslang 
so vollständig, daß man sich über den Mangel an Erstaunen der 
Historiker verwundert. Die geschichtliche Bedeutung des römi¬ 
schen Fehlschlages wird ja von Mommsen widerwillig anerkannt. 
Sind die römischen Berichte nicht geradezu darauf angelegt, die 
Misserfolge in den Germanenkriegen zu vertuschen und umzufäl¬ 
schen? Und solcherart sind unsere einzigen schriftlichen Quellen 
über unsere Vorfahren! Selbst Mommsen mußte feststellen: »Wir 
vermögen nicht zu sagen, wie weit diese römischen Erzählungen der 
Wahrheit entsprechen «. 

Die Germanen haben schon bei ihren ersten Zusammenstößen 
die römischen Truppen geschlagen, sie waren in Schlachten öf¬ 
ter Sieger als die Römer zugeben wollen, was bisher unerkannte 
Ursachen gehabt haben muß. Es können nicht bessere Waffen 
oder Taktiken gewesen sein, denn die Römer waren als militä¬ 
risch hoch organisierter Staat jedem Gegner weit überlegen. Ihre 
Berufsoffiziere könnten mit heutigen jeden Vergleich aushalten. 
Kein Staat der Antike konnte sich der zusammengefaßten Über¬ 
macht ihrer modern anmutenden Finanzwirtschaft entgegenstel¬ 
len. Überdies sollen die Germanen, heutigen Pseudo-Histori¬ 
kern zufolge »ein furchtbar armes Bauernvolk« gewesen sein, das 
»auf Raub ausziehen mußte«. Politisch sollen die Germanen eine 
»Sammlung von barbarischen Stämmen« vorgestellt haben, also 
die kulturelle Kraft zu einer Staatsbildung wird ihnen von vorn¬ 
herein abgesprochen. Überhaupt, Kultur, davon besaßen unsere 
Vorfahren so gut wie nichts, wenn man den meisten Darstellun¬ 
gen glauben soll, diese behaupten das schon seit tausend Jah¬ 
ren! Und dennoch sind wir Deutschen heute trotz der fürchter¬ 
lichsten Niederlage unserer Geschichte (1945) in dreißig Jahren 
wieder eine wirtschaftliche Großmacht (freilich keine politische) 
geworden, an der die Welt nicht vorbeisehen kann. Dafür gibt es 
nur eine Erklärung: Die Deutschen von heute sind großenteils, 
zumindest in ihren kulturell bestimmenden Teilen, nicht anders 
als ihre Vorfahren. Wenn wir stolz sind, wenn unsere Kinder uns 
ähnlich sind, so haben wir um so weniger Ursache, die Ähnlich¬ 
keit mit früheren Geschlechtern zu bezweifeln oder uns darüber 
zu schämen. So wie wir heute sind, so zeigt sich in uns die Erb¬ 
masse unserer Vorfahren. Wenn Tapferkeit, Treue, Klugheit, Er¬ 
findungsgabe, Naturliebe, Freiheitswillen, Besitzfreude, Fleiß und 
was derlei Eigenschaften an unseren Vorfahren erwiesen sind, wa¬ 
rum sollen wir diese nicht auch für uns in Anspruch nehmen ? Und 
wenn man uns schlechte Eigenschaften vorwirft, soll man nicht anneh¬ 
men, daß sie auf schlechte Einflüsse zurückzuführen sind, die von au¬ 
ßengekommen sind? Kann man nicht jedes höhere Tier durch üble 
Behandlung und schlechte Erziehung verderben? Werden Men¬ 
schen nicht ebenso durch Verdummung, Verhetzung und Mis¬ 
shandlung verdorben? Muß man einen Tierzüchter fragen, wie 
leicht eine hoch entwickelte Rasse durch Bastardisierung alle gu¬ 
ten Merkmale verliert? Da man zu allen Zeiten auf Herkunft, Vor¬ 


fahrenerbe und Rasse bei Tieren höchsten Wert legt, bei der Ar¬ 
terhaltung des Menschen genau das Gegenteil uns einzureden 
versucht, die Natur stets Rassenunterschiede betont, niemals ein¬ 
ebnet, muß die heutige geistige Grundlage unserer Gesellschafts¬ 
ordnung krankhaft gestört sein. Die »amtliche UN-Deklaration« 
von 1951: »Es gibt keinen Beweis für die Existenz so genannter reiner 
(Menschen)-Rassen«, ist bereits durch ihre verworrene Formulie¬ 
rung als politisches Machwerk zu erkennen. So drückt sich kein 
Wissenschaftler aus, so spricht ein Propagandist! In der heutigen 
Welt ist für die Menschenkunde als Wissenschaft kein Platz vor¬ 
handen: Welch ein Rückschritt! Zur Zeit der NS-»Rassenlehre« 
1938 las man sehr sachlich im Brockhaus: »Die Entstehung der ver¬ 
schiedenen Menschenrassen ist wissenschaftlich noch nicht geklärt«. 
Wäre es nicht Pflicht, »die Irrlehren der Nazis« wissenschaftlich zu 
widerlegen? Ich habe das Buch eines Zeitgenossen vorliegen, der 
allen Ernstes behauptet, der Unterschied zwischen einem Neger 
und einem Europäer betrage genau 29 Erbanlagen - von 100 Bil¬ 
lionen! Solchen Schwachsinn wagt man uns heute vorzusetzen! 
Wie groß - oder gering - ist da ihr Unterschied zu Schimpansen 
und Gorillas, wenn (wie der Wissenschaft bekannt) Negerinnen 
von diesen Kinder bekommen haben?® Im Widerspruch dazu 
gibt es einige, die sich als Wissenschaftler bezeichnen und gerade 
bei den Deutschen besondere menschenunfreundliche Gene be¬ 
haupten. Müßte das nicht zur Rassen- und Genforschung ermuti¬ 
gen? Diese, und viele andere, verborgene Rasseneigenschaften end¬ 
lich zum Wöhle des Menschengeschlechtes ergründen, damit ein¬ 
deutig nachweisen, ob die Unterschiede tiefer gehen als die Haut¬ 
farbe? Also: Wie viele der biologischen Rassen-Unterschiede 
heutzutage anerkannt werden (wenn überhaupt), ist nicht eine 
Frage wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern wird vom Stand¬ 
punkt internationalistischer Weltanschauung entschieden. Wer 
Schwierigkeiten hat das zu begreifen, denke einen Augenblick 
nach, welche Rasse die so genannte »Entwicklungshilfe« gibt 
und welche Rassen sie empfangen, ja weshalb sie überhaupt be¬ 
trieben wird. Die Erklärung ist einfach: Wir haben ein politisches 
Tabu vor uns, darum darf über Menschenrassen nicht geforscht, 
ja nicht einmal geredet werden. Aber weltanschaulich aufgerich¬ 
tete Verbote sind für uns lächerliche Narrheiten. Wissenschaft¬ 
licher Fortschritt erobert die Bastionen der Ideologie, des Glau¬ 
bens, der Lüge, mögen sie noch so hartnäckig verteidigt werden. 
Wir suchen und ergründen hier ohne Furcht vor dem Geschrei ei¬ 
niger Besessener die Wahrheit. 

»Die Germanen möchte ich für Ureinwohner halten, und keineswegs 
für Mischlinge infolge Zuwanderung und gastlicher Aufnahme frem¬ 
der Stämme « (4) . Also zur Römerzeit, vor fast 2000 Jahren, war 
bekannt, daß die Germanen in ihrem norddeutschen Wohnge¬ 
biet entstanden waren und, von anderen Völkern ungestört, im¬ 
mer dort gelebt hatten. Man konnte sich durch Augenschein über¬ 
zeugen, daß sie durch übereinstimmende, sichtbare äußere Merkmale 
eine eigene Rasse, von den übrigen Europäern unterscheidbar, darstell¬ 
ten. Sie besaßen zahllose unsichtbare, ihnen eigentümliche Rasse¬ 
eigenschaften, das entnehmen wir den Mitteilungen anderer, frü¬ 
her oder später schreibender Römer. 

Dieses Zeugnis eines Römer ist uns bedeutend. Der Fortschritt 
wissenschaftlicher Erkenntnisse untermauert es. Da die Archäo¬ 
logie das Auftreten der Germanen mit dem Übergang von jünge¬ 
rer Steinzeit zur Bronzezeit um 2000 bis 1800 vZtw. festgestellt 
hat, mußte man sich fragen, was vor ihnen war. Daß sich die Spur 
der Germanen plötzlich verlieren sollte, schien undenkbar. Schon 
vor dieser Zeit gab es kulturell beachtlich entwickelte Siedlungen 
in Deutschland, die Bodenfunde bewiesen es. Die Wissenschaft 
des 19. Jahrhunderts fand eine weitgehende sprachliche Ähnlich- 


12 


keit dieser Volker und nannte sie Indogermanen. Nach dem ersten 
Weltkrieg wurde dieser Ausdruck außerhalb Deutschlands durch 
»Indoeuropäer« ersetzt. Viele sprechen allerdings eine nicht-eu¬ 
ropäische Sprache. Eine rassische Übereinstimmung wird nicht 
behauptet. Das hauptsächlichste genetische Merkmal aller »Eu¬ 
ropäer« ist die rosig-weiße Hautfarbe. In den angelsächsischen 
Ländern bezeichnet man diese Rassenfamilie als »Arier« (aryans) 
oder »Kaukasier« (caucasians)®. Paret vertrat schon 1940 öf¬ 
fentlich die Ansicht, daß sie aus Vorderasien stammen müssen®. 
Zuverlässige Hinweise wo der Ursprung der arischen Rasse zu fin¬ 
den ist - außer der Spracharchäologie - gibt es freilich noch nicht. 
Unbestreitbar ist die Tatsache, daß Germanen mit Indo-Iranern 
sehr viele übereinstimmende Rassemerkmale besitzen, wie Lang¬ 
schädel, schmales Gesicht, Nasenform, schlichtes Haar, schlan¬ 
ker Wuchs u.a.m. In vielem, nicht nur der Hautfarbe, unterschei¬ 
den sie sich aber eindeutig und unbestreitbar; hier stimmen Ger¬ 
manen viel eher mit anderen europäisch/kaukasischen Rassen 
überein. Während wir die uneinheitliche physische Erscheinung 
der meisten Europäer der Vermischung anlasten, öffnen vorhan¬ 
dene gemeinsame Rassemerkmale bei so weit von einander ent¬ 
fernten Völkern wie Nordgermanen und Indo-Iranern ein weites 
Feld der Vermutungen. Beispielhaft dafür ist eine von Johannes 
Ney® 1991 vorgetragene Theorie: Eine europäische Menschen¬ 
gruppe sei »vor 35 000Jahren in ein Isolat geraten«, wo sie sich un¬ 
gestört allmählich zur Nordischen Rasse entwickeln und vermeh¬ 
ren konnte. Danach habe sie sich ausgebreitet und mit den vor¬ 
handenen Völkern und Rassen vermischt. So seien die erkenn¬ 
baren europäischen Rassengruppen entstanden, die also nicht 
Rassen, sondern Bastarde der nordischen Menschen seien. Nach 
schon länger vertretener Ansicht wären sie sogar bis Indien ge¬ 
wandert. Dort hätten sie ihre Gesellschaftsform bei den dunkel¬ 
häutigen Stämmen durchgesetzt, sich aber bald vermischt - und 
dadurch die dunkle Hautfarbe bekommen. Die Nordischen seien 
in ihren Ursprungsgebiet rein geblieben und hätten als Germanen 
vor 4000 Jahren angefangen, sich erneut über die alten indoger¬ 
manischen Mischvölker zu verbreiten. 

Solche Gedanken widersprechen jedoch allen Erkenntnissen der 
Wissenschaft: 

1. Die Gattung Mensch entstand in den Tropen und verlor dort 
aus umstrittenen Gründen das dichte Haarkleid®. Das dunkle 
Hautpigment ist sekundär und entsteht durch Anpassung an die 
Umwelt. Es bildet den Schutz des Körpers vor Sonnenbestrah¬ 
lung in den heißen Zonen der Erde. Damit erklärt sich zwanglos 
die übereinstimmend dunkle Haut der Uraustralier, Inder, Süda¬ 
merika-Indianer und Neger, obwohl alle in verschiedenen Kon¬ 
tinenten leben und bei den übrigen Rassemerkmalen keinerlei 
Übereinstimmung zeigen. 

2. In Südfrankreich und Spanien war vor 30 000 bis 40 000Jahren 
die Cro-Magnon-Kultur (Jäger, nicht Ackerbauer) fast zur Voll¬ 
kommenheit ihrer Art entwickelt. Über sie ist bekannt, daß sie 
später von anderen Rassen verdrängt wurde und verschwand. 

3. Der Geologie, weil noch vor 20 000 Jahren Deutschland und 
Mitteleuropa größtenteils vom Eis bedeckt und völlig unbewohn¬ 
bar war. 

4. Der Archäologie, die als erste Bewohner Norddeutschlands 
Rentierjäger frühestens vor 10000 bis 14000 Jahren nachwies 
(Ahrensburger Funde), aber keine Ackerbauer. Hingegen ist 

5. der Ackerbau, dessen Erfindung den Ariern zugeschrieben 
wird, erst lange nach dem Ende der Eiszeit (-7000) als fertige Kul¬ 
tur in Deutschland (etwa -4000) aufgetreten. 

6. Botanik und Zoologie fanden den Ursprung fast aller unserer 
Kulturpflanzen und Haustiere in Asien. 


7. Die Sprachforschung meinte die Ursprünge der Arier auf der 
Nordseite der asiatischen Gebirge zu finden - worauf Mommsen 
schon vor 150 Jahren hinwies. 

8. Unzweifelhaft entstanden die Indogermanen/Arier als eigene 
Rasse in eigentümlicher Umwelt, die sich scharf von den Mon¬ 
golen im Osten und Semiten im Süden Asiens unterschied, durch 
natürliche Hindernisse (Gebirge, Wasser, Wüsten) getrennt. 

9. Die weitgehende Übereinstimmung vieler rassischer Merk¬ 
male bei Germanen und Indo-Iranern beweist, daß letztere sich 
auch wenig vermischten, doch eine dauernde Bräunung der Haut 
(durch Selektion) paßte sie an die Umwelt der Tropen an. 

10. Ob die Arier vor 35000 Jahren entstanden, ist noch Vermu¬ 
tung. Die meisten übrigen indogermanischen Volksgruppen blie¬ 
ben im Laufe der Zeit nicht unvermischt. Ursachen waren Hun¬ 
gersnöte, Kriege, Klima- und Naturkatastrophen. Folgendes ist 
außerdem zu erwägen: Schon für die Altsteinzeit ist ein beacht¬ 
licher Handel mit Feuersteinen, Mineralfarbstoffen (Ocker) und 
vermutlich vielen anderen Dingen nachgewiesen. Eine vollkom¬ 
mene Abschließung einer Volksgruppe in Europa, noch dazu 
über zehntausende von Jahren ist sachlich nicht denkbar. Man be¬ 
trachte demgegenüber die erst im 18./19. Jahrhundert von Euro¬ 
päern b erührten Ureinwohner Australiens, die einen ganzen Kon¬ 
tinent seit schätzungsweise 35000 bis 40000 Jahren völlig abge¬ 
schlossen bevölkerten, deren einzelne Stämme gleichfalls von¬ 
einander völlig isoliert lebten (und daher stark unterschiedliche 
Sprachen - über 300! - hatten), dennoch keinerlei feststellbare 
rassische Veränderungen durchgemacht haben und bis heute als 
einheitliche Rasse bewahrt sind. Sie blieben, das soll dabei nicht 
übersehen werden, bis zur Gegenwart geistig und daher auch kul¬ 
turell Menschen der Altsteinzeit, eine Weiterentwicklung fand bei 
ihnen nicht statt. 

Durch bahnbrechende Erforschung des vorzeitlichen Klimas wies 
Dr. Oskar Paret auf die Abhängigkeit früher Kulturen von der 
Witterung hin. Er sah in Hungersnöten, hervorgerufen durch Kli¬ 
maänderungen, die Ursache für die vielen Wanderbewegungen, 
die die arischen Völker trennte, zerstreute und mit Ureinwoh¬ 
nern anderer Lebensgebiete vermischte. Denn bei den vorzeitli¬ 
chen Wanderungen stießen sie nicht in leeres Land vor, sondern 
auf andere Menschen, die ihrerseits mit den gleichen Problemen 
zu ringen hatten. Nur im nordischen Kulturkreise läßt sich aufgrund 
der erstaunlichen Erhaltung des urtümlichen Sprachschatzes in Über¬ 
einstimmung mit Rassemerkmalen eine sehr geringe Vermischung er¬ 
kennen Daraus muß man jedoch nicht unbedingt auf Überle¬ 
genheit, sondern kann ebenso gut auf einen gewissen Entwick¬ 
lungs-Rückstand schließen. Soweit die Vorgeschichte des euro¬ 
päischen Menschen erforscht ist, wurde bis in die Jung-Steinzeit 
jedenfalls keine kulturelle Überlegenheit der Menschen im heuti¬ 
gen Norddeutschland im Vergleich zu den übrigen Völkern festge¬ 
stellt. In der kulturellen Entwicklung läßt sich durchweg die Wan¬ 
derrichtung vom Süden zum Norden nachweisen, beispielsweise 
nahm die Megalithkultur diesen Weg durch Europa. Archäologen 
sind sicher, daß auch Bronze-und Eisenzeit in Süddeutschland frü¬ 
her auftraten als im Norden. Die Existenz einer kulturell überlege¬ 
nen nordischen Rasse vor 2000 vZtw. ist daher unwahrscheinlich. 
Indogermanische Völker - vermischt oder unvermischt - waren 
nachweisbar zu außerordentlichen kulturellen Leistungen befä¬ 
higt. Aufgrund von Sprachforschung und archäologischen Fun¬ 
den läßt sich eine indogermanische Besiedlung durch Kleinasien 
und bis nach Palästina nachweisen. Aber eine kulturelle, geistige 
und rassische Verbindung zu nordischen (Ur-) Germanen fehlt in 
früher Zeit. Die indogermanischen Völker haben sich unabhängig 
voneinander weiterentwickelt. 


13 


Ganz gewiß ereigneten sich die bedeutendsten Fortschritte 
der Kultur in den wärmeren Landschaften Vorderasiens, des 
Zweistromlandes und östlichen Mittelmeeres. Der bequemere 
Landbau in den klimatisch begünstigten Gegenden gab den Men¬ 
schen dort mehr Muße die Umwelt zu beobachten, nachzuden¬ 
ken, zu experimentieren und die Natur nachzubilden. Hier ent¬ 
deckte man die Gewinnung der Metalle und konnte damit den 
endgültigen Bruch zur Tierwelt vollziehen. Die Nutzbarmachung 
der Metalle ist unbestritten der gewaltigste Fortschritt der Men¬ 
schenentwicklung geworden. Werkzeuge aus Metall vervielfach¬ 
ten seine Leistungsfähigkeit; der nahe liegende Gebrauch als 
Waffe machte den Menschen im Kampfe gefährlicher. Wer sich 
nicht Metallwaffen verschaffen konnte, war verloren; er wurde aus 
seinem Lebensgebiet verdrängt* 10 *. Ein weiteres ergab sich dar¬ 
aus: Die stärksten und klügsten Führer nutzten ihre Stellung aus, 
sich gewaltige materielle Vorteile zu verschaffen, die sie wiederum 
nach ihrer Gunst an die ihnen ergebenen Gefolgsleute verteilten. 
Im Metallgebrauch ist folglich der Ursprung der Königsherrschaft, 
Pharaonen usw. zu vermuten. In ihrem Herrschaftsbereich mach¬ 
ten Arbeitsteilung, Wissen und Wirtschaft solche Fortschritte, 
daß ein Tauschmittel, das Geld, erfunden wurde. Wir wollen hier 
nicht die verwirrende Geschichte dieser Völker nachzeichnen. Sie 
sind alle, restlos alle mit ihren Staatsgebilden untergegangen. Sie 
nahmen einen unvorstellbaren Aufschwung und brachen zusam¬ 
men, zugleich ihre Kulturen erschlagend. Nur einige Bodenfunde 
und Ruinen zeugen noch von vergangener Größe und großarti¬ 
ger Herrlichkeit, und eine einst märchenhaft reiche Landschaft, 
der Garten Eden, das biblische Paradies, ist heute lebensfeindli¬ 
che Wüste. 

Wir halten also fest: Aus dem nahen Orient verbreiteten sich die 
Metallzeitalter und die Geldwirtschaft. Die langsame Wanderung 
dieser beiden Fortschritte wurde von der Archäologie nachgewie¬ 
sen. Es hat ungefähr lOOOJahre gedauert, bis die Metalle Deutsch¬ 
land erreichten. 

Paret nahm die durch Klimaänderungen bzw. Hungersnöte ver¬ 
ursachte Hauptkrise zwischen -3000 und -2000 an. Es gibt Hin¬ 
weise über schwere Unruhen in Deutschland zu dieser Zeit, ein 
Hin- und Herwogen verschiedener Völker von Westen und Osten. 
Nur im Norden, von den dänischen Inseln, Jütland bis Holstein 
und zum westlichen Mecklenburg herrschte anscheinend Ruhe 
(Nordischer Kulturkreis). Reicht diese entwicklungsgeschicht¬ 
lich kurze Sonderstellung, die naturbedingt, aber auch durch Wi¬ 
derstand mit der Waffe ertrotzt sein kann, zur Bildung einer neuen 
Rasse aus? Niemals, wenn man mit Ney dafür 35 000 Jahre anset¬ 
zen muß. Die Zeit allein formt keine neue Rasse, wir zeigten das 
an den australischen Ureinwohnern! Im Gegensatz zu der gegen¬ 
wärtigen Beeinflussung unseres Verhaltens und Denkens hat jede 
Rasse auch instinktiv das Bestreben unter sich zu bleiben. 

Wenn der nordische Kulturkreis, man nennt seine Träger Urger¬ 
manen, von den schweren Auseinandersetzungen in Deutschland 
verschont blieb, sein Dasein ohne Anstrengung und Herausfor¬ 
derung erhalten konnte, so war kein Anlaß zur Verbesserung des 
Genbestandes vorhanden. Und doch ist das plötzliche Erschei¬ 
nen der Germanen eine vorgeschichtliche Tatsache! Man darf 
nicht zweifeln, daß mit ihnen eine neue Menschenart, die vielge¬ 
nannte »Nordische Rasse« in die Welt trat. Die Umgestaltung 
der Erbgutanlagen fand also statt! Aber wie und warum? Wurde 
hier ein Zusammentreffen besonders günstiger Zufälle und Um¬ 
stände Anlaß zur Neuformung der Gene der Menschen in diesem 
Lebensgebiet? Konnte das vielleicht auf eine bisher nicht geahnte 
Weise geschehen? 


Um überhaupt zur Weiterentwicklung zu kommen, war es für den 
nordischen Kulturkreis notwendig, die Steinzeit hinter sich zu las¬ 
sen. Das ging nur durch Verbindung mit dem längst im Metallzeit¬ 
alter stehenden Orient. Hier stoßen wir auf den Glücksumstand, 
der diese Verbindung herstellte: Die Völker des Mittelmeerkreises 
fanden Gefallen am Bernstein, den man zu dieser Zeit ausschlie߬ 
lich an der holsteinisch-jütischen Küste fand. Für Bernstein 
tauschten die Menschen des nordischen Kulturkreises scharfe 
Waffen, nützliche Geräte und Schmuck aus Bronze ein. Mögli¬ 
cherweise wanderten sogar einzelne Fachhandwerker vom Mit¬ 
telmeer zu ihnen, sie die neuen Künste zu lehren. Allerdings wer¬ 
den sich bald Neider und Feinde gesammelt haben, um sich mit 
Gewalt in den Besitz des Bernsteins zu setzen und die Urgerma¬ 
nen aus ihrem Lebensgebiet zu verdrängen. Wenn eine allgemeine 
Hungersnot als Ursache der Völkerwanderungen um 2000 vZtw. 
hinzutrat, dann wurde der Druck noch erheblich verschärft. Ver¬ 
lust der Bernsteinschätze mußte selbstredend einem Abschnei¬ 
den von der Zufuhr an Waffen bzw. Rohstoffen gleichkommen 
und damit der Unmöglichkeit erfolgreicher Verteidigung. Die ei¬ 
genen Fluren vor zudringenden Völkern zu bewahren, ward zur 
Lebensfrage des nordischen Kulturkreises und seiner Träger. Hier 
haben wir die erste und wichtigste Voraussetzung für eine Verbes¬ 
serung der Gene - die Herausforderung im Daseinskampf; die Exi¬ 
stenzbedrohung. 

Wie es zur Neugestaltung der Gene kommt, sehen wir am ein- 
fachstenbei einem Vergleich mit der Tierzucht. Der Züchternutzt 
Erbgutsprünge (Mutationen)* 11 * aus, um das Erscheinungsbild 
des Erbgutes zu ändern. Nun gab es beim Menschen keinen Züch¬ 
ter, der Paarungen bestimmte, wohl aber Instinkte, die unser Ver¬ 
halten steuern. Nehmen wir also an, bei einem Elternpaar des Ur¬ 
germanenvolkes entstanden durch Genveränderung (Mutation) 
Kinder oder wenigstens ein Mädchen, das durch Zurückbildung 
von braunem Pigment besonders hellhäutig, strohblond und blau¬ 
äugig ausfiel. Das erregte ungeheures Aufsehen und es ist begreif¬ 
lich, daß der angesehenste Jüngling, Sohn eines tüchtigen Führers 
(»Edeling«) und tapferen Kriegers um es warb. Die Kinder, die 
er mit der ungewöhnlichen jungen Frau zeugte, erbten somit die 
Eigenschaften eines überragenden Mannes und die hinreißende 
Schönheit des Weibes* 12 *. Man wird sich vorstellen, daß die Töch¬ 
ter dieses Paares gleichfalls hoch umworben als Ehegatten und 
Mütter waren und es fortan Mode wurde, eine blonde, blauäugige 
Frau zu besitzen. Ist es nicht natürlich, wenn die blonden männli¬ 
chen Nachkommen wiederum blonde Frauen bevorzugten? Be¬ 
hauptet nicht überall die Sage der Völker, daß die Menschen von 
einem einzigen Elternpaar abstammen? Es liegt eine vererbungs¬ 
geschichtliche Wahrheit darin, nur so können Rassen entstehen. 
Man darf dabei nicht an heutige Bevölkerungszahlen denken, um 
sich diesen Vorgang vorzustellen. Die ganze jütische Halbinsel 
hatte damals, zur Zeit der genetischen Neuformung, eine Bevöl¬ 
kerung von ein paar tausend Menschen. Wir haben hier eine dem 
Leben abgelauschte Erklärung wie die nordische Rasse entstand, 
weshalb sich bald kleinere Sonderformen wie der dinarische, fä- 
lische, ostbaltische usw. »Typus« herausbildeten: Die Germanen 
sind nicht eine uralte, sondern eine ganz junge, vermutlich die jüngste 
Rasse der Menschheit! 

Die Frage nach der Ursache des plötzlichen Aufschwunges des nor¬ 
dischen Kulturkreises kann nun durch den Handelsaustausch zwi¬ 
schen Bernstein und Bronze, tödlicher Bedrohung durch wan¬ 
dernde hungernde Völker und rassischer Neugestaltung seiner 
Bevölkerung erklärt werden. Da die neue Rasse die Sprache der 
Vorbevölkerung beibehielt und ausbaute* 13 *, sind die festgefahre¬ 
nen Trugschlüsse über die Herkunft der Germanen begreiflich. 


14 


Die Bronzezeit wurde für die Germanen weit mehr als ein kulturel¬ 
ler Umbruch, sie stellt tatsächlich einen völligen Neubeginn des Vol¬ 
kes dar. Lange Entwicklungs-Zeiträume braucht man dazu nicht 
anzunehmen. 500Jahre (20 Generationen) genügen durchaus um 
ein »Volk« entstehen zu lassen. Es wirkten jedoch weitere Um¬ 
stände mit. Ihr Entstehungsgebiet muß für größere (kriegerische) 
Verbände fremder Völker schlecht zugänglich, kann und darf 
aber nicht vollständig abgeschlossen gewesen sein, ein gewisser 
(Handels)-Verkehr war irgendwie immer möglich. Sehen wir uns 
Jütland und Schleswig-Holstein in der Vorzeit an, so erkennen wir 
hier die genaue Erfüllung dieser Bedingungen. Die ganze Unter- 
elbe-Landschaft bis weit oberhalb Lauenburg stelle man sich als 
ein wildes, von Gezeitenströmen und Hochwassern verwüstetes 
und daher unüberschreitbares Gebiet vor^ 14) . Dieses zog sich weit 
nach Mecklenburg hinein und hatte nur einen oder zwei schwie¬ 
rige Übergänge bei Artlenburg und weiter oberhalb bei Lenzen 
(Diese waren die einzigen Übergänge noch zur Karolingerzeit). 
Infolge der Oberflächengestalt Mecklenburgs gab es somit nur 
einen weiteren Zugang in das germanische Ursprungsland, näm¬ 
lich zwischen Kleinen und Wismar, zugleich ein schwieriger Um¬ 
weg. Da aber beide Wege jeweils durch die Gebiete verschiedener 
Völkerschaften führten, fanden die Karawanen der Händler einen 
stets offen. Das wärmere Klima jener Zeit macht die Gangbarkeit 
durch Vereisungen der Elbe und mecklenburgischen Seen und 
Sümpfe unwahrscheinlich. 

Der Kampf um die Erhaltung des eigenen Lebensraumes ver¬ 
langte von den Germanen alter wie neuer Art das Äußerste, aber 
nur die Nachkommen des Kriegerpaares waren imstande, es zu 
leisten. Möglicherweise erforderte schon die Bernsteingewin¬ 
nung im Wattengebiet außerordentliche geistige und körperliche 
Anstrengungen, denen nicht jeder gewachsen war. Die Urgerma¬ 
nen zeigten sich in allen Lebensfragen, vor allem im Kampfwillen 
und Kampfwert unterlegen und wurden bald in die hintere Reihe 
gedrängt. Hier kommt als entscheidender Fortschritt die todesver- 
achtende Tapferkeit der Nachkommen des Stammvaters der jun¬ 
gen germanischen Rasse zur Geltung, die die überlegenen Bron¬ 
zewaffen wohl zu gebrauchen lernt. Die schwere Zugänglichkeit ih¬ 
res Lebensgebietes wirkte sich strategisch günstig aus, weil man es 
mit zunächst zahlenmäßig schwachen Kräften erfolgreich vertei¬ 
digen, das Eindringen und Festsetzen fremder Völksstämme und 
Rassen verhindern konnte. Schließlich erforderte die Kampffront 
an seinen naturgegebenen Grenzen Höchstleistungen und die eifrige 
Entwicklung des nordischen Kulturkreises im Inneren. Mit dem 
Zusammentreffen dieser fünf Bedingungen sehen wir Bernstein¬ 
handel, Bronzezeit im Norden Deutschlands und Entstehung der 
Nordischen Rasse in ursächlichem Zusammenhang stehen. 

Viele weitere merkwürdige Rasse-Eigenschaften der Germanen 
finden jetzt ihre Aufklärung. Die harten Winter nach dem Klima¬ 
sturz um 1200 vZtw. (15) bedeuteten eine neue, bedrohliche Her¬ 
ausforderung, die von der noch in Entwicklung begriffenen Rasse 
zu meistern war. Schneefälle und Eisbildung veränderten die ge¬ 
samte belebte Natur in einem langwierigen Anpassungspro¬ 
zeß. Gewiß räumten schreckliche Hungersnöte und Erkältungs¬ 
krankheiten unter der Bevölkerung auf. Die junge Rasse wurde 
einem neuen Auslesevorgang unterworfen. Überleben konnten 
die Menschen dieser Landschaften nur, wenn sie Vorsorge tra¬ 
fen für sich und das abhängige »Geziefer« (Haustiere aller Art), 
oder zu sparen für magere Zeiten*' 16 ^. Der Daseinskampf bildete 
den Instinkt des Spartriebes bei einem Teil von ihnen heraus und 
der überlebte. Ihr Verstand mußte sich anstrengen, dem Lebens¬ 
willen durch Lernen und Erfahrung zu Hilfe zukommen. Sie er¬ 
fanden neue Techniken des Landbaus und der Nahrungskonser¬ 


vierung. Wer das nicht konnte, war nicht imstande seinen Nach¬ 
wuchs großzuziehen und ging unter. Weil sie nicht anpassungs¬ 
fähig waren, sind wahrscheinlich mit dieser Zeit die Reste der 
norddeutschen Urgermanen ausgestorben. Die meisten Völker, 
zumal die wärmerer Landschaften, brauchen und haben keinen 
Sparinstinkt, ja Negern ist er völlig unbegreiflich! 

Die nordischen Frauen verdanken es ihrer Stammutter und ihrer 
Heirat mit einem außerordentlichen Mann, wenn sie viel selbstbe¬ 
wußter auftreten als bei den meisten anderen Völkern, viel mehr 
Mut und Fleiß zeigen, geachtet sind und nicht wie im Orient ver¬ 
achtet werden. Gewiß verstärkte sich die Treue, der Mut, die Op¬ 
ferwilligkeit der Männer durch Vererbung und Auslese. Das ist 
durch die Geschichte nachgewiesen, wenn bisher auch nicht be¬ 
gründet worden. Aber auch die Anständigkeit und Redlichkeit 
(Fairness, fair = blond!), der Familiensinn, die Liebe zu den ei¬ 
genen Kindern und die Verbundenheit zur ganzen Natur, all das 
zeigt die Erbschaft der Rasse wie die Arglosigkeit, die Gutmütig¬ 
keit, die Vernachlässigung der Gemeinschaft zugunsten des Ein¬ 
zelnen, die bis zum Verrat an ihr geht, das mangelhafte Volks- und 
Nationalbewußtsein und die unbegreifliche Bewunderung alles 
Fremden. Erkennen wir nicht darin das Staunen über die Wunder¬ 
dinge, die erstmals aus dem Orient zu ihnen kamen und die Kul¬ 
tur der Germanen völlig umgestalteten? Wir verachten die Führer, 
die sich aufgrund ihrer Machtstellung bereichern, wir verurteilen 
jede Korruption, die doch anderen Rassen so selbstverständlich 
ist. Zeigt sich hier nicht ebenfalls ein eindeutiges Rasseerbgut un¬ 
serer Vorfahren, indem sie ihre Führer nach Kampfgeist und Ehr¬ 
lichkeit maßen? Jedoch der (berechtigte) Stolz auf die eigene Art, 
die jedem Mongolen, Neger, Eskimo selbstverständlich ist, ist bei 
der germanischen Rasse überhaupt nicht vorhanden! 

Daß die deutsche Nation heute ein Rassengemisch darstellt, ver¬ 
dankt sie der Duldsamkeit der germanischen Vorväter, die die Un¬ 
terworfenen nicht verjagten oder ausrotteten, sondern mit ihnen 
lebten. Möglicherweise ist auch das ein altes Erbteil der Urzeit, als 
die junge germanische Rasse neben ihren Vorläufern wirkte. In der 
Frühzeit, wo die Bevölkerung rückständig und gering war, machte 
das nichts, sie konnte nicht mithalten und starb aus. Das wird so 
in den baltischen Ländern gewesen sein, die eine fast rassereine 
germanische Struktur aufweisen (siehe nächsten Abschnitt), aber 
eine urtümliche Sprache (mit ungeheuer vielen germanischen 
Lehnworten) übernahmen - und sich damit von ihrer wirklichen 
Volkswurzel abtrennten (17 f Nichts aber ist schädlicher für die Erhal¬ 
tung genetischen Erbgutes, wenn die fortentwickelte Menschenart sich 
der überwundenen schwächeren anpaßt oder gar mit ihren eigenen 
Kräften ihr Dasein unterhält. Erst in unserer Zeit haben die rassisch 
meist germanischen Finnen ihre Vörvätersprache gegen einen 
asiatischen Dialekt eingetauscht, anscheinend weisen die Germa¬ 
nen in ihrem Volksinstinkt ein regelrechtes Selbstmordsyndrom 
auf! Die Schweden betrachten die finnischen Nachbarn als ihre 
Brüder, die Finnen hingegen finden die schwedisch-germanische 
Verwandtschaft lästig. Ähnlich schroff ist das Verhalten der Esten, 
die trotz überwiegend germanischer Rassemerkmale ebenfalls 
eine asiatische Sprache annahmen, gegenüber den Deutschen* 18 ^. 
Die Schöpfung ihres Staates, an der die Germanen nicht vorbeikamen, 
weist ebenfalls auf ihre rassischen Eigentümlichkeiten. Der Brauch, 
die jeweiligen Führer stets durch direkte Wahl zu bestimmen, der 
uns von der spätgermanischen Zeit wohl bekannt ist, führt auf 
die ersten Anfänge der germanischen Gesellschaftsordnung zu¬ 
rück. In der Frühzeit fühlte sich jeder Germane als unmittelbarer 
Nachkomme seines »First «-Stammvaters und pochte auf gleiche 
Rechte. Die hervorragende Stellung des Einzelnen, sein Selbstbe¬ 
wußtsein, fand untereinander Gesinnungsgenossen, die den Füh- 


15 


rern keine Macht zugestehen wollte außer die notwendige, um in 
Gefahr einheitlich zu handeln. Der germanische Führer war immer 
nur »primus inter pares«, Erster unter Gleichen, ein Geburtsadel 
widerspricht der germanischen Ordnung 119 '. Das Selbstbewußt¬ 
sein der Gefolgschaft reichte hin, einen eigensüchtigen »Firsten« 
durch Aufkündigung der Treue zu verlassen und zu entmachten. 
Die Führer mußten sich ihrer Stellung ständig als würdig erwei¬ 
sen, sie mußten wirklich die ersten und mutigsten, die opferwil¬ 
ligsten sein, wenn ihre »Mannen« ihnen nicht die Treue versa¬ 
gen sollten. Weil es den Führern nicht gestattet wurde, Vorteile von 
den fremden Händlern anzunehmen und für sich zu behalten, kamen 
die Erträge des Bernsteinhandels allen zugute. Zusammen mit sei¬ 
ner Pflicht Vorbild zu sein, löste dies auch die übrigen Fragen im 
Sinne einer wirklichen Volksherrschaff (nicht »Demokratie«!), 
als die Gemeinschaft sich vor die Notwendigkeit gestellt sah, ei¬ 
nen Staat allmählich aufzubauen. Die »mündigen« Männer ka¬ 
men zum »Thing« zusammen und bald mußten sie immer wei¬ 
terreichende »Dinge« auf den Versammlungen beraten. Man ge¬ 
wöhnte sich daran, daß dort getroffene Entscheidungen für den 
betreffenden Kreis, Gau bindend wurden (Gesetzgebung). Der 
Unterschied zu orientalischen und mittelmeerischen Staatbildun¬ 
gen (die weitgehend Stadtbildungen waren, aufgrund von Geld- 
und Handelswirtschaft), ist bei den Germanen die Verhinderung 
einer wirtschaftlichen Übermacht der Führer (Ersten, »Firsten«). 
Untertanengeist war (und ist) dem Germanen fremd. Ein Tyrann 
mit Gewalt über Leben und Tod, dessen Wille allein gilt, ist ihm 
unbegreiflich. Man hat deswegen versucht, Germanen die Staats- 
bildungskraff abzustreiten. Aber die germanische Sprachschöp- 
fung »Staat« von statjan = befestigen, sichern, beweist schon das 
Gegenteil. Der germanische Staat sah eben ganz anders aus als die 
orientalische Sultansherrschaft, die griechische »tyrannis« und 
»polis« oder die römische »respublica« (»öffentliche Sache«). 
Genau das wird uns ja durch die Römer berichtet, als sie ihre er¬ 
sten Erfahrungen mit den Germanen machten. Wir können uns 
nunmehr erklären, weshalb es bei den Germanen nicht zur Geld¬ 
wirtschaft kommen konnte wie bei den Kelten: Macht und Mit¬ 
tel der unregelmäßig wechselnden Führer reichten dafür nicht 
aus. Es blieb bei der Tauschwirtschaft, die sie allerdings bis an 
die Grenzen ihrer weit unterschätzten Möglichkeiten ausbauten. 
Städte wie im Keltenland und Mittelmeerkulturkreis konnten da¬ 
her nicht entstehen. Die Germanen bildeten ein Bauernvolk, das 
seine Kultur auf der Landwirtschaft aufbaute. 

Wir können aus den gewaltigen Unterschieden zu den Volkswirt¬ 
schaften der Nachbarvölker Behauptungen glatt widerlegen, die 
man unseren Vorfahren nachsagt, um sie, vor allem um ihre na¬ 
turgemäße Wirtschaftsordnung in Verruf zu bringen. Die unge¬ 
heuerliche Schilderung, die Germanen hätten ihre Zeit im Rausch 
zugebracht, um Haus, Hof, Weib und sich selbst gespielt, erweist 
sich als plumpe Verleumdung: Glücksspiel ist nur möglich, wenn 
man Geld hat. Solche Fälschungen sind reihenweise nachgewie¬ 
sen, aber sie werden von Kreisen, die das Germanentum schlecht 
machen wollen, immer wieder mit sturer Unbelehrbarkeit wieder¬ 
holt! Niemals hatten die Germanen Sklaven, denn sie besaßen ja 
kein Geld. Der Boden wurde nur den Freien zugeteilt, und die be¬ 
kamen gerade genug, ihre eigene Sippe zu ernähren, für Sklaven 
war da kein Platz. Es gab wohl Unfreie oder Hörige, aber das wa¬ 
ren entweder Ureinwohner oder die aus geistigen oder körperli¬ 
chen Gründen nicht zum Waffenrecht und damit zum Freienrecht 
(Landbesitz) taugten (Man überlege dabei, wie diese Unterschei¬ 
dung sich wiederum auf die Gattenwahl auswirkte!). Solange die¬ 
ses Bodenrecht bestand, waren Auseinanderentwicklung oder Ent¬ 
artung im Volke nicht möglich. 


Die wachsende Bevölkerungszahl führte zu Mangel an nutzba¬ 
rem Bodenbesitz. Eine gerechte Lösung war zu finden: Der Bo¬ 
den war und blieb Gemeineigentum (in einer geldlosen Wirt¬ 
schaft ist gar nichts anderes möglich), der von den Volksführern 
unterteilt und den einzelnen Sippenvätern zur Nutzung zugewie¬ 
sen wurde. Selbstverständlich wurde die Bearbeitung verbessert, 
der Räderpflug erfunden, Ödland kultiviert und die Brache einge¬ 
führt. Für die letztere und Anbaurotation sorgte anscheinend eine 
gemeinschaftliche Aufsicht zur Schonung der Fruchtbarkeit des 
Bodens. Der bekannte Hinweis, bei den Germanen sei das Land 
zum Ackerbau nur für eine bestimmte Zeit zugewiesen worden, 
wäre sonst nicht mit der Beständigkeit des germanischen Dorfes 
zu vereinbaren. Ohne daß ihre Schöpfer es ahnten, wurde die ger¬ 
manische Form der Bodenwirtschaft zur Hauptstütze der germani¬ 
schen Volkskraft, die es bald mit den größten Weltmächten aufneh¬ 
men konnte. 

Die gewaltige Bedeutung der Bodenfrage für das Volksleben läßt 
sich am besten durch Vergleich mit fremden Völkern erhellen: Er¬ 
innern wir uns, wie im alten Ägypten der biblische Joseph als Fi¬ 
nanzminister des Pharao in den »sieben mageren Jahren« durch 
Not, Erpressung und Kauf dem Volke seinen Bodenbesitz ent¬ 
riß. Damit spaltete er das Staatsleben in reiche Grundeigentü¬ 
mer und besitzloses Proletariat. Sämtliche Staaten des Orients, 
die die Käuflichkeit des Bodens einführten, haben ihre Völker, den 
Staat und auch das Land zerstört! Selbst in Rom, über das wir eini¬ 
ges mehr wissen, richtete Landschacher das einst blühende bäu¬ 
erliche Gemeinwesen, auf das die alten Römer so stolz waren, völ¬ 
lig zugrunde, ersetzte es durch Großgrundbesitz und Sklavenwirt¬ 
schaft. Die germanische Bodenpolitik unterscheidet sich ebenso 
grundsätzlich von der bis ins Absurde fortgesetzten Bodenauftei¬ 
lung wie sie in Ostasien üblich war. Noch etwas Außerordentli¬ 
ches geht hieraus hervor: Es ist trotz Landknappheit in dieser Zeit 
nie zu Kämpfen der Germanen untereinander um den Boden ge¬ 
kommen - sie handelten bis nach der sogenannten Völkerwande¬ 
rung als völkische, rassische und staatliche Einheit! Aus dem Boden¬ 
recht der Germanen ergab sich zwangsläufig, daß die Bevölkerung 
eines Gebietes niemals größer werden konnte als die Erde zur Er¬ 
nährung hergab. Die germanische Ehe hatte viele Kinder. Wir kön¬ 
nen annehmen, daß die Frau durchschnittlich sieben- bis zehnmal 
geboren hat. Wenn ein Viertel bis ein Drittel davon im Kindesalter 
starb (was durchaus natürlich ist), so blieben unter Abzug eines 
Hoferbenpaares wenigstens zwei Paare übrig, die keinen Lebens¬ 
raumhatten. Wie konnte der Bevölkerungsüberschuß bei so stren¬ 
ger Bodenwirtschaft eine Lebensgrundlage finden? Diese Frage 
und die Sorge für den Nachwuchs trat etwa zu Beginn der Eisen¬ 
zeit an die germanische Volksversammlung heran. Die Lösung, 
die sie fand und durchführte, war beachtlich. Sie beweist, wie sehr 
die Germanen als Volk im Sinne biologischer Gesetze lebten und 
handelten: Man beschloß, die landlosen Jungmannschaften im 
Waffendienste auszubilden, in »Landnehmerheeren« zusam¬ 
menzufassen und unter einem erprobten Heerführer (Herzog, lat. 
ducs/dux) auszusenden, auf daß sie dieses Land von den Nach¬ 
barn eroberten. Die Anfänge germanischer Außenpolitik sind 
ebenso einfach wie naturgemäß: Sie forderte ein Nachbarvolk auf, 
die Hälfte seines Landes für die jungen Geschlechter abzutreten, 
wofür sein Schutz übernommen wurde. Wer das ablehnte, wurde 
mit Krieg überzogen. Die Waffen hatten dann zu entscheiden, wer 
der Stärkere war. Berücksichtigen wir dabei weiter, daß in solchen 
Kämpfen um das Land für die künftige Generation 10% der Krie¬ 
ger fielen und die Frauen ein gleich hohes Opfer an Leben bei den 
Geburten zu erbringen hatten, dann staunen wir noch mehr dar¬ 
über, in welch vollkommenem Einklang mit der Natur die germa- 


16 


nische Staats- und Gesellschaftsordnung stand. Die Arterhaltung 
war hier in unnachahmlicher Weise gesichert, und der germani¬ 
sche Staat war dazu da, ihr zu dienen. 

Die Vorgeschichteforschung wies die Ausdehnung der Germa¬ 
nen zunächst gegen die Völkerschaften zwischen Elbe und Weich¬ 
sel nach. Diese, die kulturell schwächeren Illyrer, zweifellos in den 
Rasseeigenschaffen unterlegen, widersetzten sich vergeblich der 
Landnahme. Sie erreichte die deutschen Mittelgebirge, den Nord¬ 
rand der Sudeten und Karpaten. Südlich und westlich davon hat¬ 
ten sich inzwischen die Kelten ausgebreitet, die erheblich härte¬ 
ren Widerstand leisteten. Von etwa 200 vZtw. ab nahm der Druck 
der wachsenden germanischen Bevölkerung auf die benachbar¬ 
ten Kelten dermaßen zu, daß man ihn sogar im Mittelmeerraum 
bemerkte. Die militärische Kraft der Kelten, die noch knapp 200 
Jahre zuvor Rom geschreckt hatte (Keltensiege unter Brennus 
390 bis 387 vZtw.), reichte gegen die Germanen nur zu einer Art 
Maginotlinie quer durch Mitteldeutschland. Den Zug der Kim¬ 
bern, Teutonen und Ambronen begreift man heute als strategi¬ 
schen Marsch, durch Umgehung über Böhmen diese keltische 
Front zum Einsturz zu bringen. Er gelang größtenteils. Das Schick¬ 
sal dieses Heeres, das sich stärker als die ersten Römerarmeen er¬ 
wies, ist allgemein bekannt. Im 1.Jahrhundert vZtw. brach die 
Verteidigung der Kelten zusammen. Einen eindeutigeren Beweis 
für die rassische, völkische und staatliche Überlegenheit der Ger¬ 
manen braucht man nicht zu suchen' 20 ). 

Die Ausdehnung des Germanenlandes, die mit der exponentiell 
wachsenden Bevölkerung ständig an Schnelligkeit zunahm, prallte 
in der zweiten Hälfte des 1 .Jahrhunderts vZtw. mit dem gleichfalls 
schnell wachsenden Römerreich zusammen. Allerdings drangen 
die Römer aus gänzlich anderen Gründen über ihre alten Gren¬ 
zen hinaus. Hier wurden ungeheuere Mittel zusammengefaßt, um 
immer neue Länder und Völker zu unterwerfen und auszubeu¬ 
ten. Der römische Staat war längst nicht mehr Arm seines Volkes, 
sondern Büttel einiger weniger reicher Familien. Das Römerreich 
hatte mittels Gewalt das Erbe der gewalttätigen Staaten des Ori¬ 
ents übernommen. Es übernahm deren Rechts- und Verwaltungs¬ 
grundsätze (»römisches« Recht) und verbreitete mit seiner mi¬ 
litärischen Macht überall Furcht und Schrecken. Die Germanen 
versuchten jeder bewaffneten Auseinandersetzung mit ihnen so 
lange wie möglich auszuweichen. Ihre ganz erstaunliche Kennt¬ 
nis der geographischen und politischen Verhältnisse dieser Zeit 
ist bezeugt (Siehe die Begegnung zwischen Caesar und Ario- 
vist!). Die Behauptung geistloser Gelehrter und Schreiber, sie 
seien wilde Barbaren und Räuberscharen gewesen, ist damit nicht 
zu vereinen. 

Die kriegerischen Zusammenstöße zwischen Germanen und Rö¬ 
mern offenbarten sehr schnell, daß ein auf natürlichen und biolo¬ 
gischen Grundsätzen aufgebauter Staat und seine Gesellschafts¬ 
ordnung durchaus unterliegen kann, wenn seine Träger den kri¬ 
tischen Verstand vernachlässigen. Diese Gefahr war bei den Ger¬ 
manen um so größer, als ihre eigenen rassischen Instinkte des 
Zusammenhaltes (»Herdentrieb«) ungenügend waren. Die 
Schwächen ihres Gemeinwesens spürten sie nicht. Die Germanen 
haben von der ersten Begegnung mit dem römischen Heere an oft 
taktisch gesiegt, aber strategisch sämtliche Kriege verloren. Als 
ein Völksteil nach dem anderen von den Römern überwältigt und 
oft sogar ausgerottet wurde, machte der germanische Staat bzw. 
die Gemeinschaft nicht den leisesten Versuch, alle Kräfte zu einer 
geschlossenen Abwehr zusammenzufassen. Germanische Staats¬ 
verfassung und Mentalität waren darauf gar nicht eingerichtet. Die 
Einengung des biologischen Lebensraumes wurde hingenom¬ 
men als sei es höhere Gewalt. Wir sehen die Germanen aus Bel¬ 


gien, Süddeutschland, den Rheinlanden entfernt, das Land von 
seinen Rohstoffquellen abgeschnitten, sogar die germanische Ge¬ 
sellschaftsordnung westlich der Elbe in der von den Fremden be¬ 
fohlenen Auflösung. Nehmen wir das damals schon in aller Wucht 
auftretende Problem der Überläufer und Verräter hinzu, so wird 
die Gefahr erkennbar, in welcher der Bestand der germanischen 
Rasse schwebte. 

Selbst tüchtigsten Wissenschaftlern ist bisher nicht klar gewor¬ 
den, wie schwer alle Germanen unter dem römischen Ansturm 
zu leiden hatten, auch diejenigen, die nicht unmittelbar von den 
Römern bedroht wurden. Wiederum können wir auf bisher uner¬ 
kannte Zusammenhänge hinweisen. Die Archäologie stellt uns in 
den Moorleichenfunden verblüffende Tatsachen zur Verfügung. 
Die meisten von ihnen stammen aus der holsteinisch-jütischen 
Halbinsel und werden um die Zeitwende datiert, d. h. dem Hö¬ 
hepunkt römischer Macht in Germanien. Übereinstimmend ha¬ 
ben die Forscher schwere Ernährungsprobleme festgestellt. Beim 
Mädchen von Windeby (etwa 14 Jahre alt) erkannten sie soge¬ 
nannte »Wachstumslinien« im Röntgenbild des Knochengerü¬ 
stes, Zeugnis einer alljährlich wiederkehrenden Unterernährung. 
Andere Moorleichen hatten Grassamen, Wildkräuter und andere 
Notnahrung im Darm zur Zeit des Todes. Es sind eine ganze An¬ 
zahl erkannter Hinrichtungen unter ihnen. Die Forscher vermu¬ 
ten - irgend eine Erklärung erfinden sie schließlich doch! -»reli¬ 
giöse Opferhandlungen«. Ist es nicht viel wahrscheinlicher, daß 
diese Menschen sich aus Not an der Gemeinschaft vergangen hat¬ 
ten und dafür als abschreckendes Beispiel zum Tode im Moor ver¬ 
urteilt wurden? Wenn es germanische Führer gab, die sich den Rö¬ 
mern unterwarfen, zumindest die Unterwerfung vorschlugen und 
hinnahmen, dann litt die Moral im übrigen Volke nicht weniger. Es 
ist nicht schwer nachzuzeichnen, wie Flüchtlinge aus den Rhein¬ 
landen oder Westeibien, zugleich mit der seit Caesar versperrten 
Landnahme die wirtschaftliche Lebensgrundlage aller Germanen 
einengten. 

Wie war es in dieser Todesgefahr für Rasse und Volk noch mög¬ 
lich, daß sich Männer fanden, die den Glauben (soll man es so 
nennen?) an seine biologische Aufgabe nicht verloren und die 
herrschende Macht des Erdkreises zum Kampfe herausforderten? 
Hatten das nicht alle anderen Völker vorher versucht und verloren? 
Der geniale Sohn des Segimer erfuhr als römischer Ritter das aus 
erster Hand. An diesem Manne scheiterte die römische Macht. 
Er brachte es fertig, die ganzen Kräfte unseres Volkes zusammen¬ 
zufassen und in sieben Jahren schwerster Kämpfe zum endgülti¬ 
gen Siege zu führen. Arminius hat die unzulängliche Verfassung des 
germanischen Staates so verändert, daß er die tödliche Bedrohung der 
Rasse überwinden konnte. Arminius steht an der Schwelle des Nie¬ 
dergangs des Römischen Weltreiches. Sein Volk vollendete diese Auf¬ 
gabe, als es im Jahre 378 nZtw. in der Schlacht von Adrianopel die rö¬ 
mische Macht endgültig besiegte 

Der Sieg des Germanenstaates über Rom 

Mit den Siegen des Arminius, dem Frieden von 16/17 und der 
römischen Erkenntnis, Germanien nicht bezwingen zu können, 
war das Verhältnis beider Staaten für Jahrhunderte auf Ebenbür¬ 
tigkeit gestellt. Die Rückwirkungen seiner Führung und Siege auf 
den Einzelnen wie auf Staatsleben und Moral des Volkes waren 
ganz gewaltig. Fortan hatte die Partei der Römerfreunde nicht viel 
zu bestellen. Sicherlich nicht allein deswegen, weil die römischen 
Schmiergelder ausblieben, sondern weil sich das Volk diese Leute 
jetzt genauer ansah und ihre Dummheit oder Absichten merkte. 
»Flaves« wurde ein Schimpfwort für Lumpen (Käufliche, Ab¬ 
trünnige, Renegaten) das bis heute gültig und in Gebrauch ist! 


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Wir müssen eine von Arminius durchgesetzte regelrechte Staats¬ 
und Verfassungsreform um 19/20 nZtw. annehmen, die Germa¬ 
nien modernisierte und erheblich stärkte. Obwohl die römischen 
Quellen sie andeuten, wurden unbegreiflicherweise ihre Grund¬ 
züge bisher nicht erkannt: Arminius hat der althergebrachten 
lockeren Gauverfassung eine Bundesregierung mit erheblichen 
Machtbefugnissen übergeordnet. Natürlich paßte das etlichen 
Gauführern nicht, auch fürchteten sie die Gefahr eines Mißbrau¬ 
ches der Staatsmacht mehr als den Nutzen für Volk und Rasse. In 
diese Richtung weist jedenfalls die Ermordung des Arminius. Zu 
spät erkannten sie, welch ein politischer Segen für das Germanen¬ 
volk von der neuen Bundesführung ausging. Das zeigt sich deut¬ 
lich in der Ausschaltung des markmannischen Separatisten Mar- 
bod und seiner Vertreibung sowie dem alsbaldigen Abfall der ger¬ 
manischen Bundesgenossen Roms. Sie sahen in der Rückkehr 
zum eigenen Volk mehr Vorteil als bei den Fremden. 

Ein allgemeiner Irrtum ist die Annahme, daß mit dem Fortschritt 
der Geschichte die schriftlichen Quellen reichlicher fließen und 
wir daher über die jüngeren Ereignisse allmählich besser Bescheid 
wissen als über die Vorzeit. Leider trifft das nicht zu. Sie sind ver¬ 
worren, unvollständig und widerspruchsvoll. Nur mit Mühe läßt 
sich der Verlauf der späten germanischen Geschichte in einen ge¬ 
wissen Zusammenhang bringen. Unverständliche Widersprüche 
lassen die überlieferten Quellen erkennen, wenn sie zahllose Siege 
der Römer über die Germanen berichten. Die besiegten »Räuber¬ 
scharen« wie auch viele germanische »Halbnomaden« (wer soll 
das sein?) seien von den Römern aufgenommen worden, sie hät¬ 
ten geholfen, fortan die römische Grenze gegen Germanien zu ver¬ 
teidigen. Unzweifelhaft schlugen sich Germanen auf die römische 
Seite, ließen sich bei den Römern nieder oder sind in ihre Dienste 
getreten. Doch spricht alles gegen einen geschlossenen Übergang 
ganzer Volksteile. Denn in solchem Falle wäre ja der Kriegsgrund 
der Germanen entfallen, sie hätten fortan die römischen Waffen 
viel wirkungsvoller stützen müssen. Das ist nicht der Fall, dem Ge¬ 
genteil und der Wirklichkeit näher kommen Verhandlungen der 
Gotenführer mit römischen Kaisern über Landabtretungen zur 
geschlossenen Besiedlung, die fehlschlugen und zum Kriegszuge 
durch den Balkan führten (die alte Landnahmepolitik!). Gegen 
allgemeine Übertritte zu den Römern sprechen vor allen Dingen 
die wirtschaftlichen Lebensbedingungen, die alles andere als eine 
Lockung waren. Wer auf römische Siedlungspropaganda - die es 
gegegeben hat - hereinfiel, mußte der römischen Ausbeutungswirt¬ 
schaft zufallen. Da die Römer alles Land als Privateigentum behan¬ 
delten (selbst wenn es noch dem Fiskus gehörte), hatte der ger¬ 
manische Bauer im Römerreich einen Grundzins an den Landherrn 
zu entrichten, eine Sache, die ihm gewiß niemals gefallen konnte. 
Wir werden später zeigen, daß jeder Grundherr seine Rentenfor¬ 
derungen auf das höchstmöglichste Maß zu schrauben versucht. 
Ein derartiger Einkommensverlust für den Bauern drückt ihn stets 
zum Proletarier, ja zum Sklaven hinunter. Dann zwangen die Rö¬ 
mer germanische Siedler, stets fernab der germanischen Grenze 
Wohnplätze einzunehmen, eine staatspolitisch durchaus begreifli¬ 
che Maßnahme^ 21 / Wies man ihnen Wohnsitze frei von Grundei¬ 
gentumslasten zu, dann schreckte die harte und gefürchtete Steu¬ 
erbürde, von der nur die höchste Klasse ausgenommen war, ganz 
besonders ab, die fragwürdigen Vorzüge römischer Kultur zu ge¬ 
nießen. Es sprach sich herum, daß sich ein Bauer in Germanien 
wirtschaftlich mindestens 3 bis 4mal besser als auf der römischen 
Seite stand. Wer das nicht glauben wollte, nun, den ließ man zie¬ 
hen. Aus der römischen Wirtschafts-Knechtschaft gab es gewiß 
keine Rückkehr, allenfalls den Untergang. Diese Verhältnisse wa¬ 
ren durch die wirtschaftlich entgegengesetzten römischen und ger¬ 


manischen Staatsverfassungen gegeben und nichts konnte sie 
überbrücken. Zwischen beiden Systemen war nur Krieg möglich, 
und zwar Krieg bis zur Vernichtung. 

Erzählungen über Einreihung von Germanen in die Legionen 
sind mit Vorbehalt aufzunehmen. Die römische Armee hatte eine 
rohe Disziplin, Mißhandlung und körperliche Züchtigung war 
die Regel. Es scheint fraglich, ob freigeborene Germanen solche 
Behandlung ertrugen. Die vielen Fälle von Ungehorsam, Meute¬ 
reien, Aufständen, Desertionen werfen ein trübes Licht auf die 
Moral in den römischen Truppenverbänden. Gewiß herrschten in 
aus Landesbewohnern gebildeten Hilfstruppen (Auxilien) andere 
Grundsätze, doch bei den Römern galten diese stets als unzuver¬ 
lässig. Von Germanen wird in den römischen Berichten der Feld¬ 
züge fast nur gesprochen, wenn sie unter germanischen Führern 
kämpften, die natürlich bestochen waren. Ausnahmen, wie z. B. 
die germanischen Leibwachen des Augustus, konnten nur durch 
die Lockung mit besonders guter Bezahlung (aha!) und Privile¬ 
gien geschehen. Die ständig wiederholte Behauptung von Germa¬ 
nen in den Waffendiensten der feindlichen Macht ist zwar nicht 
zweifelhaft, jedoch entstellt und übertrieben. 

Ganz Verworrenes wird uns über die »Hunnen« überliefert. Die 
sollen asiatische, nomadische Reitervölker gewesen sein. Sie hät¬ 
ten ganz Mitteleuropa überflutet, die Gotenstämme unterworfen 
und diese zu ihren Bundesgenossen gemacht, bis »sie sich rasch 
in anderen Völkern auflösten«. Spuren irgend welcher Art hinter¬ 
ließen sie demzufolge nirgends, sie hatten keinerlei Kultur, Wi¬ 
derstand fanden sie kaum, sie waren an der »Völkerwanderung« 
schuld, die zu erklären den Historikern üble Kopfschmerzen be¬ 
reitet. 

Sehen wir uns die Taten der von den Hunnen angeblich unterwor¬ 
fenen Goten an. Wir sehen die Germanen nicht vor dem Druck 
östlicher Reiterhorden nach Westen fliehen, mit Sack und Pack, 
Weib und Kind, sie verhalten sich vielmehr ganz wie ein freies, un- 
bezwungenes Volk. Sie greifen jene Eindringlinge nicht an, schla¬ 
gen aber mehrmals die Römer und vernichten schließlich das Im¬ 
perium. Ihre kampfkräftigen Armeen marschieren nach Griechen¬ 
land, Italien, Spanien und schließlich sogar Nordafrika, brechen 
die letzten Reste römischen Widerstandes, aber kein Hunnen¬ 
herrscher übernimmt den römischen Kaiserthron. Im Gegenteil, 
einem Historiker zufolge standen die »Hunnen« in den Diensten 
des römischen Kaisers! Seltsam, höchst seltsam! Hätte die germa¬ 
nische Front gegen das Römerimperium standgehalten, wenn sie 
aus der Flanke durch einen neuen Feind aufgerollt worden wäre? 
Da kann etwas nicht mit den Hunnen stimmen, und noch weniger 
mit der »Völkerwanderung«. Ein großer Teil der Goten ist in sei¬ 
nen alten Wohnstätten in Schweden und dem Weichselland ver¬ 
blieben, das ist archäologisch nachgewiesen. Eine Völkerwande¬ 
rung im Sinne der Schullehre fand unmöglich statt, sie muß ein 
Märchen sein. Wer das Märchen erfunden hat ist eine Frage, die 
wir später beantworten werden. 

Wir wollen nun anhand deutscher Forschungsarbeiten nachge¬ 
stalten, wie es zum militärischen Untergang des Römischen Im¬ 
periums kam: Zu Beginn des dritten Jahrhunderts wurden die An¬ 
griffe der Germanen auf die Grenzen des Römerreiches immer 
heftiger. Da treten die Allemannen auf, laut Prof. Mommsen: 
»Einem wenig später schreibenden Römer zufolge war es ein >zusam- 
mengelaufenesMischvolk<; auf einen Gemeindebund scheint auch die 
Benennung hinzuweisen ... aber daß es nicht Germanen dieser Ge¬ 
gendsind, zeigt sowohl die Nennung der Allemannen neben den Chat¬ 
ten wie die Meldung von der ungewohnten Geschicklichkeit der Alle¬ 
mannen im Reitergefecht.« Mommsens unverbesserliches Vorur¬ 
teil beiseite: Offensichtlich waren die Allemannen eine kavalleris- 


18 


tisch besonders sorgfältig ausgebildete und ausgerüstete Armee 
aus der Jungmannschaft aller Gegenden Deutschlands, die mit 
zwei Angriffskeilen den obergermanischen und rätischen Limes 
beiderseits seiner Nahtstelle durchbrach, diese stark verteidigte 
Front aufrollte - nur eine militärisch erfahrene Führung kann das 
so planen und befehlen - und das Zehntland nach dem Brauch der 
alten Landnahme für sich eroberte. Denn ein »Mischvolk« würde 
freiwillig niemals Zusammenhalten und bloßes Zusammenlaufen 
zu Krieg und Eroberung - gegen die größte Militärmacht der Zeit! 

- genügt allenfalls für weltfremde Professoren. Im Osten stehen in 
vorderster Front die Goten, geteilt in zwei Gruppen. Was wir hier 
sehen, sind nicht etwa Namen verschiedener Völker, die mit den 
überlieferten klassischen Völkernamen der Germanen im Wider¬ 
spruch stehen. Hier handelt es sich um Bezeichnungen von Hee¬ 
resgruppen! Die Römer gaben ihren Truppenverbänden Num¬ 
mern, die ganz andere Kultur der Germanen bezeichnete sie mit 
Namen, die mit der Aufgabe oder Ausrüstung in Zusammenhang 
standen. Die abgetretenen Kämpfer halten oft unter ihrem alten 
Truppennamen in Traditionsverbänden zusammen, ein Brauch 
aller Soldaten. Selbst die nächsten Generationen schmücken sich 
gerne damit; überflüssig gleich an neue Volksstämme oder Völ¬ 
ker zu denken. Daher Markmannen (Grenz[schutz]männer), Al¬ 
lemannen (allgemeines Aufgebot), Sachsen (nach ihrer neu ein¬ 
geführten Hauptwaffe, dem Kurzschwert = Sax), Franken, nach 
deren Hauptbewaffnung, der Schleuderaxt (>francesca<), Lan¬ 
gobarden (ebenfalls nach ihrer Waffe, der langschäftigen Breitaxt 

- Hellebarde). Die Germanen haben große, mit jeweils einheitli¬ 
cher Bewaffnung ausgerüstete Kampfverbände gebildet und tak¬ 
tisch geübt, das läßt auf ein hochentwickeltes Heerwesen schlie¬ 
ßen. Der Name Goten und etliche andere sind bisher nicht gedeu¬ 
tet. Denn auch die Goten verfügten über Angehörige aller germani¬ 
schen Landschaften. Daneben gab es noch landsmannschafflich 
ausgehobene kleinere Heeresverbände wie Burgunden, Wanda- 
ler, Chatten (Hessen) usw. Diese Art der Bezeichnung germani¬ 
scher Armeen geht offenbar auf die früheren Landnehmer-Heere 
zurück. Im 2. Jahrhundert vZtw. waren es die Kimbern und Teu¬ 
tonen, die gleichfalls Jungmannschaften anderer Gegenden ein¬ 
gegliedert haben. Bei ihnen ist der Übergang von einfacher Land¬ 
nahme zu strategischen Aufgaben für das Gesamtvolk der Ger¬ 
manen zu erkennen. Die ursprünglichen Landnahmeheere ha¬ 
ben wahrscheinlich wie die Kimbernzüge ausgesehen. Den Troß 
führten ihre jungen Frauen, die ihre ersten Kinder bereits unter¬ 
wegs bekamen. Diese Art von Heereszug bewährte sich gut ge¬ 
gen die Kelten, erwies sich aber nach den ersten Zusammenstö¬ 
ßen mit den Römern als unbrauchbar und mußte aufgegeben wer¬ 
den. Vom 1.Jahrhundert sind uns die Sueben bekannt, deren be¬ 
deutendster Herzog Ariovist war. Und kurz vor der Zeitwende 
treten die Markmannen unter Marbod auf, auch sie erfüllen zu¬ 
nächst eine strategisch-militärische Aufgabe, die in die Besiedlung 
des Landes übergeht, wenn die Frauen den Kriegern nachziehen 
und neue Sippen gegründet werden. 

In den folgenden 200 bis 300 Jahren nahmen die Kämpfe um das 
Land und die Anstrengungen der Römer die Grenze zu halten 
an Erbitterung zu. Nach der Eroberung des Zehntlandes durch 
die Allemannen wurden 25 Jahre lang römische Gegenangriffe vor¬ 
getragen. Die Entscheidung zugunsten der Allemannen fiel erst 
258/59, als die Goten unter Herzog Kniva an der unteren Donau 
den römischen Armeen mehrere schwere Niederlagen beibrach¬ 
ten. Wir erkennen daraus, an welch einer langen Front - länger als 
die Fronten des ersten Weltkrieges - die Auseinandersetzungen 
zwischen Römern und Germanen sich abspielten. 


Auf der ganzen Front gleichzeitig, von der Nordsee bis zum 
Schwarzen Meer, begann der Großangriff auf das römische Im¬ 
perium im Jahre 376. Das ist unmöglich Zufall, vielmehr muß 
die germanische Staats- und Heeresführung es so geplant haben. 
Beim Tode Kaiser Valentinians (375) hat sie mit den übli¬ 
chen Nachfolgekämpfen unter den römischen Generalen gerech¬ 
net und fand die Lage günstig, die politische Verwirrung zum Ent¬ 
scheidungskrieg auszunutzen. 

Nun zu den »Hunnen«. Was haben mittelalterliche Mönche mit 
ihren schlechten Lateinkenntnissen nicht alles aus unbekannten 
Worten heraus gelesen! Die Phantasie nichtdeutscher Schreiber 
richtete weitere Verwirrung an: Wegen des völligen Mangels an 
greifbaren Spuren bezweifelten bereits einige Wissenschaftler die 
Existenz von Hunnen als Heer oder Volk. Hier liege die Falsch¬ 
deutung einer germanischen staatlichen Einrichtung oder Ma߬ 
nahme vor, die wir nicht mehr kennen. Vielmehr sei hierunter die 
gesamtgermanische Staatsführung, Ministerium und Generalstab an- 
zunehmen (22 \ Eine andere Deutung weist auf die Bezeichnung 
»Hunno« (vgl. Hüne, Hunibald) hin, die dem germanischen 
Hundertschaftführer zukommt, also ein Offizier im Range eines 
Hauptmannes. Man vergleiche dazu die ähnliche lateinische Be¬ 
zeichnung »Centurio« (centum = hundert) für die gleiche Stel¬ 
lung. Möglicherweise ist die deutsche Bezeichnung des einfachen 
Offiziers von den Römern entliehen. Centurionen wurden nicht 
nur mit der Truppenführung, sondern auch mit wichtigen Aufga¬ 
ben generalstäblicher, diplomatischer und nachrichtendienstli¬ 
cher Art betraut. 

Die Hunnenlegende findet eine einleuchtende Erklärung. Der 
Ostgoten-König Ermanerich widersetzte sich den Kriegsplänen 
der allgermanischen Staatsführung. Sie schickte eine Offizierab¬ 
ordnung ihn abzusetzen und zu verhaften. Er wagte bewaffneten 
Widerstand und mußte dafür mit dem Tode büßen. Unter den Be¬ 
fehlen der Hunnos nahmen die Ostgoten den Krieg gegen Rom 
planmäßig auf. Bei den Visigoten (Westgoten) unter Frithi- 
GERN und Athanerich hat es erhebliche Reibungen gegeben, 
die durch das Christentum verursacht sein sollen. Weitaus wahr¬ 
scheinlicher ist eine persönliche Feindschaft zwischen beiden 
Herzogen, wie sie ja auch zu unserer Zeit zwischen hohen Gene¬ 
ralen häufig vorkommt. Die Hunnos haben diese Fehde beigelegt 
und Marschbefehle gegen die Römer erteilt. Am 9. August 378 
vernichtete Frithiger, unterstützt durch eine ostgotische Armeeab¬ 
teilung, in der Schlacht bei Adrianopel das gesamte römische Heer 
unter Kaiser Valens, der dabei den Tod fand. In ähnlicher Weise 
überrannten Franken und Sachsen die römischen Grenzen, die 
ersteren nach Gallien, die Sachsen Britannien. Die größten Fes¬ 
tungen gegen Germanien, Vetera (am Niederrhein) und Carnun¬ 
tum (zwischen Wien und Preßburg), wurden erstürmt und dem 
Erdboden gleichgemacht, aber viele andere überlebten als offene 
Städte: Wien, Linz, Regensburg, Straßburg, Mainz und Köln sind 
bekannte Beispiele. Die germanischen Heere eroberten den Bal¬ 
kan, die Alpenländer, Frankreich und erreichten die Küsten das 
Mittelländischen Meeres. 

Unter diesen verlustreichen Niederlagen brach das Römerreich 
zusammen. Ostrom mit der Hauptstadt Konstantinopel war we¬ 
gen seiner Randlage für die germanische Politik uninteressant 
und erhielt einen milden Frieden. Die Römer haben die wesent¬ 
lich härteren Bedingungen, die Westrom auferlegt wurden, nicht 
eingehalten. Den mit dieser, auf Italien, Südfrankreich, Spanien, 
Griechenland und Nord-Afrika beschränkten Reichshälfte ge¬ 
schlossenen Frieden brach Kaiser Honorius durch die Ermor¬ 
dung seines von den Germanen eingesetzten »Magister mili- 
tans«, den Wandaler Stilicho - wahrscheinlich auf Druck der 


19 


römischen Kapitalisten - und Großgrundeigentümerklasse. Dar¬ 
auf erhielt die Goten-Armee in Mazedonien, die jetzt auf Wacht 
gegen Ostrom dastand, die Weisung, Italien zu erobern. Um jeg¬ 
liche Flankenbedrohung Germaniens auszuschalten, säuberte sie 
zunächst Griechenland bis zum Peloponnes von römischer Besat¬ 
zung, dann marschierte sie, verstärkt durch weitere Truppen aus 
Deutschland, auf den römischen Militärstraßen nach Italien und 
belagerte Rom. Als die Römer die für sie hoffnungslos gewordene 
Lage nicht anerkennen wollten, wurde Rom erstürmt (410). Be¬ 
zeichnend ist die Antwort, die der Gotenherzog Alarich den 
bettelnden Römern gab, als sie fragten, ob er ihnen etwas las¬ 
sen wollte. »Das Leben« war seine Antwort; genau dieselbe, die 
einstmals die Römer bei Kapitulationen zu geben pflegten! Ala¬ 
rich muß genaue Erinnerungen der Vorgänge unter Caesar und 
Germanicus besessen haben, die 400 Jahre zurücklagen! Man 
hatte bei den Germanen nichts vergessen, und das spricht für ihre 
völkische, geistige und kulturelle Moral. Die ständig wiederholten 
Behauptungen von germanischen Plünderungszügen stammen ja 
bloß von römischen oder griechischen Laien, die die strategische 
Bedeutung der einzelnen Feldzüge nicht begriffen. Sie widerlegen 
sich selbst, wenn sie im gleichen Atemzuge von ihrer erstaunlich 
humanen Behandlung durch die Sieger berichten. 

Italien war dennoch nicht zum Ziele germanischer Siedlungspoli¬ 
tik auserkoren worden. Den Visigoten wurde vielmehr Südfrank¬ 
reich zuerkannt, das damit ebenfalls für Rom verloren ging. Die 
Goten-Armee räumte deshalb Italien und ließ sich südlich der 
Franken bis über die Pyrenäen nieder (Gotaland = Katalonien). 
Hauptstadt wurde Tolosa (Toulouse). Damit unterbrach sie die 
Landverbindung zwischen Spanien und Italien. Die Rolle der 
Wandaler ist offensichtlich gänzlich mißverstanden worden. Eine 
kleine Armee hat West-Spanien (Andalusia = Wandalerland) er¬ 
obert, setzte 429 nach Nordafrika über und richtete das wieder¬ 
erbaute Karthago als Verwaltungssitz ein (439). Da die insgesamt 
nur 80000 Wandaler, die ihre Frauen und Kinder einschlossen, 
niemals so ein riesiges Land besiedeln konnten, muß ihr Zug nach 
Afrika andere Gründe gehabt haben. Das haben die Geschichte¬ 
schreiber bis heute sich nicht klarzumachen versucht. Ratlos ste¬ 
hen sie vor dem Berichte des Prokop, eine Gesandtschaft aus der 
Weichsel-Heimat habe König Geiserich ersucht und dieser sich 
geweigert, ihre Anwesen für die Zurückgebliebenen freizugeben. 
Wir sehen darin den Hinweis, daß die Wandaler in Nordafrika sich 
nur auf einen zeitweiligen Aufenthalt als Besatzungstruppe eingerich¬ 
tet hatten. Solange Rom widerstrebte - Geiserich hat ebenfalls 
mit einer Flotte und einem kleinen Heer Rom erstürmt (455) - 
mußte man ihm alle Hilfsquellen versperren, und Nordafrika war 
davon die wichtigste. Die Burgunden wurden von ihrer vorläufi¬ 
gen Niederlassung um Worms nach Ostfrankreich geschickt, wo¬ 
bei ihnen das Land beiderseits der Saone und die Hauptstadt von 
Gallien, Lyon zufiel (443). Die Allemannen überschritten den 
Oberrhein und nahmen das Elsaß bis zum Kamm des Wasgen- 
waldes in Besitz. Alle diese Bewegungen weisen auf Pläne zur ge¬ 
schlossenen Besiedlung hin und lassen eine ordnende Gesamt- 
Staatsführung der Germanen erkennen. 

Ganz gewiß haben die Germanen immer neue Friedensverträge 
mit Rom geschlossen, auch wenn es heute darüber keine Angaben 
gibt< 23 ). p)i e kampflose Räumung Britanniens und der verbliebe¬ 
nen Rhein- und Donaufestungen, unmittelbar nach 410 läßt sich 
nur so verstehen*- 24 ). Die germanische Politik wünschte nicht die 
Zerstörung des Römerimperiums. Belassung und Anerkennung 
der Kaiser in ihrer Stellung ist nicht anders zu erklären Man er¬ 
kennt die ständigen Bemühungen der germanischen Bundesre¬ 
gierung, ein auf Italien, Spanien und Nordafrika beschränktes Rö¬ 


merreich zu erhalten. Aber die staatstragenden Familien des Im¬ 
periums (die hauptsächlich in Rombzw. Unteritalien saßen) woll¬ 
ten sich keineswegs mit dem Verlust ihrer Latifundien, Bergwerke, 
Handelsmonopole und Wirtschaftsmacht abfinden. Im Senat sa¬ 
ßen die reichsten römischen Kapitalisten; die waren durch alle Ka¬ 
tastrophen nicht gebrochen und versuchten jede Landabtretung 
und Frieden mit Germanien zu verhindern. Solange sie noch über 
Geld, Untertanen und Soldaten verfügten, leisteten sie auf jeden 
Schritt erbitterten Widerstand. Unzweifelhaft war der damaligen 
germanischen Staatsführung die Bedeutung der Geldmacht von 
Natur aus fremd. Sie kam nicht auf den Gedanken, durch restlose 
Enteignung der römischen Kapitalistenklasse dem Krieg die Wur¬ 
zel abzuschneiden. Italien nicht als germanisches Land, schon gar 
nicht als Kolonie einsacken zu wollen, half ihrer Diplomatie we¬ 
nig. Falls sie diese Absicht den Italikern gesagt hat, so fachte sie 
den Widerstand, weil risikolos, unnötig an. Er konnte schließlich 
nicht anders beseitigt werden als durch die Unterwerfung Roms 
unter germanische Statthalter. Eine Umkehrung der wirtschafts¬ 
politischen Machtverhältnisse war damit allerdings nicht verbun¬ 
den. Die Germanen wurden nicht die Ausbeuter und Sklavenher¬ 
ren der Römer. 

Die Germanen eroberten Land nicht um des Eroberns und Unterwer¬ 
fens willen, sondern für die eigene nächste Generation und ihre Siche¬ 
rung. Es widersprach ihren Grundsätzen, plötzlich viele Fremdras¬ 
sige unter germanische Herrschaft treten zu sehen. Ihre Staatsfüh¬ 
rung war sich der Gefahren einer Zerstreuung und Vermischung 
der germanischen Bevölkerung, die sich aus den umfangreichen 
Eroberungen ergaben, völlig bewußt. Sie ließ das Schwarzmeer¬ 
gebiet von den Goten räumen, wo sie sich für viele Jahrzehnte nie¬ 
dergelassen hatten (sie wurden im ungarischen Donaugebiet an¬ 
gesiedelt): Nachweislich sind nur wenige zurückgeblieben. Dar¬ 
aus ist wiederum zu entnehmen, daß die germanische Bundesre¬ 
gierung ein von Skandinavien bis zu den Alpen, schließlich zum 
Mittelmeer reichendes, geschlossenes germanisches Staats- und 
Siedlungsgebiet beabsichtigte. Wir vermögen es uns kaum vorzu¬ 
stellen, wie die Welt heute aussehen würde, hätte das germanische 
Gemeinschaftsgefühl, das Arminius unserem Volke einpflanzte 
und sich 400Jahre lang bewährte, seine Bindekraft behalten. 

Ich sage hier etwas, das aufmerksame Gelehrte schon vor 150 Jah¬ 
ren erkannten! Der Schwede Anders Magnus Strindholm 
schrieb damals: »Während der ersten Jahrhunderte unserer Zeitrech¬ 
nung hatten alle Nationen des Gothisch-Germanischen Stammes für 
ihre Waffentaten ein einziges Ziel: Den Sturz der römischen Macht!« 
Solche Feststellungen passen freilich nicht in das Klischee huma¬ 
nistischer »Bildung« und wurden daher mit allem Eifer bestrit¬ 
ten. Dennoch verwickeln sich humanistische Wissenschaftler bei 
ihren Versuchen, sich auf die Seite der Römer und damit selbst¬ 
verständlich gegen die siegreichen Germanen zu stellen, in die 
tollsten Widersprüche. Sie machen die Geschichte unverständlich 
ohne es zubemerken. Von ihnen stammen solche Schulgeschichts- 
buch-Plattheiten wie: »Die Hunnen gaben den Anstoß zur Völker¬ 
wanderung«. Das humanistische Vorurteil, in dem eigenen Volke 
nur Barbaren, Wilde, Räuber, Kulturzerstörer zu sehen, kann sich 
eben nichts anderes vorstellen. Für ihre verbogene Denkweise 
wurde die Zerstörung des Römischen Imperiums, verbunden mit 
der Großen Landnahme die »Völkerwanderung« und die germa¬ 
nische Staatsführung eine Invasion der »Hunnen«. 
Humanisten-Gelehrte bestritten den Deutschen das Recht, die 
fremden Eindringlinge aus ihrem Lebensraum hinauszuwerfen. 
Die schauerlichen wirtschaftlichen Verhältnisse und unmenschli¬ 
chen Zustände des römischen Staates und sein Bestreben, sie an¬ 
deren Völkern aufzuzwingen, wurden ihnen niemals bewußt. Ab er 


20 


davon ganz abgesehen, anstatt deutsche Erfolge zu beklagen, soll¬ 
ten sie sich der Frage widmen, weshalb sich die Germanen über¬ 
haupt auf einen so langen, blutigen und verlustreichen Krieg ge¬ 
gen das Römische Imperium einließen. Weshalb wurden sie An¬ 
greifer, weshalb versuchten sie das begehrte Land hinter den römi¬ 
schen Festungsanlagen zu erobern? Konnten sie nicht nach Osten 
ausweichen, nach Rußland hinein, das bis in unsere Gegenwart 
sehr dünnbesiedelt ist? Das germanische Wohngebiet hatte unge¬ 
fähr am 20. Grad östlicher Länge für eintausend Jahre unwiderruf¬ 
lich Halt gemacht. Diese Grenze wurde im 3. Jahrhundert von den 
Germanen widerstandslos überschritten. Aber das Land dahin¬ 
ter interessierte sie nicht, sie sind einfach durchmarschiert, sie sind 
nicht umhergeirrt, sie suchten ihre Ziele tausend Kilometer weiter 
südlich. Offensichtlich besaßen die germanischen Volksführer ge¬ 
naue Kenntnisse der Geographie Rußlands und Europas und sei¬ 
ner landwirtschaftlichen Bedingungen. Eine germanische (goti¬ 
sche) Besiedlung findet man erst wieder am Schwarzen Meer, der 
Südukraine und Krim. Zugleich bauten sie hier eine neue Front 
gegen das römische Imperium auf. Die Gründe sind nicht nur mi¬ 
litärisch-strategischer Art, sie sind in der germanischen Bauern¬ 
wirtschaft: zu finden. Wer dieses Rätsel nicht von der wirtschaftli¬ 
chen Seite untersucht, wird es niemals lösen! 

Ungefähr auf dem 20. bis 21. Längengrad (für unsere Betrachtung: 
Königsberg Krakau) verläuft die Klimagrenze von atlantischer 
Meeresluft und dem Binnenklima des europäischen Rußland. 
Sie zeigt sich in der Natur durch auffallend veränderten Pflanzen¬ 
wuchs. Buche und Eiche kommen ostwärts dieser Linie nur noch 
vereinzelt vor, nicht mehr in Wäldern. Die germanische Bauern¬ 
wirtschaft, die die Schweinezucht besonders pflegte, brauchte 
aber Bucheckern und Eicheln zur Schweinemast. Der Anbau von 
Ölfrüchten, Rüben, Winterweizen und Gerste im Osten der Kli¬ 
magrenze war trotz aller Fortschritte bis zur Neuzeit wirtschaft¬ 
lich wenig erfolgreich. Die Züchtung klimahärterer Getreidesor¬ 
ten (Roggen und Hafer bevorzugt) beanspruchte Jahrhunderte. 
Erst unter dem Deutschen Orden wurde der Ackerbau bis zur kli¬ 
matischen Mischzonengrenze beim 22. Längengrad in Ostpreu¬ 
ßen ausgedehnt* 25 ), bis diese in der Neuzeit überschritten werden 
konnte, vergingen wiederum mehrere hundert Jahre. Es war für 
die germanische Volkswirtschaft nicht möglich, so lange zu war¬ 
ten; für sie war das Land zu ihrer Zeit unbauwürdig, nutzlos. Sie 
fand das durch fortwährend mißlungene Siedlungsversuche her¬ 
aus. Anzunehmen ist das Aufgehen der dabei Vörgeprellten in der 
Urbevölkerung (Balten). Die landwirtschaftliche Kulturgrenze im 
Osten zwang die Germanen zum Blick nach Westen und Süden, 
neues Volksland zu erwerben. Strindholms seherische Gedan¬ 
ken erkannten diese eigentliche Ursache allerdings nicht. Erst wir 
sind mit dem Wissen um Zusammenhänge zwischen Erdkunde, 
Klima, Wirtschaft und Kultur in der Lage, Ursache und strategi¬ 
schen Leitgedanken des 400jährigen Krieges gegen Rom zu be¬ 
greifen. Roms Macht sperrte die wirtschaftliche Lebensgrundlage 
aller heranwachsenden Germanen, und als dies vom Volke erkannt 
wurde, gab es nur eines: »Den Sturz der römischen Macht«! 

Es dürfte die unablässige Intrigenarbeit der Römer, der allmähli¬ 
che Einbruch der orientalischen Geldwirtschaft unter den Ger¬ 
manen mit ihren üblen Folgen, darunter die Bestechung der Füh¬ 
rer gewesen sein, wenn die Bildung eines europäischen germa¬ 
nischen Großreiches, das mit dem heutigen China vergleichbar 
wäre, schon bald danach gescheitert ist. Weiterhin wird die Duld¬ 
samkeit der Germanen gegenüber der Vorbevölkerung, alle ihre 
Eigenheiten und gesellschaftlichen Einrichtungen zu belassen, die 
unvollkommene Ablösung der Römerherrschaft in den Provin¬ 
zen, germanische Eigenbrötelei sowie eine schwache Bundesre¬ 


gierung dazu beigetragen haben. Noch einmal ist von Hunnen die 
Rede, als in der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern (451) 
Germanen gegen Germanen kämpfen. Diese Schlacht, in Wahr¬ 
heit der Entscheidungskampf des zweiten germanischen Bür¬ 
gerkrieges (der erste war der Kampf des Arminius gegen den ab¬ 
trünnigen Marbod), ist in die verworrene Darstellung mittelal¬ 
terlicher Schreiber gehüllt. Unter Führung eines Römers Aetius 
kämpfen Westgoten, Burgunden und Franken verzweifelt gegen 
Attila und seine Übermacht, der die anderen Germanen, an der 
Spitze Ostgoten, aber auch auf dieser Seite Franken, anführt. Die 
Schlacht blieb unentschieden, man beachte das, doch der Krieg 
wurde nicht weitergeführt. Kurz danach kommt es zur Vermäh¬ 
lung des Attila mit Ildiico, der Tochter des burgundischen Kö¬ 
nigs Gundowich (Günther) . Weshalb identifiziert sich die ger¬ 
manische Überlieferung mit einem angeblich volksfremden Herr¬ 
scher, dem »großen König Etzel«? Nicht einmal von einem 
Friedensschluß wird uns berichtet! Wie ist dieses Geschehen ge¬ 
schichtlich zutreffend zubegreifen? 

Römische oder ihnen nahestehende Einflüsse auf Franken und 
teilweise Visigoten und Burgunden verursachten einen Bruch 
dieser Volksgruppen (bzw. deren Führer) mit der germanischen 
Bundesgewalt. Die großen und reichen Städte Galliens waren un¬ 
versehrt erhalten geblieben; hier verstanden die einflußreichsten 
Römer und ihre gallischen Bundesgenossen mit allen Mitteln - 
vor allem Geld - zu überleben. Der Aufstand der westgermani¬ 
schen Führer, die sich einem Römer unterstellen, setzt geheime Ma¬ 
chenschaften und Verabredungen voraus, er hat eine gewisse Ähn¬ 
lichkeit mit dem des Ermanerich! Wurden sie bestochen, Er- 
manerich von Byzanz, die Franken- und Westgotenführer von 
den Alteingesessenen in Gallien?*- 26 ) Und weiter: In welchem Zu¬ 
sammenhang steht damit der erneute Überfall auf Rom durch ein 
wandalisches Heer und Flotte (455) und ein Vormarsch germani¬ 
scher Heere in die Po-Ebene? Kann die dabei erfolgte »Plünde¬ 
rung Roms« die Enteignung des friedenstörenden römischen Ka¬ 
pitalistenklüngels gewesen sein, auf dessen schädliche Unterlas¬ 
sung ich oben hinwies und die man zu lange versäumt hatte? Hat 
nicht tatsächlich mit diesem Ereignis der (weströmische) Staat 
endgültig aufgehört, eine politische Rolle zu spielen? Richtete 
sich deshalb der unversöhnliche Haß der Geschichteschreiber am 
schärfsten gegen die Wandaler? Gerade Wandaler sind wegen ih¬ 
rer Menschlichkeit gegen die Besiegten bezeugt! Warum sind aus 
dieser Zeit die Franken des Westens und ihre Führer (Könige) zu 
ihrer großen geschichtlichen Bedeutung gelangt (Hierzu wird im 
nächsten Abschnitt mehr ausgeführt) ? Und warum wurden die 
(parteiwechselnden?) Burgunden in unaufhörliche Streitigkeiten 
verwickelt, daß dieser germanische Völksteil bald unterging? 

Der Versuch der Bundesregierung, mit Gewalt die Ordnung im 
Germanischen Reiche wiederherzustellen, ist bei Catalaunum ge¬ 
scheitert. Fortan gingen die westlichen Volksgruppen ihren eige¬ 
nen Weg, und bald trennten sich weitere von der Bundesführung 
ab. Sie alle büßten für die Selbstsüchtigkeit ihrer Führer mit dem 
Untergang des ganzen Volksstammes, ebenso mußten sämtliche 
germanischen Volksangehörigen bis nach Skandinavien an den 
Folgen leiden. Hätten die Germanen bei der Eroberung Galliens 
wie nach römischer Kriegssitte die meisten Römer und Welschen 
totgeschlagen oder vertrieben, die Welt wäre heute unvorstellbar 
anders* 27 ). Aber die Germanen, denen die hassenden Römer jede 
Barbarei vorwarfen, ließen ja stets die Besiegten am Leben. Zuge¬ 
geben, die germanische Bundesführung hatte reichlich Schwierig¬ 
keiten nach der Großen Landnahme sich durchzusetzen. Die Ent¬ 
fernungen zwischen den einzelnen Germanenländern betrugen 
jetzt tausende von Kilometern, Kuriere brauchten wochenlange 


21 


Reisezeiten, die Übersicht war kaum noch möglich. Eine straff ge¬ 
führte Beamtenschaft gab es nicht, die germanische Gesellschafts¬ 
ordnung einzurichten und zu festigen. Die Regierung war auf den 
mehr oder weniger guten Willen ihrer Herzoge angewiesen, und 
die hatten Schwächen und Fehler. Immerhin, die Chinesen verlo¬ 
ren nie das Gefühl der rassischen und nationalen Gemeinsamkeit, 
gleichgültig wo sie sind. Im Vergleich mit diesem gewaltigen Volk 
ist der Sinn für die rassische, völkische und kulturelle Gemein¬ 
schaft bei uns vollständig abhanden gekommen. In China konnte 
sich eine rassisch einheitliche Nation durchsetzen, indem sie die 
Vörbevölkerung aus ihrem Lebensraum entfernte. Den Germa¬ 
nen blieb nicht die Zeit, ihre kulturell und biologisch tüchtigere 
Art im Wettbewerb mit der Bevölkerung der römischen Provin¬ 
zen zu bewähren. Wir werden sehen, daß gegen sie Kräfte auftra- 
ten, von denen sie nichts ahnten, Kräfte, die ebensogut China zu¬ 
grunde gerichtet hätten, wenn sie dort wirksam gewesen wären. 
Man kann sehr deutlich an dem wohlbekannten Schicksal der Ost¬ 
goten erkennen, wie die Schwäche der germanischen Bundesge¬ 
walt sich schadenbringend auswirkte. Und nicht nur dies, wir kön¬ 
nen so deutlich wie sonst nirgends in der Geschichte die mangel¬ 
hafte politische Begabung der Germanen feststellen* 28 *. 

Die Ostgoten waren 488 aus ihren neuen Wohnsitzen an der mitt¬ 
leren und unteren Donau aufgebrochen, um Italien zu erobern. Die 
germanische Bundesregierung billigte das nicht und stand nicht 
hinter ihnen. Byzanz schloß mit den Ostgoten Sonderverträge, das 
ihnen Italien als oströmische Provinz zusagte. Damit verließen sie 
ihren germanisch-völkischen Wachtposten gegen Ostrom in ver¬ 
räterischer Weise, aus politischer Einfalt und strategischer Kurz¬ 
sichtigkeit. Die Ermordung des germanischen Statthalters Odoa- 
ker, der den letzten römischen Kaiser* 29 * im Jahre 476 beseitigt 
hatte, durch den in Byzanz/Konstantinopel erzogenen Theode- 
rich (aus welcher Ursache wurde er »der Große «?) bei einem Ver- 
söhnungs- Gastmahl war Frucht oströmischer Intrigen. Sie war ein 
Schurkenstreich, der alle Germanen gegen sie aufbringen mußte. 
Als hervorragend erfolgreicher diplomatischer Gegenzug des by¬ 
zantinischen Reiches in das politische Vakuum Italien wurde da¬ 
mit dem Germanenstaat eine schwere Niederlage ohne Krieg bei¬ 
gebracht. Wen wundert es da noch, wenn die Goten in Italien nie 
froh wurden? Ihre Landpolitik (sich als Minderheit unter den Ein¬ 
heimischen anzusiedeln) war ebenso kurzsichtig wie ihre Außen¬ 
politik, mit der sie sich zwischen alle Stühle setzten. Als ihr Kö¬ 
nig Totila die unhaltbare Lage der Ostgoten erkannte, versuchte 
er durch Förderung von Mischehen zwischen Italikern und Goten 
ihre politische Schwäche auszugleichen, und fügte damit zu den 
Fehlern ihrer Politik noch den Verrat am eigenen Volk und sei¬ 
ner Rasse. Die Herrschaft über Italien war den gotischen Königen 
zu schön, um den einzig richtigen Weg zur Volkserhaltung zu be¬ 
schreiten - nämlich Italien zu räumen. Es zeigte sich bei den Ost¬ 
goten einmal mehr, wie sehr das Verlangen, einmal gewonnenen 
Grundbesitz unter allen Umständen zu behalten, politische Ent¬ 
scheidungen nachteilig beeinflußt. Sie waren auf die Dauer noch 
schädlicher als ihr Versuch, als Minderheit durch reine Waffen¬ 
gewalt ihre Herrschaft zu sichern. Sie ist gescheitert und mußte 
scheitern. Das Ostgotenvolk wurde in den Kriegen mit Byzanz 
völlig aufgerieben. Wenn die letzten von ihnen nach der Schlacht am 
Vesuv nach »Thule« auswandern (oder rückwandern) durften, so ist 
das eine vielbesungene Episode, für die deutsche Geschichte freilich bis¬ 
her ohne Lehre oder Bedeutung. 


22 


2. Teil: 

Priester gegen 
Deutschland 
»Religion und 
kapitalistisches Geld 
sind die zwei großen 
Übel der Welt!« 


23 



Ein neuer Feind tritt auf 

Was die Bücher über die Geschichte des deutschen Mitteleuropa 
vom 5. bis zum lO.Jahrhundert uns erzählen, ist eine Aneinan¬ 
derreihung von Einzelereignissen, Anekdoten, die über entschei¬ 
dendes, wirkliches Geschehen so gut wie gar nichts aussagen. Al¬ 
les spielt sich schemenhaft ab wie in dichtem Nebel: Die allmähli¬ 
che Bekehrung der Germanen zum Christentum, entsetzlich blu¬ 
tig verlaufene Streitigkeiten germanischer Fürsten untereinander, 
einem Chaos kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen den 
Völkern. Wir erfahren nicht das geringste, wie Streit und Zwie¬ 
tracht unter die Germanen kamen, wie und durch wen die Wirt¬ 
schaffs- und Gesellschaftsordnung der Germanen zerstört wurde, 
weshalb alle Germanen außerhalb Deutschlands eine fremde 
Sprache annahmen. Ja wir müssen uns wundern, daß überhaupt 
noch etwas von der Kultur der Germanen bis in unser heutiges Le¬ 
ben erhalten blieb. Erstaunt hören wir von der verderblichen Ge¬ 
walt, die das Geld, Gold und Silber, plötzlich auf alle ausübt. Wir 
hören viel, wie die Kirche eine Führungsrolle übernimmt, ja oft 
wird es so dargestellt, als sei diese Macht schon immer dagewesen. 
Der einzige Einbruch fremder Völker sind die Araber nach Spa¬ 
nien um 700, die betrafen jedoch nur zwei germanische Völksteile. 
Wenn die Deutschen nicht durch äußere Feinde besiegt wurden, 
welche Kräfte konnten das Innere unsere Nation so aushöhlen? 
Die Frage ist, wie billig, bisher noch gar nicht gestellt worden! 

Im Jahre 1926 erschien ein Buch von Dr. Wilhelm Kammeier: 
»Die Fälschung der deutschen Geschichte«. Kammeier führte an¬ 
hand einer Untersuchung mittelalterlicher Dokumente und 
Schriften den Nachweis, daß sie durchweg Merkmale von Urkun¬ 
denfälschungen tragen und diese Verbrechen in einer Zeitperiode 
begangen wurden, die man als Renaissance oder Humanismus be¬ 
zeichnet. Ausgeführt wurde sie in den Klöstern und Stuben ein- 
geweihter Geistlicher und Humanisten. Geschichtsquellen und 
Schriftwerke von weltlichen und geistlichen Verfassern, die nicht 
mit der Vorstellung und Politik der Kurie übereinstimmten, seien 
entweder beseitigt oder verfälscht worden. Dazu gehöre beson¬ 
ders auffallend das Verschwinden beinahe aller Vörgeschichts- 
quellen über die Germanen. Selbst Kulturdenkmale wie Nibelun¬ 
genlied oder antike Landkarten muß man der Darstellung nach als 
Fälschungen ansehen. Kammeier bezeichnete die römische Ku¬ 
rie als Urheber und Anstifter. 

So eine Enthüllung, die den Boden unter der ganzen Geschichte des 
Mittelalters fortzieht, müßte eigentlich eine allgemein besprochene 
Sensation sein. Die Professoren der Geschichte müßten sich be¬ 
mühen, entweder Kammeiers Behauptungen zu widerlegen oder 
zu bestätigen. Sie dürften aus Liebe zur Wahrheit den beschuldig¬ 
ten Urhebern der Fälschungsarbeit keinerlei Schonung und Rück¬ 
sicht gewähren. Derartige Hoffnungen sind leider irrig. Obwohl 
Kammeiers Buch bereits in der zehnten Auflage ( 1987) erschien, 
Kammeier selbst lange im Grabe ruht, schweigt man sein Werk 
vollkommen tot. Keine Zeitung, kein Wissenschaftler, nur wenige 
gebildete Laien haben sich mit Kammeier befaßt. Niemand unter¬ 
nahm bisher, auf seinen Erkenntnissen weiterzubauen. Kammeier 
konnte nicht alles aufklären. Wer sich mit der Geschichte der deut¬ 
schen Nation beschäftigt, hat die Pflicht, sie aufgrund der Erkennt¬ 
nisse Kammeiers zu untersuchen. Ich bin wohl einer der ersten, 
der Kammeiers Werk als unabdingbare Grundlage ansieht, die 
Vergangenheit zu enträtseln. Denn die Geschichte des Mittelal¬ 
ters ist der Schlüssel für die abscheuliche Lage und den Zustand der 
Deutschen der Gegenwart. Wenn gewisse Priester es für notwendig 
hielten, die wirklichen Geschehnisse durch eine Pseudogeschichte 
zu vertuschen, dann geschahen Untaten, die von ihnen selbst als 
schändlich und verbrecherisch angesehen wurden. 


Die Geschichtefälschung konnte nicht alle Ereignisse auslöschen 
und durch eine Dichtung ersetzen. Dafür reicht kein Menschen¬ 
geist aus. Die Veränderungen in den Staaten, Völkern, die Grüf¬ 
ten und Gräber von Fürsten, Kaisern und Königen sind vorhan¬ 
den, daran kommt niemand vorbei, der Geschichte umschreiben 
möchte. Jede systematische Geschichtefälschung muß in die tat¬ 
sächlich erlebte Gegenwart nahtlos einmünden. Aber man kann 
ohne weiteres Personen und einzelne Ereignisse erfinden, umdeu¬ 
ten, verschweigen, wie es schon die Römer taten. Erkannte nicht 
Mommsen die Verlogenheit römischer Berichte? Dasselbe sagt 
Kammeier von den Geschichteschreibern des Mittelalters! 

Sehen wir uns in der Geschichte der Entstehung des »Frankenrei¬ 
ches« und ihrer Fürsten, der Merowinger um, wie sie uns von mit¬ 
telalterlichen Schreibern oder Fälschern berichtet wird, so kom¬ 
men immerhin beim gründlichen Suchen einige Hinweise auf die 
Entwicklung dieses Staates zum Vorschein. Zunächst wird zuge¬ 
geben, daß die Herrschaft nicht absolut, sondern von Things, den 
Volksversammlungen abhängig war, die erst in der karolingischen 
Zeit verschwanden. Eine politische Wandlung und die allmähli¬ 
che Entrechtung der Franken ist hieraus erkennbar. Geschicht¬ 
lich unbestreitbar haben die Franken als landnehmende Eroberer 
von der einsitzenden Bevölkerung die Hälfte des Grundbesitzes 
für sich beansprucht - in Übereinstimmung mit der alten germa¬ 
nischen Politik. Nur 200 Jahre später breitet sich ein neues Recht 
aus, das der »Minderfreien«, die zur Zeit der Karolinger in der 
Mehrzahl sind, während die Zahl der wirklich Freien, der germa¬ 
nischen Völlbürger ständig schrumpft. Diese »Minderfreien« er¬ 
hielten ihren Landbesitz nicht kraft germanischen Rechtes, son¬ 
dern nach dem römischen, das heißt sie nahmen es als »Lehens¬ 
männer« und zahlten demzufolge einen Grundzins an den ei¬ 
gentlichen Eigentümer, entweder den König oder die Kirche. Man 
beachte den Unterschied: Unfreie konnten nach germanischem 
Rechte kein Land besitzen. »Minderfreie« sind eindeutig frem¬ 
den Rechtsgrundsätzen unterworfene Germanen. Wie konnte es 
dazu kommen? Waren sie sich nicht über die Rechtslage im kla¬ 
ren, waren ihnen solche Lebensfragen gleichgültig? War dasselbe 
nicht schon von den Römern als »Colonat« versucht worden ? Lie¬ 
ßen sich die freien Germanen ihre Rechte von den Führern ohne 
Widerrede entwinden? Ist nicht aus zahllosen ähnlich gelagerten 
Vorgängen zu entnehmen, daß erbitterte, bürgerkriegsähnliche 
Auseinandersetzungen im germanischen Frankenlande ausbra¬ 
chen? Ist es nicht naiv und weltfremd zu glauben, nur dort habe es 
- einzigartig in der Weltgeschichte - keine Volksaufstände gegen 
die Einführung des kapitalistischen Wirtschaftsystems gegeben? 
Weshalb wird nichts vom fränkischen Volkswiderstand in Chro¬ 
niken und Berichten, gesagt, während z. B. die jahrzehntelangen 
Kriege Karls des Grossen den Widerstand der Sachsen zu bre¬ 
chen, in aller Breite aus gemalt wurden? Wer hat sie verschwiegen 
oder die Berichte darüber vernichtet ? 

Das römische Imperium und seine Kultur ist im 5.Jahrhundert 
unwiderruflich untergegangen, doch das römische Wirtschaftsys¬ 
tem überlebte. Das orientalische Bodenrecht, das unvermittelt un¬ 
ter der gänzlich anderen Wirtschaftsordnung der Franken um sich 
greift, ist der beste Beweis dafür. Es blieben gesellschaftliche Ein¬ 
richtungen und Organisationen der Römerzeit erhalten, die von 
den germanischen Eroberern nicht angetastet wurden und de¬ 
ren Gefährlichkeit deutsche Arglosigkeit nicht erkannte. Wer kam 
noch als ihr Träger in Frage? Sofern Überreste der römischen Ver¬ 
waltung in Gallien weiterarbeiteten, hatten sie den Germanen 
nichts zu sagen. Nur eine Organisation, die neben der römischen 
Verwaltung stand und sie dennoch beherrschte, fällt ins Auge: Die 
christlich-katholische Kirche. Mit Begeisterung berichten uns die 


25 


Schreiber des Mittelalters in bunten Einzelheiten von ihrer Aus¬ 
breitung im Frankenlande, ja sie haben zahllose Urkunden hinzu¬ 
gefälscht. Aber was hatte das Christentum den Franken zu bieten? 
Etwa ihre Erleuchtung durch die christliche Heilslehre? Die galt 
nichts, Germanen verachteten das Christentum - eine geschicht¬ 
liche Tatsache! Völlig unbegreiflich, warum ein Teil der Franken 
plötzlich anders gedacht haben soll. So stellt sich jetzt die bedeut¬ 
same Frage: Wie konnte in der von den Germanen eroberten Provinz 
Gallien die Entwicklung der katholischen Kirche zur überstaatlichen 
Weltmacht stattfinden? 

Jeder Kundige weiß, daß die kirchliche Geschichteschreibung arm 
an erwiesenen Tatsachen ist. Halb- und Dreiachtel-Wahrheiten er¬ 
gänzte sie durch Legenden. Man streiche auch die Weissagungen 
und Wundertaten wegen ihrer Fragwürdigkeit ab. Von den »fro¬ 
hen Botschaften« der vier Evangelisten - weitere verschwanden 
bekanntlich spurlos - ist vieles wegen späterer Zusätze und längst 
erkannten Fälschungen zu verwerfen. Hingegen nicht erfunden 
sind Berichte, Gleichnisse und Predigten, welche die Geld-, Fi¬ 
nanz- und Wirtschaftsverhältnisse des Orients widerspiegeln. Die 
lassen sich nämlich durch Vergleich mit anderen Geschichtequel¬ 
len nachprüfen und bestätigen. Sie enthüllen für Judäa die gleiche 
römische Eroberungspolitik, die wir in Germanien erkannten. 
Während die Römer den Germanenstaat nicht bezwingen konn¬ 
ten und selber besiegt wurden, besiegten sie den jüdischen Prie¬ 
sterstaat mühelos, aber ihnen gelang niemals, mit den Juden fer¬ 
tig zu werden* 1 \ 

Um die jüdische Priestermacht zu brechen, entzog Pompejus ihr 
alle weltlichen Befugnisse und richtete einen weltlichen Satelli¬ 
tenstaat ein, der nach Rom hohe Steuern entrichten mußte. Römi¬ 
sche Geldgier zeigte sich in der Plünderung des Tempels zu Jeru¬ 
salem durch den Triumvir Crassus (-54). Denn man sollte mei¬ 
nen, Crassus hätte das nicht nötig gehabt. Vermutlich machte 
er den Versuch, eine unliebsame Finanz-Konkurrenz auszuschal¬ 
ten. Der Tod des Crassus bald danach (-53) nimmt damit gera¬ 
dezu dämonische Züge an: Er nützte sowohl Caesar wie den Ju¬ 
denpriestern! Die jüdische Priester-Finanzmacht, die ihre Zweig¬ 
stelle in Rom hatte, mit den römischen Parteien und ihren Ränken 
wohl vertraut war, stellte sich hinter Caesar, j edenfalls weiß man, 
daß Caesar durch Juden finanziert wurde®. Caesars - und spä¬ 
ter Augustus’ - Privilegien und Freundschaft zu den Juden än¬ 
derte freilich wenig am Unterworfenenstatus Judäas. An der Geld¬ 
frage, in der die Römer so wenig nachgeben konnten wie die Juden 
nicht nachgeben wollten, so zerstritten sie unter sich waren, ent¬ 
zündete sich jene unversöhnliche Feindschaft, die den Judenstaat 
zum übelsten Unruheherd des Römerreiches machte. Ihre Sekten 
kämpften gegeneinander um Geld, Einfluß, Macht und obendrein 
in der Auslegung der heiligen Schriften - einig waren sie nicht ein¬ 
mal in der Feindschaft zur römischen Besatzung. Die Geldverwal¬ 
tung (Prägung, Geldausgabe und Finanzen) im Namen des Kai¬ 
sers rief Erbitterung und Haß aller Priester Judäas hervor, den sie 
auf das ihnen hörige Volk übertrugen. Wir sehen daher bei jeder 
Aufstandsbewegung sofort den Versuch, eigenes Geld zu prägen 
undauszugeben, was uns 66bis 70 und 130 bis 135 besonders auf¬ 
fällt. In der jüdischen Religion spielen bekanntlich Geld und Un¬ 
terdrückung der Sexualität die Hauptrollen! Die Priester zu Jeru¬ 
salem wollten selbstverständlich die Tempelsteuer kassieren, sie 
verlangten Gehorsam und Geld von den verstreuten Gemeinden 
außerhalb Judäas, sie bildeten einen Staat im Staate. Die römische 
Regierung erkannte die Gefahr und unterdrückte sie mit Härte, 
versuchte aber ihren Grundsatz der Religionsfreiheit beizubehal¬ 
ten®. Bei dem innigen Zusammenhang zwischen Geld und religi¬ 
ösen Doktrinen war das unmöglich. Was die Steuereintreiber der 


Römer übrig ließen, erpreßten Wucherer und Tempelpriester un¬ 
ter Androhung der Strafen Jehovahs®. Wegen des Geldmangels 
verfiel die Wirtschaft. In solcher Zwangslage kann der Menge nur 
wenig für die eigene Notdurft geblieben sein. Existenzangst ver¬ 
wandelte ihr Dasein in einem Alptraum. Für alle Menschen, nicht 
nur die von Besitz und festem Einkommen ausgeschlossenen, war 
das Leben längst sinn- und wertlos (bestes Zeugnis der Bevölke¬ 
rungschwund). In der Vorstellung der Orientalen, die rationales 
Denken nicht kennt, gab es dafür nur eine Erklärung: Der Wille 
Gottes. 

Sie dachten sich Gott beinahe menschlich, aber mit übernatürli¬ 
chen Kräften ausgestattet. Mit denen greife er in das Leben jedes 
Einzelnen - oft nach Laune, sicher bei Ungehorsam - ein. 1000 
Jahre lang hatten ihre Priester diesen Glauben an einen persönli¬ 
chen Gott verkündet, der sein auserwähltes Volk züchtigt und be¬ 
schenkt. Sie bewiesen sich aus den Schriften der Propheten, daß 
die Leidenszeit demnächst ein Ende nehme. Gott werde einen 
»Messias« schicken, sein Volk zu erlösen. Die Meinungen gingen 
freilich weit auseinander wie das geschehen sollte. Die Priester 
dachten an politische Befreiung von römischer Fremdherrschaft, 
damit mehr Geld in die Tempelkasse fließe. Das Volk glaubte ganz 
ohne Grund, daß sein Kommen eine wirtschaftliche Besserstel¬ 
lung zur Folge haben müsse. Vor diesem kapitalistisch-wirtschaft¬ 
lich- religiösen Hintergrund beleuchtet das Neue Testament (ganz 
unabsichtlich) grell die grausigen sozialen Zustände der Zeit, und 
zwar von der Seite der Habenichtse, nicht, wie in Geschichtebü¬ 
chern üblich, von der Seite der Besitzenden®. 

Also Wirtschaftsnot stärkte die Religion und damit die Priester. 
Daher bestand für sie kein Interesse, die Not zu beheben. Aber 
nicht alle fraßen sich dick und verordneten Fasten-und Bußtage 
für das Volk. Es gab zu viele, die dem (jüdischen) Priesterstand 
als Rettungsanker zuströmten. Zwangsläufig mußte der Geldman¬ 
gel des Volkes auch ihn erreichen. Außer den Pharisäern, den we¬ 
niger einflußreichen, aber reichen Sadduzäern, den gewalttätigen 
Zeloten (»Sicarier«, von den Römern als Räuber bezeichnet) 
strebten die Essener (manchmal Essäer genannt) nach Rückhalt 
in der Masse. Die Entzifferung der 1947 aufgefundenen Qumran- 
Schriftrollen hat sehr wertvolle Einsichten in das Wirken der Es¬ 
sener vermittelt, bezeugen sie doch - was heutigen Christenprie¬ 
stern sehr unangenehm ist - christliche Lehren und die (kommu¬ 
nistische) Urgemeinde lange vor Christus! 

Einkommensmäßig am schlechtesten gestellt (von den Einkünf¬ 
ten des Tempels ausgeschlossen), lebten die Essener in völliger 
Armut, mit dem Hauptquartier am Toten Meer. Mit strengen Re¬ 
geln und Vorschriften nach der Art von Mönchorden bildeten sie 
einen religiösen bzw. priesterlichen Verein (wenn nicht gar Ge¬ 
heimbund), der die Geld- und Ausbeutungsfrage durch Gemein¬ 
schaftsleben, gemeinsame Nutzung von Besitz und Einkünften zu 
lösen versuchte und als Erfinder der kommunistischen Gesellschafts¬ 
ordnung zu gelten hat. Daß sie sich mehr schlecht als recht ernähr¬ 
ten, berichtet Matth. 3.4. Wenn einer von ihnen etwas Geld oder 
Nahrung einbrachte, veranstalteten sie davon ein gemeinsames 
Liebes- oder Abendmahl. In Frömmigkeit übertrafen sie die Pha¬ 
risäer. Arbeit stand bei ihnen nicht hoch im Kurs. Sie beschäftig¬ 
ten sich hauptsächlich mit der Auslegung der alten jüdischen Pro¬ 
pheten, die sie für die Zukunft deuteten (die bis heute beliebten 
biblischen Prophezeihungen). Etwa zur Zeit der Nachfolge des 
Kaisers Augustus und ihren Wirren lasen sie heraus, daß der 
Weltuntergang nahe bevorstehe. Wenn Hunger in den Gedärmen 
frißt, sind Wahngedanken (Halluzinationen, siehe Matth. 4, Luk. 
4) allerdings kein Wunder! Sie traten mit ihren Endzeitvorstellun¬ 
gen an die Öffentlichkeit (Matth. 3.1 bis 12, Luk. 3.1 bis 14). Der 


26 


erste Verkünder war Johannes der Täufer, er ist als Essener be¬ 
zeugt. Er predigte echt orientalischen Haß gegen Pharisäer und 
Sadduzäer und warb für den essenischen Kommunismus. Das ko¬ 
stete ihn den Kopf; denn die geldbesitzenden religiösen Macht¬ 
haber verstanden seine Rebellion als Bedrohung ihrer Vorrechte. 
Der von ihm getaufte (d. h. geweihte) »Rabbi« Jesus erdachte 
eine andere missionarische Strategie. Sie war so erfolgreich, daß sie 
ihn zu der Symbolfigur der Menschheit werden ließ. 

Jesus erkannte, daß die Armen, wenn zusammengefaßt, ein be¬ 
achtlicher politischer und zugleich religiöser Faktor werden kön¬ 
nen. »Und Jesus ging hinaus und >sah das viele Volk; und es jam¬ 
merte ihn derselben, denn sie waren wie die Schafe, die keinen Hirten 
haben<. Undfingan eine lange Predigt« (Marc. 6.34). Er beganndie 
anzusprechen, die mangels Geld für die maßgebenden Priesterschaf- 
ten der Pharisäer und Sadduzäer uninteressant waren. Erstmalig 
schien jemand Verständnis für die Notlage der Enterbten zu zei¬ 
gen - was in der Antike niemand tat - und predigte für ihre Sorgen 
die essenische Lebensweisheit: »Darum sorget nicht für den kom¬ 
menden Tag, denn der morgende Tag wird für das seine sorgen. Es ist 
schon >genug, daß ein jeglicher Tagseine eigene Plage habe<. Darum 
sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden 
wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Denn euer himmlischer 
Vater weiß, daß ihr deß' alles bedürfet. Trachtet am ersten nach dem 
Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles Zufäl¬ 
len«^. Damit versprach er alles was das arme Volk begehrte und 
dennoch nichts, was greifbar war oder ihn festlegte. Der Stifter des 
Christenglaubens hatte oder wußte gegen die Probleme von Wirt¬ 
schaftsnot und Völksausbeutung nichts einzuwenden. Als Priester 
sah er alles durch die religiöse Brille und schob die irdischen Sor¬ 
gen auf den »himmlischen Vater«, das »Reich Gottes«, das dem¬ 
nächst auf die Erde käme und/oder das zukünftige bessere Jenseits. 
Er ließ das jüdische Proletariat, denn zu dem allein fühlte er sich 
gerufen 17 ', auf die kommende Katastrophe (der große Kladdera¬ 
datsch, die Weltrevolution der Marxisten unserer Zeit - nichts 
Neues wenn Geld nicht mehr umläuft!) hoffen, die man nicht 
bald genug herbeibeten und -sehnen konnte. Worauf sich dann für 
»Auserwählte« das Paradies - ein künftiges Dasein als Kapitali¬ 
sten - auftun würde 18 '! Als »Frohe Botschaft« fanden solche Leh¬ 
ren, Verheißungen und Prophezeihungen »Jünger« (d.h. Mitar¬ 
beiter, Helfer, Assistenten) und - wir befinden uns ja im Orient 

- gläubige Anhänger. Wie vielen muß durch Träumen (Phanta¬ 
sieren) der Verzicht auf das, was die Welt Menschen bietet oder 
vielmehr nicht bot, leicht geworden sein! 

Historiker und Philosophen beachten nie den Einfluß der Wirt¬ 
schaftslage auf Seelenleben und Volksstimmung. Kein Wunder, 
wenn sie hinter dem orientalischen Wunder-, Wunsch- und Aber¬ 
glauben den Sumpf nicht entdeckten, aus dem die Christenbe¬ 
wegung erwuchs! Eine unter Geldmangel und Kapitalanhäufung 
schrumpfende Volkswirtschaft hat unvermeidlich kulturellen und 
geistigen Verfall (Dekadenz) zur Folge. Der Christus-Kult begün¬ 
stigt ihn, er feiert Leiden und Tod; als Trost die Auferstehung in ei¬ 
ner besseren Welt. Die altjüdische Angst vor dem »Zorne Gottes« 

- wozu diente die Not sonst, als die Treue zum Herrn zu prüfen? 

- tat ein übriges, Zweifel und, falls vorhanden, freie Gedanken zu 
ersticken. Sich vom wirklichen, freilich viel zu harten Leben abzu¬ 
wenden und nach Essenerart dem »Reiche Gottes« nachzulaufen, 
das konnte Jesus, konnten die Apostel, ihre Jünger und Nachfolger 
nach allen Richtungen auslegen, verdrehen, ausbeuten. Die Apo¬ 
stelgeschichte bezeugt, wie schnell sie nach dem Abgang ihres Mei¬ 
sters herausfanden, was seine Weissagungen in klingender Münze 
wert waren. Sie erkannten, wie leicht sie mit kommunistischer Gü¬ 
tergemeinschaft und Endzeitpanik zu Geld kommen konnten. 


Wegen des Widerstandes der jüdischen Orthodoxie und der ver¬ 
hältnismäßig begrenzten Zahl der jüdischen Armen war es na¬ 
heliegend, weitere Geldeinkünfte zu erschließen, indem sie ihre 
»Frohe Botschaft« dem nichtjüdischen Proletariat verkündeten. 
Der erste dieser Scharlatane war ein Genie in seinem Fach, ein 
Jude namens Saul, der sich dann Paulus nannte und die Hei¬ 
denmission erfolgreich in Gang brachte. Er hat den Lauf der Ge¬ 
schichte beeinflußt wie kaum einer vor ihm und nach ihm. Pau¬ 
lus betrieb die Bekehrung ganz geschäftsmäßig. Als altbekannter 
Pharisäer stützte er sich auf die jüdischen Gemeinden der Gro߬ 
städte und verkündigte - offenbar mit dem Einverständnis ihrer 
Vorsteher - Evangelium samt Abendmahl dem verarmten Volke. 
Zum Schluß wurden die Bekehrten zum Zahlen angehalten. Das 
fortwährende Verlangen nach Geld läuft durch Apostelgeschichte 
und Paulusbriefe wie ein roter Faden' 9 '. Mit den Überschüssen 
der Einkünfte wurde alsbald eine neue Filiale im nächsten Ort auf¬ 
gemacht. 

Derart vom Geld beflügelt, zogen die Apostel und Sendboten auf 
Reisen, predigten von einer kommenden großen Teuerung (Apg. 
11.28), vom Jammertal des Diesseits' 10 ', stellten die Enthaltsam¬ 
keit (Askese) als Ideal hin' 11 ', priesen das Klosterleben, besan¬ 
gen den Tod als Erlösung, malten das himmlische Paradies im¬ 
mer schöner aus. Kirchenvater Klemens lehrte: »Gott wird den 
Jungfrauen zusammen mit den heiligen Engeln einen erhöhten Platz 
im Himmelreich geben, das ist eine größere >Belohnung< als Söhne 
und Töchter zu haben«. Verzicht auf Freuden - Belohnung im Him¬ 
melreich! Sie fanden überall aufmerksame Hörer und ein zustim¬ 
mendes Echo - wer wünscht nicht Befreiung von wirtschaftlicher 
Sorge ? Wie viele opfern ihr bißchen Geld, wenn ihnen dafür künf¬ 
tiger großer Gewinn versprochen wurde? Man denke an die ge¬ 
genwärtigen Lottospieler! Mit einer Schamlosigkeit, die aufmerk¬ 
same Bibelleser noch heute erschüttern kann, gingen die Verkün¬ 
der des Christentums abkassieren' 12 '. Da war es zu ihrem persön¬ 
lichen Vorteil, das Volk von der Geldfrage abzulenken und dessen 
Wut über die Ausbeuter in ihrem jüdisch-religiösen Ungeiste ge¬ 
mäßen Kanäle zu leiten. Nicht den Reichtum bekämpften sie, son¬ 
dern die Kultur der beneideten nichtjüdischen Besitzenden durch 
unerhörte Haßorgien gegen Kunst, Spiel und Sport, Sinnlichkeit, 
Schönheit, Freude, besonders aber Wissenschaft, Denken und Bil¬ 
dung. Die Apostel der Dekadenz und Trübsal hetzten den Mob zu 
gewalttätigen Demonstrationen gegen die lebensbejahenden an¬ 
tiken heidnischen Kulte auf. Mit Vorliebe wurde dabei Meister¬ 
werken antiker Bildhauer die Geschlechtsmerkmale abgeschlagen 
oder verstümmelt. Darüber vergaßen sie natürlich die Ausbeu¬ 
tungswirtschaft ! ' 13 ' 

Derartige Unternehmen machten die Christen bekannt und ver¬ 
besserten die finanziellen Erträge der »Glaubensboten«, lockten 
freilich viel Konkurrenz auf den Plan. Evangelisten - d. h. Händler 
in Religion - dürfen auf die traditionsreiche Geschichte ihres Be¬ 
rufes zurückblicken! Wir lesen bereits im ersten Paulus-Brief an 
die Korinther von vier zerstrittenen Christensekten allein in die¬ 
ser Stadt. 

Glaubensgemeinschaften, zumal christliche, fallen sich selbst 
überlassen, regelmäßig bald auseinander. Zum Ende des 2. Jahr¬ 
hunderts bestanden schon Hunderte von christlichen Sekten, dar¬ 
unter nicht weniger als 60 größere. Um 180 schrieb der Christen¬ 
gegner Celsus: »Seitdem die Christen zu einer Menge angewach¬ 
sen sind, entstehen unter ihnen Parteien und Spaltungen, und ein jeder 
will sich einen eigenen Anhang schaffen. Und infolge der Menge tren¬ 
nen sie sich wieder und verfluchen sich dann gegenseitig. «Wie konnte 
aus freiwilligen Gemeinschaften und ihrem unaufhörlichen Zank 
jemals eine einheitliche und herrische Priesterschaft hervorge- 


27 


hen? Alle Berichte bezeugen den Schwerpunkt des frühen Chri¬ 
stentums im Orient, die Ärmsten der Armen der Großstädte bilde¬ 
ten seine anhänglichste Gefolgschaft. Apostel, Märtyrer, Evangeli¬ 
sten, die ersten Gemeinden, Sekten, Konzilien, das Wachstum der 
christlichen Massenbewegung, alle haben dort ihre Heimat. In Pa¬ 
lästina oder Syrien hätte sich der kultische und hierarchische Mit¬ 
telpunkt einer allumfassenden Kirche bilden müssen. Von wel¬ 
cher Seite man auch die Ausbreitung des Christentums betrach¬ 
tet, geschichtlich undenkbar erweist sich Rom als Gründungsort 
von Papsttum und Katholizismus. Denn weder in Rom noch im 
Orient, nein, in den nordwestlichen römischen Provinzen Britan¬ 
nien und Gallien tritt eine herrschsüchtige, selbstbewußte, ein¬ 
flußreiche christliche Priesterschaft erstmals geschichtlich in Er¬ 
scheinung! Der vom Keltenlande ausgehende Siegeszug der Kir¬ 
che zur reichen katholischen Weltmacht scheint auf den ersten 
Blick unbegreiflich. 

Unstreitig stammen alle Priester-(Geheim-)Gesellschaffen aus 
dem mesopotamisch-ägyptischen Raum; ebenso unbestreit¬ 
bar haben sie indische, persische und afrikanische religiöse Ein¬ 
flüsse in ihre Kulte aufgenommen. Die geistige Verwandtschaft 
aller Priesterbünde erklärt sich nicht nur durch allmähliche Aus¬ 
breitung infolge einer Missionierung. Sie sind zugleich mit der 
Einführung der Geldwirtschaft nach Osten und Westen vorgedrun¬ 
gen und dabei zu den Griechen, Römern und Kelten gelangt. Tempel, 
Geld und religiöse Kulte gehörten im Altertum zusammen. Um 
die Zeitwende waren jedoch die Priesterbünde des Orients im 
Niedergang und organisatorisch weitgehend zerfallen, damit ver¬ 
loren sie auch ihren politischen Einfluß. Die römischen Kaiser si¬ 
cherten sich als Pontifex Maximus die Entscheidung über alle Re¬ 
ligionsfragen mit souveräner Selbstverständlichkeit. Der alte Au¬ 
gurenstand in Rom hatte infolge der politischen Veränderungen 
sein Ansehen eingebüßt. Abzulehnen ist der Gedanke, daß die Au¬ 
guren sich christlich bekehrt haben könnten. Die Auguren waren 
ja im Gegensatz zu den Christen staatstragend, und Konstantin 
hat die heidnischen Kulte nicht angetastet. 

Das Altertum kannte noch einen Priesterstand, der einzige, von 
dem man weiß, daß er nach den Eroberungen der Römer im ge¬ 
heimen weiter bestand: Die Druiden im Keltenlande. Für den Ein¬ 
fluß der Druidenpriesterschaft auf die wirtschaftliche, technische 
und politische Entwicklung der Kelten gibt es manche Hinweise, 
doch sind nur wenig schriftliche Zeugnisse erhalten 1141 . Die Drui¬ 
den haben jedenfalls die entscheidende Herrschaft über das Kelten¬ 
land ausgeübt. Ihre Politik war, es in Einzelfürstentümer aufzutei¬ 
len, die sie nach Bedarf gegeneinander ausspielten. Sie allein be¬ 
saßen die Macht, für das gesamte Keltenreich einen einheitlichen 
Religionskult und einen einheitlichen Münzfuß zu bestimmen, 
und um 300 vZtw. führten sie die Goldwährung (Goldstater, nach 
griechischem Vorbild) ein. Die Druidenpriester waren sich daher 
über die Bedeutung des Geldes als Machthebel der Politik völlig im kla¬ 
ren. Die Goldwährung mußte allerdings - das liegt in ihrem We¬ 
sen - die wirtschaftliche und völkische Kraft der Kelten so schwer 
schädigen, daß sie den Germanen nicht mehr widerstehen konn¬ 
ten 1151 . Caesar bekam die ungeheure Macht der Druiden zu spü¬ 
ren als er die Gallier unterwerfen wollte. Die Druidenpolitik der 
Zersplitterung Galliens rächte sich; sie verhinderte die Besiegung 
der Römer. Die Eroberung Britanniens unter Claudius verfolgte 
nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politisch/religiöse Ziele, 
nämlich die Druidenhierarchie in ihrem Hauptsitze auszuschal¬ 
ten. Die Druiden wurden jedoch durch den Untergang der kelti¬ 
schen Fürstentümer, selbst durch die Eroberung Britanniens nicht 
ausgelöscht, das beweisen die Unterdrückungsmaßnahmen späte¬ 
rer römischer Kaiser. Ihr Fortbestehen mußte eine Gefahr für das 


Staatswohl bedeuten. Hier zeigte sich erstmals, daß sie durch Po¬ 
lizei- und Waffengewalt nicht zu vernichten waren. Sie verfügten 
über Ausweichmöglichkeiten, die die römische Macht nicht er¬ 
reichte. bland geriet niemals unter eine Fremdherrschaft. Diese 
Insel konnten die Druiden sich nachweislich sowohl als Zuflucht 
wie als Heim- und Schulungstätte erhalten. 

Keltisch-druidische Macht, Kultur und Sprache reichten weit 
nach Kleinasien hinein. Galata, der wichtige Stadtteil von By¬ 
zanz, war eine alte Keltenstadt. Tatsachen, die man niemals im Zu¬ 
sammenhang sah, obwohl sie von weittragender Bedeutung sind: 
In seinem zornigen Briefe an die Galater hat Paulus sich gegen 
fremde Einflüsse auf seine Anhänger zur Wehr gesetzt. Hier kön¬ 
nen wir die Einmischung der Druiden vermuten. Die müssen zu 
einem sehr frühen Zeitpunkt mit den Verzicht- und Erlösungs¬ 
lehren der christlichen Mission bekannt geworden sein. Die Be¬ 
kehrungserfolge des Paulus ließen sie aufhorchen, weil er die Ge¬ 
folgschaft ihrer Gläubigen, ihre Kulte und vor allem Geldeinnah¬ 
men gefährdete. Sie bemühten sich die christlichen Vorstellungen 
zu übernehmen, ehe ihnen die Schäfchen davonliefen. Sich mit je¬ 
der gerade aufkommenden geistigen Strömungzu identifizieren ist eine 
Priestertaktik, die seit jeher fleißig geübt wird. 

Die praktisch politisierenden Priesterzirkel begriffen alsbald die 
Brauchbarkeit der Christen für die eigenen politischen Ziele. 
Wenn die meisten Zeitgenossen die Christen als zersetzend für 
den kaiserlich römischen Staat erkannten, dann werden die Drui- 
den-Priester sie aus den gleichen Gründen als nützlich für ihre Po¬ 
litik der Unterwühlung begrüßt und gefördert haben. Ihre Verbin¬ 
dungen innerhalb des Römerreiches, besonders in Gallien und 
Britannien, konnten dem Christentum den Weg ebnen und er¬ 
möglichen, hier leicht Fuß zu fassen. In Britannien, wo ihre heim¬ 
liche Gegenarbeit der Römerherrschaft größte Hindernisse berei¬ 
tete, sind frühe Christengemeinden sonderbar, denn ein verzwei¬ 
feltes städtisches Proletariat wie im Orient kann es da nicht gege¬ 
ben haben. 

Der anhaltende wirtschaftliche Niedergang steuerte im 3.Jahr- 
hundert Volk und Imperium in hoffnungslose Zustände. Kai¬ 
ser Diocletian, ein energischer Mann, jedoch völlig ahnungs¬ 
los in Geld- und Wirtschaftsfragen, versuchte mit einer Münzver¬ 
schlechterung bzw. der Ausgabe von Zeichengeld die unerträgli¬ 
che Finanzfrage zu beheben. Er löste dadurch eine katastrophale 
Inflation aus. Um 300 nZtw. war der Warenindex in Rom auf das 
2000fache gestiegen! Handel und Kreditwirtschaft brachen zu¬ 
sammen. Das bedeutete die Verarmung weiterer, bisher begü¬ 
terter Volksschichten, einen allgemeinen Rückgang des Leben¬ 
standes und infolge dessen gewaltiges Anschwellen der Christenbe¬ 
wegung, die durch passiven Widerstand den Staat zugrunde zu rich¬ 
ten drohte. Diocletian vermochte der verfallenden Wirtschaft, 
als Folge davon der überall aufflammenden Unruhen und ihrer 
Brandherde nicht mehr Herr zu werden. Mit Zwangskurs, Preis¬ 
kontrollen, bürokratischen Mitteln und Gewalt (Christenverfol¬ 
gungen) versuchte er das Imperium vor dem Chaos zu retten. Er 
teilte das Reich in vier Herrschaftsbereiche, mit dem unerklärli¬ 
chen Abfall des Carausivs in Britannien (286 bis 293) mußte er 
einen fünften anerkennen. Er ist nicht der einzige Herrscher, der 
an der Geldfrage scheiterte; entmutigt dankte er 305 ab. Merk¬ 
würdig nun: Sofort verläßt Konstantin, der Sohn eines Unter¬ 
kaisers, die Nähe Diocletians und geht in den äußersten Nor¬ 
den des Imperiums, Eboracum (York), Nordengland, unfern der 
Grenze zum nichtrömischen druidischen Keltenland. Hier wird 
Konstantin 306 zum Kaiser und Augustus ausgerufen. Sind die 
römischen Truppen in Britannien unentgeltlich für den Rebellen 
eingetreten? Sehr unwahrscheinlich, ohne Sold ist nie ein Legio- 


28 


när marschiert! Aber das kaiserliche Geld war doch nichts mehr 
wert? Konstantin wäre damit genau so geendet wie alle römi¬ 
schen Generale, die versucht hatten, ohne finanziellen Rückhalt 
nach der Kaiserkrone zu greifen. Für den Kampf um die Macht 
im römischen Imperium - und gegen die rechtmäßigen Nachfol¬ 
ger Diocletians - benötigte Konstantin Kredit, kaufkräftiges 
Geld, also Gold und Silber. Wo konnte er das bekommen? Bei den 
Druidenpriestern Britanniens (bzw. Schottlands/Irlands) natür¬ 
lich! Die günstige Gelegenheit ihrer Anerkennung haben sie so¬ 
fort wahrgenommen. Keine Bank, kein Tempel finanziert politi¬ 
sche Ambitionen ohne Bedingungen und Gewinnbeteiligung! Sie 
nutzten seine geldliche Zwangslage auf eine Weise politisch aus, wie 
es arme, harmlose christliche Sektenprediger niemals fertig ge¬ 
bracht hätten^. Sklaven, Proleten und Enterbten, ja selbst ihren 
Zusammenschlüssen zu Sekten ist einfach nicht möglich, sich zur 
Herrschaft über Staaten und Völker aufzuschwingen; sie blieben 
es ja bis auf den heutigen Tag, während die Priesterkaste Macht, 
Einfluß, Besitz, Reichtum und gewaltiges Prestige errang. Sei es 
eine ad hoc Entscheidung oder aus Überlegung, die Druidenprie¬ 
ster erklärten sich als (Geheim)-Bund geschlossen zu Christen 
und für das Christentum, dessen Inhalt ihnen völlig gleichgültig 
und rein äußerlich war. Der zweite Trumpf, den sie jetzt ausspiel¬ 
ten, war ihre Zusage, die Christen für sein - und zugleich ihr - Er¬ 
oberungsprogramm einzusetzen: »Unterdiesem Zeichen (desKreu- 
zes) gewinnst du (Rom)«. Geldschuld und die keltischen Christen 
ergänzten sich gegenseitig als Zwangsmittel, Konstantin auf Ge¬ 
deih oder Verderb an den Willen der Druidenpriester zu binden. 
Ihre Einflußnahme auf die gesamte weitere Politik des Kaisers ist 
uns geschichtlich bezeugt: Im Entscheidungsjahr 312 hatte er ei¬ 
nen »christlichen« Priester als Berater bei sich. Um diesen Preis 
ließen sie, eine nichtrömische, überstaatliche Macht, die frieden¬ 
kündenden, staatabsagenden Christen des römischen Imperiums 
in den Bürgerkrieg marschieren, kämpfen und sterben. Für einen 
Ungetauften »zum größeren Ruhme Gottes « (wie sie die Aufrich¬ 
tung der Priesterherrschaft zu nennen pflegen). Konstantin be¬ 
lohnte ihre Unterstützung 313 mit seinem gepriesenen »Dul¬ 
dungsedikt« ( 17) . Das Christentum wurde damit ein staatlich aner¬ 
kannter Kult. Die Druiden, die sich bis dahin tarnen mußten, konnten 
fortan als christliche Priester frech in der Öffentlichkeit auftreten. 
Konstantin stellte sodann die Finanzen bzw. den Kredit im 
Imperium wieder her, indem er zum Goldstandard zurückkehrte 
(314/315?). Das bedeutete die Aufwertung aller verschätzten 
Edelmetalle um ein vielfaches und ein Riesengeschäft für die Tem¬ 
pel. Es ist leicht zu erraten, wer ihn zu dieser Maßnahme - Wäh¬ 
rungsreform würden wir sagen - bestimmte! Dieser Glückstref¬ 
fer für das Geldkapital war (wie bei jeder Geldaufwertung) eine 
neuerliche Senkung des Lebenstandes der Bevölkerung - er hatte 
sie also regelrecht verkauft. Was sie für ihre Blut- und Finanzopfer 
erhielt, war ein Kaiser, der dem Geldgott (»Mammon«) diente 
und den die christlichen Priester verklärten! Um die Verschär¬ 
fung der kapitalistischen Ausbeutung für die Massen schmackhaft 
zu machen, ward der Sonntag zum allgemeinen Ruhe- und Fei¬ 
ertag der Kirche erklärt. Die Priester mußten alle regelmäßig zu¬ 
sammenläuten, um dem Volke ihre Macht vor Augen zu führen, 
es von seinen Tagessorgen abzulenken und seine Gedanken hö¬ 
heren Dingen zuzuwenden. Was eignete sich dazu besser als »der 
Tag des Herrn«? Einen Tag feiern zu dürfen war nebenbei eine 
lockende Propaganda für das nichtchristliche Proletariat! Seit¬ 
dem dient das Volk am ersten Tage der Woche der Kirche und an 
den folgenden sechs Tagen dem Kapitalismus. Die Priester- und 
Geldmacht im (bzw. auf dem) Rücken, mit Unterstützung der 
orientalischen Christen und schauerlichen Bluttaten vernichtete 


Konstantin zunächst alle seine politischen heidnischen Gegner 
(318). Dieser Erfolg fand wiederum im Gelde seinen Widerhall: 
Ab 320 verschwanden alle heidnischen Zeichen von den kaiser¬ 
lichen Münzen! 323 wurde Konstantin Alleinherrscher des rö¬ 
mischen Imperiums. Sofort suchten die Priester ihre Macht zu er¬ 
weitern, indem sie ihn zur »Einigung des Christentums« dräng¬ 
ten. Konstantin (nun »der Große«) berief 325 das Konzil zu 
Nicäa (Kleinasien). Dort jedoch besaßen die orientalischen Chri- 
sten-Sektenführer eine überwältigende Mehrheit, nur beschei¬ 
dene 2,5% waren Vertreter aus dem Westen, und die vermochten 
sich natürlich nicht durchzusetzen. Das Konzil ward gleichzeitig 
das getreue Abbild jeder normalen Religionsgemeinschaft - voll¬ 
ständig zerstritten in allen Fragen. Gewiß zogen die Druidenprie¬ 
ster daraus politische Folgerungen und wirkten entsprechend auf 
Konstantin ein. Im Jahre 328 beschloß Konstantin, Byzanz zur 
neuen Hauptstadt des Imperiums auszubauen. In dieser größten 
aller Keltenstädte haben die Druiden unzweifelhaft schon immer 
das entscheidende Wort gesprochen. Es ist daher kein Zufall und 
weist auf die innige geheime Zusammenarbeit der Druiden-Prie- 
sterschaft von Schottland bis Kleinasien hin, daß seit dem 4. Jahr¬ 
hundert Byzanz eine Christenstadt und sogar Hauptstadt der Chri¬ 
sten genannt wurde. Darum also wurde es 330 in Konstantinopel um¬ 
benannt und als »Neu Rom« auch die politische Residenz der Kaiser! 
Von dort und mit Konstantin als Frontmann konnte der Drui- 
den-Priesterbund die Christen des Orients und ihre Führer erheb¬ 
lich besser in den Griff bekommen, unterwandern und beeinflus¬ 
sen. Rom, das heidnisch gebliebene, störrische Rom wurde fortan 
durch politische Maßnahmen - in erster Linie Geldentzug - her- 
untergewirtschaftet. Die Steuergelder flössen nach Konstantino¬ 
pel, zur Versorgung des Proletariats fuhren die Getreideschiffe 
nicht mehr nach Ostia, sondern zum Goldenen Horn. Die Ver¬ 
waltungszentren verlegte man nach Trier und Mailand - wie stark 
die Priester in diesen Städten waren, wird weiter unten dargestellt. 
Im Westen wuchs ihre Machtbasis beinahe ungestört heran, ob¬ 
wohl Konstantins Nachfolger Julian, von den Priestern » Apo- 
status« genannt, d. h. der Abtrünnige, sich wieder zum Heiden¬ 
tum bekannte. Schon um die Mitte des 4.Jahrhunderts hatte der 
»heilige Martin« das Klosterwesen in Gallien eingeführt, und 
als Kaiser Valentinian (364 bis 375) das Land besuchte, wurde 
er von den dortigen Priestern gezwungen, sich vor ihnen zu erhe¬ 
ben! In nur 50 Jahren war die kaiserliche Autorität in die Hände 
der Priester zurückgefallen. Stürzende Staaten haben sie niemals 
betroffen. 

Das zusammengebrochene Imperium übernahm Theodosius 
(379 bis 395), einer der ganz wenigen Kaiser, die nicht aus dem Sol¬ 
datenstande hervorgingen. Er stammte aus dem Westen, aber re¬ 
sidierte in Konstantinopel. Ohne die intrigierende Tätigkeit der 
druidischen Priesterschaff oder gegen ihren Willen wäre Theo¬ 
dosius nie Kaiser geworden und der mühelose Sieg der »katho¬ 
lischen« (= »allumfassenden«) Kirche, wie sie seitdem genannt 
wird, gar nicht möglich gewesen. Theodosius erklärte das katho¬ 
lische Christentum zur Staatsreligion (dafür wurde er ebenfalls als 
»der Große« gefeiert), andere Glaubensrichtungen wurden ver¬ 
boten. Dies geschah schon im Februar 380, wenige Monate nach 
Antritt seiner Herrschaft und erlaubt beachtliche Rückschlüsse 
auf seine Hintermänner und ihre Politik. Bereits für das folgende 
Jahr 381 wurde ein Konzil nach Konstantinopel einberufen (ls) . 
Hier stand den auseinander strebenden Sekten und Parteien des 
Christentums eine geschlossene religiöse und zugleich politische 
Macht gegenüber. Von der Staatsautorität und Waffenmacht des 
Theodosius beschützt, eine tausendjährige Erfahrung in der 
Menschenbeherrschung nutzend, stellte sich der Druiden-Prie- 


29 


sterbund an die Spitze der gesamten Christenheit. Sein entschei¬ 
dender Einfluß auf alle Beschlüsse setzte durch, was er für richtig 
hielt und die unerschöpflichen Geldmittel, über die er verfügte 
(Bestechungen), spielten dabei eine wichtige Rolle. Die Freiheit 
des antiken Menschen, einer Glaubensgemeinschaft anzugehören 
oder nicht, darüber zu denken und zu reden wie es gefiel und die 
bisher von Staatswegen geübte Duldsamkeit in Religionsdingen, 
schaffte man ab. Die ahnungslosen Untertanen, ob christlich oder 
heidnisch, wurden ohne viel zu fragen religiös umgestellt. Seit 
380/81 schrieben die »allumfassenden« Druidenpriester der Be¬ 
völkerung vor, was und wie sie zu glauben, vor allem, daß sie allein 
an ihre christliche Kirche zu zahlen hatte. Ja, das war die wichtigste 
aller Neuerungen: Der »Zehnte« für die Kirche wurde allgemein 
eingeführt und niemand durfte sich davor drücken. 

Die Kirche begann überall wo sie hinlangen konnte, nunmehr mit 
Gewalt gegen die heidnischen Mächte, Kulte und Kultur vorzuge¬ 
hen: 382 Zerstörung des großen Mondheiligtums zu Harran (SO 
Türkei), 383 Ermordung des (Heiden-)Westkaisers Gratian, um 
385 Plünderung und Schleifung des Diana (Artemis)-Tempels zu 
Ephesos (zugleich die größte Bank Kleinasiens!), 389 Erstür¬ 
mung des Serapis-Tempels zu Alexandrien, 390 Schließung des 
(sehr reichen) Tempels und Orakels von D elphi, 391 Vernichtung 
der Bibliothek von Alexandrien, 394 Verbot der Olympischen 
Spiele, 396 letzte Isis-Prozession usw. Es ging nicht bloß um die ge¬ 
waltsame Durchsetzung der katholischen Abart des Christentums , es 
ging in erster Linie um Geld, Gold und Silber. Nicht ohne Widerwil¬ 
len berichten Historiker, daß viele christliche Eiferer diese Gele¬ 
genheit zu persönlicher Bereicherung ausnutzten^ 19 \ Unter Lei¬ 
tung von (druidisch-)katholischen Oberpriestern wurden sämtli¬ 
che heidnischen Tempel gestürmt und ihrer Schätze beraubt, alles 
fortgenommen, was irgend einen Geldwert hatte, selbst minder¬ 
wertige Metalle. In Gallien zog der »heilige Martin« mit bewaff¬ 
neten Banden durch das Land und vernichtete alle heidnischen 
Kultstätten. In Syrien kam der »heilige Marcellus« bei so ei¬ 
nem Raubzug zu seinem Heiligenschein, weil er, feige wie die mei¬ 
sten Priester, sich zu weit hinter seinen christlichen Räuberhaufen 
aufhielt und deshalb von einem Heiden erwischt und totgeschla¬ 
gen wurde. In Ägypten brach der »heilige Theophilus« ^ 20) den 
erbitterten Widerstand des Volkes mit Hilfe der Waffenmacht des 
Theodosius. Nichtkatholischen Privatpersonen wurde durch 
Dekret des Theodosius das Recht zu erben und zu vererben ent¬ 
zogen. Solche Gesetze beweisen die hervorragende Kenntnis der 
Oberpriester in der Bedeutung des Geldes für ihre Macht: Durch 
Entziehung der Vermögen brachten sie jeden organisierten Wi¬ 
derstand in kürzester Zeit zum Erliegen. Innerhalb weniger Jahre 
war alles Heidentum spurlos ausgelöscht, seine Tempel zerstört, 
seine Anhänger verschwunden, die großartigen Standbilder zer¬ 
schlagen oder ins Meer geworfen, die antike Kultur vergessen. Die 
meisten Isis-, Mithras-, Dionysos- und Serapispriester sind gewiß 
zu den neuen Machthabern übergelaufen - wir kennen das ja aus 
unserer Gegenwart. Sie haben ihre althergebrachten Kulthand¬ 
lungen etwas verhüllt »im Namen Christi« manchmal sogar an 
denselben Plätzen weitergeführfl 21 / Widerstand leisteten nur die 
Gebildeten, die Intelligenz. Sie erlitten eine Verfolgung durch die 
inzwischen polizeilich übermächtig gewordene Kirche, die als Ur¬ 
sprung der Inquisition zu verstehen ist. Bei gleichbleibend üblen 
Wirtschaftzuständen wird freilich den meisten Heiden der Unter¬ 
schied zwischen altem Glauben und der neuen Religion gleich¬ 
gültig gewesen sein. 

Die Hauptstädte Galliens, Trier und Lyon, waren Mittelpunkte 
der Regierung, des Handels, des Verkehrs, vor allem - hier ßoß 
das Geld zusammen. Das zog die Priesterschaft besonders an. Wie 


sie sich da einzunisten verstand, beweist die Rolle, die sie in rö¬ 
mischen höheren Gesellschaftskreisen erlangte^. Der drui- 
disch-christliche Priesterbund unterwanderte im 4.Jahrhundert 
die römische Staatsverwaltung! In Trier wurde der »heilige Am¬ 
brosius« geboren (340 bis 397). Sein Vater war der römische 
Prefekt von Gallien. Ambrosius wurde 374 der mächtige Ober¬ 
priester von Mailand und zugleich hoher römischer Beamter (Pro- 
consul). Dieser Mann unterwarf Kaiser Theodosius dem Willen 
der Priester und verfolgte unerbittlich Arianer, Ketzer und Hei¬ 
den. Zu Trier ließ die katholische Hierarchie imjahre 385 zum er¬ 
sten Male Ketzer, nämlich den christlichen Sektierer Priscillian 
und seine nächsten Anhänger durch das Schwert hinrichten. Pris¬ 
cillian hatte das neu eingeführte Dogma der Trinität als nicht¬ 
christlich bekämpft. Wie alle gläubigen Christen begriff er nicht, 
daß eine Priester-Geheimgesellschaft den Christenglauben über¬ 
nommen (usurpiert) hatte, und wenn er es wußte, dann war er ih¬ 
nen gefährlich im Wege und mußte verschwinden. So allgewaltig 
bestand sie bereits um diese Zeit: Nur ihre Fassung des Christen¬ 
tums wurde erlaubt; sie duldete keine Konkurrenz, keine Freiheit, 
übte keine Nächstenliebe und keine Toleranz, damals so wenig 
wie im Mittelalter oder heute. Wahrlich, diese Gesellschaft besaß 
niemals irgendwelche sittlichen, moralischen oder etwa christli¬ 
che Hemmungen! Im Keltenland war die schrankenlose Willkür 
der Druidenpriester, die vor Morden zugunsten der Religion nie¬ 
mals zurückschreckte, seit Jahrhunderten heimisch. Kein Zweifel 
ist möglich, sie bestand nach dem Sieg des katholischen Christen¬ 
tums unverändert weiter. 

In einer neuzeitlichen Untersuchung, die sich nicht sicher ist, ob es 
überhaupt einen religiösen Wandel der Kelten gab, schreibt John 
Sharkey: »Mit dem 6. Jahrhundert war das christliche Mönchwesen 
ein fester Teil der keltischen Gesellschaftsordnung. >Die christianisierten 
Kelten lebten weiter in Berührung mit einem Jenseits, das ihnen wirklich 
erschien, ihre Künste, Kultur und Leben pulsierten weiter im ungebro¬ 
chenen Rythmus der Vergangenheit<«. Ungebrochen von der heidni¬ 
schen Vergangenheit, man höre das wohl! Es gab keine Verfolgung 
der Christenkelten, keine Feindschaft der Heidenkelten den neuen 
Lehren gegenüber - was nun nicht mehr verwundern sollte. 

Die gleichen strategischen Ziele der Druiden-Priester sind die ein¬ 
zige Erklärung für das nachgewiesene Auftreten des Christentums 
bereits um 400 in Irland^. Denn rein theoretisch hätte bland da¬ 
für noch lange nicht in Betracht kommen sollen, weil es weit au¬ 
ßerhalb römischen Einflusses lag und dort ganz andere wirtschaft¬ 
liche, politische und soziale Verhältnisse zu vermuten wären. Und 
hätte eine fremde, beispielsweise orientalische Priestergesellschaft mit 
Theodosius 381 die »allumfassende« Macht im Christentum er¬ 
rungen, wäre sie in Irland auf erbitterten Widerstand gestoßen. Da das 
nicht eintraf, müssen die druidischen Geheimzirkel nach gewiß 
eingehender Beratung selber die »Missionierung« ihres Refügi- 
ums Irland beschlossen haben. Darum gab es keinen Widerstand 
als der »heilige Patrick« dort das Christentum durchsetzte. Pa¬ 
trick hat gegen »die uneinsichtigen Druiden« gepredigt, ein un¬ 
widerlegbarer Beweis, daß sie bis zum 5. Jahrhundert überlebt hat¬ 
ten. Es geht andererseits daraus hervor, daß nicht alle Druiden¬ 
priester die Umstellung mitmachen wollten. Begreiflich, derartige 
Abspaltungen kleiner Gruppen erlitt die Priesterhierarchie im¬ 
mer wieder bei grundsätzlichen Entscheidungen, man denke an 
die Einführung des Zölibates, des Sündenablasses für Geld, das 
Unfehlbarkeitsdogma usw., weil die meisten die Politik der Spitze 
nicht durchschauen! Aber weil die hohe Priesterschaft das Geld be¬ 
saß und kontrollierte, konnte sie stets siegen. Also traten überall 
christlich-druidische Kulthandlungen an die Stelle der heidnisch - 
druidischen. 


30 


Um diesen Übergang zu ermöglichen, hatten die Druidenpriester 
das Christentum an ihre politisch-finanzielle Strategie und alther¬ 
gebrachten Kulte anzupassen. Mit einem Rabbi Jesus, der die ver¬ 
lorenen Schafe von Israel sammeln ging, konnten sie keine Weltre- 
ligion und -herrschaft aufbauen. Aber seine doppelzüngige Moral: 
Den Frieden zu bringen und Zwietracht, Güte zu predigen und 
Haß, die Feinde zu lieben und zu erwürgen, die Reichen verur¬ 
teilen und dennoch ihre Freundschaft suchen, Pharisäer bekämp¬ 
fen und sich mit ihnen zu Tisch setzen, das Gesetz zu erfüllen und 
beliebig abzuändern, im Tempel zu randalieren und ihn heiligen, 
Lobpreisung der Armut und Rechtfertigung der Ausbeutung und 
dergleichen mehr, solche Lehren konnten sie wohl brauchen. Die 
Endzeit (Eschatologie), die laut Jesus Christus seine Zeitge¬ 
nossen erleben würden, wurde jetzt für die nähere oder fernere 
Zukunft - je nach der Wirtschaftslage - vorhergesagt. Seine Er¬ 
wartungslehre vom »Reiche Gottes«, das bald auf die Erde käme 
und von den einfältigen Christen natürlich recht materialistisch 
verstanden wurde - genug Geld für Essen, Trinken, Kleidung und 
Wohnung - also die Lösung der sozialen Frage - vermischten die 
Priester mit der Hoffnung auf das »bessere Jenseits«, das er am 
Kreuze ja auch versprochen hatte. Schließlich suggerierten sie den 
ihnen alles glaubenden Christen unklare Begriffe wie »Sünde«, 
Sündigkeit, Hölle, Fegefeuer u.s.w., wovon nur Priester befreien 
könnten. Sie verwirrten somit alle Vorstellungen, dann stach im¬ 
mer eine von ihren Karten. Nun arbeiteten römische Kapitalisten- 
beamte ihnen mittel- oder unmittelbar in die Hände, ließen aber 
wenig übrig, was sie dem Proletariat noch abnehmen konnten. 
Ihre Christen waren zahlreich, leider auch die ärmsten der Bevöl¬ 
kerung. Das Christentum war gesellschaftsfähig zu machen, da¬ 
mit es als Einheitsreligion für alle paßte und reichlicher Geld ein¬ 
brachte. 

In der Geldfrage sahen sie die heidnische Konkurrenz überall im 
Wege stehen. Sie wußten, wie viel Geld diese Kulte eintrugen, wie 
reich die Tempel waren. Zwecks Hebung der Geldeinnahmen be¬ 
gannen sie im 3.Jahrhundert Jesus als göttlich zu erklären und 
als Ersatz der Vielgötterei aufzubauen. Wir erinnern an den nicä- 
ischen Streit, wo man noch nicht sicher war, ob Jesus gottgleich 
oder gottähnlich sei - der Unterschied ist im Griechischen be¬ 
kanntlich »nur ein Jota«. Verehrte man an den heidnischen Altä¬ 
ren die göttliche Erscheinung eines Herakles, Zeus, Apoll, Mi- 
thras, Dionysos, Osiris, so setzten die Christen-Priester jetzt 
Jesus an ihre Stelle^ 24 -’. Seine Lehren - zumindest die zur sozialen 
Frage - traten in den Hintergrund, die »Leiden Christi« gewan¬ 
nen allergrößte Bedeutung. Das millionenfache Bild des Gekreu¬ 
zigten soll das Mitgefühl erregen, jeden Zweifel an Priestern, die 
dahinter (bzw. davor) stehen unterdrücken und gleichzeitig dem 
Gläubigen einflüstern: Was sind deine Leiden und Nöte gegen 
denjenigen, der allem weltlichen Besitz entsagte, »derfür uns (un¬ 
sere Sünden usw.) gestorben ist!« Aber zugleich offenbart das Bild¬ 
nis des Gottessohnes im Zustand seiner Ohnmacht ihren Zynis¬ 
mus! Sobald der Priester ihn ruft (wie der Priester früher Mit- 
hras, Attis, Osiris usw. anrief), kommt er zu seinem eigenen 
Opfer. Auf diese Weise ward der vergöttlichte Jesus Christus 
zum Höhepunkt der Messe gemacht, doch er wirkt kaum darüber 
hinaus. Irgendwann soll er wiederkommen, zu richten die Le¬ 
bendigen und Toten. Bis dahin fungiert als fingierter Stellvertre¬ 
ter Christi der vormalige Hochpriester der Druiden. Natürlich 
mit unbeschränkter Vollmacht. Mittelpunkt der keltischen Reli¬ 
gion war der Kult der Isis, unter Abwandlung der Namen und Ri¬ 
ten (Kybele, Pallas Athene, Minerva usw.) durch den gan¬ 
zen Orient und Mittelmeerraum verbreitet. Der Name dieser Göt¬ 
tin war irisch »Tuatha De Danaan«. Die oberste Gottheit der 


Druiden war weiblich und jungfräulich! Sie war nun irgendwie in 
den Christenkult einzufügen. Also trat zu Jesus Christus, zum 
»Sohn Gottes« seine Mutter als Gottheit, und die mußte selbst¬ 
verständlich wie Isis jungfräulich und wichtiger als er sein. Nach 
entsprechender Vorarbeit - seit 381 - wurde im Jahre 431 auf dem 
Konzil zu Ephesos das Dogma der Erhebung der »jungfräulichen 
Gottesmutter« beschlossen. Das war ein klarer Sieg der Druiden¬ 
priester und ihrer religiösen Strategie^. Daß die »Jungfrau Ma¬ 
ria« überhaupt und dann auf Bildern stets viel größer dargestellt 
wird als Jesus Christus ist unmöglich aus der Bibel herzuleiten, 
nicht einmal den Kirchelehrern, aber unmittelbar von den Drui¬ 
den. Merkwürdig, der Marienkult ist vor dem 5. Jahrhundert unbe¬ 
kannt. Er löst den Isiskult ab. Die heidnischen Isisfeste stimmen jah¬ 
reszeitlich mit denen der Maria überein- 26 \ Der blaue, sternge¬ 
schmückte Mantel der Isis ist auch die Kleidung der Maria. Wie 
Isis trägt Maria gewöhnlich das Kind auf dem Arm oder Schoß. 
Die religiösen Beinamen Marias sind fast dieselben wie sie Isis 
hatte. Bilder der Isis sind wie die Marias Orte besonderer Heilig¬ 
keit. Ja es hat sogar Bildnisse einer schwarzen Isis gegeben, genau 
wie es bis heute schwarze »Madonnen« gibt. 

Die »Gottesmutter« hat einen höheren Rang als Christus, weil 
sie »mächtig wie ein gerüstetes Kriegsheer« und allgegenwärtig 
ist, ja sie kann sogar Wunder tun, das heißt: Naturgesetze außer 
Kraft setzen. Freilich nur an ausgewählten Orten, zu denen man 
»wallfahren« muß. Wer hat nicht von der wundertätigen Mutter¬ 
gottes von Loreto (bei Ancona, Italien), Loretto (beiArras, Nord¬ 
frankreich), Kevelaer, Tschenstochau, Mariazell usw. gehört, de¬ 
nen in neuer Zeit weitere großartige und riesenhafte Kultstätten 
hinzugefügt wurden: Lourdes 1858, Fatima 1917? Seit 1600Jah¬ 
ren werden Dogmen und Kulte um die Gottesmutter von höch¬ 
ster Stelle der Kirche immer weiter ausgebaut. Ungeheuer ist die 
Zahl der Kirchen, die Maria geweiht sind, in Frankreich hin¬ 
tergründig Notre Dame genannt. Ihr entspricht die Bezeichnung 
»Liebfrauenkirche« oder » Unsere liebe Frau« in Deutschland. Ja 
die »heilige Gottesmutter Jungfrau Maria«, ist sie nicht »Mut¬ 
ter der Kirche« (mater ecclesiae) ? Kein Wunder, je weiter die Ge¬ 
schichte fortschreitet, um so größer ersteht vor uns die Bedeutung 
der Gottesmutter Maria über ihrem Sohne. Mönch- und Ritter¬ 
orden wurden ihre »Vorkämpfer«. Man denke an die Ordens¬ 
hauptstadt Marienburg, der zahlreiche Parallelen entsprechen. 
Selbst Papst und Priester geben vor, ihr zu dienen: Im Jahre des 
Heils 1950, in unserem angeblich aufgeklärten, wissenschaftli¬ 
chen 20.Jahrhundert, ließ der Papst sie leibhaftig in den Himmel 
auffahren, und jeder Katholik, selbst wenn er Professor der Phy¬ 
sik ist, hat das für wahr zu halten, weil laut Dogma sein Hochprie- 
ster-Papst sich niemals irren kann. Mit welcher Beharrlichkeit hier 
eine uralte, heidnische religiöse Geheimlehre den ahnungslosen und 
daher blindgläubigen christ-katholischen Massen aufgezwungen 
wird, ist nur dem begreiflich, der die Entwicklungsgeschichte der 
Priesterherrschaft kennen lernte. 

Ein weiterer Fall von Umformung der jüdischen Christusreligion 
ist das Dogma der »Trinitas«. Im frühchristlichen Glauben ist es 
nicht vorhanden, durch keine Bibelstelle zu belegen. In der heidni¬ 
schen Religion der Druiden war die »Dreiheit« (christlich falsch 
»Dreieinigkeit«, auch »Dreifaltigkeit« genannt) seit Jahrhun¬ 
derten bekannt. Im 4.Jahrhundert (immer dieselbe Zeit!) drin¬ 
gen planmäßig nichtchristliche Einflüsse in die »Heiligen Schrif¬ 
ten« der Christen ein. Jetzt taucht in ihnen plötzlich der »Hei¬ 
lige Geist« auf. Die wenigen Bibelstellen, die den Heiligen Geist 
beweisen sollen sind fraglos ad hoc Fälschungen. Die Priester er¬ 
klären (oder richtiger, sie erklären eben nicht!), »Gott, Christus 
und Heiliger Geist sind ein Gott als Dreiheit und die drei sind 


31 


doch verschieden«. »Die höchste und geheimnisvollste Doktrin 
der christlichen Religion« läßt sich zwanglos auf die Druiden zu¬ 
rückführen, denn die keltische Religion verehrte einen dreiköpfi¬ 
gen Gott (Tricephalous), von dem man in Frankreich und dem 
Balkan zahlreiche Bildwerke aufgefunden hat. Die Christendrui¬ 
den schmuggelten Jungfraugeburt, Heiligen Geist und Dreieinig¬ 
keit/Dreiheit in das »Glaubensbekenntnis« (beschlossen 381 in 
Konstantinopel) und ließen dasselbe bei jedem »Gottesdienst« 
vom Volke wiederholen. Damit wurde die uralte »heilige« Zahl 
Drei der Priester zum Bestandteil des Christenkultes. Anders aus¬ 
gedrückt, der alte Druidenkult wurde praktisch unverändert bei¬ 
behalten. Niemand kann sich unter »Dreieinigkeit« etwas vor¬ 
stellen, denn Bilder wie von Maria und Jesus Christus gibt es 
von ihr nicht mehr. Die Priester sahen ihn ursprünglich als wich¬ 
tig für die Umstellung an, aber im Laufe der Zeit verlor er alle Be¬ 
deutung und da mußten natürlich die Bilder verschwinden. Re¬ 
ligiöse Lehren und Dogmen sind eben im ständigen Fluß. Fort¬ 
während sind die Oberpriester beschäftigt, sie auszubauen, um¬ 
zuändern und neuen Strömungen anzupassen (man denke hier 
an die modernen katholischen »Soziallehren«). Fälschungen zu 
fabrizieren, auch die Gewissenlosigkeit dazu, war in Priesterkrei¬ 
sen schon immer vorhanden, dazu brauchten sie nicht erst Chri¬ 
sten zu werden. Die naiven Religionsforscher, die Abweichungen, 
ja den Verrat an den Lehren von Jesus Christus beklagen, über¬ 
sahen, in welche Hände diese gefallen waren. Paulus, der als der 
erste große Fälscher des Christentums gilt, hat viele ebenbürtige 
Nachfolger. 

Ein vierter Fall von Wiederbelebung alter heidnisch-druidisch prie- 
sterlicher Lehren (oder Irrlehren) ist die Rolle des »Teufels«. Das 
Auftreten eines Gott gegensätzlichen Geistes oder göttlichen Wi¬ 
dersachers ist bekanntlich Teil der persischen und indischen Reli¬ 
gionen. Ihn aus der Bibel zu beweisen macht schon größte Mühe, 
wobei wir obendrein an frühe Fälschungen zu denken haben. 
Diese kümmerlichen Andeutungen wurden ohne erklärende Bi¬ 
belbeweise, denn so viel zusetzen konnte man gar nicht ohne der 
»Heiligen Schrift« ihren »Ewigkeitswert« zu rauben, allmählich 
immer mehr erweitert und ausgebaut. Die Priesterphantasie ließ 
sich darin hemmungslos aus. Sie erfand die Hölle, das Fegefeuer 
u.s.w. hinzu, um aus den verängstigten, krank gemachten Menschen¬ 
seelen ungeheure Geldbeträge herauszupressen. 

Eine Erforschung der Ursprünge der Liturgie, der »sieben Sakra¬ 
mente«, Wallfahrten, der Gebrauch von Glocken, Weihrauch, 
Weihwasser, u.a.m., die im Neuen Testament keinerlei Erwähnung 
finden, stößt ebenfalls auf abgewandelte heidnische Kulthandlun¬ 
gen. Die Verehrung von Heiligen und Reliquien, bei Druiden (na¬ 
türlich auch anderen Priestergesellschaften) längst üblich, über¬ 
nahm die Kirche schon Ende des 4. Jahrhunderts, sie trug ihr sehr 
viel Geld ein. 

Aus der Übernahme der frühchristlich-jüdischen Schriften - man 
könnte es auch Diebstahl nennen - ergaben sich bald erhebliche 
Probleme. Der christliche Erlösungsglaube wurzelte imjudentum 
und den üblen wirtschaftlichen Zuständen des Orients. Jesus war 
Jude, gehörte einer jüdischen Sekte an, viele Apostel waren Juden, 
die Christen pflegten jüdisches Geistesgut. Die Evangelien wa¬ 
ren schon zu weit verbreitet, ihr Inhalt zu bekannt. An ihnen ging 
kein Weg vorbei. Sie im Sinne der Druidenlehren umzubiegen war 
eine Arbeit, die sich als weitaus schwieriger herausstellte als ihre 
Auftraggeber ahnten und keineswegs gelungen ist. Die druidische 
Priestergesellschaft stand unter Zeitdruck, sie konnte nicht vor¬ 
aussehen, was bedeutsam werden würde und was nicht. 

Es ging um die Ausbreitung der Priestermacht; Glaubenstreit, Wi¬ 
derstand und Konkurrenz waren schnellstens mit Gewalt zu bre¬ 


chen. Macht und das große Geschäft sollte allein (Druiden-)Prie- 
stern Vorbehalten sein, deshalb wurden diejüdischenEvangelisten, 
bisher Hauptträger der »Frohen Botschaft«, daraus verdrängt. Sie 
sollten nicht wegen ihrer besseren Kenntnis hebräischer Theolo¬ 
gie unliebsamen Einfluß auf ein druidisch gestaltetes Christen¬ 
tum gewinnen. Unzweifelhaft konnten da Rabbiner und Druiden 
keine Freunde sein, sondern der Geldeinkünfte wegen erbitterte Wi¬ 
dersacher. Überreste dieser ursprünglichen Fehde lassen sich so¬ 
wohl im Neuen Testament und anderen frühchristlichen Schrif¬ 
ten (Kirchenlehrer) als auch in rabbinischen Haßschriften (Tal¬ 
mud) aufiinden. Wahrscheinlich bald nach dem Siege der allum¬ 
fassenden Kirche entschlossen sich die Rabbiner angesichts ihrer 
politischen Ohnmacht' 27 ' zur Zusammenarbeit mit ihr. Da das Ju¬ 
dentum die innigere Beziehung zum Geld hat, es als seine eigentli¬ 
che Gottheit betrachtet, profitierte es von der Christenbewegung 
nicht weniger als die Druidenpriester. Und so sehen wir bis zum 
heutigen Tage das Judentum stets im Troß der missionierenden, 
erobernden und herrschenden katholischen Kirche. 

Was in Nicäa nicht gelang, nämlich die große Bereinigung im 
Christenkult, schaffte man in Konstantinopel 381. Gemäß Konzil¬ 
beschluß wurden der katholischen Kirche nicht genehme Schrif¬ 
ten als »häretisch« sämtlich vernichtet. Damit entzog man wi¬ 
derstrebenden christlichen Sekten die Grundlage. Jede besaß ja 
ihre eigene »Frohe Botschaft«, die meisten waren zugleich Not- 
und Wirtschaftsgemeinschaften (die natürlich zu zerschlagen wa¬ 
ren). Zugelassen blieben nur vier Evangelien, Apostelgeschichte, 
Offenbarung und eine Anzahl sogenannter Briefe (längst nicht 
alle). Dieses so gesäuberte »Neue Testament« gab man als Gottes 
Wort, d. h. von Gott offenbart aus - ein uralter Trick heidnischer 
Priester. Bereits die vier Evangelien widersprechen sich unterein¬ 
ander! Weshalb erklärten die Priester nicht eine der vielen »Evan- 
gelien-Harmonien« zur Heiligen Schrift? Kammeiers grundsätz¬ 
liche Überlegungen gelten auch hier: In einer Harmonie waren die 
Widersprüche nicht unterzubringen. Sie mußten aber bestehen 
bleiben, um religiöse Fragen priesterlicher Auslegung zu überlas¬ 
sen. Fälschungen ließen sich leichter einfügen. Das Problem mit 
der Vernunft unverdorbener Menschen, die daran Kritik übten, 
umging man mit üblicher Priester-Frechheit: Man verbot einfach 
allen Profanen, die »Heilige Schrift« zu lesen. So hielt niemand 
die Kirche ab, die Bibel laufend umzuschreiben, bis heute' 28 '. 
Übrig blieb die Frage, was mit dem naturkundlich, astronomisch, 
mathematisch esoterischen Teil der Druidenlehren geschehen 
sollte. Da Wissen der Todfeind allen jüdischen Glaubens ist, man 
entschlossen war, fortan im jüdischen Kaftan zu herrschen, waren 
sie zweifellos überflüssig, ja hinderlich 129 '. Sie wurden also restlos 
vernichtet oder sind, wie es in der Historikersprache heißt, »verlo¬ 
ren gegangen«. Später wurde einfach behauptet, die Druiden hät¬ 
ten nichts über ihre Lehren schriftlich niedergelegt! Alle Priester¬ 
gesellschaften besaßen ihre »Heiligen Schriften«, die Druiden 
hatten die griechische Schrift bei den Kelten eingeführt, sie selbst 
sollen nichts geschrieben haben? Man führe sich die Verlogenheit 
dieser Ausrede vor Augen: Eine Priesterschaft, die ein umfangrei¬ 
ches Wissen ansammelt, ein riesiges Dogmengebäude aufrichtet, 
von einer Stelle autoritär geleitet, über hunderttausende Quadrat¬ 
kilometer verteilt ist, verzichtete auf das wichtigste Mittel, ihr die 
Geschlossenheit zu sichern? Gerade das vollständige Verschwin¬ 
den druidischen Wissens nach erfolgter Umstellung zur katholi¬ 
schen Christenkirche legt einen Beschluß der Druidenhierarchie 
nahe. 

Die Priesterschaft behauptet, die Gründung der christlichen Kir¬ 
che sei zu Rom durch Petrus und Paulus erfolgt, welche die er¬ 
sten einer bis heute ununterbrochenen Reihe von Päpsten gewe- 


32 


sen sein sollen. Wären katholische Kirche und Papsttum in Rom 
entstanden, hätte man gewiß nicht den griechischen Begriff »ka¬ 
tholisch« = »allumfassend« gewählt, sondern einen lateini¬ 
schen. Die Kirche (keltisch: Kirk) hat den Namen vom griechi¬ 
schen »kyriakon« = »dem Herrn gehörig«. Ihre Kulthandlung 
beginnt mit dem »kyrie eleison«. Der »Papst« bezeichnet sich 
nach einem griechischen Worte. Diese Begriffe müssen entstan¬ 
den sein lange bevor es eine »römische« Kirche gab. Während 
man über allmächtige heilige (christliche) Oberpriester in Gal¬ 
lien bzw. Frankreich und dem gallischen Norditalien manches in 
der Geschichte findet, sind die Angaben über katholische Päpste zu 
Rom 1000Jahre lang legendenhaft und fragwürdig. Man verwun¬ 
dere sich nicht, daß Verzeichnisse der Päpste erdichtet, Papstur¬ 
kunden haufenweise gefälscht sind, daß es keinen geschichtlichen 
Beweis für ein Erstrecht der »Statthalterschaft Christi in Rom« 
gibt. Hätte die römische Gemeinde des Paulus Bedeutung erlangt, 
wäre es nicht nötig gewesen, so viele Legenden zu erfinden! 

Noch lange nach Paulus wird ein christlicher Stadtpfarrer ver¬ 
hältnismäßig wenige Schafe betreut haben. Im antiken Rom er¬ 
regte die soziale Frage nie das Aufsehen wie in Byzanz oder im Ori¬ 
ent, weil durch Getreideverteilung (Sozialunterstützung) und Ar¬ 
beitsbeschaffung (Großbauten noch im 3. Jahrhundert) Unruhen 
niedergehalten wurden. Da Fuß zu fassen muß dem Christentum 
nicht leicht gefallen sein. Um die Mitte des 4. Jahrhunderts, als die 
Druiden-Christen schon längst Gallien in der Hand hatten, zählte 
und beschrieb ein Zeitgenosse 426 Tempel in Rom, aber keine ein¬ 
zige christliche Kirche! Die Ewige Stadt war selbst nach Konstan¬ 
tins Eroberung Mittelpunkt heidnischer Kultur und Religion ge¬ 
blieben. Rom wurde erst durch einen Gewaltstreich des Theodo- 
SIUS bzw. Ambrosius nach 390 christlich gemacht. Später, rund 
einjahrhundert später, erhielt Rom einen Bischof, der als ein dem 
byzantinischen Kaiser verantwortlicher Patriarch der Ostkirche 
(Theoderich und Ostgotenreich!) aus politischen Gründen ei¬ 
nen höheren Rang innehatte, aber keinen Vorrang. In Rom war ein 
Papsttum jedenfalls bis 390 ausgeschlossen, nach 410 nicht mehr 
durchzusetzen und obendrein zwecklos, weil Rom seit 403 nicht 
mehr amtliche Hauptstadt des Imperiums war. 

Verständlich, wenn Konstantin und seine katholischen Berater 
nicht in dieser Stadt regieren wollten und nach Byzanz umzogen. 
Wir müssen sogar fragen, ob die Bezeichnung »Neu Rom« nicht 
ein späterer Einschub kirchlicher Fälscher ist - was immerhin be¬ 
achtlich wäre! Der Sachverhalt weist auf eine gesamtrömisch-im- 
perial -»orientierte« Priesterpolitik, die lange auf Konstantinopel 
und das griechisch/orientalische Christentum gesetzt hat und da¬ 
mit scheiterte. 

Höchstwahrscheinlich hatte der Hochpriester zur Zeit der Ger¬ 
manenstürme seinen Hauptsitz, gewißermaßen seinen »Vati¬ 
kan«, nach Mona, Schottland (Iona?) oder Irland zurückverlegt. 
Nicht nur seiner Sicherheit wegen, sondern um von einem neu¬ 
tralen Platze politisch im Osten und Westen Einfluß nehmen zu 
können. Seine Vormachtstellung in Gallien und den Randlän¬ 
dern ging verloren. Nach Theodosius’ Tod (395, er starb bei sei¬ 
nem Oberpriester Ambrosius in Mailand) zerbrach das römi¬ 
sche Imperium endgültig. Die Germanen durchkreuzten die drui- 
disch-katholische Priesterherrschaft; wie wir heute wissen, für 
ewig. Stilicho, der germanische »magister militans« setzte in 
Konstantinopel die endgültige Teilung des Imperiums durch und 
nahm unter seiner Aufsicht den jungen Honorius als Schatten¬ 
kaiser nach Rom bzw. Raben (Ravenna). Man möchte bei dieser 
interessanten diplomatischen Auseinandersetzung länger verwei¬ 
len, weil die Verdrehungskunst der Fälscher einer Prüfung nicht 
standhält (30 l 


Zu seinem Ärger entdeckte der Hochpriester, daß das byzanti¬ 
nische Reich sich gleichfalls von seiner Vormundschaft loslöste. 
Zum einen gewiß, weil er zu weit entfernt vom christlichen Orient 
zu regieren versuchte, zum anderen wegen der Finanzfrage. Die 
Söhne des Theodosius hatte er noch beherrscht, die nachfolgen¬ 
den Kaiser waren Griechen und Orientalen, die lieber das Steu¬ 
eraufkommen für sich verbrauchten als mit den Druiden zu tei¬ 
len. »Die Handelsbilanz des Oströmischen Reiches war fortlau¬ 
fend passiv und der daraus folgende ständige Abfluß von Gold nach 
dem Osten ist ein Grund für die allmähliche Verarmung sowohl des 
alten wie die neuen Roms«. Zugleich für Gott und Kaiser war ein¬ 
fach nicht genug Geld da! Das führte zum Bruch zwischen Hoch¬ 
priester und Monarch. Die Kaiser erstrebten die Wiederherstel¬ 
lung des alten Imperiums (Eroberung Griechenlands, des Bal¬ 
kans, Nordafrikas und Italiens, Konsulat für Chlodewech), um 
sich neue Geldquellen zu erschließen. Unbeschränkt galt in Kon¬ 
stantinopel das alte orientalische Staatsprinzip eines Herrn über 
Leben und Tod (Sultanat). Die Ostkirche anerkannte den Kaiser 
als ihr priesterliches Oberhaupt, als pontifex maximus. Der konnte 
gar keine andere als orientalische Politik betreiben. Er dachte nicht 
daran, dem »Heiligen Vater« den verlangten Vorrang - und oben¬ 
drein Geld! - zuzugestehen. Der Hochpriester blieb hartnäckig 
bei seinem Grundsatz, jeden weltlichen Fürsten, selbst den Kai¬ 
ser, unter seine Macht zu ordnen. Weil er den Widerstand des Ori¬ 
ents gegen seine Ansprüche nicht überwinden konnte, ihm an 
weltlicher Macht und genügend Geld fehlte, sich mit Gewalt durch¬ 
zusetzen, verlor er im Osten den Einfluß. 

Bis zum 8. Jahrhundert bemühten sich die West-Priester, die dog¬ 
matische Einheit mit dem östlichen Christentum zu erhalten. 
Nicht nur aus religiösen Gründen; zum Ostreich gehörten Ägyp¬ 
ten und Sudan, beide christlich bekehrt, und von dort kam fast al¬ 
les Gold des Frühmittelalters. Da das byzantinische Kaisertum 
nicht ihren Grundsätzen entsprach und die Germanen entweder 
Heiden oder Arianer waren, beschränkte sich ihre Machtbasis auf 
West-Britannien und Irland, bedingt und auf die Altbewohner be¬ 
schränkt Gallien, Norditalien (Gallia Cisalpina) und Spanien. So¬ 
lange die germanische natürliche Gesellschaffs- und Wirtschafts¬ 
ordnung bestand, besaßen die Christ-Druidenpriester über sie 
keine Macht. Von dem riesigen Triumph mit Theodosius war in¬ 
nerhalb von SO Jahren nicht mehr viel übrig! Aber die Priester ga¬ 
ben nicht auf, sie fingen unverzagt von neuem ihren Tempelbau 
an. Ein Schauspiel der Geschichte, die sich stets wiederholt und 
niemand b egriffen hat! 

»Dergrößte Theaterdirektor ist Gott Vater, 

Der hütet brillant das Welttheater. 

Zwar gibt er immer dasselbe Stück, 
jedoch er hat einen himmlischen Trick: 

Er läßt, ist eine Serie um, 
erstehen ein neues Publikum, 

Das von Jahrhundert zu Jahrhundert 
Das alte Stück als neu bewundert.« 

Sie hatten noch Trümpfe in den Händen: Zuerst Gold und Silber, 
denn irgendwo sind neue Schätze gesammelt und gehortet wor¬ 
den, und wo sonst, wenn nicht bei den geldkundigen Oberprie¬ 
stern? Dann das Geldkapital, das den Horten entspringt. Trotz al¬ 
len Stürmen war es die alte geheimnisvolle Macht über Menschen 
und Volkswirtschaften geblieben. Ein weiterer Trumpf war der 
Niedergang von Handel, Gewerbe und Landbau^ 31 / Das 5. (und 
6.) Jahrhundert ist eine Zeit, in der wegen Geldmangel die arbeits¬ 
teilige Wirtschaft praktisch aufhört. Weitgehend kehrte man zur 
Tauschwirtschaft zurück. Das hatte eine zunehmende Not und 
Verelendung der Volksmassen zur Folge. Unter solchen Verhält- 


33 


nissen erhielt das Christentum Zulauf wie nie zuvor. Nachweislich 
nahm die Kirche in dieser Zeit einen ungeheuren Aufschwung, 
zahllose Klöster wurden gegründet, sie wurde mit ihnen selbst 
Wirtschaftsunternehmer, sie festigte sich organisatorisch. Histo¬ 
risch unbestritten ist auch die unvorstellbare allgemeine Demora¬ 
lisierung. »Schmutz und Krankheiten wurden ehrenvolle Kenn¬ 
zeichen der Heiligen, abartige Fakire stellten sich mit Dreck und 
Schwären zur Anbetung durch die Gläubigen aus, andere erfan¬ 
den noch unsinnigere Methoden der Selbstkasteiung«. Dank ih¬ 
rer Geldhorte gewannen die Priester von Jahr zu Jahr mehr An¬ 
sehen und politischen Einfluß. Die neuen Hierarchien und ihre 
Dogmen setzten sich nach erbitterten inneren Streitigkeiten 
durch. Das war eine Einladung, einen neuen Kampf um die Herr¬ 
schaft der Welt aufzunehmen. Für neue Eroberungen mußten al¬ 
lerdings politische Strategie und Taktik geändert, mehr Geld be¬ 
schafft und neue Streiter gefunden werden. 

Mit Überlegung griffen die Priester auf die abgerichteten, zuver¬ 
lässigen, von Kriegen und fremden Einflüssen nicht berührten 
Kelten als Werkzeuge ihrer Expansionspläne zurück. Die abge¬ 
legene Insel Irland war zudem vor germanischer Überwachung 
sicher. Ihre alten Druidenklöster erhielten eine neue Aufgabe: 
Hier wurden jetzt die christlichen Agitatoren oder kirchlich aus¬ 
gedrückt: Glaubensboten ausgebildet, »eingeweiht« und plan¬ 
mäßig ins Ausland gesandt, genau wie im 20. Jahrhundert die in 
Moskau ausgebildeten Komintern-Agenten in ihrer Wühltätigkeit 
für die Roten Zaren verführen. Irland wurde die »Insel der Heili¬ 
gen« ! Wir werden später nachweisen, daß die meisten von ihnen 
ins Germanenland geschickt wurden, um Christentum und zu¬ 
gleich die kapitalistische Wirtschaftsordnung einzuführen. Nicht 
zuletzt dürften die Priester gehofft haben, mit den unüberwindli¬ 
chen Germanen die benötigten tapferen Kämpfer für ihre Gottes¬ 
ordnung zu gewinnen. 

Jesus ist der erste gewesen, der die verachteten, hungernden, ver¬ 
zweifelten, vergessenen Besitzlosen angesprochen, aufgerüttelt 
und gesammelt (mobilisiert) hat. Er predigte vom Reich Gottes, 
das sich um die Wirtschaftsverhältnisse kümmere. Sie seien Got¬ 
tes Wille und Einrichtung, und der Mensch habe sich Gott zu un¬ 
terwerfen. Damit erklärte er das Ausbeutungssystem zu einer hö¬ 
heren Gewalt. Man müsse nur fest an Gott und sein Himmelreich 
glauben; »ein guter Christ sein«, dann bekäme man alles - eben 
kraft der höheren Macht Gottes. In unserem Leben hieße das, den 
eigenen Erwerb und Verdienst mit den Ärmeren zu teilen - der 
Kommunismus! Und da es einleuchtet, daß man einer höheren 
Gewalt bedarf um die Güter der Welt für die Gemeinschaft zu ver¬ 
walten, ist eine irdische Autorität vonnöten, die im Aufträge Got¬ 
tes wirkt: Die Kirche^. Damit lieferte Jesus das Volk rettungs¬ 
los den Priestern aus, sicherte die Grundlage aller Priesterherr¬ 
schaft, nämlich das Geldkapital, vor Angriffen der Habenichtse 
wie es kein Kapitalist je erträumte. Die Priesterkaste beschenkte 
ihn dafür mit den höchsten Titeln, die sie vergeben konnte: Chri¬ 
stus, d. h. der Gesalbte, Messias, Erlöser, Heiland und schließlich 
ernannte sie ihn zum Gott. Weil das Volk auf ihn als Schöpfer sozi¬ 
aler Gerechtigkeit gehofft hatte - und heute noch hofft - ward Je¬ 
sus noch in anderem, doppelten Sinne vergottet: Aus dieser irdi¬ 
schen Hoffnung brauten die Priester eine kapitalistische Weltre¬ 
ligion. 

Die Auswirkungen der neuen Staatsreligion auf das volksausbeu- 
tende Wirtschaftssystem waren außerordentlich. Mit den (weltli¬ 
chen und geistlichen) Drohmitteln der Kirche und ihren unbedingt zu 
glaubenden Verheißungen ließen die sozialen Unruhen, Widerstände 
und Gewalttaten erheblich nach, was von allen Kapitalisten gewiß mit 
Freude vermerkt wurde. Was Prügel und Kreuzigungen nicht er¬ 


reichten, der Christenglaube schaffte Gehorsam und »Frieden«. 
Ein enges Zusammenwirken zwischen Kirche und Großkapital er¬ 
gab sich daraus - es hat bis heute angehalten! Es gab keine zweck¬ 
vollere Glaubensform, die sich so zur Beherrschung und Ausbeu¬ 
tung der Menschen eignete, den Priestern so große Macht ein¬ 
räumte wie die katholisch-christliche (Der Islam war ja noch nicht 
erfunden). 

Von vorchristlicher Zeit läßt sich aus den Berichten Caesars die 
überragende Rolle der Druidenpriester, ihre bevorzugte Stellung 
im keltischen öffentlichen Leben entnehmen (wozu sollten Fäl¬ 
scher hier nachgeholfen haben?)( 33) . Wer bezweifelt das außeror¬ 
dentliche Ansehen und die Sonderstellung der Priester heute im 
Leben christlich-katholischer Staaten? 

Die Druidenpriester haben niemals eine andere Macht neben sich 
oder über sich anerkannt. Welche Macht die Druiden besaßen, 
belegt folgendes Zitat aus einem Allbuch der Religionen: »Der 
Druide war der Mittler zwischen Gottheit und Fürst (König), und die 
gleiche Rolle hatte der Fürst zwischen Druiden und Volk. Der Fürst 
übte das Richteramt aus, aber >der Druide machte die Gesetzes. Der 
Druide war weder an eine staatliche noch an eine soldatische Pflicht ge¬ 
bunden, aber er hatte das Recht Waffen zu tragen und Krieg zu erklä¬ 
ren, wenn ereswollte.« 

Demnach verstanden sich die Druidenpriester als ein gesellschaft¬ 
licher Stand höherer Art, für den es eine eigene Ordnung gab und 
der Welt die Gesetze vorschrieb. Die Auffassung, die der katholische 
Klerus bis zum heutigen Tage von sich selbst hat, ist damit iden¬ 
tisch^! Die straffe und vielfach abgestufte Rangordnung der ka¬ 
tholischen Priester ist nicht zu übersehen. Sie widerspricht dem 
Neuen Testament und Jesus Christus rundweg, sogar dem Ju¬ 
dentum, aber sie pflegen damit eine uralte, vorchristliche Einrich¬ 
tung der Druiden. Die Druiden (wie heute der katholische Kle¬ 
rus) waren eine anationale Priesterschaft: Aus Unkenntnis ihrer 
selbstsüchtigen Politik stellt man sie als national-keltischen Bund 
vor. Sie haben die keltische Nation geschaffen, aber ließen sie fal¬ 
len, als sie von den Römern bezwungen war und ihnen nicht mehr 
nützte. Obwohl mit dem Griechischen aufs engste verbunden, 
paßten sie sich der römischen Herrschaft an und fanden im Ge¬ 
brauche des Latein eine nützliche Tarnung, woraus sich schlie߬ 
lich ihre Amtsprache entwickelte (»Mönchslatein«). 

Auf verschwiegene Zusammenhänge von Druiden und katholi¬ 
schem Klerus weisen viele weitere Tatsachen hin: Katholische 
Veröffentlichungen sagen über die Isis nichts aus. 

Ihre Übereinstimmung mit dem Marienkult wird übergangen. Sie 
verschweigen die nichtchristliche/nichtjüdische Herkunft der 
meisten katholischen Lehren, Dogmen, Gebräuche und Einrich¬ 
tungen (Sie haben ja später das germanische Weihnachten, Ostern 
und Pfingsten ebenso übernommen und christlich umgestaltet). 
Sie übergehen die geschichtliche Existenz des Druidenpriester¬ 
tums. Man setzt sich mit fast allen Religionen und Abweichun¬ 
gen auseinander, aber nicht mit dem, was Druiden und katholi¬ 
sche Hierarchie so ähnlich macht. Der Papst gibt sich als Nach¬ 
folger der Apostel Petrus und Paulus aus, unbewiesen, denn die 
hatten und waren keine Macht, weder in Rom noch sonstwo. Der 
wirkliche, einzigartige, allmächtige Vorgänger des Papstes war tat¬ 
sächlich der Hochpriester der Druiden. Der residierte zur Römer¬ 
zeit auf der britischen Insel Mona/Anglesey, auch Schottland, die 
Inseln Man und Irland standen ihm stets zur Verfügung. Er war 
unangreifbar, und nach dem wenigen, das wir über ihn wissen, 
regierte er unfehlbar über die gesamte Priesterhierarchie. Seine 
Halbgott-Stellung änderte sich nicht, als sich die Druiden für das 
Christentum entschieden! Gilt der »Heilige Vater« nicht genau so 
als unfehlbarer, unangreifbarer Halbgott? 


34 


Das Christentum entwickelte sich nicht als eine Bewegung der unter¬ 
sten, ärmsten Klasse zur überstaatlichen Weltmacht, sondern wurde 
von einer eingesessenen, mächtigen, schwerreichen Verschwörung un¬ 
terwandert, übernommen und als »Katholische Kirche« allgemein 
durchgesetzt. 

Ohne sich um Beweise zu bemühen, nahm man bisher stillschweigend 
an, daß die Druiden irgendwie untergegangen sind und der katholi¬ 
sche Klerus sich irgendwie von selbst erzeugte. Tatsächlich hat ein al¬ 
ter Priesterbund aus Geschäftsgründen lediglich sein Aushängeschild 
geändert. 

Die Zusammenfassung durch die Druiden, Verzeihung, unter den 
katholischen Priestern verschaffte ihnen ungeahnte neue Geldein¬ 
nahmen, die sie dazu verwendeten, noch mehr Macht und Einfluß 
zu erringen. In Anwendung dieser Strategie unterdrückten sie das 
(dafür unbrauchbare) Heidentum und alle erreichbaren Christen¬ 
sekten: Die hatten dem Alleinanspruch der Priesterkaste auf gei¬ 
stige, politische und wirtschaftliche Vorherrschaft nichts entge¬ 
genzusetzen. 

Um mit einem Anschein von göttlicher Vollmacht auftreten zu 
können, erklärte sie die Kirche als das Reich Gottes (Jahwe) auf Er¬ 
den. Im gewissen Sinne traf das sogar zu: Mit ihrem Geldreichtum 
wurde sie die internationale Finanz- und Wirtschaftsmacht. Die 
konkurrierenden heidnischen Tempel-Banken waren ausgeschal¬ 
tet und von der allumfassenden Kirche verschlungen worden. 
Ihre Stellung zur Menschheit wurde im 5. Jahrhundert durchgrei¬ 
fend umgestaltet und den neuen Machtverhältnissen angepaßt^ 35 \ 
Die soziale Frage durfte niemand mehr stellen. Lüge und fortlau¬ 
fende Fälschung der Geschichte - bis heute - ward für die Prie¬ 
ster unverzichtbar, um ihren Anspruch auf Alleinherrschaft über 
alle Christen, ja alle Menschen zu festigen. Da das Kaisertum in 
Konstantinopel je länger um so mehr solche Ansprüche unmög¬ 
lich machte, bauten sie eine politische Gegenmacht auf. Aus Rom 
kam die Idee des weltumfassenden Imperiums und die sichtbare 
Machtstellung des Kaisertums über den Völkern, von den Drui¬ 
den die Lehre von der göttlichen Mittlerrolle und Übermacht 
des Priestertums, was nun das Wesen des Katholizismus wurde. 
Sie gingen dazu über, in Konkurrenz mit Byzanz ihre katholische 
Kirche dem Römerimperium gleichzusetzen, ja sie erklärten sie 
als »Erbe Roms«. Wenn sie auf die Bezeichnung »römisch« zu¬ 
rückgriffen, dann weil in der alten Hauptstadt die altgewohnte Be¬ 
fehlsgewalt vermutet wurde, zweitens unstreitig sie geistige Erbin 
des römischen Imperiums geworden ist und drittens dessen ori¬ 
entalisch-kapitalistischen Rechtsgrundsätze sich zu eigen machte. 
Wann sie ihre Kirche »römisch« genannt haben, ist geschichtlich 
völlig ungewiß. 

Die ersten Kreuzzüge gegen die Germanen 

In diesen Hexenkessel führte der Angriff des Frankenheeres, das 
Gallien für die Germanen erobern sollte. Der Zusammenbruch 
des römischen Widerstandes ergab sich zwangsläufig aus der stra¬ 
tegischen Gesamtlage, die für Rom hoffnungslos geworden war. 
Die Bevölkerung begrüßte erweislich die Franken als Befreier und 
erhoffte unter der germanischen Herrschaft wirtschaftlich und 
menschlich bessere Zeiten. Um 400 dürfte das Land als befriedet 
anzusehen sein. Die Familien der Germanenheere zogen nach, um 
das Land zu besiedeln und die germanische Gesellschaftsordnung 
war eingeführt. Die vielen, teilweise großen Städte Galliens waren 
für ein Bauernvolk uninteressant und wurden den Eingesessenen 
überlassen, vermutlich nicht einmal die römische Kontrolle über 
sie beseitigt. Dies würde erklären, weshalb der (west)römische 
Kaiser dort immer noch Hoheitsrechte geltend machen konnte. 
Eine gefährliche Unterlassung; gerade unter dem städtischen Pro¬ 


letariat wie unter den Kapitalisten und vor allem der christ-katho¬ 
lischen Druidenpriesterschaft konnte sich unbeachtet jede Art 
von Feindschaft gegen die neuen Herren des Landes verbergen 
und zusammenrotten. Denn von Feindschaft gegen die Germanen 
ist merkwürdigerweise schon bald die Rede, und die kann nur von 
hier ausgegangen sein. Alle, die von der Germanenherrschaft Ver¬ 
luste, vor allem an Grundbesitz hinnehmen mußten, waren von un¬ 
versöhnlichem Haß erfüllt. Am meisten hatten die Priester zu ver¬ 
lieren. Mit ihrer tausendjährigen Erfahrung in der Politik witterten 
sie in der Freiheit und natürlichen Wirtschaftsordnung der Germa¬ 
nen eine größere Gefahr für ihre Herrschaft als die Polizeigewalt der 
römischen Kaiser und Beamten. Und falls die Franken Christen, 
und zwar Arianer waren, so mußte eine freiere Kirchenordnung 
als die katholische die Macht der Priesterschaft binnem kurzem 
zerstören, genau wie 1000Jahre später der Protestantismus sie aus 
Deutschland hinwegfegte. Offenbar haben drei Dinge dies verhin¬ 
dert: Die Verachtung, die alle Germanen für »Welsche« empfan¬ 
den, die fremde Sprache und die Wühlarbeit der Priester, eine Ver¬ 
ständigung zwischen beiden Völkern mit allen Mitteln unmöglich 
zu machen. Duldsamkeit ist menschlich edel und begreiflich, je¬ 
doch konnten zwei völlig gegensätzliche Gesellschaftsordnungen 
wie die naturgewollt germanische und die priester-kapitalistische 
nicht in einem Staate neb eneinander bestehen. Unzweifelhaft hat¬ 
ten die germanischen Führer von der geistigen, geheimen Macht 
der Priesterschaft so wenig eine Ahnung wie die Menschen unse¬ 
rer Zeit. Wie wenig kann der freigeborene Mensch sich vorstel¬ 
len, was in dem Gehirn eines durch Glaubenslehren verdumm¬ 
ten Menschen vor sich geht, der sich ohne seinen Priester verlo¬ 
ren glaubt, der geradezu tollwütig werden kann, wenn man seine 
krankgemachte Vorstellungswelt anrührt! Auch den Franken wird 
es nicht anders gegangen sein; sie werden über die welschen Nar¬ 
ren gelacht und die »welsche Tücke« darüber vergessen haben. 
»Man darf daraus folgern, daß die Stufenleiter der kirchlichen Hier¬ 
archie intakt, die kirchliche Organisation arbeitsfähig blieb. Sie wahrte 
auch die überkommenen Grenzen. Die Bistümer Trier und Köln zum 
Beispiel hielten noch Jahrhunderte >die alte Scheide der römischen 
Provinzen Ober- und Niedergermanien< fest. Wie >selbstverständlich 
lebte die Kirche nach römischem Rechte weiter<. Und ebenso selbst¬ 
verständlich vertrat sie gegenüber den Eroberern nicht nur ihre eige¬ 
nen Interessen, sondern auch die romanisierten Volksteile. Die natür¬ 
lichen Zentren der kirchlichen Fortexistenz waren die alten Römer- 
städte«^ 6 \ So bestätigt uns der gewiß nicht germanenfreundliche 
Rudolf Portner, der mehrfach die germanische Duldsamkeit 
gegenüber fremden Völkern und Bräuchen zugeben muß. 

Die nur kümmerlich erhaltenen, widersprüchlichen und oben¬ 
drein verfälschten Berichte über jene Zeit erlauben nur mit großer 
Vorsicht die Intrigenarbeit der Priester- und Kapitalistenklüngel 
bei den fränkischen Führern nachzuzeichnen. Sie hat stattgefun¬ 
den, wie der verworrene Verlauf der Ereignisse beweist. Die ge¬ 
schriebene Geschichte weiß leider nicht, welche schädliche Rolle 
die einheimische gallische Bevölkerung bei der großen innerger¬ 
manischen Auseinandersetzung im Jahre 451 gespielt hat, was von 
der Priesterschaft unternommen wurde, den Bruch der Westger¬ 
manen mit dem Gesamtvolk herbeizuführen und unheilbar zu 
machen. Eine merkwürdige Rolle spielt dabei der »römische« 
Feldherr Aetius, ein Mann der in Silistra 390 geboren wurde und 
in Gallien zu gewaltigem Einfluß gelangte. Dieser soll im Jahre 
437 im Bunde mit den »Hunnen« und mitteldeutschen Germa¬ 
nen die Burgunden unterworfen, aber schon 446 die »römische 
Rheingrenze wiederhergestellt haben« und fünf Jahre später fin¬ 
den wir ihn als Anführer der Westgermanen, auch der Burgunden, 
im Kampfe gegen die »Hunnen« und anderen Germanen! 454 soll 


35 


der weströmische Schattenkaiser den Aetius eigenhändig nieder¬ 
gestochen haben. Aetius muß sich deshalb eines ungeheueren 
verbrecherischen Ungehorsams, wahrscheinlich Hoch- und Lan¬ 
desverrats zugleich, schuldig gemacht haben. Wenn er nicht Feld¬ 
herr des römischen Kaisers war, wessen Mann war er denn? Konnte 
der Kaiser zu Rom (bzw. Ravenna) mit seiner beschränkten wirt¬ 
schaftlichen und politischen Macht überhaupt einen Krieg gegen 
den Germanenstaat wagen und mit Aussicht auf Erfolg durchhal¬ 
ten? Wollte er die Strafexpedition der Wandaler, die im folgenden 
Jahre tatsächlich stattfand, noch abwenden? Wer hat die Westger¬ 
manen veranlaßt, sich unter den Befehl eines Staatsverräters zu 
stellen, um aus nicht genannten Gründen gegen ihr Muttervolk zu 
kämpfen? Warum lag die angestrebte Bruchlinie am Rhein? Nach¬ 
denkenswert ist allerdings die Bezeichnung Attilas als »Gottes¬ 
geißel«. Der Priesterschaft ging es bei Catalaunum fürwahr um 
Sein oder Nichtsein! Erinnert sie doch, durch diese Schlacht sei 
die »abendländische Kultur vor den barbarischen Horden gerettet 
worden«, eine Behauptung, die nur von ihrem Standpunkt zu ver¬ 
stehen ist. 

Auch von dem ersten »Frankenkönig« Child ERICH ist nur we¬ 
nig sagenhaftes bekannt. Mit dessen Sohn Chlodowech (oder 
Chlodewech germanisiert Chlodwig) ändert sich die Ge¬ 
schichte vollständig. Die Kirche rechnet mit Chlodowech den 
Beginn des Frankenreiches und ihren eigenen Aufstieg zur Macht. 
Er soll schon mit 15 Jahren König geworden sein (481) und 
wurde vom »heiligen Remigius« persönlich unterwiesen. Da¬ 
mit wird seine »Einweihung« durch höchste (Druiden-)priester 
eingestanden. Weshalb er katholisch wurde, erzählt die Kirche in 
einem ihrer naiven Kindermärchen: Er habe in der Schlacht bei 
Tolbiacum (Zülpich?) 496 gelobt, wenn (der katholische) Chri¬ 
stus ihm den Sieg schenke, ließe er sich und alle Franken tau¬ 
fen (d.h. sie den Druidenpriestern unterwerfen: »Beuge den Nak- 
ken, Siegambrer, bete an, was du zerstörtest, zerstöre, was du angebe¬ 
tet hast!« ). - Wennjemand an dem Zeitunterschied von 15Jahren 
Anstoß nimmt, den Chlodowech brauchte, um als Katholik her¬ 
vorzutreten, dann gibt es gewiß profane Gründe: Er mußte seine 
Macht über die Franken gesichert haben, bevor er sein Bündnis 
mit den Druidenpriestern bekanntgeben und den offenen Ver¬ 
rat an seinen Volksgenossen wagen durfte. Er gehört zu den gro¬ 
ßen Schurken, die sich durch ihre Verbindung mit Geldmacht und 
Priestertum in das Buch der deutschen Geschichte eingeschrie¬ 
benhaben. 

Die von der Kirche überlieferte Charakteristik und die Untaten 
des Gründers der Dynastie der Merowinger, Chlodowech, sind 
kein Ruhmesblatt für einen Christen. In den schauerlichen Ver¬ 
brechen, in denen Chlodowech seine ganze Sippe allmählich 
ausgerottet, in denen er andere Freie unter den gemeinsten Vor¬ 
wänden verraten haben soll, findet sich nicht die Spur geistlicher 
Zurechtweisung. Soll man nicht geistliche, geheimordensmäßige 
Anleitung da annehmen? So schreiben zwei deutsche Professoren 
des 19. Jahrhunderts: »Dem Chlodowech gab die Religion (d. h. 
katholische Christentum) >Vorwand und Stütze zu jeder neuen Erobe- 
rung<. Es kränkt mich tief, daß diese Arianer einen Teil Galliens inne¬ 
haben, laßt uns >mit Gottes Hilfec ausziehen, sie bezwingen und das 
Land in unsere Gewalt bringen«. Nach der Schilderung, daß sie von 
ihren Feinden »wohl nicht mit Unrecht, als die treulosesten und 
grausamsten aller Menschen bezeichnet (wurden) und der wich¬ 
tigsten bösen Taten der »Germanen« meinen die Professoren^ 37 *: 
»So war der Charakter auch der unvermischt gebliebenen deutschen 
Stämme entartet!« 

Daß hier pars pro toto, der Teil für das Ganze genommen wurde, 
dürfte jedem einleuchten, wenn selbst die mittelalterlichen Ge¬ 


schichtefälscher uns eine Aussage der Franken über sich selbst er¬ 
halten haben: »Alle Franken waren als Krieger gefürchtet... sie selbst 
schildern sich in ihrer Gesetzessammlung als tapfer im Felde, >fest im 
Bund des Friedensc, tiefen Geistes, edelgeboren, lichthell von Ansehen, 
schön von Gestalt, keck, hurtig, abgehärtet« (Andere Charakterei¬ 
genschaften sind verschwiegen, sowohl gute wie nachteilige!). 

Es gibt überhaupt keine Erklärung aus natürlichen Umständen da¬ 
für, weshalb die Franken - innerhalb einer Generation und »un¬ 
vermischt geblieben« - sich so vollständig wandeln, ja »entar¬ 
ten« konnten, es sei denn, man zieht die einzig mögliche Ursache 
heran, die das bewirkt haben könnte: Ihre Bekehrung zum katholi¬ 
schen Christentum! Die Menschen sollen sich unter dem Einfluß 
des Christentums gewandelt haben, das wird von der Kirche seit 
tausend Jahren erklärt. Ohne einen Beweis zu erbringen, behaup¬ 
tet sie, unter dem »läuternden Einfluß der christlichen Lehren«, hät¬ 
ten die einst »wilden, barbarischen Germanen« sich zu einer kul¬ 
turbewußten, gesitteten Nation entwickelt. Unterstellt die Kirche 
ihrem Einfluß eine Wandlung zum (für sie!) Günstigen, so muß 
sie ebensogut aus anderem Blickwinkel einen Absturz hervorru- 
fen können. Die mittelalterlichen Schreiber haben diesen Nach¬ 
weis unabsichtlich schlagender geliefert als es dem Rufe des Chri¬ 
stentums zuträglich war! 

»>Die katholischen Welschen samt der Priesterschafic waren für 
Chlodowech und gegen ihre arianischen Herren und bahnten ihm 
den Weg zum Siege am Clain unfern Poitiers (507)«. Damit ist 
die volksfeindliche Kriegs- und Verratspolitik des Frankenkö¬ 
nigs gegen die nichtkatholischen Germanen nachgewiesen. Aber 
Chlodowech ging weiter als alle anderen und keineswegs ah¬ 
nungslos. Er nahm das offen und ungeniert, was Pflicht und Sitte 
allen Germanenfürsten verbot: Bestechungen vom Feinde anzu¬ 
nehmen und diesem dafür gefällig zu sein, auch gegen das eigene 
Volk. »>Der oströmische Kaiser hatte sich beeilt, um bei ihm wie bei 
Theoderich dem Grossenc den Schein einer Oberhoheit zu ret¬ 
ten, >ihn zum Konsul zu machen<. >Stolz ritt Chlodowech in dem 
Purpurmantel, der ihm von Konstantinopel übersandt war, vor sei¬ 
nen Franken einher ... und erst jetzt galt die Macht des Frankenkönigs 
auch in den Augen der Welschen als rechtmäßige «* 37 *. 

Die hätte ihm freilich wenig genützt, wenn er nicht auch die Geld¬ 
macht hinter sich gehabt hätte, die notwendigen Söldner zu kau¬ 
fen, denn seine Franken werden seine Kriege und seine Politik als 
Privatmarotte angesehen haben, die sie nichts anging. Der Pfer¬ 
defuß kam erst zum Vorschein, als die Macht seiner Hintermän¬ 
ner fest gesichert war, wie immer, wenn eine Organisation eine 
auf Jahrzehnte und Jahrhunderte abgestimmte Politik verwirk¬ 
licht. Hören wir dazu den Bischof Gregor von Tours, der die¬ 
sen Verbrecher in seiner Chronik in den Himmel versetzt: »So 
fällte Gott täglich seine Feinde unter seiner Hand und vermehrte sein 
Reich, darum daß er mit rechtem Herzen vor ihm wandelte und tat, 
was seinen Augen wohl gefiel«. Gott, also Jehova, den Gott des Gel¬ 
des und des Großkapitals hatte er übersieh, er führte gehorsam des¬ 
sen Willen (tatsächlich den der Priesterkapitalisten) aus. Nicht 
als ein Germane, sondern wie ein orientalischer Despot begrün¬ 
dete er die geschlagene Römerherrschaft neu. Wir fragen jetzt nicht 
mehr, wer Chlodowech Geld in Hülle und Fülle zur Verfügung 
stellte für seine Politik der Intrigen, der Bestechung und des Verra¬ 
tes, »Edle durch Geschenke zum Abfall zu reizen«, Widersacher er¬ 
morden zu lassen, Macht und Einfluß von Kirche sowie welscher 
Bevölkerung auf Kosten der Germanen zu vermehren. 

Die germanische Landnahme konnten allerdings weder ein 
Chlodowech und seine Merowinger, noch die Kirche und 
das Priesterkapital rückgängig machen. Die Zeit mußte Wandel 
schaffen. Wir können die Intrigenpolitik, die sich über Jahrhun- 


36 


derte und gewiß gegen den erbitterten Widerstand des fränki¬ 
schen Volkes durchsetzte, trotz aller Verschleierungsbemühun¬ 
gen in großen Zügen erkennen. Die von den Priestern gewonne¬ 
nen und beherrschten Volksführer erkannten zweifellos, daß ohne 
Kirche ihre Machtstellung über dem Volke jetzt in der Luft hing. 
Vor den Volksversammlungen mußten sie sich fürchten, weshalb 
diese kaum noch einberufen und wahrscheinlich von Priestern 
und Adel demagogisch manipuliert wurden. Es kommt hinzu, 
daß der keltisch-welsche-römische Bevölkerungsteil, der zu ei¬ 
nem Teil jetzt lateinisch sprechend war, im Besitz der Hälfte des 
Bodens geblieben war. Ohnedies war in den Städten die Grund¬ 
rente ein Vielfaches der ländlichen. Hier stellte das Grundeigen¬ 
tum zu dieser Zeit eine gewaltige und einkommensmäßig be¬ 
trächtliche Macht dar. Die Kirchen und Klöster, in Gallien schon 
vor dem Ende der Römerherrschaft der größte Grundeigentümer im 
Lande und von beachtlichem Reichtum, erzählten den arglosen 
Germanen in schönen Sprüchen und Bitten, daß sie schon im¬ 
mer Gemeinbesitz waren, den man nicht antasten dürfe. Im Ge¬ 
genteil, sie vermehrten durch Geschenke und Aneignungen ihren 
Besitz aus dem großen Kladderadatsch der »Völkerwanderung« 
eher noch. Es ist daher kein Zufall, wenn unter den Merowingern 
der ungermanische Brauch aufkam, das eroberte Land, auch das 
den anderen Germanen wie Burgunden, Westgoten auf den frän¬ 
kischen Kriegszügen abgenommene Land nicht mehr als Volksei¬ 
gentum, sondern als Königsgut zu betrachten, über das der Fürst 
nach Belieben verfügen konnte, zunächst in Gestalt der »Lehen«. 
Die rechtliche Veränderung gegenüber der germanischen Staats¬ 
verfassung schien zwar gering, die Folgen waren, wie meist, nicht 
abzusehen. Denn dieser Übergang ist echt orientalisch und kann 
nur auf fremde Einflüsterung zurückgeführt werden. Das Vorbild 
findet man im Alten Testament: »Also kaufte Joseph dem Pharao 
ganz Ägypten, und ward das ganze Land dem Pharao eigen. Aus¬ 
genommen der Priester Feld, das kaufte er nicht, das ward nicht eigen 
dem Pharao. Siehe, ich habe heute gekauft euch und euer Feld dem 
Pharao, siehe, da habt ihr Samen und besät das Feld, und von dem 
Getreide sollt ihr den fünften Teil dem Pharao geben«^ 35 \ 

Auf einen Umstand wäre an dieser Stelle besonders nachdrück¬ 
lich aufmerksam zu machen. Die von den frommen Kirchen¬ 
schreibern unabsichtlich bezeugte Politik der Germanen offen¬ 
bart eine unbeachtete und verschwiegene Eigenart der germani¬ 
schen Rasse, Staatsverfassung und Wirtschaftsordnung. Die be¬ 
siegten Welschen wurden von den Germanen (hier Franken) 
nicht gezwungen, als Sklaven oder Heloten das Land für die neuen 
Herren zu bewirtschaften. Nirgends ist die Rede von Dienstbar¬ 
keit der Besiegten. Unsere Vorfahren haben sich niemals als »Her¬ 
renvolk« oder -»rasse« gefühlt, Schmarotzerleben war ihnen 
fremd. Sie beschlagnahmten nach der Großen Landnahme (»Völ¬ 
kerwanderung«) die Hälfte des eroberten Landes für sich und 
ihre Geschlechter, und sie bebauten es selbst. Innerhalb dieser 
Ordnung verstand sich ein größerer Anteil für die Führer (Ede- 
ling, »First«) um ihren umfassenderen Pflichten nachkommen 
zu können. Ein weiterer Beweis, wie alle Germanen sich rassisch 
und national von den Welschen getrennt hielten. Selbst die Ost¬ 
goten in Italien haben es (anfangs) so gehalten. Ihr Verhalten ist 
grundverschieden von Römern, griechischen und orientalischen 
Völkern. Weshalb wird dieser Nachweis, der sich in fast allen Ge¬ 
schichtebüchern findet, so vollständig übergangen? 

Für die Priesterkaste war es ein Grundsatz ihres Hochmutes, die 
deutsche Sprache und Kultur abzulehnen und dafür das verrufene 
Latein wieder zu Ehren zu bringen. Sprach man es zunächst nur 
in der Kirche und bei einigen germanischen Fürsten - Chlodo- 
wechs Zeitgenosse Theoderich soll griechisch gesprochen ha¬ 


ben - so sorgten die Priester dafür, daß es bald nach unten und un¬ 
ter die Germanen drang. Das Mittel war einfach: Wer kein Latein 
sprach, bekam keinen Rang, Einfluß oder Machtstellung und die 
Klosterschulen sorgten für die Beeinflussung derjugend. 
Chlodowech wird von der Kirche als erster katholischer Fürst 
und großer Frankenherrscher vorgestellt. Dennoch war sein ge¬ 
schichtlich erwiesener Machtbereich nur beschränkt. Zwar zwang 
er die Westgoten, ihre Hauptstadt nach Toledo in Spanien zu ver¬ 
legen (er kann sie demnach nicht ganz unterworfen haben), die 
Burgunden büßten ihre Selbständigkeit teilweise ein, aber die 
angebliche Unterwerfung der mitteldeutschen Stämme durch 
Chlod owech hat nicht oder nicht in dem von Chroniken berich¬ 
teten Umfang stattgefunden. Entweder ist die erwähnte Schlacht 
bei Tolbiacum doch nicht zu Chlodowechs Gunsten ausgegan¬ 
gen oder es fand später eine andere statt, die die politische Tren¬ 
nung der Moselfranken (der »ripuarischen«) von den französi- 
sierten (»salischen«) herbeiführte. Überall da, wo Römer, ange¬ 
siedelte Welsche und Druiden vor den germanischen Heeren ge¬ 
flohen oder vertrieben waren, kamen deutsche Sprache, Kultur 
und Gesellschaftsordnung zur Alleinherrschaft. Von den Deut¬ 
schen wurde Chlodowechs Reich, genau wie das Ostgotenreich 
in Italien, als eine von Volksfremden verursachte Abspaltung auf¬ 
gefaßt, mit der man nichts zu tun haben wollte. Offenbar ist den 
Nachfolgern des Chlodowech nicht gelungen, die Macht des 
fränkischen Priesterstaates irgendwie zu vermehren. Die Auftei¬ 
lung der Herrschaft unter seine vier Söhne hatte andererseits kei¬ 
nen Einfluß auf den Bestand des Staates, ein Beweis, wie fest er be¬ 
reits vom Klerus zusammengehalten wurde. 

Unter diesen Verhältnissen sah sich die Priesterschaft nach bes¬ 
seren Werkzeugen ihrer Pläne um und fand sie in den Hausmei¬ 
ern der Merowinger. Staatsstreiche zu organisieren war für sie eine 
Kleinigkeit. Wie es jedoch heißt, sind sie mehrmals mißlungen, 
da die Franken sie niederschlugen. Erst Karl Martell konnte 
die Macht erlangen, und wie alle politischen Verbrecher überzo¬ 
gen er und seine Söhne ganz Mitteleuropa mit ihren Kriegen. Un¬ 
ter diesen ragt besonders die grausame Unterwerfung der Alle¬ 
mannen heraus (Cannstatter Blutbad 746). Pippin der Kurze 
hat dann im Bündnis mit der hohen Priesterschaft die Merowin¬ 
gerkrone formell übernommen (751). In den Geschichtebüchern 
wird stets widersprüchlich ausgeführt, wie die Päpste in Rom den 
Gang der Dinge gesteuert hätten, und dennoch werden ihre stete 
Bedrängnis und Bitten um Hilfe berichtet. Nun, wir lassen uns von 
solchem Widerspruche zwischen Macht und Ohnmacht nicht 
täuschen. Damals wird sich jeder Papst im Frankenlande sicherer 
gefühlt haben als in Rom, wo er keine weltliche Macht zu seinen 
Diensten hatte. Er muß, das ist zwingend anzunehmen, im Mittel- 
alter tatsächlich in Frankreich residiert haben (»Er lebte wie Gott 
in Frankreich«). Bei dem innigen Verhältnis zwischen Papst und 
Pippins Sohn Karl, von der Kirche »der Große« geheißen, lö¬ 
sen sich damit die Widersprüche geradezu elegant auf: Der Drui- 
den-Hochpriester, inzwischen Papst genannt, saß unmittelbar bei 
seinem weltlichem Arm, wie es sich von selbst verstand. Die an¬ 
geblich zahllosen, zeitraubenden, mühsamen und gefährlichen 
Reisen der Päpste wie der fränkischen Könige und Kaiser durch 
das feindselige Deutschland und anarchische Italien werden da¬ 
mit zu bloßen Wochenend-Ausflügen im Heimatland. Die überra¬ 
schende Krönung Karls angeblich zu Rom, die den neuen Kaiser 
so erzürnt haben soll, spielte sich wahrscheinlich in einem prie- 
sterlichen Heiligtum des Frankenreiches ab und wurde später von 
den Fälschern des 14. bis 15. Jahrhunderts nach Rom verlegt. Es 
liegt hier nahe, eine Parallele zu Napoleon zu ziehen, der als kle¬ 
rusverbundener Katholik und eingeweihter Hochgradfreimaurer 


37 


vielleicht etwas mehr von geheimgehaltener Geschichte erfahren 
hatte: Zu seiner Kaiserkrönung kam der Papst nach Frankreich! 
Nicht nur symbolisch, sondern tatsächlich besteht eine histori¬ 
sche Verwandtschaft zwischen Napoleon und Karl dem Gro¬ 
ssen. So wenig wie Napoleon Franzose war, so wenig war Karl 
Germane: Die überlieferten Bilder zeigen ihn als fremdrassigen, 
südländischen Typ. Aber erzählt uns nicht die Geschichte, daß 
Karl ein Franke und Deutscher war, der sogar die deutschen Hel¬ 
denlieder sammeln ließ, der in seinem Umgang »von jener Milde, 
Heiterkeit und Frische des Gemüts (war), diese Eigenschaften hatte er 
mit seinem Volke gemein, in niemand stellt sich die echt deutsche Art 
in alter Zeit so herrlich dar wie in ihm« ? (39) Leider, diesen Phrasen¬ 
schleim, den deutsche Professoren einfältig Wiederkauen, schöpf¬ 
ten sie aus gefälschten Büchern wie des Einhard. Gefälscht von 
der Kirche, die ihren Kaiser als ergebenen Knecht der Priester, als 
überragenden Fürsten, guten Menschen, herrlichen Franken, zu¬ 
gleich als vorbildlichen Deutschen hinstellen möchte. Wir sollen 
in Karl mit den Franzosen den »Begründer der staatlichen Ord¬ 
nung für das christliche Abendland sehen«. Dieser Karl der katho¬ 
lischen Kirchenliteratur hat zu viele günstige und zu wenige unan¬ 
genehme Charakterzüge um glaubwürdig zu sein! 

Zu ihrem Unglück vergaß die Kirche, ihre zahlreichen Berichte 
über die fürchterlichen Verbrechen dieses Kaisers an den Deut¬ 
schen verschwinden zu lassen. In ihrem Eifer, der Weltgeschichte 
darzustellen, wie diese neue - ihre! - staatliche Ordnung geschaf¬ 
fen wurde, war sie stolz auf die Ströme von Blut, die dafür fließen 
mußten. Genau wie Napoleon war Karl ein Menschenveräch¬ 
ter, dem Friede, Menschenglück und -leben nichts bedeuteten. 
In immer neuen Feldzügen dehnte er seinen Machtbereich wei¬ 
ter und weiter aus. Betrachten wir die Landkarte am Ende seines 
Wirkens, so finden wir das Frankenreich Karls beinahe mit dem 
Frankreich des Napoleon identisch: Elbe, Appenin, Pyrenäen 
sind »Reichsgrenzen«. Selbst in Einzelheiten ähneln sich die 
Feldzüge und »Friedensschlüsse«: Er überzog Spanien mit Krieg, 
doch gelang ihm nicht, es zu erobern. Er unterwarf die süddeut¬ 
schen Stämme und machte sie zu seinen Vasallen wie Napoleon 
seinen Rheinbund schuf. Er marschierte über die Elbe und mi߬ 
brauchte die dortigen Germanen zum Beistand gegen die Sach¬ 
sen. Sogar die Dänen waren zeitweise seine Verbündeten. Er un¬ 
terwarf die Langobarden in Norditalien, aber sein Verhältnis zu 
dem rechtsformal oströmischen Restitalien ist unklar - was übri¬ 
gens ein starker Einwand gegen einen damals zu Rom sitzenden 
Stellvertreter Christi ist. Der Staat Karls war die Verwirklichung 
der Einheit zwischen weltlicher und kirchlicher Macht, der »Gottes¬ 
staat« (civitas dei) oder: Das Ideal der Priesterhierarchie. Man 
erinnere sich, was an anderer Stelle über die Mittlerrolle des Kö¬ 
nigs zwischen Druiden und Volk gesagt wurde. Die kindische An¬ 
ekdote von seiner Rangerhöhung zum »Kaiser des Westens« 
zeigt nicht Dankbarkeit, sondern die Übermacht des katholischen 
Hochpriesters, der an ihn die Herrschaft und ihr sichtbares Sym¬ 
bol verlieh. Sie ist politisch eine Herausforderung an den oströmi¬ 
schen Kaiser und die östliche Kirchenhierarchie. Die Druiden- 
Priesterschaft hielt es für notwendig, mit Karl ein Gegengewicht 
zum oströmischen Kaiser zu erhalten. Es paßte ihr nicht, daß der 
Kaiser in Konstantinopel sogar ranghöchste Patriarchen einsetzen 
und verstoßen konnte. Sie setzte ihm ihren eigenen Grundsatz der 
Priesterallmacht entgegen. Da sie ihn in Byzanz unmöglich durch¬ 
setzen konnte, arbeitete sie auf den Bruch der Gesamtkirche hin. 
«Der Wiederherstellung des westlichen Imperiums durch Karl den 
Grossen folgte unverzüglich die Trennung der griechischen und la¬ 
teinischen Kirchen«'- 40 '. Es war eine Intrige auf lange Sicht. Gib¬ 
bon folgerte vor 250 Jahren aus diesem Vorgang: »Durch diese 


Entfremdung seines wichtigsten Verbündeten und die Herausforde¬ 
rung seiner gefährlichsten Feinde wurde eigentlich erst der Niedergang 
und Fall des römischen Imperiums des Ostens verursacht«. Die prie- 
sterlich-katholische Täuschungspolitik bemühte sich die wahren 
Ursachen in einem dichten Nebel theologischer Streitigkeiten zu 
verbergen und der Ostkirche die Schuld zu geben. 

Man muß die Kriege Karl des »Grossen« als Gewaltpolitik im 
Aufträge der Priester erkennen, um seine Verbrechen an den Deut¬ 
schen zu begreifen. Weil sie uns von den katholischen Kirchen¬ 
schreibern mitgeteilt wurden, sehen wir selten so unverhüllt wie 
hier die eigentlichen Beweggründe hinter der Fassade der Reli¬ 
gion. Nur wenn man die druidische Herkunft der katholischen Kir¬ 
che kennt, begreift man den Unterwerfungswillen der Priester, die un¬ 
bekümmert über Leichenberge stiegen. Die Priester wußten genau, 
welche und wie die von ihnen ersonnenen Vorschriften angenom¬ 
men werden mußten, um die Unterwerfung der Deutschen sicht¬ 
bar zu machen. Karl hatte nicht bloß religiöse Vorschriften zu er¬ 
zwingen, sondern in erster Linie die wirtschaftliche Unterwerfung. 
Dazu gehörten zuerst Landabtretungen für die Klöster und Günst¬ 
linge der Priester, der »Zehnte« für die Kirche, der »Peterspfen¬ 
nig« für den Hochpriester (Papst) und obendrein noch Steuern 
für den Staat, um das Gewaltsystem in Betrieb zu halten. Der Wi¬ 
derstand der Germanen war ungeheuer. Nicht einmal die Römer 
fanden wir stark genug, einen Krieg in Nordwestdeutschland 31 
Jahre lang durchzuhalten. Karl schaffte es, indem er die Sach¬ 
sen ausrottete. Als sich Widuicind mit den Resten endlich unter¬ 
warf, waren weite Landstriche menschenleer, und sie sind es teil¬ 
weise bis heute geblieben, wie die Lüneburger Heide mit ihren 
mahnenden Resten germanischer Kultur. Zehntausende wurden 
verschleppt und in entfernten Gauen angesiedelt. Sachsenhausen 
bei Frankfurt/Main, Sachsen an der Bergstraße, Sachsenheim bei 
Stuttgart, Sachsenkam bei Bad Tölz, Sachsen und Gotendorf bei 
Ansbach, Sachsenhart bei Nördlingen in Franken sind Erinnerun¬ 
gen an den Sachsenschlächter. Nordwestdeutschland wurde mit 
Fremden, vornehmlich aus Frankreich besiedelt. Dies erklärt die 
gegenüber der germanischen Tradition andere Gestalt der Dorf¬ 
kultur, die sich hier gewöhnlich an einen Adelssitz anlehnt. Trotz¬ 
dem war dieser Rreuzzug der Kirche, ein Krieg gegen die Deut¬ 
schen wie kein anderer zuvor, aussichtslos, mochte Karl neben 
dem Gelichter aus ganz Europa heidnische Germanen gegen die 
Sachsen ins Feld bringen und ihnen ihr Land versprechen. Mehr 
noch, die ununterbrochenen Kriege erschöpften die finanzielle 
Kraft des Karolingerreiches. Es erholte sich nicht mehr von die¬ 
sem Aderlaß, sein Untergang war nicht aufzuhalten. Karl mochte 
sich jüdische »Finanzfachleute« halten so viel er wollte, Geldzau¬ 
berer waren sie damals so wenig wie heute. Die katastrophale Lage 
der Staatsfinanzen wird durch den endlosen Jubel der Chronisten 
über gemachte Beute, wie in Bayern oder dem Awarenschatz be¬ 
stätigt. Diese Tatsache erklärt Karls späte Nachgiebigkeit und 
Versöhnungspolitik. Sie kann nur aus der Einsicht entstanden 
sein, daß er auf dem Gewaltwege gescheitert war. »Ich fürchte nicht 
zu irren, daß es besonders die Deutschen waren, welche dieser Ent¬ 
wicklung entgegentraten, ja, daß >ihr nationales Bewußtsein eben an 
diesem Widerstande erwachte<«, schreibt Leopold von Ranke. 
Karl ist es ebensowenig wie den Römern gelungen, die deutsche Na¬ 
tion zu bezwingen. Er mußte auf die allgemeine Einführung des rö¬ 
mischen Rechtes und Privatgrundeigentums verzichten. Der Vor¬ 
rang des Latein wurde gleichfalls aufgegeben. Die aus dieser Zeit 
erhaltenen biblischen Übersetzungen in das Althochdeutsche 
sind die ersten erhaltenen schriftlichen Zeugnisse unserer Spra¬ 
che. Man stand offenbar vor der Wahl, ein deutsches Christentum 
zuzulassen oder gar keines. Man begnügte sich mit der formalen 


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Anerkennung der katholischen Kirche. Die Bekehrung wurde viel 
milder, als die Druiden sich wünschen oder vorstellen mochten. 
Und da das Volk um diese Zeit in Frankreich noch überwiegend 
deutsch sprach, konnte keine fremde Sprachinsel in Nordwest¬ 
deutschland entstehen. Die vielen anderen Schandtaten Karls, 
vor allem in Süddeutschland, seien hier übergangen. 

Weder Karl noch der Priestergesellschaft gelang es, das germa¬ 
nische Volksgefüge dem Christentum und orientalisch-kapitali¬ 
stischer Wirtschaftsordnung so zu unterwerfen und zu verändern 
wie es für den Bestand ihrer Herrschaftspläne erforderlich gewe¬ 
sen wäre. Die Abtrennung der Westgermanen brachte den Rassen¬ 
faktor in ihren Machtbereich, der fortan sich als das ärgste Hinder¬ 
nis der herrschsüchtigen Priester herausstellte. 

Die katholisch-christlich-kapitalistische Priesterschaft erkannte in der 
germanischen Rasse, Kultur, Staats- und Wirtschaftsordnung ihren 
Todfeind, und damit ist es so geblieben bis auf den heutigen Tag. Sie ist 
sich insgeheim dessen bewußt und fürchtet die Folgen, weil sie die Deut¬ 
schen niemals vollständig bezwungen hat oder bezwingen kann. 

Die Zerstörung der germanischen Wirtschaftsordnung 

Die Druiden- oder, wie sie sich heute nennt, Katholische Kir¬ 
che unternahm bereits vor den Karolingern große Anstrengun¬ 
gen, die Deutschen für ihre Richtung des Christentums zu gewin¬ 
nen. Eine Bekehrung ohne erhebliche materielle Vorteile interes¬ 
sierte die alten Germanen so wenig wie die Indios oder Neger in 
späteren Zeiten. Wenn jemand freiwillig Christ wurde, dann mu߬ 
ten die Bekehrer dafür tief in ihre Taschen greifen. Ein Verfahren, 
das auf die Dauer nicht durchzuhalten war und nur auf bestimmte 
führende Persönlichkeiten angewendet werden konnte. Die Ger¬ 
manen besaßen eine ergiebigere Wirtschaft und standen auf einer 
ganz anderen, höheren Kulturstufe als afrikanische Negerstämme. 
Mit geschenktem Essen und alten Kleidern waren Germanen ge¬ 
wiß nicht zu gewinnen! Soweit die Missionare Volk und Wirt¬ 
schaft nicht antasteten, ließ man sie gewähren. Die Gründung 
von Klöstern in unwirtlichen Gegenden mögen sie daher gedul¬ 
det haben. Die angeblich kulturfördernde Leistung der Klöster, 
die von der Wildnis ihren Ausgang nahm, wird ja immer von den 
»Glaubensboten« und deren Chronisten hervorgehoben. Tat¬ 
sächlich war etwas ganz anderes beabsichtigt, nämlich der Beginn 
der heimlichen Eroberung ihres Landes, was damals die einfachen 
Deutschen bald erkannten, aber heute nicht mehr begreifen wol¬ 
len. Als Nachfolger des römischen Imperiums trat ein neuer Über¬ 
staat auf Germanien zu unterwerfen; nur war seine Strategie nicht 
auf den Waffen der Legionen, sondern auf dem Schleichweg des 
Schwindels gegründet. Aus der Heimatinsel der Druiden-Prie- 
sterschaft kamen sie, wie die Kirchenschreiber stolz bekunden, 
voll religiöser Besessenheit und versehen mit den Aufträgen ih¬ 
rer Oberen. Alle diese Agenten (»Missionare«) waren Iren oder 
Kelten von der Westseite der britischen Inseln (Von ihnen geru¬ 
fen kamen weitere Helfer - oder Schmarotzer - aus den italischen 
Klöstern). Sonderbar, daß sie in katholischen Gegenden Deutsch¬ 
lands noch heute als Heilige verehrt werden. Wüßte man, was sie 
dem Volk antaten, es würde sie täglich verfluchen! Ihr missionari¬ 
scher Eifer hatte Beweggründe, die nur wenige wagten beim Na¬ 
men zu nennen: Die Klostergründungen waren die Bresche, die 
in Freiheit und naturgemäße Gesellschaftsordnung der Germa¬ 
nen geschlagen wurde^ 41 '. Genau wie einst den Römern, so ging es 
für das Priestertum um handfeste finanzielle Gewinne. Wir kön¬ 
nen es wiederum von den Kirchenschreibern erfahren, wie fremd¬ 
ländische Herrscher, stets den Priestern zu Diensten, diesen Klö¬ 
stern immer neues Land um sie herum »schenkten«. Damit fiel 
das freie Land der germanischen Bauern unter Klosterherrschaft, 


das ergab sich von selbst und war so gewollt. Freilich waren diese 
darüber nicht erfreut, und so sind die frommen Chronisten immer 
betrübt, wenn einige ihrer heiligen Agenten vorzeitig in den Him¬ 
mel befördert wurden, was an der Rechtslage allerdings nichts 
mehr änderte. Bald griffen Äbte der Klöster zu feineren Mitteln, 
oder, wie die historische Wissenschaft bezeugt, zu verwerflich¬ 
sten Betrügereien. Sie fälschten Urkunden über Landschenkun¬ 
gen, politische und wirtschaftliche Vorrechte und spannten die 
weltliche Macht ein, um gegenüber dem widerstrebenden Volke 
ihnen Geltung zu verschaffen. Die Verlogenheit der Geschichte¬ 
schreiber enthüllt sich deutlich in ihrem Bemühen, den planmä¬ 
ßigen Diebstahl des Volksbodens durch die Kirche zu verschleiern, 
die Zerstörung der germanischen Staatsordnung zu verschweigen 
und die christliche Bekehrung als eine ganz saubere, ideale, gute 
Tat und Erfüllung eines Gebotes Gottes hervorzukehren. Lügen 
sagen wir, denn irgendwie muß das freie germanische Land in das 
Privateigentum der Kirche geraten sein. Gewiß hat sie es nicht 
durch Kauf erworben, ja völlig unmöglich ist das, weder hätten es 
unsere Bauern-Vorfahren hergegeben noch ist es Brauch der Kir¬ 
che, etwas zu bezahlen. Weshalb waren die Priester so eifrig dar¬ 
auf aus, es in ihre Hand zu bekommen, während sie eine Religion 
des Verzichtes und himmlischen Glücks verkündigten? Waren es 
nicht dieselben druidisch-katholischen Priester, die auf diesem 
Wege und zugleich mit der Bibel in der Hand Anspruch auf allei¬ 
nige Weltherrschaft und Unterwerfung der Menschen erhoben? 
Dabei wurden die arianischen Germanen-Christen nicht besser 
behandelt als Heiden. Alles Schlechte griff bei diesem Unterneh¬ 
men ineinander, christliche Mission und Betrug, Religionslehren 
und Urkundenfälschungen, Geldgier und Heuchelei, Landraub 
und Herrschermißbrauch. 

Ob die Anstrengungen des Bonifacius (lat. »Wohltäter«), bes¬ 
ser Malefacius (lat. »Übeltäter«) genannt, alle Christen und 
ihre Gemeinden in Deutschland organisatorisch an die christli¬ 
che Druiden-Herrschaft anzuschließen, in ihrer Tragweite begrif¬ 
fen wurden, ist ungewiß. Als »Vicarius und Legat des Papstes« 
gründete Bonifacius viele Erz- und Bistümer, organisierte die 
Kirche in Deutschland verwaltungsmäßig und vergrößerte ihre 
Macht über Volk und Führer. Aber als er sich unverletzlich fühlte, 
mit echt druidischer Überheblichkeit den Friesen die kapitalisti¬ 
sche Pfaffenwirtschaft anzubieten, was er »die Frohe Botschaft 
bringen« nannte, erwarben sich diese das historische Verdienst 
ihn totzuschlagen (754). Eine Anzahl geringerer »Heiliger« war 
ihm darin vorausgegangen. 

Trotzdem waren Mission und heimliche Unterwerfung nur von 
verhältnismäßig unbefriedigendem Erfolge. Der Einbruch der 
Militärmacht Karls des Grossen ersetzte die langwierige stille 
Eroberung Deutschlands für die Kirche durch rohe Brutalität. Mit 
Karls Abgang fehlte sofort der Gewaltmensch, das Reich zusam¬ 
menzuhalten. Deutschland atmete 814 so auf wie bei Napoleons 
Abdankung oder Stalins Tod. Ich will hier nicht weiter die Poli¬ 
tik der Intrige und des Verrates beschreiben, die Priester mit Kai¬ 
ser Ludwig dem Frommen, seinen Söhnen und dem Volke üb¬ 
ten. Von der Kirche erntete keiner von ihnen Dank. Nur einiges im 
Zusammenhang mit unserer Darstellung soll festgehalten werden. 
Lothar, der den Kaisertitel erbte, machte denVersuch, durch die 
»Stellinga« die alte germanische Reichsordnung wieder herzustel- 
len ,i2 \ womit er, wie es die Kirche nennt: »eine Verschwörung an¬ 
zettelte«. Sie zu verhindern wurden die anderen Söhne, Karl der 
Kahle und Ludwig der Deutsche aufgeboten: 841 Schlacht 
bei Fontanet, wobei »die Blüte des fränkischen Adels fiel«. Lo¬ 
thar war offenbar noch stark genug, die Dreiteilung des Reiches 
durchzusetzen. Unzweifelhaft sah die Kirche weiter. In einem ver- 


39 


einten Frankenreich überwog der deutsche Teil bei weitem. Da¬ 
mit entstand für das lateinische Druidentum die Gefahr der Iso¬ 
lierung - genau die Lage, die wir beim Einmarsch der Franken er¬ 
kannten. Die Kirche betrieb daher die politische Spaltung entlang 
der alten Grenzen des Merowingerreiches. Berühmt wurden da¬ 
bei die Eide, die Ludwig und Karl sich gegenseitig leisteten, der 
eine in keltisch verhunztem Latein, der andere in Altdeutsch. Ge¬ 
trennt konnte die Kirche den Ostteil gegen den Westen ausspie¬ 
len, gemäß der alten Römer- und Druidenpolitik »teile und herr¬ 
sche«. Das Westreich verfiel schnell. Ausbeutung durch Grund¬ 
eigentümer, Kirche und jüdische Kapitalisten richtete die Wirt¬ 
schaft zugrunde, was sich durch Anarchie, Unbotmäßigkeit des 
Adels, Einfälle fremder Scharen, besonders Araber und Norman¬ 
nen, sowie Abfall der Burgunden deutlich zeigt. 

Dem bis zur Elbe christlich gewordenen Deutschland sollte bald 
gezeigt werden, worauf die religiöse Macht der Kirche tatsächlich 
gründet: Auf der Kontrolle der Volkswirtschaft! Mit der Aneignung 
des Bodens und der Landwirtschaft war sie keineswegs zufrieden 
gestellt. Frühmittelalterliche Warenerzeugung und Handel über¬ 
nahmen die Klöster. Als Angehörige eines höheren Standes fin¬ 
den Geistliche bekanntlich Arbeit unter ihrer Würde, sie lassen 
andere arbeiten und beaufsichtigen ihre Anstrengungen. Wie zur 
Keltenzeit wurden Arbeiterkolonnen gebildet und »produktiv« 
eingesetzt. Die Klöster wucherten regelrecht zu beherrschenden 
regionalen Wirtschaffszentren aus. Damit wurde die Kirche eine 
wirtschaftliche Monopolmacht. Sie ging soweit, die alten Römer¬ 
städte dem Verfall preiszugeben, weil die Priester jeden freien Wettbe¬ 
werb rücksichtslos unterdrückten (43) soweit ihre Macht reichte. Die 
hörte natürlich an der Grenze des christlichen Deutschland auf. 
Die Elbe war wie nach 1945 nicht bloß eine religiöse und politi¬ 
sche Grenze, sie war auch eine künstlich errichtete wirtschaftliche 
Sperrzone quer durch Deutschland, allem Anschein nach dichter 
als der Eiserne Vorhang. Auf der anderen Seite herrschte ja noch 
immer die natürliche germanische Wirtschaftsordnung, was ei¬ 
nen unangenehmen Gefahrenherd für alle Ausbeuter darstellte. 
Ihre langfristige Strategie mußte sich darauf richten, sie so bald 
wie möglich zu erobern und der freien deutschen Bevölkerung 
das orientalische Ausbeutungssystem aufzuzwingen. 

Über das freie Germanien dieser Zeit sind überhaupt keine zu¬ 
verlässigen historischen Angaben auffindbar. Die Geschichtefäl¬ 
scher haben hier Schwerarbeit geleistet. »Was wir an Nachrich¬ 
ten durch die christlichen Chronisten besitzen, läßt die Völker außer¬ 
halb des Abendlandes in völliger Dunkelheit«. Das wollen wir uns 
für später merken, wenn wir die sogenannte Slawenfrage aufrol- 
len. Das Vordringen des kapitalistischen Wirtschaftssystems, der 
Kirche und militärischen Macht des abendländischen Kaiserrei¬ 
ches hatte unzweifelhaft gewaltige Rückwirkungen auf das freie 
Germanenreich. Die Autorität der germanischen Bundesregie¬ 
rung schrumpfte stetig seit Catalaunum. Mit dem Zeitalter Karl 
Martells und Pippins erleben wir das Emporkommen klei¬ 
ner, unabhängiger Gauherzöge, immer mehr nannten sich König, 
ohne die dazugehörige Macht zu besitzen. Gleichzeitig entwic¬ 
keln sich Vörherrschaft-und Bruderkämpfe zwischen einzelnen 
»Fürsten«, Gebieten oder »Stämmen«. Das sind eindeutige Zei¬ 
chen von Niedergang der Staatsordnung. Die germanischen Füh¬ 
rer standen offensichtlich den politischen Problemen hilflos ge¬ 
genüber, die mit Kaisermacht, Christenkirche und Kapitalismus 
auftraten. Sie konnten in der althergebrachten Weise nicht länger 
weiterleben. 

Die germanische Staatsverfassung war veraltet, den neuen Wider¬ 
sachern und Entwicklungen nicht gewachsen. Jetzt, da die Fremd¬ 
herrschaft ein andermal bis zur Elbe vorgedrungen war, hätte eine 


Reform der germanischen Gesellschaftsordnung stattfinden müs¬ 
sen, so wie sie Arminius 800 Jahre zuvor gelang. Es fehlte leider 
an Einsicht und einer hervorragenden Persönlichkeit dafür. Die 
Geschichte Europas steht nie still, dem Geist der Zeit war mit 
Waffengewalt und Tapferkeit erfolgreich nicht zu begegnen. Wie 
einen Keil rammte die mit großem Geldaufwand betriebene Pro¬ 
paganda der Priester und Missionare das Christentum tief in das 
rassisch, sprachlich und kulturell einheitliche germanische Volks¬ 
leben. Zersetzend rüttelte die kapitalistische Geldwirtschaft an 
Volksgefüge und Staat. Die Entwicklung der Deutschen von einem 
Bauernvolk zu einer Nation, in der die Arbeitsteilung die gesellschaft¬ 
liche Grundlage bildet, war unvermeidlich. Aber der Germanenstaat 
konnte aufgrund seiner Tauschwirtschaft diesen Fortschritt nicht 
vollziehen. Die Abwanderung des Bevölkerungsüberschusses in 
die ehemals römischen Provinzen war erneut unmöglich gewor¬ 
den. Man hätte den Krieg gegen die abgefallenen Westgermanen¬ 
stämme erneuern, einen Bruderkampf um das Land führen müs¬ 
sen. Dazu fühlte man sich offenbar politisch zu schwach, vielleicht 
lagen auch moralische Hemmungen vor. Die innere Verbunden¬ 
heit des Volkes war trotz des Verrats der Fürsten nicht ganz zerris¬ 
sen. Erinnern wir uns, daß in Schweden, im Weichselland, in Süd¬ 
frankreich und Spanien immer noch die gleichen Goten lebten, 
die gleiche Sprache sprachen und ihre persönlichen Verwandt¬ 
schaften sicher nicht vergessen hatten (44 l 

In der Wirtschaft des noch freien Germanien fanden die Wand¬ 
lungen ihren Weg ins Volk wie durchsickerndes Wasser hinter ei¬ 
nem Damm. Die Vorteile der Tauschmittelwirtschaft über der alt¬ 
gewohnten Tauschwirtschaft waren unbestreitbar. Das lernten die 
freien Germanen freilich schnell. Politische Umstände griffen da¬ 
bei ineinander. Die überzählige, landlose Bevölkerung suchte und 
fand einen Erwerb in der Warenerzeugung und im Handel, zuerst 
an den Küstenplätzen (Naturhäfen, Buchten, altdeutsch: Vik^ 45) . 
Da die noch ungestörte Eigenwirtschaft den Binnenhandel be¬ 
schränkte, die innerdeutsche Grenze aber gesperrt war, mußten 
sie diese über das Meer umgehen. Die wirtschaftliche Notwendig¬ 
keit wirkte als Anstoß des technischen Fortschrittes. »In der Schiff¬ 
bautechnikwaren sie allen christlichen Völkern weit voraus«. Die 
schon zur Römerzeit beachtliche germanische Seefahrt erforderte 
die stürmische Entwicklung von Hochseefahrzeugen sowie nau¬ 
tischer und geographischer Kenntnisse. Hier ist der Ursprung der 
Wikinger, ebensowenig ein neues Volk wie Goten, Sueben, Al¬ 
lemannen, vielmehr eine frühe Form germanischer arbeitsteiliger 
Wirtschaft und zugleich eine neue Form germanischer Kriegstaktik. 
Die Archäologen fanden als Ergebnis der Ausgrabungen in Hait- 
habu/Schleswig, Jorvik/York, Jumneta/Vineta/Wollin, Nau- 
gard/Nowgorod die Wikinger weitaus friedlicher als mittelalter¬ 
liche Chronisten ihnen nachsagen, fleißige Handwerker, tüchtige 
Seefahrer und zugleich Händler, die über die russischen Flüsse 
ins Schwarze Meer, bis ins nördliche Eismeer, nach Grönland und 
Amerika - sogar Südamerika - fuhren. Sie gründeten die ersten 
Städte nach germanischer Art, gänzlich verschieden von den be¬ 
kannten Stadtbildungen der Römer und des Orients. Und wenn 
wir sie auf Kriegszügen sehen, dann erkennen wir, daß den Ger¬ 
manen die Grundlagen eines richtigen Handelskrieges nicht un¬ 
bekannt waren. 

Gewiß gingen die Wikinger im allgemeinen zu friedlichen Fahr¬ 
ten in See, ihre Schiffe beladen mit Handelswaren. Dabei tauchten 
sie natürlich an den christlichen Küsten- und Flußplätzen auf, zum 
großen Ärgernis der Kirche, der das Geschäft verdorben wurde. 
Ein bißchen Spionage war sicher dabei, das ist ja heute noch so! 
Verständlich, wenn sie ihre Schergen zu gewalttätigem Vorgehen 
gegen die Wikinger hetzte. Ebenso einleuchtend, daß die Wikin- 


40 


ger in den Klöstern die eigentlichen Macht- und Wirtschaftszen¬ 
tren der Kirche erkannten und sie angriffen. Darum natürlich be¬ 
zeichnten fromme Chronisten Wikinger als den Schrecken die¬ 
ser Zeit. Es war ein großer Unterschied - für sie - ob Heiden oder 
Christen Waren erzeugten, Handel trieben oder das Schwert ge¬ 
brauchten. Wikinger scheint in ihren Darstellungen ein Sammel¬ 
begriff für alle Germanen zu sein, die gegen die Christenkirche 
antraten. Wie weit diese Dinge ineinandergriffen, wie weit Han¬ 
delsneid, Priesterpropaganda, Waffengewalt und militärische Un¬ 
ternehmungen einander anstachelten, läßt sich nicht mehr genau 
feststellen. »Sie waren jedenfalls mehr als einzelne Banden von Frei¬ 
beutern. Wie wir gesehen haben, war die Wikingerzeit wahrscheinlich 
>Teil eines nationalen Auftrages<. Es fällt auf daß germanische Völ¬ 
ker >zu gleichen Zeitpunkten alle christlichen Länder< überfielen, an¬ 
dere Stadtfestungen (»gardr«/russisch gardariki), zugleich Han¬ 
delsplätze, in Rußland gründeten und dabei weiter nach Süden drück¬ 
ten « (46) . 

»Teil eines nationalen Auftrages«! Es ist ein Vergnügen, aus den 
mehr oder weniger gefälschten - und natürlich parteiischen - Be¬ 
richten der Kirche die wirtschaftlichen und politischen Kämpfe 
zwischen heidnischen Germanen und katholischer Priesterhier¬ 
archie herauszufiltern. Wir folgern aus den Ereignissen des 9. Jahr¬ 
hunderts, daß die freien Germanen die wirtschaftlichen Hinter¬ 
gründe druidisch-priesterlicher Expansionspolitik erkannten. Die 
freien Germanen besaßen vermutlich nicht Mittel und Taktik, 
um die christlichen Söldnerheere zu überwinden oder sie woll¬ 
ten nicht gegen überwundene und zum Kriege gezwungene Stam¬ 
mesgenossen kämpfen. Vielleicht waren die freien Germanen 
nicht bereit, ähnliche Berufsheere für politische Ziele aufzustel¬ 
len und langfristig zu versorgen. Da verlegten sie sich auf den See¬ 
krieg und bekämpften das christliche Abendland durch eine re¬ 
gelrechte Blockade und Küstenüberfälle. Sie gingen dabei keines¬ 
wegs wahllos vor. Der erste Überfall einer Wikingerflotte, den die 
Geschichte kennt, geschah im Jahre 793 auf die riesige Abtei Lin- 
disfarne, dem Vorposten der Kirche gegen Skandinavien. Diese 
Kirchenfestung aus dem Wege geräumt, umfuhren die Wikinger 
die britische Insel und in die irische See, wo sie Mona/Anglesey, 
die »Heilige Insel« angriffen. Auch ein Sachsenheer soll sie ein¬ 
mal erstürmt haben. Hier war der Sitz des keltischen Hochprie¬ 
sters, gegen den schon die Römer angetreten waren, sie viel Blut 
kostete und wenig Erfolg eingetragen hatte. Den Germanen muß 
daher das Heiligtum - oder Hauptquartier - der Druiden als Befehls¬ 
zentrale der katholischen Kirche lagemäßig genau bekannt gewesen 
sein. Überdies ein überzeugender Nachweis, daß noch zum Ende des 
8. Jahrhunderts abendländisches Christentum und Druidenpriester¬ 
schaft als identisch angesehen wurden. Dublin eroberten die Wikin¬ 
ger erstmals 795. Im Jahre 798 griffen sie die Insel Man an. Die 
war schon seit demjahre 447 (!) Sitz eines Bischofs; wir vermuten 
mit Grund hier ebenfalls ein keltisches Hochpriesterheiligtum, 
zumindest seine Zuflucht. Das zweitgrößte Heiligtum der kelti¬ 
schen Christenheit, Iona (Hebriden), genannt das »Licht Kale- 
doniens«, wurde immer wieder angegriffen und zerstört (berich¬ 
tet für 795, 802,806, 825,986). In Westschottland und Wales ver¬ 
nichteten sie alle Klöster, die sie erreichen konnten, Mönche und 
Priester wurden meist totgeschlagen (Glamorganshire in Süd-Wa¬ 
les 795). Die Germanen trugen den Krieg in die Heimstätte des 
Druiden-Priestertums, und damit erkennen wir, daß sie den Krie¬ 
gen Karls des Grossen strategisch auf bisher ungeahnte Weise 
entgegenarbeiteten. Die germanische Führung erkannte ohne 
Zweifel, daß Karl ein mittelalterlicher Stalin in Diensten der 
Priester war, den man durch Ausschaltung seiner Lenker zu neu¬ 
tralisieren hoffte. Sie griffen Priester und wirtschaftliche Kirchenein¬ 


richtungen an, nicht die unterdrückte Bevölkerung. Spätere Ereig¬ 
nisse zeigen ähnliche Überlegungen. Als das Frankenreich ausein¬ 
anderfiel, die Söhne Ludwigs des Frommen untereinander strit¬ 
ten, sah die freie germanische Regierung eine zweite Gelegenheit 
zum Großangriff. Dublin fiel erneut im Jahre 838, Stadt und Um¬ 
gebungwurde von den Wikingern zum vorgeschobenen Festungs¬ 
stützpunkt ausgebaut und von einem König geführt. Von dort un¬ 
ternahmen sie weitere Züge gegen das Priesterreich in Irland. Das 
ganze nördliche Irland wurde 842 von den Wikingern überrannt. 
843 machten sie einen Zug die Loire hinauf, dem die zahlreichen 
Klöster entlang diesem Strome sämtlich zum Opfer fielen. Ham¬ 
burg, von Bischof Ansgar (ein Kelte) im Jahre 834 auf dem nörd¬ 
lichen Elbufer als Erzbistum zur Bekehrung des Nordens gegrün¬ 
det, wurde schon 845 von Wikingern eingenommen und ver¬ 
brannt. Im gleichen Jahre fuhr eine starke Wikingerflotte die Seine 
hinauf, nahm und zerstörte Paris. Die germanisch/wikingischen 
Angriffe zielten erkennbar darauf ab, die keltisch-christlich-drui- 
dischen Brutstätten auf den britischen Inseln und Frankreich zu 
vernichten. 853 wurde Mona/Anglesey, inzwischen von den Iren 
besetzt, erneut von »Dänen« überwältigt. 865 oder 866 landete 
die »Große Armee« der Dänen, überwand die christlich bekehr¬ 
ten Germanenfürsten Englands, begann die Eroberung Englands 
westlich des Pennine-Gebirges und drängte die Kelten in Schott¬ 
land, Wales und Cornwall zusammen, wo sie sich bis heute halten 
konnten. 

Eine dritte Welle wikingischer Seeunternehmen mit ähnli¬ 
chen Zielen läßt sich in den Jahren 875 bis 885 nachweisen. Ur¬ 
sache und Anlaß war diesmal die schwache Führung Karls des 
Dicken als Kaiser des Abendlandes. Germanische Flotten fuh¬ 
ren 879 Schelde, Maas und Rhein hinauf und zerstörten an Klö¬ 
stern, was sie am Wege fanden. Das wieder gegründete Hamburg 
wurde 880 abermals verbrannt, Paris ebenso 885/886. Um diese 
Zeit griffen die Wikinger noch weiter an. Sie besetzten die Kanal¬ 
küste an der Seinemündung und beherrschten dadurch die Schiff¬ 
fahrt im Kanal. Um 885 dehnten sie ihre Macht bis Rouen aus und 
zwangen den französischen König Ludwig IV die Landabtre¬ 
tungen anzuerkennen. Daraus entstand später der Wikingerstaat 
Normandie. 882 gründeten sie Känugard (Kiew), sie griffen 907 
sogar Konstantinopel (von den Germanen Mikklegard/Mikill- 
gardr genannt) an. Schon 859 waren sie unter Björn dem Eiser¬ 
nen von Westen in das Mittelmeer gesegelt, wo sie in Süditalien, 
im Golf von Genua und an der Rhonemündung Stützpunkte an¬ 
legten. »Damit hatten die Nordleute fast einen Einkreisungsring 
um die ganze christliche Welt gelegt«. Das war unmöglich Zufall, 
vielmehr verfolgten ihre Führer damit weitgesteckte strategische 
Ziele. Gewiß war eines davon, durch diese Gegenangriffe an ei¬ 
ner Front, an der das christliche Abendland wehrlos war, das noch 
freie Germanien von der ständigen Bedrohung durch die Priester¬ 
politik zu entlasten. »AfuroreNormannorum libera nos!« (Befreie 
uns von der Wut der Nordleute) war das tägliche Angstgebet aller 
Kirchenleute im 9.Jahrhundert. Diese Gegenangriffe erschütter¬ 
ten das Christenreich gewaltig. Karl der Dicke wurde abgesetzt 
und durch Arnulf von Kärnthen ersetzt. 

»Es gibt unwiderlegbare Beweise, daß die Wikinger kein gesetz¬ 
loses Volk waren - vielmehr daß eine Gesetzordnung unter ih¬ 
nen herrschte, die allgemein respektiert wurde. Sie waren nicht 
irgendwelche »Dänen« oder »Norweger« oder »Schweden« 
(diese Bezeichnungen dürften erst von den spätmittelalterlichen 
Fälschern erfunden sein); freilich dachten sie weniger in Begriffen 
einer Nation als vielmehr als Clan oder Gefolgschaft. Sicherlich 
waren sie keine »Ost-Slawen«. Es gibt kaum einen Zweifel, daß 
die Waräger-»Rus« die entscheidende Kraft bei der Schöpfung 


41 


des Staates waren, dem sie ihren Namen gegeben haben«^. Und 
nicht nur Rußland. Der wikingische Staat Normandie, 911 durch 
König Rolf (oder Rollo) gegründet, galt als der beste und ordent¬ 
lichste Staat des Westens. Allerdings dürfte sie keineswegs ge¬ 
schehen sein, den Christen die Vorzüge einer ausbeutungsfreien 
Staats- und Wirtschaftsordnung zu zeigen. Wir sehen vielmehr 
in dieser normannischen Gründung den letzten Versuch des freien 
Germaniens, hier einen strategischen Keil zwischen die christlich- 
druidische Priestermacht in Irland-Britannien und dem katholi¬ 
schen Frankenreiche zu treiben und die Verbindung zwischen bei¬ 
den zu unterbrechen. Schlüssiger Beweis, daß die Daseins-Bedro¬ 
hung der germanischen Nation, seiner Gesellschafts-, Staats- und 
Wirtschaftsordnung schon 500Jahre andauerte. 

Aber mit Schwertern, Tapferkeit und Fairneß war der Geld- und 
Priestermacht nicht beizukommen. Der Tauschmittelverkehr ist, 
wie ich später nachweisen werde, nur eine Seite des Geldes. Die 
andere ist die Anhäufung von Kapital, die gründliche, zu jener 
Zeit geheimgehaltene den Germanen nicht bekannte Kenntnisse 
und eine bedenkenlose, herrschsüchtige Verschwörung voraus¬ 
setzt. Gegen die Macht des Geldes waren die besten Germanen¬ 
führer nicht gefeit. Schon 924 soll Rollo zum Christentum über¬ 
getreten sein. Das wird die Kirche gewiß einen guten Batzen ge¬ 
kostet haben, aber der Preis war es wert. Mit einem christlichen 
Volksführer war das scharfe germanische Schwert in der Norman¬ 
die stumpf geworden, bevor es der Kirche gefährlich wurde. Alle 
germanischen Anstrengungen, alle Opfer waren vergeblich. Den 
Wikingern mag zu ihrer Zeit gelungen sein, die Monopolwirt¬ 
schaft der Kirche erfolgreich zu unterlaufen. Ihre Kriegszüge führ¬ 
ten jedoch zu keiner strategischen Entscheidung und hielten das 
Schicksal des freien Germanien nicht auf. Im Gegenteil, die Wi¬ 
kingerzüge trieben die Priester an, mit der Eroberung des deut¬ 
schen Heidenlandes diese ihnen so lästigen Feinde für immer aus¬ 
zuschalten. Die wirtschaftliche Ausbeutung der Christen gab ih¬ 
nen dazu die finanziellen Mittel, sie schmiedeten wie immer jahr¬ 
zehntelang ihre Pläne und zur rechten Zeit fanden sie brauchbare 
Fürsten und Feldherren. 

Unter den freien germanischen Führern hingegen verursachten 
die politischen Auffassungen, wie man dem Druck der Kirche be¬ 
gegnen könne, tiefe, unversöhnliche Gegensätze. Herzog Zenti- 
bold von Mähren versuchte einen ungewöhnlichen Weg: Er ge¬ 
wann die Herrschaft über Böhmen und die umliegenden Lande 
und bat 863 den oströmischen Kaiser Michael III. um Schutz 
und Hilfe gegen die katholische Kirche. 

Sofort kamen in dessen Auftrag zwei führende Orthodoxe, Ky- 
rill und Method, dazu hunderte von Ostmönchen und führ¬ 
ten den griechisch-orthodoxen Ritus im »Großmährischen Rei¬ 
che« ein. Sie brachten ihre mazedonische Mundart mit, die sie zu 
einer Art Esperanto des Mittelalters auszubauen versuchten. Sie 
erfanden zahllose Worte und sogar ein neues Alphabet dafür. Die 
Getauften bekamen als Kennzeichen ihres Übertrittes zur Ostkir¬ 
che einen Phantasienamen, der uns allerdings eher als ein Merk¬ 
mal von Geisteskrankheit seiner Erfinder dünkt. So machten sie aus 
dem deutschen (Herzog) »Reinlieb« den unaussprechlichen Na¬ 
men » Swatopluk«. Mit der Einführung ihrer eigenen Sprache un¬ 
ter den Ostgermanen hoffte die byzantinische Kirche dem Latein 
der Druidenkirche ein Gegengewicht zu schaffen, zumal Deutsch 
für sie niemals in Frage kam. 

Diesen Vorstoß der Ostkirche in das Herz Europas konnten die 
Druiden-Priester niemals hinnehmen. Sie sahen darin eine Her¬ 
ausforderung zu einem Machtkampf gegen die Griechisch-Or¬ 
thodoxen, der mit dem Blute der Germanen schnellstens zu ihren 
Gunsten entschieden werden mußte. 


Die weiteren Ereignisse sind in einem Wüst von Lügen und Fäl¬ 
schungen begraben, in dem man die tatsächlichen Vorgänge wirk¬ 
lichbloß ahnen kann. Franz Wolff^ 47) gelang die Aufhellung nur 
unvollkommen. Die Untersuchungen Kammeiers waren Wolff 
zwar bekannt, aber er hat den Falschurkunden einen größeren 
Rest-Wahrheitsgehalt beigemessen als denkbar und möglich ist. 
Völlig ausgeschlossen ist die von der katholischen Kirche behaup¬ 
tete Zusammenarbeit des Method mit den Päpsten, die ihn sogar 
zum Bischof von Mähren gemacht haben sollen. Method wurde 
im Kriege gegen das Mährische Reich gefangen und in den päpst¬ 
lichen Kerker geworfen (das ist glaubhaft). Er soll freigelassen und 
später aus Mähren nochmals vertrieben worden, Kyrill angeb¬ 
lich nach Rom gekommen (wir bezweifeln, daß katholische Päpste 
zu der Zeit bereits in Rom residierten) und dort im Asyl gestor¬ 
ben sein. Andererseits soll Papst Johannes VHI. (872 bis 882) 
die »sclavina lingua« (Sklavensprache) verboten haben - auch 
glaubhaft - aber das alles ist wirklich nicht mehr unter einen Hut 
zu bringen. 

Aufklärung dürfte eine Betrachtung im Sinne Kammeiers brin¬ 
gen. Die Urkundenfälscher der Kirche des 15. Jahrhunderts konn¬ 
ten die Vorgänge um Method und seine Einführung der glago- 
lithischen Sprache (später »Kirchenslawisch« genannt) in Böh¬ 
men-Mähren nicht auslöschen. Als sie die Aufgabe bekamen, ihre 
Übernahme durch die katholische Kirche geschichtlich als rö¬ 
misch-katholische Mission darzustellen, mußten sie dazu entspre¬ 
chende Dokumente erfinden. Das konnte niemals widerspruch¬ 
frei glücken, und so sehen wir uns urkundlichen Behauptungen 
gegenüber, die glatter Unsinn sind. Ehrfürchtig vor jedem alten 
beschriebenen Papier gingen Gelehrte des 18., 19. und 20.Jahr- 
hunderts wie Tölpel auf den Leim der Fälscher und bemühen sich, 
Priesterbetrug als Geschichte zu verkaufen. An der Spitze stehen 
natürlich Tschechen, Slowaken und Polen, die das Erscheinen 
des »Slawentums« als katholische Nationen dem Volke begrün¬ 
den müssen. Doch es gab und gibt genug Schwachköpfe dieser Art 
auch in Deutschland. 

Für glaubwürdig muß man den Angriff Arnulfs von Kärnthen 
auf das Großmährische Reich halten, das vernichtet wurde (891). 
Fortan gehörte das böhmisch-mährische Land zum katholischen 
Reiche. Der Versuch der Orthodoxen, Deutschland zu gewin¬ 
nen, war erfolgreich abgewehrt. Die Druiden-Kirche belohnte 
Arnulf dafür: Im Jahre 896 wurde ihm vom Papste der Kaiserti¬ 
tel verliehen. Die Mönche Methods (Glagolithen) zogen sich in 
die böhmischen Klöster zurück (Tabor, Sazawa und Wyschehrad 
beiPrag) und hielten sich dort bis ins 14.Jahrhundert, in welchem 
wir sie wieder hervortreten sehen werden. Method gewann die 
vielen verschiedenen Völkerstämme in Bulgarien für seine Spra¬ 
che und für Byzanz. 

Mit dem lO.Jahrhundert fiel die Führung in Deutschland an die 
Sachsenherzöge. Heinrich I. war eine Persönlichkeit, die sich ge¬ 
gen die Priester von Anfang an zu behaupten wußte. Seine Weige¬ 
rung, sich vom Erzbischof von Mainz, dem »Erzkanzler« salben 
zu lassen, spricht für sich. Die vielen politischen Schwierigkeiten, 
die Heinrich deshalb widerfuhren, lade ich auf das Konto der 
Kirche. Doch hatte man in seinem Sohn Otto I. (936 bis 973 ge¬ 
boren 912) durch »richtige geistliche Erziehung« ein Werkzeug 
gefunden, das nicht nur fromm war, sondern zweifellos beachtli¬ 
che Talente als Fürst und Heerführer besaß. 

Mit Energie begann Otto sofort den seit mindestens hundert Jah¬ 
ren geplanten Angriff auf die heidnischen Germanen östlich der 
Elbe. Magdeburg, am wichtigsten Elbübergang, wurde seine Re¬ 
sidenz. Im gleichen Jahre machte er Hermann Billung zum 
Markgrafen des Nordens, 937 wurde Gero Markgraf der Mitte. 


42 



Die christlichen Heere fielen über die Germanen her, welche die 
Religion der Liebe noch nicht gekostet hatten. Die Kirche nahm 
das Land und die Bewohner, diese fortan als Untertanen in Besitz, 
gründete viele Klöster und richtete Bistümer ein. Von diesem gro¬ 
ßen Landraub wird bis heute gar nicht, von der Verbreitung des 
Evangeliums (»Frohen Botschaft«) im Austausch für das Land, 
immer noch an jedem Sonntag fleißig gepredigt. Wie die dabei 
erfolgte gewaltsame Aufhebung von germanischem Bodenrecht 
und Gesellschaftsordnung auf das Wohl des Volk wirkte, wird nir¬ 
gends mit einem Wörtchen erwähnt. Die Einführung wohlerprob¬ 
ter christlich-kapitalistischer Einrichtungen ist allerdings stellen¬ 
weise erkennbar. Vielleicht findet sich dereinst ein Dichter, der die 
unvorstellbare Grausamkeit schildert, wie unseren friedlichen, 
freien Bauern-Ahnen ihre Freiheit genommen und sie von einem 
Tag zum anderen ihr eigenes Land fortan als Sklaven der Kirche 
und ausgewählter »Edlen« (Adel) bebauen mußten. Aus die¬ 
ser Zeit läßt sich nämlich die Entstehung des ostelbischen »Ur- 
adels«, der berüchtigten Junker, herleiten. 

Den Vormarsch der Christenarmeen mit Schwert und Bibel be¬ 
zeugen Gründungen der neuen Bistümer: Havelberg 946, Olden¬ 
burg i. H., Ratzeburg, Schleswig, Ripen, Aarhus 948, Meißen, Po¬ 
sen 967, Merseburg, Zeitz 968, Prag und Olmütz 973. Letztere 
wurden dem Erzbistum Mainz unterstellt, während die nordi¬ 
schen unter Bremen kamen. Alle übrigen unterstanden Magde¬ 
burg. Der Angriff auf Mitteldeutschland fand nicht die Begeiste¬ 
rung im Westen und Süden des Reiches, die man von den länger 
bekehrten Deutschen erwartete. Immer wieder mußte Otto Auf¬ 
stände niederschlagen, bei denen er seine eigene Verwandtschaft 
regelmäßig an der Spitze der Ungehorsamen fand. Wie immer bei 
Aufständen, waren in erster Linie wirtschaftliche Nachteile, Här¬ 
ten, Rechts-, Geld- und Machtverluste die Ursache, wenn sich der 
bis dahin fügsame westliche Adel erbittert zur Wehr setzte. Wir er¬ 
fahren in diesem Zusammenhang von einem Ausbau des Lehns¬ 
wesens, d.h. die Rechte der Lehnsmänner wurden zugunsten der 
Machthaber beschnitten. Otto setzte 953 die Bischöfe als weltli¬ 
che Reichsbeamte ein, angeblich weil er wenig Liebe, Vertrauen 
und Gehorsam bei Herzogen und führendem Adel fand. So wird 
uns jedenfalls erzählt. Es dürfte freilich eher umgekehrt sein: Ot¬ 
tos einseitige Bevorzugung der hohen Geistlichkeit bei der Ver¬ 
teilung von Raub und Macht, was von den Fälschern umgedeu¬ 
tet werden mußte. Geistliche als politische Machthaber, das ge¬ 
fiel Priestern sehr. Seit Konstantin war das gewißermaßen eine 
Staatseinrichtung. Wie dem auch sei, das Bündnis zwischen Prie¬ 
sterschaft und Reichsmacht war erneut geschlossen, das » heilige« 
(aber noch nicht »römische«) Reich deutscher Nation war ent¬ 
standen. Auch nach Italien richtete Otto seinen Blick - zweifel¬ 
los von seinen katholischen Ratgebern gelenkt - und versuchte, es 
dem Reiche (bzw. der katholischen Kirche) einzuverleiben. Es ge¬ 
lang nicht, die Berichte über diese Geschehnisse sind hoffnungslos 
verworren, fraglos gefälscht und wir wollen uns nicht weiter da¬ 
mit befassen. Immerhin, die Anerkennung seiner Verdienste um 
die Kirche blieb nicht aus: Verleihung der Kaiserkrone durch den 
Papst (962). 

Der Jubel in der katholisch-druidischen Priesterschaft war zweifel¬ 
los unvorstellbar, als Germanien nach fünfhundertjährigem Kampfe 
endlich ihre Beute war. Otto wurde die gleiche seltene Auszeich¬ 
nung der Kirche zuteil, die bisher Konstantin, Theodosius, 
Theoderich und Karl erhalten hatten. Otto wurde fortan als 
»der Große« gefeiert. Damit steht fest: Er war ein Priesterknecht 
und Machtmensch ohne Gewissen, gewohnt über Freiheiten, 
Recht und Leichenberge zu trampeln. Freilich mußten Otto und 
seine geistlichen Hintermänner bald erfahren, daß sie zwar Ger¬ 


manien, aber nicht die deutsche Nation bezwungen hatten. 

Die politische Folge der Eroberung des ostelbischen Deutschland 
durch Otto den Grossen war der Untergang Germaniens als un¬ 
abhängiger Staat mit eigener, naturgemäßer Wirtschaftsordnung und 
Verfassung. Das hatte auf alle germanischen Stützpunkte außer¬ 
halb des Heimatlandes katastrophale Rückwirkungen. Sie konn¬ 
ten sich nicht länger alleine halten. Wenn man die Vorgänge in Ir¬ 
land und Rußland mit denen in Deutschland im Zusammenhang 
sieht, sind Ursachen und Folgen begreiflich: 968 fällt der wikin- 
gische Stützpunkt Limerick, 1014 endet die germanische Herr¬ 
schaft über Dublin mit der Schlacht von Clontarf. 988 wird durch 
den mit großen Goldgeschenken bestochenen König Waldemar 
(Vladimir) in Känugard/Kiew das byzantinische Christentum 
angenommen. 1015 bekehrt Olaf der Heilige Norwegen zum 
Christentum. In Schweden tobten die Bekehrungskämpfe durch 
das ganze 11. Jahrhundert. Einzelne Germanen-Wikinger, die sich 
nicht dem Christentum/kapitalistischen Wirtschaftsystem unter¬ 
werfen wollten, zogen weiter nach Island, gründeten Grönland 
etwa 985 und erreichten Vinland (Amerika) um 1000. 

Zur gleichen Zeit trat ein Ereignis ein, das für die spätere Ge¬ 
schichte Deutschlands von schwerwiegenden Folgen werden 
sollte. Der Wikingerherzog Dago, der im unteren Weichsel- und 
oberen Wartheland ein eigenes Reich begründete, trat zum Chri¬ 
stentum über - bestochen oder um sich und das Land vor den 
Raubscharen Ottos zu bewahren. Dago trat in ein Lehensver¬ 
hältnis zum Kaiser. Als es nach Ottos Tode im ganzen »heiligen 
Reich « erneut zu schweren Aufständen kam - die ganze eben be¬ 
kehrte mitteldeutsche Bevölkerung ergriff die Waffen gegen die 
neuen christlichen Herren - wandte sich Dago um seine Herr¬ 
schaft zu retten an den Papst und unterstellte sich mit seinem 
Reiche ihm unmittelbar (990). Dago stand wahrscheinlich das 
Schicksal des Großmährischen Reiches bei seinem Entschluß vor 
Augen. Von dieser Zeit also leitet sich der Anspruch der Kirche 
auf Polen ab, das sie als ihr Privateigentum betrachtet. Otto III. 
gab durch sein Einverständnis zur Bildung des Erzbistums Gne- 
sen und seiner Abtrennung von Magdeburg dem kirchlichen Son¬ 
derstaate die Rechtsgrundlage (992). Die Kirche suchte fortan 
mit allen Mitteln die Einmischung jeglicher weltlicher Gewalt in 
das später Polen genannte Gebiet zu verhindern und anerkannte 
politische Änderungen nicht. In auffallend feiner Unterscheidung 
sprach die katholische Kirche bei den 1000-Jahr-Feiern Polens nie 
von Polen, sondern von der Begründung des christlichen Reiches 
in diesem Lande! Boleslaf I., der Sohn Dagos, als echter Wi¬ 
kinger mit einer Dänin vermählt (Thyre), wurde von der Kirche 
zum Könige gekrönt, um die weltlich unabhängige Stellung seines 
Landes rechtlich zu sichern. Er ist im Dom zu Posen beigesetzt, 
auf dem Grabmal steht: »Regnum Sclavorum Gothorum sive Po¬ 
lonorum« - also »Herrscher der Sklaven Goten oder Polen« - 
und sie ist lateinisch, nicht kirchenslawisch oder polnisch. »Sive 
Polonorum« ist unlogisch und wurde höchstwahrscheinlich erst 
Jahrhunderte später heimlich zugefügt, was das Rätsel löst, wie 
Polen ursprünglich hieß und verstanden wurde. Das Boleslaf- 
Reich verfiel und zerfiel wie jedes Land unter der Herrschaft der 
Kirche binnen kurzer Zeit. Wir machen uns einen Begriff, wie bru¬ 
tal die Kirche die wirtschaftliche Ausbeutung der Bevölkerung be¬ 
trieb, wenn um 1270 schon 14 selbständige Teilfürstentümer, um 
1320 es 17 derartige gab und die Anarchie sich nach unten unwi¬ 
derstehlich ausbreitete. 

Was die frommen Chroniken-Schreiber trotz aller Fälschungen 
uns nicht berichten, sind Sprachprobleme bei der Unterwerfung 
des Heidenlandes. Ist das nicht sonderbar? Ostdeutschland, ja 
ganz Mitteldeutschland, so hat uns die Schulmeinung eingebläut, 


43 


soll von den Germanen in der »Völkerwanderung« geräumt und 
von nachrückenden »Slawen« besetzt worden sein. Allerdings 
geben die Professoren etwas verschämt zu, daß leider keinerlei 
Dokumente - nicht einmal gefälschte! - über diese Landnahme 
durch die »Slawen« aufgefunden oder vorhanden seien. Aus Ur¬ 
nen, Scherben und Grabfunden kann man keinerlei Rückschlüsse 
auf die Sprache der Bewohner ziehen, das versteht sich von selbst. 
Dennoch haben Gelehrte, sogar der kluge Prof. Schuchardt, 
genau dies unternommen und in ihren Büchern einer Slawen-Be- 
völkerung östlich der Elbe, sogar bis hinauf nach Kiel und Osthol¬ 
stein, das Wort geredet. Hier ist allerdings eine ununterbrochene 
Siedlungsfortdauer bis zur Gegenwart einwandfrei nachgewiesen. 
Auch im Weichselland ist die gotische Besiedlung bis zum Mittel- 
alter unbestritten. Etliche polnische »Gelehrte« sahen sich ge¬ 
zwungen, gotisch und slawisch gleichzusetzen (siehe Boleslafs 
Grabinschrift), was nun allerdings dem Sprachbefund völlig wi¬ 
derspricht - wenigstens wenn man unter gotisch den urslawisch/ 
glagolithischen des Kyrill und Method versteht. Und dennoch 
ist die Behauptung, alles Germanien östlich der Elbe - also genau 
der Grenze des Christentums - sei von »Sklaven« bewohnt ge¬ 
wesen, eigentlich nicht falsch zu nennen. Hier liegen Widersprü¬ 
che vor, die sich nicht mit den verkündeten Lehrmeinungen auf- 
lösen lassen. Die Slawentheoretiker sind ihnen bisher feige ausge¬ 
wichen. 

Wolff und eine Reihe anderer deutscher Gelehrter haben mit 
neuen Erkenntnissen diese verworrene Geschichte aufgehellt. 
Freilich erfuhren sie neben der in solchen Fällen üblichen Tot- 
schweige-Taktik gehässige Feindschaft von Berufshistorikern. Die 
Slawenfrage geht, das muß man beachten, in die politischen Aus¬ 
einandersetzungen der Gegenwart ein. Sie unterliegt keiner sach¬ 
lichen Behandlung, sondern wird mit Vorurteilen, Behauptungen 
und Schlagworten ohne Beweiskraft geführt. Wir stehen davor, 
nach dem Großen Landraub einen weiteren ungeheuren Betrug 
an den Germanen/Deutschen des Ostens aufzudecken, einen Be¬ 
trug, der allen Nutznießern der Ausbeutung und der Herrschaft 
über die Menschen seit lOOOJahren unvorstellbar viel Geld einge¬ 
tragen hat. Da bleiben Wahrheit und Ehrlichkeit auf der Strecke - 
aber nicht für ewig! 

Was versteht man unter Slawen und slawisch geschichtlich? Die 
Dokumente der Kirche - es spielt bei dieser Frage keine Rolle ob 
sie gefälscht sind oder nicht - bezeugen, daß die Kirche des Mit¬ 
telalters unter »sclavi« die unbekehrten, heidnischen Menschen 
verstand. Im wohlbekannten Doppelsinne der Priester-Dialektik 
bedeutet das ebenso die völlige Unterwerfung und Entrechtung 
der Germanen dieser Zeit, »sclavi« im Kirchensinne sind dem¬ 
nach alle diejenigen Menschen, die das Eigentum der Kirche wer¬ 
den sollten oder geworden sind. Als Bezeichnung für eine Spra¬ 
chengemeinschaft wurde sie - Schande über ihn! - durch einen 
vom Zaren bezahlten deutschen Gelehrten namens Schlözer 
(1738 bis 1809), der das Wort sclavus zu Slave abänderte. Schlö- 
zers Fälschung beseitigte das Kainsmal der Schmähung und Ver¬ 
achtung, und die gefälschte Bezeichnung wurde jubelnd von allen 
Propagandisten, auch von der Kirche übernommen. In den Rei¬ 
hen der Abtrünnigen von ihrem eigenen deutschen Volke stehen 
weitere Dutzende von Gelehrten, die sich die Slawenlüge Schlö- 
zers als angebliche historische Tatsache zu eigen machten und sie 
von den Lehrstühlen vieler deutscher Universitäten verkündeten. 
Wenn ihre Rolle allgemein bekannt wäre, nicht nur Deutschen, 
würden sie verflucht sein. Mit Gut, Blut und Leben haben Millio¬ 
nen Menschen, doch vor allem Deutsche, im 19. und 20. Jahrhun¬ 
dert dafür büßen müssen. 


Also Probleme mit einer fremden Sprache gab es für die Prie¬ 
ster und Heere Ottos, die das Evangelium im »Sklavenlande« 
(»Sclavinia«) verkündeten und zugleich das Land stahlen, nie¬ 
mals. »Sclavinia« ist nichts anderes als die kirchliche Bezeich¬ 
nung des freien Germaniens. Man sprach dort dasselbe Deutsch und 
traf dort ebensolche Deutsche wie im Westen Deutschlands. Oder 
zum verwechseln gleich an der Weichsel und Südschweden und 
ebenso in dem Westgotenreiche in Spanien und Südwestfrank¬ 
reich (durch französische Gelehrte nachgewiesen - man denke 
an die innigen Verbindungen zwischen Schweden und Polen im 
17.Jahrhundert). Aber finden wir nicht in alten Urkunden Na¬ 
men von fremden Völkern und Fürsten mit gänzlich fremdklin¬ 
genden Namen? Letztere habe ich im Falle der Fürsten des Mäh¬ 
renreiches schon aufgeklärt, waren sie im Norden von der katho¬ 
lischen Kirche fabriziert? Allerdings. Wolff wies nach, daß hin¬ 
ter den slawischen rein germanische Namen stehen. Es sind halt 
nur Tauf-oder Kirchennamen. Sind diese von den Getauften wie 
in Mähren getragen worden? Hier gehe ich über die Kritiker der 
Slawentheorie hinaus und sage: Nein! Diese Namen wurden viele 
Jahrhunderte später erfunden und den alten Fürsten von den Fäl¬ 
schern untergeschoben. Weil man nicht alle Namen ersetzte oder 
von der Sache verwirrt war oder es überhaupt vergaß, jedenfalls 
ließ man die germanischen Namen der Verwandtschaft jener Für¬ 
sten unberücksichtigt und verriet damit unabsichtlich den ganzen 
Namenschwindel. Ein weiterer Beweis für Namenbetrug ist die 
Unsicherheit bei der Schreibung glagolithischer Namen. Beispiel: 
Der erwähnte Wikinger Dago soll den Taufnahmen Mesiico er¬ 
halten haben. Daneben gibt es weitere Wendungen wie: Miseco, 
Misica, Meszico, Mesico, Mesco, Mescho, Misizza, Misaco, 
Miseco, Mischelew, Miesclaus, Mesicoll in den lateinischen 
(Falsch)-»Urkunden«, die Polen fügten noch hinzu: Mieszco, 
Mieczylaw. Nach Kammeier sind Abwandlungen eines Na¬ 
mens in alten »Diplomen« der treffendste Hinweis auf die Erfin¬ 
der-Tätigkeit der Urkundenfälscherzunft, das erledigt die Perso- 
nen-Namensfrage ein für allemal. Man vergleiche damit die ein¬ 
deutigen Namen der deutschen Kaiser und Könige. Sollen Völker¬ 
namen auf einem besseren Untergrund stehen? Prüfen wir es an 
dem bekanntesten aller Germanen»völker« nach, den Wanda- 
lern. Sie werden in »Dokumenten« geschrieben: Vandali, Vandili, 
Vandilier, Wandila, Vendeli, Wendil, ferner Winuli, Winithi, Wilzi. 
Sie sollen außerdem Wenden genannt worden sein, nachdem (an¬ 
dere sagen bevor) sie das Christentum annahmen. Man gewinnt 
das gleiche Ergebnis wie bei Personennamen: Ohne Mühe sehen 
wir das Treiben der Fälscher. 

Wir halten also fest: Als Mittel- und Ostdeutschland erobert und 
bekehrt wurden, sprach man dort genau so deutsch wie im Westen 
des »heiligen Reiches«. Als der junge Staat des Dago sich dem 
Papste direkt unterstellte und daraus allmählich Polen wurde, war 
die Volkssprache eine deutsche Mundart, Gotisch, die Kirchen- 
und Amtsprache Latein. Indirekt wird dies von Berufshistorikern 
eingestanden. Sie sagen, »daß das Latein die >Ausbreitung< (!) der 
polnischen Sprache für 200 Jahre stark >behindert< hat«. Solange 
die glagolithische Sprache von der katholischen Kirche nicht an¬ 
erkannt wurde, konnte es selbstverständlich zu keiner Entwick¬ 
lung, geschweige denn Ausbreitung einer »polnischen« Spra¬ 
che kommen. Weshalb die Kirche eine völlige Umkehr ihrer Poli¬ 
tik mit der Sklavensprache vollzog, ist die Frage einer späteren Ge¬ 
schichtezeit. 

Der geplante Weg ins Elend 

»Wild wie die Zeit waren damals die Sitten. Die unaufhörlichen 
Kriege, die Fehden der Großen, Gewalttaten aller Art, dazu Pest und 


44 


Hunger brachten namenloses Unglück über die Völker. In solcher Trüb¬ 
sal hätte eigentlich das Papsttum ein Helfer sein müssen, aber gerade in 
Rom war der Sitz der größten Verwilderung, und die Päpste besaßen 
oder verdienten meist kein Ansehen « (48) . 

Man kann Geschichtewerke aufschlagen welche man will, der Ton 
ist der gleiche. Kein einziges stellt die naheliegende Frage, wer die¬ 
ses »namenlose Unglück über die Völker« gebracht hatte. Antwort: 
Die Priestergesellschaft führte es bewußt herbei. Das auszuspre¬ 
chen, ist offenbar aus Achtung vor Priestern anstößig. Wären sie 
sich nicht des Verbrecherischen ihres Treibens bewußt, hätten sie 
nicht alle Berichte darüber verfälscht oder verschwinden lassen. 
Die Deutschen verelendeten, verhungerten, verreckten in ihrem 
Heimatlande, nachdem sie unter das kapitalistische Ausbeutungs¬ 
system und christlich-katholische Kirchenregiment kamen! Der 
denkende Leser, der mit mir durch 600Jahre Geschichte seit dem 
Zusammenbruch Roms unter den Germanenstürmen gewandelt 
ist, wird mit Entsetzen die grausigen Folgen der Zerstörung der 
germanischen Wirtschaftsordnung erkennen. 

Als Bauern waren die Germanen nicht am Geldverdienst inter¬ 
essiert. Die Kirche mußte deshalb auf die Bevölkerung schar¬ 
fen Druck ausüben, damit sie für Lohn arbeite. Die wirtschaftli¬ 
che Auswirkung des Bodenraubs (d. h. Einführung des römisch¬ 
orientalischen Privatbodenrechtes) verhalf ihr dazu. Sie belastete 
die Eigen-und Tauschwirtschaft mit Natural- und Geldabgaben an 
die Eroberer bis an die Grenze der physischen Leistungsmöglich¬ 
keit. Für eine arbeitsteilige Wirtschaftsform braucht man aber zu¬ 
erst die finanziellen Voraussetzungen - ein stetig umlaufendes Geld. 
Das gab es nicht im christlichen Priesterstaat. Horten der Edelme¬ 
tallschätze durch die Kirche, Verlust und Versickern des Münzme¬ 
talls durch Handel und Kriege und allgemeiner Verfall der Berg¬ 
werke führten in die Not einer dauernden Wirtschaftskrise. Das 
»heilige Reich« in Deutschland verewigte diesen Zustand. Kam 
etwas Gold und Silber zusammen, wurde es für »schlechte«, d. h. 
für noch schlechtere Zeiten verschätzt - die man dadurch ja erst 
hervorrief. Die Kirche war dagegen ungeheuer reich und prunkte 
ihren Reichtum mit großem Zynismus vor dem verarmten Volke. 
Sie wollte in getreuer Druidentradition die verelendeten Men¬ 
schen beeindrucken, sie ließ ihre Altäre vergolden, Silberzeug al¬ 
ler Art für ihre Kulte anfertigen und entzog damit dem Warenaus¬ 
tausch noch weiter die (damals) unentbehrliche Grundlage. Die 
Kirche war damit hauptverantwortlich für die zunehmende Verar¬ 
mung des Germanenvolkes. In der durch Geldmangel zerrütteten 
Wirtschaft machten sich jüdische Wucherer breit, fest in ihren Ka- 
hals zusammengeschlossen, durch ihre geheimen Finanzkünste 
den weltlichen und geistlichen Machthabern unheimlich, unent¬ 
behrlich und gehaßt von den Ausgebeuteten, die die viel zu vielen 
Schmarotzer zu tragen hatten. Das ist der wahre Grund für die allge¬ 
meine Not oder wie Geschichteschreiber kindisch naiv vortragen: 
»Die Verderbnis der Zeit«! 

Was sich in Mittel- und Ostdeutschland im lO.Jahrhundert ab¬ 
spielte, läßt sich aus gleichartigen Vorgängen im England des 
11.Jahrhunderts nachgestalten, weil uns hierfür erheblich mehr 
und glaubwürdigere Dokumente zur Verfügung stehen. Nach Ot¬ 
tos I. Kreuzzügen war England als letzter bedeutender Teil des 
freien Germanien übrig geblieben. Bezeichnend ist die Feststel¬ 
lung englischer Historiker, daß es damals 80 wenig sprachliche 
Unterschiede zwischen den Germanen Englands, Deutschlands 
und Dänemarks/Skandinaviens gegeben hat. 

Seit 597 haben Bekehrungsbemühungen bei den Germanen Eng¬ 
lands nie aufgehört. Die Priestermethoden sind dabei deutlich 
zu erkennen: Ein vom Papste persönlich ausgesandter »Glau¬ 
bensbote« sprach damals bei König Ethelbert von Kent (dem 


kleinsten aller englischen Gaufürsten) vor, wurde »herzlichst 
willkommen geheißen«, durfte ihn sogleich taufen, die »Frohe 
Botschaft« verkünden und - wurde der erste Erzbischof von 
Canterbury. Das Beispiel sprach sich herum, nächstens wurde 
Ethelberts Schwiegersohn Edwin, König von Northumbria, 
Christ und sein Bekehrer Erzbischof von York. Aber nicht ins Volk 
drang dieses Christentum, es gelang zwar einige Edle zu taufen, 
aber »der alte Glaube starb nicht«, das Volk widerstrebte erbittert 
und Edwin wurde von einem Heidenkönig erschlagen. Warum? 
Wenn päpstliche Gesandte zuerst Volksführer, Könige, Herzoge 
und »Edle« erfolgreich zum Zielpunkt der Bekehrung nahmen, 
dann mußten sie handfeste, wertvolle Geschenke überbringen be¬ 
vor sie überhaupt vorgelassen wurden. Und wenn sie bei solchen 
selbstbewußten Persönlichkeiten die Taufe zuerst, vor dem Volke 
vollziehen konnten, dann dürfen wir sicher sein, daß allein christ¬ 
liches Gold die »Frohe Botschaft« darstellte und der Bibel Über¬ 
zeugungskraft verlieh. 

Die Glaubensboten brachten entsetzlichen Zwist und Krieg in das 
germanische Land, »es bedurfte >vieler Jahre des Kampfes<, bevor 
das Christentum in England Fuß faßte«. Wir hörten bereits, daß die 
germanische Regierung in Deutschland dieser Entwicklung nicht 
tatenlos zusah. Ganz Ostengland (ausgenommen Wessex) fiel 878 
wieder unter germanisch-heidnische Herrschaft (»Dane Law«, 
d.h. germanische Wirtschaftsordnung), alle korrupten Christen¬ 
könige wurden vertrieben oder totgeschlagen. Die Kirche mußte 
also wieder von vorne anfangen. Mit Bestechungen und Tributen 
versuchte sie, der Heiden Herr zu werden. Es wurde hierzu sogar 
eine Sondersteuer von den Christen erhoben, das »Danegeld«. 
Wie viel Erfolg sie hatte, ist unsicher, wir begegnen in diesem Zeit¬ 
abschnitt englischer Geschichte dem gleichen Wirrwarr und Wi¬ 
derspruch, der uns bereits von der deutschen Geschichte bekannt 
und auffallend für Fälschungen ist. 

Die frommen Chronisten durften niemals zugeben, daß die ganze 
christliche Heilslehre auf Geldkapital und Landraub gründete 
und den Germanen höchst unwillkommen war. Sie konnten nie¬ 
mals eingestehen oder durchblicken lassen, daß der wahre Grund 
der Missionsarbeit die Hoffnung auf finanzielle Gewinne der Kir¬ 
che waren! Auch zu den Germanen Englands kam das Christen¬ 
tum nicht als menschenbeglückende, überzeugende Lehre, son¬ 
dern mit List, Betrug und Gewalt. Die Kelten, bisher eifrigste Ver¬ 
künder des Druiden-Christentums, die immer noch den West¬ 
teil der Insel bewohnten, wurden so erbittert von den Germanen 
gehaßt, daß jede Beziehung zwischen diesen Völkern überhaupt 
aufhörte. Die Priester sahen ein, daß die Überwindung der Ger¬ 
manen Englands auf diese Weise nicht möglich war. Sie suchten 
daher woanders Werkzeuge für ihre Pläne und fanden sie in den 
Normannen. 

»...die Politik des Heiligen Stuhles (erkannte), wieviel mit der 
Freundschaft dieses Volkes gewonnen sei; und dieNormannen nahmen 
ihr Land vom heiligen Petrus zu Lehen und blieben die ergebenen 
Vasallen das Papstes«^ 4S \ Daß die normannischen Volksführer zu 
bestochenen Handlangern und bezahlten Söldnern entarteten, ist 
eine historische Tatsache. Die Priester nahmen sich der norman¬ 
nischen »Edlen« und vor allem ihrer Kinder besonders an. Sie 
wurden weitsichtig sehr gefördert und begünstigt. Im Laufe von 
drei Generationen - das ist die übliche Zeit für eine Umvolkung 
- hatten sie den normannischen Adel zu Christen und Franzosen 
gemacht. So seinem germanischen Volkstum abtrünnig gewor¬ 
den, wurde er durch große Versprechungen, Aussicht auf Macht, 
Reichtum und päpstliche Unterstützung abgerichtet, nunmehr 
für die Priester- und Kirchenziele rücksichtslos zu kämpfen. Man 
brachte 1042 Edward den Bekenner nach England und machte 


45 


ihn zum König. Aber das Volk blieb weiter erbittert christenfeind¬ 
lich, die Engländer wählten an seiner Stelle Harold und vertrie¬ 
ben diefranzösischen Priester. Der TodEDWARDS gab Herzog Wil¬ 
helm der Normandie einen Vorwand, mit einem Heere nach Eng¬ 
land überzusetzen (1066), Harold bei Hastings vernichtend zu 
schlagen und dann allen Widerstand der englischen Germanen 
brutal zu brechen. Wilhelm setzte die Bekehrung zum Christen¬ 
tum und zugleich die kapitalistische Wirtschaftsordnung in Eng¬ 
land mit Schrecken und Gewalt durch. Schamhaft verschweigen 
fast alle Geschichteschreiber, daß Wilhelm der Eroberer mit 
»ausdrücklicher päpstlicher Genehmigung«, und das heißt: Im Auf¬ 
träge der Kirche die germanische Wirtschafts- und Gesellschafts¬ 
ordnung Englands vernichtete. Wilhelms Freund und »Berater« 
- besser als Ohrenbläser und Aufseher zu bezeichnen - war der 
französische Priester Lanfranc, der zum Erzbischof von Canter- 
bury ernannt wurde' 49 '. Man beachte das Urteil eines britischen 
Historikers: »Es war beinahe ein Heiliger Krieg«! (»beinahe«?) 
Verglichen mit den armseligen, verfälschten Eroberungsberichten 
Ottos sind wir über seine Methoden ziemlich genau im Bilde. 
»Alles Land wurde sofort als Eigentum der Krone erklärt. Land 
nicht innerhalb der königlichen Domäne wurde mit allen Pflich¬ 
ten und Lasten den feudalen Vasallen überlassen, wie es in der 
Normandie üblich war«. Wilhelm dankte seinen (französierten) 
Adligen (Raubgenossen), die in seinem Gefolge nach England 
strömten, »für ihre Dienste, indem er ihnen große Landschenkun¬ 
gen gewährte, die er den Engländern fortnahm, die ihm widerstan¬ 
den hatten. Er traute nicht den Engländern, das Land mit ihnen zu 
regieren. Bald gab keine anderen als normannische Fürsten, Her¬ 
zoge, Barone und Bischöfe. Die Engländer verloren den größten 
Teil ihres Landbesitzes ... sie wurden von ihren neuen Herren 
und Meistern oft grausam behandelt. Diese überzogen das Land 
mit starken Burgen, die für die Engländer uneinnehmbar waren. 
Fast jedes Dorf bekam einen (französischen) Landlord, dem das 
Volk dienen mußte. Die Engländer hatten teuer für den Frieden zu 
zahlen, den Wilhelm ihnen gab. Wilhelm war bemüht, so viele 
Steuern zu erheben wie er nur konnte. Mit großer Sorgfalt ließ er 
herausfinden, was jeder Mann besaß. Zu diesem Zweck befahl er 
ein Verzeichnis anzulegen, genannt das Domesday Book, in dem 
festgehalten wurde, wieviel Land in England war, wem es gehörte 
und wie viel er verpflichtet war, an den König zu entrichten. Die 
Engländer klagten viel darüber. »>Es gab nichts, sagten sie, seine 
Hufe Land, eine Ochse oder eine Kuh oder ein Schwein, das übersehen 
wurde<« (50 \ 

Nun konnte die Kirche wirken, sie brachte den enterbten, ausge¬ 
plünderten Germanen (hier Engländern) den Segen des Christen¬ 
tums, spendete Trost und machte die Hoffnung auf das zukünf¬ 
tige bessere Jenseits begehrenswert. Das kostete sie nichts. Die 
Kirche konnte freilich nicht umsonst bestehen. Bischöfe wollen 
herrschen, Priester wollen leben, besser als das Volk, und sie woll¬ 
ten nicht im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot verdienen. Meh¬ 
rere Dörfer wurden jeweils zu einem Kirchensprengel (parish) zu¬ 
sammengefaßt. Der Zehnte für die Kirche wurde eingeführt und 
obendrein der Peterspfennig für den Stuhl Petri oder Seine Hei¬ 
ligkeit. 

Nicht genug damit. Für die Einrichtung der kirchlichen Monopol¬ 
wirtschaft brauchte man viele Klöster (abbeys), auch diese benö¬ 
tigten viel Land und Geld. »Die Gründung einer Benediktinerab¬ 
tei im 11. Jahrhundert, einer Zisterzienserabtei im 12. Jahrhundert 
war beinahe eine Selbstverständlichkeit für einen normannischen 
Baron. Ohne Zweifel war (Wilhelm) der Eroberer aufrichtig 
bestrebt, als kirchlicher Erneurer (!) in seinem Herzogtum (Nor¬ 
mandie) und Königreich (England) zu wirken«. 


Aber wie konnten diese ungeheuren Tribute und Geldverpflich¬ 
tungen von den Engländern aufgebracht werden? Die germani¬ 
sche Volkswirtschaft hatte ja kein Geld benötigt. Der Umgang 
mit Geld und Finanzfragen waren ihr fremd. Auch dafür hatte die 
Planung der Priester vorgesorgt! »Die normannischen Eroberer 
brachten Juden aus praktischen Gründen gleich mit. Die Juden 
verwalteten die Finanzen des Königreiches und stiegen zu großer 
Macht auf. Vor den Gerichten des Königs wurde der Eid eines Ju¬ 
den dem Eid von zwölf Engländern gleichgehalten: Der Jude ge¬ 
noß königlichen Schutz«' 53 '. Die jüdischen Geldverleiher liehen 
den Engländern das Geld, das König, Kirche und Barone von ih¬ 
nen kassierten. Selbstverständlich nicht umsonst, auch Juden 
wollten leben, gut leben nach Möglichkeit. Die germanisch-eng¬ 
lische Bevölkerung wurde auf diesem Umweg, wie ihre keltischen 
Nachbarn seit langem, zinsbar gemacht. So mußte sie die Bürde 
einer vierten Gruppe von Ausbeutern übernehmen. Wie hilflos 
fand sie sich, wenn Schuldtitel in einer fremden Schrift und Spra¬ 
che geschrieben wurden, gegen die sie sich nicht wehren konn¬ 
ten - es sei denn es waren mindestens zwölf von ihnen! Solche 
Erbitterung erwuchs aus diesem System, daß es bereits Ende des 
11. Jahrhunderts zu wilden Judenverfolgungen in England kam. 
Hier ist die Ursache zu finden, wenn im 13.Jahrhundert scharfe 
Gesetze gegen jüdische Wucherer erlassen und schließlich die Ju¬ 
den aus England vertrieben wurden' 54 '. Die Ausbeutungswirt¬ 
schaft war dadurch nicht zu treffen. An die Stelle der Juden traten 
reiche Christen. 

Über den Zeitpunkt und nähere Umstände der Einführung der 
Feudalwirtschaft in der Normandie sind wir weit weniger unter¬ 
richtet. Die Kirche konnte selbstverständlich nicht normanni¬ 
sches Land zu Lehen geben, wenn es ihr nicht vorher zu eigen ge¬ 
worden war. Also sind darüber rechtskräftige Verträge zwischen 
den Normannenherzögen und der Kurie geschlossen worden. 
Unter Richard II. (996 bis 1026) fanden schwere Bauernauf¬ 
stände statt, die in langen Kämpfen ungeheuer blutig unterdrückt 
wurden. Soziale Unruhen sind ein mittelbarer Nachweis der ge¬ 
waltsam durchgesetzten kapitalistischen Wirtschaftsordnung. 
Die künstlich errichtete unüberbrückbare Kluft zwischen Adel 
im Bund mit den Priestern einerseits und dem enteigneten Volke 
andererseits - genau das Herrschafts- und Wirtschaftssystem der 
vorchristlichen Druiden! - trat nirgends so deutlich in Erschei¬ 
nung wie in der Normandie des 11. und 12.Jahrhunderts. Wie 
einst im Frankenreiche, so stellte jetzt das bekehrte, unterworfene 
und ausgebeutete germanische Bauernvolk die Legionäre oder 
Söldner für weitere Eroberungszüge der Kirche, es hungerte, mar¬ 
schierte, blutete und starb »zum größeren Ruhme Gottes«. 

Am 23. August 1059 hat Papst Nicolaus II. einen hohen norman¬ 
nischen Adligen, Robert Guiscard, »durch die Gnade Gottes 
und St. Peters zum Herzog von Apulien und Calabrien und zu¬ 
künftigen Herrn Siziliens ernannt« und ihn mit diesen Ländern be¬ 
lehnt. »Guiscard verpflichtete sich, eine jährliche Rente an den 
Heiligen Stuhl zu entrichten und dessen Sache zu vertreten« ' 55 '. 
Man kann der umfassenden, vielseitigen und weitsichtigen Politik 
der Priester eine gewisse Bewunderung nicht versagen. Denn im 
Jahre 1054 war es zum endgültigen Bruch zwischen katholischer 
und orthodoxer Priesterschaft gekommen*' 56 '. Für die abendlän¬ 
dischen (Druiden-)Priester ergab sich daraus, daß alle Versuche 
zur friedlichen, diplomatischen Anerkennung ihrer Vorherrschaft 
über die Ostkirche fehlgeschlagen waren. Für sie kam fortan nur 
Kampf und Krieg bis zur Vernichtung in Frage, die gleiche Be¬ 
handlung wie für alle Heiden und abgefallenen Ketzer, Protestan¬ 
ten oder wie sie genannt werden mögen. Überall, ob in Italien, 
England oder Skandinavien, sie gingen zielbewußt zu Werke, mit 


46 


immer neuen Kriegen ihre Kirchenherrschaft auszubreiten. Süd¬ 
italien war zwar christlich, gehörte aber um diese Zeit zur Ostkir¬ 
che. Sizilien, das lange byzantinisch (ostkirchlich) war, stand unter 
sarazenischer Herrschaft, sie wurde nun mitgestürzt und das Land 
katholisch gemacht. 1061 fiel Messina, 1072 Palermo. Gleichzei¬ 
tig führte Guiscard Krieg in Unteritalien, zerstörte Bari 1071 
und vertrieb alle orthodoxen Griechen von der Halbinsel. Die ur¬ 
alte Latifundien-Wirtschaft wurde von den Eroberern bequemer¬ 
weise übernommen wie sie war - hier lebten ja keine Germanen. 
Der bescheidene Wohlstand der eingesessenen Landeigentümer 
des Sarazenenreiches und seine höhere Gesittung, gewiß auch die 
orientalische Korruption, gefiel den normannischen Herren so 
gut, daß sie den Arabern Siziliens volle Religionsfreiheit zusicher¬ 
ten und eine Mischung zwischen katholischer Kirche und Islam 
anstrebten. Vielleicht erkannten sie schon die Überlegenheit der 
islamischen Ausbeutungswirtschaft. Auf päpstlichen Befehl mußte 
Guiscard mit einem Heere von 16000 Mann erneut gegen By¬ 
zanz antreten, besetzte Corfu im Jahre 1081 und besiegte Kaiser 
Alexis im Oktober des gleichen Jahres bei Durazzo. Dann sollen 
Kaiser Heinrichs IV. schwere Kämpfe um Rom und gegen Papst 
Gregor VII. die Kräfte der Normannen abgezogen haben. 

Wir besitzen über die Anwesenheit der Normannen in England 
und Unteritalien-Sizilien (wo sie in alten Urkunden als » Franci« 
bezeichnet wurden) immerhin übereinstimmende kulturelle Spu¬ 
ren, die alle späteren Jahrhunderte überstanden. Uber die Vor¬ 
gänge in Deutschland gibt es aus dieser Zeit so gut wie keine Be¬ 
weise solcher Art. Die modernen Geschichte-Schreiber stüt¬ 
zen sich auf Chroniken, Berichte und Urkunden, welche die Kir¬ 
che aus ihren Archiven zur Verfügung stellt. Dabei ziehen sie 
die Möglichkeit der Fälschung überhaupt nicht in Betracht. Wie 
Kammeier nachwies, sind viele Geschehnisse erfunden um die 
Kirche zu verherrlichen, Päpste als gewaltige Herrscher zu zei¬ 
gen, Personen als Randfiguren einzuführen und ähnliche Hinter¬ 
listen. Beispielhaft ist dafür die von Kirchenschreibern berichtete 
Lebenszeit Kaiser Heinrichs IV. (1056 bis 1106), angefüllt mit 
wenig glaubwürdigen Geschehnissen. Da soll Heinrich, »um 
die Sachsen zu bezähmen, auf ein Mittel verfallen sein, wie es die 
Normannen in Unteritalien und Adalbert (von Bremen) in sei¬ 
nem Bistume angelegt hatte, nämlich an hervorragenden Stätten 
Burgen im Lande anzulegen. So reizte er den ganzen Stamm der 
Sachsen gegen sich, nicht bloß einzelne Große. Zwar mußte er den 
Sachsen im Frieden zu Gerstungen 1074 die Niederreißung der 
Burgen zusichern, aber als die sächsischen Bauern im Übermute 
auch die Kirche der Harzburg verbrannt und die dortigen Grä¬ 
ber entweiht hatten, da wandte sich die Stimmung aller gegen die 
Frevler«. Also nur eine recht belanglose Untat gegen die Kirche 
rettete Heinrich vor dem vorzeitigen Untergang, er konnte die 
Sachsenbauern - bloß wegen einer Kirchenschändung! - bei Ho¬ 
henburg 1074 zusammenschlagen. Das erzählen Chronisten^ 57 ). 
Wenn Heinrich Zwingburgen bauen ließ und gleich wieder nie¬ 
derreißen mußte, gibt es keine Spur davon - und keinen Beweis. 
Die Fehden sind nicht nachprüfbar, da ohne Folgen. Die Sachsen 
traten im Streite zwischen Heinrich und dem Papste (1075) an¬ 
geblich auf die Seite der Kirche. So geht es fort in diesem Roman, 
bis der Kaiser seinen vielzitierten Büßgang nach Canossa (1077) 
antreten muß. Die Kirche siegte, sie siegt immer, das ist die Moral 
dieser Legenden. Denn Canossa wurde von Wilhelm Kammeier 
und Walter Kellerbauer als üble Geschichts-Fälschung ent¬ 
hüllt. Das Ganze ist nichts anderes als eine planmäßige Spurenverwi¬ 
schung von Auseinandersetzungen zwischen ausgebeutetem Volk und 
Kirche, wobei auch deutsche Kaiser ins Kreuzfeuer gerieten. Die Auf¬ 
stände im 11.Jahrhundert gegen Christenpriester und ihre Aus¬ 


beutungswirtschaft (»Gottesordnung«) von der Weichsel quer 
durch Deutschland bis England, von Jütland bis Italien, von Volk 
und Großen sind nicht zu zählen. Sie müssen so entsetzlich blu¬ 
tig gewesen sein, daß es nicht möglich war, sie völlig zu verschwei¬ 
gen. Mit viel Mühe wurden die wirtschaftlichen Ursachen der Un¬ 
ruhen und die Schuld der Kirche heruntergespielt und einzelnen 
Fürsten angekreidet. Allerdings unterliefen den Priestern dabei 
zahllose Fehler, die wie Inseln aus dem Lügenmeere auftauchen. 
Da berichten sie, daß »unter Annos (Erzbischof von Köln) Re¬ 
gentschaft der junge König 1063 in der Kirche zu Goslar Zeuge ei¬ 
ner Mordschlacht ward, wie sie hadersüchtige Geistliche um welt¬ 
liche Ehren an heiliger Stätte ausfochten« 1 - 57 ). Erfunden kann die¬ 
ser Vorfall deswegen nicht sein, weil die Kirche jede Gelegenheit 
hatte, ihn zu bestreiten oder verschwinden zu lassen. Hier zeigt 
sich, welche Niedertracht - auch im Hinblick auf das Urteil der 
Geschichte - die Priesterschaft sich anmaßen durfte ohne Re¬ 
chenschaft schuldig zu sein. Er kann schon deshalb nicht erfun¬ 
den sein, weil seit Otto - nein, seit Konstantin dem Grossen 
- die Geistlichkeit bei der Vergabe weltlicher Ämter stets bevor¬ 
zugt wurde. Solche Pfründe waren heiß begehrt. Es entsprach den 
Wunschvorstellungen der Priester, zugleich weltliche Machthaber 
vom Erzbischof-Fürsten bis zu Reichsäbten zu sein. Der »Investi¬ 
turstreit« zwischen Papst Gregor VII. und Kaiser Heinrich IV. 
drehte sich ja hauptsächlich um die Frage, wer in diesem System 
zu bestimmen hatte. Nehmen wir die schauerlichen wirtschaftlichen 
Notstände der Zeit hinzu, von den Historikern in aller Breite aus¬ 
gemalt, so wundert man sich nicht mehr, wenn die Priester zum 
Schwerte griffen, um für sich ein besseres Leben zu sichern. Be¬ 
kanntlich trug die Geistlichkeit (nach altem Druidenrecht) da¬ 
mals Waffen. Zwar zeugte das nicht für Christus, Christentum 
und seine Lehren, wie sie dem Volke gepredigt wurden, doch was 
kümmerte das die Priester? 

Gemäß Darstellung aller Chronisten spielt Italien in den Kämp¬ 
fen der Kaiser und Päpste eine Schlüsselrolle. Nirgends sind aller¬ 
dings die Widersprüche der Geschichtefälscher besser zu erken¬ 
nen als hier. Jahrhundertelang sollen deutsche Kaiser mit deut¬ 
schen Heeren nach Italien gezogen sein, sich ohne ein erkennba¬ 
res politisches Ziel herumzuschlagen, zu siegen und ebenso oft 
besiegt zu werden - nur um die Kaiserkrone in Rom zu erhalten. 
Zu Otto des Grossen Zeit »waren die Päpste tief in die Wir¬ 
ren verflochten und von dem schon errungenen hohen Ansehen 
zu völliger Unbedeutendheit herabgesunken« ( 57 f Und trotzdem 
war die Kirche bedeutend genug, Otto zur Eroberung des freien 
Germanien zu bestimmen und Kaiser zu krönen? Wie soll man 
verstehen, daß ein »bedeutungsloser« Papst Gregor V. und Kai¬ 
ser Otto III. »gemeinsam glühten für eine religiöse Reform« ? Was 
war denn an der Kirche reformbedürftig? Welche »religiöse Re¬ 
form« und warum nur in Italien? Waren die Italiener damals viel¬ 
leicht keine Katholiken? Man berichtet von »Gegenpäpsten«, ja 
es kommt immer wieder vor, daß sich »Rom in Empörung gegen 
seinen Papst befand«. Weshalb? Muß man dafür nicht wirtschaft¬ 
liche, soziale oder politische Gründe vermuten? Oder innere 
Machtkämpfe der Priesterschaft? 

Nichts ist darüber gesagt. Wie rechtfertigt man die barbarische 
Handlungsweise der erhabenen Christen in diesen Auseinander¬ 
setzungen? Niederschlagung der Empörer, Vernichtung jedes Wider¬ 
sachers, und »mitgrausamer Strenge bestrafte er (Otto III.) die Geg¬ 
ner, Creszenz ward hingerichtet, der Gegenpapst Johann schreck¬ 
lich verstümmelt«^. »Religiöse Reform« und Terror nützten gar 
nichts, denn merkwürdigerweise wird uns weiterhin von Gegen¬ 
päpsten berichtet (Synode von Sutri 1046). Imjahre 1053 sollen 
die Normannen sogar einen Kriegszug gegen den römischen Papst 


47 


unternommen haben - man denke, welche Rolle sie gleichzeitig, 
zuvor und danach für die Kirche spielten! Auch Papst Gregor 
VII. hatte auf Canossa 1077 Zuflucht gesucht (als Heinrich vor 
ihm erschienen sein soll), denn »in der Lombardei (herrschte) star¬ 
kes Widerstreben gegen Gregors Neuerungen«. Also in den ger¬ 
manischen Randländern ebenfalls Feindschaft und Aufstand ge¬ 
gen den Papst aus dem französischen Kloster Cluny! Heinrich IV. 
war mit einem Gegenpapste verbündet, vertrieb Gregor VII., der 
zu den Normannen flüchtete und »im Exil gestorben ist« (1085). 
Als dagegen Heinrich IV. starb, »hat sein Sarg fünf Jahre an un- 
geweihter Stätte gestanden«, berichten uns die Kirchenschreiber 
und bestätigen ihren religiösen Haß, mit dem sie den angeblichen 
Büßer von Canossa über seinen Tod hinaus verfolgten. 

Hier hat die kirchliche Urkundenfälschung sich offensichtlich im 
eigenen Netzwerk verstrickt! Sie konnte die Geschichte nicht be¬ 
wältigen, die Widersprüche sind auffallend. Die unaufhörlichen 
Kämpfe in Italien, die Ottonen für, Heinrich IV. (und sein Sohn 
Heinrich V.) gegen die französischen Päpste, lassen die Schlu߬ 
folgerung zu: Italien befand sich um diese Zeit gar nicht in den 
Händen der druidisch-katholischen Priesterschaft. Italien wider¬ 
setzte sich hartnäckig den Eroberungsbestrebungen dieser Prie¬ 
stermacht, war es kirchlich unabhängig und hatte seine eigenen 
Päpste in Rom? Nur dann läßt sich verstehen, daß ein französisch¬ 
katholischer Papst seinen gekauften Normannenadel gegen Nor¬ 
ditalien (Lombardei) vergeblich, in Süditalien (griechisch-ortho¬ 
dox!) erfolgreich einsetzen und sogar gegen den römischen Papst 
marschieren lassen konnte. Im südlichen Alpenvorland konnten 
sich die Waldenser und Katharer bis zum 14. Jahrhundert halten 
und wurden erst durch die Inquisition ausgerottet. Süditalien war 
zwar um 1060 katholisch geworden, das übrige Italien bis zum 
12. Jahrhundert offenbar nicht und daher unaufhörlichen Erobe¬ 
rungsversuchen der katholischen Kirche ausgesetzt. 

Diese Deutung wird zur Überzeugung, wenn man sich an den 
Aufruf des Papstes Urban II. zu den Kreuzzügen erinnert (1095). 
Warum verkündete er sie in Clermont-Ferrand und nicht zu Rom? 
Warum beteiligte sich nur Frankreich an den ersten Kreuzzügen, 
Deutschland kaum, schon gar nicht Nord- und Mittelitalien? Un¬ 
terstützung gab es freilich aus Süditalien! Kaum Zufall, genau 
wie die klösterliche »Reformbewegung« vom nicht weit ent¬ 
fernten Cluny ausging. Um 1100 saß die Spitze des katholischen 
Priestertums noch in Frankreich! Ihr Hochpriester sah sich weit 
entfernt, von der Ewigen Stadt aus die Welt zu beherrschen. Al¬ 
lem Anschein nach wollte er das damals gar nicht und sein wah¬ 
res Ziel war Jerusalem, das freilich erst erobert und gesichert wer¬ 
den mußte. Politisch gedacht, war das sehr weitsichtig. Hätte er 
damit nicht die morgenländische Kirche im Rücken angegriffen? 
Und zugleich die religiöse Nachfolge des Judentums angetreten? 
Eine wohl überlegte Strategie, eine 40jährige Planung ist bei der 
Druiden-Priesterschaft durchaus nicht ungewöhnlich oder ein¬ 
malig. Sie dürfte der verschwiegene wirkliche Anlaß zu den Kreuz¬ 
zügen sein, ein Schandfleck in der Geschichte Europas, der euro¬ 
päischen Völker, über allem der Christen und ihrer Kirche: Den 
Arabern wurde »Franke« zu einem Schimpfwort und gleichbe¬ 
deutend für einen Menschen mit schlechtesten Eigenschaften. 
Nach der ersten Eroberung Jerusalems 1099 (bei der die from¬ 
men Kreuzfahrer übrigens alle Juden: Männer, Frauen und Kin¬ 
der, erbarmungslos totschlugen, was auf höhere Weisung schlie¬ 
ßen läßt und in diese Theorie paßt) übernahmen sogleich päpstli¬ 
che Legaten Herrschaft und Verwaltung der Stadt und schoben die 
Kreuzritter (Gottfried von Bouillon) mit Undank beiseite. 
Wie im untergehenden römischen Imperium und immer in Zei¬ 
ten des Verfalls, war gerade das wirtschaftliche Elend des Mittel¬ 


alters die große Stunde aller Heils- und Kirchenapostel, der Erlö- 
sungs- und Verzichtlehren. Für die Priester waren es goldene Zei¬ 
ten im wörtlichen Sinne. Da sie alles besaßen, hatten sie sich über 
Zulauf nicht zu beklagen. Und wem kann man es verdenken? Jeder 
will leben und überleben. Seit der germanische Staat mit seinem 
biologisch gesunden Grundsatz verschwunden war, jeder habe für 
sich selbst zu sorgen oder müsse untergehen, gab es nur die Kirche, 
die vor dem Untergang zu schützen versprach. Unter ihren Bedin¬ 
gungen freilich. Im frühen 11. Jahrhundert kommt das Mönchun¬ 
wesen auch in Deutschland zum Durchbruch. Ausgegangen ist es 
von Südfrankreich: Dem berühmt gewordenen Kloster Cluny, fer¬ 
ner Citeaux (Zisterzienser), Chartreuse (Karthäuser), Premon- 
tre (Praemontratrum), Toulouse (Dominikaner) sowie eine An¬ 
zahl anderer, und es pries sich an als eine Reformbewegung (oder 
wurde später so gedeutet). Denn mit »geistigen Reformen« kann 
man viele Dumme einfangen, die schaden dem Wirtschaftssy¬ 
stem der Menschenausbeutung nicht, im Gegenteil! Ungeheure 
Massen von Mönchen fanden sich zusammen, eifrig auf dem den 
Deutschen gestohlenen Boden ihre Kibbutz- oder Sowchosähn¬ 
liche Kollektivwirtschaft einzurichten. Es heißt, im H.Jahrhun- 
dert konnte ein Mönch von der Ostsee nach Rom pilgern und j ede 
Nacht auf Grund und Boden eines Klosters verbringen - so riesig 
war das Grundeigentum der Kirche in der Mitte und dem Osten 
Deutschlands. Wer hat es jemals unternommen uns zu erinnern, 
welche Verbrechen, Morde, Schandtaten angewendet wurden, die 
Deutschen vom Boden zu trennen? Die kirchliche Wirtschafts¬ 
ordnung verlangte die Monopolisierung des Grundbesitzes in ih¬ 
rer Hand und sie arbeitete unermüdlich auf dieses Ziel hin. Der 
vollkommene Verzicht auf die irdischen Güter (Gelübde der Ar¬ 
mut, Keuschheit und des Gehorsams, anders ausgedrückt: Verzicht auf 
Eigentum, Familie und Freiheit) war daher für alle Mönchorden die 
wichtigste Regel. Dem Menschen nichts, der Kirche alles. Um je¬ 
den freiheitlichen Gedanken zu ersticken, mußte auch viel gebetet 
werden. »Bete und arbeite« lautet die orientalische Lebensweis¬ 
heit zur Verblödung. Sichtbare Unterwerfung und Erniedrigung 
verlangten die Priester unbedingt von allen Laien, d. h. den nicht 
»Geweihten«. Für die hohe Priesterschaft hieß das »Laß andere 
arbeiten, herrsche, prasse und verbeiße das Lachen!« Ist es da ver¬ 
wunderlich, wenn das Papsttum so verkommen und »in Rom der 
Sitz der größten Verwilderung war«? Selbst wenn Rom damals 
noch nicht der Sitz der Kurie war, ich habe keine geschichtliche 
Darstellung ausfindig gemacht, die das Priestertum als mensch¬ 
lich, sittlich und moralisch vorbildlich bezeugt. 

Die mit Schweiß und Blut des deutschen Volkes ausgetragenen 
Kämpfe sind so recht Zeugnis für die ständig übler werdenden po¬ 
litischen Zustände. Man hielt es für kaum denkbar, daß es noch 
viel weiter abwärts gehen würde. Niedergedrückt schauten die 
Menschen unentwegt nach dem »Ewigen Frieden« aus, den die 
Priester bei jeder Messe herbeizubeten versprachen. Zur gleichen 
Zeit schürte die hohe Priesterschaft ebenso eifrig - hinter dem 
Rücken der Niederen und dem Volke - die wirtschaftliche Unter¬ 
drückung und politischen Auseinandersetzungen, die zu allgemei¬ 
nen Bürgerkriegen ausarteten. Sie bestimmte ohne Rücksicht auf 
das Volk, was im Reiche geschah. Jeder Fürst, der nicht den Willen 
der Priester ausführen wollte, sah sich und sein Land von irgend 
einem Feinde im Dienste der Kirche kriegerisch überzogen. Da¬ 
bei wurde die ansässige Bevölkerung systematisch ausgeplündert. 
Wer erinnert sich dabei nicht an die Methoden der Römer in ihren 
Raubkriegen? Läßt sich diese Politik nicht schon bei den heidni¬ 
schen Druiden erkennen, mit der sie einst das Keltenland unter ih¬ 
rer Knute hielten? 


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Willige Werkzeuge zu finden, die durch Geld, klingende Titel und 
geraubtes Land (als »Lehen«!) zu gewinnen waren, fiel Prie¬ 
stern nicht schwer. Das hieß: Nur der erhielt ihre Unterstützung, 
der fromm (d. h. willig, gehorsam) tat, was sie wollten. Lothar 
von Supplinburg ist ein Beispiel, das diese niederträchtige 
Priesterwühlerei aufdeckt. »Lothar diente dem Papste in Ehr¬ 
furcht«, behauptet die Geschichte. Anscheinend war es Lothar 
II., der den ersten Druiden-Hochpriester als katholischen Papst in 
Rom (nach manchen fehlgeschlagenen Versuchen) auf den Thron 
brachte, nämlich den berüchtigten Innocenz II. (1132). Der Ju¬ 
bel der Frommen darüber ist so verständlich wie die enthüllende 
zynische Darstellung, die Innocenz II. fertigen ließ mit der In¬ 
schrift (übersetzt): 

»Es kam ein König vor das Tor ; 

Wo er das Recht der Stadt beschwor, 

Des Papstes >Lehnsmann< ward er drauf, 

Der setzte ihm die Krone auf«. 

Wie gering tatsächlich die polizeiliche Macht dieses Hochpriesters 
war, wie sehr er auf den weltlichen Arm angewiesen war, ist durch 
die Vertreibung Innocenz’ durch einen Gegenpapst (den Juden 
Anaiclet) belegt. Wurde der Bischof von Rom oder »Papst« bis 
dahin aus einer anderen (vielleicht jüdischen?) Priesterhierar¬ 
chie gewählt? War es nicht für die Druiden-Priester eine politische 
Notwendigkeit, zuerst die Wettbewerber zu verdrängen, wollten 
sie das Abendland beherrschen? Wenn der eine oder andere Ver¬ 
such zur Eroberung mißlang, bedeutete das viel für sie? Sobald sie 
neue Geldmittel dem Volke abgepreßt, brauchbare Handlanger 
gefunden, neue Söldner für Kreuzzüge ausgehoben hatten, wur¬ 
den die alten Pläne und Ziele wieder aufgenommen. 

Im ehrgeizigen, herrschsüchtigen Friedrich I. Barbarossa 
(1152 bis 1190) fanden sie einen besonders ergebenen und tüch¬ 
tigen Diener nach ihren Vorstellungen. Und warum auch nicht; 
Barbarossa war erbärmlich genug, dem Papste wie ein Stallknecht 
den Steigbügel zu halten und hat ihm sogar den Fuß geküßt! Sol¬ 
che Fürsten waren nach ihrem Geschmack, sie konnten sie gut 
zu Eroberungskriegen gebrauchen. Mußte Barbarossa Italien 
für die druidisch-katholische Priesterherrschaft erobern, wurde 
erst von ihm die katholische Kirche dort dauerhaft eingerichtet? 
Kammeier zeigte, daß die Geschichte der Italienpolitik Barbaros¬ 
sas viele offensichtliche Fälschungen aufweist. Die Priester hatten 
viel zu verb ergen! 

Nicht weniger als sechs Romzüge unternahm Barbarossa, un¬ 
terwarf die Städte und Herrschaften Italiens in zahllosen Kämp¬ 
fen, benutzte und schlachtete dafür viele tausende Deutsche als 
billige Söldner hin. Er sollte zum Nutzen der Kirche den erbitter¬ 
ten Widerstand der Völker überwinden, die Ausbeutungswirt¬ 
schaft mit Waffengewalt erhalten. Zu dieser Zeit erhob sich in Ita¬ 
lien eine gefährliche Bewegung gegen die Priesterschaft: Ein ab¬ 
gefallener Kleriker, Arnold von Brescia, predigte gegen den 
weltlichen Besitz der Kirche (das ist nichts anderes als Privatgrundei¬ 
gentum und Geldmacht in Priesterhand!) und fand eine begeisterte 
Anhängerschaft. Er nahm sogar Rom ein und nötigte den Papst 
(Hadrian IV) zur Flucht. Nach der erneuten Eroberung Roms 
durch Barbarossa wurde Arnold von Brescia - ein Deutscher 
lombardischen Blutes (er hatte in der Schweiz viele Anhänger ge¬ 
worben) - grausam umgebracht, aber auch Barbarossa beinahe 
durch die Römer gelyncht. So erbittert war in Rom im ^.Jahr¬ 
hundert die Feindschaft gegen Druiden-Papst und katholische 
Kirche - größer noch war sie in Deutschland. Was ging das deut¬ 
sche Volk Italien und die Italienzüge Barbarossas an? Es ver¬ 
fluchte sie, seine Landesfürsten versuchten andere Wege zu ge¬ 
hen. Welch ein Schandfleck der deutschen Geschichte, deutsche 


Männer für die verhaßte Priesterherrschaft kämpfen und bluten 
zu lassen! Barbarossa war es, der Gelehrte berief, das »Römi¬ 
sche Recht wieder dem Staube der Vergessenheit « (57) zu entziehen. 
Das römische (richtiger: orientalische) Recht, wogegen das deut¬ 
sche Volk schon 1000 Jahre lang härtesten Widerstand leistete, 
das trotz aller Versuche nicht in unserem Staatsleben Fuß fassen 
konnte, sollte es endgültig bezwingen. Mit größtem Pomp erhob 
der Papst den königlichen Knecht der Kirche zum Kaiser (1155). 
Angeblich gab es danach und zwischendurch auch Streitigkeiten 
zwischen Barbarossa und Papst. Das ist möglich, denn die Un¬ 
verschämtheit der Priester läßt sogar willenlose Diener zuweilen 
rebellisch werden. Weil von Kirchenmännern verfaßt, sind die Be¬ 
richte freilich einseitig und, wie gesagt, mit Vorbehalten zu bewer¬ 
ten. An Barbarossas christlichem Gehorsam bestehen keine 
Zweifel. Dem Befehle des Papstes gemäß begab er sich auf einen 
neuen Kreuzzug, ertrank unterwegs irgendwo und wartet an un¬ 
bekannter Stelle verscharrt auf den Tag der Auferstehung, woraus 
eine Pfaffenlegende für das deutsche Volk zurechtgemacht wurde. 
Die Willkürherrschaft, die Feld- und Kreuzzüge Friedrich Bar¬ 
barossas kosteten dem deutschen Volke Ungeheures an leben¬ 
diger und finanzieller Kraft. Wir wissen, daß die Steuerbürde sei¬ 
ner Zeit kaum erträglich war. Die grausamen Lebensbedingungen 
untergruben die Moral unseres ganzen Volkes. Mit dem 10. und 
11.Jahrhundert erkennen wir die zerstörende Wucht von Geld¬ 
mangel und zerrütteten WirtschaftsVerhältnissen wieder, die Grie¬ 
chenland und Rom zugrunde richteten. Die wirtschaftliche, natio¬ 
nale und kulturelle Kraft der Deutschen schien so gut wie endgültig ge¬ 
brochen. Das christlich-abendländische Wirtschaftssystem des 
Mittelalters, der Feudalismus, erreichte im 11.Jahrhundert den 
Gipfel. Kirche und Adel waren Sklavenmeister des übrigen Volkes, 
und das buchstäblich. Man handelte die Sklaven nicht mehr ein¬ 
zeln wie im Altertum, sondern, bequemerweise, als Masse. Nach 
Willkür wurden sie mitsamt Dorf und Land auf dem sie lebten - 
aber ihnen nicht mehr gehörte - wie ein Sachgut an andere Her¬ 
ren verschachert, verpfändet, verkauft, verschenkt. So wenig der 
Sklave des Altertums Rechte geltend machen konnte, der » Serf«, 
der Leibeigene in der christlichen Gottesordnung konnte es noch 
weniger. 

Es gab weder Recht noch Gerechtigkeit, jedenfalls nicht für das 
Volk. Der adelige Grundherr richtete und urteilte über seine Hin¬ 
tersassen nach Willkür (der »Sachsenspiegel« ist auch eine kirch¬ 
liche Fälschung!). Die Freizügigkeit war beseitigt; dem Leibeige¬ 
nen wurde verboten, den Ortsbereich zu verlassen, ohne Erlaub¬ 
nis zu heiraten, einen Beruf zu wählen und bei seinem Tode mu߬ 
ten die Angehörigen noch Abgaben entrichten. »Der Zehnte, eine 
Steuer auf alles was das Land hervorbrachte, lebend oder tot, war ein¬ 
heitlich in der ganzen christlichen Welt«. Der Zehnte war nur ein 
Bruchteil dessen, das ihnen per »Herrenrecht« oder blanker 
Willkür abgequetscht wurde. Die sozialen und politischen Ver¬ 
hältnisse, die ich zu Beginn dieses Abschnittes zitierte, ergaben 
sich daraus zwangsläufig. Man sehe sich die erbärmlichen Wohn¬ 
stätten eines deutschen Dorfes jener Zeit an, wie sie im Museum¬ 
dorf Düppel bei Berlin wiederhergestellt wurden, man höre dort 
über die damals herrschenden wirtschaftlichen Zustände. Jede 
Freude wurde unterdrückt, den Frauen der Schmuck verboten, 
die Kleidung war farblos und klosterähnlich vorgeschrieben. Wird 
man sich dennoch nicht im Volke eine Erinnerung an die besse¬ 
ren Zeiten bewahrt haben, in denen die Vorfahren lebten? Selbst 
wenn die Kirche alle schriftlichen Aufzeichnungen der germani¬ 
schen Vergangenheit verbot, sich bemühte, alte heidnische Bräu¬ 
che umzubiegen und dafür das Christentum einzubläuen, eines 
konnte sie gewiß nicht: Das Erbgut der Deutschen ändern. Was 


49 


sie auch tat, die artfremde Wirtschaftsform, orientalisches Recht 
und Zwangherrschaft gegen Unzufriedenheit des Volkes zu si¬ 
chern, die Unwissenheit der Menschen zu fördern, im Dasein der 
Deutschen hatte das keine Grundlage. Wer heute nach Ägypten, 
ins Zweistromland, die Levante, nach Griechenland kommt, fin¬ 
det keine Spur geistiger und kultureller Verbindung des jetzigen 
Volkes zu der eindrucksvollen, großartigen Vergangenheit dieser 
Landschaften. Selbst die Araber, die vor 1000 Jahren als hochkul¬ 
tivierte Nation angesehen wurden und den raubgierigen Kreuz¬ 
fahrerbanden die größte Hochachtung abnötigten, sind heute nur 
Haufen elenden, haltlosen Gesindels, bar jeden Geistes und je¬ 
der Kultur, besessen und verdorben vom Selbstzweck einer Re¬ 
ligion, die keinerlei Menschen-, Sitten-, Kultur-und Geisteswert 
aufweist. Aber die Deutschen, von den anderen genannt Germanen, 
sind auch in diesen Tagen von den internationalen Weltbeherrschern 
gefürchtet, und das nicht nur weil sie vor 900 Jahren sich erstmals aus 
ihren Ketten losmachten. Die Deutschen schafften es, als allgemeine 
Not das Volk erwürgte und es schien, das Los der Fellachen und Kulis 
würde unwiderruflich auch das ihre sein. 

200Jahre Wirtschaftsblüte - Niedergang der Kirche 

Wir entnahmen aus den bisherigen Abschnitten die Überzeu¬ 
gung, daß die Germanen ohne Geld und Christentum viel reicher 
gewesen waren. Die Grabfunde der vorchristlichen Zeit mit ih¬ 
ren erstaunlich kostbaren Beigaben beweisen uns, wie gewaltig ihr 
Überfluß an Güterbesitz war. Der erlaubte ihnen die Sitte, ihren 
Toten das ihnen teuerste mit ins Grab mitzugeben, Männern die 
Waffen, Frauen den Schmuck. Die Germanen konnten, solange 
sie Heiden waren, sich Neues schaffen, das sie ihr Leben beglei¬ 
ten würde. Der bis heute bekannte Ausdruck »heiden-reich« für 
Wohlstand steht für eine uralte Wahrheit! Die allgemeine Verelen¬ 
dung kam mit dem Christentum und der Ausbeutung durch Geld¬ 
kapitalbesitzer. Die meisten Christen besaßen in ihrer Lebenszeit 
so wenig wie ihr Stifter, sie sanken nackt und arm ins Grab, davor 
sprachen die Priester von den Schätzen und Freuden, die im Him¬ 
mel auf die Toten warteten, und die Erben zankten sich - bis heute 
- um den kümmerlichen Nachlaß. 

Unkundige der Wirtschaftsgeschichte haben mit der Überzeu¬ 
gung der Ahnungslosen das bitterarme Volk Deutschlands und 
eine reiche römische Kirche für selbstverständlich erklärt. Es war 
im Mittelalter nun einmal so, hieß es bisher. Aber da täuschten sie 
sich und uns. Im 12. Jahrhundert nämlich erlebte Deutschland ei¬ 
nen Aufschwung der Wirtschaft, der nicht nur an die Germanen¬ 
zeit erinnert, sondern sie weit übertrifft. Zwar erstanden ihre al¬ 
ten Grabbräuche nicht wieder, doch alle erhaltenen Zeugnisse be¬ 
weisen eine unvorstellbar plötzliche, allgemeine Wendung zum 
besseren Leben des Volkes. Diese größte wirtschaftliche Umwäl¬ 
zung seit der Erfindung der kapitalistischen Geldwirtschaft - mit 
gewaltigen politischen Folgen - erklärt und beschreibt erstaunli¬ 
cherweise kein Geschichtebuch. Ihre Ursache wurde erst um 1930 
enträtselt. Die Geschichte, die uns darüber erzählt wird, läuft etwa 
folgendermaßen: Ein Erzbischof zu Magdeburg namens Wich- 
mann fand um 1140/42 die ständigen Geldnöte und Abhän¬ 
gigkeit von Wucherern so unerträglich, daß er einfach alle Mün¬ 
zen seines Herrschaftsbereiches einzog und für 16 Einheiten nur 
12 neue ausgab. Wichmann gab nun die einbehaltenen 25% im 
Laufe des Jahres aus und wiederholte das einträgliche Verfahren 
im nächsten Jahre. Es war also eine Steuer auf das Geld selbst, der 
Herr Erzbischof kassierte damit auf eine Weise, der sich kein Geld¬ 
besitzer entziehen konnte. 

Die Allgemeinheit begriff schnell die Sinnlosigkeit, einmal erhal¬ 
tene Münzen als wertvollen Schatz festzuhalten. Wer das tat, hatte 


ja im Laufe des Jahres ein Viertel ihrer Kaufkraft eingebüßt! Also 
versuchte jeder, den drohenden Verlust abzuwälzen, indem er sie 
an den lieben Nächsten gegen dessen Waren oder Leistungen in 
Zahlung gab. Jeder, der etwas anzubieten hatte, fand schnell ei¬ 
nen Käufer, eben weil das Geld dafür gerne hergegeben wurde. 
Der alte, aus der verschatzbaren Natur des Edelmetallgeldes stam¬ 
mende Aberglaube, Geld an sich sei Reichtum, war schlagend wi¬ 
derlegt. Nicht Geld, sondern die Erzeugnisse der Menschen stel¬ 
len den wahren Reichtum dar. Auch das alte Geld stellte ja nichts 
anderes dar als die Erwartung, dafür die gewünschten Güter ei¬ 
nes Tages erwerben zu können. Nur konnte der Geldbesitzer mit 
den Wichmann’schen Münzen, Brakteaten genannt, nicht mehr 
ohne Nachteil den Zeitpunkt bestimmen, wann das geschehen sollte. 
Er verlor ein Vorrecht, aber die Allgemeinheit gewann unendlich 
mehr durch die Abschaffung dieses Vorrechtes. Sie war nicht mehr 
von der Willkür der Geldbesitzer abhängig. Viele können heute 
die Wirkungen eines Geldes ohne Vorrechte nicht begreifen. Je¬ 
den Pfennig mühsam erwerben, erbetteln, erpressen, erstreiten, 
ihm nachlaufen müssen, war das nicht die eigentliche Ursache all¬ 
gemeiner Not, die von den mittelalterlichen Zeitgenossen wie von 
den Geschichte-Professoren so beklagt wurde? 

Ich konnte bisher nicht die Quelle dieser Geschichte ausfindig 
machen; kein einziger, der sie wiedergibt, hat sie genannt oder 
wörtlich zitierft S5 ^, sie wird anscheinend voneinander laufend ab¬ 
geschrieben. So einleuchtend und überzeugend sie klingt, der 
Verdacht einer Fälschung ist nicht abzuweisen. Zweifel erheben 
sich bereits bei der Person des Wichmann, der erst 1152 Erzbi¬ 
schof geworden sein soll. War der unbekannte Vorgänger Wich- 
manns Erfinder der Brakteaten? Diese Vermutung stürzt schon 
die Glaubwürdigkeit der WiCHMANN-Erzählung! Mehr noch: 
Die Chronik des Magdeburgers Episkopates ist Fälschung, Wich¬ 
mann hat wahrscheinlich nie existiert. Die Erzählung hätte man 
von Anfang an bezweifeln müssen, denn einem Erzbischof ist die 
Erfindung eines zinsfreien Geldes kaum zuzutrauen. Man über¬ 
sah, daß hohe Kirchenfürsten niemals Geldmangel litten, da ja 
die Macht der Kirche auf dem »Schatz Gottes« (Anhäufung von 
Geld bzw. Kapital) gegründet war. Aber die Brakteaten gab es wirk¬ 
lich, es sind welche in guten Münzensammlungen bis heute erhalten. 
Ihre regelmäßige und unregelmäßige Verrufung ist geschichtliche 
Tatsache. Brakteaten nannte man auch Schüssel- oder Hohlpfen¬ 
nige, sie wurden nur einseitig geprägt, um die Kosten der Umprä¬ 
gung zu verringern. Damit enthüllt sich vor uns eine geldkundliche 
Wahrheit im Kern der WiCHMANN-Legende. 

Wir müssen jetzt tiefer bohren, so gutes im Fälschungsmeer mög¬ 
lich ist. Das Brakteatengeld zeigt bereits eine gewisse Vollendung 
und Zweckmäßigkeit, ihm muß eine Entwicklungsarbeit voraus¬ 
gegangen sein, von der man bisher nichts ahnte. 

Wäre es tatsächlich in Magdeburg erfunden worden, so hätte der 
kulturelle und wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands, sogar 
Europas von dieser Stadt bzw. diesem Erzbistum seinen Ausgang 
nehmen müssen. Gar nichts deutet darauf hin. Von einer auffal¬ 
lenden Wirtschaftsblüte berichtet man bereits 40 Jahre früher, um 
das Jahr 1100, in einer ganz anderen Landschaft, deren germani¬ 
sche Geschichte man heute vergessen hat: Der Lombardei. Die 
Lombardei war, genau wie Sachsen, Bayern, Schwaben, Franken, Bur¬ 
gund, ein Teil des »Heiligen« Deutschen Reiches (59) . 

Die Langobarden hatten sich trotz der Unterwerfung durch Karl 
den Grossen stets eine gewisse Unabhängigkeit erhalten kön¬ 
nen. Germanischer Fleiß dürfte die alten, heruntergewirtschaf- 
teten Römerstädte und das offene, fruchtbare Land von Anfang 
an (vor 460) so belebt haben, daß seine Sonderstellung geachtet 
wurde. Die Kaiser sahen es als Ehre an, die eiserne Krone des Lan- 


50 


gobardenkönigs zu tragen. Die mußte ihnen allerdings die Aner¬ 
kennung von Verpflichtungen und Volksrechten auferlegen. 

Kurz »vor dem Tode Heinrichs IV. (1106) beginnen die lom¬ 
bardischen Städte mächtig aufzublühen«. Dafür mußte zualler¬ 
erst Geld vorhanden sein - woher kam es, wo sonst überall im 
christlichen Abendland alles wirtschaftlich danieder lag? Man er¬ 
innere sich, daß nur 40 Jahre zuvor Mordschlachten um Geldein¬ 
künfte stattfanden! Handel, Gewerbe und Künste können nur bei 
umlaufenden Gelde bestehen, aber Silberbergwerke gab es in der 
Lombardei nicht. Man muß hier zum ersten Male andere Mittel 
und Wege als eine Geldvermehrung (Inflation) gefunden haben, 
die den Umlauf des Geldes erzwangen. Nur durch eine zeitwei¬ 
lige Ungültigkeitserklärung der im Verkehr befindlichen Münzen 
war das zu erreichen. Wir wissen, daß beim Tode des jeweiligen 
Herrschers häufig die Münzen eingezogen und neue dafür ausge¬ 
geben wurden, die lombardischen Stadtbehörden dürften zum er¬ 
sten Male auf den Gedanken gekommen sein, wegen ihres eigenen 
chronischen Geldmangels dafür eine Umtauschgebühr (»Schlag¬ 
schatz«) zu erheben. Die Ungewißheit über die Lebenszeit des 
Herrschers tat das ihrige dazu, das Geld im Umlauf zu halten. Man 
stelle sich vor, wie Gerüchte oder Nachrichten über sein Siechtum 
oder Hinscheiden sofort den Geldumlauf gewaltig antrieben und 
somit eine kräftige Konjunktur auslösten« 60 ). Sobald man die se¬ 
gensreichen wirtschaftlichen Wirkungen der Umtauschgebühr er¬ 
kannte, war fast selbstverständlich der Beschluß, einen regelmäßi¬ 
gen Verruf einzuführen. Ein gleichmäßig umlaufendes Geld belebt 
den Handel, bringt die Gewerbe in Arbeit und hebt sofort den all¬ 
gemeinen Lebensstand. Die aufblühende Wirtschaft ermöglichte 
einen unvorstellbaren kulturellen Aufschwung, der sich gleichzei¬ 
tig in der Entwicklung des lombardischen Baustiles und wenig 
später mit der Erfindung des Spitzbogens als gotischer Stil für die 
Nachwelt unauslöschlich einprägte. Damit beantwortet sich die 
Frage, woher die lombardischen Städte nicht nur für den persönli¬ 
chen Wohlstand, sondern auch viel Geld für öffentliche Bauwerke 
übrig hatten, ja in in einem regelrechten Wettlauf sich gegenseitig 
zu überbieten versuchten. 

»Es entstand unzweifelhaft ein Aufschwung des Bauwesens in der 
Lombardei, der zu einer Neu-Entwicklung der Baugestaltung führte. 
Diese Neubelebung beeinflußte nicht nur das übrige Italien, son¬ 
dern das ganze nordwestliche Europa einschließlich England. Ver¬ 
schiedene Abarten entwickelten sich an vielen Plätzen, selten nur 
waren sie (besonders in Venedig und Sizilien) von byzantinischer 
Kunst beeinflußt. In Rom selbst gab es keine beständige Fortent¬ 
wicklung, die klassische Tradition war zu stark«« 61 ). Und gewiß gab 
es in Rom das lombardische Geld nicht! Hier stoßen wir auf die Be¬ 
zeichnung »lombardischer Baustil«, ein eindeutiger, jetzt erklär¬ 
licher Begriff, der im 19.Jahrhundert von dem französischen Ge¬ 
lehrten Narcisse de Caumont in »romanischer Baustil« um¬ 
getauft wurde« 62 '. Die Fachleute wissen, daß dieser Baustil mit der 
römischen Architektur nichts zu tun hat. Sie ist tatsächlich rein ger¬ 
manisch und weltlich. »In den Einzelheiten ist die römische Tradi¬ 
tion fast völlig verschwunden, die Lombarden gestalteten freiere 
und natürlichere Nachbildungen als Ausschmückung und be¬ 
deckten ihre Bauwerke mit Darstellungen von Kämpfen und und 
Jagden, an denen sie sich erfreuten«« 63 '. Dieselbe weltliche, ger- 
manisch-heidnische Kunstgestaltung hat Hammacher an vielen 
deutschen Kirchenbauten des Mittelalters ebenfalls nachgewie¬ 
sen« 64 ). 

Aber die zahllosen, großartigen lombardischen und gotischen 
»Sacral«bauten, die das Häusermeer überragen wie die Glucke 
die Küken, widerlegen sie nicht unchristliche Gedanken in je¬ 
ner Zeit? Stehen sie nicht vor uns als ein gewaltiges steinernes 


Zeugnis für den religiösen und christlichen Sinn der Bewohner? 
Preist doch die Kirche den heiligen Franz von Assisi, die hei¬ 
lige Elisabeth als sittliche, moralische Vorbilder gerade zu dieser 
Zeit! »Der mittelalterliche Mensch empfand das Leben in all sei¬ 
nen Äußerungen als Einheit; Staat, Kirche und Kultur waren ihm 
eins«« 6s ). Oder: »In tausend Lebensformen stellte sich die Kirche 
vor das Auge der Gläubigen. Sie umschloß mit ihren Formen und 
Einrichtungen das ganze Leben der damaligen Menschen, und der 
Höchste wie der Niedrigste beugte sich ihr und ihren Dienern in glei¬ 
cher Ehrfurcht «« 66) . Solche oft vorgetragenen Behauptungen der 
Professoren sind Märchen, entstanden aus Furcht (oder gar einem 
Verbot?) die wirklichen Vorgänge jener Zeit bekannt werden las¬ 
sen. 

Die gewaltigen Bauwerke des Mittelalters, die wir heute Kirchen 
nennen, verwandeln sich beim Hinsehen sofort in Zeugnisse ge¬ 
gen Frömmigkeit und Christentum. Warum lassen sich für die Kir¬ 
chengebäude des Mittelalters keine christlichen Entwicklungs¬ 
stufen und Vorbilder finden? Mit den Kirchenbauten, wie sie uns 
vertraut sind, haben weder die antiken Tempel noch die Kirchen 
der frühen Christenheit das geringste gemeinsam. Ausgrabun¬ 
gen im Orient wiesen die ersten christlichen Kirchen durchweg 
als Achteckbauten nach. Diese Form ist bei sehr frühen christli¬ 
chen Bauten Deutschlands wie in Aachen und Würzburg vorge¬ 
funden worden« 67 ). Archäologen haben andererseits Klosterkir¬ 
chen ausgegraben (Paderborn, Fulda u.a.), die offenbar von kel¬ 
tischen Glaubensboten entworfen sind und auf westliche (druidi- 
sche) Einflüsse zurückgehen, weil deren Ursprung im Irland des 
fünften Jahrhunderts gefunden wurde. Diese bestehen aus zwei 
ungleichen Hälften, einem kleinen quadratischen Teil und einem 
größeren, beinahe quadratischen Grundriß, die aneinander gefügt 
sind, also auch die acht Ecken zeigen, wenngleich in anderer Ge¬ 
stalt. Bei den Kirchen lombardischen und gotischen Stils (Seiten¬ 
schiffe, Vierung, Apsis) müssen sich germanisch-heidnische Vor¬ 
stellungen mit Wucht Geltung verschafft und die christlichen Bau¬ 
formen verdrängt haben. 

Dies wurde von einigen Forschern erkannt, die dafür, wen soll 
es wundern, nicht weniger hartnäckig totgeschwiegen werden 
als Wilhelm Kammeier und die Fälschung der deutschen Ge¬ 
schichte. Soweit man an ihnen nicht vorbei konnte, versucht man 
sie als »Nazi-Ideologen« zu schmähen. Die auffallende gestreckte 
Rechteckform, Quer- und Seitenschiff, der erhöhte Chor oder Al¬ 
tarraum, wahrscheinlich auch der Turm, haben ihr vollkomme¬ 
nes Vorbild in den germanischen Königshallen, wie sie aus Sagen 
und Geschichte bekannt sind und deren bekanntester erhaltener 
Bau in Trier zu finden ist. Dieser ist schon in Stein, die germani¬ 
schen Hallen waren aus Holz (vgl. das Nibelungenlied) und sind 
daher nicht erhalten. Man hat die Pfeiler als Nachbildung mäch¬ 
tiger Holzstämme erklärt, die das Dach trugen. Das ist einleuch¬ 
tend, aber warum ist der deutsche Begriff verschwunden? Die sel¬ 
ten gebrauchte Bezeichnung »basilika« stammt aus dem Griechi¬ 
schen und ist die Übersetzung des Wortes »Königshalle«, doch es 
gibt keinen Beweis, daß griechische Könige etwas mit dem deut¬ 
schen mittelalterlichen Kirchenbau zu tun hatten. Seltsam auch 
die identische griechische Bezeichnung »Kirche« für die Organi¬ 
sation der Christen und das »Gotteshaus«. Andere Benennungen 
stammen aus dem Lateinischen: Dom, Münster, Kathedrale. Um 
die Herkunft der großartigen Bauwerke von der Germanenkultur 
abzuleugnen, ersannen Priester späterer Zeit irreführende Wort¬ 
begriffe. Aus mehreren Ansätzen setzte sich dann einer durch, ob¬ 
wohl er, wie der Begriff »Kirche« mehrdeutig ist. Immer wieder 
stellt man fest, daß Priester vorsätzlich Begriffe fälschten und vor¬ 
handene mißdeuten. 


51 


Die germanischen »Königshallen« waren ursprünglich Volksver¬ 
sammlungshallen, als solche wurden sie von der Kirche übernom¬ 
men oder gestohlen. Es sei nebenbei auf die Abneigung aufmerk¬ 
sam gemacht, die maßgebende Katholiken gotischen Kirchen¬ 
bauten erweisen. Als es um den Wiederaufbau des Kölner Domes 
ging, hielt sich die katholische Hierarchie sowohl im 19. Jahrhun¬ 
dert wie nach 1945 bewußt abseits und überließ alle Anstrengun¬ 
gen den kulturbewußten Bürgern. Jedoch bei den Einweihungen 
nahm sie den ersten Platz und den Ruhm für sich in Anspruch. 
Solche Kirchen sind heute ein Bürgerstolz, sie waren es gewiß, als 
sie erbaut wurden. Wenn es in Chroniken heißt, der Bischof oder 
Erzbischof habe diese oder jene Kirche erbaut, so nehmen wir es 
nicht wörtlich und denken daran, daß es leicht war, eine Fälschung 
für das Kirchenarchiv anzufertigen. Öfter allerdings stellt man die 
Frage, weshalb viele nachweislich nicht von Kirchenfürsten, son¬ 
dern von der Bürgerschaft erbaut wurden wie z. B. Berner und Ul- 
mer Münster. Wenn aber die Kirche die Kirchen nicht bauen ließ, so 
haben wir bereits die Erklärung für die auffallenden weltlichen De¬ 
korationen, unvereinbar mit Sakralbauten. Wer den Bau bezahlte, 
der bestimmte auch oder ließ zu, wie die Künstler sie ausgestalte- 
teff 68 ) - und wozu sie benutzt wurden. Es ist nach dem Stande der 
heutigen Forschung nicht zu bezweifeln, daß sie eine umfangrei¬ 
che weltliche Bedeutung hatten. »Die Kirchen wurden nicht nur an 
gewissen Tagen für lästernde und lärmende Parodien der Messe 
(z. B. Karneval, Hanswurstiaden usw.) benutzt, sondern gewöhn¬ 
lich auch für Theaterspiele, Versammlungen, Verabredungen, 
Kurzweil, Unterhaltung und Geschäft« 1 - 69 / Kurzum, (abgesehen 
von einem kleinen Teil für gottesdienstliche Zwecke, der soge¬ 
nannte »Chor«, der meist durch eine Mauer oder ein Gitter abge- 
trennt war), die Kirchengebäude waren nicht oder nicht nur »Got¬ 
teshäuser«, sie waren hauptsächlich Gemeinschafts- und Kultur¬ 
zentren. Die Unehrlichkeit der Priester unterdrückte die weltliche 
Aufgabe der Kirchengebäude - sobald sie die Macht dazu hatten. 
Das kann freilich nicht anders heißen: In der Zeit des Hochmit¬ 
telalters war ihnen die Macht über die Menschen weitgehend ent¬ 
glitten. Die Ursache war die gleiche, die die kulturelle Blütezeit er¬ 
zeugte: Das Geld, das ein reiner Tauschvermittler geworden war, 
ein Geld, das aufgehört hatte Kapital zu sein / Weil dieses Geld zuerst 
in der Lombardei aufgetaucht sein muß, haben wir damit die Er¬ 
klärung für das Entstehen des lombardischen und gotischen Bau¬ 
stils, der in Stein gehauen die wirtschaftliche und seelische Befreiung 
des Volkes verkündet. Kelten und die wenigen Römer der Vorbe¬ 
völkerung hatten nie dieses Selbstbewußtsein. Nur ein genetisch 
hochentwickeltes, freiheitsbewußtes germanisches Volk stellte die 
eigene Wohlfahrt über die Religion. Führte Karl der Grosse des¬ 
wegen einen Ausrottungskrieg gegen die sächsischen Bauern, so 
war er in der Lombardei gegen die wirtschaftlich erstarkten Städte 
- infolge des zinsfreien Geldes! - nicht durchführbar. In der Lom¬ 
bardei war der Widerstand gegen die Papstkirche unüberwindlich 
und die Eroberung durch die Normannenfürsten mißlang (wozu 
wurde sie überhaupt versucht?). »Widerstreben gegen Gregor 
VII .«, beschreibt die typisch kirchliche Schönfärberei für das, was 
sich tatsächlich abspielte. Die Päpste haßten dieses Land ganz auf¬ 
fallend - wie nur Priester ihre Widersacher hassen können. Ihre 
historisch belegten Schmähungen der Langobarden als »nefan- 
dissimi« (abscheulichste, hassenwerteste, schmutzigste) gehören 
zum bis heute unverbrauchten Wörterschatz des Hochpriesters, 
wenn seine Herrschsucht am Volkswiderstand scheitert. Mailand 
und Brescia waren die ersten Städte, die ihre (Erz-)Bischöfe ver¬ 
trieben und mit dem Interdikt belegt wurden. Die Volksbewe¬ 
gung, die der im vorigen Abschnitt rühmend erwähnte Arnold 
von Brescia anführte, war ein weit größerer, gewaltigerer, um¬ 


fassenderer Aufstand gegen die kapitalistische Ausbeutungswirt¬ 
schaft der Priester als ihn 400Jahre später Luther auslöste. Bres¬ 
cia, Arnolds Heimat, gehörte zu den Gründern der lombardi¬ 
schen Städteliga. 

Zusammen mit den lombardischen (und bald darauf gotischen) 
Baumeistern und Bauhandwerkern muß die Kenntnis des Geld¬ 
verrufs nach Deutschland, ja bis Schweden gewandert sein* 70 / Zü¬ 
gig umlaufendes Geld war ja die erste Voraussetzung ihrer Tätig¬ 
keit: Solange kein Geld zum Bau verfügbar ist, sind Bauleute ar¬ 
beitslos. Um 11 bis 50 dürfte es von den meisten deutschen Her¬ 
zogen eingeführt worden sein. Unter ihnen ragt Heinrich der 
Löwe hervor, der trotzige Gegner Barbarossas - und der Erz¬ 
bischöfe. Ihm ist zuzutrauen, daß er ihnen in der Geldfrage vor¬ 
anging. Nun hat Barbarossa niemand so erbittert bekriegt wie 
den Sachsenherzog und die lombardischen Städte. Er zerstörte 
Mailand und stürzte den Löwen. Aufregende Überlegungen er¬ 
geben sich daraus: Gebrauchte der Papst die militärische Macht 
des frommen Kaisers als »Feuerwehr«, die um sich greifende Be¬ 
freiung der Deutschen von Ausbeutung und Priesterherrschaft in 
Blut und Leichen zu ersticken? Waren die vielen Kriegs-, vielmehr 
Kreuzzüge Barbarossas nach Norddeutschland, Süddeutsch¬ 
land, Lombardei, Italien, ja am Ende sogar Kleinasien Versuche, 
die Herrschaft der Kurie mit Gewalt durchzusetzen? Ich erinnere 
nochmals, daß systematische Fälschungen die Geschichte dieser Zeit 
völlig entstellen. 

In den wirtschaftlich und geistig geknechteten, niedergedrück¬ 
ten innerdeutschen Volksstämmen, die ungleich der kulturell fort¬ 
geschrittenen Lombardei durchweg Landbewohner geblieben 
und Sklaven der Klöster und Wucherer waren, drang das neuar¬ 
tige Geld seit 1140/50 begreiflicherweise nur langsam vor. Indem 
es allmählich in ihre Hände geriet, die Zinslasten abschütteln half 
und sofort den Lebensstand anhob, löste es die genau gleiche Be¬ 
freiungsbewegung aus wie in den lombardischen Stadtgemein¬ 
den. 

400 Jahren lang hatte die Kirche im Verbund mit den Wucherern 
das Volk ausgebeutet und davon gut gelebt, weil sie das Geld als 
»Schatz Gottes« für sich aufhäufte. Nun war das Horten des Gel¬ 
des sinnlos und die Bedrückten nutzten das sofort aus. Die Deut¬ 
schen liefen den Klöstern und Fronherren davon! Sie vergaßen 
den Glauben an Christus und Kirche! Die Priester konnten die 
»frivole Verweltlichung« nicht begreifen. Aber sie fühlten deut¬ 
lich, daß ihre Macht über das Volk wankte. Unfähig, Ursache und 
Wirkung zu unterscheiden, griffen sie zu Mitteln, die sie bisher im¬ 
mer bei Abfall oder Aufstand des Volkes gegen die Ausbeuter an¬ 
gewendet hatten: Gewalt und Terror. Dazu war die Inquisition aus¬ 
ersehen. 

Die Ursprünge der Inquisition gehen auf die byzantinischen Kai¬ 
ser Theodosius undJusTlNlAN zurück. Sie war eine Angelegen¬ 
heit des »Pontifex Maximus«, der weltliche und kirchliche Macht 
in seiner Hand vereinte. Viel ist darüber nicht bekannt, sie kann je¬ 
denfalls nicht Umfang und Bedeutung der päpstlichen gehabt ha¬ 
ben. Zu einer katholischen Einrichtung wurde sie erst im 12. Jahr¬ 
hundert und von dieser Zeit an haftet ihr der üble Ruf an. Die Päp¬ 
ste des 12. Jahrhunderts gaben innerhalb von 52 Jahren nicht we¬ 
niger als 68 Erlasse über die Inquisition heraus! Das beweist einen 
allgemeinen Abfall von der »Gottesordnung« und wie sehr sie 
ihre Herrschaft gefährdet sahen. Die hohe Geistlichkeit spürte 
den Verlust ihrer Geldeinnahmen und erklärte willkürlich alle wirt¬ 
schaftlich freien Menschen als Apostaten und Ketzer. Seitdem die 
Druiden die »allumfassende« Kirche errichteten, wurden selb¬ 
ständige Sekten und abgefallene Menschen immer brutal ver¬ 
folgt. Die Kirche sah in der Bildung der Bürgergemeinden genau die- 


52 


selbe Art von Ungehorsam. Hoensbroech, ein gründlicher Ken¬ 
ner der Inquisition, wies nach, daß die allgemeine Verfolgung ab¬ 
trünnigen Volkes in Frankreich (der größere Teil davon - Burgund, 
Flandern, Lothringen u.s.w. - war noch deutsch, auch die West¬ 
goten), Deutschland und den Niederlanden (Norddeutschland) 
in den Jahren 1160 bis 1170' 71 ' einsetzte. Die zeitliche Folge zwi¬ 
schen Einführung der Brakteaten, wirtschaftlichem Aufschwung 
und päpstlichem Terror ist (von Hoensbroech freilich nicht ge¬ 
ahnt) zu erkennen. Die Päpste ernannten »Ketzermeister« und 
»Inquisitoren« und machten alle Geistlichen unter schwerer 
Strafandrohung für die gehorsame Ausführung ihrer Befehle ver¬ 
antwortlich. Die gingen daran, die Abtrünnigen einzufangen und 
zur Abschreckung der übrigen mittels hierfür eingesetzter »Glau¬ 
bensgerichte« auf bestialische Weise zu ermorden. 

Die sich aus dem Frondienste lossagenden Arbeiter und Bauern 
entflohen der Verfolgung, fanden sich an günstig gelegenen Mit¬ 
telpunkten einer Landschaft zusammen, schlugen dort ihre Hüt¬ 
ten auf und schützten sich gegenseitig. Sie erzeugten und verkauf¬ 
ten ihre Waren j etzt unmittelbar an die Verbraucher, die sie j a selbst 
für andere waren. Das Brakteatengeld gestattete ihnen, mit einer 
laufenden Geldeinnahme rechnen zu können. Der Erfolg der auf¬ 
blühenden Wirtschaft sicherte das Gedeihen ihrer Niederlassun¬ 
gen. Diese folgenreiche Entwicklung ist mit dem Worte Umwäl¬ 
zung (Revolution) nicht einmal annähernd zu beschreiben. 
Zwischen 1150 und 1350 entstanden neue Städte in Deutschland 
und Mitteleuropa, meist im 15 bis 20 km Abstand und am zahl¬ 
reichsten im 13.Jahrhundert. Hunderttausende von Deutschen 
zogen in Städte. Historikern ist dieses Stadtgründungsfieber ganz 
unerklärlich. Die Städte seien »wie über Nacht entstanden«, daß 
»man nicht zu sagen weiß, wann sie begonnen«. Warum machen 
sie sich keinerlei Gedanken über die notwendigen wirtschaftlichen 
Voraussetzungen zur Gründung einer Stadt? Nur weil sich selten 
Gründungsurkunden (falls sie echt sind!) und kaum Berichte auf¬ 
finden lassen? Wir müssen deshalb aus Kammeiers Werk entspre¬ 
chende Schlußfolgerungen ziehen: Entwicklung des Bürgertums 
und der Städte waren ein beispielloser wirtschaftlicher Aufstand ge¬ 
gen die bestehende Kapitalisten-und Priesterherrschaft (»Got¬ 
tesordnung«), daß Falschdarstellungen sich als unausführbar er¬ 
wiesen. Der Kirche blieb nichts anderes übrig, als diese, ihr pein¬ 
lichen Vorgänge zu verschweigen und erreichbare Dokumente 
verschwinden zu lassen. Es ist hier nicht anders als mit der Ver¬ 
nichtung fast aller antiken Zeugnisse über die germanische Kultur 
und Wirtschaftsordnung. 

Wie wir sahen, waren Klöster in erster Linie Wirtschafts- und 
Handelsunternehmen, staatssozialistischen »Volkseigenen Be¬ 
trieben« des 20. Jahrhunderts vergleichbar' 72 '. Sie erbrachten die 
bedeutendsten und zuverlässigsten Einkünfte der Kirche. Nun ist 
zugleich mit der Hebung des allgemeinen Lebensstandes und den 
Stadtgründungen ein unaufhaltsamer Niedergang der Klöster im 
Westen und Süden Deutschlands festzustellen' 73 '. Mönche (»sie 
kamen allmählich in Mißachtung«), ihr Faulenzerdaseinbedroht, 
versuchten in umherziehenden bewaffneten Haufen die Deut¬ 
schen mit Methoden der Bolschewisten zu terrorisieren. Als ihr 
Anführer, der »Ketzermeister« Konrad von Marburg vom er¬ 
zürnten Volke totgeschlagen wurde (1233) fand die Inquisition in 
Deutschland ein vorläufiges Ende. 

Die Bürger' 74 ', wie sich die bedrohten Freigewordenen bald nann¬ 
ten, wehrten sich gegen Unterwerfungsversuche mit Gegengewalt. 
Sie wählten sich einen »Meister«, den sie mit beinahe königlicher 
Gewalt ausstatteten (was sich bis in unsere Zeit erhalten hat!) und 
der sie sogar (germanische Art) im Kampfe führte. Nicht nur die 
Anzahl, Freiheit und handwerkliche Tüchtigkeit fand sich zusam¬ 


men, man verdiente genug zinsfreies Geld, sich Waffen zu ver¬ 
schaffen und in kürzester Zeit die Heimstätten durch Mauern und 
Türme abschließbar zu machen. Die Städte waren von Anbeginn 
wehrhaft. Wäre die Gründung der Städte friedlich und ohne feindse¬ 
lige Bedrohung geschehen, dann wären ihre Verteidigungsanlagen un¬ 
nötig gewesen. Die Städte waren aber mit dünnen Mauern und je¬ 
weils einigen tausend - off nur einige hundert! - Einwohnern viel 
zu schwach, sich gegen wohlgerüstete, kriegserfahrene weltliche 
Machthaber zu halten. Folglich kommt die weltliche Staatsmacht 
nicht als Feind der Bürgerschaft in Frage. Als Angreifer, obendrein 
militärisch laienhafte, können nur Banden im Dienste der Prie¬ 
ster gelten. Es bestehen bisher ungeahnte Zusammenhänge zwi¬ 
schen Städtegründungen, wehrhaftem deutschen Bürgertum und 
kirchlichem Terror' 75 '. Die Kirche startete auch eine heftige Ge¬ 
genpropaganda: Den aus einem schwerreichen Hause stammen¬ 
den Italiener Giovanni Bernadone drückte das schlechte Ge¬ 
wissen verwöhnter Kapitalistenkinder, die zu Sozialisten/Kom¬ 
munisten werden, Rebellen gegen die Langeweile des Kapitali- 
stenleb ens! Er suchte dem Volke sein Glück zu verekeln, gründete 
1208 einen christlichen Bettelorden und wurde 1228 der heilige 
Franziskus von Assisi. Die »Franziskaner« priesen die Armut, 
predigten Buße und Verzicht auf Wohlstand. Jedoch im deutschen 
Volke betrachtete man sie als Narren und Papstagenten. Es ant¬ 
wortete mit »einem allgemeinen Abfall vom Glauben «' 76 ' und ver¬ 
weigerte allen landesherrlichen Verfügungen zugunsten der Kir¬ 
che den Gehorsam. Diese Verweigerung des Gehorsams der Bürger 
gegenüber der Kirche als politische und religiöse Macht ist tatsächlich 
die bedeutsamste - und bisher überhaupt nicht beachtete - politische 
Erscheinung des Hochmittelalters. 

»Es begann der Zweifel an den Lehren und Einrichtungen (der 
katholischen Kirche), manchmal sogar an den Grundwahrheiten 
(sic!) des Christentums unter den Völkern einzureißen«' 77 '. »In 
Schwäbisch Hall beschlossen die Bürger zur Zeit Friedrichs II. 
die Abschaffung der Priester und Kirchen. In Nördlingen gab es eine 
Bewegung, die den Glauben an Hölle und Fegefeuer ablehnte und 
sich von Sakramenten und Priestern freimachte. In Schwaben ent¬ 
stand eine Freiheitsbewegung in den Klöstern. Die kulturelle Idee 
des 13. Jahrhunderts war die Weltlichkeit «' 50 '. Maser führt zahlrei¬ 
che Fälle an, wie Bergleute die Geistlichkeit bekämpften, verhöhn¬ 
ten und gelegentlich sogar totschlugen. Er berichtet von Spottpro¬ 
zessionen der Freiberger Bergleute, von einer Vereinbarung des 
Goslarer Domstiftes mit den Bergleuten des Rammeisberges, die 
ihnen einen besonderen Saal zum Treffpunkt zuwies, »damit sie 
den Gottesdienst nicht wie eine Schule des Satans störten ,«' 78 '. Toll 
muß es damals sonntags in den Kirchen zugegangen sein! Wer 
könnte sich heute so etwas während eines Hochamtes vorstel¬ 
len? Die Mönchswut kommt in ihren Chroniken zum Vorschein, 
wenn sie von Gottes Rache berichten, der die Bergwerke ersau¬ 
fen oder einfallen ließ (die wahren Ursachen dieses Werkes Got¬ 
tes werden im nächsten Abschnitt aufgeklärt). Nicht als einziger 
Fall (aber einem der wenigen bezeugten) wurde im Jahre 1324 der 
Kirchenprobst Nikolaus von Bernau, »der die Partei des Pap¬ 
stes ergriffen und versucht (hatte), das Volk König Ludwig ab¬ 
spenstig zu machen, von der aufgebrachten Berliner Volksmenge 
ergriffen und auf dem Neuen Markt gelyncht«' 79 '. Dafür wurden 
die Städte Berlin und Cölln natürlich in den päpstlichen Bann ge¬ 
tan. »Die Kirchen veröden, Ketzer stehen auf«' 76 '. Das Priestertum 
wurde verhöhnt: »In einer Zeit, wo die Häresie (Unglaube) alle 
Bevölkerungsschichten ergriffen hatte, (bedeuteten) ketzerische 
Aussprüche gar nichts so Unerhörtes, sondern die neue Art, der 
Welt der Erscheinungen, der Menschen und der Natur entgegen¬ 
zutreten«' 51 '. »Deshalb wurden nun auch in Deutschland wie in 


53 


Sizilien, Calabrien und Italien Bischöfe und andere heilige Män- 
ner(!), die die Kirche im Schoße ihrer Liebe großgezogen hatte 
(!) gezwungen, in schimpflicher Weise zu betteln und in fernen und 
fremden Gegenden durch Predigten ihr Leben zu fristen. Das Volk 
aber verhöhnte sie, verweigerte ihnen was sie verlangten und ant¬ 
wortete auf ihre Bitten: » Geht doch zu eurem Papste! Geht doch zu 
dem, der Überfluß hat an unzähligen geraubten Schätzen 1« (82 ' 

Wie allgemein das deutsche Volk die hohe Geistlichkeit verach¬ 
tete, wie heftig es sich ihren Anmaßungen widersetzte, beweist 
die Vertreibung vieler Bischöfe aus den Städten, oftmals blutig' 83 '. 
Andererseits hat der Erzbischof von Bremen einen Kreuzzug ge¬ 
gen die » abgefallenen« (d. h. von seiner Herrschaft sich lossagen¬ 
den) Stedinger Bauern ausgerufen und sie mit Hilfe adliger Kir¬ 
chenknechte wieder unterworfen (1234), mußte aber in dieser 
Zeit den Bürgern seiner Stadt die Unabhängigkeit gewähren. Ge¬ 
gen ihn behaupteten die Ditmarser Bauern ihre Freiheit (1227). 
Man erkennt daraus, daß Adel und Privatgrundeigentum den Schlüs¬ 
sel zur politischen Macht der Kirche darstellte und wie zersplit¬ 
tert dagegen die Abwehr des Volkes war. Der Trierer Erzbischof 
Balduin führte Kriegszüge gegen freie Adlige und Bauern, um 
sich deren Land anzueignen, aber die Trierer Bürger errichteten 
eine Trennmauer zwischen Stadt und Domgelände. In Augsburg 
herrschte Dauerkriegszustand zwischen Bürgern und Bischof. 
Ganz verhaßt waren auch die Kirchenfürsten von Lüttich, Mainz, 
Minden und Bamberg. 

Selbst die gefälschten Chroniken können nicht die Abscheu der 
Deutschen für das Priestertum verschweigen. Das Schimpfwort 
»Pfaffe« stammt aus jener Zeit. Walter von der Vogelweide 
verfaßte viele politische Gedichte und Lieder gegen die Papstkir¬ 
che, er wurde sogar begeisterter Mitarbeiter Kaiser Friedrichs 
II. Eines von Walters Gedichten lautet: 

»Ahi, wie christliche nu der habest lachet, 

wenn er seinen Welschen sagt, >ich hanbs also gemacheU, 

tiuschez Silber vert (fährt) in meinen welschen schrin. 

irpfaffen essent hüener und trinket win, 

und lant die tuischen fasten!« 

Solche Lieder fanden ungeheuren Widerhall im deutschen Volke, 
denn ein Priester, Thomasin von Zerclaere, klagte Walter 
an, er habe: 

»tusend man betoeret, 
daz sie haben überhoeret, 
gotes und des babstesgebot« (8S) 

Auch Geistliche fielen von der Papstkirche ab, wollten den Volks- 
betrug der Oberpriester nicht länger mitmachen. Caesarius von 
Heisterbach, ein Zisterzienserprior' 84 ', predigte 1227 vor Mön¬ 
chen und Nonnen gegen den Papst, »der sein Amt durch Hab¬ 
sucht, Machtgier und Deutschenhaß vergiftet«. Im Jahre 1221 pran¬ 
gerte er die Priester wegen ihrer Ausschweifungen an: »Kein weib¬ 
liches Wesen ist vor der Geilheit der Kleriker sicher, die Nonne 
schützt nicht ihr Stand, das Judenmädchen nicht ihre Rasse, Mäd¬ 
chen und Frauen, Dirnen und adlige Damen sind gleich bedroht. 
Jeder Ort und jede Zeit ist zur Unzucht recht, der eine treibt sie 
auf dem Felde, wenn er zum Filial geht, der andere in der Kirche, 
wenn er die Beichte hört. Wer sich mit einer Konkubine begnügt, 
gilt beinahe als ehrbar«. 1259 gab Papst Alexander IV unter 
diesem öffentlichen Druck zu, »daß das Volk, anstatt gebessert zu 
werden, durch die Geistlichen vollständig verdorben würde«' 86 '. 
Also der wirtschaftlichen Selbstbefreiung folgte die geistige und 
politische unmittelbar. Allein wirtschaftliche Unabhängigkeit von 
den alten Machthabern konnte das gewaltig erwachte politische 
Selbstbewußtsein erzeugen. Das zeigen die neuen Rechtsordnun¬ 
gen und städtischen Verfassungen, die unabhängig von Kirche 


und Landesherren beschlossen wurden und um deren Anerken¬ 
nung man gewöhnlich nicht fragte. Die persönliche Freiheit ward 
für den Bürger die Grundlage seines Daseins als Deutscher, so wie 
sie in alter Zeit dem germanischen Bauern zustand. Das Waffen¬ 
recht des Bürgers bestätigt es unzweideutig. Die innere gesell¬ 
schaftliche Ordnung ist ebenfalls unwälzend: In allen Berufen bil¬ 
deten sich kleine, eigenverantwortliche Handwerksbetriebe, die 
sich in Zünften zusammenschlossen und durch sorgfältige Aus¬ 
bildung und Aufsicht ihre Überlegenheit gegenüber den bishe¬ 
rigen kapitalistischen Monopol-Unternehmen, vor allem natür¬ 
lich die Klöster, durchsetzten. Aus dem gleichen Grunde konnte 
die Arbeitsteilung immer weiter getrieben werden. Es verzweig¬ 
ten (»spezialisierten«) sich viele Berufe, z. B. die Schmiede, Bau¬ 
handwerker, Bäcker. Das wirkte selbstverständlich auf diejenigen 
zurück, die noch von den Grundherren abhängig waren. Sie konn¬ 
ten höhere Löhne fordern und sie mit der Drohung, in die Stadt zu 
ziehen, auch erzwingen. Wäre ihnen das gelungen, wenn sie nicht 
das stetig umlaufende Brakteaten-Geld zur Verfügung gehabt hät¬ 
ten? Die Unterschiede zwischen Reichen (Fürsten, Adel, Kirche) 
und dem Volke glichen sich aus, ja wie einst im Germanenreiche 
konnte man Wohlstand nicht am Kapitalbesitze, sondern einzig 
am Fleiße des Einzelnen beurteilen. Der Unterschied zum Ori¬ 
ent, dem römischen Imperium oder unserer heutigen Zeit mit ih¬ 
ren übermächtigen Kapitalistengesellschaften wird damit jedem 
deutlich. 

Die allgemeine Überleitung des Geldzinses in den Arbeitsertrag 
gab den Deutschen die Möglichkeit ihr Leben würdiger und bes¬ 
ser auszugestalten. Die kulturellen Fortschritte dieser Zeit brach¬ 
ten uns weiter und veränderten uns vorteilhafter, als es 400 Jahre 
Bekehrung, Christentum und Kirche vermochten. Fleiß der Bür¬ 
ger gestaltete die Städte Deutschlands zu Kulturdenkmälern, die 
bis heute bewundert werden. Man konnte, weil man reichlich 
Geld verdiente, dauerhafter bauen; der Bau in Stein überholte das 
billige Holz. Der Fachwerkbau kam auf, die Häuser wurden hö¬ 
her, geräumiger, großartiger, sie wurden geschmückt und verziert. 
Man legte unterirdische Wasserleitungen in die Stadt und errich¬ 
tete kunstvoll geschmückte öffentliche Brunnen. Feste Brücken 
wurden über Flüsse gebaut und ersetzten die kümmerlichen Fäh¬ 
ren. Es lohnte sich, Feldsteine von den Äckern abzulesen und der 
Stadt zu verkaufen, um damit die Straßen zu pflastern. Solche Fort¬ 
schritte gab es seit der Römerzeit nicht. Hier aber wurden sie nicht 
von Sklaven oder als Arbeitsbeschaffung geleistet, sondern von 
der freien Bürgerschaft. Von Sklaven, Frondiensten und »wohl¬ 
tätigen Kapitalisten« wird nirgendwo für die deutschen Bürger¬ 
gründungen berichtet - spricht das nicht Bände? Niemals hat die 
Kirche diese gewaltigen kulturellen Fortschritte als ihre Leistung in An¬ 
spruch genommen! 

Die Bedeutung der Städte beruht auf der Arbeitsteilung, auf Wa¬ 
renerzeugung und -austausch. Zum Handel gehört unabdingbar 
der Verkehr, der einen ungeheuren Aufschwung nimmt. Landstra¬ 
ßen wurden ausgebaut und Fuhrwerke durchzogen Deutschland 
in allen Richtungen. Die Flüsse erlangen als Wasserwege große 
Bedeutung. An den Küsten entsteht plötzlich die Hanse. Ihre Ur¬ 
sprünge sind dunkel, die Kirche hatte vermutlich mit der Zwangs¬ 
bekehrung die Wikingerstädte und Seefahrer übernommen' 88 '. 
Die Hansen nannten sich christliche Kaufleute. Sie konnten frei¬ 
lich ebensogut mit dem Schwerte umgehen wie ihre heidnischen 
Vorfahren. Beim Handel verstanden sie gut am Christentum zu 
verdienen. Die Vertretungen der Hansen waren ursprünglich nach 
dem Vorbild der Mönchorden (Heiratsverbot u. a.) organisiert, 
der Bundesschatz der Hanse wurde in der festungsähnlichen Kir¬ 
che St. Marien zu Wisby auf Gotland aufbewahrt' 89 '! Die Hanse- 


54 


Städte entwickelten sich zu einem politisch-wirtschaftlichen Städ¬ 
tebund, der tief ins deutsche Binnenland reichte. 

Ungeheuer ist der technische Fortschritt dieser Zeit. Die ranken, 
geruderten seetüchtigen Einmaster der Wikinger werden von 
mehrmastigen, dicken Koggen abgelöst, die erheblich mehr La¬ 
deraum aufweisen, schon Mehrfachsegeltakelung, Ankerspills 
und feste Ruder kennen. Der Bergbau erlebt eine Blüte, die die 
Römerzeit weit übertrifft. Gerade der Bergbau ist auf eine lang¬ 
fristige und risikoreiche Geldanlage angewiesen. Ohne sie ist die 
schwierige Aufschließung der Bodenschätze nicht möglich. Das 
zinsfreie Brakteatengeld erschloß zahllose Bergwerke über ganz 
Deutschland und die Bergstädte erfreuten sich eines unvorstell¬ 
baren Reichtums. Der neuartige Stollenbau erforderte beträcht¬ 
liche Fortschritte der Markscheidekunst. Um 1200 wird das 
»Erz«gebirge bergbaulich erschlossen. Im Schwarzwald, Böh¬ 
men, Schlesien und Österreich machen neue Silberbergwerke 
sich einen Namen. Seit dem 13.Jahrhundert wird im Ruhrgebiet 
die allgemeine Verwendung von Steinkohle bezeugt. Wetterfüh¬ 
rung und Wasserhaltung werden bewältigt, das Schwarzpulver er¬ 
funden und allmählich zur Vortriebs- und Gewinnungsarbeit ein¬ 
gesetzt. »In der Hüttentechnik war man infolge der einfacheren 
Verhältnisse über Tage weiter als unter Tage. Bereits im 12. Jahr¬ 
hundert scheint die Wasserkraft zum Antrieb von Stampfwerken 
und Hämmern und vielleicht auch von Blasebälgen bei der Erz¬ 
verhüttungbenutzt worden zu sein« 1 - 90 '. 

Die kulturellen Leistungen der Brakteatenzeit betrafen alle Le¬ 
bensäußerungen, nicht nur Häuser und Kirchenbauten oder tech¬ 
nische Fortschritte. Die Deutschen wurden wieder des Lebens 
froh; weil sie wieder Vertrauen in die Zukunft faßten, hatten sie 
viele Kinder. Wir sehen in Stadt und Land eine beachtliche Bevöl¬ 
kerungszunahme, wir erleben eine Wanderung der freien Bürger 
durch ganz Deutschland, ja weit über die heutigen Grenzen hin¬ 
aus, um sich unter den unfreien Deutschen des Ostens und We¬ 
stens niederzulassen und ihnen die Fortschritte der befreiten 
Wirtschaft und Kultur zu bringen. Der Salzhering, als Fastenspeise 
Hauptgeschäft der Hanse, wurde bald durch alle deutschen Lande 
verbreitet. Die Fleischer erfanden die Würste und machten sie in 
verschiedenen Arten den Volke beliebt (Frankfurter, Krakauer). 
Dauergebäck bekam zahllose Nachahmer, viele deutsche Städte 
knüpfen ihren Namen an sie (Thorner Kathrinchen, Aachener 
Printen, Nürnberger Lebkuchen). Lebensstil und Ernährung ver¬ 
feinerten sich. »Tiusche man sind wolgezogen, rehte als engel sintdin 
wip getan«, schrieb Walter von der Vogelweide. Kultivierte 
Manieren überwanden die Verrohung der Sitten infolge jahrhun¬ 
dertelanger Unterdrückung durch Ausbeutungssystem und Prie¬ 
sterschaft. Eifrig nahm man von den Arabern Menschenachtung 
und wissenschaftliche Kenntnisse an (arabische Ziffern, Astrono¬ 
mie, Geographie, Medizin u.s.w.). So hatten die Kreuzzüge wei¬ 
tere belebende kulturelle Rückwirkungen für Europa. Allerdings, 
wie wir noch sehen werden, gegen den Willen der Kirche. 

Eine höhere Kultur kann ohne Schreib- und Rechenkünste nicht 
auskommen. Wenn die Kirche den Besitz der Bibel dem Volke aus¬ 
drücklich verbot, wenn Kaiser dieser Zeit für die Öffentlichkeit 
Aufklärungsschriften verfaßten, dann waren damals die meisten 
Deutschen des Lesens und Schreibens kundig. Wozu sonst erfan¬ 
den sie eine neuartige Schrift, die für 700Jahre den Gebrauch der 
nüchternen fremden Buchstaben verdrängte? Gewiß nicht für la¬ 
teinisch schreibende Mönche. Auch die Musiknoten wurden er¬ 
funden. Es waren Kulturtaten, die so recht erwiesen, was im deut¬ 
schen Volke an Schöpferkraft steckt. 

Man fand ferner, daß einfache Taufnamen nicht mehr ausreichten, 
um die Bürger der Städte zu nennen. Die Familiennamen wurden 


im ganzen Volke üblich, wiederum gegen den hartnäckigen Wi¬ 
derstand der Kirche, die sie amtlich bis heute nicht anerkennt. In 
abgelegenen und zurückgebliebenen Gegenden Österreichs wur¬ 
den sie erst im 19. Jahrhundert eingeführt. 

Und die Deutschen tanzten und sangen, sie sangen, wie immer 
wenn ihre Seele sich frei fühlen darf, wie sie gewiß vordem in heid¬ 
nischen Zeiten getanzt und gesungen hatten, denn 400 Jahre Un¬ 
terdrückung durch fremden Geist ändern die Volksseele nicht. 
Von christlichen Gedanken, christlicher Frömmigkeit blieben we¬ 
nige Äußerlichkeiten, ob man noch Kirchengesänge anstimmte, 
ist zweifelhaft: »Als im 12.Jahrhundert die gesamte Bildung ver¬ 
weltlichte, drang weltliche Poesie und höfischer Ritterdienst sieg¬ 
reich in die Nonnenklöster«^. Tausende von bürgerlichen Sän¬ 
gern und Dichtern wetteiferten miteinander: Der Meistergesang 
entwickelte sich unter den Bürgern und die Ritter huldigten dem 
Minnesang. Sie besangen die Arbeit, das Land, das Leben, die 
Liebe. Der »Sängerkrieg auf der Wartburg« mag Erfindung eines 
zeitgenössischen Dichters sein, aber man erkennt in solchen Wer¬ 
ken die Freude heidnischer Germanen am musischen Wettstreit. 
»Das Aufblühen einer originalen deutschen Poesie am Ende des 
12.Jahrhunderts erscheint uns einem Wunder gleich«^ 911 . Nein, 
das ist kein Wunder! Walter von der Vogelweide schrieb 
die Urfassung des Deutschlandliedes: Sie bezeugt den erwachten 
Stolz auf die eigene Nation, wußte sie zu ehren und fühlte sich als 
ein glücklicher Teil von ihr. 

Wir haben in erhaltenen »Volksliedern« manches treffliche Bei¬ 
spiel, das oftmals viel älter sein muß als Bücher uns erzählen, weil 
ihre Themen nur in die einmalig blühende Wirtschaft der Brakte¬ 
atenzeit passen: 

»Am Sonntag, am Sonntag, da ißt der Meister Bohnen, 

Und was ein jeder hat getan, das will der Meister lohnen: 

Heidideldum was soll das sein, und lustig müssen wir G'sellen sein, 

Ei darum, ei darum! 

Am Montag, am Montag, da schlaf ich bis um viere, 

dann kommt ein lust’ger Spießgesell, dann gehen wir zum Biere. 

Heidideldum, was soll das sein,« usw. usw. 

Keineswegs wurde lange oder hart gearbeitet. Montags wurde 
»blau gemacht«, wie schon der Sonntag gefeiert, darüber hinaus 
gab es noch über 100 Feiertage im Jahre, die zu begehen waren, 
und an manchen heute noch im Schwange befindlichen (umge¬ 
fälschten) Volksfesten können wir uns - vielleicht mit Wehmut - 
ausmalen, wie es damals zuging. Der für unsere Begriffe erstaun¬ 
liche allgemeine Volkswohlstand der Brakteatenzeit ist uns durch 
viele Verordnungen und Versuche, ihn zu unterdrücken, z. B. die 
»Kleiderordnungen« bekannt: »Früh schon wurde die Einfach¬ 
heit der Tracht durch wachsenden Luxus verdrängt, und die Bür¬ 
gerfrauen wetteiferten mit den Edeldamen in der Hingabe an kost¬ 
bare und nicht immer züchtige Moden«. Erotik und Lebenslust 
spiegeln sich hier wider! Die Pfaffen wetterten dagegen unauf¬ 
hörlich, berichtet uns ScherrI 92 ^ und nennt dazu eine Jahreszahl: 
1220. Scherr schreibt in diesem Zusammenhang, daß Oberprie¬ 
ster sich dem allgemeinen Wohlstand vergeblich entgegen stemm¬ 
ten, weil ihre untersten Ränge sich mit dem Volke identifizierten: 
»Die städtische Geistlichkeit muß zur Förderung des städtischen 
Kleiderluxus früh beigetragen haben, denn es existiert ein Man¬ 
dat des Bischofs Johann von Strassburg aus dem Jahre 1317, 
welches dem Klerus bei Strafe des Bannes befiehlt, der grünen, 
gelben und roten Schuhe sich zu enthalten«. An anderer Stelle 
heißt es, daß »kaum ein Unterschied zwischen den Schlössern der 
Adligen und den Häusern der Bürger festzustellen war«. Über die 
Bauern führt Scherr Geschichte-Zeugnisse an, die für sich selbst 
sprechen: »Die späteren Minnesänger, namentlich Nithart, 


55 


wissen uns von dem Wohlleben und dem Übermute bayrischer 
und österreichischer Bauern gar viel zu erzählen, und in der sehr 
gut vorgetragenen Novelle in Versen »Meister Helmbrecht«, wel¬ 
che Werner der Gartener in der ersten Hälfte des 13. Jahrhun¬ 
derts gedichtet und die man mit einigem Rechte die älteste deut¬ 
sche »Dorfgeschichte« genannt hat, wird anschaulich gezeigt, zu 
was für einem »Unheil, Wohlleben und Übermut« mitunter aus¬ 
geschlagen. Da wird uns gesagt, die Bauern hätten gerne die Ritter 
gespielt und wären daher nie anders als mit dem Schwert an der 
Seite zum Tanze gegangen, woher sich auch leicht erklärt, daß die 
Tanzfreude oft in mörderische Rauferei überging und einmal 32 
Bauern in Österreich tot auf dem Tanzplatze blieben; da werden 
uns ferner Dorfkoketten vorgestellt in Kleidern mit modischer 
Schleppe, das Haar mit Seideborten umwunden, einen Blumen¬ 
kranz auf dem Haupt, am Hals einen kleinen Spiegel; da wird uns 
auch von einem bäurischen Zierbengel gesagt, der schon am Vor¬ 
abend eines Festes seine Locken drehen und wickeln läßt und sie 
für die Nacht über sorgsam unter eine Haube steckt, um sie des 
Morgens recht frisch und glänzend zu haben; da werden wir end¬ 
lich zu bäuerlichen Schmausereien geführt, wo die Tische unter 
der Last von Fleischspeisen und Backwerk sich biegen und der 
Wein in Strömen fließt. Nach Abzug etwelcher Übertreibungen 
bleibt immerhin noch genug, den Schluß zu gestatten, daß hier die 
Bauern weit besser dran waren als anderwärts und auf Jahrmärk¬ 
ten und Kirmessen >den bäuerlichen Rappen tüchtig laufen lie¬ 
ßen««^. 

Viel besungen wurde die Wanderschaft, die, wiederum erstaun¬ 
lich, allein auf deutschem Kulturboden Volksbrauch wurde. Man 
war sich einig, daß zuviele eines Handwerks an einem Orte auf 
die Arbeitserträge drückten und schickte junge Gesellen und viel¬ 
leicht manche Meister in die Ferne. Die deutschen Städte blieben 
deshalb überschaubar, keine wucherte zur Riesengröße wie Rom, 
Konstantinopel, Alexandria, London oder Paris. Die alte Verach¬ 
tung, die die Deutschen für »Welsche« empfanden, war nach wie 
vor gültig, selten ging mal einer in nichtdeutsche Lande - und kam 
schnell wieder zurück. Eher schon zog es sie nach dem » Ostland«, 
denn dort wohnten ja auch Menschen die deutsch sprachen. Von 
Süddeutschland ausgehend wurde die Kultivierung (nicht Koloni¬ 
sierung, wie moderne Geschichte-Klitterer behaupten) des völlig 
heruntergewirtschafteten »Polen«reiches und noch heidnischen 
Preußen mit großem Erfolg durchgesetzt. »Polnische« Teilfür¬ 
sten, Schwertbrüderorden und Deutscher Orden förderten diese 
Wanderung, freilich unter Bedingungen, die ein geschlossenes, 
selbstbewußtes, stolzes deutsches Volk niemals hätte dulden dür¬ 
fen. Nicht nur die Städte Pommerns, West- und Ostpreußens, des 
Baltenlandes (Riga, Dorpat, Walk), auch viele in Polen sind Grün¬ 
dungen deutscher Bürger, wie Warschau und Krakau. 

Die Niederlassung der süd- und westdeutschen Bürger erfolgte 
im Osten durch den Landesherren unter Übernahme von Rechts¬ 
satzungen älterer deutscher Stadtverfassungen (»lübisches, Mag¬ 
deburger« usw. Recht). Die eingesessene Bevölkerung wurde davon 
ausdrücklich ausgeschlossen. Die Belege dafür zeugen von dem trau¬ 
rigen Mangel an Gemeinschaftsgefühl der Deutschen als Nation, 
der sich geschichtlich ebenso verderblich ausgewirkt hat wie die 
Absonderung der westgermanischen Volksteile nach der Großen 
Landnahme. Gewiß blieb der Wille der Grundeigentümer (Für¬ 
sten, Adel und Kirche) maßgebend, die unterworfene Bevölke¬ 
rung weiterhin durch das Bodenmonopol ausbeuten zu können. 
Denn die Geldverrufung der Brakteaten war nicht imstande, das 
orientalische Bodenrecht anzutasten. Wie noch ausgeführt wird, 
war dies der Grund, weshalb die Kirche ein schädlicher Macht¬ 
faktor, der Stachel im Fleische der deutschen Nation blieb. Man 


hat damals weder so weit gedacht noch so weit überhaupt denken 
wollen. Gause^ betont die rechtliche Selbständigkeit der Or¬ 
densstädte und ihrer Bürger, aber der örtliche Komtur besaß die 
Gerichtsbarkeit über die eingeborenen Preußen. Die Vorschrif¬ 
ten der Zünfte haben »Wenden« nicht zu einem Handwerk zu¬ 
gelassen. In den »polnischen«, d. h. päpstlichen Fürstentümern 
wurde die einheimische Bevölkerung, die doch auch deutsch war 
und deutsch sprach, völlig von den neuangesiedelten deutschen 
Bauern und Handwerkern getrennt. Es gab im Osten Deutschlands 
seitdem Deutsche zweierlei Rechts, soweit bei diesen zur Unterschei¬ 
dung nunmehr Wenden, Böhmen, Polen (? dieser Völksname ist 
erst im 15.Jahrhundert erfunden worden) u.s.w. bezeichneten 
Völksteilen überhaupt von »Rechten« die Rede sein konnte. Im 
Osten wurde noch der seit Karl dem Grossen eingeführte Pe¬ 
terspfennig erhoben, aber allein von der unterworfenen Bevöl¬ 
kerung. Die Kirche wütete, weil die zugewanderten freien Bür¬ 
ger nicht zahlten und nicht dazu gezwungen werden konnten. Sie 
sah in den Rechtsunterschieden das einzige Mittel, weitere schmerzli¬ 
che Verluste an ihren Einkünften zu verhindern. Ja, hier wurden so¬ 
gar zahlreiche neue Klöster gegründet und der Deutsche Orden 
in Preußen und Baltikum errichtete ein dichtes Netz gewaltiger 
Burgen und »Fester Häuser« um seine Herrschaft über die fro¬ 
nende Bevölkerung zu sichern. Die Entwicklung im ostelbischen 
Deutschland verläuft daher anders als im Westen und Süden. Wir 
müssen annehmen, daß die Eroberung des ostelbischen Deutsch¬ 
land und der Raub des Bodens durch die Kirche kaum - wahr¬ 
scheinlich überhaupt keine - freien Bauern bestehen ließ. Unver¬ 
meidlich gab es hier immer wieder Aufstände gegen die Zwing¬ 
herren, ihre Ungerechtigkeit und Unterdrückung, die blutig nie¬ 
dergeschlagen wurden. Es fällt auf, daß erst mit der Wanderung 
der Bürger im 13. bis 14. Jahrhundert sich im Osten Deutschlands 
freie Bauern niederließen, denen man stets besondere Rechte ge¬ 
währte (»Köllmer«). 

Der politische Fortschritt im Westen und Süden war allerdings 
auch nicht friedlich zu erreichen, dafür sorgten die Priester, die 
ihre Herrschaft über Menschen sich nicht entwinden lassen woll¬ 
ten. Noch einmal nahmen sie einen gewaltigen Anlauf, als Hein¬ 
rich VI., »das Schwert der Kirche«, nicht nur die wacklige Papst¬ 
herrschaft in Italien sicherte, sondern auch neue Kreuzzüge orga¬ 
nisierte, sogar den Krieg gegen das Oströmische Reich und seine 
Eroberung - wieder einmal - in Aussicht nahm. Er starb zu früh 
(1197 mit 32 Jahren), seine Pläne und die der Druidenkirche san¬ 
ken mit ihm ins Grab. Eine unüberbrückbare Kluft riß zwischen 
geistlicher und weltlicher Herrschaft auf - weil Kaiser (wie Bar¬ 
barossa) nicht mehr gegen das Volk regieren konnten. Die Prie¬ 
ster versuchten, ihre wankende Herrschaft mit tödlichen Intri¬ 
gen zu erhalten: Die Regentin Konstanze starb innerhalb eines 
Jahres, ebenso ihr Nachfolger Philipp von Schwaben. Darauf 
wurde Otto IV als williges Werkzeug der Kirche auf den Thron 
gehoben, aber weil er abfiel, in den Bann getan (1210) und 1214 
gestürzt. 

Die Wirren zeugen auch von schweren Streitigkeiten unter der 
hohen Priesterschaft bis schließlich einer der bedeutendsten al¬ 
ler Päpste, Innocenz III., sich zum Vormunde Friedrichs, 
dem jungen Sohne Heinrich VI. machte und ihn zum weltli¬ 
chen Herrscher des »Heiligen Römischen Reiches« bestimmte 
(1215). In der weltgeschichtlichen Auseinandersetzung des ge¬ 
nialen Kaisers mit dem katholischen Priestertum wird vom deut¬ 
schen Volke kaum gesprochen und dennoch, sie war ohne die 
neuerlangte wirtschaftliche Freiheit gar nicht denkbar. Selten irr¬ 
ten sich Priester so im Charakter eines Menschen wie in dem Ho¬ 
henstaufen Friedrich II.! Man glaubte durch klerikale Berater 


56 


und drückende eidliche Bedingungen ihn fest in der Hand zu ha¬ 
ben. Friedrich verstand es, sich ihnen zu entziehen, durch über¬ 
legene geistige und politische Fähigkeiten sie zu überspielen und 
wagte, ihnen seine eigene Politik entgegenzusetzen. 
Geschichtekenner haben die Bedeutung Friedrichs II. verstan¬ 
den, obwohl sie gezwungen sind, die einseitigen Machwerke kleri¬ 
kaler Haßapostel und Fälscher als Quellen zu benutzen. Zahlrei¬ 
che Schriften und Werke lassen verzweifelte Versuche erkennen, 
die Zeit der Staufer »kirchlich korrekt« zu bewältigen. Sie wer¬ 
fen Friedrich II. vor, er habe sich nicht um Deutschland geküm¬ 
mert, seine Liebe habe Süditalien gegolten und er sei dort zum 
Welschen gewandelt. Zugegeben, der als blond und blauäugig ge¬ 
schilderte Kaiser mußte durch seine Hinneigung zu gebildeten 
arabischen Freunden und zum Orient sich germanischem Wesen 
entfremden. Aber man bestreitet dem großen Freigeist, der sechs 
Sprachen beherrschte, seinen Charakter, wenn man ihn als genu߬ 
süchtig gewordenen Lebemann hinstellen möchte. Die Feind¬ 
schaft der Kirche gönnte ihm bis an sein Ende niemals Ruhe. Ge¬ 
wiß hat ihn der christliche Haß angeekelt, und seine friedliebende 
Natur wurde gerade durch den unaufhörlichen Machtkampf um 
Deutschland öfter heraus gefordert als er ertragen mochte. 
Friedrichs Staatskunst war, durch Stützung des neuentstande¬ 
nen Bürgertums die Macht der Priester über das Volk zu schwä¬ 
chen. Darum ließ er die jungen Städte selbständig und oft reichsun¬ 
mittelbar werden, duldete ihre Zusammenschlüsse (Hanse, Städ¬ 
tebünde), gestattete den Einzelfürsten ziemlich freie Hand - die 
meisten von ihnen waren der Kirche feind! - setzte aber hart seine 
Autorität wie gegen Friedrich den Streitbaren von Öster¬ 
reich durch. Er vernachlässigte keineswegs seine Herrschaft über 
Deutschland - sonst hätte er ja den Priestern den größten Gefallen 
getan. »Gerade die Städte waren am eifrigsten kaiserlich gesinnt, sie 
waren sich ihrer jungen Kraft bewußt, in ihnen hatte höhere Ent¬ 
wicklung eines friedlichen Verkehrs begonnen, ihre Bürger tru¬ 
gen die Waffen mit Selbstgefühl, aber zur Sicherheit der Stadt oder 
einmal im Dienste des Kaisers«' 91 '. Die hauptsächliche Grund¬ 
lage politischen Einflusses, nämlich das Privatgrundeigentum von 
Kirche und Adel, rührte Friedrich II. freilich nie an. So gründ¬ 
lich hatten die Priester bereits um diese Zeit durch Geschichtefäl¬ 
schungen und Unterdrückungsmethoden die Staatskunst verdor¬ 
ben, den Hauptpfeiler der germanischen Staatsordnung in Ver¬ 
gessenheit gebracht. Friedrich und seine Räte erkannten nicht, 
daß die Priester unmöglich auf geistigem, nur dem finanziell-wirt¬ 
schaftlichen Felde zu schlagen waren. Auch die Bedeutung des 
Geldes als Hebel aller Machtpolitik begriff Friedrich II. offen¬ 
sichtlich nicht, sonst hätte er Münzrecht und Geldverwaltung des 
Reiches in seine Hand genommen. Es gibt allerdings die merk¬ 
würdige Aussage eines mittelalterlichen Vergangenheitsbewälti¬ 
gers. Der Humanist Collenuccio (1444 bis 1504) beruft sich 
auf eine (angebliche) Chronik des Erzbischofs Antoninus von 
Florenz (1389 bis 1459): Friedrich habe in seinem Kriege ge¬ 
gen die klerikalen Aufständischen in Italien 1237 wegen Silber¬ 
mangel Geld »Münzen« aus Leder machen lassen, auf der einen 
Seite sein Bild, auf der anderen den kaiserlichen Adler und dank 
seiner Autorität sei es angenommen worden. Auffallend für un¬ 
sere Kenntnis geldpolitischer Zusammenhänge ist jedenfalls das hart¬ 
näckige Verschweigen der Grundsätze des Brakteatengeldes durch alle 
Kirchenschreiber. Sie berichten von Zahlungen stets in »Goldun¬ 
zen« und »Silberdenaren«, als ob man das Geld in der Form wie 
3000 oder 1000Jahre zuvor benutzte! 

Dieser Kaiser war nicht zum Werkzeug der Priesterpolitik zu ma¬ 
chen' 93 ^, das allein genügte, ihm Haß und Feindschaft der Kirche 
einzutragen. Vergeblich versuchten Päpste auf ihn Druck auszu¬ 


üben. Ja, wenn sie das Volk zum Abfall hätten aufwiegeln können! 
Unzweifelhaft unternahmen die Priester alles Denkbare, durch 
Gerüchte, Lügen und Propaganda einen Spalt zwischen Volk und 
Kaiser zu treiben. Die Päpste tobten gegen das »kirchenräuberi¬ 
sche Geschlecht der Staufer«, sie offenbarten somit den Sinn ih¬ 
rer haßerfüllten Fehde gegen den Unbezwingbaren. Sie erklärten 
Friedrich als »einen Ketzer, Lästerer Christi und alles Heili¬ 
gen«, sie verglichen ihn mit dem »Tiere der Lästerung in der Of¬ 
fenbarung« - umsonst, das deutsche Volk fiel ja selbst von Kir¬ 
che und Christentum ab. Es gab seinem Kaiser moralische Rük- 
kendeckung, als Friedrich sich über die Priesterbräuche lustig 
machte und zum Entsetzen der Pfaffen öffentlich erklärte: »Die 
Welt ist von drei Betrügern irregeführt worden: Moses, Jesus Chri¬ 
stus und Mohammed.'«. Friedrich ergriff als erster deutscher 
Fürst selber die Feder und prangerte die tyrannische Kirche in 
Flugschriften an. Er enthüllte den »weltlichen Ehrgeiz der Päpste, 
die sich der geistigen Waffen nur aus Herrschsucht bedienen«. Da 
Friedrich II. fortschrittliche Bestimmungen wie das Verbot des 
barbarischen (richtiger: druidisch-christlichen) »Gottesurteils« 
und »Strandrechtes« erließ, »sein Herz unaufhörlich für seine 
Untertanen wachte«, germanisches Moralgefühl seine Taten be¬ 
stimmte, ist nicht glaubhaft, daß er grausame Bestimmungen der 
Inquisition gegen die deutschen Städte befahl (die doch auf sei¬ 
ner Seite standen!), den Kreuzzug gegen die Stedinger Bauern gut¬ 
hieß oder in Italien Gefangene persönlich viehisch mißhandelte 
und töten ließ, daß »er Wahnideen hatte«, wie uns humanistische 
Urkunden vermelden. Vor Erlangung der Kaiserwürde mag er als 
junger Mann Inquisitionserlasse (1213, 1219) auf Veranlassung 
der Priester unterschrieben haben, das ist nicht auszuschließen. 
Sein Verhalten als deutscher Kaiser ist nach 1220 dem Priesterwillen 
völlig entgegengesetzt, und zwar in allen Punkten. Wir können nicht 
entscheiden, ob jene Urkunden auf Zwecklügen zeitgenössischer 
Priester zurückgehen oder spätere Erfindungen sind, um Ehre und 
Ruhm des Kaisers für die Nachwelt zu verdunkeln 193 ' oder ihn als 
(un) gehorsamen Kirchendiener erscheinen zu lassen. Priester sei¬ 
ner Zeit legten sogar seinen Umgang mit Arabern bzw. Moslems 
als Verrat am Abendland, Christentum bzw. deutschen Volk aus, 
obwohl sein Ausspruch belegt, daß er von Mohammed nicht bes¬ 
ser dachte als von Jesus. 

Friedrichs II. Staatskunst war, wie er selbst aussprach, »Frie¬ 
den mit dem Islam, Krieg mit dem Papsttum«. In diesem Sinne ver¬ 
suchte er unter Vorwänden, den ihm auferlegten Kreuzzug zur 
Eroberung des »Heiligen Landes« zu vermeiden. Mit einem ge¬ 
schickten politischen Streich durchkreuzte er die Priesterintrigen, 
indem er die militärische Hauptmacht des Papstes in Palästina, 
den Deutschen Orden, nach Siebenbürgen und das ferne Preu¬ 
ßen ablenkte (1226 Bulle von Rimini). Darauf traf ihn der volle 
Zorn des Papstes, der ihn bannte und die Kaiserwürde aberkannte 
(1227). Als Friedrich 1228 doch nach Palästina reiste, sein Ge¬ 
lübde formell erfüllte und den Zugang zum »Heiligen Lande« 
statt eines Eroberungskrieges durch einen Vertrag mit dem Sultan 
sicherte, kannte die Wut der Kurie keine Grenzen. Papst-Vertreter 
Gerold verhängte über Jerusalem das Interdikt! Ganz offensicht¬ 
lich gingen die Pläne der Kirche viel weiter als sie öffentlich zu sa¬ 
gen wagte. Hier kommt deutlicher denn je ihre Absicht ans Licht, 
Jerusalem zur Hauptstadt ihrer Weltherrschaft zu machen - was nur 
durch Waffengewalt erreichbar sie schon 130 Jahre lang vergeblich 
versuchte. Wenn Friedrich noch Zweifel an der Niedertracht 
der Priester hatte, der Einfall päpstlicher Armeen in seine Kron- 
länder während seiner Kreuzfahrt mußte ihm die Augen öffnen. 
Sobald er sich vom eigenen Machtzentrum entfernte, errang die 
Priesterschaft die heißersehnte militärische, politische und natür- 


57 


lieh geistliche Herrschaft über sein Reich. Friedrich II. konnte 
persönlich nur in Deutschland oder Italien sein, durch seine un¬ 
mittelbare Herrschaft über Rom und Italien versperrte er es dem 
Papsttum und entschied zugleich, wer die Macht in Deutschland 
ausübte. Aus gleicher Ursache wollten die Päpste ihn nicht in Ita¬ 
lien dulden und strengten alles an, ihn von dort zu entfernen. Kur¬ 
zerhand vertrieb Friedrich den Papst und seine Anhänger aus 
Italien (1230), ließ den Bannfluch öffentlich widerrufen und weil 
er damit Erfolg hatte, bereitete er dem Ansehen der Priester eine 
empfindliche Niederlage. Planmäßig schaltete Friedrich nun 
die Kirche vom öffentlichen Einfluß in Italien aus. »Die Rechte 
der Kirche und des Adels in Sizilien wurden beseitigt indem er die 
politische Macht der Kirche brach, beseitigte er auch die Gedanken¬ 
kontrolle durch die Priester. Friedrich führte als erster moderne 
Vorstellungen politischer Autorität der Regierung ein. Er setzte 
die Vernunft an die Stelle des Glaubens als bestimmende Kraft der 
Gelehrsamkeit, das priesterliche Einverständnis hatte keinen Platz 
mehr in seiner Regierung« ' 95 '. 

Die Kirche sparte nicht an Geld, Gift und Gewalt zu seiner Besei¬ 
tigung, wie die »sizilische Verschwörung« von 1246 enthüllte. 
»Die Scharen der Bettelmönche zogen aus und predigten durch 
Italien und Deutschland Haß und Aufruhr gegen den Kaiser. In 
Italien, wo der Papst unablässig ihm Verschwörungen erregte, 
ward aus einem ehemals milden Herren fast ein Tyrann«' 96 '. Sie 
verleiteten seinen eigenen Sohn Heinrich und einige Reichsfür¬ 
sten zur Empörung. Kirchliche Gewaltpolitik war die Ermordung 
des Erzbischofs Engelbert von Köln (1225), Friedrichs ver¬ 
trauter Reichsverweser und Berater seines Sohnes Heinrich, der 
Kurie schon deshalb anzulasten, weil »zum Nachfolger sofort ein 
unversöhnlicher Hasser des Kaisers ernannt wurde. Auch der Erz¬ 
bischof von Mainz (Sigfrid von Eppenstein) war ein mächtiger 
Gegner des Kaisers« ' 97 '. Aber Friedrich brauchte nicht einmal 
mit einem Heere zu kommen, um dem Aufruhr ein Ende zu ma¬ 
chen, so groß war sein Ansehen in Deutschland. Die Rebellionen 
hatten keinerlei Rückhalt im Volke, die Kirche fand für ihre Flüche 
gegen seine weltliche Macht und den Bürgerkrieg in Deutschland 
nur von frommem Gesindel Unterstützung; sonst keine für ihre 
Flüche gegen seine weltliche Macht. Alle Versuche der Päpste, 
Friedrich als abgesetzt zu erklären, schlugen jämmerlich fehl. 
Die Päpste mußten fortan wieder in Frankreich residieren, bewie¬ 
sen durch ihre Zeit in Bordeaux und die Synoden von Toulouse 
(1232) und Lyon (1245), von wo aus der Papst (Innocenz IV) 
Friedrich von neuem als abgesetzt und seines Thrones verlustig 
erklärte. »Als der Kaiser (vom Papst) abgesetzt wurde, stellte die 
kirchliche Partei im Reiche , in der die rheinischen Bischöfe maßgebend 
waren, einen Gegenkaiser auf (Heinrich Raspe). Als dieser 1247 
starb, trat Graf Wilhelm von Holland, von den geistlichen Für¬ 
sten gewählt, an seine Stelle. Der Papst nannte ihn »unser Pflänz- 
lein« < ' 96 ' > - aber gegen den allgemeinen Widerstand des deutschen 
Volkes konnte auch der sich nicht behaupten. So wie der Papst die 
Unterstützung Frankreichs gegen Friedrichs Herrschaft zu er¬ 
reichen wußte, so besteht jeder Grund zur Annahme, daß er die 
Mongolen zu ihrem Ansturm gegen Deutschland herbeigeru¬ 
fen hat (1241). Der Deutschenhaß der Kurie ist von Zeitgenossen 
bezeugt und von Priestern zugegeben worden. Von ihr wurden 
Kreuzzüge nicht bloß ins »Heilige Land« oder heidnische Preu¬ 
ßen, sondern ebenso gegen die unbezwingbaren Deutschen ausge¬ 
rufen und organisiert. Man soll sich in den politischen Verbindun¬ 
gen und Intrigen jener Zeit nicht täuschen, sie nicht unterschät¬ 
zen oder einfach abstreiten. Was zur Zeit der Römer oder Karolin¬ 
ger möglich und Tatsache war, ließ sich in dieser Epoche ebenso 
machen: Die Kirchenschreiber selbst berichten uns von Verhand¬ 


lungen des Papstes mit den Mongolen! Tataren um 1240 über deren 
Kriegspläne: »...das gefiel dem Herrn Papste, wie man glaubte 
nicht schlecht; denn er schenkte ihnen überaus kostbare Gewän¬ 
der ... und unterhielt sich gerne und freundlich mit ihnen durch 
Dolmetscher und gab ihnen heimlich noch wertvolle Geschenke an 
Gold und Silber«' 98 '. Tatsache ist, » daß der Papst nur sehr wider¬ 
willig dem Drängen der deutschen Christen nachgab und einen 
Kreuzzugsablaß gegen die Tataren predigen ließ, während er an¬ 
dererseits das Kreuz gegen den Kaiser predigen ließ und dadurch 
bei allen (noch) redlichen Christen in Mißkredit geriet. Des Pap¬ 
stes Gebaren schien zweideutig« ' 98 '. Natürlich gar nicht mit die¬ 
ser Politik 1 "'. Wie uns Kirchenschreiber berichten, verkehrten 
noch im Jahre 1275 freundschaftliche Gesandtschaften zwischen 
den (nichtchristlichen!) Tataren und dem Papst. Er versuchte (er¬ 
folglos) die Sultane zum Abbruch ihrer Beziehungen zu Fried¬ 
rich zu bestimmen. Man vergleiche diese christlichen Ränke der 
Päpste mit den friedlichen Gesandtschaften Friedrichs zu den 
arabischen Fürsten, die Deutschland niemals bedrohten. 

Ohne Geld ist Politik nicht möglich. Der Priesterschaft ging es 
weniger um den Glauben, es ging ihr in erster Linie um das Geld. 
Ohne Geld keine Macht, kein Glauben an ihren göttlichen Auf¬ 
trag, kein Schmarotzerleben der Geistlichkeit. Wenn der Papst 
große Geldgeschenke den Mongolen aushändigen konnte, da wir 
wissen, »daß päpstliches Geld überall in Italien arbeitete«, vom 
Papst »düstere Nebenpersonen, durch schnödes Geld zum Abfall 
von der Partei des Kaisers bestochen«' 98 ' wurden, so ist ein Kreis¬ 
lauf sichtbar: Dazu mußte er erst einmal welches einnehmen (sich 
Geld verdienen kann man bei Päpsten gewiß nicht sagen!). Die 
Zeitgenossen wußten das genau. Wie Walter von der Vogel¬ 
weide schrieb, der Papst konnte wohl lachen, »denn deutsches 
Silber fährt in meinen welschen Schrein«: Das Silber der deut¬ 
schen Bergwerke fiel bald den Priestern in die Hände. Da die mei¬ 
sten deutschen Kirchenfürsten das Münzrecht inne hatten, konnten sie 
obendrein den Gewinn aus der Geldsteuer einbehalten. Der Magde¬ 
burger Domherr führte jährlich 236 Gewichtsmark bzw. 56000 
Silberpfennige an den Domschatz ab. Über die Einnahmen aus 
den Gülten ihres Grundeigentums konnten sie viel Geld dem Volke 
entziehen und dem Papst zusenden. Das Volk mochte im Unglau¬ 
ben beharren, der Kirche Meßgelder, Peterspfennig u.a.m. verwei¬ 
gern, es kam auf anderen Wegen genug zusammen um damit den 
unaufhörlichen Krieg gegen Kaiser, Reich und Volk zu finanzie¬ 
ren. »Der Papst aberhörte nicht auf, Geld aufzuhäufen, sowohl an 
seinem Hofe wie auch in fernen Ländern, indem er aus Prediger¬ 
mönchen und Minoritenbrüdern, sogar gegen deren Willen, nicht 
Menschenfischer, sondern Münzenfischer machte«' 98 '. Unwahr¬ 
scheinlich ist daher der Gebrauch des Ledergeldes anstelle des 
knappen Silbers durch Friedrich II. nicht. Die Brakteaten hätten 
mit einer bestimmten Silbermenge zeitlich unbeschränkt umlau¬ 
fen können. Ständiger Entzug des Münzmetalls mußte sie allmäh¬ 
lich verknappen, sobald die Arbeit der Bergleute ihm nicht mehr 
durch Neuförderung nachkommen konnte. 

Wie die Kirche über den Kaiser und Freigeist dachte, ihr unver¬ 
söhnlicher Haß offenbarte sich ganz unverhüllt bei seinem Tode. 
Ihren Andeutungen zufolge ist sicher, daß er, nur 52 Jahre alt, 
durch Gift ermordet wurde. Darauf versandte der Papst eine En¬ 
zyklika an alle Christen, in der es hieß: »Laßt nun den Himmel und 
die Erde jauchzen!«. 

Was in dieser Zeit Deutschland fehlte, waren Könige oder Kaiser, 
die Weitblick und Klugheit Friedrichs II. gehabt hätten, auf sei¬ 
nem Werk weiter zu bauen. 

Leider gab es keinen. Der Papst spannte den französischen Kö¬ 
nig (Ludwig der Heilige und Karl von Anjou) für sich ein, 


58 


ließ sich von ihnen Italien erobern und die nachleb enden Stau¬ 
fer vollständig ausrotten. Noch einen deutschen König (oder Kai¬ 
ser) wollte die Kirche nicht dulden. Das berüchtigte Interregnum 
(»die kaiserlose, die schreckliche Zeit«), das mit dem Tode 
Friedrichs II. begann, gilt als ureigne Intrige der Priesterschaft. 
Ihr Haß ging eben weit über Friedrich hinaus, er richtete sich ge¬ 
gen das ganze deutsche Volk. Die rheinischen Erzbischöfe entschie¬ 
den, wer König sein solle, und sie wählten dafür bestochene Auslän¬ 
der. Hier besteht eine weitere sehr dunkle Stelle in der überlieferten 
Geschichte Deutschlands, die unseren Historikern bisher nicht 
aufiiel. Angeblich kamen in dieser Zeit die Kurfürsten auf, denen 
allein die Wahl des Königs noch zustand. Jedoch gibt es keine Er¬ 
klärung für so eine umstürzende Änderung des Reichsrechtes, kei¬ 
nerlei verfassungsrechtliche Beweise und ganz ausgeschlossen, ja 
undenkbar ist eine »allmähliche Entwicklung« auf so ein eigenar¬ 
tiges Ziel. Denn die Kurfürstenvorrechte wurden erst durch Gol¬ 
dene Bulle Karls IV geschaffen, 100 Jahre später, und diese ist 
ein Zugeständnis an ausgewählte weltliche politische Interessen¬ 
ten, mit denen Kirche und ihr ergebener »Pfaffenkaiser« die Für¬ 
stenmacht spalteten und zugleich sich dienstbar zu machen hoff¬ 
ten. Im 13.Jahrhundert stellten Deutschlands weltliche Fürsten 
und Städte eine für die Kirche unkontrollierbare Macht dar, die sie 
nicht übergehen konnte und durch ungesetzliche Eingriffe in die 
Reichsverfassung auszuschalten versuchte. In diesem Zusammen¬ 
hang dürfte das »Geschichtswerk« des Martin von Troppau 
(angeblich gestorben 1278) Rückschlüsse auf die Tatsachen ge¬ 
statten. Dieser Dominikanermönch läßt »die Einsetzung der sie¬ 
ben Kurfürsten in Otto III. Zeit« (983 bis 1002) zurückverlegen. 
Natürlich handelt es sich hier um eine nachgewiesene spätmittel¬ 
alterliche Fälschung*- 100 ). Sie erlaubt uns allerdings, das Motiv der 
Fälscher einwandfrei zu erkennen. Sie hatten den Auftrag, einen 
verbrecherischen Staatsstreich bzw. Verfassungsbruch durch die 
katholische Priesterschaff vor der Geschichte zu verbergen. Ihre 
Lüge hat der Kritik der Historiker nicht standgehalten, doch sie 
half uns, die Wahrheit zu entdecken. Die völlige Vernichtung al¬ 
ler diesbezüglichen echten Zeitdokumente nützte den Priestern 
nichts - wir haben es doch herausbekommen! 

Fassen wir zusammen: Die Priester wollten das wirtschaftlich auf¬ 
geblühte und geistig befreite Deutschland durch Fremdherrschaft 
und Anarchie zerstören, weil sie nicht mehr imstande waren, un¬ 
ser Volk zu beherrschen. Wie viel Blut wurde in dieser Zeit ver¬ 
gossen, weil die Deutschen die Halbheit ihrer Wirtschaffsfreiheit 
nicht erkannten, die auch die Halbheit der gesamten Volksfrei¬ 
heit war. War es ihre ererbte (traditionelle) politische Einfältigkeit 
(Naivität), wenn die Deutschen mit weniger zufrieden waren als 
mit restloser wirtschaftlicher Entmachtung der Priester? Solange 
der Kirche Geld zufloß (wir haben oben gesehen, gewaltige Be¬ 
träge), besaß sie die Mittel, ihre Leute, Diener, Knechte, Söldner 
zu bezahlen und Krieg gegen das Volk zu führen. Sie hatte am mei¬ 
sten zu verlieren, daher ihre unnachgiebige Feindschaft gegen Kai¬ 
ser und Volk. Es ist unstreitig auf ihre Wühlarbeit zurückzuführen, 
wenn eine allgemein anerkannte, politisch-rechtliche Staatsord¬ 
nung im Deutschland des Hochmittelalters überhaupt nicht mög¬ 
lich und durchsetzbar war. Wo Priester herrschten, predigten sie 
das Pauluswort »Seid untertan der Obrigkeit, die Gewalt über euch 
hat«, und wo sie nicht herrschten, hetzten sie zum Aufruhr gegen 
jede, nach ihrer Darstellung »gottlose« Regierung. 

Die Geschichtsprofessoren, deren Werk ich für diesen Nachweis 
am meisten zitierte, schämten sich dennoch nicht, ihren Lesern 
vorzulügen: »Die Kirche bildete ... in den wilden und gesetzlosen 
Zeiten des Mittelalters eine erziehende und schirmende Macht ...So 
war die Kirche ohne Zweifel in dieser ihrer besten Zeit eine wohltätige 


Macht für die Völker; kein Wunder, daß diese ihr anhingen. Am voll¬ 
sten offenbarte sich ihre Hierarchie, d. h. die kirchliche Herrschaft, in 
den Kreuzzügen ... « 

So steht's geschrieben in einem Geschichtsbuch für Deutsche! 

Neuer Aufstieg der Kirche und Wirtschaftverfall 

Etwa um 1300 befanden sich kapitalistisches Wirtschaftssystem 
und mit ihm die Druiden-Kirche in der schwersten Krise ihrer 
Geschichte. Volkswohlstand hatte ihre gefürchteten Unterdrük- 
kungswaffen stumpf gemacht. Die Priester fauchten und drohten 
vergeblich mit Bannbullen und Interdikten, niemand nahm das 
tragisch. Da sie mit den hilflosen ausländischen Reichsherren in 
Deutschland überhaupt nichts vermochten, setzten sie die Wahl 
des unbedeutenden Rudolf von Habsburg durch, der zwar 
in seiner schweizerischen Heimat unbeliebt war, aber durch die 
Überwindung des Böhmenkönigs ein gewisses Ansehen erreichte 
(1273 bis 1291). Den Verfall der Kirche konnte oder wollte er 
nicht aufhalten, politisch ließ er die Dinge im Reiche gehen wie 
sie gingen. Er sorgte in erster Linie für sich selbst und seinen Fa¬ 
milienklüngel durch Schaffung der berühmten habsburgischen 
»Hausmacht«. 

Der lange Aufenthalt der Kurie in Frankreich während der Staufer¬ 
zeit mußte sich geldpolitisch und wirtschaftlich auf dieses Land 
nachhaltig auswirken. Wir erfuhren im vorigen Abschnitt, daß das 
deutsche Silber von den Kirchenfürsten an den Papst und folg¬ 
lich nach Frankreich verschoben wurde. Es löste dort eine Infla¬ 
tion und Wirtschaftsblüte (Konjunktur) aus. Weitkamp* 101 ) hat 
beides in vielen Einzelheiten als geschichtliche Tatsache nach¬ 
gewiesen. Eine Aufblähung (Inflation) der Geldmenge kann al¬ 
lerdings die Macht des Geldes nicht brechen. Zwar mögen Wi¬ 
derstände gegen die Kirche auch im Franzosenvolke gewaltig ge¬ 
wachsen sein, der politische Einfluß des Papstes auf die Herrscher 
Frankreichs (Ludwig IX. der »Heilige«) war unerschüttert ge¬ 
blieben. Nach dem Tode Friedrichs II. war mit Hilfe der Fran¬ 
zosen die Eroberung Italiens eine leichte Sache. Die geldpolitisch¬ 
wirtschaftlichen Folgen des Fortzuges der Kurie waren allerdings 
für Frankreich katastrophal. Viel zu spät begriffen die frommen 
Franzosen was für einen volkswirtschaftlichen Schaden sie dem 
Lande mit ihrer politischen Dummheit zugefügt hatten, nämlich 
die Eroberungs- und Rachegeschäfte der Kirche zu besorgen. Al¬ 
les Geld, das die Kirche einnahm, einschließlich Frankreichs, floß 
nach Rom, als es endgültig zurückerobert war (1268). Erneut be¬ 
gann ein erbitterter Kampf um das Geld das nach Frankreich (zu¬ 
rück) kommen sollte und um dessen Schwester, die Religion. Of¬ 
fensichtlich erkannte man im Mittelalter, daß Christentum, Geld 
und Kirche genau so unzertrennlich zusammen gehörten wie zu 
Zeiten der Apostel oder - heute! 

Esbedurfte einer außerordentlichen Herrscherpersönlichkeit, den 
Priestern ihren Undank heimzuzahlen. Philipp IV »der Schöne« 
war dieser Mann, der von Friedrich II. gelernt hatte, ihre Anma¬ 
ßungen verachtete und Flüche nicht fürchtete. Dem Papst war 
die Rückkehr nach Rom so in den Kopf gestiegen, daß er sich als 
Schiedsrichter Europas aufspielte, kam aber bei Philipp an den 
Falschen. Den Geldabfluß zu stoppen, zwang Philipp den französi¬ 
schen Klerus Steuern zu zahlen. Der Papst stellte sich vor seine Prie¬ 
ster im Sinne der alten Druidenregel, daß sie über dem Staate ste¬ 
hend auch »ewig steuerfrei sein« müßten, und bedrohte ihn mit 
dem Bann in der Bulle »Clericos laicos« 1296. Wohl wissend wie 
die Achillesferse der Kirche zu treffen ist, verbot Philipp darauf¬ 
hin die Ausfuhr von Silber und Gold überhaupt aus Frankreich. 
Priester, die sich widersetzten, wurden eingesperrt, ihr Besitz ein¬ 
gezogen. »Da der päpstliche Legat nun das Land gegen den König 


59 


aufwiegelte, ließ dieser ihn, der als französischer Bischof sein Un¬ 
tertan war, als Hochverräter verhaften«. Darauf folgte am 5. De¬ 
zember 1301 eine neue Bulle. Bonifaz VIII. erklärte Philipp für 
abgesetzt und bot die Krone Frankreichs einem deutschen Für¬ 
sten an. Ungeheure Aufregung durchbebte das Volk Frankreichs. 
In dessen Arme warf sich Philipp, berief die Reichsstände, wobei 
neben Adel und Klerus zum ersten Male überhaupt die Bürger der 
Städte Sitz und Stimme hatten, versicherte sich ihres unbedingten 
Rückhalts - sogar der französische Klerus war gezwungen, mitzu¬ 
machen - und ließ die Bullen öffentlich verbrennen (11. Februar 
1302). Der Papst antwortete mit der Bulle »Unam sanctam« (die 
Bestandteil des kanonischen »Rechtes« geworden ist! - 18.No- 
vember 1302) und verhängte das Interdikt über Frankreich. Aber 
ganz Frankreich stand wie ein Mann weiter zu Philipp - die Prie¬ 
ster hatten mit so einem allgemeinen Ungehorsam nicht gerech¬ 
net! 

Diese Kriegserklärung der Kurie offenbarte ihre völlige Wehrlo¬ 
sigkeit gegen eine entschlossene weltliche Gewalt (wie es Frank¬ 
reich bei der Absetzung des Papstes 1798 ein andermal demon¬ 
strierte). Philipp der Schöne schickte ein gar nicht großes Mi¬ 
litärkommando nach Rom, ließ Bonifaz VIII. gefangen nehmen 
und warf ihn in seinen Kerker, wo er »wie ein Hund starb« (11. 
Oktober 1303). 1305 wurde ein Philipp ergebener Papst gewählt 
und gezwungen, in Avignon zu residieren. Die katholische Kirche 
faselt seitdem von der »babylonischen Gefangenschaft der Päp¬ 
ste« (sie lebten dort, wie man heute noch sehen kann, großartig 
und in Freuden). Gewiß wäre es besser gewesen, Philipp hätte sie 
ganz abgeschafft, wozu jetzt die beste Gelegenheit war. Er mochte 
sich für stark genug halten, sie als Werkzeuge seiner Politik zu be¬ 
nutzen und übersah die Unabhängigkeit dieser Gesellschaft von 
Zeitpolitik und Zeitgeschichte. Freilich ging ohnedies in Italien 
alles drunter und drüber. Avignon kam letzten Endes der Priester¬ 
schaft besser zustatten als wenn sie sich selbst überlassen worden 
wäre. Man fragt sich, ob Philipp den »rechtmäßigen« Sitz der 
Druidenpriesterschaft zugleich mit ihren Geldeinnahmen für Frank¬ 
reich zurückgewinnen wollte. 

Neben der Kirche fand sich um diese Zeit das Judentum in 
Schwierigkeiten. Es machte sich durch seine brutalen Finanzme¬ 
thoden und Wucherzinsen sowohl im Volke als auch bei Fürsten 
verhaßt. Wo es zu Wuchern und Geldgeschäfte gab, war es stets zu 
finden. Ob Judentum und Kirche in heimlicher Fehde lagen oder 
im Einverständnis sich bei der Ausbeutung des Volkes ergänzten, 
wer vermag das zu entscheiden? Die Kirche setzte durch, Juden in 
Ghettos einzuschließen (1215), aber Juden sind auch Päpste ge¬ 
worden. Fürsten gewährten Juden Sonderrechte und ließen sie 
verfolgen. Ausgewiesene Juden fanden im päpstlichen Privatlande 
Polen eine Zuflucht. Wir erinnern an die Kreuzzüge, die die Kir¬ 
che mit wilden Judenverfolgungen einleitete: Der Mönch Peter 
von Amiens war ihr bedeutendster Aufwiegler. Mit solchen Ma¬ 
chenschaften hoffte die Kirche anscheinend, das aufsässige Volk 
von ihrer eigenen Unterdrückungspolitik abzulenken. Anderer¬ 
seits finanzierten Juden Kreuzzüge, ja sie boten Kreuzfahrern an, 
Geld dafür zu leihen. Und wenn ein Adelsmann Geld lieh, kirch¬ 
lich ausgedrückt: »Das Kreuz auf sich nahm«, dann hat er sich 
bestimmt vorher ausgerechnet, was er in Palästina von Arabern - 
und Juden! - mit der Schwertspitze einkassieren konnte, um sein 
Darlehen mit Zinsen zurückzuzahlen. Es ist schwierig, aus den wi¬ 
dersprüchlichen Vorgängen dieser Zeit Ursachen, Tatsachen und 
Wahrheit herauszufiltern. Wieviel Glaubwürdigkeit bleibt da im 
Lichte von Kammeiers Erkenntnissen? 

Dennoch müssen die wesentlichsten Ereignisse geschehen sein, 
obwohl Einzelheiten fraglich bleiben. Im jahre 1290 wies der eng¬ 


lische König Edward I. die Juden unter Androhung der Todes¬ 
strafe aus dem Lande und brachte damit den Stein allgemeiner 
Judenfeindschaft ins Rollen. 1306 wurden sie von Philipp dem 
Schönen aus Frankreich ausgewiesen, andere Länder wie Sach¬ 
sen 1348, Ungarn 1360 schlossen sich dieser Welle an. Keiner 
wollte sie haben! Es wird gesagt, der Hauptgrund sei gewesen, sie 
hätten den Gesetzen nicht gehorchen wollen. Ob man daraus entneh¬ 
men kann, sie hätten die öffentlichen Finanzen zu unterwühlen 
versucht, ungesetzliche Intrigen oder Verschwörungen angezet¬ 
telt, ist ungewiß. Anderseits mußte das Brakteatengeld die Macht 
der Wucherer schwächen und damit den Zusammenhalt des Ju¬ 
dentums bedrohen. Es konnte sie aus mancherlei Gründen jedoch 
nicht völlig ausschalten. 

Fraglos waren die Juden-Ausweisungen nicht ohne Beziehung zu 
Geld- und Finanzfragen. Hier stoßen wir auf geheimnisvolle Ver¬ 
bindungen des im »Heiligen Lande« *■ 102 ' mächtigen Ordens der 
Templer. Im Altertum war der Jahwe-Tempel ja bereits eine Art 
Weltbank, und der Templerorden erklärte unverblümt, ihn wie¬ 
der errichten zu wollen, d. h. die Einheit von Religion und Geld auch 
äußerlich wiederherzustellen. Als adeliger Priesterorden gegründet 
und geführt, besaß er außerordentliche Vorrechte gegenüber der 
übrigen Kirche und unterstand nur dem Papst. Er hatte in Frank¬ 
reich (mit einigen Zweigen in Deutschland - z. B. Tempelhof bei 
Berlin) eine Geldfinanzmacht aufgebaut, die ihresgleichen im 
Mittelalter suchte. Er besaß Bankhäuser, betrieb Kredit- und An¬ 
leihewirtschaft im modernen Sinne. Wie der französische Ge¬ 
lehrte de Mahieu nachwies, hatte er mit Hilfe der Wikinger un¬ 
ter strengster Geheimhaltung Silber aus Amerika eingeführt und 
selbst ausgemünzt. Die Templer waren von jeglichen Steuern und 
Abgaben befreit. Sie bildeten einen Staat im Staate und mußten 
früher oder später mit diesem zusammenprallen. Es ist nicht über¬ 
raschend, wenn eine selbstbewußte Persönlichkeit wie Philipp 
der Schöne 1312 dem Sonderdasein ein Ende machte und den 
Templerorden vernichtete. Seine Führer, darunter der von der 
jetzigen Freimaurerei schrecklich beklagte Hochmeister de Mo- 
ley wurden als Verschwörer gegen König und Staat hingerichtet, 
das ungeheure Vermögen des Ordens eingezogen. Philipp der 
Schöne hat sich in diesen Auseinandersetzungen siegreich be¬ 
hauptet - das Volk, offensichtlich wirtschaftlich zufrieden, stand auf 
seiner Seite. Er nahm das Münzrecht wieder an sich (Königsregal) 
und führte den Münzverruf in Frankreich ein. Man mußte also 
überall im Geldverruf die Ursache allgemeinen Wohlstandes er¬ 
kannt haben. Sein überlieferter Beiname braucht nicht auf körper¬ 
liche Schönheit hinzuweisen - eine stets strittige Frage - sondern 
eher, daß er vom Volke als ein »schöner«, d. h. tüchtiger, volksna¬ 
her, gerechter, guter Herrscher anerkannt war. Die Geschichte, die 
von den großen Geldmächten im Auftrag geschrieben wird, stellt 
jedoch Philipp IV. als geldgierigen, gemeinen, herrschsüchtigen 
und unmoralischen Fürsten vor. Geldgier, Herrschsucht und mo¬ 
ralische Verworfenheit der Templer bzw. Priester darf nicht er¬ 
wähnt werden. 

Philipp starb unerwartet 1314, wahrscheinlich vergiftet, wie so 
viele Gegner und Unbequeme der Priestermacht. Sogleich wur¬ 
den die Münzverrufe aufgegeben - warum ist leicht erklärlich! 
Die Silbereinfuhr aus Amerika hörte auf. Unzweifelhaft nahmen 
die ausgewiesenen Juden und Templer - von der Kirche ganz ab¬ 
gesehen - gemünztes und ungemünztes Silber soviel sie nur fort¬ 
schaffen konnten, und Geld trägt man leichter davon als Waren. 
Infolgedessen brach der Geldumlauf Frankreichs schlagartig zusam¬ 
men und erdrosselte seine Wirtschaft. Nach zeitgenössischen Berich¬ 
ten herrschten wenige Jahre später in Frankreich unvorstellbare 
Not, Verzweiflung und politisches Chaos. »Frankreich verfiel in 


60 


einen schrecklichen ZustamW 103 \ Der »Aufstand der Hirtenbu¬ 
ben« von 1320 führte zehntausende zu wilden, gesetzverachten¬ 
den Banden zusammen. Der wirtschaftliche Verfall richtete die in¬ 
nere staatliche Sicherheit Frankreichs zugrunde. Keine Macht war 
imstande, Ordnung zu halten - aus dem einfachen Grunde, weil 
sie kein Geld hatte, die Ordnungshüter zu bezahlen! Zumindest: 
Sie wollte kein Geld dafür herausrücken, weil sie ja nicht wußte, 
ob sie wieder welches einnahm. In einem Falle suchte der Papst 
zu Avignon seinen Hort vor den Briganten zu retten, indem er zur 
Zahlung der erpreßten Kontribution seinerseits die Bürgerschaft 
erpreßte, »damit der Schatz Gottes nicht gemindert würde«. Was 
die Räuberführer herausfanden, das Geld zurückschickten und 
den Papst nötigten, in die Truhen der Kirche zu greifen. Solche 
humorvollen Ereignisse sind allerdings selten, gewöhnlich haben 
die Räuber alles genommen. Im gründe waren die Erpressungen der 
Räuberbanden nichts anderes als Versuche , das stilliegende Geld mit 
Gewalt wieder in Umlauf unter das Volk zu bringen /Papst Urban V. 
verfluchte und exkommunizierte 1364 in einer feierlichen Bulle 
die Räuberkompanien, was sich schön anhörte, nichts kostete und 
auch nichts besserte. Die Armagnecs (»armen Gecken«), wohl¬ 
organisierte französische Räuberhaufen, plünderten sogar das El¬ 
saß, Schwaben und die Schweiz. Die Reichen, vor allem die Kir¬ 
che, hielten das Geld eisern fest und gewannen so die nötigen Mit¬ 
tel, Lehren und Erfahrungen, den Feldzug gegen das noch beste¬ 
hende Wohlstands-Reich der Deutschen zu unternehmen. 

Die Deutschen waren um diese Zeit der katholischen Kirche erbit¬ 
tertfeindlich und auf dem besten Wege , sich von ihr gänzlich loszusa¬ 
gen. Nach den ersten Habsburgern erstand endlich in Ludwig IV. 
dem Bayern ein deutscher König (1314), der den Kampf gegen 
die Priester dort fortsetzte, wo Friedrich II. aufgeben mußte. Er 
schlug den Gegenkönig der Kirche, Friedrich von Habsburg 
1322 bei Mühldorf und gewann ihn sogar zum Freunde, Zeugnis 
seiner Persönlichkeit und ungewöhnlichen diplomatischen Ge¬ 
schicks. Seine Politik war die Philipp des Schönen! Damit mi߬ 
fiel er den Priestern: 1324 wurde Ludwig vom (Avignon-)Papst 
gebannt und für abgesetzt erklärt. Solange er lebte, mußte er einen 
ununterbrochenen Kampf gegen die Wühlarbeit der Kirche füh¬ 
ren, der sich erheblich verschärfte, nachdem sich Ludwig zu Rom 
zum Kaiser krönen ließ (1328). In Rom saß ein Gegenpapst, der 
mit dem von Avignon im Kampfe lag^ 104 \ 

Diese Auseinandersetzungen enthüllen die allmählich, aber mit 
der Wirtschaftsnot Frankreichs stetig wachsende Macht von Papst 
und Kurie zu Avignon. In Deutschland blieben die Städte und die 
meisten Bischöfe trotz des Bannes Ludwig treu. »Die Freisin¬ 
ger Domherren verjagten ihren Bischof, weil der zum Avignon- 
Papst hielt, und die Straßburger erklärten den Dominikanern, als 
diese den Gottesdienst einstellen wollten: Seither hätten sie vor¬ 
gesungen, so sollten sie auch fürbaß singen oder aus der Stadt 
springen«6 0S ). Im Jahre 1338 sollen die deutschen Kurfürsten zu 
Rhens (e) in einem historischen Beschluß ihre völlige Unabhän¬ 
gigkeit und die des Reiches vom Papst rechtlich festgestellt haben. 
Daßelbe soll kurz darauf auf einem Reichstage zu Frankfurt noch 
einmal bestätigt worden sein. 

Ich überprüfte schon im vorigen Abschnitt die angebliche Rolle 
der Kurfürsten und muß jetzt noch stärkere Bedenken gegen sie 
anmelden. Es ist einfach ausgeschlossen, daß (Priester-)Kurfür¬ 
sten für sich zusammentrafen, einen Beschluß faßten und hin¬ 
terher gutheißen ließen, der sie mit der Politik der Kurie in ärg¬ 
sten Konflikt bringen mußte (106 ^. Der Unabhängigkeitsbeschluß 
dürfte Tatsache sein, Urheberschaft und Verantwortlichkeit der 
Kurfürsten dagegen eine Erfindung kirchlicher Fälscher. Ludwig 
der Bayer wird sich der Unterstützung durch die deutschen Für¬ 


sten und Städte versichert haben (Vorbild Philipp IV.!), die Kir¬ 
che hatte demgegenüber alle Gründe, ihre ständigen Brüche der 
Reichsverfassung zu vertuschen. 

Denn was danach kommt, ist zugunsten von Priestern in großem 
Stile gefälschte Geschichte. Bis 1342 war der Priesterklüngel zu 
Avignon den Deutschen gegenüber erfolglos, dann soll sich Lud¬ 
wig dem Papst (Clemens VI.) unter unwürdigsten Bedingungen 
unterworfen haben. Das ähnelt freilich sehr den Fälschungen über 
Heinrich IV. und Canossa oder Friedrich II. Sicher ist, daß ab 
1340 der allmähliche Abfall der Fürsten und Bischöfe von Lud¬ 
wig begann. Noch bevor Ludwig starb (1347) hatten die »geist¬ 
lichen Kurfürsten den frommen Karl IV. als päpstlichen Gegenkö¬ 
nig aufgestellt« (1346)^ 107 1 Wie erreichte der Avignonpapst das, 
weshalb siegte er über seine Gegner zu Rom und in Deutschland? 
Nachdem er das kapitalistische Geldsystem in Frankreich wie¬ 
der unter seine Kontrolle gebracht hatte, konnte er riesige Geld¬ 
horte (»Schatz Gottes«) ansammeln, um damit Bundesgenossen 
und Werkzeuge seiner Politik zu kaufen! Das »deutsche Silber«, 
das die Kirche 100 Jahre zuvor nach Frankreich verschoben hatte, 
kam jetzt als päpstliches Geld nach Deutschland zurück, um in die 
Truhen korrupter Fürsten zu fließen (und stürzte Frankreich durch 
den Geldentzug in das größte Wirtschaftselend). Wieder erken¬ 
nen wir eine Priesterintrige auf weite Sicht. Die Erhebung Karl 
IV. und ein Umsturz der Reichsverfassung waren Voraussetzung, 
den kirchlichen Wirtschaftskrieg, besser genannt Kreuzzug, gegen 
das deutsche Volk zu gewinnen. 

»Karl IV, der Enkel Heinrichs VII. aus dem lützelburgisch-boh¬ 
mischen Hause hatte seine Wahl durch große Versprechungen und 
Geldgeschenke von den Kurfürsten erkauft, hatte dem Papst, freilich 
in vielgewundenen nicht recht klaren Worten gelobt, weder die Be¬ 
stimmungen des Kurvereins von Rhense noch die früheren Ansprü¬ 
che der Kaiser auf Italien geltend zu machen und nahm nun ebenso¬ 
wenig Anstand, auch den Städten große Verheißungen zu gehen, um 
sie für sich zu gewinnen. Er hatte es sich viel Geld kosten lassen, um zu 
seinem Ziele zu gelangen, hatte ohnehin dem Golde mehr vertraut als 
dem Schwerte«' 107 \ Sein Geld kam also aus der Kasse des Papstes, 
der den bitterarmen, unbekannten Fürsten zum Herren Deutsch¬ 
lands krönte. Das Volk wußte warum: Es nannte ihn den Pf affenkö- 
nigif 107 \ Sein Lebenslauf zeigt viel Ähnlichkeit zu Chlodowech. 
Kein Wunder, dieser Luxemburger war französisch erzogen wor¬ 
den und auf der Pariser Universität gewesen. Ohne verfassungs¬ 
mäßige Befugnis schloß er 1348 für das Reich ein Konkordat mit 
der Kurie. Damit anerkannte er - und für das Reich der Deutschen 

- seine unbedingte Unterwerfung unter die Priester. »Seine Widersa¬ 
cher (also auch Ludwig der Bayer) sollen durch Gift beseitigt wor¬ 
den sein«( 107 \ Vorsichtig arbeitete man seine Autorität zu sichern, 
bis er 1349 als Alleinherrscher endlich anerkannt wurde. Dann 
holte er zu vernichtenden Schlägen gegen das deutsche Volk aus. 
Er wußte um das Chaos und dem wirtschaftlichen Elend Frank¬ 
reichs aus erster Hand. Welch eine moralische Verkommenheit 
spricht aus dem Charakter dieses Fürsten, mit voller Absicht die 
gleichen Zustände in Deutschland, und weil es nicht sofort mög¬ 
lich war, wenigstens in seinem unmittelbaren Herrschaftsbereich 
einzuführen. Als höchste Belohnung für seine Knechtsdienste 
empfing er 1355 die Kaiserkrone. Angeblich zu Rom, aber hatte 
nicht der Papst zu Avignon Ludwig den Bayern unversöhnlich 
bekämpft, während der römische auf Ludwigs Seite stand? Wie 
hätte sich dieser Papst zu seinem Gegner in Avignon - und Karl 

- betreffs der Anerkennung stellen müssen? Die Italiener »fühl¬ 
ten sich schwer getäuscht von diesem Herrscher« - sie täuschten sich 
nicht allein. Sollte er tatsächlich »in Rom nicht eine Nacht geblie¬ 
ben sein«, dann empfing er den Kaisertitel in Avignon. Wir erin- 


61 


nern an Kammeiers Werk: Zwecks Irreführung der Geschichte 
wurde Karls Erhöhung dialektisch verschleiert, weil Avignon als 
»babylonischer« Platz für Kaiserkrönungen unmöglich erschien. 
Päpste sind aus der antiken Druidenpriesterschaft hervorgegan¬ 
gen, darum waren sie nie notwendigerweise römische Päpste. Of¬ 
fensichtlich wurden die Avignon-Priester die finanziell stärkeren 
(»Schatz Gottes«) und siegten in den Machtkämpfen, die zum 
»Schisma« geführt hatten* 108 ^. 

Müssen wir noch weiter fragen, worin die großen Verdienste be¬ 
standen, die Karl IV. die Kaiserkrone einbrachten? Es war die Er¬ 
neuerung der Kirchenmacht. Er ließ Prag zu einem Erzbistum erhe¬ 
ben, gründete 1348 die Prager Universität, erneuerte 1369 die In¬ 
quisition in Deutschland und förderte sie durch blutrünstige Er¬ 
lasse. Als erster führte er in seinem Erblande Böhmen den »Ewigen 
Pfennig« ein, und der Papst segnete die Wiedereinführung des Dauer¬ 
geldes. »Non thesaurari« (nicht verschätzen) ließ er heuchlerisch 
auf die neuen Münzen schreiben, was einerseits erneut beweist, 
wie man damals die Bedeutung des ungehemmten Geldumlaufes 
für die Wirtschaft erkannte, andererseits ihn zwecks Knechtung 
des Volkes vorsätzlich unterbrach. 

Merkwürdig ist, wie oft und gerne Urkunden des 14.Jahrhun- 
derts plötzlich von diesem Gelde reden. Zahlungen, Vereinba¬ 
rungen, Verträge werden jetzt stets in »böhmischen Groschen« ge¬ 
nannt. Das Brakteatengeld wurde totgeschwiegen, nun brachte 
man es in schlechten Ruf. Unzählige Sorten von Münzen, mit de¬ 
nen man sich höchstens in einer engbeschränkten Gegend aus¬ 
kennen mochte, die anfingen weit mehr Verwirrung als Nutzen 
zu stiften, zahllose Münzstätten, mit deren Ausstoß jeder Macht¬ 
haber zu prassen versuchte, immer öfter und unregelmäßiger vor¬ 
genommenen Verrufungen, regelrechte Geldanarchie mußte den 
Handel erschweren und die Bevölkerung verärgern. Das alles, zu¬ 
sammen mit eifriger Priesterpropaganda leistete dem »böhmi¬ 
schen Groschen« Starthilfe. 

Dabei hätte auch in damaliger Zeit ein pflichtbewußter Kaiser 
dem Münzwirrwarr ein praktisches Ende bereiten können. Nichts 
war einfacher als das Münzregal wieder an sich zu ziehen wie es 
Philipp der Schöne einst beschloß, fortan nur eine kaiserli¬ 
che Brakteatenmünze im Reiche anzuerkennen, deren Verrufgeld 
durch die Erfahrung auf jährlich 6%, höchstens 12% zu beschrän¬ 
ken war. Das mußte jeder Staatsmann dieser Zeit begreifen. Wenn 
ein von Priestern beherrschter, nachweislich korrupter Kaiser das 
zinstragende Geld erneut einführte, dann setzte eine mächtige ge¬ 
heime Gesellschaft Pläne zu ihrem eigenen Vorteil und gegen das 
deutsche Volk durch. Nicht überall wurde der böhmische Pfen¬ 
nig bzw. Groschen dankbar angenommen. Das Brakteatengeld 
ließ sich erst im Laufe von Jahrzehnten vom Dauergelde verdrän¬ 
gen. In manchen Städten und Gegenden Deutschlands hielten 
sich deshalb kleine Inseln des Wohlstandes länger (Ulm, Köln). 
Schließlich ließ Silbermangel die Brakteaten immer knapper wer¬ 
den. Ich zeigte im vorigen Abschnitt, daß Geldzahlungen (z. B. 
Gälten) an die Kirche sogleich verschätzt und eingeschmolzen, 
das heißt aus dem Umlauf gezogen wurden. Man hätte eben auf 
alles Silber verzichten müssen wie Friedrich II. mit dem Leder¬ 
geld, aber dazu fehlte den Bürgern an Einsicht. Die Geldanarchie 
im »Heiligen Römischen Reiche Deutscher Nation« hat freilich 
500Jahre fortbestanden. Wir erinnern uns, daß später der böhmi¬ 
sche »Taler« an die Stelle des Groschens trat. 

Ich kenne nur ganz wenige Geschichtsforscher, die eine allge¬ 
meine Wirtschaftskrise in Deutschland ab Mitte des 14. Jahrhun¬ 
derts nachweisen, die rund 150 Jahre anhielt. Maser führt da¬ 
für viele Beweise an*- 109 ). Da er aber nichts von den Einflüssen des 
Geldumlaufes weiß, steht er vor einem Rätsel, das er vergeblich 


zu erklären versucht. Ebenso geht es anderen Geschichte-Schrei¬ 
bern, vor allem diejenigen, die ihren geistigen Standpunkt aus 
den marxistischen Irrlehren bezogen. Weitkamp*- 10 ^ weiß, daß 
der »Ewige Pfennig« eine allgemeine Stockung des Geldumlau¬ 
fes verursachte und damit die Wirtschaftskrise, doch ihm ist nicht 
eingefallen, einem Verbrechen am deutschen Volk nachzugehen 
und die Täter aufzuspüren. Die überwältigende Mehrheit der Ge¬ 
schichtsforscher ging und geht Ursachen und Zusammenhängen 
wirtschaftlicher Natur aus dem Wege. Sie ist nicht imstande die 
ständige Veränderung der allgemeinen Wirtschaftslage zu begrei¬ 
fen. Berichte über wirtschaftliche Zustände aus einer Zeit passen 
nicht in eine andere, die wirtschaftlichen Verhältnisse ein und der¬ 
selben Zeit müssen in verschiedenen Staaten nicht zwangsläufig 
die gleichen sein - Einfältige halten das für »Widersprüche«. 
Interessant ist, was die Kirchenschreiber dazu sagen. »Um die 
Mitte des 13. Jahrhunderts seien die Bergleute dem Wahne verfal¬ 
len, daß sie um den Bergsegen gebracht würden, wenn ein Mönch 
die Abbaugrenzen überschritte. Wann und wo immer ein Geistli¬ 
cher das Bergwerksgebiet betreten habe sei er geschmäht und ver¬ 
spottet worden, so daß der Abt schließlich die Hilfe Gottes ange¬ 
rufen habe. Daraufhin sei das Silberbergwerk zu Bruch gegangen 
und habe die Spötter getötet«. Maser führt einen weiteren Fall 
aus Schlesien an, wonach laut mönchischer Darstellung die Berg¬ 
leute einen Pakt mit dem Bergteufel - verteufelt wurde die Silber¬ 
gewinnung, weil durch den Wohlstand des Volkes die Macht der 
Priester dahingeschwunden war - hatten, aber »das Gericht der 
Gerechtigkeit erreichte sie 1363 und strafte den ganzen Bergbau. 
Solche und ähnliche Geschichten werden aus allen Bergbaugebie¬ 
ten erzählt«( 109 \ 

Der sichtbare Zusammenbruch der Wirtschaft Deutschlands ging 
vom Bergbau aus. Ein Bergwerk muß mit langfristigen Geldanla¬ 
gen arbeiten, ja die Verfügung über anlagefreudiges Geld ist Vor¬ 
aussetzung seines Gedeihens. Jetzt trat mit dem »Böhmischen 
Groschen« der umgekehrte Fall ein. Anleihen mit diesem Gelde 
waren »zu riskant«, erbrachten keinen Zins, wurden gekündigt und 
nicht mehr hergegeben. Notwendige Mittel zum Betriebe blieben 
aus, infolge dessen konnten die Bergleute Bodenschätze nicht 
mehr aufschließen. Gruben brachen ein, weil man an den Kosten 
der Unterhaltung zu sparen suchte, sie ersoffen und erstickten, 
weil kein Geld für Wasserhaltung und Wetterführung aufzubrin¬ 
gen war. Aber ein stillstehendes Silber-Bergwerk bedeutete auch 
keine Silbererzförderung, darum wurde das Münzmetall knapp. 
Weil es an Geld fehlte, stockte der Handel, der Krisenherd griff 
um sich wie eine Seuche. Und tatsächlich, es werden zahlreiche 
Pestepidemien bekundet, Zeichen von Niedergang und allgemei¬ 
ner Verelendung. Von Goslar wird 1385 bis 1391 berichtet, »daß 
die Stadt der Armut verfiel, weil das Bergwerk und Huttewerk do- 
selbst, die vormals fruchtpar und geniessehaftig waren, gentzli- 
chen abekomen seyn«^ 109 ^, 1428 war das Bergwerk (Rammeis¬ 
berg) wüst, verfallen und vergangen. Der schlesische Erzbergbau 
brach nach 1370 zusammen. Im Schwarzwald, Grube Todtnau, 
fiel die Zahl der Erzmühlen und Schmelzstätten von 22 und 14 auf 
8 und 7 zurück und bis zum 15. Jahrhundert ging der Bergbau völ¬ 
lig ein. In Sachsen, in der Pfalz, der Steiermark, in Böhmen war 
es nicht anders, es ist ermüdend, hier Einzelheiten anführen zu 
wollen. Ein allgemeiner Zusammenbruch der Wirtschaft in ganz 
Deutschland, wie er hier beim Bergbau erkennbar ist, läßt sich nur 
auf eine gemeinsame Ursache zurückführen, und allgemein fehlte 
es an umlaufendem Gelde. »Der Einfluß des Silbers ging weiter¬ 
hin zurück«. 

Die Wehr- und Widerstandskraft des Volkes schwand dahin, um¬ 
gekehrt wuchs die Macht der Kirchenfürsten in Deutschland fi- 


62 


nanziell und politisch ungeheuer. Genau hundert Jahre nach der 
Schlacht bei Worringen und seiner Vertreibung hatte der Erzbi¬ 
schof von Köln wieder genügend Geld und Söldner zusammenge¬ 
rafft und zog mit 48 verbündeten Grafen undHerren aus,Dortmund 
zu erobern. Aber die Mauern der reichsten Hanse-Stadt Westfa¬ 
lens widerstanden seiner 21monatigen (!) Belagerung. Viele an¬ 
dere Städte waren längst nicht mehr widerstandsfähig und fielen 
den herrschsüchtigen Priestern bald in die Hände. Von der eige¬ 
nen Not weichgemacht, mit großen Versprechungen verlockt, mit 
der Kirche verbündet, stellte sich der Adel in die Vorderfront des 
Kampfes gegen das Bürgertum. »Denn in diesem Tagen machten 
Ritter und Fürsten, sonst einander bitter feind, gemeinsame Sa¬ 
che gegen die noch verhaßteren Städte«^ 107 ^ - es ging ja darum, 
die noch vermögenden Bürger zu unterwerfen und berauben. Von 
Geldkriegen steht natürlich nichts in den Geschichtebüchern! 
Dienten Terror der Priester und rohe Gewaltpolitik des Pfaffen¬ 
kaisers dazu, die Bürger zur Annahme des kapitalistischen Geld¬ 
systems zu zwingen? Selten wurden jemals die langfristigen Pläne 
und wahren Beweggründe der Volksausbeuter offenbart. 

1376/ 77 gelang den Bürgern im Schwäbischen Städtekriege noch 
die Abwehr. Aber die Angriffe hörten nicht auf; Frieden für Bürger 
und Städte gab es in Deutschland nicht länger. Lügen, Verrat und 
Betrug, das war der Lohn der Verheißungen Karl IV. von 1346! 
Die Schweizer wehrten sich wiederum erfolgreich in der Schlacht 
bei Sempach 1386, doch im »Großen Städtekriege« 1388 erla¬ 
gen die Städtebünde Deutschlands den Schergen der kapitalisti¬ 
schen Geldmacht. Um den Sieg dauerhaft zu machen, verbot Kai¬ 
ser Wenzel jeden Zusammenschluß der Städte. Am härtesten traf 
das die Hanse. Ihre wirtschaftliche und politische Macht schwand 
dahin. Seeräuber, früher im Norden unbekannt, nahmen über¬ 
hand (1401 Gefangennahme von Klaus Störtebeicer und Go- 
deke Michels). 

Die Masse des Geldes nicht mehr im Umlauf, aus dem Verkehr 
- sie ruht in wohlbewachten Schatzkammern - so fehlt das Mit¬ 
tel zum Warenkauf: Auffallend ist die schlagartige Verelendung 
des deutschen Volkes, das eben noch in Wohlstand und Freude 
schwelgte. Es verzweifelt und verhungert jetzt. Mit dem Beginn 
des 15. Jahrhunderts stellt man den fortschreitenden Verfall deut¬ 
scher Kultur, deutschen Ansehens und deutscher Menschen fest. 
Das deutsche Schulwesen brach zusammen, »in Schleswig war 
1457 die Steuerkraft des Volkes aufhöchstens l/3dervon 1352ge- 
sunken«( 101 \ »Wir besitzen schriftliche Zeugnisse von deutschen 
Städten, deren Gassen in späterer Zeit wieder im Kote schwam¬ 
men«. Uber die Bauern schrieb ein Chronist 1445: »Diese fürn 
gar ein schlecht und niderträchtig Leben ... Ihre Häuser sind 
schlechte Häuser mit Kot und Holz gemacht, uff dazu Etrich ge¬ 
setzt und mit Strow gedeckt. Ihre Speiß ist schwarz rucken Brot, 
haberbrei oder gekocht Erbsen und Linsen. Wasser und Molken 
ist fast ihr trank. Eine Zwilchgippe, zwen Buntschuch und ein Filz¬ 
hut ist ihre Kleidung. Diese leute haben nimmer Ruh. Früw und 
spat hangen sie der Arbeit an. Ihren herren müssen sie off durch 
das ganze jahr dienen ... Dieß mühselig Volk der Bawern, kohler, 
hirten ist ein seer arbeitsam Volk, das jedermanns Fußhader ist, 
und mit fronen, schwarwerken, zinnsen, gülten, steuern, zollen 
hart beschwert und überladen«^ 10 ). 

Der landbesitzende Adel mochte mit Rücksichtslosigkeit und Ge¬ 
walt seine Herrschaft über die ihm Untertanen Bauern üben wie 
er wollte, es half ihm nichts, auch er stürzte in den Abgrund des 
Verfalls. Wer vom Lande ausgepfändet, von den Geldwucherern 
vertrieben wurde, hatte nichts zu erhoffen - außer als Angehöri¬ 
ger der Geistlichkeit. »Von 1425 bis 1502 lebte Wernerus Ro- 
levinic, geboren als Sohn eines reichen Bauern im Münsterland, 


wurde mit 22 Jahren Karthäusermönch in Köln. Er schrieb: >Der 
Raubritter Leben betrachte ich als ein Weltwunder. Sie entstam¬ 
men nämlich edlen Geschlechtern, sind von hohem Wuchs, ha¬ 
ben riesige Körperkräfte und auch rege Köpfe, sind von Natur gut¬ 
mütig ... gegen die ihren durchaus treu und zuverlässig und nur 
im Notfall gewaltätig. Viel Böses lehrt sie und zu vielem Üblen treibt 
sie die unglückliche Armut. Mit derjagd nach Grund und Bodenha¬ 
ben sie nichts zu tun, sie wollen nicht hoch hinaus, wenn sie ihr 
tägliches Brot haben, Besseres wissen sie nicht ... Werden sie auf¬ 
gehängt kümmert man sich nicht viel darum ... sie sind nun ein¬ 
mal Märtyrer<«( 110 l 

Ohne viel Mühe findet man hier das alte Germanenerbgut wieder, 
aber welch ein unglückliches Geschlecht, das jetzt leben mußte! 
Konnte es sich vorstellen, wie fröhlich seine Vorväter einst lebten? 
Konnte es wissen, wie die auf ihren Things frei sprachen, zu ihrem 
und zum allgemeinen Nutzen entschieden, auf freiem Lande als 
ein freies Volk wirtschafteten, geachtet und stolz? Die Priester hat¬ 
ten dafür gesorgt, daß das vergessen war. Die Kirchen füllten sich 
mit Hilf eheischenden und Trostsuchenden. Predigten vom besse¬ 
ren Jenseits fanden massenhaft Gläubige. Die Religion verbarg die 
Ursachen, nahm dem Volke Willenskraft und Verstand. Die Lieder 
dieser Zeit, man lese und erfasse ihre Gedanken, sie waren bloße 
Jammerklagen. »Der Totenkult erreichte seine höchsten Blü¬ 
ten«^ 1011 . In der Hoffnungslosigkeit des Daseins war einziger An¬ 
ker die Bereitschaft, alles zu glauben und zu beten. »So hatten sie 
eine geschickt von den Pfaffen geschürte Höllenfurcht und Angst 
vor dem Fegefeuer, so daß sie nicht ohne Lossprechung ihrer Sün¬ 
den sterben wollten«^ 101 / 

Mit zunehmender Not schwoll die christliche Besessenheit zur 
Massen-Tollwut. Aberglaube, diese vom Pfaffentum gezüchtete 
Dummheit, tobte sich vor allem im Hexen- und Teufelswahn 
aus. Wahn, ich meine wirklich Wahnsinn, richtete sich gegen Na¬ 
tur und Leben insgesamt, selbst dem Menschen nützliche Tiere, 
besonders Katzen wurden grausam verfolgt. Als Folge ihrer bei¬ 
nahe Ausrottung entstanden unaufhörlich Mäuse- und Rattenpla¬ 
gen. Sie verschleppten Seuchen, die Heimsuchungen durch Fraß 
und Mißernten verschärften Hunger und Not, auf Priestergeheiß 
bewußt vernachlässigte Körperpflege (Verbot der Badestuben, 
geistgestörte schmutzige Heilige als Vorbild) schwächte die Wi¬ 
derstandskräfte weiter und ganze Landstriche wurden ausgeleert. 
Priester-Willkür, Tyrannei und Not warf die geistige Entwicklung 
Europas zurück in die Steinzeit. 

Nikolaus von Cues, vielseitig gebildeter Gelehrter und zugleich 
hoher Priester (Kardinal) schrieb 1433: »Eine tödliche Krank¬ 
heit hat das Deutsche Reich befallen, wird ihr nicht schleunigst 
das Gegengift gegeben, so wird der Tod unausweichlich eintreten. 
Man wird das Reich in Deutschland suchen und nicht mehr fin¬ 
den, in der Folge werden die Fremden unsere Wohnsitze nehmen 
und unter sich teilen und so werden wir einer anderen Nation un¬ 
terworfen werden«^ 112 ). 

Je mehr die Deutschen, ob Adel, Bürger oder Bauern, an Eigen¬ 
tum und Freiheiten verloren, um so reicher und mächtiger wurde 
die Kirche. Um 1500 besaßen allein die sogenannten Bettelorden 
über 15000 Klöster, dazu gab es eine Menge anderer geistlicher 
Orden, nicht weniger als 3,5 Millionen Mönche und Nonnen. 
Aus diesem Zahlen läßt sich die Weltflucht der Menschen able¬ 
sen. Geldmangel, Wirtschaftsnot und Religion zerstörten alle Ge¬ 
meinschaft, machten jeden jedermanns Feind. Was die »Frohe 
Botschaft«, die »Religion der Liebe« für das tägliche Leben be¬ 
deutete, führte die Priesterschaft mit frommem Augenaufschlag 
überall vor: Sie griff auf den heidnischen Druidenbrauch der öffentli¬ 
chen Menschenopfer für die Religion zurück, was nicht einmal Grie- 


63 


chen und Römer geduldet hatten, von Germanen immer als nied¬ 
rigster aller Greuel verurteilt. 

Was wurde von den Priestern nicht alles erfunden, Menschen zu 
verdummen, auszunutzen, auszuplündern, anzubetteln, einzu¬ 
schüchtern, zu terrorisieren, zu foltern! Jeder, der einen freisin¬ 
nigen, d. h. den Pfaffen unbequemen Gedanken äußerte, mußte 
mit Denunziation und Anklage wegen Hexerei oder Verbindung 
mit dem Teufel rechnen. Belohnungen wurden dafür ausgelobt 
und gierig verdient. Der Hexenwahn allein brachte im allerchrist¬ 
lichsten Europa etwa 8 bis 9 Millionen Menschen ums Leben' 113 f 
»Priester mit Kreuzen und Fahnen voran«, zogen die Prozessio¬ 
nen der Büßer und Geißler durchs Land, religiös und sexuell Be¬ 
sessene, die sich selber öffentlich blutig peitschten. So war die 
wohl größte Zeit der Kirche, bis heute gelobt von Frommen als »die 
Blütenpracht mittelalterlicher Mystik«! 

Die eigentliche, immer verschwiegene hintergründige Ursache 
dieses religiösen Irrsinns war allein die grausige Deflation, hervor¬ 
gerufen vom Priestergeld, dem »Ewigen Groschen«. Diese Not¬ 
zeit war die Zeit höchster Macht der Priesterschaft und zugleich die 
kulturloseste, barbarischste, unmoralischste, schrecklichste, roheste, 
unsittlichste, unmenschlichste, elendeste, die es jemals in unserem deut¬ 
schen Heimatlande gab. 

Der Rückfall in das finsterste Mittelalter 

So entscheidend ihr Sieg und so groß ihr Machtgewinn sein 
mochte, die Priester zeigten keinerlei Gesten der Versöhnung und 
machten keineswegs Frieden mit Deutschland. Das Luxemburger 
Fürstengeschlecht erneuerte den Bund von Thron und Altar auf 
Kosten des deutschen Volkes. 

Als Karl IV, souveräner König in seinem Erblande, das Dauer¬ 
geld einführte, geriet das Volk Böhmens in die gleiche Not wie zu¬ 
vor Frankreich. Der stockende Geldumlauf zog unausbleiblich 
schwere Unruhen nach sich. Die wirtschaftliche Kluft trat zu der 
rechtlichen in der Bevölkerung und straffe die politischen Unter¬ 
lassungssünden der Stauferzeit hundertfältig. Politisch kurzsich¬ 
tig wie Deutsche meist sind, klammerten sich die Bürger Böhmens 
an ihre Vermögen und besseren Rechte. Sie erkannten nicht ihre Exi¬ 
stenzbedrohung durch Karls Priestergeld. Sie übersahen, daß sie 
nach Ansicht der katholischen Priester auch nach 200 Jahren ih¬ 
res Daseins immer noch Ketzern gleichzusetzen und auszurotten 
waren. Sie fühlten sich nicht als nationale Schicksalsgemeinschaff 
mit den rechtlosen böhmisch-deutschen Volksmassen, im Gegen¬ 
teil, ihre Verelendung scheint ihnen gleichgültig gewesen zu sein. 
Eifrig war die Kirche bemüht, den in Armut und Verzweiflung Ver¬ 
sinkenden biblischen Trost zu spenden - und das böhmische Pro¬ 
letariat gegen das selbstbewußte deutsche Bürgertum Böhmens 
aufzuwiegeln. Hohe deutsche Adlige waren dabei wieder einmal 
führend: Als erster der Prager Erzbischof Ernst von Pardubitz 
(1343 bis 1364), der als der eigentliche Begründer des Tschechen- 
tums gilt (also gab es das vorher noch nicht und es ist eine Priester¬ 
gründung!), Conrad von Waldhausen, 1360 von ihm nach 
Böhmen gerufen, ferner Nikolaus von Dresden, Johann von 
Militz und Matthias von Janow (gest. 1393). Hinzu trat die 
Unterdrückung religiöser orientalischer Fanatiker (Glagolithen) 
( 114 ). Wie immer in wirtschaftlichen Notzeiten erhielten auch die 
geheimbündlerischen Glagolithenmönche gewaltigen Zulauf aus 
der verarmten Bevölkerung. Bereits um 1365 traten sie aus ihren 
böhmischen Klöstern heraus, um die sozialen Gegensätze für ihre 
eigensüchtigen Zwecke auszunutzen - zunächst in Übereinstim¬ 
mung mit der katholischen Kirche. Da diese Aktion den Kriegen 
gegen das deutsche Bürgertum und Städte um zwei Jahrzehnte 
vorauslief, planten die Priester zweifellos, zunächst Böhmen fest 


in die Hand zu bekommen bevor sie ihren Pfaffenkaiser gegen das 
übrige abtrünnige deutsche Volk losschickten. 

Die schlau eingefädelten Pläne gerieten allerdings bald außer Kon¬ 
trolle. Der Hochpriester verlegte 1377 seinen Hauptsitz zurück 
nach Rom. Damit wurde wiederum ein Riesenstrom von Geld 
aus Frankreich fortgelenkt. In Frankreich war man damit ganz und 
gar nicht einverstanden. 1378 wählte es in Avignon einen eige¬ 
nen Papst. Frankreich war damit abgefallen, ein neues »Schisma« 
schwächte die Macht der Kurie. 

Zur gleichen Zeit trat in England ein volkstümlicher Priester, 
John Wycliffe (1328 bis 1384) auf und lehrte, daß die Kir¬ 
che keinen Reichtum, d. h. Grundbesitz haben dürfe, die Priester 
arm bleiben und in Armut dienen müßten (ihre Ausschweifun¬ 
gen waren überall ein öffentliches Ärgernis). Er bestritt schließlich 
alle Hauptlehren des Katholizismus. Auch England wurde damit 
kirchlich gespalten. Ursache dieser Rebellion gegen die Kirche war 
ein kräftiger Wirtschaftsaufschwung in England (vielleicht Folge der 
Judenvertreibung?), denn: »Die (britischen) Grundeigentümer 
versuchten sich für einen großen Anstieg der Arbeiterlöhne dadurch 
schadlos zu halten, indem sie die Zwangsdienste vermehrten und 
unrechtmäßige Tribute mit Gewalt eintrieben«6 ls f Im Jahre 
1381 brach in England ein großer Bauernaufstand aus (»Wat Ty- 
ler Rebellion«). Mit Schmähungen (»lollards«, ein undeutba¬ 
res Schimpfwort), Terror und Waffengewalt, im Bündnis mit Kö¬ 
nig und Hochadel, bekämpften die erschreckten Oberpriester den 
Widerhall von Wycliffes Lehren im Volke. Weit und breit im 
Abendland wurde Wycliffes Auftreten gegen die römische Prie¬ 
sterherrschaff erörtert. Es beeinflußte besonders die Glagolithen. 
Glagolithen unterwanderten die katholische Hierarchie Böh¬ 
mens, an der Spitze der Erzbischof von Prag Sbyneic, auch Sby- 
nko genannt und führte zum Bruch mit der Kurie. 

In jeder Verfallszeit liegen Messiasverheißungen in der Luft, die 
verblüffende Ähnlichkeit mit den wirtschaftlichen Zuständen Pa¬ 
lästinas zur Zeit Jesu drängt sich auf. In Böhmen sammelten sich 
sogenannte »Brüder und Schwestern des freien Geistes«, die in 
jeder Hinsicht den Kommunisten ähnelten: Ihre Gütergemein¬ 
schaffsversuche und - was dazu gehört - sittliche Zuchtlosigkeit 
warben ihnen viele Anhänger. Zu einer Volksbewegung des böh¬ 
mischen Proletariats wuchsen sie durch Jan Hus (der 1396 auch 
Huszyneic, Hussinez, Huszinisz usw. hieß) heran. Hus wurde 
etwa 1370 geboren und war im Glagolithenkloster Wyscherad er¬ 
zogen und »geweiht« worden. Hus besaß ein ungewöhnliches 
Talent an Spitzfindigkeit verbunden mit demagogischer (volks¬ 
verhetzender) Begabung. Er nahm die Lehren Wycliffes zum 
Vorbild seiner Angriffe gegen die römische Priesterhierarchie. 
Man sagt ihm nach, er habe eigentlich nichts davon verstanden 
und wirklich neuartige Gedanken seien b ei ihm zu vermissen. Wie 
dem auch sei, darauf kam es in dieser Zeit nicht an. Als Angehö¬ 
riger des glagolithischen Klerus besaß er gute Beziehungen, die 
verschafften ihm die Stellung des Rektors der Prager Universität, 
des Dekans der theologischen Fakultät und den Vorsitz der böh¬ 
mischen Synode. Als Priester der Bethlehem-Kirche in Prag ge¬ 
wann er bald eine beträchtliche, fanatische persönliche Anhänger¬ 
schaft. Einher gingen nicht nur Predigten und Lehre der Glagoli- 
then-Sprache, sondern auch der Gebrauch des Kelches für Laien 
(»Utraquisten«) und andere morgenländisch-orthodoxe Riten. Er 
belebte den Kommunismus der Urchristen neu, jene schon da¬ 
mals längst verschlissene Schein-Lösung der Wirtschaffssorgen. 
Alles begründete er »unwiderlegbar« aus der Bibel. InNotzustän- 
den hört es sich einleuchtend an zu verlangen: Alle sollen ihren 
Reichtum abgeben, gleich arm sein und auch nichts besitzen! Da¬ 
mit gewann er die verelendeten Volksmassen, aber zugleich bog er 


64 


sie auf den falschen Weg ab. Mit dem uralten Trick der Volksver- 
führer lenkte Hus die Wut des böhmischen Proletariats gegen den 
wohlhabenderen bürgerlichen Mittelstand, keineswegs gegen Ur¬ 
sachen und Verursacher der Wirtschaftskrise. 

Hus’ erfolgreiche Aufwiegelung der »Böhmen« gegen die 
»Deutschen« ist ohne die Notzeit des »ewigen Groschens« 
nicht denkbar. Die Folgen seiner Hetze haben viele Jahre, eigent¬ 
lich bis heute, nachgewirkt. Hus’ Anhänger, von romhörigen Prie¬ 
stern zuerst »Wiclifiten«, dann »Taboriten« (nach dem böhmi¬ 
schen Kloster Tabor), schließlich »Hussiten« genannt, verfolg¬ 
ten gnadenlos die Deutschen, also die rechtlich besser gestellten Bür¬ 
ger Böhmens. Man kann hier den hinterhältigen Großkampf zur 
Vernichtung des Bürgerstandes wiedererkennen. 1409 wurden 
die Deutschen von der Universität Prag vertrieben. In Deutsch- 
brod verbrannten die Hussiten die katholischen Brüder des Deut¬ 
schen Ordens in und mit ihrem Hause. Die fast 20 Jahre anhal¬ 
tenden Hussitenstürme wurden der Todesstoß für die deutschen 
Städte Böhmens, denn Bürger und Deutsche waren ja seit der 
Stauferzeit dasselbe. Der bolschewistische Schrecken der Banden 
entsprach den Zuständen der Zeit. Sie sind immer nachzuweisen, 
wenn Menschen durch grauenhafte Not und Haßpredigten in ei¬ 
nen Zustand ungezügelter Raserei versetzt werden. Maser zi¬ 
tiert die Entschuldigung eines Priesters, der sich den Hussiten an¬ 
schloß und an deren Raubzügen teilnahm: »damit ich von anderer 
Leute Gütern reich werdel« < ' 109 \ 

In Böhmen wirkte sich die Deflation, verursacht vom Ewigen 
Groschen und Verfall der Silberbergwerke, früher und verheeren¬ 
der aus als im übrigen Deutschland. Die deutschen Bergleute ver¬ 
ließen Böhmen in Massen. Karl IV. und später sein verkomme¬ 
ner Sohn Wenzel ^ 116 ' 1 sprachen oft und gern von »unseren lie¬ 
ben Böhmen«, denn der »Trost der Höchsten« hilft - gratis - in 
der Not die Tränen trocknen. Worauf die Tschechen in ihrer hoff¬ 
nungslosen Beschränktheit ihn zum »Vater der tschechischen Na¬ 
tion« und Wenzel zum Tschechen erklärten. Solche Väter hatten 
sie verdient! Also ward infolge schwerster Wirtschaftskrise aus einem 
orientalischen Priesterbund, Klassenhaft, Raubgier, Mordlust, Zerstö¬ 
rungswut und einem verdorbenen, rückständigen Mob die tschechische 
Nation geboren. 

Die katholische Hierarchie in Rom erkannte frühzeitig die böhmi¬ 
sche (besser: glagolithische) Rebellion gegen ihre Oberherrschaft 
und begann sie zu unterdrücken. Schon 1402 verbot sie noch ein¬ 
mal und nachdrücklich alle Schriften Wycliffes. Die Macht ist 
bei denen, die über das meiste Geld verfügen: Das begriff der Erz¬ 
bischof von Prag und wechselte die Fronten: 1410 ließ er auf dem 
Hofe seines Palastes 200 Schriften Wycliffes feierlich verbren¬ 
nen und exkommunizierte Hus. Anscheinend vermutete die ka¬ 
tholische Priesterschaft in dem Glagolithen Hus einen Agenten 
der morgenländischen Kirche - das ist kein abwegiger Gedanke! 
Bedenken wir, wie die Kirche sein Eintreten für die von ihr ver¬ 
botene Glagolithen-Sprache, den morgenländischen Ritus des 
Kelchgebrauches für Laien und die schwer bedrängte Ostkirche 
auffassen mußte! Seit 1054 herrscht heimlicher Krieg zwischen 
orthodoxer und katholischer Priesterschaft, und jeder gab wie es 
die Umstände gestatteten. Die Krise der römischen Kirche wäh¬ 
rend der Brakteatenzeit hatten die Orthodoxen gut ausgenutzt 
und bereits 1311 die »Lateiner« aus Griechenland und Cypern 
hinausgeworfen. Der Hochpriester in Avignon verlor damit seine 
letzten Stützpunkte im Osten, was ihn sicherlich sehr erzürnte. 
Nun waren die Rollen vertauscht und es ging der Ostkirche an 
den Kragen: Im Schicksalsjahr 1346 überschritten die Türken die 
Meerengen, waren auf dem Balkan im Vormarsch, eroberten 1389 
die orthodoxen Balkanländer Bulgarien und Serbien und bedroh¬ 


ten die Hauptstadt der morgenländischen Kirche. Die tödliche 
Gefährdung der Ostkirche und das scheinbar gleichgültige Rom 
erbitterte Hus (117) . Predigte er darum unaufhörlich gegen die römi¬ 
sche Kurie? Ja, 1409 erklärte er sogar, der Sitz des Antichrist könne 
in Rom zu finden sein! Die Nützlichkeit der Türken für die Politik 
des Druiden-Priestertums durchschaute er nicht. 

Kann es sein, daß die orthodoxe Kirchenleitung in Konstantino¬ 
pel einen verzweifelten Versuch der Wiedergewinnung ihres west¬ 
lichsten Vorpostens Böhmen unternahm oder von dort Hilfe er¬ 
hoffte? Dazu eine Frage, die bisher überhaupt niemand bedacht 
hat, die wir aber aufgrund unserer Kenntnis geldpolitischer Hin¬ 
tergründe bei - von Adel und Priestern angeführten - mißgelei- 
teten »Volksbewegungen« aufwerfen müssen: Hat byzantinisches 
Gold bei Hus und den Hussitenführern nachgeholfen ? 

Hus war ein Priester ohne politischen Instinkt, ohne Klugheit und 
ohne Geschichtekenntnis. Stets setzte er auf das falsche Pferd und 
schaufelte sich selbst die Grube, in die er später hineinfiel. Er hielt 
den verkehrten Papst, die falsche Kirche, den versoffenen, charak¬ 
terlosen König, seine verdorbenen, beschränkten Glagolithen, 
das wankelmütige, verdummte, verelendete böhmische Gesindel 
für zuverlässige, treue Bundesgenossen. 

»Die einzige wirkliche Ketzerei betraf seine Stellung zur Papst¬ 
würde«, sagt die amtliche katholische (vielmals umgeänderte) 
Geschichteschreibung. Welche »Würde« - als es drei Päpste zu¬ 
gleich gab? Und worin bestand seine Ketzerei, wenn er zwischen 
ihnen wählen konnte? »Er bestritt das Erstrecht des Bischofs von 
Rom«! Damals gab es bessere Gründe mit ihm feierlich abzu¬ 
rechnen, und andere als die Kirche mit ihren Fälschungen für die 
Nachwelt aufbewahrt. Nicht nur Geld- und Machtfragen wollte 
sie in Böhmen durchsetzen, sie plante Weltpolitik auf weite Sicht. 
Unzweifelhaft waren die politischen Wechselwirkungen zwischen 
Türken, Ostkirche, Glagolithen, Böhmen, Kaiser und rücksichts¬ 
losem Vormachtstreben der römischen Kurie viel umfangreicher, 
als uns heute bekannt isff 118 \ 

Obwohl es kaum eine andere Zeit gab, in der die Menschen in¬ 
brünstiger an das Christentum glaubten, versagte die christliche 
Religion - wie stets in ihrer 2000jährigen Geschichte - Frieden zu 
stiften oder zu erhalten. Ganz Europa brannte. Frankreich stand 
mit England im »Hundertjährigen Kriege«, im Osten tobten 
Kriege zwischen Litauen, Preußen, Polen, Ungarn bis zum Balkan 
und Bosporus. Italien wurde durch Kriege in solches Chaos ge¬ 
stürzt, daß zwischen Freund und Feind nicht mehr zu unterschei¬ 
den war. Es ist fast unmöglich, die Kämpfe der Päpste und Fürsten 
untereinander, die Intrigen, Verräterei, Korruption, über allem die 
Brandschatzungen der Völker durch die streitenden Parteien zu 
erfassen. Zwar stärkte der wirtschaftliche Niedergang die Gläubig¬ 
keit der Massen, führte aber gleichzeitig zu schweren Zerwürfnis¬ 
sen innerhalb der führenden Geistlichkeit (1409 Wahl eines drit¬ 
ten Papstes). Sektenbildungen sind in Verfallzeiten gang und gäbe, 
schon bei den Urchristen und heute ebenso^ 119 '. Über die dadurch 
hervorgerufenen Spaltungen in Deutschland ist freilich nichts be¬ 
kannt. Als zu unangenehm für die allein seligmachende Kirche 
müssen die Dokumente darüber vernichtet worden sein. 

Wenn die Politiker am Ende ihres Lateins sind, berufen sie zu ei¬ 
ner Großtagung alle möglichen bekannten Leute, um Auswege zu 
beraten. Das ist keineswegs eine neue Erfindung. Im Höhepunkt 
der schrecklichen Krise nach 1400 verfiel man auf diesen Gedan¬ 
ken und berief ein Konzil nach Pisa (1409), und weil dieses in er¬ 
bittertem Streite auseinanderfiel, 1414 ein anderes nach Konstanz 
und 1431 ein drittes nach Basel. 

Nach Konstanz wurden die drei Päpste, Pfaffen aller Ränge - 5000 
Geistliche angeblich - Kaiser und Fürsten, Bankiers und Poli- 


65 


tiker aus dem ganzen katholischen Europa geladen. Man kam in 
der Überzeugung, daß die Kirche »an Haupt (d.h. der obersten 
Priesterschaft) und Gliedern (d.h. ihrer ganzen Organisation) 
verfallen sei und reformiert werden« müsse. Die Geistlichkeit 
hatte Grund zu zittern. Überall sprach man von Wycliffes Leh¬ 
ren. Empörte sich ganz Deutschland gegen »die Erpressungen und 
schändlichen Künste (der Kirche)«? Erkannte man endlich die Prie¬ 
ster als Schuldige des großen Übels? Man klagte sie der Geldgier 
an, ihres zynischen Prunks, ihrer internen Machtkämpfe, die auf 
einen angeblich »unchristlichen Geist« hinwiesen. Wucherer, 
Bankiers, Fürsten mußten fürchten, mit der Kirche die tragende 
Stütze ihrer Geschäfte, Einkünfte und Herrschaft zu verlieren. 
Nach 50 Jahren Wirtschaft mit dem Ewigen Groschen wird man 
sich im Volke wehmütig des Wohlstandes erinnert haben, in dem 
die Vorfahren der Brakteatenzeit geschwelgt hatten. 

Aber genau an diesem Punkte gab die Priesterschaft nicht im Gering¬ 
sten nach. Die Intrigen des hohen Klerus auf dem Konzil zu Kon¬ 
stanz sind Beweis, daß eine uralte Priestergeheimgesellschaft die 
Fäden zieht. Kapitalistengeld und Geldkapital entschieden über 
die politische Allmacht der Kirche. Durch den Pfaffenkaiser Karl 
IV. hatte sie mühsam dem Volke das Geld entwunden. Nun sollte 
die Kirche Geld hergeben »ad maiorum beneftcium populi« (zum 
größeren Wohlergehen des Volkes)? Das war nach Priesteransicht 
eine Unmöglichkeit, nein, umgekehrt die Völker mußten Op¬ 
fer »für Gott« aufbringen. Ihr ständiger Ruf nach »kirchlicher 
Einheit« und »Einheit des Glaubens« - seit 2000 Jahren zu hö¬ 
ren - sollte das alte politische Ziel verbergen: Die Vorherrschaft 
der Priester zu erhalten. Weil sie dafür Geld, viel Geld brauchten, 
wurde, wie zuvor, der Not der Menschen bloß in Gebeten gedacht. 
Die Kirche opferte dafür keinen Pfennig und keinen Fußbreit Bo¬ 
den ihres Reichtums. Klar: »Der Schatz Gottes« wurde nicht ge¬ 
mindert, er war ja Grundlage priesterlicher Macht! Über die wirt¬ 
schaftlichen Ursachen der allgemeinen Not, Zersetzung und Auf¬ 
lösung debattierte man nicht. Stattdessen erneuerte der Priester¬ 
bund seine Schreckensherrschaft über die Menschen. Er lud den 
ungehorsamen, abtrünnigen Kirchenmann Jan Hus vor sein Tri¬ 
bunal, schrie ihn nieder und ließ ihn dann feierlich verbrennen 
(1415). Zu dieser Zeit gab es keinen regierenden Papst, alle drei 
hatte man vorher abgesetzt! Das war typischer Druidenterror und 
höhnische Verachtung der Autorität Kaisers Sigismunds. Kaiser¬ 
liche Garantien waren nicht das Papier wert auf dem sie geschrie¬ 
ben waren. »Sigismund war ein jämmerlicher Wicht, ein Pfaffen¬ 
knecht«. 

Eine große Tagung läßt sogar den Klugen selten erkennen, wann 
sie sinnlos geworden ist. Den Zeitpunkt zum entschlossenen 
Handeln wird sie über den Reden immer verfehlen, zumal wenn 
geschickte Taktiker unter der Priesterschaft die richtigen Mit¬ 
tel gebrauchen: Opfern, was sowieso verloren ist, Verschleppen 
durch Verhandlungsmanöver, Bestechung der Käuflichen, Bedro¬ 
hung der Hartnäckigen, Schmähung der Feindseligen, Ermüdung 
der Reformwilligen. Die Priester konnten am Ende einen vollen 
Sieg für sich verbuchen. Statt einer Reformierung der Kirche »an 
Haupt und Gliedern« wurde die alte Druiden-Hierarchie in voller 
Größe und altem Glanze wieder hergestellt. Es gab einen neuen, 
einzigen Papst, der sich sinnigerweise Martin nannte. Der 
brachte prompt alle immer wieder aufgeschobenen Reformpläne 
zu Fall, spielte die verschiedenen Staaten gegeneinander aus und 
hob schließlich das Konzil auf, ohne Rücksicht auf Proteste und 
ungelöste Fragen. »Martin V war ein Franzose und ein erbitter¬ 
ter Feind der Deutschen. Er wünschte, daß Deutschland ein großer 
Teich, die Deutschen lauter Fische und er der Hecht sein möchte der sie 
auftresse wie der Storch die Frösche«^ no \ So dachte und sprach ein 


Papst, der seine Wahl in einer deutschen Stadt nicht zuletzt dem 
Schutze und - erheblich angeschlagenen - Ansehen des deutschen 
Kaisers verdankte. Als christlicher Priester haßte er alle Deut¬ 
schen, obwohl sie katholisch gläubig waren. Was müssen sie die¬ 
ser Gesellschaft Sorgen bereiten, selbst wenn sie geknebelt am Bo¬ 
den liegen. 

Natürlich nützte es wenig, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten 
unter den erneuerten Hochglanz-Teppich der Kirche zu kehren. 
Nach kurzer Zeit kamen neue Gegenpäpste, Chaos und alle alten 
Probleme unverändert wieder zum Vorschein. Besonders die öf¬ 
fentliche Hinrichtung des Hus erwies sich als bedenklicher politi¬ 
scher Mißgriff, der die hohe Priesterhierarchie in schwere Ausein¬ 
andersetzungen verwickelte. 

Auf kirchlichen Befehl - und unter Aufsicht päpstlicher Legaten - 
wurde etliche Jahre ohne Erfolg Krieg gegen die aufständischen 
Hussiten geführt. Zu ihrem Häuptling erhob sich ein deutscher 
Adliger, Johann von Trautenau, der sich tschechisch Ziska 
nannte. Vor den wütenden, plündernden, sengenden und mor¬ 
denden Banden liefen die unbezahlten Söldner einfach davon. 
Weil die Kirche weder militärisch noch politisch den Sieg erzwin¬ 
gen konnte, schloß sie 1433 mit den Hussiten ein kluges Kompro¬ 
miß, die Prager Kompaktaten, das ihnen, und nur ihnen das »hl. 
Abendmahl in beiderlei Gestalt« zugestand, um den Preis der Un¬ 
terwerfung^ 21 '. Damit fühlten sich die »Böhmen«, vielmehr jetzt 
»Tschechen«, wie sie sich nannten, als Auserwählte, Bevorzugte 
fast Priestern gleichrangig. Das ist der stets übersehene religiöse 
Ursprung der chauvinistischen Anmaßungen dieser künstlichen 
Nation. 

Ein Versuch, uns sprachlich zu überwältigen 

Weil man die Horden eifernder Mönche der Glagolithenklö- 
ster, die solange das Volk aufgehetzt hatten, nicht wieder ein¬ 
schließen konnte, wurden sie in die Dienste der römischen Kir¬ 
che übernommen. Genau wie Kommunisten nur unter übelsten 
wirtschaftlichen Verhältnissen Zuspruch finden, so arbeiteten da¬ 
mals die Glagolithen mit gleichen Methoden. Diese Besessenen, 
die das glagolithische (»urslawische«) Gestammel als Geheim¬ 
sprache gepflegt hatten 1122 ', verbreiteten als Wanderprediger ih¬ 
ren Haß gegen die deutsche Bürgerschaft in den Ländern des deut¬ 
schen Ostens. Die Kirche erkannte diese Bestrebungen als nütz¬ 
lich und erfolgreich, sonst wäre ihr amtlicher Segen dazu nicht 
zu erklären. In dieser Zeit hat der Aberglaube alles denkbar mög¬ 
liche übertroffen' 123 '. Geldfragen spielten, wie immer, die entschei¬ 
dende Rolle: Die Pfaffen wiesen klagend daraufhin, daß die freien 
deutschen Bürger nicht den »Peterspfennig« zahlten - die Son¬ 
dersteuer, die von den »Sclavi« (entrechteten Ostdeutschen) an 
die Kurie zu entrichten war. Die Glagolithenpriester stritten daher 
gegen Rechte und Freiheiten der Deutschen mit gleicher Beses¬ 
senheit wie Sozialisten unserer Tage. In diesem Sinne blieben sie 
treue und wahre Schüler des Priester-Kommunisten Hus. Nicht 
Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Schlechtgestellten war ihr 
Ziel, sondern die Herabsetzung der Bessergestellten auf das Elendsni¬ 
veau. Sie bemühten sich, unter den entrechteten deutschen Alt¬ 
bewohnern (»Wenden«, »Pommern«, »Polen« usw.) eine ih¬ 
nen hörige Anhängerschaft zu schaffen. Die Sklavensprache (lin- 
gua sclavina), kurz zuvor noch verboten und bekämpft, stellten sie 
den hungernden, verzweifelten, geistig abgestumpften Volkstei¬ 
len als etwas besonders Schönes, Tröstliches, Himmlisches dar. Ist 
es nicht vorstellbar, daß sie jedem, der ihre Sprache erlernte und 
gebrauchte, mehr zu essen gaben und andere wirtschaftliche Vor¬ 
teile zumessen ließen? 


66 


Aber von der Liturgie in der Glagolithensprache (»Kirchensla¬ 
wisch«!) zur Volkssprache ist ein weiter Weg. Die Priester sahen 
sich vor eine schwere Aufgabe gestellt: Die orientalisch-mazedo¬ 
nische Grundlage dem Lateinischen anzupassen. Da die sprach¬ 
liche Verbindung zum Morgenlande abgerissen war, fehlten zahl¬ 
lose Wörter, die Sprache gebrauchsfähig zu machen. Was taten sie ? 
Sie holten sie sich aus Sprachen benachbarter Völker, aber stellten 
Silben oder Buchstaben um, damit sie nicht als Lehn- oder Fremd¬ 
worte zu erkennen waren. König heißt auf tschechisch »kral«, 
eine einfache Buchstabenumstellung von »Karl«. » Staat« gibt es 
mehrfach, einmal tschechisch »stat« (!), aber auch tschechisch/ 
polnisch »kralstwo«, also Königssache! Der primitive Sprachaus- 
druck ist verblüffend. Er zeigt die Lügenbühne der Priester, die 
dem Volke Kaiser Karl IV (gestorben 1378) als Traumherrscher 
vorgaukelte. Das Anlaufen der großen Sprach-, Geschichte- und 
Kulturfälschungsaktion ist hier erkennbar. Offensichtlich wurden 
Erinnerungen an die verschwundenen, aber nicht ganz vergesse¬ 
nen guten Zeiten der Brakteaten dabei betrügerisch eingewoben. 

- Aus dem deutschen »Mühle«, das seinerseits ein lateinisches 
Lehnwort ist (molina), wurde polnisch/tschechisch »mlyn«. 
Hier haben wir einen etymologischen Beweis für die spätmittel¬ 
alterliche künstliche Schöpfung der »Sklavensprache«: Das ger¬ 
manische und mittelhochdeutsche Wort für mlyn/Mühle ist 
»Kirne«. »Mlyn« konnte erst entstehen, nachdem »Mühle« in 
das deutsche Wirtschaftsleben - und den deutschen Sprachschatz 

- gelangt war. Die Ableitungen vom Deutschen sind im Tsche¬ 
chischen geradezu blind zu fühlen, wie »bryla« (Brille), »buk« 
(Buche), »drat« (Draht), »mleko« (Milch) usw. Das Litau¬ 
ische mußte das Wort »akmen« = Stein hergeben, im Polnischen 
wurde daraus durch Umstellung »kamen«. Griechisch noXta = 
Gemeinde, Stadt, wurde zu »pol«, an Heiligennamen angehängt, 
zu Ortsnamen. Wahrscheinlich aus dem hebräischen »Schalom« 
entstand durch Silbenumstellung der Name der polnischen Stadt 
»Lomscha«. Auch das Latein mußte aushelfen, am bekanntesten 
ist »dom« aus »domus«= Haus. Deutsche Vornamen sind auf¬ 
fallend, wurden z. B. polnisch durch eine andere Schreibweise un¬ 
kenntlich gemacht: » Zygfryt « = Siegfried, »Zygmunt« = Sieg¬ 
mund, »Olga« = Helga, »Jadwiga« = Hedwig, sie bezeugen 
gleichfalls den deutschen Untergrund des »Sklavenlandes« (Scla- 
vinia). Auf solche Weise wurde eine Kunstsprache zusammenge¬ 
bastelt, und von Urkundenfälschern die sagenhafte Herkunft ei¬ 
nes alten Volkes dazu erdichtet. Sprachfabrikanten verschiede¬ 
ner Gegenden mußten selbstverständlich unterschiedliche Worte 
für fehlende Begriffe erfinden, damit erklärt sich die beträchtliche 
Abweichung der »slawischen Sprachen« von Gegend zu Gegend 
und von Land zu Land. Selbst ein Austausch von Mönchen und 
Geistlichen (die meisten von ihnen sehr arm an Geist) war da er¬ 
folglos. Die zahlreichen Sprachformen in Rußland und auf dem 
Balkan führten natürlich ebenso zur Bildung spracheigner »Na¬ 
tionen«. 

Wie ich bereits hinwies, mußte die Kirche ihre Übernahme der 
Glagolithen vor Geschichte und Völkern rechtfertigen. Ihr blieb 
keine andere Wahl als die Ereignisse von Zentibold an (9. Jahrhun¬ 
dert) vollständig zu fälschen. Da war eine Erfahrung für sie unaus¬ 
bleiblich: Jede Fälschung zieht die nächste nach sich und schlim¬ 
mer noch, die Notwendigkeit zu fälschen hört niemals auf. Aus 
den gefälschten Dokumenten der Geistlichkeit entstanden die 
Fälschungen Schlözers, daraus die Falschtheorien der »Slawi¬ 
stik«, die Hirngespinste zahlloser Professoren, die auf den schola¬ 
stischen Humbug des Mittelalters hereinfielen und dennoch nicht 
verachtet und verlacht werden. Nicht zu reden von Politikern und 
Zeitungsschreibern, deren geistige Unterentwicklung sowieso sie 


nur das Wiederkäuen läßt, was im Augenblick Tagesmeinung ist 
und mit Wahrheit wenig zu tun hat. 

Welche Schwierigkeiten sich ergeben, die gefälschte Geschichte 
zu begreifen, läßt sich an widerspruchsvollen Darstellungen zei¬ 
gen. So hat der englische Gelehrte Davies* 124 ' sich über die Ur¬ 
sprünge der Polen verwundert, weil die Entstehung des Polen- 
tums an zwei weit voneinander entfernten Punkten nachgewie¬ 
sen ist (Krakau und Gnesen), die der (sagenhaften) Slawenwan¬ 
derung kraß widersprechen. Von dort breitete es sich aus wie ein 
Wasserfleck in einem Tuche. Wir erkennen natürlich die zwei Kir¬ 
chemittelpunkte als organisatorische Ausgangsorte der »polni¬ 
schen« Sprache(n) und begreiflicherweise verbreiteten sie un¬ 
terschiedliche »Mundarten«! Davies aber verheddert sich in ge¬ 
fälschten Dokumenten, die ihn, den Ahnungslosen, aufs Glatteis 
führen sollen! Sie sind als Geschichtszeugnisse unbrauchbar, weil 
Jahrhunderte zurückdatiert. Davon hat Davies nicht die gering¬ 
ste Ahnung. Nicht einmal die lateinisch geschriebene (und ge¬ 
fälschte!) »Chronik« des Kadlubeic ließ ihn die Frage aufwer¬ 
fen, weshalb die polnische Sprache trotz ihres angeblichen Alters 
nicht aufzeichnungsfähig war. 

Die Gegenargumente sind überzeugend. Ich weise auf die zahlrei¬ 
chen jüdischen Bewohnerteile Polens hin, die ihren deutsch-he¬ 
bräischen Dialekt (»Jiddisch«) bis heute bewahrt haben. Das ist 
nur erklärlich, wenn die ursprüngliche Volkssprache Deutsch war, 
und sie muß es noch gewesen sein, als die Juden aus vielen west¬ 
europäischen Ländern im 14. Jahrhundert vertrieben wurden und 
in »Polen« Zuflucht fanden. Die katholische Kirche hatte keine 
Macht und vielleicht auch nicht beabsichtigt, den Juden, die sie 
zwang in geschlossenen Gemeinschaften zu leben, die »polni¬ 
sche« Sprache aufzunötigen - weshalb diese bei ihrem altertüm¬ 
lichen Deutsch-Hebräisch blieben. Die katholische Trennungs¬ 
und Hetzpolitik gegen jüdische Gemeinden erklärt nebenbei den 
auffallenden Antisemitismus der Polen. 

Es gibt weitere einzelne Beweise an ungewöhnlichen Stellen aus 
Stein, daß der katholisch bekehrte Osten bis zum 15. oder gar 
16. Jahrhundert deutsch gewesen ist. Im Dom zu Naumburg fin¬ 
den wir die Standbilder der Gründer Markgraf Ekkehard und 
die berühmte Uta, ihnen gegenüber Markgraf Hermann und 
Reglindis - die als »polnische Prinzessin« bezeichnet wird. Ein 
wunderschöner gotischer Name, der freilich die offizielle Slawen¬ 
theorie als absurdes Hirngespinst bloßstellt* 125 '. Wolff und an¬ 
dere sprachen es unwiderlegt aus: Slawische Völker, die irgendwann 
von irgend woher nach Osteuropa gekommen sein sollen, hat es nie ge¬ 
geben. Die dortigen Menschen - Deutsche in den westlichen Teilen - 
mußten eine Kunstsprache annehmen, weil die Herrschsucht der Kir¬ 
che eine unüberbrückbare Kluft zwischen dem Bürgerstand und 
der ver»sklavten« Bauernmassefür politisch zweckmäßighielt. 
Fälscher der Kirche und gewisse Professoren in ihrem Schlepptau 
drehten die Wahrheit einfach um und schrieben von einer »Ger- 
manisierung« oder »Eindeutschung« Mitteldeutschlands. Sie 
sind freilich arg verlegen, wenn sie hierfür Beweise vorlegen sol¬ 
len. Nehmen wir an, ihnen glauben zu dürfen. Wie wir immer wie¬ 
der zeigten, müßten dann starke kulturelle und wirtschaftliche 
Vorteile die Menschen zu einer Umvolkung veranlaßt haben. Bis¬ 
herwußten sie dafür nichts anzuführen (Das bedingt ja das Einge¬ 
ständnis kultureller Überlegenheit des Deutschen). Warum soll¬ 
ten sie ihre ursprüngliche Sprache aufgeben, wenn sie sich damit 
nicht wirtschaftlich und kulturell verbesserten? Die Brakteaten- 
wirtschaft veränderte ja nicht die Rechtsungleichheit der Altein¬ 
gesessenen. Es ist also klar, sie konnten keine andere Sprache als 
Deutsch gesprochen haben! Im 15.Jahrhundert gab es noch keine 
Slawennationen! »Auf den großen Kirchenversammlungen von 


67 


Konstanz und Basel hat man unbedenklich die Dänen und Schwe¬ 
den ebenso wie die Polen und Ungarn zur deutschen Nation ge¬ 
rechnet«^ 126 ^. 

Wo immer die Slawisierung durchgesetzt wurde, war ein gewalti¬ 
ger Niedergang von Kultur, Geist und Lebensstandard die Folge. 
Slawisierung bedeutet mehr als wirtschaftliche Bedrückung; Sla¬ 
wisierung ist Zerstörung des Unabhängigkeitswillens, Verderb 
der natürlichen Instinkte, Entwurzelung der Volksseele. Sie ist, 
was das Wort an sich sagt: Versklavung. Wir wissen, wenn wir an 
die Verbreitung des Polnischen denken, wie die Kirche durch Vor¬ 
rechte, Vergünstigungen und Druck zunächst den Adel für die 
polnische Sprache gewann, wie sie später das rein deutsche West¬ 
preußen mit Gewalt und wirtschaftlicher Nötigung katholisierte 
und polonisierte, wie ihre priesterlichen Hetzer Unfrieden ge¬ 
gen Deutsche in den preußischen Ostprovinzen und in Österreich 
im 19. Jahrhundert schürten - und dabei die wirtschaftlichen Mi߬ 
stände unter dem einfachen Volke ausnutzten. Slawenvölker meinten 
ihr Heil stets in der Verfolgung der Deutschen zu finden. Sahen 
sie die Deutschen nicht immer wirtschaftlich sichtlich besser da¬ 
stehen als das kulturell und geistig heruntergekommene slawische 
Proletariat? Das Rezept des Hus, den deutschbewußten Bürger¬ 
stand zu vernichten, muß den Drahtziehern sehr gefallen haben, 
wenn es sich bis heute erhalten konnte. 

Es scheint jetzt erklärlich, weshalb die Einführung der »Sklaven¬ 
sprache« nur in den Gebieten gelang, die von der Kirche vollstän¬ 
dig beherrscht wurden, wie es in Böhmen/Mähren und Polen der 
Fall war. Im übrigen Mittel- und Ostdeutschland ist sie, wie die 
geschichtlichen Tatsachen beweisen, gescheitert mit einer selt¬ 
samen Ausnahme: Der Lausitz und den sogenannten »Sorben« 
oder »Wenden«. Hussiten sind bei ihren Raubzügen mehrmals in 
die Lausitz eingedrungen. Nach dem Basler Konzil (1431) wurde 
die Lausitz mit Böhmen staatlich vereinigt - und blieb es bis zum 
30jährigen Kriege. Das überhob die Glagolithen für eineinhalb 
Jahrhunderte des Widerstandes gegen ihre Umvolkungsarbeit, 
im Gegenteil, sie konnten amtlichen Druck auf die wehrlose Be¬ 
völkerung anwenden. Der den Hussiten zugehörende böhmische 
(»tschechische«) König Georg Podiebrad (1420 bis 1471), 
als politischer Falschspieler berüchtigt, förderte die sprachlichen 
Gegensätze, um seine eigene Stellung als deutschfeindlicher Fürst 
beim katholischen Klerus zu befestigen. Tatsächlich besteht auch 
»Wendisch«/«Sorbisch« genau wie das »Polnische« aus zwei 
verschiedenen Sprachgruppen. Das bezeugt zwei verschiedene 
Sprachlehr-Organisationen. Nachweislich standen Erzbistum 
und Kloster Magdeburg (Krakau bei Magdeburg und Krakau als 
magdeburgische Gründung im Osten) in der Frontlinie der Sla- 
wisierungspolitik gegen Mittel- und Ostdeutschland. Ob das Erz¬ 
bistum Bremen sich daran beteiligte, ist wegen Fälschungen nicht 
deutlich zu erkennen, jedoch möglich (»slawische« Orte links 
der Elbe). 

Die Existenz des winzigen Sorben»volkes«^ 127 - ) bis heute ist nur 
durch die Abgeschlossenheit der Lausitz, ihre wirklich elenden 
Wirtschaftsverhältnisse und die unglaubliche Duldsamkeit der 
Deutschen zu erklären. Im 19.Jahrhundert führten sie trotz ihrer 
»wendischen« Sprache durchweg deutsche Familien- und Vorna¬ 
men. Man kann daran den Fehlschlag der Umvolkungsbestrebun- 
gen erkennen. Eine angebliche »Germanisierung« hätte ja an der 
Sprache ansetzen müssen, während die Beseitigung der deutschen 
Namen das erste Ziel jeder Slawisierung war. Beides fand damals 
nicht statt. Erst nach dem Einbruch der Sowjetrussen änderte sich 
dies schlagartig, die materiellen Vergünstigungen durch den Landes¬ 
feind und ihr eigener Intelligenzmangel waren für schwache Cha¬ 
raktere zu verlockend. 


Aber was geschah wirklich in Mitteldeutschland? Ich behaupte, 
in Mittel- und Ostdeutschland müssen die Deutschen der Slawi¬ 
sierung durch die Kirche erbitterten Widerstand entgegengesetzt ha¬ 
ben. Es gelang der Kirche hier fast ausnahmslos nicht einmal, Adel 
oder Fürsten zu gewinnen. Vor allem deswegen, weil hier die Bür¬ 
gerschaft schon viel stärker, einflußreicher und freier als in Polen 
war (Waren die Städte in Polen nicht Hauptwiderstandszentren 
gegen die Polonisierung im 19.Jahrhundert?). Grund hierfür ist, 
daß das deutsche Bürgertum dank seiner wirtschaftlichen Besser¬ 
stellung seelisch nicht so zu bedrücken war wie das einheimische 
besitzlose Proletariat. Wir finden nur in Schlesien und Pommern 
slawisierte Fürsten, und ob sie es wirklich waren, ist wegen kirchli¬ 
cher Fälschungen nicht beweisbar. Anderen, wie in Mecklenburg, 
wurde die »slawische Herkunft« einfach angedichtet. Von der 
mißglückten Umvolkung übrig blieben nur einige Namensände¬ 
rungen von Orten bis auf den heutigen Tag, die gleichfalls eine ger¬ 
manische und nicht »slawische« Vorgeschichte beweisen: Wol- 
lin hieß ursprünglich Jumneta/Vineta, Stettin ist das wikingische 
Borstaborg^ 128 *, der den Germanen heilige Silingberg in Schlesien 
wurde zum »Zobten«. Ratibor (Oberschlesien), Radibor (Sach¬ 
sen) blieb, aber Brennabor für Brandenburg ließ sich nicht durch¬ 
setzen, und so ging es vielen anderen Orten und Landschaften. 
Weitere Überreste dieses großangelegten Unternehmens blieben 
uns in zahllosen einwandfrei erkannten Fälschungen der Kirche 
erhalten. In großer Eile hatte sie Ahnentafeln für die »Piasten« er¬ 
stellt, für pommersche, schlesische Herzoge und die polnischen 
Könige. Die darin aufgeführten Namen sind sämtlich Erfindun¬ 
gen, die angeblichen Lebensläufe zurückdatiert. Wolff (wie auch 
Kammeier) erkannte sie als übliche Fälschertricks. Man kennt 
die »Österreichische Chronik«, angeblich 1394 in Wien entstan¬ 
den, die eine Fürstenreihe über 2975Jahre aufführt. Dazu gehören 
14 erfundene Landesnamen für Österreich, und für die Fürsten¬ 
geschlechter half der Fälscher »sich durch mechanische Buchsta¬ 
benverschiebung. Es lassen sich förmliche Tauschreihen feststellen. 
Man vergleiche etwa die Gruppen: Saptan, Laptan, Reptan, Lip- 
tan, Rippan; Fultan (Sultan), Piltan, Rattan, Rantan, Rettan, Ta- 
tan, Tantan,Tanton«. 

Man faßt sich an den Kopf und fragt, was für Gelehrte das wa¬ 
ren, die sich derartige Lügenmachwerke aus den Fingern sogen, 
sie aufschrieben und in Kirchenarchiven für die Nachwelt aufbe¬ 
wahrten. Waren sie durch Glauben und Aberglauben so verblö¬ 
det, daß Tatsachen und Wahrheit nicht mehr interessierte? War 
die Fälschungsmanie eine Psychose, die alle erfaßte und sie sich 
gegenseitig im Lügen übertrumpfen mußten? Erhielten sie von ih¬ 
ren Oberen geheime Aufträge zu bestimmten Fälschungen? 
Führte nicht die Kirche im 15. Jahrhundert den Reliquienbetrug 
zum Äußersten? Genau aus dieser Zeit stammen die ungeheuer¬ 
lichsten Denkmäler menschlicher Verdummung, unter vielen an¬ 
deren die »Flasche mit ägyptischer Finsternis« zu Doberan, die 
»Milch der Heiligen Jungfrau«, Nabelschnur und »Heilige Vor¬ 
haut Christi«, von der es sage und schreibe vierzehn Exemplare 
gegeben hat; mindestens eines davon war noch 1905 in der Ka¬ 
pelle Sancta Sanctorum in Rom vorhanden^ 129 -*. 

Die Lügen und Fälschungen um die Entstehung der »Sla¬ 
wen« sind daher durchaus keine Einzelerscheinung (von der 
Kammeier übrigens gar nichts wußte). Sie sind Teil eines riesen¬ 
haften Betruges, der unsere gesamte geschichtliche Vergangenheit 
umfaßt. Kein Gebiet unserer Kultur blieb davon unberührt. Las 
man nicht in alten Schriften von den Staaten des Altertums? Da 
waren die Römer, Karthager, Athener, Spartaner, Assyrer, Baby¬ 
lonier, man kannte aus Gallien die Remer, Lutetier, Averner usw., 
die biblischen Galater, Korinther, Thessalonicher. Staaten und Völ- 


68 


ker wurden unverkennbar nach ihrer Hauptstadt benannt. Al¬ 
lerdings gab es im Lande unserer Vorfahren keine Städte, und so 
mußten andere Namen erfunden werden, denn die paar Gauna¬ 
men, die die Christianisierung überlebt hatten, waren zu deutsch 
und für »Stämme« meist zu klein. Deutsche Namen in lateini¬ 
schen Quellen? Für kirchliche Geschichtefälscher unannehmbar! 
Die Deutschen durften nicht eine Nation sein, gemäß diesen Lü¬ 
gen zerfielen sie in viele » Stämme«. Das diente als einleuchtende 
Erklärung für die Aufteilung Deutschlands in zahllose Einzelstaa¬ 
ten. Dann kam die Übernahme der Glagolithen durch die Kirche. 
Nun mußten sie erneut zu Fälschungen greifen, um die Existenz 
zahlloser »Slawenvölker« zu behaupten, die man angeblich einst¬ 
mals »bekehrt« hatte. 

Untersuchen wir aus diesem Gesichtswinkel die Namen der an¬ 
geblichen Völker Deutschlands im Mittelalter und Altertum. 
Schuchardt^ 13 ^ nennt uns als »Slawenvölker« in Deutschland 
folgende: Wagrier (Ostholstein), Polaben, Obotriten (Mecklen¬ 
burg), Kitziner, Circipaner (Vorpommern), Tolenser, Redarier 
(Brandenburg), Wilzen, Sorben (Mittelsachsen). Wie steht es mit 
den »Germanenstämmen«, deren Namen nicht minder seltsam 
sind und in römischen(?) Quellen auftauchen? Ein »Stamm« 
soll z. B. Usipeter, ein anderer Caninefaten, ein dritter Narister, ein 
vierter Victualer, ein fünfter Tubanten usw., am witzigsten von al¬ 
len, einer gar »Ubier« geheißen haben. Merkwürdig: Hat ein Ge¬ 
lehrter, ein Studienrat mit philologischen Examen aller Sorten ge¬ 
lacht, als er diese Namen kennenlernte? Keineswegs, er hat sie, 
weil in den Büchern stehend, seinen Schülern eingepaukt, wor¬ 
auf diese mit üblicher Denkfaulheit sie an die nächste Generation 
weitergegeben haben - bis heute. Ich sage: Hier kann jedermann 
den geistigen Bankrott des humanistischen Gymnasiums und der 
gesamten humanistischen Bildung sehen. Keinen Pfifferling ist sie 
wert, weil diese Lateinkundigen nie mit ihren Vokabeln zu denken 
lernten. Sehen wir näher hin: 

Ubier lateinisch: ubi = (Fragewort) = wo? 

Usi-peter lateinisch: usus = Nutzen, Gebrauch; petra = Fels 
Canine-faten lateinisch: canis = Hund, hündisch; 
fatum = Geschick 

Narister lateinisch: naris = Nase 

Victualer lateinisch: victus = Unterhalt, Nahrung, 

»Viktualien« 

Tubanten lateinisch: tubus = Röhre, 

tuba canere: Trompete blasen 
Circi-paner lateinisch: (Gen.) circi = herum, Kreis; 
panis = Brot 

Wagrier lateinisch: vagor, vagus = unstet, 

streunend (Herumtreiber) 

Tollenser lateinisch: tolleno, tollo, tolero, tolus = Last 
Ob-o-triten lateinisch: ob = nach, gegen, 
tritus = abgenutzt, verbraucht 
Redarier lateinisch: reda, raeda = schlecht, Kutsche, 
redarius = Kutscher 

Vergleichen wir weiter die bei den gefälschten »Ahnentafeln« 
vorgeführten Buchstabenverschiebungen hier: Serben, Sorben; 
Slawonen, Slowenen, Slowaken, Slowencen; Polaben, Polaken 
(Polen) Polanen (Warthegau), Pomorzen, Tschechen, Tschet- 
schen. Es besagt gar nichts, wenn etliche heute in Gebrauch sind, 
man sprach noch im 14.Jahrhundert von »Böhmen« und nicht 
von »Tschechen«. Für eine Anzahl von ihnen gibt es überdies wi¬ 
dersprüchlich verschiedene Namen. Man nehme »Nordalbin- 
ger« (lateinisch: Albis = die Elbe), also Nordelbinger, und man 
wird sagen müssen: Unmöglich, daß die Deutschen in Holstein 
sich jemals so nannten. Das waren niemals Völker! Die kirchliche 


Fälscherzunft nagelte irgendwelche, meist lateinischen Wörter zu Na¬ 
men zusammen und fügte sie in ihre Lügenchroniken und Urkun¬ 
denfälschungen ein. Später hervorgeholt, sollen sie als »Beweis« 
für die Existenz zahlloser »slawischer« oder germanischer »Völ¬ 
ker« dienen. Die angeblichen Völkernamen in Deutschland sind will¬ 
kürliche, geistesschwache Erfindungen, weltfremde Phantasiegebilde 
von Mönchen und Priestern, entstanden in den finsteren Zellen der 
wiedererstandenen Klöster. 

Aufgrund Kammeiers Nachweis sind Caesar (»De Bello Gal- 
lico«) und Tacitus (»Germania«) auch durch die Fälscher¬ 
werkstatt gegangen. Es finden sich bei Tacitus weitere angebli¬ 
che, aber andere Namen germanischer Stämme: Ingävonen, Her¬ 
minonen, Istävonen, dazu Marser, Gambrivier, Vandilier usw., mit 
denen die Gelehrten noch weniger anzufangen wissen. Da ist es 
nicht zu verwundern, wenn sie die sogenannten klassischen Na¬ 
men germanischer »Stämme« weder örtlich nach weisen noch 
mit denen des Mittelalters vereinen konnten, obwohl sie es im¬ 
mer wieder versuchten. Manche beriefen sich auf primitive Land¬ 
karten, wie die angebliche des Ptolemäus, ohne zu beden¬ 
ken, daß Fälschungsarbeit da nicht müheloser sein konnte! Wie 
Kammeier immer wieder betont, schaffen die Widersprüche der 
Fälschungen vollständige Verwirrung, ja sie dienen dazu. Nur weil 
die »humanistisch Gebildeten« tonangebend, aber denkunfähig 
sind, konnten die Fälschungen bis in unsere Zeit überleben. Sie 
sind Berufsbetrügern aufgesessen und unfähig das zu begreifen. 
Ihre Engstirnigkeit läßt sie den Wald vor lauter Bäumen nicht se¬ 
hen. Darum, nur darum konnten die Lügengewebe wohl der Gut¬ 
gläubigkeit, aber keiner Kritik standhalten. Wir schließen ande¬ 
rerseits auf mangelhafte Zusammenarbeit der Fälscher unterein¬ 
ander; die Fälscher der »Germania« wußten nichts von den Fäl¬ 
schern der »Slawengeschichte« und umgekehrt. Auf dem Gebiet 
der Naturwissenschaften hätten solche Widersprüche längst zum 
Sturze unhaltbarer Vorstellungen geführt. Während viele Hun¬ 
derte von »Urkunden« und Schriften längst als Betrügereien ent¬ 
larvt sind, wehrt sich die Gelehrtenzunft, unterstützt von der ver¬ 
öffentlichten Meinung, erbittert gegen die Aufdeckung der Sla¬ 
wenlüge. Hier geht es um mehr als Einzelfälschungen, hier geht 
es nicht nur um den Ruf von ganzen Gelehrtengenerationen; viel¬ 
mehr Priester, Kirche, Christentum und verdorbene Völker ste¬ 
hen vor dem Gericht der Geschichte. 

Wir sind hiermit nicht am Ende der Affäre. Die Namenfälschun¬ 
gen und Bestrebungen der Priester, willfährige Nationen zu schaffen, 
erweisen sich als Teil eines weit größeren Planes. Die Kirche des 
14./15.Jahrhunderts ist bereits mit allen Mitteln gegen die deut¬ 
sche Nation vorgegangen, ehe sie in der orientalischen Kunstspra¬ 
che der Glagolithen eine unerwartete Hilfe fand. Aus dem Abfall 
und den Kämpfen der Waldenser und Katharer (»Ketzer«) gegen 
die Kirche lernte sie das germanische Volkstum der Burgunden 
und Goten für alle Zeiten fürchten. Haß und Angst vor unserem 
Volke veranlaßten nicht nur die dort besonders widerwärtigen 
Exzesse terroristischer Inquisition, sondern langfristig die ziel¬ 
bewußte Vernichtung abgesplitterten germanischen Volkstums 
durch die »romanisierten« (das Wort sagt eigentlich alles!) Für¬ 
sten und Staaten. Und welch anderer Zweck stand dahinter, als sie 
wirtschaftlich zu bezwingen, um sie widerstandslos ausbeuten zu 
können? Um diese Zeit wurden die Westgoten in Südfrankreich 
unterworfen und sprachlich ausgelöscht. Es war der Pfaffenkai¬ 
ser Karl IV., der Burgund und sein deutsches Volkstum an Frank¬ 
reich auslieferte (1363). Um der Kirche zu dienen, schreckten er 
und seine Nachfolger vor keinem Verrat zurück. Sein Verwandter, 
der hochverschuldete Habsburger Herzog Siegmund von Tirol, 
»verpfändet« auf ewig seinen Besitz im Elsaß an Frankreich. Kor- 


69 


ruption war Leitmotiv der Priesterpolitik, Kampf gegen die deut¬ 
sche Nation der Zweck. Flandern wurde politisch mit Burgund 
verbunden, 1429 kamen Namur, 1430 Brabant und Limburg, 
1433 Hennegau, Holland und Seeland, 1435 Pikardie, 1443 Lu¬ 
xemburg hinzu und damit unter französische Herrschaft. Sofort 
nutzten die Priester das aus. In den Kirchen durfte nur Latein bzw. 
Französisch gesprochen werden, die deutschen (fränkischen) Dia¬ 
lekte wurden unterdrückt. Schrittweise wurden die Flamen zu¬ 
rückgedrängt. Wer weiß heute, daß die Hauptstadt Lille einst den 
deutschen Namen Ryssel trug, Nancy einst Nanzighieß? Dunker¬ 
que allerdings ist als Dünkirchen herkunftmäßig erkennbar. Es ent¬ 
stand allmählich in Nordfrankreich eine neue Nation, die »Wal¬ 
lonen« (auch eine Erfindung - vgl. »Wales«, »Welsche«), die 
von den Priestern den Franzosen gleichgestellt wurde (»sie spre¬ 
chen eine französische Mundart, das Wallonisch, in der sich be¬ 
sonders viele germanische Bestandteile erhalten haben«). In Nor- 
ditalien wurde der lombardische Germanenstamm der italienischen 
Sprache unterworfen. Hier erhielt sich das Deutsche bis in unsere 
Zeit in abgelegenen Tälern, so in der Nähe von Verona (deutsch: 
Bern). Um die gleiche Zeit - nach 1350 - finden wir die ersten 
Zeugnisse einer dänischen Schriftsprache und »die schwedische 
Schriftsprache entwickelte sich (sich?) im 15. Jahrhundert«. Auf¬ 
fallend sind ihre vielen lateinischen Lehnwörter, die nur von Prie¬ 
stern und ihren Schülern stammen können. Ja, sogar die Namen 
der deutschen Städte und Landschaften wurden künstlich und ge¬ 
waltsam latinisiert: Aus Preußen wurde Borussia, Österreich = 
Austria, Bayern = Bavaria, Baden = Badenia, Würzburg hieß Her- 
bipolis, Hamburg = Hammonia, Lübeck = Lubica, Wismar = Wis- 
maria, Dortmund = Tremonia usw. So offenbart sich die Strategie 
der Kirche, die deutsche Nation in zahllose Einzelgruppen zu spal¬ 
ten, das deutsche Sprach- und Kulturgut zu vernichten. Da sämtli¬ 
che Schulen, Erziehungsstätten, Machtstellungen in den Händen 
der Priester lagen, können nur sie dafür verantwortlich sein. 

Das alles genügte nicht, die deutsche Nation zu zertrümmern. 
Die Priester wollten alle germanischen Wurzeln der Vergangen¬ 
heit ausreißen, vor allem den gewaltigen Kulturaufstieg der Brak- 
teatenzeit der Vergessenheit überantworten. Die Fälschung der 
deutschen Reichs- und Völksgeschichte reichte dafür nicht aus. 
Die Wühlarbeit der Glagolithen unter der entrechteten, proletari- 
sierten ostdeutschen Bevölkerung ergänzte die Kirche durch eine 
entgegengerichtete. Sie ging daran, die geistig und wirtschaftlich 
besser gestellte Jugend von Adel und Bürgern einzufangen um sie 
dem Volke zu entfremden. Die Priester entwickelten zu diesem 
Zweck aus den geistlichen Stiftschulen in Italien und Frankreich 
die Unversitäten. Sie erhielten ein besonderes Privileg des Papstes 
und wurden sogar mit eigener Gerichtsbarkeit ausgestattet. Da¬ 
durch waren sie als Staat im Staate weltlicher Einflußnahme ent¬ 
zogen. Der ersten zu Prag 1346 von Karl IV. begründet, folgten 
rasch viele weitere über ganz Deutschland. 

Nicht Wissen und Denken, sondern Anhören vernunftwidri¬ 
ger Lehren und geistloses Abschreiben, nicht Forschung und Er¬ 
kenntnis, sondern Dogmen und Vorurteile waren ihre Erzie¬ 
hungsmittel. Man wollte eine denkunfähige »Elite« heranzüch¬ 
ten, die das übrige, in Unwissenheit und Aberglauben zu haltende 
Volk beherrschen sollte. Notwendigerweise mußte man dazu die 
Universität scharf vom Volksleben trennen. Unterricht fand nur 
in lateinischer Sprache statt, der Gebrauch des Deutschen wurden 
den »Schülern« (Studenten) sogar im Privatverkehr verboten. 
Mit Hilfe der Fremdsprache sollte die Universität dem Volke den 
Zugang zu Wissen und Bildung verwehren, die Nation in »Ge¬ 
lehrte« und »Ungebildete« spalten. 


Während in Italien die »Renaissance« eine Anzahl bedeuten¬ 
der Männer hervorbrachte, Künste und Wissenschaften hob - in¬ 
folge kräftigen Geldzustromes! - blieb sie in unserm Lande 100 
Jahre lang auffallend unfruchtbar. Die neuen Universitäten be¬ 
lehrten deutsche »Humanisten«, sich an griechischen und römi¬ 
schen (antiken) Schriftstellern zu laben. Trübe waren diese Quel¬ 
len, denn die Kirche hatte sie längst in den Klöstern abschreiben 
und - fälschen lassen (z. B. »Entdeckung« der Germania des Ta- 
citus im Kloster Hersfeld 1455). Sie behauptete, daß alle Kultur 
von Griechen, Römern, Juden und Christen gekommen war. »Se¬ 
het dieses verkommene Volk unter euch«, wird sie gepredigt ha¬ 
ben, »dieses bettelnde, abergläubische Gesindel, das in verfalle¬ 
nen Hütten haust! Vergleicht es mit der Schönheit und Geistes¬ 
höhe der Mittelmeervölker, die ihr in der Originalsprache lesen 
könnt! Die Kirche, die große Kulturbewahrerin, hat sie vor wilden 
Barbaren, den Germanen, gerade noch gerettet! Ex Oriente lux, 
nicht aus Deutschlands Urwäldern und Dreckdörfern kommt die 
Kultur! Wendet euch fort von dem stumpfen Volke, das euch her¬ 
vorbrachte« ! 

Mit welch großem Erfolge diese Gehirnwäsche betrieben wurde, 
kann man an der Weltanschauung der deutschen Humanisten 
ersehen. Sie gaben sich selbst griechische oder lateinische Na- 
men ,131 ( schrieben nur noch griechisch oder lateinisch, manch¬ 
malhebräisch, verachteten ihr eigenes Volk und befaßten sich aus¬ 
schließlich mit jüdischem Geistesgut. Was der Kirche im 9.Jahr- 
hundert nicht gelungen war, wurde von ihr im 15. erneut ver¬ 
sucht: Das Volk zu teilen und seine Führerschaft in eine fremde 
Kultur hineinwachsen zu lassen. Die gewaltsame Hinwendung zu 
toter Sprache und abartigem Denken gehört zum Kampf der Prie¬ 
ster gegen Wahrheit und Leben, enthüllt ihre Angst vor lebendiger 
und naturgewollter Entwicklung unserer Rasse und Nation. 
Erbärmlich sind die hinterlassenen Leistungen der Humanisten 
(wie es auch nichts über die geistigen Leistungen von Marxisten 
zu sagen gibt, obwohl die »höchste Intelligenz« dort versammelt 
ist). Der Humanismus war eine vielbesprochene Bewegung, die 
nichts als Schaum geschlagen hat und von der man heute nur den 
Namen ehrfürchtig bewundert. Übrig blieb bis in unsere Tage der 
Dünkel, den »humanistisch Gebildete« sich anmaßen; ihr Wahn, 
besser zu sein als diejenigen, die durch humanistische Gehirnwä¬ 
sche nicht verdorben wurden. Die marxistische Umerziehung, 
der die Intelligenz Deutschlands nach dem Zweiten Weltkriege 
mittel-und unmittelbar unterworfen wurde, rief die gleichen Aus¬ 
wirkungen hervor. Kein Lob für den erzieherischen Wert der Uni¬ 
versität! 

Vier Fakultäten: Theologie, Philosophie, Juristei und Medizin ge¬ 
nügten ihr. Als Priestergründung beanspruchte sie für Theolo¬ 
gen natürlich den Vorrang, weil die Theologie »die einzige Wahr¬ 
heit« sei. Als Grundlage der Weisheit galt die schwachsinnige, ab¬ 
surde Scholastik. Die Philosophie durfte nur Anhängsel kirchli¬ 
cher Dogmen sein, gelehrt wurde ausschließlich römisches Recht, 
das unserem Empfinden fremd und feindlich ist. Die Medizin war 
verkommen und galt als minderwertig. Die bewundernswerten 
Kenntnisse und Leistungen der heidnischen Mediziner des Al¬ 
tertums hatte die Kirche restlos unterdrückt und vergessen las¬ 
sen. Ärzte, die kranken Menschen helfen könnten, schadeten ja ih¬ 
rem Geschäft. Wer krank war, sollte den Pfaffen holen, Messen be¬ 
zahlen und opfern, zu Heiligen beten, die für die verschiedenen 
Krankheiten zuständig waren. An gesunden Menschen ist die Kir¬ 
che nicht interessiert, sie war es nie! 

Die Universitäten entstanden also nicht als Ergebnis kulturellen 
Fortschrittes der Nation, sondern dienten langfristigen politi¬ 
schen Plänen der Priester. Das 15.Jahrhundert wurde das Zeital- 


70 


ter der Irrlehren, Fälschungen und Lügen, die Universitäten seine 
Hochburgen. Wer mit Lügen und Unsinn erzogen wird, muß gei¬ 
stig und moralisch verkommen und selber zum Lügner und Be¬ 
trüger werden, sogar die verlogene Welt in Ordnung finden. Un¬ 
widerstehlich ergriff dieser Ungeist alle Lebensäußerungen, vom 
einfachen Gedanken bis zum - angebeteten Gelde. Nur unter här¬ 
testen wirtschaftlichen Bedingungen konnte man deutsche Men¬ 
schen so knechten, daß sie bereit waren, sich den Lehren, Dog¬ 
men und Aufträgen der Kirche zu widmen. Sie lockte willfährige, 
seelisch verstümmelte Zöglinge mit der Aussicht auf künftige be¬ 
queme und einträgliche Pfründe. Wenn die Not alle würgt, kann 
man von verderbten Charakteren willige Bereitschaft zu jeder 
Schandtat erwarten - man denke an die Juristen in Hexenprozes¬ 
sen. Kammeier hat die führende Rolle der Humanisten bei den 
Geschichte - und Urkunden - Fälschungsaktionen der Kirche 
nachgewiesen. 

Wilhelm Kammeier konnte in seinem Werke keinen Grund an¬ 
geben, weshalb die Kurie, die römisch-katholische Kirchenleitung, 
sich eines Tages entschloß, die gesamte Geschichte durch eine 
Fälschungsaktion zu übermalen. Hatte sie das überhaupt nötig, 
wenn sie sich im Besitze aller wirtschaftlichen, geistigen und po¬ 
litischen Macht wußte? Sicherlich lagen vielerlei Gründe vor, die 
Geschichte vom Kirchenstandpunkte neu zu erfinden, aber der 
entscheidende Anlaß war fraglos die Wirtschaftsblüte des 12., 13. 
und halben 14. Jahrhunderts in Deutschland, welche die Priester¬ 
hierarchie beinahe zerstörte. Nach ihrem Willen durfte so etwas 
niemals wieder geschehen. Niemand sollte davon wissen, darum 
mußten alle verräterischen (»diskriminierenden«) Dokumente 
verschwinden (wie sie es 1000 Jahre zuvor gemacht hatten). Da¬ 
mit das nicht auffiel, blieb nichts anderes übrig, als eine falsche Ge¬ 
schichte in die Welt zu setzen. Also begann man mit einer großen 
Fälschungsaktion unmittelbar nach der Krönung des Pfaffenkö¬ 
nigs Karl IV. und Einführung des Ewigen Pfennigs. Zwangsläu¬ 
fig ergab sich die Erkenntnis, die Fälschungen immer weiter aus¬ 
dehnen zu müssen. Wenn z. B. Urkunden und Chroniken über Er¬ 
eignisse bei Germanen oder »Slawen« um viele Jahrhunderte auf 
den Tag zurückdatiert wurden, dann müssen andere Belege damit 
verzahnt werden. Ja, aber wenn nun, wie wir immer wieder vor¬ 
stellten, im Frühmittelalter es noch gar keine katholischen Päp¬ 
ste in Rom gab? Wenn der Hochpriester der Kirche in Irland oder 
Frankreich saß, konnte man doch nicht Urkunden aufbewahren, 
die die Nachfolge von Petrus und Paulus als Schwindel enthüll¬ 
ten! Ebensowenig durfte man Dokumente zulassen, die den nie¬ 
derträchtigen Weg der Priesterschaft vom heidnischen Druiden- 
tum zum christlich-katholischen Überstaat erkennen ließen* 132 ). 
Als die katholische Oberpriesterschaft in Avignon residierte, wird 
bereits ein Großteil - wenn nicht alles - des kirchlichen Archivs 
zu Rom beseitigt worden sein. Mußte sie in solcher Lage nicht jedes 
Mittel anwenden, die tausendjährige Lücke der römisch-katholischen 
Geschichte durch Fälschungen auszufüllen ? 

Das waren freilich Probleme, die nur eingeweihte Kirchenmänner 
etwas angingen. Vor der Masse der ahnungslosen Gläubigen feier¬ 
ten sie ihre Kirche als die ewige Hüterin der Menschheit, die im¬ 
mer reich war, berufen über jede Seele zu bestimmen, im Aufträge 
Gottes von Erfolg zu Erfolg schritt. Sie logen, das Leben im trost¬ 
losem Elend sei immer so gewesen - seit sie durch Gott/Priester 
aus dem Paradies vertrieben wurde, natürlich! - sei gottgewollt, 
weil das Jesus Christus gelehrt hatte, und daher rechtens. Nur 
die Bibel mit ihrer Darstellung der schauerlichen orientalischen 
Zustände in Wirtschaft und Gesellschaft war zulässig, anderes 
durfte es nicht geben. Laien war ihre Lektüre zu untersagen, weil 
unverdorben Denkende aus ihren Aussagen unbequeme Erkennt¬ 


nisse schöpfen konnten. Sicher ist sicher, von der Kirche wurden 
die Archive mit den gefälschten Dokumenten für Jahrhunderte 
verschlossen. Nicht einem Berufs-Historiker kam bisher der Ge¬ 
danke, Zusammenhänge zwischen zinsfreiem Geld, Wirtschafts¬ 
aufschwung, Bürgertum, Volkswohlstand, allgemeinem Abfall 
vom Glauben, unversöhnlicher Todfeindschaft der Priester gegen 
das deutsche Volk, nachfolgender Wirtschaftsnot und planmäßi¬ 
ger Geschichtefälschung zu erkennen. Wenn wir in der gefälsch¬ 
ten Geschichte einzelne Wahrheiten finden und anerkennen kön¬ 
nen, dann weil 

1. viele Fälschungen um einen wahren, historischen Kern herum 
gebaut sind; 

2. negative Aussagen über die Kirche wahr sein müssen, da die Fäl¬ 
scher keine Ursache hatten, solche zu erfinden; 

3. Fehler, Auslassungen und Widersprüche auffallen, die jedem 
Fälscher unterlaufen; 

4. Lügen und Irrtümer wider besseres Wissen behauptet wurden, 
die früher oder später zuwiderlegen waren; 

5. (der Kirche unangenehme) Ereignisse und Vorgänge verschwie¬ 
gen wurden, die geschehen sein müssen; 

6. manche Tatsachen, Berichte und Angaben stehen gelassen wur¬ 
den, von denen man nicht wissen konnte, daß sie eines Tages statt 
zu nützen der Kirche schaden würden. 

Kammeier bewies, ohne von den wirtschaftlichen Ursachen et¬ 
was zu ahnen, daß die Fälschungen nach 1350 begannen und bis 
zur Reformation fortgesetzt wurden. Sie erklären sich überzeu¬ 
gend aus dem Erstarken der Kirchenmacht aufgrund der politi¬ 
schen und wirtschaftlichen Notstände. Mit Hilfe Karl IV. und der 
Anhäufung riesiger Geldschätze gelang ihr der neue Aufstieg. Ihre 
Macht, trotz (oder wegen?) »babylonischer Gefangenschaft« 
und Konzilien wohl befestigt, war im 15.Jahrhundert ohne glei¬ 
chen, und dennoch reichte sie nicht, sie für die Zukunft zu sichern. Zit¬ 
ternd erinnerten sich die Priester an die Wirtschaftsblüte der Brakte- 
aten, die den großen »Abfall vorn Glauben« herbeigeführt hatte. Mit 
Schrecken dachten sie an die Menschen, die infolge der wirtschaftlichen 
Befreiung sie verspottet, bedroht, ihre Kulthandlungen - »Gottesdien¬ 
ste« - verhöhnt hatten. Die Kirche hatte die deutsche Nation bekämpft 
und zerteilt, dem deutschen Volk das Land gestohlen, die Entrechtung 
der Ostdeutschen durchgesetzt, sie war an den wirtschaftlichen Unru¬ 
hen und Zuständen hauptschuldig, und das sollte Geheimnis bleiben. 
Mit der Spaltung der Deutschen in »Bürger« und »Sklaven« hatte 
sie obendrein einen Wechsel gezogen, den sie nur durch Lügen decken 
konnte. Sie kam folglich in Handlungsverzug und war gezwungen, ihre 
Untaten durch Massenbetrug und Gewaltanwendung zu verbergen. 
Auf diesem gefährlichen Wege ohne Umkehr blieb ihr nichts übrig, als 
die Kräfte ihrer ganzen abendländischen Gefolgschaft einzuspannen, 
um die größte Fälschungsaktion aller Zeiten in Gang zu setzen. Es war 
im gründe ein verzweifelter Versuch, die gefürchteten und nicht auf¬ 
haltbaren Fortschritte von Erkenntnis und Wissenschaft damit abzu¬ 
blocken. Das sagt seit 70 Jahren Wilhelm Kammeier der Welt. 

Not in Deutschland - Wirtschaftsblüte in Italien 

In den letzten Abschnitten dieses Buches werde ich Zusammen¬ 
hänge zwischen Preisgefüge und Geldumlauf im Lichte wissen¬ 
schaftlicher Erkenntnis behandeln. Ich habe früher dargelegt, daß 
Mangel an umlaufendem Geld stets einen Preisrückgang hervor¬ 
ruft, der alleinige Ursache (es gibt keine anderen, mögen die »Wirt¬ 
schaftsexperten« noch so viele verkünden!) einer Wirtschaftskrise 
ist. Durch Heranziehen der Erlöse von Stapelgütern des 15.Jahr- 
hunderts kann man den Preisverfall einwandfrei nachweisen: Aus 
alten Rechnungen der Stadt Essen ergibt sich, daß »die Karre 
Kohle um 1418 viereinhalb Schilling kostete, der Preis fiel 1461 


71 


auf vier Schilling und 1471 sogar auf drei Schilling, 1489 stieg er 
wieder auf vier Schilling an, wahrscheinlich unter dem Einfluß 
einer Münzverschlechterung, der sich die Kohle als wertbeständi¬ 
ges Gut schnell anpaßte« 1133 ). »Die Preise für landwirtschaftliche 
Erzeugnisse fielen meistens, gestiegen sind sie nirgendwo« 1134 ). 
Wirtschaftsnot und Massenelend müssen daher zwischen 1460 
bis 1480 besonders schlimm gewesen sein. Dem wirtschaftlichen 
Verfall entsprang die ungeheuerliche Knebelung menschlichen 
Lebens und daraus die religiöse Tyrannei. Die Wiederkehr der 
Zustände vor der Brakteatenzeit bzw. nach dem Sieg der Druiden¬ 
kirche unter Theodosius dem Grossen ist nachweisbar. 

Wir lesen, daß »während der langen und jammerseligen Regie¬ 
rung Friedrich III. (1440 bis 1493) die Reichsverfassung im¬ 
mer offenkundiger verfiel, das kaiserliche Ansehen geradezu verhöhnt 
wurde und während heillosester Anarchie im Inneren die Reichsgren¬ 
zen von äußeren Feinden ungestraft verheert wurden«^ ns \ »Die 
deutschen Zustände waren in völliger Auflösung, im ganzen Nor¬ 
den Deutschlands, vorn Rhein bis zur Elbe, lebte man wie außer dem 
Reich; im Osten hielten sich die großen Territorien: Brandenburg, 
Meißen, Böhmen, Österreich gleichfalls in einem gesonderten, um das 
Reich unbekümmerten Dasein; und in Franken und Schwaben war al¬ 
les in Verwirrung. « Il36 f Auch das Ordensland Preußen, auf kirchli¬ 
cher Grundlage errichtet, ergriff der Wirtschaftsverfall. Rückgang 
der Einnahmen und ständiger Abfluß seines Geldes nach Rom 
führte ihn in Finanznot und den Bankrott 1137 ). 

Die Kunst spiegelt die Gedankenwelt ihres Schöpfers, sie zeigt, wie 
er die Umwelt zu seiner Zeit sieht und empfindet. Da Kunstwerke 
der Kirchen am besten bewahrt worden sind (weil sie immer Geld 
hatten und in Kriegen meist geschont wurden), offenbaren sie un¬ 
absichtlich den Zeitgeist. Nicht Leben, sondern Sterben beschäf¬ 
tigte die Seelen: Die Malerschule des 15.Jahrhunderts, die nach 
Matthias Grünewald (vor 1470 geboren) benannt wird, ist 
durch besonders grausame und deprimierende Bilder von christ¬ 
lichen Sterbelegenden berühmt. - Hieronymus Bosch (1450 
bis 1516) »malte Bilder der Höllenstrafen und Versuchungen in 
grausig-gespenstischer Gestaltung«. »Bedeutsam ist die (Berli¬ 
ner) Marienkirche durch die älteste in Deutschland erhaltene To¬ 
tentanzdarstellung aus der Zeit um 1470«. Tanzen war den Men¬ 
schen jener Zeit nicht Ausdruck der Lebensfreude, sondern eine 
Darstellung des Todes. Welch eine düstere Volksstimmung geht 
aus der Kunst dieser Zeit hervor! 

Die fürchterliche Wirtschaftsnot erklärt, weshalb jegliche öffent¬ 
liche Ordnung versagte. »Eine kirchliche Feierlichkeit endigt 
selten ohne blutige Schlägerei, und Mord und Totschlag sind häu- 
_/*£« 138 ■ Findelhäuser für verlassene Kinder waren überfüllt, Ob¬ 
dachlose, Bettler, Räuber werden als die Plagen der Zeit bezeich¬ 
net. Was die Historiker nie erklären, mein Leser versteht jetzt, wa¬ 
rum der großartigen Erfindung Gutenbergs (um 1450) trotz ih¬ 
res Erfolges die Kredite gekündigt, die erste Druckerei der Welt 
gepfändet wurde (1458); Gutenberg in Bankrott (1462) und 
bittere Not geriet 1139 ). Die Vermögens- und Besitzverhältnisse im 
Volke dieser Zeit sind unvorstellbar elend: » Selbst patrizische Bür¬ 
gerhäuserbegnügten sich mit einer Hausausrüstung, die uns heute 
fast proletarisch vorkommt. Eine Erbteilungsurkunde von 1469 
weist in so einem Hause nach: 4 Betten, 4 Tischlaken, 7 Handtü¬ 
cher, 1 Brunnengelte, 2 große und 7 kleine zinnerne Schüsseln, 3 
Kannen, 2 messingne Leuchter, 10 irdene Schüsseln, 7 Teller, 3 
buchsbaumene Löffel, 1 großes und 6 kleine Gläser, 3 Kessel, 4 
Töpfe, 2 Pfannen « Il4 °). Wie mag es da im Haushalt eines zinsen¬ 
den Bauern ausgesehen haben? Die Hanse, die um 1400 noch See¬ 
räuber aufspürte und gehängt hatte, war 1473 so heruntergekom¬ 
men, daß sie selber Piratenschiffe ausrüstete und Seeraub zum Ge¬ 


schäft, den Anführer (Paul Beneke aus Danzig) zum Helden er¬ 
klärte. Ungeheuerliche Ausmaße nahm die Prostitution an; es 
»ist uns urkundlich bezeugt, daß um 1476 zu Lübeck sogar vor¬ 
nehme Bürgerinnen, das Antlitz unter dichtem Schleier bergend, 
abends in den Weinkeller gingen, um an diesen Orten der Prosti¬ 
tution unerkannt messalinischen Lüsten (? doch wohl aus Geld¬ 
not!) zu frönen« 1141 ). Im Fürstbistum Würzburg schwang sich 
der Musiker und Schafhirt Hans Böheim (»Pfeifenhansl«) zum 
Apostel, Propheten und Völksführer auf. Er predigte, »jeder (soll) 
von seinen Sünden und von der eitlen Lust dieser Welt ablassen und 
zur Muttergottes von Niklashausen wallfahrten«, die ihm verkün¬ 
det habe, daß »künftig keine weltliche oder geistliche Obrigkeit 
mehr sein soll, keiner mehr haben soll als der andere«. Christlicher 
Weltverzicht und Kommunismus Hand in Hand! Er erregte 1476 
die verelendeten, verzweifelten Bauern zum ersten kommunisti¬ 
schen Massenaufstand in Deutschland. Beim Danziger Bernstein¬ 
schnitzerhandwerk war 1477 die Arbeitszeit so vorgeschrieben: 
»Im Sommer saßen die Gesellen um 4 Uhr morgens bei der Ar¬ 
beit, winters begannen sie um 5 und arbeiteten bis 10 oder 9 Uhr 
abends, oder sie mußten, wie es heißt, auf ihres Meisters Werk¬ 
statt zu finden sein. Einen Blau-Montag gab es nicht« 1142 ). Waren 
die Arbeitsbedingungen nicht ganz orientalisch? Falls keine Ar¬ 
beit da war, mußten sie dennoch auf dem Arb eitsplatz die Zeit tot¬ 
schlagen, zweifellos ohne Bezahlung, damit sie nicht etwas nützli¬ 
ches für sich tun konnten! Der Geldumlauf scheint zeitweise bei¬ 
nahe ganz aufgehört haben. Prof. Haller äußerte die Ansicht, 
daß Deutschland 1477 durch den Tiefpunkt ging; für unser Volk 
schien das Ende gekommen. 

Sorge um das nackte Dasein, Hunger und Härten, Arbeitszeiten, die 
nicht einmal genügend Schlaf, geschweige denn Zeit zum Nachdenken 
gestatteten, Geldmangel und Wirtschaftsnot starrte dem Volke ent¬ 
gegen, zwang es, sich zu beugen, auf den Knien zu beten, auf Zei¬ 
chen Gottes oder der Heiligen einfältig zu hoffen, ließ es Gespen¬ 
ster und Wunder sehen, in seelischer Ausweglosigkeit an die ver¬ 
rücktesten Dinge glauben, gutheißen was man sonst niemals hin¬ 
genommen hätten. Verzweifelter Überlebenswille entartete zum 
gnadenlosen Kampfe aller gegen alle. Er bezwang das Gewissen, 
einen Mitmenschen wegen eines unbedachten Wortes anzuzei¬ 
gen, um sich damit bei den Priestern Vergünstigungen zu erschlei¬ 
chen (Bekanntlich erhielt der Denunziant einen Teil der konfis¬ 
zierten Güter, das meiste steckte die Kirche ein). Die grauen¬ 
hafte Not zur Unterdrückung auszunutzen, ward die von höchster 
Stelle betriebene Kirchenpolitik: 1480 erneuerte sie die Inqui¬ 
sition in allen katholischen Ländern. Der »Heilige Vater« ver¬ 
bot jedermann, sich seinen Verfügungen zu widersetzen, »sonst 
(werde) er den Zorn des allmächtigen Gottes und seiner heiligen 
Apostel Petri und Pauli auf sich laden«. Die Oberpriester hiel¬ 
ten die Zeit für gekommen, die »Einheit des Glaubens«, das heißt 
den willenlosen Gehorsam des Volkes zu erzwingen. Jegliche Re¬ 
ste eigenen Denkens wollten sie für immer ausschalten, jenen Zu¬ 
stand menschlichen Geistes hersteilen, den Orwell in seinem 
Zukunftsroman für 1984, genau 500Jahre später, voraussagte 1143 ). 
Im Jahre 1484 veröffentlichte Papst Innocenz VIII. die berüch¬ 
tigte Hexenbulle »Summis desiderantes affectibus« und ver¬ 
schärfte die Menschenverfolgung. Er nannte Orte nur in Deutsch¬ 
land, wo das Christentum dem Teufel zu erliegen drohe, richtete 
sich also ausdrücklich gegen die Deutschen. Wir folgern daraus, daß 
die Deutschen seiner Seelenknechtung einen Widerstand entge¬ 
gensetzten 1144 ), den er mit Terror zu brechen suchte. Die Priester¬ 
macht zu Rom erkannte wieder einmal, daß die Deutschen durch die 
Wirtschaftsnot geistig nicht bezwungen waren. Sie fand das höchst 
bedenklich für ihre Herrschaft. 1489 veröffentlichten »zwei ge- 


72 


liebte Söhne« des Papstes, die Dominikaner Institoris und 
Sprenger, den berüchtigten »Hexenhammer«, ein Werk, das - 
mit dem Segen der Kirche - den traurigen Ruhm genießt, den ab¬ 
soluten Tiefpunkt (Nadir) europäischen Geistes vorzustellen. 

Wo immer der leiseste Zweifel an Kirche und Christentum vermu¬ 
tet wurde, griff die Inquisition zu, schreckte, folterte, strafte, ver¬ 
brannte Menschen manchmal haufenweise. Nur die Kurie war 
von dieser Menschenjagd ausgenommen, obgleich - wen erstaunt 
es? - man dort nicht viel von Christus hielt (145 f Nicht nur das! 
Die römischen Kleriker lebten in Saus und Braus; sie pflegten eine 
Moral, für die sie den Galgen verdienten, hätten sie nicht brutal 
ihre Macht über Leben, Güter und Freiheit fühlen lassen und die 
Inquisition zu ihrem eigenen Schutze angewendet. 

»Das Geld gelangte ... allerdings an den (päpstlichen) Hof; aber 
hier zerfloß es in tausend Hände. Es wurde von den Ämtern absor¬ 
biert, die man schon seit geraumer Zeit zu verkaufen pflegte. Sie 
waren meist auf Sporteln gegründet; der Industrie der Beamten 
war ein großer Spielraum gelassen. Der Papst hatte nichts davon 
als den Kaufpreis, sobald sie vakant wurden. Im jahre 1471 gab es 
(in der Kurie) gegen 650 käufliche Ämter, deren Einkommen man 
auf 100 000 Skudi berechnete«* 153 ^. Der Ämterverkauf nahm un¬ 
ter den nachfolgenden Päpsten laufend zu, Leo X. errichtete über 
1200 neue und brachte sie insgesamt auf2150, ihre Kosten erklet¬ 
terten Millionenhöhe. »Pius IV vermehrte sie aufviereinhalbtau- 
send, die Monti nicht gerechnet«* 153 ^. Die Korruption der katho¬ 
lischen Kirche ist hier im ganzen ungeheueren Ausmaß sichtbar; 
so wie es an der Spitze aussah, ging es selbstverständlich auch in 
den untergeordneten Rängen zu. 

»Aus dem apostolischen Palast wurde ein Bordell, und ein weit 
schandvolleres Bordell, als je ein öffentliches Haus sein konnte«, 
schrieb der päpstliche Zeremonienmeister Burkhard von Alex¬ 
ander VI.. Kaiser Maximilian klagte über den »so lasterhaf¬ 
ten und versoffenen Papst, als es Julius II. ist«! Dessen Nachfol¬ 
ger Leo X. aus dem hochadligen Hause Medici trieb Geldver¬ 
geudung, Volksausbeutung und Verhöhnung des Christentums zum 
Äußersten. Die Kirche betrieb frecher denn je - der Zweck recht¬ 
fertigt das Mittel - die Verdummung der gläubigen Christenherde 
und plünderte sie zugleich hemmungslos aus* 146 *. In Rom flös¬ 
sen ja die den Völkern, besonders Deutschen, entzogenen Geld¬ 
schätze zusammen. Historische Tatsache: »Je weniger Frankreich 
und England zahlten, um so mehr wurde Deutschland herange- 
nommen.«* 1471 Nur inf olge des Geldabflusses nach dem Italien des 
15. Jahrhunderts konnte, natürlich vor allem in Rom, in der Zeit 
größter Verelendung Europas die »Renaissance« blühen. Man ver¬ 
gleiche die lebensvollen, unverhohlen heidnischen Kunstwerke 
der Renaissance Italiens mit dem Todeskult in Deutschland! Weil 
in Italien das Geld umlief und seine Wirtschaft florierte, hatten 
seine Menschen - und die Künstler - eine andere, heitere, freu¬ 
digere und nicht gerade christlich zu nennende Einstellung zum 
Leben. Während zahllose deutsche Künstler betteln und hungern 
mußten, ließen sich Päpste »mit den Sünden der Deutschen«, 
wie einer von ihnen sagte, von Leonardo und Michelangelo 
und Raffael Kunst- und Kulturdenkmäler setzen. 

Italien, so zerrissen es politisch war, wurde - eben wegen des 
Geldzustromes - Vormacht der Renaissance-Zeit. Spitzenstel¬ 
lung behauptete seit dem frühen Mittelalter die (adlige) Kapitali- 
sten-Republik Venedig. Von allen wirtschaftlich, politisch und mi¬ 
litärisch gefürchtet, als grausam verrufen, scheute sie nicht Aus¬ 
einandersetzungen mit Kaiser und Sultan. Im europäischen Fi¬ 
nanzzentrum Venedig wurde 1400 die erste Bank im modernen 
Sinne (eine Bank dient bekanntlich zum Ausruhen, hier natürlich 
der Ruhe des Geldes) gegründet. Der italienische Großgrundei¬ 


gentümer-Adel griff in diese Finanz-Geschäfte ein, und bald über¬ 
stiegen die Profite daraus jedes erdenkliche Maß. Um 1450 ver¬ 
steuerte Cosimo Medici in Florenz ein Vermögen von 270 000 
Gulden. Weil Kapitalisten schon immer ungern Steuern zahlten, 
läßt sich vermuten, daß sein Vermögen zehnmal größer war als an¬ 
gegeben! Solche finanzielle Übermacht ließ sich ohne weiteres in 
eine politische umformen. Angehörige der reichen adeligen Clans 
Italiens erklommen und erkauften alle wichtigen Posten im Vati¬ 
kan. Die Kirche verfügte über ein sicheres Geldeinkommen. Sie 
war das Fundament der Völksbeherrschung und einflußreichste 
politische Macht Europas. Sie sorgte, daß Religion, Gesetze, Ge¬ 
richte und Polizei auf seiten der Geldbesitzer standen - darin un¬ 
terscheiden sich diese von Räuberbanden. 

»Wenn man bemerkt hat, daß die Wechselgeschäfte des Mittelal¬ 
ters ihre Ausbildung hauptsächlich der Natur der päpstlichen Ein¬ 
künfte verdankten, die in aller Welt fällig, von allen Seiten an die Ku¬ 
rie zu überweisen waren, so ist es nicht minder bemerkenswert, daß das 
Staatsschuldenwesen ... in dem Kirchenstaate zuerst systematisch ent¬ 
wickelt wurde« 1 ' 1 ^. 

Es besagt allerhand, wenn sogar Ranke die Schrittmacherrolle 
der römisch-katholischen Priester bei der Entwicklung des »mo¬ 
dernen« Finanzwesens auffiel, gewöhnlich wird sie verschwiegen. 
Wir freilich wissen um die 3 bis 4000 Jahre alte Verbindung zwi¬ 
schen Priestern und Geld. 

Solange die Brakteaten in der Wirtschaft galten, war Deutschland 
praktisch zinsfrei. Nach deren Abschaffung unterblieben Investi¬ 
tionen bis ein Zinsertrag wieder erhältlich war. Der hundertjäh¬ 
rige Verfall der Bergwerke und Industrien, die totale Verarmung 
des Volkes im Heiligen Römischen Reiche, die politische Ohn¬ 
macht des Staates haben die Ursache in der Wirtschaftskrise. Aber 
die Brakteatenzeit hatte die Städte geschaffen, hier war ganz un¬ 
möglich, auf das Tauschmittel zu verzichten. Bürger, Fürsten, Prie¬ 
ster waren auf Geld angewiesen. Wer »Geld um jeden Preis« be¬ 
schaffen muß, ist dem Wucherer ausgeliefert: Das päpstliche 
Zinsverbot scherte niemand - gewiß keinen Priester - sofern die 
Kirche etwas abbekam, z. B. über Meßgelder oder Beichtstuhl. 
Schaden trug allein die Wirtschaft, denn der Borger wurde mit der 
Risikoprämie belastet! 

So gab es bald in jeder Stadt Geldbesitzer (Kapitalisten) die Bür¬ 
ger, Handwerker und Grundbesitzer in finanziellen Schwierigkei¬ 
ten billig auskauften und ihren Reichtum auf Kosten der Abhän¬ 
gigen vermehrten. Seit etwa 1400 zeigte sich in den deutschen 
Reichsstädten das bedrohliche und zunehmende Auseinander¬ 
klaffen zwischen Reich und Arm. 

Die deutschen Neureichen gingen durchweg nicht aus dem Adel 
(der weitgehend verarmt war, siehe oben), sondern aus dem 
Handwerker- und Bürgerstande hervor. Nach italienischem Vor¬ 
bild gründeten sie in Deutschland Handelshäuser. So entstam¬ 
men die Fugger einer schwäbischen Weberfamilie, die vor 1350 
unbekannt ist. Im Jahre 1441 heiratet Jakob Fugger der Al¬ 
tere Barbara Bäsinger, Tochter des Augsburger Münzmei¬ 
sters. Bäsinger wurde der Münzfälschung beschuldigt und bank¬ 
rott erklärt, aber ausgezeichnete Verbindungen zur Kirche entsün- 
digten ihn. Man ernannte ihn zum Münzmeister zu Hall in Tirol! 
Großvater Bäsinger lehrte den zahlreichen Fuggerkindern die 
fromme Tour zum Reichtum. Während die Mehrheit der Handels- 
unternehmer Deutschlands sich auf Gewürze, Woll-, Metallwaren 
und ähnlichen »Kram« konzentrierte, setzte die Fuggerfamilie 
zielbewußt und erfolgreich auf das Geschäft mit katholischer Re¬ 
ligion, Rom und Kirche. Fünf Söhne Jakobs des Älteren führ¬ 
ten das Unternehmen. 


73 


Die zwei Jüngsten wurden Priester und gelangten bei der Ku¬ 
rie zu höchstem Ansehen. Marcus Fugger wurde 1471 »Se¬ 
kretär für Bittschriften beim Papste« und »der Generalvertreter 
für alle deutschen Benefizsachen«. Damit hielt er »eine Schlüs¬ 
selstellung im hochentwickelten Finanzwesen der Kurie. So mußten 
Bischöfe und Äbte bei ihrer Ernennung »servitia« bezahlen, die 
sich nach der Höhe der voraussichtlichen Einkünfte richtete. Das 
Abgabensystem war fein abgestuft und sorgfältig organisiert. Je¬ 
der Kirchenhirte, der seine Gläubigen in einem bestimmten Ge¬ 
biet ausbeuten durfte, mußte Rom an seinem Gewinn teilhaben las¬ 
sen. So floß ein ständig ansteigender Strom von Pfründen-, Pal¬ 
lien- und Annatengeldern aus allen Teilen der getauften Welt nach 
ROM« (148) . 

Das Fuggerhaus war als Generalvertretung der Kurie in Deutsch¬ 
land in den Geldfluß eingeschaltet. Es kassierte die fälligen Gelder 
bei den Prälaten und seine Niederlassung in Rom überwies sie an 
den Papst. Der fand Gefallen an dieser eleganten, risikolosen Ver¬ 
rechnungsmethode. Eine Hand wäscht die andere, dem zuweilen 
unbotsamen Venedig setzte er die Firma Fugger als Kuckucksei 
ins eifersüchtig gehütete Monopol -Nest. 

Als Marcus und drei weitere Brüder an der Pest starben, trat Ja¬ 
kob, jüngster Sohn der Barbara Bäsinger und Priester des Klo¬ 
sters Herrieden, in das Fugger-Unternehmen ein. Jakob reiste un¬ 
verzüglich nach Venedig und Rom, sich den wichtigsten Würden¬ 
trägern der Kurie bekannt zu machen. »Was es im Vatikan noch 
Dringendes zu erledigen gab, blieb leider unbekannt«* 148 / 1479 
war er wieder in Augsburg und riß die Geschäftsführung an sich. 
Systematisch baute Jakob Fugger den Bankzweig zur geheimen 
Privat-Anlage der hohen Priesterschaft aus. 

Geldeinnehmen war seit je heimlicher Daseinszweck der Priester. 
Dabei schnitt die Kurie nicht so vorteilhaft ab wie die weitaus zahl¬ 
reichere Mittelinstanz, die Bistümer. »Auf deutschem Boden gab 
es Fürstbischöfe, deren Vermögen das des Kaisers und mancher 
Herzoge bei weitem übertraf. Im Gegensatz zu den weltlichen 
Fürsten waren die reichen Pfründenbesitzer jedoch weniger daran 
interessiert, mit ihrem Vermögen zu protzen. Im Gegenteil, sie 
suchten es nach Möglichkeit vor den begehrlichen Blicken der rö¬ 
mischen Regenten zu verstecken. Einer der reichsten unter ihnen 
war der Fürstbischof von Brixen, Melchior von Meckau. Als 
Herr ausgedehnter Ländereien und bedeutender Erzgruben hatte 
er riesige Schätze in Form kostbaren Schmucks, goldenen Tafelge¬ 
schirrs, wertvolle Edelsteinsammlungen und erhebliche Mengen 
von Bargeld, das bei den verschiedensten Firmen und Banken de¬ 
poniert war, angesammelt« * 148 Z 

Melchior von Meckau war stiller Teilhaber des Fuggerkon¬ 
zerns. Seine Einlagen (»auf Geheimkonten«) übertrafen das Fir¬ 
menkapital bei weitem. Leicht vorzustellen, daß sich hinter vorge¬ 
haltener Hand das Vertrauen zu Fugger als Geldverwalter gehei¬ 
mer Priesterfinanzen herumsprach. »Es dauerte nicht lange, bis 
auch andere deutsche Fürsten und Kirchenherren solche Dien¬ 
ste der Fugger in Anspruch nahmen« * 148 Z Nicht alle höheren 
Priester waren vermögend: Kardinal Peraudi, Fürstbischof von 
Gurk, Beauftragter des Ablaßgeschäftes für Deutschland, »war den 
Fuggern hoch verschuldet«. Als Peraudi nicht mehr die Zinsen 
zahlen konnte, ließ Jaicob ihn ohne Erbarmen pfänden. Jakob 
rühmte sich vor dem Kardinal Ludwig von Aragon, »er habe 
bei der Besetzung sämtlicher deutscher Bistümer, bei manchen so¬ 
gar zwei-/dreimal mitgewirkt und daran verdient«. Ulrich von 
Hutten schrieb: »Die Fugger kaufen vom Papste, was sie spä¬ 
ter höher verkaufen; nicht allein Benefizien, auch dauernde Gna¬ 
den, man findet bei ihnen Bullen, und Dispense gehen durch ihre 
Bank, und es ist auf keine Weise leichter, das Priestertum zu er¬ 


reichen, als wenn du die Fugger zu Freunden hast. Sie sind die 
einzigen, durch die man in Rom etwas erreichen kann«. Fugger 
besorgte alles im einträglichen Religionsgeschäft: Ämtervermitt¬ 
lung und Reliquienverkauf, Überweisung von Holschulden, An- 
naten und Peterspfennig nach Rom, Anleihen an den Kirchen¬ 
staat, Finanzierung der Schweizergarde und Pachtung der päpstli¬ 
chen Münze von Julius II. Aber schließlich hatte er die Wahl auch 
dieses Papstes finanziert und damit den italienischen Kapitaliste¬ 
nadel ausmanövriert. Fugger war Hausbankier der Kirche ge¬ 
worden! Die Priester bewunderten ihn: »Er wurde reich von Gottes 
Gnaden«. Gott, Papst, Geld, Religion, Kirche erhöhten Jakob in 
30 Jahren zum bedeutendsten Großkapitalisten Europas. 

Als solcher erkannte er schon damals, daß die höchsten Gewinne 
erreichbar waren, wenn man die gesamte Geldherstellung priva¬ 
tisierte. Dazu brauchte er Münzmetall, und das lag unverritzt in 
stilliegenden oder schlecht gehenden Bergwerken. »Beraten von 
Großvater Bäsinger, der einst aus Augsburg hatte fliehen müs¬ 
sen, fing Jaicob mit Unterstützung der Mutter an, den kleinen 
Bergwerks- und Grubenbesitzern finanziell unter die Arme zu 
greifen«* 148 / Dank seiner Beziehungen zum hohen Klerus stieg 
er zuerst im Herrschaftsgebiet des Erzbischofs von Salzburg mit 
reichlich Kapital ein. 

Sein nächstes Ziel waren die Gruben Tirols, das reichste Erzberg¬ 
baugebiet Europas. Da die Tiroler Gewerke FuGGER-Geld nicht 
brauchten, hielt er sich an den Landesherren. »Herzog Siegmund 
der Münzreiche« verstand nichts von Geld und Geschäft, war 
hoch verschuldet (obwohl er im Jahre 1478 über 80000 Gulden 
aus seinem Bergregal zog) und froh, wenn ihm die Kaufleute ge¬ 
gen Verpfändung der Silbergruben etwas Bargeld in die Hand 
drückten. 1484 mogelte Jaicob Fugger sich in die Tiroler Silber¬ 
gewinnung. »Für jeden Gulden, den er Kredit gab, ließ er sich Ti¬ 
roler Silber überschreiben«* 148 / Bereits Ende 1488 war Jaicob 
Fugger der heimliche Herrscher Tirols. »Fugger zahlte fünf 
Gulden pro Mark Silber und verkaufte sie für acht Gulden an die 
staatliche Münze in Hall weiter, welche ebenfalls unter seiner Lei¬ 
tung stand. Binnen eines Jahres steigerten die Fugger den Aus¬ 
stoß der staatlichen Münze um das Fünfundzwanzigfache «* 148 Z 
Fugger erraffte Gewinnspannen von über 50%, was öffentliches 
Ärgernis auslöste. Jaicob nahm es nicht hin, machte - nach Vor¬ 
bild der italienischen Geldfürsten - in politischen Intrigen. Erver¬ 
einbarte mit dem nicht weniger geldgierigen, aber mächtigeren 
König Maximilian, den lästigen Herzog durch Staatsstreich zu 
stürzen (16. März 1490). Für den Erwerb Tirols mußte der Habs¬ 
burger die Schulden Siegmunds an Fugger übernehmen und 
verstärkte Ausplünderung seiner Bergwerke dulden. 

»1492 holte Jaicob Fugger für eine halbe Million Gulden Sil¬ 
ber aus den Tiroler Gruben. Drei Viertel brachte er, bewacht von 
schwerbewaffneten Truppen über die Grenze. Den Rest mußte 
die staatliche Münze teuer zurückkaufen. Der Export gemünz¬ 
ten Silbers war ein Bombengeschäft - die Tiroler Münzen, die ei¬ 
nen höheren Silbergehalt hatten als die deutschen, wurden in gro¬ 
ßen Mengen (ebenfalls) über die Landesgrenzen geschmuggelt 
und eingeschmolzen. Man brauchte dann die Münzlegierung nur 
mit billigen Metallen anzureichern, bis der Silbergehalt genau den 
deutschen Münzen entsprach und konnte etwa anderthalbmal so¬ 
viel Geld daraus prägen«* 148 / 

Nur durch rücksichtslosen Machtgebrauch kann der Geldbesit¬ 
zer Vermögen und Profite vor Angriffen des betrogenen Volkes - 
und zahlreicher Neider - sichern. Jaicob Fugger wußte mit sei¬ 
nem Geld (und dem der Oberpriester, welches sie bei ihm »in¬ 
vestierten«) sich nicht nur mit den Machthabern gut zu stellen, 
er betrieb private Machtpolitik auch außerhalb der Kirche. Er er- 


74 


kämpfte das Monopol im mitteleuropäischen Kupferbergbau und 
der Silbergewinnung. Er bestach Beamte, um Willkür und Wider¬ 
stand der Fürsten, besonders Maximilians, zu brechen. Jaicob 
Fugger bezahlte die bedeutendsten Publizisten seiner Zeit, den 
berühmten Humanisten Konrad Peutinger und den Theolo¬ 
gen Dr. Ecic, den Gegner Luthers, damit sie Fugger, Kirche 
und Geld-Kapitalismus verteidigten. Ulrich von Hutten hat 
einen Bestechungsversuch Fuggers abgewiesen. 

Mit Widersachern - oder die, die er dafür hielt (Luther gehörte 
nicht dazu!) - ist Jakob Fugger immer brutal umgesprungen. 
Seine Augsburger Geschäftsfeinde Brüder Gossembrot starben 
unter verdächtigen Umständen und den Tiroler Bergarbeiterfüh¬ 
rer Michael Gaismaier ließ er zu Tode hetzen. Er stürzte den 
ungarischen König, als der sein Kupfergeschäft in den Karpaten 
bedrohte; der Fall Siegmunds von Tirol ist bereits erwähnt. So¬ 
gar Priester seiner Augsburger Kirche ließ Jakob verjagen. 

Sein größter Triumph war unzweifelhaft die Wahl Karls V zum 
Kaiser, die er mit 851918 Gulden finanzierte. »Finanzierte« 
heißt, daß er sich dafür bezahlen ließ, mit Bergwerken, Münzrech¬ 
ten, Ländereien und Titeln. Er verachtete die Kurfürsten (am mei¬ 
sten den »geldgierigsten von allen«, Joachim I. von Branden¬ 
burg), die Bestechungssummen zur Wahl des Spaniers kassier¬ 
ten und sie zur Bezahlung ihrer eigenen Schulden hergeben mu߬ 
ten. Seine Menschenverachtung kommt in seinem berühmten 
Briefe an Kaiser Karl V. zum Ausdruck, dem er schrieb, »es ist al¬ 
ler Welt kund, daß Eure Majestät ohne mein Geld nicht wäre Kai¬ 
ser geworden«. 

Die innige Beziehung zwischen Fuggers Geld und Katholischer 
Kirche machte Augsburg zum New York und »Wallstreet« des 
Mittelalters. Die Historiker hätte längst stutzig machen müssen, 
warum Kaiserbesuche, Reichstage, Ablaßverkündigungen, Reli¬ 
gionsvereinbarungen, Konferenzen, Dispute und Friedenschlüsse 
auffallend häufig in der Reichsstadt Augsburg stattfanden. 

Wirtschaftsaufschwung - Ursache der Reformation! 

Die Wirkung massenhafter Vermehrung mehr oder weniger ge¬ 
fälschter Münzen war eine allgemeine Belebung der Warennach¬ 
frage. Wir sahen oben, daß nach rund 150 Jahren 1489 wieder die 
Preise stiegen. Diese Tatsache genügte, das überall verschätzte 
Geld ebenfalls in den Verkehr zu bringen. Es büßte ja ständig an 
Kaufkraft ein. Jeder Geldbesitzer ist klug genug diesen Verlust auf 
andere abzuwälzen, indem er Waren und Land kauft oder es ver¬ 
leiht. Weitere kapitalistische Unternehmen, vor allem im Bergbau 
wurden möglich. 1491 wurden die Silbervorkommen von Anna- 
berg, Schneeberg und Marienberg entdeckt und 1495 erschlos¬ 
sen. 

Die Münzverschlechterung trug entscheidend bei, viele Entdek- 
kungsunternehmen zu finanzieren. Das Versprechen auf reiche 
Beute und damit der anhaltenden Geldnot abzuhelfen (auch für 
Spanien wurde die amtliche Münzfälschung inzwischen nachge¬ 
wiesen), machte Mittel für ein paar winzige Schiffe flüssig, mit de¬ 
nen 1492 ein Jude namens Columbus nach Westen segelte, um 
Amerika - oder Indien, wie er vorgaukelte - zu entdecken. Tat¬ 
sächlich ist er geheimgehaltenen Kursen der Wikinger nachge¬ 
fahren, die er selbst ausspioniert hatte. Neu ist sein Geschrei nach 
echter Judenart, das Amerika und seine Edelmetalle in jeder¬ 
manns Mund brachte. Geld kam auf den Markt, infolgedessen zo¬ 
gen nun überall in Europa die Warenpreise kräftig an. Die Neuzeit 
beginnt mit einer auffallenden wirtschaftlichen Abwärtsbewegung 
(Konjunktur). 

»Allgemeiner Aufschwung um 1500. - Erwachen des nationalen 
Bewußtseins. - Die Verfassungskrisis. - Die kirchliche Krisis. - Lu¬ 


thers Auftreten -»In diesen Stichworten faßt Haller die um¬ 
wälzende politische Entwicklung in Deutschland zusammen. 
»Auf dem Felde der Volkswirtschaft ist der gewaltig gestiegene 
Reichtum unverkennbar. Noch kann sich Deutschland am Wohl¬ 
stand nicht mit Italien, den Niederlanden oder Frankreich mes¬ 
sen, obwohl einzelne Erscheinungen zeigen, daß der Abstand 
nicht sehr groß gewesen sein kann. Ein Land von wachsendem 
Wohlstand. Dem Reichtum geht die Bildung zur Seite. Zugleich be¬ 
kommt das Bild einen eigentümlichen Zug, der Deutschland vor 
anderen Ländern auszeichnet. Das ist die erstaunliche Verbreitung 
geistiger Bildung in weitesten Volkskreisen. Mit den Universitäten 
sind auch die Mittel- und Volksschulen aufgeblüht, und seit die 
Erfindung des Buchdrucks den Namen der Deutschen zum ersten 
Male in Verbindung mit einer Großtat der Technik in aller Welt 
berühmt machte, da war in Deutschland selbst das Mittel gefun¬ 
den, um auch den weitesten Kreisen die Teilnahme am geistigen 
Schaffen und geistigen Kämpfen zu eröffnen. Durch diese seine 
»deutsche Kunst« hatte das deutsche Volk mit einem Schlage ei¬ 
nen Vorsprung vor allen anderen in allen seinen Schichten gewon¬ 
nen. Ulrich von Hutten hatte recht, wenn er ausrief: >Die Wis¬ 
senschaften blühen, die Geister wachen auf, es ist eine Lust zu le- 
ben!<«^ 149 \ Er verließ das Kloster Fulda, wo er zum Priester erzo¬ 
gen werden sollte. In Notzeit wäre ihm die »Lust zu leben« nie 
gekommen! Wir hören von Sebastian Brant und Hans Sachs, 
Albrecht Dürer und Hans Holbein, Veit Stoss und Peter 
Vischer, Paracelsus in der Heilkunde, Nicolaus Coperni- 
CUS in der Sternkunde, Agricola (De re metallica), von Feder¬ 
uhr, Bleistift und - Zeitungen. 

Indem sich die Wirtschaftslage allgemein besserte, verringerte sich 
im gleichen Maße die Daseinsorge, zugleich lockerte sie den gei¬ 
stigen und geistlichen Würgegriff der frommen Gewaltherrschaft. 
Im vollen Brotkorb kamen die Zweifel am christlichen Glauben 
mit auf den Tisch! Wie rasch dieser Umschwung sich auswirkte, 
zeigt die noch kurz zuvor erfolgte Wiedereinführung des Rö¬ 
mischen Rechtes für Deutschland (1497) und die Hinrichtung 
Savonarolas (1498). Aber nun rebellierten mutige Menschen 
nicht mehr erfolglos gegen den hundertjährigen Terror der Prie¬ 
ster. Man pochte auf die Gedankenfreiheit als ein selbstverständli¬ 
ches Naturrecht. Als Nicolaus Copernicus nach 1500 in Bolo¬ 
gna studierte, machte man sich dort über die Religionslehren der 
Kirche lustig, und schon 1507 hatte er sein berühmtes Weltbild in 
Arbeit. Als Ulrich Zwingli 1506 die Universität Basel bezog, 
lehrte dort der Theologe Thomas Wyttenbach: »Die Messe ist 
ein römischer Betrug«! 1415/17 erschienen die »Briefe der Dun¬ 
kelmänner«, die Scholastik und Pfaffentum lächerlich machten. 
Jene fanatisch religiös frommen Geldkapitalisten, die durch unge¬ 
hemmten Ausstoß gemünzten Geldes die Preissteigerungen aus¬ 
lösten, konnten nicht wissen und vorhersehen, daß sie die Men¬ 
schen vom Alpdruck des Kirchenglaubens befreiten und dadurch 
die Willkürmacht von Geld und Priester untergruben. Sie wu߬ 
ten ebensowenig, daß Geldvermehrung auch den Geldumlaufbe- 
schleunigt und damit bei allen, die mehr als das Lebensnotwen¬ 
dige verdienten, Kapitalbildung möglich machte, welche in Wett¬ 
bewerb mit dem Großkapital treten und seine ungeheuren Ge¬ 
winne beschneiden mußte - zum allgemeinen Wohle. Viertens 
besorgten wachsendes Einkommen und Gedankenbefreiung, daß 
die Profite der Geldbesitzer öffentlich bekannt wurden, das ausge- 
beutete Volk zu Widerstand, Kritik, Empörung ermunterten. 
Kirche und Großkapital bekämpften jegliche Lebensverbesse¬ 
rung der Völksmasse. Auf jede erdenkliche Weise versuchten sie, 
dem Volke sein hart verdientes Geld wieder abzunehmen. Löhne 
wurden gedrückt, Profite erhöht. Jakob Fugger machte sich da- 


75 


mit im Tiroler Bergbaugebiet gründlich verhaßt. So wie die Geld¬ 
größten heutzutage alle »Bürger« beeinflussen, Autos zu kau¬ 
fen^ 50 * und damit zwingen, hochprofitable Erdölprodukte (Ge¬ 
winnspanne 1000%) zu verbrauchen, so schreckten die Priester 
damals mit »Fegefeuer«-Paniken das Volk, damit es den Großka- 
pitalisten seinen Arbeitslohn opfere. Hauptverdiener an Ablässen 
in Deutschland war nicht die Kirche, sondern Fugger, der ver¬ 
traglich 50% der Einnahmen einsteckte. Seine Schlüsselrolle im Ab¬ 
laßhandel ist ein klassisches Beispiel wie Geld und Religion, Ban¬ 
kiers, Priester und Hochadel zusammen wirken gegen das schaf¬ 
fende Volk. Das große Schwindelgeschäft funktionierte freilich 
nur solange, wie das Volk durch Not verängstigt war. 

Diese Zustände gingen infolge der Konjunktur zuende. Wach¬ 
sende Gedankenbefreiung beachtete man höheren Ortes nicht 
als Warnsignale, als Albrecht, der Bruder des brandenburgi- 
schen Kurfürsten Joachim I. imjahre 1513 Erzbischof zu Magde¬ 
burg und außerdem Herr des Bistums Halberstadt werden wollte. 
Kaum hatte er die zur Ernennung erforderlichen Geldbeträge - 
über Fugger - an die Kurie entrichtet, als der Platz des Kurfür¬ 
sten und Erzbischofs von Mainz vakant wurde. Dieses geistliche 
Kurfürstentum stand als reiches Ausbeutegebiet der Kirche in be¬ 
neidetem Rufe und dementsprechend war der Erzbischofstuhl 
teuer. Albrecht erreichte auch da seine Wahl, mußte aber dafür 
bei Fugger 21000 Gulden borgen. Sogleich begann er, in seinen 
Gebieten eine Sondersteuer von 40% der Einkommen einzutrei¬ 
ben, was allerdings kaum reichte, die beträchtlichen Jahresgelder 
an die Kurie zu entrichten. Weitere Beträge waren aus den herun- 
tergewirtschafteten, ausgepreßten Mainzer Landschaften einfach 
nicht herauszuholen. Da schlug Johannes Zink, Fuggers Fak¬ 
tor zu Rom, dem Papste vor, für acht Jahre einen großen Ablaß in 
ganz Deutschland und einen Sonderablaß für Skandinavien zu 
verkünden, die tüchtigsten Geldsammei-Prediger einzusetzen 
und alle anderen Ablässe zu stunden. 

Als Kaiser Maximilian, in ewiger Geldnot lebend, davon hörte, 
forderte er für sich ein Drittel der Ablaßeinnahmen. Jakob Fug¬ 
ger, der sie alle finanziell in der Hand hatte, brachte die Auftei¬ 
lung der erhofften Beute nach erbitterten Streitigkeiten (begreif¬ 
lich!) vertraglich zustande. Leo X. verkündete am 1. August 1514 
den »Großen Ablaß« für den Bau des Petersdomes. Aus Sicht 
der Beteiligten eine notwendige taktische Lüge, die nur Dumme 
und eine Anzahl Historiker geglaubt haben. Der Zynismus dieses 
skrupellosen Volksbetruges aus Geldgier, den sich der hohe Adel 
(weltlich und geistlich) im Bunde mit Kirche und Großbank Fug¬ 
ger herauszunehmen erlaubte, ist bemerkenswert. Zuversichtlich 
rechneten sie alle, nun würde bald, wie bisher immer »das Geld 
im Kasten klingen«. 

Der Propagandaaufwand übertraf alles bisher Dagewesene. Tet- 
zel war teuer (dieser »Bettel«-Mönch bezog 300 Gulden monat¬ 
lich!), hinter jedem Ablaßprediger standen ein kaiserlicher Kom¬ 
missar und ein Fuggerangestellter; das Finanzhaus Fugger be¬ 
rechnete selbstverständlich Tantiemen, Gebühren und Zinsen für 
Kasse, Abrechnungen, Vorschüsse und Überweisungen. 

Aber nach vier Jahren, im September 1518, machte Jakob Fug¬ 
ger Zwischenbilanz und stellte fest, daß das Ablaßgeschäft zu¬ 
gunsten Albrechts, Maximilians und Leos - jedoch nicht für 
Fugger - gründlich mißraten war. Über 6000 Gulden waren we¬ 
niger eingenommen worden als das Eintreibeunternehmen ko- 
stete^ 145 / Ohne Frage war der Volkszorn der Deutschen schon 
kräftig aufgeladen; der Ablaßhandel ins Wanken geraten lange be¬ 
vor Luther die 95 Thesen verkündete. 

Luthers Herausforderung schlug ein wie der Blitz in ein Pulver¬ 
faß. Er verkündete, die göttliche Gnade sei ganz umsonst zu erhal¬ 


ten, folglich zahle man dafür nicht mehr. Wie Lauffeuer verbreitete 
sich der Widerwille, sauer verdientes Geld für nichts der Kirche 
abzuliefern. Man behielt das Geld in der eigenen Tasche und gab 
es für sich selbst aus. Ein Sturmwind des Zornes und Freiheitswil¬ 
lens durchbrauste das deutsche Volk. Innerhalb eines Jahres wa¬ 
ren 9/10 Deutschlands von der Kirche abtrünnig. Geistliche Er¬ 
pressungsmittel verloren alle Wirkung. Zunächst begnügte sich 
das Volk mit dem Boykott des Ablasses, der Messen, Wallfahrten, 
es stiftete nicht mehr den Altären aus Furcht vor der Hölle. Infol¬ 
gedessen waren Kirche, Priester, Mönche und Nonnen ohne Ein¬ 
kommen. Wieder spürten die Klöster den Niedergang zuerst. Wer 
hat schon Lust, Armut, Keuschheit und Gehorsam zu geloben 
oder einzuhalten, wenn man in Freiheit leichter Geld verdienen 
kann? Wen interessiert die Klosterregel, wenn man in der freien 
Welt viel schöner und lustiger leben kann? Nicht nur Nachwuchs, 
die Novizen blieben plötzlich aus. Mönche fehlten, die umfang¬ 
reichen Klosterbesitzungen und Unternehmen zu beaufsichtigen. 
Ihre Arbeiter liefen fort, dorthin, wo etwas und mehr zu verdie¬ 
nen gab, andererseits wurde das Loch im Säckel der Kirche stän¬ 
dig größer. Da die Oberpriester niemals daran dachten, ihrem 
Fußvolk in Not finanziell unter die Arme zu greifen, blieb den klei¬ 
nen Pfarrern gar nichts anderes übrig, als entweder einen weltli¬ 
chen Beruf zu suchen oder sich an den geheiligten Schätzen der 
Kirchen zu vergreifen. Und so wurden die seit Jahrhunderten an¬ 
gesammelten kostbaren Silber- und Goldgeräte, Monstranzen, 
Kelche, Kruzifixe, Vötivgaben, alles was irgendeinen Markt- und 
Geldwert hatte, verhökert, »versilbert«, eingeschmolzen, ausge¬ 
münzt. Mehr Geld kam in den Verkehr, heizte den »Wirtschafts¬ 
boom« an - und den um sich greifenden Ungehorsam gegen die 
Kirche. »Selbst verbriefte Verpflichtungen, wie die Lieferung 
von Naturalien, der Entgelt für Grundstücksnutzung (Güllen) 
und der Bischofszehnte werden der Kirche versagt. Im Havelland 
schlagen bereits die ersten Ritter das Kirchenland ihren Besitzun¬ 
gen zu, ohne daß sie zur Rechenschaft gezogen werden«. Vergeb¬ 
lich versuchten höhere Priester und Landesherren (Brandenburgs 
Kurfürst Joachim I.), die Völksbefreiung mit Gewaltmitteln ein¬ 
zudämmen. Aber was vermögen elende, ahnungslose Machthaber 
gegen die Wucht umlaufenden Geldes und der dadurch ausgelö¬ 
sten Wirtschaftskonjunktur! 

Weder Luther noch seine Zeitgenossen begriffen die Verflech¬ 
tungen zwischen Geldfinanz, Wirtschaft, Politik, Religion, Kir¬ 
che und Abfall des Volkes vom Glauben. Die innere Lähmung des 
Papsttums und Größe der Stunde erkannte man nicht. Sie wäre 
zu nutzen gewesen. Es gab nicht wenige, die Luther als Papst ei¬ 
ner neuen, befreiten deutschen Kirche sehen wollten. Doch Lu¬ 
ther war kein Mann mit Führereigenschaften. Er ist nie als Volks¬ 
führer oder —prediger durch die deutschen Lande gezogen, das 
Volk für sich und seine Lehre zu gewinnen. Er vergraulte Mit-Re- 
former durch seine Überheblichkeit. Er konnte unter Ebenbürti¬ 
gen nicht einmal im kleinsten Kreise überzeugen. War es nicht hu¬ 
manistisch- theologische Eifersucht, als Luther in Marburg nur 
wegen Zwinglis überlegener Dialektik die junge Kirche spal¬ 
tete? Er stritt mit seinen Gefolgsleuten, die daraufhin ihre eigenen 
Wege gingen. Und wenn sie das taten, befehdete, schmähte und 
verachtete er sie. Nur einer macht die große Ausnahme: Philipp 
Schwarzen, der sich Melanchthon nannte und den man als 
Mephistopheles an Luthers Seite bezeichnen kann. Ein Mann 
hoher Bildung, aber als eifriger Humanist ein anmaßender, durch 
und durch verdorbener Charakter, ein Kompromißler, Oppor¬ 
tunist, Heuchler und Feigling, in echtem Humanistendünkel ein 
Feind des Volkes, der geistiger Vater des bornierten protestanti¬ 
schen Pfarrertums wurde und der Reformation den Schwung 


76 


nahm. Er stand mit römischen Kardinalen, auch mit Calvin in 
freundlichem Briefwechsel. Nach Luthers Tod, »als die Augen 
der lutherischen Christenheit auf ihm ruhten, hat er sie mit dem 
»Leipzigerlnterim« (1548) schmählich verraten. Es war schreck¬ 
lich, daß Melanchthon so tief sinken konnte«, klagt ein luthe¬ 
rischer Theologe. 

Luthers Wirken wurde merkwürdigerweise immer anders auf¬ 
gefaßt als er selber meinte. Bibelübersetzungen ins Deutsche hat 
es viele vor Luther gegeben, aber nur seine fand Widerhall. Mit 
ihr wollte Luther seinen Theologenglauben in die Seele jedes 
Deutschen einpflanzen, damit er »ein Christenmensch« würde. 
Seiner meisterhaften Beherrschung der deutschen Sprache we¬ 
gen ward sie ein kultureller und nationaler Riesenerfolg, zum eigent¬ 
lichen Überwinder des Humanistenschwindels, was kaum im 
Sinne Luthers, noch weniger Melanchthons war. Luthers 
Sprachschöpfung wurde die Wiedergeburt der deutschen Nation. 
Ohne ihre Urwüchsigkeit wäre sie in zahllose Völkchen und ört¬ 
liche Mundarten zerfallen, die vom fremdsprachigen internatio¬ 
nalen Priesterbund geknechtet, sich nicht mehr verstanden und 
ewig bekriegt hätten. Wieder erkennen wir den mächtigen Einfluß 
der Wirtschaftsblüte (d. h. des Geldzustroms) auf die Kräftigung 
des Nationalgefühls. 150 Jahre geteilt, geschwächt, geschunden, 
besann sich die deutsche Nation jetzt auf ihre eigenen inneren 
Werte. Begeistert warf Ulrich von Hutten den volksfremden 
Zwingherren den Fehdehandschuh hin: »Latein ich geschrieben 
hab, jetzt aber schreib ich an das Vaterland! Den Rauch, welcher 
der deutschen Nation die Augen blendete, wollen wir wegblasen, 
damit das Licht der Wahrheit hell aufleuchte«! 

Außerhalb Luthers Denkvermögens waren auch die politischen 
Folgen seines Kampfes gegen Rom. Er bewog klügere Landesfür¬ 
sten, sich der Reformation anzuschließen und als Beschützer und 
Förderer des Protestantentums aufzutreten. Die Fürsten erkann¬ 
ten ihrerseits, daß die Schwäche des Papsttums finanzpolitisch aus¬ 
nutzbar war. Wenn die Staatsmacht nicht leer ausgehen wollte, 
mußte sie bei der Einziehung des Kirchevermögens die erste sein. 
Luther lieferte ihnen die moralische Rechtfertigung, die römi¬ 
sche Kirche zu plündern. Von Ursache, Politik und Erfolg her 
gesehen, waren »Reformation« und »Protestantismus« zu 
allererst eine Geldsache und profanes Geschäft. 
Grundeigentum, Klöster und Kircheneinkünfte konnte der Lan¬ 
desfürst »säkularisieren«, d. h. zu seinem Vermögen schlagen. 
Wäre Luther wirklich der Mann des Volkes gewesen, als der er 
nach seinen Reden, Schriften und Volkstümlichkeit schien, hätte 
er die Fürsten moralisch zwingen müssen, das Land dem Volke 
zurückzugeben. Damit wäre ihnen und Luther eine Gefolg¬ 
schaft entstanden, die gegen alle späteren Angriffe der Papstkirche 
standgehalten hätte, ja die sich eher hätte totschlagen lassen als zu 
weichen. Luther war unfähig, solche Möglichkeiten zu erken¬ 
nen. Die theologische Brille verdarb seinen Blick für alles taktisch 
und politisch Notwendige. Er riet dem Deutschordens-Hochmei- 
ster Albrecht, die Reformation in Preußen anzuerkennen. Der 
legte ihn aus, polnischer Lehnsmann zu werden, sich den Ordens¬ 
staat anzueignen und das Land unter seinen Rittern zu verteilen, aber 
das einfache Volk weiter zu unterdrücken und auszubeuten. Auch 
im neuen Herzogtum Preußen gab es Bauernrebellionen. 
Luthers Absichten blieben eben immer rein theologische, nie¬ 
mals nationale, politische oder dem Volkswohl dienende wirt¬ 
schaftliche. Wie konnte er, der Bibelübersetzer, so blind sein, Übel 
undUnrecht der »Gottesordnung« zu übersehen? Für die Klagen 
der gequälten und ausgebeuteten Menschen, die er seit seiner Ju¬ 
gend kennen mußte, hatte Luther das Gehör verloren - falls er 
es jemals besaß. Ob er wollte oder nicht, er hat von den immer¬ 


währenden Unruhen des bedrückten Volkes erfahren: Von den 
Aufständen der fränkischen, elsässischen und rheinischen Bauern 
(1502), der Bauern in Württemberg 1514, vom »Bundschuh«, 
»Armen Konrad« und den Bitten an ihn, ihnen bei den Fürsten 
zu helfen, die Menschenrechte zu gewähren. Luther lehnte ab, 
ausdrücklich billigte er die Leiheigenschaft und meinte: »Der ge¬ 
meine Mann müsse mit Bürden überladen sein, sonst werde er zu 
mutwillig! «^ 15 Ü Ihn ärgerte, daß das Volk die vielen Erpressungen 
der Kirche nicht länger hinnahm, daß es - nicht zuletzt dank sei¬ 
ner 95 Thesen und der Konjunktur - jetzt viel besser lebte als frü¬ 
her. Erbittert kämpfte er gegen die Verweltlichung an. »Aber siehe 
die vorige Zeit an, da keine rechte Religion war(!), und die Leute 
auf Abgötterei und Götzendienste und zum Vertrauen auf eigene, 
selbstgewählte Werke geführet wurden: Da war des Gebens we¬ 
der Maß noch Ende, da schneite es zu mit aller Macht. Da war je¬ 
dermann willig zu geben, alle Klöster voller Mönche (!), alle Stifte 
voll Meßpfaffen nährte man, man gab ihnen genug, ja alles über¬ 
flüssig. Kirchen wurden mit Silber und Gold aufs allerschönste 
und reichlichste geschmückt und gezieret, ja überschüttet« (lsl) . 
Gerade darum richtete sich die Völkswut zuerst gegen die Klö¬ 
ster. Mönche und Nonnen wurden vertrieben. Zorn und Haß hat¬ 
ten sich gegen das Grundeigentum der Kirche seit Jahrhunderten auf¬ 
gestaut, endlich entluden sie sich. Billigung von Ausbeutung und 
Unterdrückung kann die Kirche nicht auf die Dauer mit Predigten 
und Bibelsprüchen abwehren. 

Luthers Verrat an den Bauern, seinen größten politischen Mi߬ 
griff, erkannten schon seine Zeitgenossen als unbegreiflich. Der 
gute Christ Martin Luther bewies in seinen Haßpredigten 
»wider die mörderischen und räuberischen Horden der Bau¬ 
ern« (man liest sie mit Ekel) wie wenig er die Ursachen der Re¬ 
formation begriffen und seitdem nichts dazu gelernt hatte. Was 
er als Theologe als Recht und berechtigt erklärte, nämlich gegen 
seine eigene höchste Autorität Papst und Kurie zu rebellieren, ihr 
den Gehorsam aufzukündigen, sie bis aufs Messer zu bekämpfen, 
das bestritt er aus den gleichen theologischen Gründen dem deut¬ 
schen Volke: Er erklärte in seinen »Ermahnungen zum Frieden«: 
Selbst das größte Unrecht, das die Obrigkeit an den Untertanen 
verübe, sei unwidersprochen zu ertragen. Denn »die Obrigkeit 
ist von Gott eingesetzt«, »der Christ soll der Obrigkeit untertan 
sein mit Furcht und Ehrerbietung«, »der Christ (soll) so gesinnt 
sein, daß er alles Übel und Unrecht erleidet und nicht sich selbst 
rächt«. Luther hat damit den hinterhältigen Zweck des natur¬ 
widrigen, jüdischen Christentums wie kein anderer offenbart: 
Päpste haben sich niemals so verräterisch ausgesprochen. Ja, sogar 
den Bannfluch der Kirche wollte Luther aufrechterhalten, »um 
die Bösen zu strafen und in Furcht zu halten« - und er begrün¬ 
dete das ausführlich theologisch. Man fragt sich von neuem, was 
für ein seltsamer Mann Luther war, der »dem Volke aufs Maul 
schaute« und volksfremd sein Wirken zum Gefallen der Unter¬ 
drücker mit theologischen Spitzfindigkeiten verdarb. Der »Refor¬ 
mator«, der Mann aus dem Volke, war dessen größter Feind, so¬ 
bald es das Ausbeutesystem und die kapitalistische Wirtschaft an¬ 
rührte. Für die Kirchen, ob katholisch oder evangelisch, gab (und 
gibt) es auf diesem Gebiet keine Reformen. 

Viele Geistliche empörten sich gegen den Luther im Lager der 
Volksbedrücker und traten auf die Seite der Bauern. Sie halfen mit 
an dem großen politischen Programm, das bis heute der Erfüllung 
harrt. Es forderte im gründe die Wiederherstellung der germani¬ 
schen Rechts- und Wirtschaftsordnung: Beschränkung des Zehnten 
auf den großen Kornzehnten, völlige Aufhebung des Viehzehn¬ 
ten, gänzliche Abschaffung der Leibeigenschaft, Beschränkung 
desjagdprivilegiums, Herausgabe der den Gemeinden widerrechtlich 


77 


entrissenen Waldungen, Wiesen und Äcker, Abstellung oder wenigstens 
Beschränkung der Gilten (Grundzinsschulden), der Fronden und 
sonstigen Dienste, Reform des Gerichtswesens, Abschaffung des so¬ 
genannten Todfalles, wodurch die Witwen und Waisen so schwer 
litten. Man kann aus diesen, durchaus berechtigten Forderungen 
ersehen, wie unmenschlich sich die private Grundherrschaff aus¬ 
wirkte, welch ein alles zersetzender Einfluß auf die Ordnung von 
Staat und Gesellschaft von ihr ausging. Schließlich berieten die 
Bauernkongresse sogar über eine Reform der Reichsverfassung, 
in vielem dem Wirken des Frankfurter Paulskirchen-Parlaments 
ähnlich. »Aber mit Recht, Einsicht, Vernunft und Vaterlandsliebe 
hat man gegen Despoten, Söldner und Kanonen noch nie etwas 
ausgerichtet« ( 152 \ 

Die regellosen Aufstände der Bauern, auch der Bergleute, schreck¬ 
ten Fugger auf. Das Erste Finanzhaus Europas fühlte sich bedroht 
und stellte reichlich Geld (dessen Macht die Bauern vergessen hat¬ 
ten ), zur Verfügung, das Volk wieder zu unterwerfen. Die hochver¬ 
schuldeten Fürsten waren so dumm, für ein paar tausend geliehene 
Gulden ihren eigenen finanziellen Bedrückern dankbar zu sein, 
anstatt sie mit Hilfe des Volkes von sich abzuschütteln! Was für 
eine kurzsichtige, elende, feile Elite! Sie führte gehorsam Krieg ge¬ 
gen ihre eigenen Untertanen - angespornt und unterstützt durch 
die Kirchen (beide, die katholische und evangelische). 

In den Bauernkriegen ging es der hohen Geistlichkeit unstreitig 
um ihre Existenz. Denn die Aufstände tobten am heftigsten und 
längsten in den von katholischen Kirchenfürsten beherrschten Län¬ 
dern Deutschlands. 

»Wer an den Folgen des Bauernkrieges am meisten litt, war die 
Geistlichkeit. Sie hatte überall am wenigsten Widerstand leisten 
können, und zu gleicher Zeit war die Wucht des Volkshasses am 
schwersten auf sie gefallen. Die anderen Stände, Fürsten, Adel und 
Bürgerschaft hatte sogar eine heimliche Freude an der Not der 
verhaßten Prälaten. Auch die Herrschaft der geistlichen Fürsten 
war angetastet worden, und die weltlichen Fürsten verstanden es, 
den Volkshaß nach dieser Seite hin auszubeuten. Bald waren in 
den protestantischen Ländern die geistlichen Besitzungen in den 
Händen der Fürsten oder der Ehrbarkeit«^ 153 \ 

»Mit Gottes Hilfe« wurden die ihrer germanischen Tradition ent¬ 
wöhnten, schlecht geführten Bauernheere geschlagen, die Überle¬ 
benden verfolgt, gerichtet, gehängt, die Augen ausgestochen, so¬ 
gar lebendig gebraten. Mit Geld und Versprechungen wurden Bau¬ 
ernführer zum Verrat bestochen und nach dem Erfolg zynisch hin¬ 
gerichtet. Es gibt keine Teufelei, die von den frommen Banden der 
Fürsten und christlichen Hierarchie nicht begangen wurde, um 
Privatgrundeigentum und Knechtung grausamer als zuvor wieder 
herzustellen. Kein einziger Chronist jener Zeiten, die mit Genuß 
so viel Böses beschreiben, berichtet uns von einem Befehl, ja nur 
Appell der christlichen Priesterschaft zur Mäßigung oder Liebe 
und Vergebung an armen Bürgern und Bauern zu üben. Und wa¬ 
rum auch? Die Bauern hatten die »Gottesordnung gestört«, und 
nach alter Druidenlehre wurde alles wider sie aufgeboten, denn 
»die Völker haben die Pflicht, die gestörte Gottesordnung auch mit 
Gewalt wiederherzustellen«, wie der fromme Kardinal Frings von 
Köln am 23. Juli 1950 diesen uralten Priestergrundsatz öffentlich 
für unsere jetzige Generation wiederholt hat. 

Die Fehler der Bauernführer sind allerdings nicht zu beschönigen. 
Zweifellos war Thomas Müntzer gescheit genug geworden um 
zu erkennen, daß man als armer Christ und mit Berufung auf die 
Bibel bei den Mächtigen nichts ausrichtet. Denn um die Ausbeu¬ 
tungswirtschaft zu rechtfertigen, berief sich ja die Gegenseite, Lu¬ 
ther wie die katholische Hierarchie, auf die gleiche Bibel. Das 
waren keine Widersprüche, denn alles verhielt sich so doppelzün¬ 


gig, wie Jesus einst lehrte und lebte. Hätte Müntzer länger ge¬ 
lebt, er wäre vielleicht als ein neuer Arnold von Brescia oder 
Wycliffe aufgetreten, jedoch ist fraglich, ob seine Anhänger mit¬ 
gemacht hätten. Die Fesseln der Religion und Ketten des Privat¬ 
grundeigentums konnten die Bauern nicht sprengen. Wie wir es 
von den Deutschen so oft erfahren haben, blieben sie auf dem hal¬ 
ben Wege der Volkserhebung stecken. Sie meinten, wirtschaftli¬ 
che Freiheit, politische Rechte und Kirchehörigkeit seien verein¬ 
bar. Daher ihre Anhänglichkeit an Pfarrer als Völksführer, ihre 
Forderungen, »das Wort Gottes rein gepredigt zu erhalten« und 
sich dazu ihre Pfaffen wählen zu dürfen. Diese Pseudo-Elite war 
nie Völksführer, sie wußte von Geschichte fast nichts, von Wirt¬ 
schaftsfragen noch weniger und Politik war für sie Glatteis. Ihre 
Einfältigkeit, mit der sie auf »bei Gott beschworene« Zusagen 
und Verträge hereinfiel und sich nach ihrem Bruch und Verrat im¬ 
mer wieder hereinlegen ließ, ist einfach nicht zu begreifen. Nie¬ 
mand trat hervor, bis zum Äußersten zu gehen und die Bauern zu 
einer Truppe zu machen, mit der man Bankiers, Fürsten und Ho¬ 
hepriester stürzen konnte, einen neuen Staat aufzubauen - wie 
es Caesar tat und später Napoleon. Und wie hätte ihre Wirt¬ 
schaftsordnung aussehen sollen? Müntzer und seine Kampfge¬ 
nossen wußten nichts besseres, als einige kommunistische Ideen 
mit kapitalistischen Maßnahmen, Christentum und Untertänig¬ 
keit zu verbinden. Es fehlte alles an Wissen wie am Willen, den ein¬ 
mal beschrittenen Weg der Erhebung gegen Geldkapital, Grund¬ 
herren und Priesterschaft durchzustehen. 

Wir aber erkennen in Reformation und Bauernkriegen den wie¬ 
derum mißlungenen Versuch des deutschen Volkes, die schauer¬ 
liche Bürde von kapitalistischer Wirtschaftsordnung und Priester¬ 
herrschaft von unserer Nation abzuwerfen. 

Wir dürfen in Martin Luthers Werk Leistungen sehen, die für die 
deutsche Nation von großem Segen waren. Er brach die Allgewalt 
der römischen Kirche und einte uns sprachlich wieder. Aber weil 
ihm das wirtschaftliche und politische Gedeihen unserer Nation 
gleichgültig war, fügte er uns auch entsetzlichen Schaden zu. Von 
der ewigen Pfaffenangst um ihre Macht über das Völkbesorgt, ver- 
leugnete er Rechtschaffenheit und Freiheit. Seine Schuld ist, daß 
die evangelische Kirche nicht nur die soziale Spaltung des Volkes 
verteidigte, sie vergaß und verließ die deutsche Nation. Demzufolge 
war sie zu schwach, sich gegen den internationalen Katholizismus 
durchzusetzen, nur mit Mühe und Blut überstand sie dessen er¬ 
neuerten Ansturm. Vor allen anderen mußte das deutsche Volk 
dafür den schrecklichsten Preis zahlen. 

Luther hat zweifellos unser Volk vor der Zerstörung gerettet, 
aber diese Rolle erhielt er erst durch die Geschichte. 

Die Priester gewinnen wieder an Macht 

Als die Disputation mit Cajetan und Dr. Eck fehlschlug 
(1518/19), Luther auf dem Reichstage zu Worms im April 1521 
auch vor dem finsteren Karl V nicht widerrief, Bann und Reichs¬ 
acht gar wirkungslos verhallten, mochte Deutschland glauben 
(wie später noch öfter), daß es mit dem Papsttum zuende sei. Einst 
gefürchtet, wurde es nun verhöhnt, seine Bannflüche verbrannt! 
Aber der Papst ist ja nur die sichtbare Spitze einer geheimen Prie¬ 
stergesellschaft, und die gab sich noch nicht verloren - jedenfalls 
nicht solange sie über Geld verfügte. Sie erkannte den Ernst ihrer 
Lage und handelte. Schon am 1. Dezember 1521 starb Leo X. so 
plötzlich, daß ihm nicht einmal die Sakramente gereicht werden 
konnten. Den Zeitgenossen war bekannt, daß er durch Gift besei¬ 
tigt wurde. Die Kardinäle wählten nun einen Priester zum Papst, 
der sich als Großinquisitor in Spanien durch Härte und Grausam¬ 
keit bewährt hatte. Hadrian VI., ein geborener Niederländer, war 


78 


Erzieher Karls V. gewesen, hatte tausende Menschen verbrennen 
oder vertreiben lassen, ihre Vermögen beschlagnahmt und einge¬ 
zogen. Nun den harten Tatsachen unvorstellbarer Schuldenwirt¬ 
schaft und Korruption, priesterlicher Unmoral und sittlicher Ver¬ 
kommenheit gegenübergestellt, beschloß Hadrian 1522, erst 
einmal diesen Augiasstall auszumisten. »Selbst von diesem unserem 
Heiligen Stuhl ist so viel Unheiliges ausgegangen, daß es kein Wunder 
ist, wenn sich die Krankheit vom Haupt in die Glieder, von den Päpsten 
in die Prälaten gezogen hat. Wir wollen allen Fleiß aufwenden, damit 
zuerst dieser Hof von dem vielleicht alles Unheil ausging, reformiert 
werde, je begieriger die Welt solche Reformen erwartet.« 

Ein solches Programm mißverstand vollständig den Daseins¬ 
zweck des Priestertums und auch »Hadrian wurde gestorben« 
(14. September 1523). Das Konklave erkor nun wieder einen 
Medici, Clemens VII. Eine (wie üblich nicht erwähnte) Rolle 
in den Intrigen spielte wiederum Jakob Fugger und seine reli¬ 
giöse Großbank (154) . Er hatte Hadrians Wahl finanziert, sich als 
schwerreicher Katholik päpstliche Strenge gegen die rebellischen 
deutschen Kleinbürger, Bauern und Bergleute (die immer lauter 
bessere Bezahlung forderten) versprochen und - was besonders 
zählte - von Hadrian erneut die Pacht der päpstlichen Münze 
erhalten. Aber Clemens kündigte den Vertrag zugunsten seines 
italienischen Kapitalistenklüngels. Jakob fühlte sich von der wel¬ 
schen frommen Clique im Vatikan betrogen. 

Kein Kapitalist des Mittelalters war mehr von der Geld-Gott-Be- 
sessenheit geknechtet als er. Allen katholischen Aberglauben (an 
dem er verdiente!) nahm er ernst, ängstigte sich vor dem Fege¬ 
feuer und für seine Seele. Um es von sich abzuwenden, stiftete er 
die Fuggerei zu Augsburg, wo man bis heute für ihn betet. Er war 
ohne Moral, Menschlichkeit, Gewissen, Mitgefühl, führte eine 
kalte Ehe^ 155) und starb kinderlos am 30. Dezember 1525 wäh¬ 
rend der süddeutschen Bauernaufstände, vor denen er aus Augs¬ 
burg floh. Jakob Fugger, »der liebe Sohn des Papstes«, war der 
meistgehaßte Katholik im Deutschen Volke der Reformations¬ 
zeit. 

Sein Neffe Anton (der jahrelang Jakobs Verbindungsmann in 
Rom gewesen war), erbte 1526 als »Regierer« den Fuggerkon¬ 
zern. Er nahm die Brüskierung durch den neuen Papst nicht hin. 
Als Franz I. von Frankreich militärisch stützender Vasall des 
Clemens wurde, finanzierte Anton Fugger ein Landsknechts¬ 
heer, vorgeblich für Karl, tatsächlich eine heimliche Strafexpedi¬ 
tion gegen den MEDICI-Papsft 156) . Denn diese wilden Haufen zo¬ 
gen nicht gegen Frankreich, sondern nach Rom und erstürmten 
es. Papst Clemens VII. floh auf die Engelsburg (6. Mai 1527). Die 
Söldner, unter ihnen viele Lutheraner, plünderten die Stadt aus, 
mißhandelten und erpreßten Priester und Kardinäle. »Der Sacco 
di Roma empörte die ganze Weftx-d 153 ), will sagen die katholische 
Priesterschaft, deren Wehrlosigkeit hier wieder einmal der Öffent¬ 
lichkeit vorgeführt worden war. Mehr noch richtete sich ihr Zorn 
gegen Fugger, den Urheber ihres Ungemachs. 

»In all dem Durcheinander gab es außer dem Zufluchtort des Pap¬ 
stes - der sich nach vierwöchiger Belagerung ebenfalls ergeben 
sollte - in ganz Rom nur einen sicheren Platz: Das Fuggerhaus. 
Während überall im Bankenviertel die Plünderer wüteten und je¬ 
den Dukaten, den sie finden konnten, mitnahmen, blieb die Fi¬ 
liale des vornehmen schwäbischen Handelshauses völlig unangeta¬ 
stet. Selbst der Faktor der Augsburger Konkurrenzfirma Welser 
flüchtete am 8. August mit seinen Mitarbeitern, vielem wertvol¬ 
lem Silbergeschirr und einer kostbaren Edelsteinsammlung un¬ 
ter das Fuggerdach. Jedenfalls erfreute sich die Filiale im Rione di 
Ponte von Beginn der Besatzungszeit an der persönlichen Protek¬ 
tion der Söldnerführer« *- 148) . 


Die Plünderung Roms entpuppte sich als großes Geschäft. »Viele 
der deutschen Plünderer ließen durch die Fugger den Erlös ihrer 
Beute in die Heimat überweisen. Allein der jugendliche Kriegs¬ 
held Schertlin von Burtenbach schickte 15000 Gulden, 
wertvolle Seidengewänder und Schmuck mit Hilfe der Fugger¬ 
bank nach Deutschland. Auch der ehemalige Leutnant Frunds- 
bergs, Konrad von Bemmelberg, reihte sich in die Kunden¬ 
liste ein. Auch die Soldatenliebchen standen nicht zurück. Die 
Marketenderinnen Elisabeth von Günzburg und Christina 
Puecherin von Bern ließen insgesamt 675 Dukaten überwei¬ 
sen« 1 - 148 ^. Aber als Anton erfuhr, daß sein vertrauter römischer 
Faktor Eberhard Schauer mit Hilfe von Landsknechten aus rö¬ 
mischen Kirchen Silbergerät rauben ließ, um es für eigene Rech¬ 
nung auszumünzen, feuerte er ihn fristlos. Schauer hatte genug 
erbeutet, um als unabhängiger Unternehmer in Italien zu bleiben. 
Was Fugger direkt einsackte und ihm vermutlich die Kosten des 
Feldzuges deckte, blieb Geschäftsgeheimnis. Jedoch am Ende er¬ 
wies sich die Kriegsunternehmung als schwerer strategischer Feh¬ 
ler Antons. Roms Priester vergaben ihm diesen Streich nicht, 
»die Umsätze der römischen Filiale gingen schlagartig zurück« 
und er mußte sie schließen. 

Ähnlich unvorhersehbar in geld-religiösen Folgen war der Auftrag 
KarlV (der auch immer knapp bei Kasse regierte) im Jahre 1529 
an Francisco Pizarro (I57 ^ das sagenhafte »Eldorado Peru« zu 
erobern. Die Spanier waren nur an zwei Dingen interessiert: Die 
einheimische Bevölkerung dem katholischen Christentum zu un¬ 
terwerfen (natürlich gab es zahllose blutige Aufstände) und Gold 
und Silber fortzuschaffen, soviel sie habhaft werden konnten. Die 
unmenschliche Erpressung des Inkakönigs Atahualpa erbrachte 
allein über 4,6 Millionen Dukaten. Die Inkas wurden vollständig 
ausgeraubt und blieben bis heute ein geistig und kulturell entwur¬ 
zeltes, armseliges, dafür fromm katholisches Volk 1158 ). 

Ab 1531 erschien das Münzmetall aus Südamerika auf dem 
Markte, trat in Wettbewerb gegen das Silber von Spanien, Tirol, 
Ungarn, Schlesien, Sachsen und löste eine Inflation aus, welche 
die von 1500 bis 1520 weit übertraf. Ranke schreibt^ 159 ) von ei¬ 
nem »damals sehr bemerklich sinkenden Geldwert«. Wir besit¬ 
zen Zeugnisse erheblicher Preissteigerungen und zurückbleiben¬ 
der Arbeiterlöhne. Wir erfahren von Streiks, vor allem im Berg¬ 
bau, die wiederum mit Waffengewalt unterdrückt wurden. »Die 
Zustände in den Gruben waren nämlich (1537) so unhaltbar, daß 
sich die Bürger in den nahen Städten mit den geschundenen Berg¬ 
leuten solidarisierten und eines Tages sogar die Minen besetz¬ 
ten«^ 148 - 1 . Der Haß gegen die ausbeutenden Handelshäuser der 
Fugger und Höchstetter (Nr. 1 und 3 in Augsburg) überstieg 
alle Vorstellungen. Zwischen der Bürgerschaft von Augsburg, die 
schon überwiegend protestantisch geworden war und den Gro߬ 
kapitalisten der Reichsstadt herrschte beinahe Kriegszustand) 160 ). 
Die beachtlichste Zeiterscheinung sind plötzlich fallende Profitra¬ 
ten der Banken. »Außerdem hatte sich die Konkurrenz unter den 
Großkaufleuten beträchtlich verschärft. Während Jaicob über einen 
langen Zeitraum hinweg über 50% Gewinn erwirtschaftet hatte, 
vermehrte sich das Geschäftskapital in der Zeit von 1527 bis 1536 
nur um 120000 Gulden oder spärliche 2,2% im Jahr. Die Ursa¬ 
chen hierfür sind vielfältig«) 148 ). 

Eine ist die um sich greifende Korruption der Angestellten (ge¬ 
nau wie in unseren Tagen!). Leiter der Handelsniederlassungen 
(»Faktoren«) wirtschafteten in die eigene Tasche und dienten 
ihrem Konzern erst in zweiter Linie. Sinkende Moral der Verant¬ 
wortlichen drückte auf die Mitarbeiter der unteren Ränge. Wenn 
die Firma im Gelde schwimmt, ist die Versuchung unwidersteh¬ 
lich, etwas fürs bescheidene Gehalt abzuzweigen. Buchprüfungen 


79 


durch die Zentrale und Entlassungen kehrten einen Stall gelegent¬ 
lich aus, aber nur zeitweilig. Auf redliche oder unredliche Weise, 
Diebereien, Privatgeschäfte, Streiks oder gütliche Aufbesserung 
hob sich gleichwohl der Lebensstandard allgemein und unaufhalt¬ 
sam - auf Kosten der Geldmacht, des Kapitals. 

Die andere ungeahnte Folge war ein stürmischer »Abfall vom 
Glauben«, wie ihn die Katholische Kirche seit der Brakteaten- 
zeit nicht mehr erlebt hatte und gegen den Luthers Rebellion ein 
Säuseln war. Wirtschaftliche Besserung, geistige Befreiung und 
Abkehr von katholischer Priesterherrschaft bedeuteten ein und 
daßelbe! Eine wahrer Volksaufstand gegen Kirche und Glauben 
ergriff, von den Bergbaustädten ausgehend, nicht nur Österreich 
und Ungarn, er faßte auch in Italien und Frankreich Fuß. Landes¬ 
fürsten und Machthaber der deutschen Stadtrepubliken liefen die¬ 
ser Entwicklung hinterher: 1531 Schmalkaldener Bund geschlos¬ 
sen, 1533 fiel England von der Papstkirche ab, 1534 Württem¬ 
berg, 1536 Dänemark, 1537 Flandern, 1539 Brandenburg (nach 
Joachims I. Tod), die meisten reichsfreien Städte; große geistli¬ 
che Fürstentümer wankten, z. B. Köln wollte auch abfallen. Die 
neubelebten Zweifel an Kirche und Glauben trafen die katholi¬ 
schen Priester weit härter als die halbfreien Protestanten. 

»Des Markgrafen Kanzler, Georg Vogeler sagte: In Baiern ste¬ 
hen über viereinhalb hundert Pfarren ledig und wüst, darum, daß 
man keine Kirchendiener bekommen könne, aber um eine Hen¬ 
kerei haben ihrer acht gebeten«. »ImJ. 1538 den 10. Septbr. ward 
zu Lochau gesagt, daß im Bistum Würzburg in die 500 reiche Pfar¬ 
ren wüst und ledig wären. Da sprach Dr. Martin Luther: Dar¬ 
aus wird nichts Gutes folgen, bei uns wird es also auch gehen, hei 
solcher Verachtung Gottes Worts und der treuen Diener desselben«. 
»Am 21. Juli imjahr 1539 ward bei Dr. Martin Luther geredet 
von der großen schändlichen Undankbarkeit derer vom Adel und 
der Bauern, die ihren Pfarrherren auch den Zehenden, so ihnen 
schuldig, weigerten zu geben, wollten ihre Güter nicht lassen be¬ 
schweren. Ein Pfarrer bei Zerbst mußte Hungers und Armut hal¬ 
ben seine Pfarrei und Vökation verlassen« * 151 *. 

Luther bejammerte die wirtschaftliche Auswirkung der Reforma¬ 
tionszeit: » ...mochte es sein, weil er die Sitten des Volkes, wel¬ 
ches in dieser wohlhäbigen Zeit an weltlichen Vergnügen, an üppi¬ 
gem Kleiderschmuck hing, nicht durch das Evangelium so umgestal¬ 
tet erblickte wie er gehofft hatte«( u6 f Der große Theologe sah hilf¬ 
los wie die Kirche aus den Fugen ging: »Darum ist’s nicht allein 
eine große Schande, sondern auch eine große Sünde jetzt zur Zeit, 
daß siehet, daß durch der Leute Geiz viele Pfarreien entweder ganz 
wüst oder jämmerlich versäumt und verlassen werden«. »Sehet an 
unsere Zeit wie der Adel, die Bürger und Bauern so geizen und die 
Religion mit Füßen treten, verjagen fromme, treue Prediger durch 
Hunger und Kummer, wollen unseren Herrn Gott sein Haus nicht 
bauen, deswegen wird ihnen ihr Haus wieder zerfallen« * 151 *. 

Als 1545 auch noch die großen Silbervorkommen von Potosi 
(heute Bolivien) erschlossen wurden, Karl V sich die Unterstüt¬ 
zung des Papstes und aller katholischen Handels- und Bankunter¬ 
nehmen verschafft hatte, glaubte er sich stark genug, um mit einer 
großen Streitmacht Deutschland wieder der katholischen Kirche 
zu unterwerfen. 

Dem reichlich finanzierten Ansturm der Gegenreformation ver¬ 
mochten die evangelischen Fürsten nichts entgegenzusetzen. Be¬ 
schränkt, feige, politisch unfähig, militärisch wehrlos, finanzi¬ 
ell ohnmächtig, glaubten sie, unbehelligt neben der Druidenkir¬ 
che leben zu können 1161 *. Mit der Niederschlagung der Bauernauf¬ 
stände in Deutschland hatten sie sich der Kraft und Unterstützung 
des Volkes beraubt. »Kriegerische Eigenschaften hatte das Lu¬ 
thertum im Volke nicht geweckt«* 136 *. Mit List, Tücke, Verstel¬ 


lung, Täuschung, Betrug und brutalen spanischen Söldnerbanden 
unterwarf Karl V. Deutschland, sogar die Hauptstadt der Refor¬ 
mation ward seine leichte Beute. »Fuggers Geld gab dem Kai¬ 
ser die Möglichkeit, eine Entscheidungsschlacht zu erzwingen« 
(Mühlberg 24. April 1547) Dennoch reichte Karls militärische 
Gewalt zur Rekatholisierung nicht aus. Er mußte allen unterwor¬ 
fenen Fürsten und Ländern die freie Religionsausübung zugeste¬ 
hen. Über acht Millionen Gulden verpulverte er für den Krieg 
gegen die Protestanten. Denn das ist die große Ironie der Ge¬ 
schichte: Das Geld, das er ausgab, floß in die Taschen deutscher 
Bürger. Es verhalf dem Protestantismus zum endgültigen, unum¬ 
kehrbaren Durchbruch. Es hob die militärischen Erfolge wieder 
auf. Das Bürgertum, der Mittelstand, hatte beachtlichen Reich¬ 
tum erworben, Freiheit und Ansehen gewaltig gestärkt. 

Nicht imstande, die deutschen Protestanten zu bezwingen, ver¬ 
langte der Kaiser, das Tridentinische Konzil müsse die Glaubens¬ 
spaltung durch Zugeständnisse der Katholischen Kirche nunmehr 
friedlich beseitigen. Das war ein Eingriff in die Priesterpolitik, der 
ihm teuer zu stehen kam. Die Kurie grollte, weil er nicht alle Pro¬ 
testanten und Ketzer einfach totschlug, aufhängte, verbrannte. Sie 
dachte an keinerlei Nachgeben. Sie hatte 1541 die Inquisition in 
Italien erneuert und plante langfristig die Wiedereroberung Euro¬ 
pas mit Hilfe des Jesuitenordens. Karl war bereits viel zu mäch¬ 
tig und unabhängig geworden. Frankreich rüstete von neuem, das 
Konzil ward aufgehoben. »Der Papst (erschien) als ein Verbün¬ 
deter der Protestanten«* 159 *, rief seine Truppen aus Deutschland 
ab, zahlte Karl keine Hilfsgelder mehr. Sein gelehrigster Schil¬ 
ler, Moritz von Sachsen* 162 * verriet ihn. Die kaiserlich-katho¬ 
lischen Heerscharen wurden verjagt. Karl V. war militärisch voll¬ 
ständig geschlagen, nur durch schmähliche Flucht entging er der 
Gefangennahme. Er war bankrott undmußte Anton Fugger um 
ein paar tausend Gulden anbetteln, um seine Heimreise nach Spa¬ 
nien zu bezahlen. 

Es ist eine unbeantwortete Frage, ob Intrigen der Bankkonzerne 
und die enormen Schulden Karls (allein bei Fugger 3,5 Millio¬ 
nen Gulden, hinzu kommen riesige Forderungen anderer Banken) 
die Kurie beeinflußten, ihn vom Thron zu stoßen: »Der päpstliche 
Fiskal machte eine förmliche Rechtsklage wider Kaiser Karl und 
König Philipp anhängig, in der er auf eine Exkommunikation die¬ 
ser Fürsten und eine Entbindung ihrer Untertanen vom Eide der 
Treue antrug. Jetzt sei die Zeit gekommen, wo Kaiser Karl und 
dessen Sohn die Züchtigung für ihre Sünden empfangen sollten, 
er, der Papst werde es tun« erklärte Paul IV.* 159 *. Dieser Fußtritt 
des Papstes traf tief in des Kaisers fromm katholisches Herz. Völlig 
gebrochen dankte er im Januar 1556 ab - und ging ins Kloster. 
1556 war die wirtschaftliche und finanzielle Lage Spaniens trotz 
aller Geldzuführen, Anleihen und Steuererpressungen trostlos. 
Spaniens nutzlose Opfer für die katholische Kirche führten das 
Land in den ersten echten Staatsbankrott der Geschichte. Schon 
im Februar 1557 mußte Philipp II. alle Zahlungen des spani¬ 
schen Staates einstellen. 

Fast ganz Europa ward von den Folgen dieser Finanzkatastro¬ 
phe betroffen. Der Fuggerkonzern verlor etliche Millionen Gul¬ 
den und erholte sich von diesem Schlage nicht mehr. Nicht nur 
wurden viele italienische Bankhäuser in den Sturz hineingezogen, 
alles weist darauf hin, daß die Hochkonjunktur von einer Wirt¬ 
schaftsrezession abgelöst wurde, die von zeitweiligen kleinen Bes¬ 
serungen abgesehen, bis zum 18.Jahrhundert andauerte - also 
rund 180 Jahre. Wieder erleben wir, daß Bergwerke und Indu¬ 
strien schlecht gehen oder geschlossen werden, wir hören von all¬ 
gemeinem Niedergang, Verelendung des Volkes, wahrscheinlich 
jedoch nicht ganz so schlimm wie im 15. Jahrhundert. 


80 


Mitläufer jeder Deflation sind Verfall der Moral, zunehmende 
Straffälligkeit, Prostitution, Räuber- und Banditenunwesen. Im 
Kirchenstaat wütete sie am schlimmsten, trotz grausamster Stra¬ 
fen, die der Papst persönlich verhängte. »Seine eigene Hauptstadt 
war voll von Banditen. Es kam so weit, daß der Stadtmagistrat der 
Konservatoren einschreiten und der Polizei des Papstes Gehor¬ 
samverschaffen mußte«^ 159 \ 

Eindeutige Hinweise auf den Verfall der Wirtschaft sind die uns nun 
wohlvertrauten Anzeichen aus dem religiösen Bereich: Stärkung 
der Priestermacht, ihr Kampf gegen Wissenschaft, Bildung und 
persönliche Freiheit, Tyrannei der Päpste, Flucht der Massen in die 
Religion, Sektiererei, Fanatismus, Aberglaube - alles kam wieder. 
Die Evangelischen zerstritten sich wie zu Celsus' Zeiten. »Zwi¬ 
schen beiden Schwesterkirchen aber entbrannte bald ein un¬ 
christlicher, blinder Haß, welcher noch die letzten Tage Me- 
lanchthons (gest. 1560) verbitterte. Je weniger sich eine For¬ 
mel finden ließ, die alle Geister befriedigte, um so mehr häuften 
sich die gegenseitigen Anfeindungen um der Lehre willen; Verket¬ 
zerungen, Bannflüche, Verfolgungen und Vertreibungen Anders¬ 
gläubiger nahmen überhand. In solche gehässige Zerrüttungen 
ging die Begeisterung der Reformation über und lähmte so sich 
selbst die Schwingen« ^ 136 \ 

»Verschweigen wir nicht, daß er (der Zeitgeist), wie in Literatur 
und Kunst, so auch im Leben, noch eine andere, für unser Gefühl 
unerfreuliche Seite entwickelte. Wunder begannen wieder, die 
sich lange nicht gezeigt. Bei San Silvestro begann eine Marienbild 
zu sprechen, was denn einen so allgemeinen Eindruck auf das Volk 
machte, daß die wüste Gegend um die Kirche gar bald angebaut 
ward. In dem Rione de Monti erschien ein Marienbild in einem 
Heuschober; ähnliche Erscheinungen finden wir in Narni, Todi, 
San Severino, und von dem Kirchenstaat breiten sie sich weiter in 
der ganzen katholischen Welt aus. Auch die Päpste schreiten aufs 
neue zu Heiligsprechungen, welche sie geraume Zeit unterlassen 
hatten, die Vorstellung von göttlichen Dingen vermischte sich mit 
phantastischen Aberglauben 1159 ^. Loreto, Wallfahrtsort der »Hei¬ 
ligen Jungfrau«, wurde zur Stadt erhoben, trotz aller baulichen 
Schwierigkeiten. Reste des antiken Roms, soweit sie die christli¬ 
che Zerstörungswut bisher überstanden hatten, wurden erneut 
geplündert, vernichtet, weggeschleppt oder - mit christlichen 
Merkmalen versehen. 

»Nun möchte ich das alles nicht als Verfall ansehen«, meint 
Ranke, aber er zählt genug Beispiele auf, die den Verfall, die De¬ 
kadenz der Kultur bestätigen: »Bis Mitte des Jahrhunderts ist die 
Prosa noch geistreich, warm, beugsam und anmutig. Allmählich 
erstarrt und erkaltet sie. Wie in der Prosa, so in der Kunst. Wie so 
völlig fallen die Schüler Raffaels, einen einzigen ausgenommen, 
von Raffael ab! Indem sie nachahmen, verlieren sie sich in thea¬ 
tralische Stellungen, affektierte Grazie und ihren Werken sieht 
man an, in wie kalter, unschöner Stimmung sie entworfen sind. 
Die Schüler Michelangelos machten es nicht besser. Die Kunst 
wußte nichts mehr von ihrem Ziel, sie hatte die Ideen aufgegeben. 
Wie sehr die Erneuerung der Religion sich der Gemüter bemäch¬ 
tigte, sieht man an dem Beispiele Torquato Tassos. Die Dicht¬ 
kunst war früher von der Kirche abgefallen, der verjüngten Religion 
unterwirft sie sich wieder«. 

»Allein die Kirche zeichnete ihnen (den Philosophen) die Linie 
vor, die sie nicht überschreiten durften. Wehe dem, der sich über 
dieselbe hinauswagte«! Während des Konzils zu Trient 1562 
»setzte Papst Pius IV. eine Kommission nieder, um über die Frage 
zu beratschlagen, ob die Musik in der Kirche zu dulden sei oder 
nicht«, das heißt, »ob sie sich den Zwecken der Kirche werde un¬ 
terwerfen lassen« ^ 159 l 


Während die Kurie zu Zeiten der Geldvermehrung in ständiger 
Geldnot lebte, von Finanzhäusern borgen, ihnen die Münze ver¬ 
pfänden, Ländereien verkaufen, zum Betrug greifen mußte, so 
änderte sich ihre finanzielle Lage schlagartig mit Deflation und 
Wirtschaftskrise. Zwar klagte jeder neue Papst, daß sein Vorgän¬ 
ger die Kirche in einer miserablen Finanzlage gelassen habe, aber 
das waren Ausreden, neue Abgaben einzuführen, Steuern auszu¬ 
schreiben kurz, mit immer neuen Mitteln das gläubige Volk von 
neuem auszuplündern. »Hierdurch geschah es nun, daß die Ein¬ 
künfte der Päpste immerfort stiegen. Noch unter Paul IV. kamen 
sie auf700 000 Skudi, unter Pius berechnete man sie auf898 482 
Skudi. Paul Tipolo ist erstaunt, sie im Jahre 1576 auf 1,1 Millio¬ 
nen Skudi angewachsen zu finden«. 

Gar nicht erstaunlich, denn nachdem Sixtus V Papst wurde, »ge¬ 
lang ihm über Erwarten die Kassen zu füllen. Als ein Jahr seines 
Pontifikates um war, hatte er bereits eine Million Skudi in Gold 
gesammelt, im November 1587 eine zweite, im April 1588 eine 
dritte. Es machte dies fünfeinhalb Millionen Skudi in Silber. So¬ 
wie er eine Million beisammen hatte, legte er sie in der Engelsburg 
nieder, indem er sie, wie er sich ausdrückte, der Heiligen Jungfrau 
Maria, der Mutter Gottes und den heiligen Aposteln Petrus und 
Paulus widmete. Er folge, sagte er, dem Beispiel der Väter des Al¬ 
ten Testaments, von denen auch immer eine gute Summe Geldes 
im Tempel des Herrn aufbewahrt worden« (159 \ 

Die Kirche verschätzte also den Großteil des umlaufenden Geldes, 
das sie dem Volke abgepreßt hatte. Sie verschlimmerte die Wirt¬ 
schaftsnot und bereicherte sich daran. Wie nicht anders zu vermu¬ 
ten, dieselbe Not gestattete ihr den Kampf gegen die »Ketzer«, 
die in der Religion Trost für ihre Sorgen suchten. Wieder war für 
die Priesterschaft die Zeit angebrochen, gegen die Abgefallenen, 
Freigewordenen neue Kreuzzüge zu unternehmen. 

Neue Kreuzzüge gegen die germanischen Nationen 

Wann es erstmals zu einem Zusammengehen zwischen druidisch- 
katholischer und jüdischer Priesterschaft kam, liegt im Dunkel. 
Ganz ohne Zweifel konnte das Judentum die schweren Niederla¬ 
gen und Verluste durch die Römer im Laufe der Zeit überwinden. 
Im 15. Jahrhundert gelangten öfter einflußreiche Juden zur Füh¬ 
rung der katholischen Kirche, am bekanntesten Alexander VI. 
aus der Familie der Borgia, nach jesuitischem Urteil »einem der 
größten Päpste«, nach Luther »ein getaufter spanischer Jude 
(maranno), der an nichts glaubte«, nach dem britischen Histori¬ 
ker Prof. Hearnshaw »einem der größten Schurken und bösar¬ 
tigsten Scheusale, die jemals Macht und Verantwortung inne hat¬ 
ten«. Erkennbar für Wissende wurde ein Bündnis zwischen Ju¬ 
dentum und Katholizismus, als der baskische Adlige Ignatius de 
Loyola 1534 die »Gesellschaft Jesu« gründete. Hinter Loyola 
standen zwei Juden, LAiNEZundPoLANCO, die ihn »beraten« ha¬ 
ben. Der besessene Katholik Loyola war ihnen sehr dankbar, er 
hat stets »bedauert nicht jüdisch geboren zu sein«. Lainez und 
Polanco wurden seine Vertreter bzw. Nachfolger. Der Name der 
Gesellschaft dient nur der Täuschung und Tarnung (wie das Chri¬ 
stentum bei den Druiden). Der Jesuitenorden führt zwar Chri¬ 
stus - noch viel häufiger Maria - in Predigten und Sprüchen 
der ahnungslosen Welt vor Augen, seine Mitglieder geloben Ar¬ 
mut, Keuschheit und Gehorsam wie in allen Mönchsorden, aber 
die Ordenssatzungen, Regeln und Vorschriften sind nicht von Es¬ 
senern, Jesus oder Urchristen, sondern von islamischen Geheim¬ 
bünden abgeleitet, die damals auf der iberischen Halbinsel noch 
bestanden. 

Man erkennt hier eine neue Spielart religiöser Geheimlehren, 
denn die Jesuiten nennen sich »Kinder Mariens«, und anerken- 


81 


nen »Maria« als Jüdin. Die Jesuiten wären demnach symbolisch 
adoptiertejuden. 

Nach den umgestalteten alten Geheimbundvorschriften hat Lo¬ 
yola den Jesuitenorden organisiert. Der umstrittene Heilige war 
offensichtlich lenkbarer Frontmann hinter ihm stehender höhe¬ 
rer Priesterkreise. Sein Leben und Trachten erweisen, daß er von 
der Wirkung religiöser Gehirnwäsche sehr viel, von der geheimen 
geldpolitisch - finanziellen Seite, der wirklichen Aufgabe seiner 
Gründung so gut wie nichts wußte. Denn in erster Linie ist der Je¬ 
suitenorden Großkapitalist ersten Ranges. In der Antike gehörte 
zum Priestertum die Einheit zwischen Geldkapital, Tempel und 
Religion, die man mit Einführung des Christentums zwecks Täu¬ 
schung der Gläubigen getrennt hatte. Die Gesellschaft Jesu will 
im gründe die Wiederbelebung des uralten, vorchristlichen Druiden¬ 
programms: Absolute Priesterherrschaft, brutale Unterdrückung der 
menschlichen Natur durch formelstarre Religion, Kontrolle des Geldes 
und erbarmungslose Ausbeutung des Volkes. 

Um dies zu verstehen, versetze man sich in die Finanzwirtschaft 
der Kirche infolge der Geldvermehrung/Konjunktur: Sie war in 
die Hände von Privatkapitalisten gelangt, die ganze höhere Prie¬ 
sterschaft korrupt, das Wirtschaftssystem der Klöster bank¬ 
rott, und Einkünfte aus Religionsdiensten genügten ihr nie. Da¬ 
her mußte die Priesterverschwörung zunächst eine ihr unmittel¬ 
bar gehörende Finanzmacht schaffen: Neben der Kirche stehend, 
unkorrumpierbar, unangreifbar und - unsichtbar. Der Jesuitenor¬ 
den sollte die Elite bilden, sie zu verwirklichen. Denn das eigent¬ 
liche Geheimnis dieser Gesellschaft ist sein menschenzerstören¬ 
der Kapitalismus. 99% der Jesuiten aller Einweihungsstufen erfah¬ 
ren allerdings nichts darüber, auch nichts über die Finanzierung 
des Ordens. Nur ganz wenige ausgesuchte Jesuiten wurden und 
werden in die »Geldgeheimnisse« (moneta secreta, getarnt durch 
die »monita secreta«, d. h. »geheimen Ermahnungen«; die Ähn¬ 
lichkeit der Bezeichnungen soll irreführen) eingeweiht, die eigent¬ 
lichen Priesterlehren der Zusammenhänge von Religion und Ka¬ 
pitalismus. 

Ständig das Endziel vor Augen, sucht der General der Jesuiten 
bis heute dieses Programm hartnäckig zu verwirklichen. Der Je¬ 
suitenorden trat in unmittelbaren Wettbewerb mit dem privaten 
Großkapital. Er gründete internationale Banken, Unternehmen, 
Bergwerke, Handelsgeschäfte, betrieb landwirtschaftliches Gro߬ 
grundeigentum, griff rücksichtslos in die Politik ein, kämpfte ge¬ 
gen den nicht eingeweihten Klerus. Er schreckte nicht vor Spe¬ 
kulationen aller Art, vor Geldwucher und betrügerischen Bank¬ 
rotten zurück. Mit ungeheuren Geldmitteln versehen, haben die Je¬ 
suiten von Spanien ausgehend, die alte Inquisition übernommen 
und wo immer sie zu Macht und Einfluß gelangten, eine wahre 
Schreckensherrschaft errichtet. Da sie keinerlei Staatsmacht und 
-autorität anerkennen, fühlen sie sich frei von allen gesetzlichen, 
sittlichen oder anderen Hemmnissen, glauben jedes denkbare 
Verbrechen ungestraft begehen zu dürfen und jedes Mittel zu ge¬ 
brauchen, das Menschengehirne ersinnen können. Als Träger der 
Gegenreformation eroberten Loyolas Schüler ein Land nach 
dem anderen der Kirche zurück. Sie brachten nach alter Druiden¬ 
strategie zuerst die Führer, die Fürsten unter ihren Einfluß. Nach¬ 
dem die als Werkzeug gefügig gemacht waren, führten sie das 
Volk in die wirtschaftliche Sklaverei zurück. Menschen, die vertrie¬ 
ben wurden oder auswandern durften, waren noch glücklich zu 
nennen. Für die Verbliebenen, nunmehr innerlich und äußerlich 
wehrlos, was das Los trauriger als zuvor. Die Spuren dieses Schick¬ 
sals sind bis in unsere Tage sichtbar. Man vergleiche das armselige 
Stadtbild der kleinen Städte Österreichs oder Altbayerns mit de¬ 
nen in Deutschland, die protestantisch blieben und von den Je¬ 


suiten nur ausnahmsweise erobert werden konnten (z. B. Do¬ 
nauwörth). Demgegenüber kann man ihren gewaltigen Besitz an 
Geld und die rücksichtslose Ausplünderung des Volkes nicht überse¬ 
hen, wenn man die prachtvollen Residenzen, Jesuitenstil genannt, 
in Wien, Linz oder Innsbruck dagegen hält. Die Kirche verhöhnt 
mit Prunk das verarmte Volk, darin war der Jesuitenorden nichts 
Neues. Aber man sollte stets an den Schweiß, die Tränen und das 
Fluchen der Ausgebeuteten jener Zeit denken, wenn man diese 
Bauwerke besichtigt! 

Allen Plänen der römischen Priester, die abgefallenen Deutschen 
wieder zu unterwerfen, hatten der Passauer Vertrag 1552 und 
Augsburger Religionsfriede 1555 ein vorläufiges Ende gesetzt. 
Die Strategie der Kurie schaltete auf die stückweise Rückerobe¬ 
rung einst germanischer Länder um, mit denen sie offenbar leich¬ 
ter fertig werden hoffte. Zunächst versuchte sie, England wieder 
unter die katholische Kirchenmacht zu zwingen. Zwar ließ sich die 
Herrschaft von Maria der Katholischen ( »Bloody Mary«) 
1553 bis 1558 unter jesuitischer Anleitung erfolgversprechend 
an. In England wurde der katholische Ritus wieder eingeführt, ein 
priesterliches Schreckensregiment errichtet, tausende von Nicht¬ 
katholiken vertrieben, umgebracht, ihr Vermögen eingezogen, 
das Parlament anerkannte wieder die Oberherrschaft des Pap¬ 
stes, ein Bündnis mit Spanien geschlossen. Maria vermählte sich 
mit Philipp II. und schickte englische Truppen in den Krieg ge¬ 
gen Frankreich, in dem die Reformation immer weiteren Boden 
gewann (Hugenotten). Aber als sie die Wirtschaftsmacht der Kir¬ 
che wieder errichten wollte, die Rückführung der enteigneten Kir¬ 
chengüter betrieb, die jetzt in den Händen von Adel und Bürger¬ 
schaft waren, da wurde die katholische Herrschaft aus England 
hinausgefegt. Das Regiment der Elisabeth I. nahm an den Ka¬ 
tholischen blutige Rache, »bis zu ihrem Tode hatte sie so viele Ka¬ 
tholiken für ihre Religion aufgehängt wie ihre Schwester Maria 
Protestanten verbrannt hatte«. Wieder griff die römische Priester¬ 
macht zu den niederträchtigsten Mitteln, das Land zu bezwingen: 
Sie erklärte Elisabeth des Thrones verlustig, schickte Agenten 
nach England, das Volk aufzuwiegeln. Elisabeth überstand meh¬ 
rere Mordanschläge. Die Kurie stellte Maria Stuart als Gegen¬ 
königin auf, »die Katholiken erhoben sich in mehreren Revolten, 
um sie auf den Thron zu bringen«^ 163 \ Sie wurde bekanntlich ge¬ 
köpft - die einzig wirksame Methode gegen führende Werkzeuge 
der Kirche! Überflüssig zu fragen, wer die Umsturzversuche finan¬ 
zierte! Schließlich veranlaßten die Priester Philipp II. zu verlu¬ 
streichen Kriegszügen gegen England, die in der Entsendung der 
großen Armada - und deren Katastrophe - gipfelten. Die römi¬ 
sche Priestermacht hat sich niemals mit Niederlagen abgefunden, 
auch im 17. Und 18. Jahrhundert hörten ihre Intrigen und Kom¬ 
plotte nicht auf, die katholische Herrschaft in Großbritannien 
wieder aufzurichten. 

Dieser Religionskrieg - Kreuzzug - hatte eine bemerkenswerte 
Nebenwirkung: Die Engländer raubten die Schiffe der Silberflotte 
und schwächten im gleichen Maße Spaniens Geldwirtschaft wie 
das die englische stärkte. Nicht zuletzt deswegen brachen Spani¬ 
ens Finanzen 1575 erneut zusammen. England unter Elizabeth 
I. erlebte dagegen einen beachtlichen Aufschwung seiner Wirt¬ 
schaft. »Die Missionare des Papstes blieben erfolglos und der 
Protestantismus triumphierte. Die kühnen Fahrten von Eliza¬ 
beths Seefahrern förderten unseren Handel und vermehrten un¬ 
sere Kenntnisse von der Welt. England war blühend, glücklich und 
zufrieden. Die Reichen lebten luxuriöser und eleganter, die Armen er¬ 
hielten höhere Löhne und wurden behaglicher. Aber das schönste war 
die Menge der Literatur und Dramen, es war die Zeit von William 
Shakespeare « (163) . 


82 


Philipp II., der Sohn Karls V., unterwarf sich den Priestern be¬ 
dingungslos und wurde dafür »Generalissimus des Papstes«. 
»Welch ein Ungeheuer«, ruft Schiller aus, »Philipp II. ließ das 
Schiff der römischen Kirche auf einer See von Menschenblut trei¬ 
ben. Das Volk wurde zum Tier erniedrigt. Alles ward der Religion 
untergeordnet und aufgeopfert. Der Wille der Päpste war ihm heilig¬ 
stes Gesetz«. Drei zuverlässige Diener der Kirche, Kardinal Gran- 
vella, Herzog Alba und Lizentiat Vargas (ein wegen Sitt¬ 
lichkeitsverbrechen verurteilter Spanier) schufen sich in den Nie¬ 
derlanden ein ewiges Schandmal der Erinnerung. Die niederlän¬ 
dische Nation ließ sich Gewaltherrschaft, den Bruch aller Rechte, 
Gesetze, Privilegien, die Verunsicherung seiner Bürger fast wider¬ 
standslos gefallen. »Albas rasender Entwurf schien es zu sein, 
die ganze Nation zu Bettlern zu machen und alle Reichtümer des 
Landes in die Hände des Königs und seiner Diener zu spielen. Der 
jährliche Ertrag dieser Konfiskationen wurde den Einkünften ei¬ 
nes Königreiches von erstem Range gleichgeschätzt. Auch blieb 
er unter Strömen Bluts, die er fließen ließ, im ruhigen Besitz sei¬ 
ner Herrschaft solange er dieser Staatskunst treu blieb und ver¬ 
scherzte diesen Vorteil nicht eher, bis ihn der Geldmangel zwang, 
der Nation eine Last aufzulegen, die jeden ohne Ausnahme drückte« 
(IM). Da war der Aufstand unvermeidlich, die »Sieben Provin¬ 
zen« kündigten den Gehorsam auf und erklärten öffentlich ihren 
Abfall mit den klassischen Worten, »daß einem Volk und seinen 
Ständen immer das natürliche Recht zustehe, einem Tyrannen, 
der seiner Pflicht zuwider handelt, nachdem er vergebens ver¬ 
mahntwar, ihrerseits die Pflicht aufzusagen«. 

Also wiederum war es die Geldfrage, an der die Rekatholisierung 
der Niederlande scheiterte. Selten hatten die Spanier mehr als 
10 000 Söldner und 2000 Reiter im Lande, die überdies weit zer¬ 
streut lagen und so unregelmäßig ihren Sold empfingen, daß wie¬ 
derholt Meutereien ausbrachen. Bei solchem Kräfteverhältnis ist 
man berechtigt zu fragen, weshalb die hundertmal stärkere Nation 
sich die fremde Gewaltherrschaft so lange - und überhaupt - ge¬ 
fallen ließ. Nicht nur das kalvinistische Christentum wirkte zerset¬ 
zend, im Zusammenhang damit hinderte die Angst vor einem mög¬ 
lichen Vermögensverlust die »Pfeffersäcke« national zu denken und 
durch eine große Entscheidungsschlacht im Stile von Angrivarier- 
wall oder Adrianopel sich für alle Zukunft vor den spanisch-ka¬ 
tholischen Übergriffen zu sichern. 33 Jahre dauerte der grausame 
Krieg, den Spanien im Dienste der Priester gegen den germani¬ 
schen Volksstamm führte. Ungeheure und unnötige Opfer mu߬ 
ten vom Volke getragen werden, weil seine Führer unwillig waren, 
aufs Ganze zu sehen und zu gehen. Die Geschichte des Unabhän¬ 
gigkeitskampfes der Niederlande ist angefüllt mit sinnlosen klei¬ 
nen Kriegszügen, schwächlicher Verteidigung, herben Verlusten 
(Brabant, Flandern, Antwerpen, Leiden usw.) und empörendem 
Krämergeiste. Wenn der reichste von allen, Prinz Wilhelm von 
Oranien-Nassau (1584 von Jesuiten ermordet), zu geizig war, 
durch eigene Vermögensopfer dem Volke ein Beispiel zu geben, 
wie konnte er Opfer von anderen erwarten? Von seinen reichen 
Landsleuten versuchte er das Geld zum Kriegführen freiwillig und 
geschenkt zu erhalten - begreiflicherweise ohne Erfolg. 

Einen letzten Eroberungsversuch unternahm 1598 der spanische 
General Mendoza. Da sein Vaterland die Söldnerbanden nicht 
mehr bezahlen konnte - und die Kirche sie nicht bezahlen wollte - 
führte er sie in die protestantischen Landschaften des Niederrhei¬ 
nes, um sich plündernd in Deutschland das Geld für seine Kriegs¬ 
züge in Holland zu rauben. 

Wenn die katholische Kirche schließlich um 1600 alle Anstren¬ 
gungen zur Eroberung der Niederlande aufgeben mußte, dann 
war das weit weniger Verdienst der Niederländer als vielmehr eine 


unlösbare Finanzfrage Spaniens. Nach Philipps eigenem Einge¬ 
ständnis kostete der Krieg 564 Millionen Dukaten, er hinterließ 
bei seinem Tode weitere 140 Millionen Dukaten an Schulden. 
Das riesige Land, »in dem die Sonne nicht unterging«, war 1607 
zum dritten Male innerhalb von 50 Jahren bankrott. Wie einst das 
Karolingerreich bei Karl des Grossen Tod, erholte es sich nie 
mehr, es verfiel und zerfiel, seine Rolle in der Weltgeschichte war 
ausgespielt. 

In Frankreich hatte sich die Reformation, freilich die von Genf 
ausgehende kalvinistische Abart allmählich durchgesetzt. Wie be¬ 
drückend und hassenswert lastet die katholische Ausbeutungs¬ 
wirtschaft auf diesem Lande, wenn es immer wieder abfiel! Wir 
erinnern uns an die Unterdrückung der Albigenser, Waldenser, 
überhaupt gegen das bis heute vorhandene germanische Rasse- 
Element im französischen Volke. Selbst wenn die Kirche genug 
Macht und Mittel zusammenscharrt, den Kampf unaufhörlich 
und ohne Gnade fortzusetzen, jahrhundertelang, er wird erfolg¬ 
los bleiben! Mit den Hugenotten war es nicht anders. Neun Huge¬ 
nottenkriege kennt die Geschichte. Wie in den Niederlanden zeigte 
sich, daß der reformierte Glaube untüchtig zum Kampfe macht. 
Eine Gemeinschaft, die auf Tod und Leben herausgefordert wird, kann 
nicht auf Opferbereitschaft rechnen, wenn ihre Religion Geldgewinn 
für den Einzelnen als Sinn des Lebens vorstellt. In den Hugenotten¬ 
kriegen von 1562/63,1567/68und 1568 bis 70 (man beachte den 
Zeitpunkt - die Deflation erwürgte Frankreichs Wirtschaft!) wur¬ 
den sie leicht geschlagen und auf einzelne Stützpunkte zurückge¬ 
drängt. Dann schlachteten - buchstäblich! - katholisch Besessene 
in der schrecklichen Bartholomäusnacht von 1572 ab, was sie von 
Ketzern habhaft werden konnten. Diese Verschwörung, von höch¬ 
sten Priestern angestiftet, beleuchtet von neuem den Menschen - 
und Sittenwert von Christentum und Kirche: 

Aus Freude über das schändliche Verbrechen ließ der Papst in 
Rom ein Te Deum feiern! 

Henri IV., vorher ein eifriger Hugenottenführer und aus materiel¬ 
ler Berechnung - echt kalvinistisch! - zum Katholizismus konver¬ 
tiert (»Paris ist eine Messe wert«), war darin mit verwickelt. Als 
König von Frankreich anerkannt, verriet er seine kalvinistischen 
Glaubensgenossen. Die Hintergründe seines Umfalls sind jedoch 
nur wenigen bekannt: Henri IV. war erpreßbar. Er war völlig ver¬ 
schuldet an das ungeheuer reiche, stockkatholische Bankhaus der 
Medici in Florenz, das mit den Päpsten Hand in Hand arbeitete. 
Es ist kaum vorstellbar und beweist den gewaltigen Umfang des 
Abfalls von der katholischen Kirche, daß man den Hugenotten im 
Edikt von Nantes 1598 trotz allem freie Religionsausübung zuge¬ 
stehen mußte. Wie immer war das bloß ein Zugeständnis der Prie¬ 
ster für eine beschränkte Zeit. Als Urheber und Bürge des Ediktes 
wurde Henri IV. von einem Katholiken ermordet (1610, ein an¬ 
deres jesuitisches Attentat war 1595 mißlungen). Die Kirche dul¬ 
dete ihn nur solange, wie er ihrer Politik nützlich war, nicht einen 
Tag länger. Friede und Ruhe im Staate waren den Priestern uner¬ 
wünscht, eben weil die Ausrottung aller Nichtkatholischen Kir¬ 
chenstrategie ist. Nachdem Kardinal Richelieu Diktator von 
Frankreich geworden war, wurde die Ketzer- Verfolgung prompt 
wieder aufgenommen. 

Schweden war ebenfalls wichtiges strategisches Teilziel der Ge¬ 
genreformation. Die rassische Verwandtschaft zwischen Schwe¬ 
den und Polen (zu der Zeit manchmal als Goten bezeichnet) war 
im lö.Jahrhundert nochlebendig. Die Gegenreformation riß eine 
Kluft zwischen beiden Staaten auf und zerstörte die 2000jährige 
Volkseinheit für immer. Von Jesuiten angeleitet, versuchte Jo¬ 
hann III. Wasa (1560 bis 1586) Schweden zu rekatholisieren. 
Ihm folgte Sigismund, König von Polen, der die schwedische 


83 


Krone übernahm (also Personalunion mit Polen herstellte), mit 
derselben Politik. Sie stieß auf erbitterten Widerstand des schwe¬ 
dischen Volkes und löste bürgerkriegsähnliche Widerstände aus. 
Der fromme Sigismund mußte 1598 seine Bemühungen aufge¬ 
ben und griff mit der ganzen Macht Polens in die Wirren in Ru߬ 
land ein (Demetrius, Boris und Michael Romanow): Ein¬ 
wandfrei mit dem Bemühen, das bedeutendere Rußland für die 
Romkirche zu erobern. Das mißlang ebenfalls. Rußland blieb ortho¬ 
dox, Schweden blieb lutherisch. Seine Bedrohung durch die Prie- 
sterpolitik hörte freilich nicht auf. Sie wurde der eigentliche Anlaß 
für das Eingreifen Gustav Adolfs in den 30jährigen Krieg. 

In Polen griffen die Jesuiten zu weit niederträchtigeren Mitteln. 
Die wirtschaftlichen und rechtlichen Gegensätze im Volke, die 
schon die Glagolithenmönche ausgenutzt hatten, fachten sie mit 
der Sklavensprache als nationale Unruhen künstlich an. Einwand¬ 
frei ist als jesuitische Hetze erkannt, protestantisch, böse und 
deutsch, polnisch, katholisch und gut zu Begriffseinheiten zu ver¬ 
schmelzen, die noch heute gelten. Wiederum läßt sich feststellen, 
wie erbittert sich die deutsche Bevölkerung gegen die sprachli¬ 
che Vergewaltigung wehrte. Zwar wurden fast alle Zeugnisse dar¬ 
über unterdrückt, doch zeigt die Sprachenkarte von 1900 eine 
kaum vorstellbare Zahl von deutschen Sprachinseln im Polen- 
tum. Überall, wo sich ein paar freie Bauern und Bürger erhalten 
hatten, stieß die Umvolkung auf unüberwindlichen Widerstand. 
Wo Adel und Kirche den Boden besaßen, war die Bevölkerung der 
gemeinsten Willkür und Ausbeutung ausgeliefert. Sie wurde durch 
die Umvolkung seelisch zerbrochen. Wie wenig sich an ihrer Recht¬ 
losigkeit als »sclavi« seit der Bekehrung im lO.Jahrhundert ge¬ 
ändert hatte, in welchem Elend diese Menschen weitere Jahrhun¬ 
derte leben mußten, als anderswo diese Zustände längst über¬ 
wunden waren, zeigte sich 1772 bei der ersten Teilung Polens. Die 
Städte Westpreußens hatten Dorfgröße, waren völlig verfallen, die 
Dörfer menschenunwürdige Elendsanhäufungen, über die sich 
Friedrich der Grosse zu recht entsetzte. Die Zustände in Po¬ 
len waren eine Verewigung der Wirtschaftsnot des 15. Jahrhun¬ 
derts mit allen Folgen, die sich aus achthundertjähriger unum¬ 
schränkter Kircheherrschaft ergeben. So entwürdigend wirkt die 
Allmacht der Priester und ihr Beherrschungsmittel Religion, daß 
die Polen vor ihren Peinigern bis zum heutigen Tage am Boden 
kriechen (165) . 

Der Dreißigjährige Kreuzzug in Deutschland 

Krieg ist Geschäft und gehört zur Ausbeutung. Die druidische 
Priesterschaft hatte ihn immer für ihre Ziele angewendet. Die rö¬ 
mische Kirche plante Kriege in ihre Machtpolitik nicht weniger 
brutal ein. Die Vorbereitungen zur großen Auseinandersetzung, 
die ganz Deutschland ihr wieder auf den Altar liefern sollte, dau¬ 
erten Jahrzehnte, genau wie es einst die Römer taten oder die Prie¬ 
ster die Zerstörung Germaniens planten. Erstmals im 16. Jahrhun¬ 
dert ist die planmäßige Einkreisungspolitik der Kurie gegen die ab¬ 
gefallene deutsche Nation nachweisbar. 

Der Beginn des 17.Jahrhunderts sah ihre Kriegsvorbereitung in 
Deutschland reifen - und wurde endlich erkannt. Die Mehrheit 
der protestantischen Fürsten begriff ihre gefährliche Lage und 
schloß sich zur »Union« zusammen. Dagegen organisierte die 
Kirche die katholische »Liga«. Damit waren die politisch- mili¬ 
tärischen Fronten für den kommenden Bürgerkrieg in Deutsch¬ 
land bezogen. Der Haß zwischen Lutheranern und Kalvinisten 
wurde von jesuitischen Agenten mit politischen Intrigen kräftig 
geschürt, getreu ihrem alten Grundsatz, die Gegner durch innere 
Streitigkeiten zu spalten. Genau 100 Jahre nachdem Luther den 
Großteil Deutschlands der Kurie entrissen hatte, begann der Drei¬ 


ßigjährige Krieg, der großangelegte Versuch, mit einem riesigen 
(lange angekündigten) Blutbad die Deutschen wieder unter das 
Joch des Papstes zu zwingen* 166 '. Wie jeder Krieg, mußte auch die¬ 
ser finanziert werden: Weil es Papiergeld in Europa noch nicht gab, 
griffen die Protestanten-Fürsten zur Münzverschlechterung. Sie 
wurde so arg gehandhabt, daß durch enorme Preissteigerungen 
zahllose Bürgerfamilien verarmten und, schlimmer noch, keiner 
dieses Geld annehmen wollte. Unbezahlt wollten die protestan¬ 
tischen Heere nicht mehr kämpfen. Der Papst besaß den erheb¬ 
lich längeren finanziellen Arm! Die wirtschaftliche Schwächung 
des protestantischen Bürgertums, Geldmangel und Unfähigkeit 
der Unionsfürsten kam ihm äußerst gelegen. Er schien dem Siege 
nahe und rief 1622 die »Sancta congregratio depropagandefide« 
ins Leben (richtete ihre geistige Zwingherrschaft wieder auf). Die 
norddeutschen Länder bis zur Ostsee wurden besiegt und unter¬ 
worfen. Gustav Adolf wußte, wenn er weiter neutral bliebe, sein 
Land als nächstes der römischen Kirche zufallen würde. Er griff in 
den Krieg ein und überwand fast alle katholischen Streitkräfte in 
Deutschland: Die Priester sahen sich um ihre Kriegsziele betro¬ 
gen. In dieser Krise soll er in der Schlacht bei Lützen »von einem 
Verräter« hinterrücks erschossen worden sein. Sogar der von Kai¬ 
ser und Kirche zum Feldherrn der Katholisierung ernannte Wal¬ 
lenstein durchschaute den Wahnwitz der Priesterpolitik. Er 
führte den Krieg schließlich nur zum Schein, seine Friedenspläne 
sahen vor, »die Jesuiten als Störer des allgemeinen Friedens, als 
Urheber der gegenwärtigen Unruhen, für immer aus Deutschland 
zu verbannen«, er verhandelte insgeheim mit Schweden über 
Waffenstillstand und Bündnis. Das war für die Priestermacht, die 
den frommen Kaiser beherrschte (die Intrigen des Jesuiten La- 
mormain, Beichtvater Ferdinands, erwähnen die Geschichte¬ 
bücher fast nie!), Frevel und eine unzulässige Störung ihrer Pläne. 
Sie beantwortete sie mit der Ermordung Wallensteins. 

Nach den Schweden trat Frankreich in den Krieg ein. Hauptan¬ 
stifter war der berühmt-berüchtigte Kardinal Richelieu* 167 ', und 
man könnte fragen, weshalb dieser hohe Priester und Staatslen¬ 
ker ein Bündnis mit Schweden schloß. Mit Protestanten gegen 
»Seine Apostolische Majestät«, den Kaiser? Hätte Richelieu 
Willen und Plänen seiner Kirchenleitung zuwider gehandelt, so 
wäre er gewiß nicht Kardinal gewesen und geblieben. Nein, auch 
da kommen langfristige Pläne und Ränke zum Vorschein. In er¬ 
ster Linie ging es den Kriegsanstiftern um die Bezwingung der deut¬ 
schen Nation, die wieder einmal so unbeugsam die Priesterherrschaft 
in Frage stellte. Während Gustav Adolf gegen die Allmacht der 
katholischen Priesterschaft kämpfte, saßen Jesuiten in Stockholm 
und bearbeiteten seine Tochter Christine, die nach seinem 
Tode zum Katholizismus übertrat (allerdings auf den Thron ver¬ 
zichten mußte) und in geistgestörter Höllenfurcht ihr Leben be¬ 
endete. Die Jesuiten erwarteten frohgemut Gustav Adolfs Tod. 
Wir durchschauen die Politik: Richelieu bekam den christlich¬ 
gläubigen König unter seine Aufsicht, kannte alle seine Pläne bei¬ 
zeiten, konnte mit »französischem« Gelde das Schlachten und 
Zerstören in Deutschland fortsetzen, damit möglichst wenige die¬ 
ser widergespenstigen Deutschen übrig blieben. Kardinal Riche¬ 
lieu war nicht bloß ein geistig und sittlich verkommener Charak¬ 
ter, er war ein besessener Deutschenhasser in bester Tradition der 
Druidenpriester seit der germanischen Eroberung Galliens. Die¬ 
sen Haß haben auffallend viele führende Franzosen übernom¬ 
men. In leitender Stellung ihres Staates spürten sie schmerzhaft 
die kulturelle Unterlegenheit der Gallier. Ich erinnere nur an Cle- 
menceaus berühmten Ausspruch, »noch 20 Millionen Deutsche 
(sind) zuviel«* 168 '! 


84 


Um das Maß der fremden Horden vollzumachen, die von der Aus¬ 
sicht auf Sold und Beute gelockt, bewaffnet nach Deutschland 
strömten, beteiligten sich Spanier, Engländer, Dänen und Hollän¬ 
der an diesem Kriege, der sie so wenig anging wie die von Tilly 
herangeholten Balkanbanditen. Di e finanzielle und wirtschaftliche 
Erschöpfung Deutschlands war seit 1635 unheilbar; eine Entschei¬ 
dung nicht zu erreichen. Die Priester, voran natürlich Jesuiten, 
versuchten dennoch jahrelang den Frieden zu verhindern, den 
man 1648 zu Münster und Osnabrück Unterzeichnete. Er wurde 
gegen den wütenden Protest des Papstes 1 - 169) geschlossen. Deutsch¬ 
land war politisch und wirtschaftlich fast vernichtet. Seine Be¬ 
völkerung war von 24 auf 7 Millionen gesunken. Es zählte zur 
Stauferzeit schätzungsweise 30 Millionen Menschen, daraus ge¬ 
hen Stillstand und Niedergang in 300 Jahren noch offenkundiger 
hervor. 300 verschiedene »Souveräne« konnten, unter ausländi¬ 
scher Aufsicht und oftmals bestochen, über unsere Nation herr¬ 
schen wie ihnen beliebte. 

Dennoch, wenn man sich innerhalb der Priesterhierarchie über 
das Ergebnis Rechenschaft ablegte, mußte man traurig den Fehl¬ 
schlag aller Pläne eingestehen. 1629 hatte sie mit dem »Restitu¬ 
tionsedikt« die wirtschaftliche Befreiung von der Kirchenherrschaft 
rückgängig gemacht. Den dadurch kräftig neubelebten Wider¬ 
standswillen zu überwinden, besaßen ihre Schergen und Söldner 
einfach nicht die Kraft. Damit war das eigentliche Kriegsziel der 
Priester gescheitert. Geschichtlich und politisch ist das Restitutions¬ 
edikt ein klassischer Nachweis, daß die Kirche ihre Finanzmacht als 
Grundlage der Herrschaft ansieht - die vorgezeigte Scheinfront Re¬ 
ligion soll diese tarnen, sichern und ergänzen. Dieser Krieg war für 
die Priesterschaft ein verlorener Krieg, darum kämpfte sie wütend 
gegen den Friedenschluß. Für sie durfte es nicht eine Entschei¬ 
dung auf ewig werden. Niemals wollte sie sich damit abfinden. Die 
Anstifter des Krieges und Gegner des Friedens ahnten, daß jener 
nicht wieder katholisch gewordene Teil Deutschlands die Grund¬ 
lage des Wiederaufstiegs des deutschen Volkes werden würde. Es 
ging im Dreißigjährigen Krieg nicht nur um die Unterwerfung der von 
der römischen Kirche abgefallenen Deutschen, es ging in erster Linie 
um die Erneuerung ihres Wirtschaftsmonopols, ohne das jede geistige 
Zwingherrschaft wirkungslos bleibt. 

Die deutsche Nation überlebte unter entsetzlichsten Opfern und 
Verlusten den größten Bürgerkrieg der Geschichte. Sie war auch 
durch inneren Kampf, durch den vorgeblich religiösen Streit zwi¬ 
schen Deutschen und Deutschen nicht zu bezwingen gewesen. 

Frankreich wird Vormacht des Abendlandes 

Kann man sich eine hoffnungslosere Zeit vorstellen, als die Zu¬ 
stände in Deutschland nach dem Dreißigjährigen Kriege? Die 
Weltmacht Spanien, im Kampfe gegen das Germanentum zusam¬ 
mengebrochen, wurde durch Frankreich abgelöst, politischer Ge¬ 
winner des Dreißigjährigen Krieges. Das Übergewicht Frank¬ 
reichs über die damalige Welt ist mit dem der USA im 20. Jahrhun¬ 
dert oder Roms im Altertum zu vergleichen. 

»Paris ward die Kapitale von Europa. Es übte eine Herrschaft wie 
nie eine andere Stadt, der Sprache, der Sitte, gerade über die vor¬ 
nehme Welt und die wirksamen Klassen; die Gemeinschaftlich¬ 
keit von Europa fand hier ihren Mittelpunkt. Sehr besonders ist es 
doch, daß die Franzosen schon damals ihre Verfassung aller Welt 
angepriesen haben, »den glücklichen Zustand der schutzreichen 
Untertänigkeit, in dem sich Frankreich unter seinem Könige be¬ 
finde, einem Fürsten, welcher vor allen anderen verdiene, daß die 
Welt von seiner Tapferkeit und seinem Verstände regiert und in 
rechte Einigkeit gebracht werde^ 170 f Nie veraltende Phrasen! 

Das gewaltige politische Übergewicht Frankreichs über Europa be¬ 


ruhte naturgemäß auf einem finanziellen. Dazu brauchte es reich¬ 
lich umlaufendes Geld. Frankreich war jedoch um 1660 infolge des 
30jährigen Krieges völlig abgewirtschaftet und verschuldet. 

Jean Baptiste Colbert (1619 bis 1683) wurde 1661 Finanz¬ 
minister. Er brachte mit großer Energie die Finanzen des König¬ 
reiches in Ordnung. Schon 1662 erwirtschaftete er einen Über¬ 
schuß von 32 Millionen »Livres«, im nächsten Jahre weitere 44 
Millionen Livres. Er verfolgte eine Wirtschaftspolitik (»Merkanti¬ 
lismus«), die zum ersten Male die eigene Nation über alles stellte, 
weil sie bestrebt war, das Geld im Lande zu behalten. Colbert ver¬ 
langte, daß der Außenhandel stets positiv sein müsse, d.h. man 
stets mehr Waren ausführen müsse als einführen, was natürlich 
mit einem Zufluß von fremdem Geld, also Gold und Silber, ausge¬ 
glichen werden mußte. So brachte er ständig mehr Geld im eige¬ 
nen Lande zum Umlauf. Er importierte gewißermaßen eine milde 
Inflation. Er machte Frankreich zu einem einzigen geschlossenen 
Wirtschaftsgebiet. So groß waren Wirtschaftsaufschwung und 
Handel, so umfangreich wurde der Verkehr im Lande, daß Col¬ 
bert ein Netz fester Straßen schuf (»Routes Nationales«) und 
das französische Binnenkanalsystem anlegte. Frankreichs Ver¬ 
kehrsnetz wurde vorbildlich für ganz Europa. Colbert gründete 
eine Flotte und das französische Kolonialreich (Kanada, Loui¬ 
siana, Westindien, Indien, Afrika). Überseeische Goldfelder tru¬ 
gen weiter zum Aufschwung Frankreichs bei. Seine Erzeugnisse, 
wozu auch »Kolonialwaren« gehörten, eroberten sich durch 
Güte und niedrige Preise die Märkte Europas. 

Den größten Nutzen davon hatte das französische Bürgertum, 
überwiegend seine Protestanten, das heißt die Hugenotten. An¬ 
gestachelt durch die Lehren Kalvins, beherrschte ihr Gewerbe¬ 
fleiß und Geschäftssinn praktisch alle Industriezweige des Lan¬ 
des. Selbstbewußtsein und Ansehen überwand die Verfolgun¬ 
gen im 16. Jahrhundert. Die Wirtschaftsblüte in Frankreich führte 
auch diesmal zu merklicher Verweltlichung von Volk und Kultur, 
schwächte die katholische Kirche durch »Abfall von Rom« und 
Rebellion des Volkes: Schon 1664 sprangen »Quietismus« und 
»Jansenismus« auf und wuchsen zu bedrohlichen Bewegungen 
gegen die Macht von Papst und katholischer Priesterschaft. In den 
Provinzen brachen Unruhen der Bauern aus, deren Los unter der 
harten Bedrückung durch Klerus und grundbesitzenden Adel am 
wenigsten beneidenswert war. 

Aus Frankreichs wirtschaftlicher Überlegenheit entsprang die un¬ 
geheure kulturelle und politische. Es ist fast unmöglich, gegen kul¬ 
turelle Überfremdung sich zu wehren, wenn sie vom Gelde getra¬ 
gen wird (siehe heute den Amerikanismus!) Der Mensch in ei¬ 
nem wirtschaftlich benachteiligten Lande wird stets zuerst seine 
materielle Verbesserung erstreben. Wenn seine eigene Nation sie 
ihm nicht geben will, dann sucht er sie bei Fremden - mit allem, 
was damit einhergeht. Französische Dichter, Musiker, Maler, Bild¬ 
hauer, Architekten, Wissenschaftler, französischer Lebensstil und 
besonders die Sprache überschwemmte innerhalb 50 Jahren das 
völlig verarmte und entvölkerte Deutschland des 17.Jahrhun- 
derts, freilich auch andere Völker bis nach Rußland hinein. 

Wie in anderen Zeiten und Ländern, erlebten Wissenschaften 
und Künste Frankreichs eine beachtliche Blütezeit. Louis XIV. 
glänzte als Mäzen der Astronomen Cassini, Hevelius und an¬ 
derer Wissenschaftler. Mit dem Gelde, das durch seine Hände 
ging, förderte er Musik, Schauspiel (Moliere, Racine), Litera¬ 
tur und bildende Künste, auch die Architektur, die zu Versailles ih¬ 
ren kostspieligsten Ausdruck erhielt. Stärker als der Geldzustrom 
wuchs die Geldgier des Sonnenkönigs. Bald konnte Colbert 
nicht mehr genug für die Extravaganzen Louis XIV. heranschaf¬ 
fen. »Colbert sah alle seine Hoffnungen auf große Wirtschafts- 


85 


reformen, auf nutzbringende sinnvolle Aufgaben, auf finanzielle 
Neuordnung sich in Luft auflösen. Colbert warnte den König er¬ 
neut, versuchte ihm die Augen zu öffnen, wie zukünftige Einnah¬ 
men im voraus verschwendet wurden und in den Bankrott führen 
mußten - vergeblich. Der König antwortete ihm, er vertraue dar¬ 
auf, daß Colbert es schon schaffen werde-und daß er keine Aus¬ 
gabe streichen könne«* 171 f So wuchsen die Staatschulden, denn 
»Louis betrachtete das Vermögen seiner Untertanen als sein ei¬ 
genes« - das der Priester natürlich ausgenommen! 

«Der (französische) Klerus bildete eine geschlossene Gesell- 
schaft(!), scharf getrennt zwischen dem höheren, meist Aristokra¬ 
ten und erstaunlich weltmännisch, und dem miserabel bezahlten 
niederen, der aus dem Volke hervorging, trotz guten Wollens un¬ 
vorstellbar ungebildet und engstirnig. Die Macht des Klerus lag im 
Finanziellen. Er allein besaß Reichtum, er allein konnte der Krone da¬ 
von geben - oder nicht geben. Der hohe Klerus war in der Lage, seine 
Geschenke an Bedingungen zu knüpfen und damit wirklichen Einfluß 
auf die Politik der Krone auszuüben « ( ' 171 \ 

Ein kleiner Kreis von Priestern bestimmte die Politik des Königs der 
Franzosen. Louis XIV. regierte - gemäß Druiden-Grundsätzen - 
als »Mittler zwischen Priester und Volk«. Er bot alle Vorausset¬ 
zungen dafür: Er ist streng katholisch und »in größter Unwissen¬ 
heit erzogen worden«. In seinerJugend war er Meßdiener des Kar¬ 
dinal Mazarin. Louis’ Tagewerk begann mit Messe und Kom¬ 
munion - sein ganzes Leben hindurch. Der Jesuit LaChaise war 
sein strenger Beichtvater, der eifrig Louis’ Maßlosigkeit, Eitelkeit 
und Prunksucht förderte. Die Priester versuchten sogar, ihm den 
Ehrentitel »der Große« beizulegen (Ludovicus Magnus), frei¬ 
lich erfolglos. 

Auch nach dem Tode Colberts glaubte er mit Luxusleben, Ge¬ 
waltpolitik und Raubkriegen so fortfahren zu können wie bis¬ 
her. Weil die Staatsfinanzen nichts mehr hergaben, wurden im¬ 
mer neue Schulden aufgenommen, wenn Zinsen für die Schulden 
fällig waren, einfach Steuern und Zölle erhöht. Nach dem Vorbild 
der Römer und Sultane plünderte er das Franzosenvolk aus, bis es 
im Spanischen Erbfolgekrieg buchstäblich nichts mehr herauszu¬ 
holen gab. Was er in diesen Jahrzehnten dem Volke an Geld ent¬ 
zogen hatte, hat er durch Verschwendung aufgezehrt, war in Form 
von Hilfsgeldern und Bestechungen in die Hände anderer gelangt. 
Frankreich war wirtschaftlich nicht mehr imstande, den Krieg 
durchzuhalten und brach nach Louis’ Tod (1715) mit Milliar¬ 
denschulden zusammen. Sein Sarg wurde vom empörten Volke 
mit Steinen beworfen. 

Die Blütezeit der Wirtschaft Frankreichs durch Colberts Wir¬ 
ken dauerte keine 20 Jahre. Die Masse des Volkes hatte daran, wie 
es scheint, wenig Anteil. Alle Zeichen weisen daraufhin, daß die 
ungelöste Finanzfrage ab 1680 den Niedergang Frankreichs ein¬ 
leitete. 

Nicht überraschend sehen wir mit dem Verfall der Wirtschaft wie¬ 
der die Priestermacht wachsen. »Eine Wiederbelebung der Reli¬ 
gion sprang in der katholischen Kirche auf, die Namen St. Vincent 
de Paul und St. Francois de Sales weisen auf tiefere und spirituelle 
(!) Grundlagen hin«* 171 ). 

Freilich! Jesuitenpolitik spann jetzt erfolgreich Intrigen, die All¬ 
macht der Kirche über das geschwächte Deutschland auszudeh¬ 
nen. Mitten im Frieden ließ der Bischof von Straßburg, Franz 
Egon von Fürstenberg die Tore der (damals evangelischen) 
Freien Reichsstadt, in der er politisch nichts zu sagen hatte, für die 
französischen Truppen öffnen* 168 * und die Kirchenglocken bei ih¬ 
rem Einzug zu läuten (1681). Louis XIV. rechnete so zuversicht¬ 
lich auf den Landesverrat des deutschen katholischen Hochadels, 
daß er dessen Bruder Wilhelm Egon von Fürstenberg auf 


den kurkölnischen Erzbischofsitz brachte, damit dieser ihm auf 
die gleiche Weise auch Köln in die Hände spielen möge. Die Ver¬ 
folgung der Hugenotten, die 400000 Menschen aus Frankreich 
vertrieb, der Raubfeldzug des Mordbrenners Melac durch die 
(protestantische) Pfalz und die Rheinlande (1689) waren plan¬ 
mäßig veranlaßte Gewalttaten, für die Franzosen, jedoch nicht 
Priester und Kirche von der Geschichte verurteilt werden. Mit 
Brutalität unterdrückten besonders ausgewählte Truppen des 
»Allerchristlichsten Königs« die protestantische deutsche Be¬ 
völkerung des Elsaß, von der so gut wie nichts übrig blieb. In den 
Cevennen führten sie einen jahrelangen grausamen Ausrottungs¬ 
krieg gegen nichtkatholische Franzosen. 

Die Verlogenheit der Priesterpolitik (wenige durchschauen sie!) 
zeigt sich in der Aufhebung des Ediktes von Nantes (1685). Der 
Papst begründete sie mit der »Türkengefahr«, deretwegen die 
»bedrohte« katholische Einheit Frankreichs wieder hergestellt 
werden müsse - dieselbe Türkengefahr, die Kirche und Louis 
XIV. absichtlich herbeibeschworen. Wie weit diese Pläne gingen 
beweist das niederträchtige Bündnis Frankreichs mit dem Osmani- 
schen Reiche. Leider ohne Hervorhebung kirchlicher Hintergründe 
erklärt dazu Ranke: »Haben sie den Zug Karen Mustaphas im 
Jahre 1683 nicht veranlaßt, so haben sie doch darum gewußt. Ihre 
Absicht war dabei nicht Deutschland oder die Christenheit zu ver¬ 
derben, so weit gingen sie nicht, aber Wien wollten sie nehmen, 
die Türken selbst bis an den Rhein Vordringen lassen. Dann wäre Lud¬ 
wig XIV als der einzige Schirm der Christenheit hervorgetreten; 
in der Verwirrung, die eine solche Bewegung hätte hervorbringen 
müssen, würde es ihm nicht haben fehlen können, über die deut¬ 
sche Krone zu verfügen und selbst an sich zu nehmen«* 170) . 
Erinnern wir uns an den Awarensturm, der Karl dem Grossen 
so viel einbrachte? Veranlaßte nicht der Papst den Mongolenein¬ 
fall von 1241? Hatte die römische Kirche nicht ihre (orthodoxen) 
Mitchristen in Konstantinopel 1453 den Türken ausgeliefert? 
»Eine vorzügliche Rücksicht der französischen Politik war, den 
Frieden zwischen Polen und Türken zu erhalten, dazu ward selbst der 
Tatarkhan angegangen«* 170 *. Trotz Friedens mit dem Türken¬ 
reich eilt aber Jan Sobiesici zum belagerten Wien, »die Christen¬ 
heit vor den Türken zu retten«? Nein. Denn als es zur Schlacht 
kommt, verbirgt sich der fromme Polenkönig mit seinen Söld¬ 
nerhaufen im Wienerwald, feiert Messe und betet. Wofür? Für 
den Sieg der Deutschen? Niemals! Die schlagen vor den Mauern 
Wiens ohne Sobiesicis Hilfe die Türken so vollständig wie einst 
am Angrivarierwall die Römer, es gab von diesem Zeitpunkt an 
nur ihren allmählichen Rückzug nach Asien. 

Sobiesici, reichlich bezahltes Werkzeug französischer Politik, 
wurde wegen der Schlacht bei Wien nicht gestürzt, nicht einmal 
desavouriert. Polens König trieb unzweifelhaft »im höheren Auf¬ 
träge« ein infames Doppelspiel: Er hatte die Deutschen mit seiner 
versprochenen Waffenhilfe zu täuschen, ihre Verteidigung auszu¬ 
kundschaften und wenn der Sieg geschwankt hätte, wäre er zu sei¬ 
nen geheimen Bundesgenossen, den Türken übergegangen. Vor¬ 
bild: Tannenberg 1410. Der Verrat mißglückte. 

Da nun alles anders gekommen war, ließ der polnische Held an¬ 
stelle von Wien das Türkenlager plündern. Die Polen haben ja im¬ 
mer verstanden, die Siege anderer zu ihrer eigenen Bereicherung 
zu nutzen. 

Und - wieder einmal Notstandszeit! 

»Um 1650hatte die Zufuhr des Edelmetalls aus Amerika, aus dem 
Fernen Osten und aus Afrika zu verebben begonnen. Der europä¬ 
ische Edelmetallerzbergbau vermochte die Lücken nicht zu schlie¬ 
ßen«* 172 ^. In Deutschland bedrückt Geldmangel Volk, Land und 


86 


Souveräne. In anderen Worten: Der Geldumlauf stockte, wir ha¬ 
ben wieder Deflation und »Rezession« (= Schrumpfwirtschaft) 
mit allen bekannten Folgen. See- und Landräuberbanden, zuwei¬ 
len Hunderte stark, bildeten sich in Europa und Amerika (»Buc- 
caneers«). Sie plünderten und raubten wohin sie kamen, um das 
erpreßte Geld sogleich ausschweifend zu verschleudern. Ist in ei¬ 
ner Rezession sozusagen die brutale Methode der Umlauferzwin¬ 
gung- 

Alte Gemälde veranschaulichen, wie die arbeitende Schicht un¬ 
seres Volkes unter diesen Verhältnissen vegetierte. Wer will, mag 
Vergleiche mit dem Leidens- und Todeskult im deutschen Volke 
des 15.Jahrhunderts ziehen. Seine traurige Gedankenwelt und 
»Jenseitssehnsucht«(!) erkennt man an jammerseligen Lieder¬ 
dichtern wie der Pfarrer Paul Gerhardt (er wurde vom Großen 
Kurfürsten aus Brandenburg ausgewiesen). Der beachtliche Auf¬ 
schwung von Kirchen, Klöstern und Religion in der Barockzeit ist an 
sich genügend Beweis für den Niedergang der Wirtschaft. 

Anstelle der volkstümlichen Schauspiele der Reformationszeit 
traten finster religiöse »Mysterien« und »Passionspiele«. »Ul¬ 
rich von Hutten und Hans Sachs« (waren) »in der physisch 
und moralisch herabgekommenen Nation« verfemt, Literaten 
und Gebildete »wandten sich der platten Nachahmung des Frem¬ 
den, der Ausländerei zu. Das war ein so allgemeiner Zug der Zeit, 
daß nur ein geistiger Riese ihm hätte widerstehen können. Einen 
solchen aber besaß Deutschland damals nicht. Mit der lächerlich¬ 
sten Einseitigkeit verwarf man alle geselligen Würze des Lebens, 
Scherz, Tanz und Spiel, weiblichen Putz, Gastgebote, Poesie, 
Theater und Zeitungen als sündlich und brachte neben den gro¬ 
tesken Erscheinungen aufrichtig gemeinter Frömmigkeit armse¬ 
ligste Heuchelei zum Vorschein«^ 73 '. 

Fürsten und Grundeigentümer lebten bloß vom Borgen. Aber die 
Schulden des einen sind das Vermögen anderer: Geldbesitzer, Kapi¬ 
talisten, Bankiers verlangten Wucherzinsen, die sie durch Erpres¬ 
sung des wehrlosen Volkes eintrieben. Waren adlige Grundherren 
und Fürsten durch keinerlei Menschlichkeit oder Sitte, auch nicht 
durch Gesetze, schon gar nicht durch die christlichen Lehren ge¬ 
hemmt, das untertane Volk zu mißhandeln, die Priester übertra¬ 
fen sie bei weitem. Die Geistlichkeit erzwang mit altgewohnter 
Rücksichtslosigkeit die Abgabe von Zehnten, Steuern, Gälten, 
Renten und Peterspfennig. Mangel an Pflichtbewußtsein, Faul¬ 
heit und Unfähigkeit, dazu verrottete Rechtsfindung waren Kenn¬ 
zeichen der Priester-Regierungen. »Denn im allgemeinen waren 
die geistlichen Staaten tief zerrüttet; man zählte wohl auf 1000 
Menschen, die die Quadratmeile bewohnten, 50 Geistliche und 
260 Bettler«*- 174 '. Jeder Vierte ein Bettler! Aber überall ahmten 
prunkvolle Kirchen und Klöster das reichere Frankreich und Ita¬ 
lien nach. Unübertrefflich die Fähigkeit der katholischen Kirche, 
Volk in Not auszuplündern und dafür zu verhöhnen. Die Priester 
unterwühlten letzte verbliebene Reste von Selbstachtung: »Zu 
keiner Zeit wurde härter über den leidenden Teil des Volkes geur¬ 
teilt als in dieser Periode, in welcher eine gemütlose Orthodoxie 
auch die Seelen solcher verkümmern ließ, welche das Evangelium 
der Liebe zu predigen hatten. Niemand war eifriger als die Theo¬ 
logen über die Nichtsnutzigkeit des Landvolkes zu klagen, unter 
welchem sie leben mußten, immer hörten sie den Höllenhund um 
die Hütten der Untertanen heulen; freilich war die ganze Auffas¬ 
sung des Lebens finster, pedantisch, arm an Freude geworden« (175 '. 
»Erweckungsbewegungen, Chiliasmus, Sekten machten von sich 
reden. Übler waren religiöse Wahnvorstellungen und dumpfer Fa¬ 
natismus, die in jenen aufgeregten Zeiten das Volk erfaßten«* 176 '. 
Der Geistlichkeit standen die Landesfürsten mit Staatsgewalt bei, 
»Kirchenzucht« zu erzwingen. »Das Fernbleiben vom Kirchen¬ 


besuch sollte mit empfindlichen Strafen belegt werden; auch am 
Nachmittag war die Gemeinde zu versammeln und der Inhalt der 
Predigt und die Hauptstücke des Katechismus abzufragen. Wäh¬ 
rend der Predigt und der Gemeindeversammlung hatten Streifen¬ 
dienste dafür zu sorgen, daß sich niemand in den Schänken auf¬ 
hielt, die ohnehin um sieben Uhr abends zu schließen waren. Das 
Fluchen, Saufen, Schwören und Entheiligen des Sonntags wurde 
schwer geahndet«* 176 '. Wer bei der Geistlichkeit Anstoß erregt 
hatte, mußte auf der »Armensünderbank« Platz nehmen und 
wurde durch öffentliches »Abkanzeln« entehrt. 

Öffentliche »Gebetsverhöre« durch die Pfarrer dienten strenger 
Gedankenüberwachung des Volkes. 

Der Verfolgungswahn der katholische Kirche war, wir haben be¬ 
reits davon gehört, erbarmungslos. 1685 vertrieb sie die Hugenot¬ 
ten, 1718 die Jansenisten aus Frankreich. Sie drang in rein evan¬ 
gelische Gebiete erfolgreich ein. Ein untrügliches Zeichen von 
Schwäche und Lebensangst ist freiwillige Unterwerfung unter den 
Priester. »Wie sehr war dies damals der Fall, als wieder ein großes 
katholisches Interesse emporkam, von welchem der Protestantismus 
in seiner Selbständigkeit gefährdet wurde. Der Orden der Jesuiten 
war in der Hofburg ebenso mächtig und noch mächtiger als im 
Schlosse zu Versailles* 177 '. Viele evangelische Geistliche und Laien 
traten aus eigenem Entschluß zum Katholizismus über. Der Kur¬ 
fürst von Sachsen wurde katholisch, des Großen Kurfürsten Sohn 
(Friedrich I.) hatte Jesuiten am preußischen Hofe und wäre es 
beinahe geworden. 

Jede zufällig herrschende theologische Richtung terrorisierte 
alle anderen, jede Abweichung ahndete sie als »verdammlich« 
und »Verirrung« mit Amtsenthebung. Wer dagegen aufzutre¬ 
ten wagte, wurde des Landes verwiesen - die Evangelischen wa¬ 
ren wenig besser als die Katholischen. Die evangelische Kirche 
versumpfte in starrer, engstirniger Orthodoxie; nach erbitter¬ 
ten theologischen Streitereien setzte sich jene religiöse Beses¬ 
senheit durch, die man als »Pietismus« bezeichnet. Die Königs¬ 
berger Universität ließ über tiefschürfende theologische Fragen 
wie: »Ob Christus aus eigener Kraft von den Toten auferstan¬ 
den?« disputieren und Gutachten anfertigen. Man mag daran er¬ 
messen, was gelehrte Hirne dieser Verfallszeit ausfüllte. Ob katho¬ 
lisch, evangelisch, anglikanisch, orthodox, alle Theologen verga¬ 
ßen ihr Gezänk, standen wie ein Mann zusammen wenn irgendwo 
jemand ihre religiöse Machtbastion anzurühren wagte. Aus Eng¬ 
land kennen wir die Hinrichtung von Thomas Aiicenhead am 8. 
Januar 1696 zwischen 2 und 4 Uhr nachmittags am Galgen. Sein 
Leichnam wurde darunter verscharrt und sein Vermögen eingezo¬ 
gen. Aiicenhead hatte keinen Menschen umgebracht, nichts ge¬ 
stohlen, niemand ein Leid zugefügt. Sein »todeswürdiges Verbre¬ 
chen« war: »Der Verurteilte hat wiederholt in Gesprächen behaup¬ 
tet, die Heilige Schrift sei so vollgestopft mit Unsinn, Wahnsinn und 
Widersinn, daß er die Dummheit der Welt bewundere, sich so lange 
davon blenden zu lassen.« Was Aiicenhead aussprach und da¬ 
für büßen mußte, dürfte in tausenden Fällen vorgekommen sein, 
leider wissen wir infolge der Urkundenvernichtungen nur aus¬ 
nahmsweise davon. 1702 veröffentlichte Daniel Defoe, der Ver¬ 
fasser des »Robinson Crusoe« eine Kampfschrift gegen die Prie¬ 
ster: »The Shortest Way with Dissenters« (Der kürzeste Weg für 
Abweichler«) wofür er »bestraft, zu ewigem Gefängnis und zum 
Stehen im Pranger verurteilt« wurde. Der öffentliche Protest der 
Bürger Londons rettete ihn. Wie recht hatte Schopenhauer, als 
er den Scheiterhaufen »ultima ratio theologorum« nannte. So ent¬ 
artet waren die kulturellen, geistigen und religiösen Zustände an¬ 
fangs des 18. Jahrhunderts. 


87 


Preußen, Keimzelle neuen Aufstieges der Deutschen 

In Zeiten größter Bedrängnis, Erschöpfung und Hoffnungslo¬ 
sigkeit greift stets das Schicksal ein und führt unser Volk wieder 
auf den Weg zum Aufstieg. Eine der erstaunlichsten Erscheinun¬ 
gen unserer Geschichte. Gewiß war Deutschland zu ohnmächtig 
um Gedanken an nationale Einigung äußern, geschweige durch¬ 
führen zu können. Selbst wenn sie ständig den Kaiser stellten, ver¬ 
standen die Habsburger ihre Macht stets als eine private, an eine 
Aufgabe im nationalen, ja nur sittlichen Sinne als Führer des Rei¬ 
ches dachte kaum einer von ihnen. An allen Grenzen wurden wie¬ 
der Stücke des Reiches abgerissen, die Nation geschwächt, das 
deutsche Volk von willkürlichen, prassenden und korrupten Für¬ 
sten ausgeplündert, doch jeder Appell an den Kaiser war vergeb¬ 
lich^ 178 ^. Nur dort konnte eine Erneuerung des Volkslebens ge¬ 
schehen, wo der Fürst sich seiner Pflichten als Lenker des Staates 
erinnerte und den Volksteil, den er regierte, mit neuem Mute und 
Lebenswillen beseelte. Dieser einzigartige Mann war Friedrich 
Wilhelm IV. von Brandenburg, der Große Kurfürst. Selten 
wurde ein Fürst von verschiedenen Widersachern herausgefor¬ 
dert, selten ein Staat so oft von äußeren und inneren Feinden be¬ 
droht. Große Teile seines Ländchens waren seit dem Dreißigjäh¬ 
rigen Kriege von Fremdmächten besetzt, die wenig Lust zeigten, 
sie wieder zu verlassen. Polen und Tataren fielen nach Preußen 
ein, im Solde Frankreichs versuchte Schweden sich Verträgen zum 
Trotz in den Besitz Brandenburgs und Pommerns zu setzen. Der 
Große Kurfürst war nicht immer siegreich, aber behauptete sich. 
Durch geschickte Diplomatie, Kriege und Verträge, erreichte er, 
Herr in den zerrissenen Landesteilen zu werden. Schwerer wurde 
es, mit den Feinden im Inneren fertig zu werden. Er brachte nicht 
weniger als 23 Jahre zu, bis ihn die Stände als Landesherren aner¬ 
kannten. Das Interesse des preußischen Adels am Staate war vom 
Grundeigentum bestimmt und daher was Pflichten betraf, gleich 
Null. In kritischer Lage 1672 verbündete er sich mit Polen (die 
dortigen zuchtlosen Zustände und Ausbeutungsvorrechte hätten 
sie gerne nachgeahmt). Da ließ der Kurfürst den Anführer als Lan¬ 
desverräter entführen und hängen. Man möchte in ihm einen al¬ 
ten, tüchtigen, pflichtbewußten Germanenführer wiedererken¬ 
nen, der solange wie möglich jede Gewaltpolitik vermied und erst 
dann zum Schwerte griff, wenn es nicht anders ging. 

Wir bewundern zu Recht die Folgerichtigkeit seines Aufbauwer¬ 
kes: Nach Gewinn der Unabhängigkeit ging er daran, eine Han¬ 
delsmacht zu schaffen, er baute eine Flotte und gründete die er¬ 
ste deutsche Kolonie in Afrika. Der Handel trug ihm Silber und 
Gold ein, denn Bergwerke besaß er nicht. Ja, er ließ sogar die Mün¬ 
zen verschlechtern. Vorsichtig angewendet, erwies er dem Lande 
damit eine Wohltat, denn wir wissen inzwischen einiges über die 
Bedeutung umlaufenden Geldes. Das alles half ihm, Vertrauen des 
Volkes gewinnen. Nur wenn Bürger und Bauer sich im Staate si¬ 
cher fühlen können, wenn sie Rechtsicherheit nach innen und 
Waffenschutz gegen äußere Feinde besitzen, werden sie arbeiten, 
zunächst für sich, dann und damit für die Gemeinschaft, für den 
Staat. 

War Brandenburg-Preußen ein armes Land? Gewiß! Aber wenn 
wir Staaten betrachten, die ungeheuere Ländereien besitzen, 
Bodenschätze in Hülle und Fülle zur Verfügung haben und de¬ 
ren Bevölkerung dennoch auf einer erbärmlichen Kulturstufe 
und Lebensweise steht, dann beweist das junge Preußen, daß 
für Reichtum oder Armut andere Maßstäbe gelten. Es ist eine ir¬ 
rige Schlußfolgerung, Preußen als das »Land der armen Leute« 
zu bezeichnen. Ja, es gibt Gelehrte, die behaupten, Preußen habe 
nur durch seine arme Bevölkerung überzeugte Untertanen sei¬ 
nes aufstrebenden Staates gewonnen. Daher könne nur eine allge¬ 


meine Armut wieder das Staatsbewußtsein stärken. Dieses unsag¬ 
bar dumme Geschwätz hat sich überall eingenistet und wird ohne 
Prüfung von Buch zu Buch und Vortrag zu Vortrag weitergereicht. 
Armut und Elend haben niemals und nirgends einem Staate über¬ 
zeugte und stolze Bürger gewonnen. Wer allerdings Lebensstandard 
und Kultur an der Größe der Schlösser, Kirchen, Klöster und an¬ 
deren Prunkbauten zu ermitteln sucht, wird Preußen (wie einst im 
Altertum Germanien) für armselig halten. Wer sich dagegen erin¬ 
nert, wie das Geld für solche Bauten dem Volke vom Arbeitsein¬ 
kommen abgezogen (vielmehr gestohlen) wurde, wird in den Ta¬ 
schen der Preußen entsprechend mehr vermuten dürfen. Verges¬ 
sen wir nie, die Hetze katholischer Priester gegen Preußen wirkt 
noch im 20.Jahrhundert. Verbreitete man nicht in Bayern und 
Österreich von den Kanzeln, Preußen wolle die katholischen Län¬ 
der erobern, weil es aufseinen »Sandwüsten« nichts besitze? Die 
Wirklichkeit sah ganz anders aus. Der Lebenstandard im armen 
Preußen war merklich höher als in klerikal beherrschten Ländern. 
Der Beweis? Es sind seit der Zeit des Großen Kurfürsten hundert¬ 
tausende Menschen nach Vertreibungen durch katholische Herr¬ 
scher, auch eine unbekannte Zahl von Einzelpersonen und Fami¬ 
lien nach Preußen eingewandert. Die Wanderung erfolgt immer zu 
den besseren Lebensbedingungen hin. Mit der Aufnahme der Huge¬ 
notten durch den großen Kurfürsten begann der große Treck nach 
Preußen, mit Aufnahme der Zillertaler im 19. Jahrhundert schloß 
er ab. Alle diese Menschen fanden nicht nur eine neue Heimat, 
sie haben sich innerlich mit dem Staate identifiziert: Sie wurden 
Preußen, weil das Leben in diesem Staate besser war! Forschen wir 
in der geheimgehaltenen Geschichte nach, so finden wir die Ur¬ 
sache: Friedrich Wilhelm hat in seinen Bodenreformedikten 
von 1661 und 1667 dem Bodenwucher und der Bodensperre der 
Grundeigentümer wirksam entgegengearbeitet. Er befahl: »Weil 
wir vernehmen, daß viele darüber abgeschreckt werden, weil ih¬ 
nen wüste Stellen nicht umsonst gegeben, sondern theuer ange¬ 
schlagen, auch wohl gar die Schöße- und Kontributionsrechte ge¬ 
fordert werden sollen, also verordnen wir hiermit allen und jeden, so 
aufbauen wollen, die wüsten Stellen frey und umbsonst und ohne eige¬ 
nes Entgelt zu geben und anzuweisen, auch ihnen wegen der alten 
Testierenden Schöße und Kontributionen nichts abzufordern«. 
Es war die Erleichterung Landbesitzes, die Schwächung der Pri¬ 
vatgrundmacht, was in Preußen solch begeisterte Untertanen her¬ 
vorbrachte. Friedrich Wilhelms Auseinandersetzungen mit 
dem grundbesitzenden Adel wurde bereits gedacht, er schützte 
die Bauern entschieden vor dessen Willkür. 

Nichts beweist diese innerliche Gleichsetzung des landverbun¬ 
denen, wirtschaftlich zufriedenen Volkes mit seinem Staate deut¬ 
licher als seine Fahnen im Schwedenkriege: »Wir sind Bauern 
von geringem Gut, und dienen unserem Kurfürsten mit Leib und 
BluU-J 179 \ Ein großartiges öffentliche Bekenntnis des Volkes zu 
Herrscher und Staat. Ist es ohne Vertrauen, ohne das Bewußt¬ 
sein, den eigenen Besitz von der Sicherheit des Staates abhän¬ 
gig zu wissen, überhaupt denkbar? Für diejenigen, die allein über 
Staat, Menschen und ihr Eigentum verfügen wollen und niemand 
sonst es gestatten, konnte nichts Schrecklicheres entstanden sein 
als Brandenburg-Preußen. Mißgunst und Furcht vor diesem jun¬ 
gen, lebenskräftigen Staate zeichnen die großen Mächte Frank¬ 
reich, Holland und Österreich aus. Die priesterhörigen Machtha¬ 
ber in Wien bekannten offen, man müsse »Brandenburg-Preußen 
mit allen Mitteln niederhalten«, man verweigerte ihm die schlesi¬ 
schen und pfälzischen Herzogtümer, die an Brandenburg gefallen 
waren und steckte sie selbst ein. 


88 


Friedrich der Grosse und Politik im 18. Jahrhundert 

Was der Große Kurfürst wegen der Widerstände seiner Geg¬ 
ner nicht erreichte, das schaßte sein Urenkel Friedrich der 
Grosse. Friedrich erbte das politische und militärische Ta¬ 
lent seines Urgroßvaters - sofern so etwas vererbbar ist -, er for¬ 
derte die Großmacht Österreich zum Kampfe heraus, er setzte 
sich und Preußen in diesem Kampfe siegreich durch. Das macht 
seine Größe in der Geschichte Deutschlands. Ich behaupte, und 
mein Leser wird mir nach der Betrachtung der vergangenen Zei¬ 
ten zustimmen, daß auch bei Friedrich dem Grossen die wirt¬ 
schaftlichen vor politischen, militärischen, nationalen und reli¬ 
giösen Fragen den absoluten Vorrang besitzen. Griff Friedrich 
aus wirtschaftlichen Gründen (rechtliche waren auch vorhanden) 
nach Schlesien, so war es rechte Staatskunst, den unerbittlichen 
Feind Preußens dadurch zu schwächen. Er nahm ein deutsches 
Land für Preußen in Besitz und wurde gleichzeitig Schutzherr der 
dort arg verfolgten Protestanten, jedoch ohne Katholiken zu be¬ 
nachteiligen. Schlesien war eine rein innerdeutsche Angelegen¬ 
heit. Sie wäre eine innerdeutsche Streitigkeit geblieben, wenn sich 
Kaiserin und Österreich nicht zu schwach fühlten, allein mit die¬ 
sem jungen Staate Preußen fertig zu werden. Warum fühlte man 
sich zu schwach? Warum verfügte der vielfach größere Staat nicht 
die Mittel an Geld und Volkskraft, das Preußen Friedrichs zu 
zerschmettern? Am Willen der Herrscher - und Priester - dazu 
fehlte es wahrlich nicht. Aber die Masse des Volkes machte nicht 
oder nur widerwillig mit, Begeisterung für Kriege gegen Preußen 
fand sich nur beim katholischen Adel und der Geistlichkeit. Die 
Antwort, die Historiker nicht geben lautet also: Infolge der rück¬ 
sichtslosen Ausbeutung Österreichs durch Herrscher, Klerus und 
Adel war es wirtschaftlich nicht in der Lage, den Status quo zu be¬ 
haupten, geschweige denn Preußen zu vernichten. Es mußte seine 
Kriege durch Verschuldung des Staates finanzieren; am Ende 
des Siebenjährigen Krieges waren 180 Millionen Gulden Schul¬ 
den aufgelaufen. Schlesien war so viel niemals wert, doch diese 
Rechnung hat Maria Theresia niemals aufgestellt (180) . Sie war 
ihr gleichgültig - katholische Religion bestimmte ihre Politik. 
Ihre Rachsucht und Feindschaft schreckte vor nichts zurück, we¬ 
der Leichenbergen noch Staatsbankrott. Man erklärt sie als harte, 
kluge, selbstbewußte, staatsmännische Persönlichkeit, das wäre sie 
als erste Frau der Geschichte - wenn es stimmen würde. Nein, Ma¬ 
ria Theresia war eine knetbare, ungezogene, anmaßende, eigen¬ 
sinnige Marionette in den Händen ihrer Beichtväter und klerikalen 
Ratgeber, die ihr Haß gegen die Freimaurerei, den »bösen Mann 
Friedrich« und das »gottlose Preußen«, gegen den »Räuber 
der blühensten Provinz«^ 81 ) (die völlig heruntergewirtschaftet 
war und erst unter preußischer Verwaltung sich erholte) eintrich¬ 
terten, deren Willen sie vollzog und den sie bar jeglicher Klugheit 
und Denkfähigkeit nachplapperte. Andererseits glaubte Fried¬ 
rich gegen Maria Theresia und Österreich zu kämpfen, er un¬ 
terschätzte die katholische Priesterhierarchie, der jedes, aber auch 
jedes Mittel recht ist, einen von ihr unabhängigen Staat zu zerstö¬ 
ren. Welch eine Ungeheuerlichkeit ist die Koalition der Kaiserin 
des »Heiligen römischen Reiches deutscher Nation« mit nicht¬ 
deutschen Landesfeinden rings um Preußen und ihre Pläne, es 
nach dem Siege unter sich aufzuteilen! Welches Recht maßte sich 
das Haus Habsburg an, deutsches Land und Volk durchs Ausland 
mit Krieg zu überziehen, fremden Herrschern zu unterwerfen, 
nur weil es nichtkatholisch war? Warum verurteilt die Geschichte 
das Kriegsbündnis der Reichsmacht Österreich mit Frankreich, 
Schweden, Rußland, Sachsen - Polen gegen einen unbestritte¬ 
nen Teil des Reiches nicht als deutschfeindliches, landesverräteri¬ 
sches Verbrechen ? Wir verdanken es dem katholischen Geschich¬ 


teforscher Hanusz, daß er dieses Schandstück christlich-päpst¬ 
licher Politik ans Licht zog^ 181 ^: Im stürmischen Jahre 1740 starb 
die russische Kaiserin Anna, waren nicht nur Friedrich und 
Maria Theresia, sondern auch der fanatische Papst Benedikt 
XIV. auf dem Thron gekommen. Es heißt bei Hanusz: »Sehr bald 
sollte sich der Papst in die preußischen Angelegenheiten hineinmi¬ 
schen müssen, da sehr viel für die Katholiken auf dem Spiele stand. 
War doch eine der reichsten und sehr katholischen Provinzen des 
österreichischen Kaiserhauses dem preußischen Könige zum Op¬ 
fer gefallen. Schlesien war ein katholisches Land und war nun in 
Gefahr, in die Hände des Protestantismus überzugehen. Papst Be¬ 
nedikt XIV durchschaute die Gefahr bei Zeiten. Er ermahnte da¬ 
her alle katholischen Reichsfürsten zur Wahrung der kirchlichen 
Interessen in Schlesien. Indessen war auch der apostolische Nuntius 
in Wien nicht untätig gewesen. Er ließ nichts unversucht, um die kai¬ 
serliche Regierung zu einem gemeinsamen Krieg mit Polen gegen den 
freidenkerischen König von Preußen zu ermuntern«. Also eine um¬ 
fassende Koalition aller Mächte gegen einen unabhängigen - von 
der Priestermacht unabhängigen - Staat. Nachdem die ersten bei¬ 
den Kriege um Schlesien keinen Erfolg hatten, brachte der franzö¬ 
sische Kardinal Bernis das französisch-österreichische Bündnis 
gegen Preußen zustande, »zum Heile der katholischen Religion«, 
wie Bernis am 19. Febuar 1756 dem österreichischen Gesandten 
Starhemberg erklärte. 

Der Siebenjährige Kriegwar also in erster Linie ein Kreuzzug der Kir¬ 
che, der ohne das Wühlen der hohen Priesterschaft in der Politik 
niemals stattgefunden hätte! Wäre Preußen zerstört worden, hät¬ 
ten die Nutznießer von Terror und Ausbeutung triumphiert und 
als Folge wäre das deutsche Volk wirtschaftlich in die elenden Zu¬ 
stände des 15.Jahrhunderts zurückgefallen. Die von Geschichte- 
Schreibern ausgewalzten anzüglichen Bemerkungen Friedrichs 
über die Weiberröcke in Österreich, Frankreich und Rußland wa¬ 
ren eine belanglose Nebenhandlung, aber kein Kriegsgrund. 
Friedrich der Grosse dagegen wollte niemals Österreich 
demütigen oder zerstören. Die Pläne des Kardinals Fleury, 
Deutschland aufzuteilen, durchkreuzte er. Er fühlte sich stets als 
deutscher Reichsfürst und wollte dem Ausland keinen Platz im 
Reiche gestatten. Die Habsburger Monarchie dachte da ganz an¬ 
ders. Zuvörderst war sie römisch-kirchehörig, sie war niemals na¬ 
tional, die einzige Ausnahme, der edle Joseph II. scheiterte mit 
seinen Plänen am Widerstand der heimlichen Machthaber Öster¬ 
reichs. Solange Habsburger regierten, kam Österreich für den 
Wiederaufstieg des deutschen Volkes nicht in Frage. Das deut¬ 
sche Volk fühlte das. Daher die Volkstümlichkeit Friedrichs in 
ganz Deutschland, der Jubel, als er Reichsarmee und Franzosen 
bei Roßbach zusammendrosch, die Spottlieder, die auf Preußens 
Feinde gedichtet wurden. Friedrichs Heldengestalt ward der 
deutschen Volksseele ein Leitstern, der bis heute nicht erlosch. 
Es liegt eine große Ironie darin, weil Friedrich der Grosse 
selbst fast nur französisch sprach, nur Franzosen um sich gelten 
ließ, deutsche Kultur, Kunst und Dichtung verachtete. Eine Ironie, 
die alle deutschen Patrioten zu Recht bitter schmerzt. Aber wie 
schlecht vertrug sich der Ungeist höfischer Adelskreise mit deut¬ 
scher Gesinnung. Seine Mutter aus dem übel beleumdeten han¬ 
noverschen Hause, anational aufgewachsen, beschränkt und rän¬ 
kesüchtig. Der Vater vollständig besessen von der kalvinistischen 
Frömmelei seiner Zeit. Der bekannte Schriftsteller Fernau sah in 
Friedrich Wilhelm I. einen Paranoiker. Andere nannten ihn ei¬ 
nen Rüpel. Erblich bedingt braucht das nicht zu sein, religiöse Be¬ 
sessenheit führt zur Verdummung, die alle Welt für verrückt, sich 
selbst als normal ansieht. Sie erklärt seinen auseinander fallenden 
Charakter, bei einem König mit absoluter Macht eine Gefahr für 


89 


jedermann. Dreimal wöchentlich suchte er die Kirche auf, zwang 
seinen Hof mitzumachen, hörte demütig zerknirscht Predigten 
an, nahm das Abendmahl - um vor der Kirchentür wüsten Rohei¬ 
ten freien Lauf zu lassen. Das Tabakskollegium war ihm Vorwand, 
sich dem Alkohol zu ergeben. Er hatte Wutanfälle; verspottete, 
verprügelte, verjagte Menschen, ließ sie gar hinrichten. An Men¬ 
schenkenntnis fehlte ihm alles; mühelos hintergingen und über¬ 
tölpelten ihn seine Räte, er war hilflos und unentschlossen bei di¬ 
plomatischen oder politischen Wechselfällen. Zwar war er fleißig 
und sparte, beaufsichtigte den Staat wie kaum jemand sonst, doch 
kaum einer betrauerte ihn, als er mit 52 Jahren starb. 

Friedrichs Charakter läßt sich nur als Ergebnis verkehrter Erzie¬ 
hung begreifen. Wie wichtig es ist, Kinder in Übereinstimmung 
mit dem Erbgut volksbewußt, frei und national denkend zu er¬ 
ziehen, könnte man heute daraus lernen. Man führe sich vor Au¬ 
gen, was aus einem gescheiten Kinde werden muß, das in verloge¬ 
ner und verdorbener Umgebung aufwächst. Welch eine Einfalt, es 
mit Brutalität zu unterwerfen und anzunehmen, daraus würde ein 
guter Mensch entstehen. Welche Dummheit, dabei noch Glau¬ 
ben an Kirche und Christentum erzwingen zu wollen. Welch ein 
Unsinn, den Thronerben in einer dem Lande fremden Sprache 
zu erziehen, nur weil sie in den vornehmen Kreisen die Mode der 
Zeit war. Mit der französischen Sprache lernte er französisch den¬ 
ken, mußte ihm seine eigene Nation fremd Vorkommen. Bei sei¬ 
ner Intelligenz konnte er die körperliche und seelische Tyrannei 
nur überstehen, wenn er die Verstellungskunst zur Meisterschaft 
entwickelte, wenn er immer mißtrauisch war, Atheist und Men¬ 
schenverächter wurde. Vielleicht beruht seine spätere Hinnei¬ 
gung zum katholischen Klerus auf seinen üblen Erfahrungen mit 
den heuchlerischen kalvinistischen Geistlichen. Bewundern wir 
seine Stärke, weil er nicht an seiner zerstörten Jugend zerbrach. 
Wer Friedrichs gewaltiges Lebenswerk betrachtet, das viel 
mehr vom Frieden als von Kriegen bestimmt wird, stößt oft auf 
seine empörende Verständnislosigkeit. Die aufstrebenden Natur¬ 
wissenschaften interessierten ihn nicht. Er hatte eine ausgespro¬ 
chene Abneigung gegen die Technik. Er erklärte allen Ernstes, al¬ 
les sei schon erfunden, neues würde es nicht mehr geben. Nur bei 
der Artillerie und den Pionieren durften Bürgerliche Offizier wer¬ 
den. Nie sah er ein Bergwerk, er widerstrebte dem jungen Berg¬ 
rat vom Stein, erst 16 Jahre nach Watts Erfindung kam die erste 
Dampfmaschine nach Preußen. 

Viele seiner Maßnahmen die Wirtschaft Preußens zu gängeln 
um Geld zu horten sind finanzwirtschaftlich lächerlich: Der Ein¬ 
satz von Kriegsinvaliden als »Kaffeeschnüffler«, weil er den Ab¬ 
fluß von Geld für einen Genuß befürchtete, den er seinen Preu¬ 
ßen geradezu verbieten wollte. Er gab andererseits Millionen von 
Talern für die Förderung von Luxusindustrien her, wie Porzellan-, 
Seiden- und Samtmanufakturen, die ihm Devisen verdienen soll¬ 
ten und der Staatskasse nur Verluste eintrugen. Tatsächlich unter¬ 
stützte er damit Prasser im Ausland auf Kosten seiner eigenen Un¬ 
tertanen. Er vernachlässigte Preußens Rüstungsindustrie, mußte 
Waffen für die Armee vom Ausland kaufen. Er ließ die Straßen 
Preußens verkommen »damit ausländische Fuhrleute mehr un¬ 
terwegs auszugeben« gezwungen würden. Es war ihm nicht bei¬ 
zubringen, daß Beförderungskosten auf die Warenpreise abge¬ 
wälzt werden, der Binnenhandel um ein Vielfaches größer war 
und daher weit mehr geschädigt wurde, seine Armee auf solchen 
Wegen unnötig Zeit und Kraft verlor und nur unter erheblichen 
Mehrausgaben bewegt werden konnte. Eigensinnig verschmähte 
er den Rat einsichtiger Beamter; alles glaubte er besser zu wissen. 
Folglich ließ man ihn wursteln und sich damit noch mehr Arbeit 
aufbürden. »Friedrichs größter Fehler ist gewesen, daß er alles 


selber machte und nicht gewillt war, seine Minister und Beamten 
anzuleiten«. Er hatte gelernt zu kommandieren, aber nicht Mitar¬ 
beiter zu führen. 

Friedrich hielt es für seine Pflicht, seine Untertanen glücklich und 
zufrieden zu machen. Ein schöner Vorsatz, wenn man weiß, wie er 
zu erreichen ist. Darüber hat der Philosoph von Sanssouci weder 
nachgedacht noch nachgelesen. Sich mit Wirtschaftstheoretikern 
seiner Zeit zu befassen lag ihm fern. Eine allgemeine Hebung des 
Lebensstandards in Preußen hielt er für notwendig, und doch be¬ 
fürchtete er ihre Folgen, »weil vielleicht das Volk aufsässig wer¬ 
den möchte«. Er beklagte, müde zu sein über Sklaven zu herr¬ 
schen, aber als die Aufhebung der Leibeigenschaft vom Volke so 
verstanden wurde, es sei endlich der Dienstpflicht für die Grund¬ 
eigentümer ledig, erließ Friedrich in Panik Gegenbefehle. Um 
sein Gesicht zu wahren hieß es fortan Erbuntertänigkeit, was alles 
beim alten beließ. Er beschützte kleine Leute leidenschaftlich vor 
der Willkür der Grundherren, er verbot das Bauernlegen, aber die 
Ausbeuter des Volkes ließ er gewähren. 

Seine Vorstellungen von Wirtschaftsvorgängen sind ein schauerli¬ 
ches Gemisch von Vermutungen, Trugschlüssen und ad hoc (Au¬ 
genblicks) - Entscheidungen. Friedrichs Kenntnisse von Geld¬ 
wirtschaft waren primitiver als die eines Kramladenbesitzers. Er¬ 
griff er nicht gelegentlich, wie sein Vater, gegen Geldschiebungen 
harte Maßnahmen? Dennoch vertraute er seinem Schutzjuden 
Ephraim, den er in üblich abgeschmackter Überzeugung für ei¬ 
nen Finanzzauberer hielt. Ephraim trieb die Münzverschlechte¬ 
rung in Preußen ganz toll und bereicherte sich dabei maßlos, doch 
Friedrich lernte nichts von der gefährlichen Rolle der Hofjuden 
in Deutschland. Er mußte wissen, daß Juden die Kriegsgewinn¬ 
ler der Zeit waren, von Gumpertz, Seligmann und Mendel 
gehört haben, die Österreichs Kriege gegen Preußen finanzier¬ 
ten, sich dabei wie sein Ephraim ein Vermögen »verdienten«. 
Als er nach dem Siebenjährigen Kriege die unterwertigen Mün¬ 
zen des Ephraim einziehen ließ, brach 1764 die Wirtschaft Preu¬ 
ßens zusammen. Er staunte über plötzliche Massenbankrotte und 
Not, er konnte sich das gar nicht erklären, gerade wo er dem Staate 
»ein gutes Geld« gegeben hatte. Natürlich, es war daßelbe wie 
einst mit dem Ewigen Pfennig: Das »gute Geld« kreist ja nicht 
in der Wirtschaft, es wird festgehalten, infolgedessen stirbt sie an 
»Kreislaufstörung«. Er vergab die Staatseinkünfte an französi¬ 
sche Finanzunternehmer, die »Regie«, die das Volk rücksichtslos 
auspreßten und sich so verhaßt machten, daß Friedrich zu ih¬ 
rem Schutze Soldaten einsetzen mußte. Er hortete 60 Millionen 
Taler Gold und Silber der Steuereinnahmen als Staatsschatz und 
entzog so der Wirtschaft noch mehr notwendiges Blut. Trotz sei¬ 
ner Intelligenz und Beobachtungsgabe war er nicht imstande, jüdi¬ 
schen Bankiers etwas abzugucken. Wäre es schwierig gewesen, die 
Überschüsse des Staates der »Seehandlung« (preußische Staats¬ 
bank) zu leihen, damit diese willige Unternehmer und Unterneh¬ 
mungen finanzieren und den Lebensstandard des preußischen 
Volkes heben konnte? Natürlich eine unvollkommene, kapitalisti¬ 
sche Aushilfe, aber immer noch besser als einfältig das Geld für 
»Notfälle« zu verschätzen. 

Friedrich betrachtete den Adel Preußens nie mit staatsmänni- 
schem Mißtrauen, obwohl sein Vater und der Große Kurfürst ge¬ 
gen ihn harte Kämpfe auszufechten hatten. Es ist geradezu rüh¬ 
rend, wie er den Adel umwarb, ihn zu fördern versuchte und für 
Staatsstellungen bevorzugte. Trotzdem setzte der Adel ihm stets 
dort den hartnäckigsten Widerstand entgegen, wo er dessen 
Machtbasis Privatgrundeigentum anrührte. Nicht nur in den Fragen 
Leibeigenschaft oder Rechtsreform; schon bei scheinbar belang¬ 
losen Einzelfällen. Friedrichs gewaltige Anstrengungen der Urbar- 


90 


machung weiter wertloser Landstriche haben die einzelnen Gro߬ 
grundeigentümer unter Hinweis auf papierne Rechte teils verhin¬ 
dert, teils sich teuer abkaufen lassen, am häufigsten aber für sich 
selbst in Anspruch genommen, indem sie kultivierte Fluren ihrem 
Privateigentum einverleibten (182 \ Der König, der eifersüchtig über 
seine Hoheitsrechte wachte, die Rechnungen für die Bodenkultur¬ 
arbeit selbst überprüfte, Wertzuwachs und neue Dörfer mit Stolz 
betrachtete, verschenkte ohne Bedingung und Gegenleistung neu¬ 
gewonnenes Land an seine Widersacher. Weshalb machte der Phi¬ 
losoph von Sanssouci nie das unsoziale Verhalten eines Grundei¬ 
gentümers zum Gegenstände seiner Grübeleien? Warum machte 
er nicht von seinem königlichen Vorrechte Gebrauch, alles Land, 
das er urbar machen wollte, zuerst in seine Hand zurückzufor¬ 
dern? Lehrte ihn niemals der Domänenbesitz, welche Einkünfte 
und Macht dem Staat aus der Bodenrente zufließen konnte? Lei¬ 
der, müssen wir sagen, auch davon erkannte er nichts. 

Noch weniger ist Friedrich der Grosse als Staatsmann zu be¬ 
greifen, wenn wir sein Verhältnis zur katholischen Kirche untersu¬ 
chen. Er hielt viel auf Freundschaften zum katholischen Klerus, er 
förderte die katholische Kirche in Preußen auf Staatskosten (z. B. 
Bau der Hedwigskirche in Berlin). Als der Jesuitenorden aus vielen 
katholischen Ländern vertrieben und 1774 aufgehoben wurde, 
ließ er ihn in Preußen ungeschmälert bestehen. Er würde »sie so¬ 
lange dulden, wie sie sich ruhig verhalten und niemand umzubrin¬ 
gen die Lust verspüren. Der Fanatismus unserer Väter ist mit ih¬ 
nen gestorben, die Vernunft hat die Nebel zerstreut, mit dem die 
Sekten Europas Blicke trübten«, schrieb er am 7. Januar 1768 an 
dAlembert. Ein beschämendes Zeugnis, daß Friedrich aus 
der Geschichte - der Jesuiten besonders -gar nichts gelernt hatte! 
Die Feindschaft des Papstes gegen den Protestantismus im allge¬ 
meinen und Preußen im besonderen war ihm wohlbekannt. Als 
Österreich b ei den Friedensverhandlungen ihm zumutete, den Be¬ 
sitz der katholischen Kirche in Schlesien nicht anzutasten, wurde 
er nicht hellhörig; er ließ sich diese Fessel ohne jeden Vorbehalt 
anlegen. So kam es zu erbitterten Gegensätzen zwischen den Pro¬ 
testanten und der katholischen Kirche Schlesiens, die selbstbe¬ 
wußt nicht die Einrichtung von evangelischen Pfarreien gestatten 
wollte. Friedrich stützte das »Recht« der katholischen Kirche. 
Anstatt den Grundbesitz der Kirche, die umfangreiche Lände¬ 
reien in Westpreußen besaß, nach der ersten Teilung 1772 sofort 
zu säkularisieren (wie esJoSEPH II. in Österreich durchsetzte), ga¬ 
rantierte er »ihr« Grundeigentum. Der Klerus nutzte die Boden- 
sperre* 182 ) konsequent gegen das Staatswohl Preußens aus, nicht 
nur zu Friedrichs Lebzeiten, sondern wie bei ihr üblich, Gene¬ 
rationen danach. Aber Friedrich II. ging noch weiter. Um den 
katholischen Klerus in Westpreußen zu beschwichtigen, verstand 
er sich sogar dazu, die »polnische Nationalität« zu erhalten. Er 
hielt von den Polen wegen ihrer Faulheit, Dummheit und Unter¬ 
würfigkeit überhaupt nichts, ja er äußerte, »daß sie zu nichts taug¬ 
ten«. Solle das Land kulturell gehoben werden, müsse man über¬ 
all Deutsche hinsetzen. Dennoch, wiederum ohne den Wider¬ 
spruch zum Staatswohl zu bemerken, befahl Friedrich II. seinen 
Beamten polnisch zu lernen und polnische Schulen einzurichten. 
Und das alles, obwohl die römische Kirche in dieser Zeit innerlich 
zerfallen und so kraftlos war, daß sie sich einer Gütereinziehung 
(Konfiskation) und Rückdeutschung nicht hätte widersetzen 
können. Wir prangern seine ungeheuer schweren staatsmänni- 
schen Fehler im Umgang mit der Kirche an, denn sie wirkten sich 
einige Jahrzehnte später verheerend gegen Preußen und Deutsch¬ 
land aus. Die von Deutschen geleistete Aufbau- und Kulturarbeit un¬ 
ter den Polen erreichte nur, daß die Kirche das wirtschaftlich und kul¬ 
turell aufgefütterte Polentum gegen Preußen und die deutsche Nation 


als ihre brauchbarste Waffe einsetzen konnte. 

Und als kurz vor seinem Tode die deutschen Erzbischöfe zusam¬ 
mentraten, um wegen der völligen Zerrüttung der römischen Kir¬ 
che eine deutsche katholische Nationalkirche zu begründen (Em- 
ser Punktation 1786), da war es Friedrich der Grosse, der in 
seltsamen Bunde mit dem Papste sich mit aller Kraft widersetzte. 
Friedrichs katholische Priester-Freunde haben ihn in der Kunst 
der Verstellung mit Leichtigkeit geschlagen. Trotz seines Freund- 
schaftwerbens und seiner Unterstützung katholischer Politik er¬ 
wiesen sie ihm niemals Ehre im Gedenken, im Gegenteil, alle ihre 
Schriften atmen unversöhnlichen Haß. In katholischen Schulen 
erzählte man den Schülern, Friedrich der Grosse brate seit 
seinem Tode in der Hölle. 

Unbegreiflich stehen dazu im Gegensatz die Schriften Fried¬ 
richs II. Sie bezeugen, wie richtig er Klerus und katholischer 
Machtpolitik erkannte und dennoch gegen seine eigenen Er¬ 
kenntnisse handelte. Wer könnte die Kirche treffender richten als 
Friedrich? 

»Wie kann man an die Unfehlbarkeit derer glauben, die sich für 
Statthalter Christi ausgeben, wo man sie nach ihren Sitten eher für 
die Statthalter jener schlimmen Wesen halten möchte, die wie es 
heißt, die Abgründe der Qualen und Finsternisse bevölkern? Mit 
einem Worte, die Kirchengeschichte offenbart sich als ein Werk der 
Staatskunst, des Ehrgeizes und des Eigennutzes der Priester. Ehrwür¬ 
dige Betrüger benutzen Gott als Schleier zur Verhüllung ihrer ver¬ 
brecherischen Leidenschaften«* 183 ^. 

Es lohnt sich zum Abschluß noch einen Blick auf das übrige 
Deutschland zu werfen, um zu verstehen, wie sehr man Preu¬ 
ßen trotz aller Fehler Friedrichs des Grossen für einen vor¬ 
bildlichen Staat hielt. Die protestantischen Fürsten waren in der 
Mehrheit sittlich verkommen und kümmerten sich wenig um das 
Wohl ihres Landes. Sie verbrauchten die Staatseinkünfte als ihre 
eigenen, überzahlten die Hofschranzen und sparten an ihren Be¬ 
amten. Korruption, in Preußen undenkbar, war unausbleiblich, 
Rechts- und Schulwesen verfallen, das einfache Volk verarmt. 
Wir haben im 18. Jahrhundert eine starke Auswanderung aus West¬ 
deutschland nach Amerika, untrügliches Zeugnis übler Zustände. 
Manche Fürsten halfen dem nach, indem sie ihre Landeskinder 
für Kriegsdienste ins Ausland verkauften, ein weiterer unauslösch¬ 
licher Schandfleck auf dem Schilde des »deutschen« Hochadels. 
Unvorstellbar verhaßt war der von Friedrich dem Grossen 
eingesetzte bayerische Kurfürst Karl Theodor. Sein Sarg - wie 
übrigens auch der Maria Theresias - wurde vom erbitterten 
Volke mit Steinen beworfen. Wir können für Zweifler nur wieder¬ 
holen: Prunkbauten sind die besterhaltenen Zeugnisse pfäfiisch/ 
fürstlicher Volksausplünderung. 

Man beneidete die Untertanen Preußens, obwohl man dort nach 
1763 mit Friedrichs Regierung keineswegs zufrieden war. Es 
lebte sich »bei Preußens« besser und freier, darum verschmolz 
Schlesien völlig mit Preußen und auch in Westpreußen wäre es ge¬ 
schehen, hätte Friedrich eine preußisch-deutsche und nicht kle¬ 
rikal-polnische Politik dort betrieben. Denn sogar Ostfriesland 
wurde geistig preußisch und nationaldeutsch. Ungeheures Aufse¬ 
hen erregte Friedrich der Grosse, als er den Erzbischof von 
Salzburg zwang, das beschlagnahmte Eigentum der vertriebenen 
Salzburger Lutheraner herauszugeben. Ist da nicht anzunehmen, 
Friedrich der Grosse hätte das ganze deutsche Volk politisch 
für einen Anschluß an Preußen gewinnen können? Er hätte das so¬ 
gar leicht über eine wirtschaftliche Begünstigung des einfachen Volkes 
gegen Kirche, Adel und Geldfinanz geschafft. Ich glaube, er dachte 
infolge seiner undeutschen Erziehung zu klein von der Nation, die 
ihn verehrte und der er zugehörte. 


91 


Die Zeit der »Aufklärung« und ihre Ursache 

Nach langer »Rezession«^ 84 * hatten die Staaten Europas so viel 
Zündstoff angesammelt, daß die Fürsten mit dem polnischen 
Erbfolgekrieg (1733 bis 1735) ihre Streitigkeiten wieder aufneh¬ 
men konnten. Eine fast dauernde Kette von meist kurzen Kriegen 
folgte rasch aufeinander, sie ging in Deutschland erst mit dem bay¬ 
erischen Erbfolgekrieg (1779) zu Ende. 

Wenn die Fürsten ihre ehrgeizigen Pläne durchsetzen wollten, 
mußten sie Gold- und Silbergeld ausgeben. Aber woher? Aus ihren 
Horten natürlich! Am besten bekundet ist das von Preußen. Die 
von Friedrich Wilhelm I. aufgehäuffen Schätze ließ Friedrich 
der Grosse einschmelzen und ausmünzen. Als er im siebenjäh¬ 
rigen Kriege nichts mehr hatte, ließ sein Finanzjude Ephraim die 
Münzen verschlechtern (»außen Friedrich, innen Ephraim«), 
wie wir wissen, keineswegs eine volkswirtschaftlich schlechte Ma߬ 
nahme. Sie hielt Preußens Wirtschaft und Krieg in Gang. Die Für¬ 
stenkriege brachten das verschätzte Münzmetall in Umlauf, Geld 
kam unter das Volk, das den Reichtum in Sachgütern und Kapital 
anlegte. Das verdankte es weniger dem Kriegsgeschäft - in Preu¬ 
ßen fiel eine Armee von durchschnittlich 50000 Mann bei vier 
Millionen Einwohnern gewiß nicht ins Gewicht - als vielmehr der 
voll beschäftigten Wirtschaft. Denn das Geld wäre bald in den Tru¬ 
hen der Reichen zur Ruhe gekommen, hätten nicht ständig neue 
Edelmetallzugänge für Preissteigerungen gesorgt. 

Die stetige leichte Geldinflation des mittleren 18. Jahrhunderts ist 
dem Handelsneid und der Gewinnsucht der britischen »gentry« 
zu verdanken. England griff in die europäischen Kriege ein, um die 
französische Wirtschaffskonkurrenz zu vernichten und auf Ko¬ 
sten Frankreichs in Übersee ein riesiges Kolonialreich zusammen 
zu rauben. Es schickte 1757 den General Wolfe nach Amerika, 
das französische Gebiet zu erobern, welches von Kanada bis zum 
Golf von Mexiko die »Neu-England-Staaten« einklammerte. In 
Indien verdrängte Robert Clive zur gleichen Zeit die Franzosen 
mit Waffengewalt aus dem Handelsgeschäft. 

Den Briten ging es nicht so sehr um das Land an sich als vielmehr 
um Gold (185 f Mit seiner Eroberung gewann man die begehrten 
Goldfelder und entzog sie zugleich den Franzosen. Clive plün¬ 
derte und raubte mit seinen schwerbewaffneten Banden die un¬ 
geheueren Privathorte der indischen Kleinfürsten und Reichen. 
Unvorstellbare Schätze von Silber, Gold und Edelsteinen wur¬ 
den nach England verschifft. Damit kaufte sich die »gentry« von 
deutschen Fürsten Soldaten und die Hilfe Preußens, um weitere 
Kriege und Eroberungen durchzuführen - bis zum Abfall der jun¬ 
gen USA(l776). 

Auch in Rußland wurden 1750 riesige Goldfelder im Uralgebiet 
entdeckt und ausgebeutet. Was Peter dem Grossen trotz sei¬ 
ner Rücksichtslosigkeit - letzthin aus Geldmangel! - nicht gelang, 
unter den Kaiserinnen Elisabeth und Katharina wuchs Ru߬ 
land überraschend zur europäischen Großmacht empor. Man ver¬ 
spottete im Westen seinen wirtschaftlichen Aufschwung (»Po- 
temkinsche Dörfer«), jedoch der Bevölkerungszuwachs des Rei¬ 
ches - auch durch viele eingewanderte Deutsche - und seine Ar¬ 
meen lehrten Europa das Fürchten. 

Die Raubzüge der Briten und Russen begründeten nicht nur ihre 
kurzlebigen Weltreiche, sondern trugen entscheidend zur Wirt¬ 
schaftsblüte Europas bei. Ich habe sie für das Hochmittelalter 
nachgewiesen, wir sahen im Geldzustrom aus Amerika die Ursa¬ 
che der Reformationszeit. Zu jedem Wirtschafisaufschwung gehört 
unabdingbar die allgemeine Hebung des Lebensstandes, der geistige 
Fortschritt, das Aufblühen der Kultur, Künste, Technik, des National¬ 
bewußtseins, aber auch zugleich Niedergang der Priestermacht und 
Befreiungvon Glauben, Religion, Kirche und Zwang. 


Das 18.Jahrhundert wurde die Zeit gewaltiger Umwälzungen im 
Denken. Zwischen etwa 1735 bis 1780 erfaßt ein Sturmwind die 
Gemüter, bläst alles fort, was Kirche und Religion bisher guthie¬ 
ßen und fördert, was diese verdammten. »Die jungen Geister er¬ 
hoben die Losung »Freiheit und Natur« und begannen überall mit 
Macht an den Säulen des Herkommens zu rütteln. Allem Verrotte¬ 
ten und Vermoderten in Denkweise, Sitte und Tracht wurde der 
Krieg erklärt, allen Vorurteilen des Standes und der Zunft Trotz 
geboten, gegen alle verlebten Formen der Gesellschaft mit Begei¬ 
sterung, mit Spott und Satire angestürmt« ^ 186) . 

Lessing, »der erste freie Mensch«, führt einen öffentlichen 
Schriftenkrieg gegen den Hauptpastor Goeze in Hamburg, be¬ 
schuldigt dabei die Kirche der Fälschung und des Betruges. Mit 
der Losung »Zerschmettert die Niederträchtige« ruft Voltaire 
zum Kampfe gegen die katholische Kirche auf. Religion, Prie¬ 
stermacht, Gottesgnadentum, Rechtswillkür, Aberglaube und 
Dummheit sollen fortan nicht mehr die Welt regieren. Die Neue¬ 
rer verlangen Gewährung der Menschenwürde, Schulerziehung 
fürs Volk, gleiches Recht für alle, Duldsamkeit in Religionssachen, 
Abschaffung der Folter, der Todesstrafe, sie stellen sogar die Aus¬ 
beutungswirtschaft in Frage und sprechen von Verbesserung des 
Menschendaseins im Diesseits, verspotten die Kirchen mit ihrem 
»besseren Jenseits«. Und die Aufklärer werden gehört, finden 
immer mehr Widerhall, immer weniger Widerstand. Sogar Kai¬ 
ser und Könige bekennen sich zu ihren Gedanken, versuchen ihre 
Staaten in ihrem Sinne zu gestalten. 

Niemand hat die Grundgedanken der Aufklärung deutlicher aus¬ 
gedrückt als Immanuel Kant, der größte Denker unseres Vol¬ 
kes: 

»Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschul¬ 
deten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines 
Verstandes ohne Anleitung anderer zu bedienen. Selbstverschuldet ist 
dieses Unvermögen, wenn die Ursache nicht am Mangel des Verstan¬ 
des, sondern an der Entschließung und des Mutes liegt, sich seinerohne 
Anleitung anderer zu bedienen. Sapere audel, habe Mut dich dei¬ 
nes eigenen Verstandes zu bedienen!, ist also der Wahlspruch der Auf¬ 
klärung«. 

»Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!« 
Das heißt: Priester und Kirche, die Menschen jeden Gedanken vor¬ 
schreiben, sind so überflüssig wie Kerzenlicht im Sonnenschein! 
Kant entzog allem die Grundlage worauf Glauben und daraus 
abgeleitetes Denken beruht, mit seiner »Kritik der reinen Ver¬ 
nunft« (1781). Sie ist die größte geistige Umwälzung seit 2000 
Jahren. Kant selber versuchte sie mit der »Kritik der praktischen 
Vernunft« (1788) abzuschwächen. Danach sollen Glauben, Gott 
usw. aus »praktischen« Erwägungen unseres Daseins zugelassen 
und sogar notwendig sein. Kant erklärte darin, die Religion sei 
das Wichtigste im Leben des Menschen, denn seine Glaubensvor¬ 
stellungen und Überzeugungen würden sein Denken regieren. Er 
hat das in der letzten seiner vier großen Kritiken, »Die Religion 
innerhalb der Grenzen der praktischen Vernunff«(l793) um¬ 
ständlich erweitert. Aber er wußte damals nicht, daß die Religion 
ursächlich mit dem Geld und wirtschaftlichen Ausbeutesystem 
verbunden ist. Diese als naturgegeben und unveränderlich zu hal¬ 
ten wurde zu seiner Zeit und für ahnungslose Menschen bis heute 
- mangels Vergleichsmöglichkeiten - für selbstverständlich gehal¬ 
ten. Wir wissen, solche Voraussetzungen sind unbegründet. Der 
Widerhall und Erfolg der Aufklärung (also auch Kants) kam mit 
dem Ende der Konjunktur eben zum Stillstand, man fiel zurück 
zum Glauben. Wenn jemand später behauptete, »Kant (hat) mit 
der »Kritik der praktischen Vernunft < die Tür hinter der Aufklä¬ 
rung zugeschlagen«, spürt man das Aufatmen der Frommen. Die 


92 


Ursachen für ihr Ende ausgerechnet in einem Werke Kants zu su¬ 
chen, zeugt freilich von großer Einfalt. 

Nicht nur Geisteswissenschaften gewannen Freiheit, auch die 
Deutschen wurden selbstbewußt. Die deutsche Sprache fing an, 
wieder zu gelten, drängte mit ihrer Urkraft Latein und Französisch 
zurück, sogar an den Universitäten - Kant lehrte in Deutsch! Sie 
begann die Kluft zuzuschütten, welche Priester zwischen »Ge¬ 
lehrten« und Volk aufgerissen hatten. Der neue Aufstieg deutschen 
Nationalbewußtseins fand natürlichen Widerhall in allen Volks¬ 
schichten, schon im »Sturm und Drang« machte er sich lebens¬ 
kräftig bemerkbar. Hundertjährige geistige Unfruchtbarkeit wich 
einer unvergeßlichen Fülle von Liedern, Balladen, Romanen, Dra¬ 
men. Deutsche Denker, Dichter und Schreiber traten in Scharen 
auf, sie verkündeten innere Befreiung der Menschen vom Glau¬ 
bens- und Denkzwang mit dem Hinweis zum Schönen, Guten, 
Sittlichen. Da Religion und Kirche nicht länger als geistige Leit¬ 
kräfte galten, suchten unsere bedeutendsten literarischen Schöp¬ 
fer Anlehnung am Heidentum. Weil die Erinnerung an unsere Vor¬ 
fahren durch Christentum und Kirche verschüttet war, gingen sie 
zum Griechentum zurück, das auf die Menschheit einen unaus¬ 
löschlichen Einfluß ausgeübt hat. Sie begründeten die »Klassik« 
und das klassische Zeitalter. Kein Wunder, daß Goethe, der sich 
selbst als Nichtchrist bezeichnete, und Schiller, unser Lehrmei¬ 
ster von Freiheit, Menschenwürde und vaterländischen Idealen, 
zugleich heftiger Kritiker der Kirche, von den Pfaffen erbittert ge¬ 
haßt wurden und werden* 187 *. 

Nirgendwo läßt sich Rang, Aufstieg oder Verfall einer Kultur ein¬ 
deutiger feststellen als bei der Musik, die eine Zeit und ein Volk 
für sich macht und anhört. Niemals zuvor hat die Musik Europas 
sich so ins Großartige und Herrliche entwickelt wie im Zeitalter 
der Aufklärung. Söhne der deutschen Nation trugen mehr dazu 
bei als alle anderen Völker zusammen. Sie begann mit den musi¬ 
kalischen Genies Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) und 
Friedrich Händel (1685 bis 1759), die leider etwas zu früh ka¬ 
men. Bei beiden zeigte sich noch ihre Abhängigkeit von der Kir¬ 
che, von der sie sich niemals ganz befreien wollten oder konnten. 
Bach, der Friedrich dem Grossen Vorspielen durfte und den¬ 
noch nicht aus seinen miserabel bezahlten Kantorstellen loskam, 
schuf eine viel freiere, weltliche Musik als gewöhnlich angenom¬ 
men wird. Bis auf die zufällig erhaltenen Brandenburgischen Kon¬ 
zerte und einige unbedeutende, kleine Werke ist sie verschwun¬ 
den. Die Bach-Forschung erkannte, daß seine zahllosen geistli¬ 
chen Kirchenmusiken Parodien weltlicher Kompositionen sind. 
Da die Pfarrer ihn heute als den »größten Kirchenmusiker aller 
Zeiten« feiern, möchten sie selbstverständlich nichts darüber 
wissen. Jedenfalls hat erst Felix Mendelssohn Bartholdy ihn 
wiederentdeckt - Bach scheint also dem Pfaffentum seiner Zeit ein 
Dorn im Auge gewesen sein. Es heißt, daß er ein Armenbegräb¬ 
nis erhielt und erst später wurden seine Gebeine - oder was da¬ 
für ausgegeben wurde - in der Leipziger Thomaskirche beigesetzt. 
Von Händel, der nach England ging, sind einige Opern (von 
etwa 30) und andere weltliche Kompositionen erhalten. Erfolg 
hatte er bei der heuchlerischen britischen Plutokratengesellschaft 
nur mit Oratorien wie »Der Messias«. Sein jüngerer Landsmann 
Friedrich Wilhelm Herschel (1738 bis 1822) gab sich Wich¬ 
tigerem hin, er hing Orgelspiel und Komponieren an den Nagel 
und wurde der größte aller Amateur-Astronomen. Kirchenmu¬ 
sik lag den Zeitgenossen der Aufklärung so wenig wie den Deut¬ 
schen der Stauferzeit. Dafür nahm die Oper mit ihren sinnlichen 
Darstellungen großen Aufschwung, vor allem durch Christoph 
Willibald Gluck (l714bis 1787). Wolfgang Amadeus Mo¬ 
zart (1756 bis 1791) erwählte die Oper, wie es im Schauspiel 


längst üblich war und ganz im Sinne der Aufklärung, zur Kritik ge¬ 
sellschaftlicher Mißstände. In der - freilich sehr verworrenen - 
Handlung der »Zauberflöte« kämpft und besiegt die Männerge¬ 
sellschaft Sarastros, eine verhüllte Darstellung der Freimaure¬ 
rei, die »Königin der Nacht«, die italienische Koloratur singt und 
die Papstkirche vorstellen soll. Joseph Haydn (1732 bis 1809) 
dagegen konnte sich nicht zu Mozarts Geistesfreiheit emporar¬ 
beiten. Allerdings hinterließ er uns viel Schönes, so die Melodie 
des Deutschlandliedes. 

Andere Künste genossen die neugewonnene Freiheit nicht weni¬ 
ger. Anstelle der langweiligen, stumpfsinnigen Madonnen- und 
Kreuzigungsdarstellungen gestalteten die Maler und Bildhauer 
Kunstwerke voll Leben und Natur. Denn Kunst geht nach Brot, 
und solange die Kirche das Geld und das Sagen hatte, war eine 
freie, wirklich schöpferische Kunst nicht möglich. 

Technik und Naturwissenschaften machten riesige Fortschritte. 
Wären die Kirchen von der Konjunktur nicht entmachtet wor¬ 
den, sie hätten sie weiter bekämpft und behindert* 188 *. Zahlreich 
sind die neugegründeten Wissenschaften. Es entstanden Chemie, 
Elektrizitäts- und Wärmelehre, Optik, Geologie, Biologie usw. 
Die altbekannten gewannen umwälzende neue Erkenntnisse. Die 
stürmische Entwicklung der Technik ist eng mit dem Aufklärungs¬ 
zeitalter verbunden: Dampfmaschine und Freiballon, Kanal- und 
McAdam-Straßenbau, eiserne Schienenwege, Kokshochofen und 
Tiegelstahl, Präzisionswerkzeuge und Meßverfahren. 

Im 18. Jahrhundert kam unser moderner Lebenstil auf. Das Bür¬ 
gertum erwarb beachtlichen Wohlstand: Große, geschmückte 
Wohnungen, kostbare Möbel, Porzellangeschirr, Bildung, Bücher¬ 
besitz wurden selbstverständlich. Eßkultur (Kaffee, Tee, Orangen, 
Reis usw.) und auch die Sitten hoben sich. Es genügt, die schmut¬ 
zigen und rohen Manieren des 17.Jahrhunderts, wie von Grim¬ 
melshausen und Friedrich Laucichart dargestellt, dem 
Werke des Freiherrn von Knigge gegenüberzustellen. Bekannt¬ 
lich gilt es im Verkehr unter wohlerzogenen Menschen bis heute. 
Auffallend ist die Lockerung der unterdrückten Sexualität. Fanny 
Hill, Casanova sind Gestalten dieser Zeit, die über Erotik wie¬ 
der zu sprechen, malen, schreiben und drucken wagt. Priester 
und fromme Moralisten entrüsteten sich zwar empört und laut¬ 
stark, aber ihre Verbote, selbst die Sittenkommissionen der Ma¬ 
ria Theresia wurden verlacht und umgangen. 

Auch Entartungen und Irrwege machten viel von sich reden. Son¬ 
derlinge und fragwürdige Strömungen bleiben nicht aus, wenn 
große Bewegung die Menschenhirne erfaßt. Daher wollen wir das 
lärmende Auftreten von Mystizismus, Mesmerismus, Sweden¬ 
borg, Cagliostro usw. nicht verurteilen. Die Entstehung von 
Geheimbünden und verwandten Zusammenschlüssen, die gro¬ 
ßen Anhang fanden, lag im Geiste der Zeit. Eine Lenkung der Auf¬ 
klärung durch die Freimaurerei (angeblich seit 1717) ist jedoch 
auszuschließen, viele angesehene Köpfe waren nie ihr Mitglied 
oder haben sich von ihr abgewandt. Eher nutzten die Logen die 
Konjunktur und sonnten sich am Ruhme einzelner Männer. Das 
dürfte auch für den vom Jesuitenprofessor Adam Weishaupt in 
Ingolstadt am 1. Mai 1776 gegründeten Geheimbund der Illumi- 
naten (d. h. »Erleuchteten«) gelten. Außer diesen gab es weitere, 
wie Enzyklopädisten, Klubbisten usw. 

Die Priester wissen um ihre Gefährdung, wenn sie den Menschen 
Wohlstand und Gedankenfreiheit gestatten müssen. Aus Men¬ 
schenliebe plötzlich duldsam zu werden, in der Wirtschaft und 
Ausbeutungsfrage auf einmal - freiwillig - großzügig zu sein wi¬ 
dersprach allen Grundsätzen des Priestertums. Das wichtigste 
Grundrecht des Menschen, die Freizügigkeit, wurde in katholi¬ 
schen Staaten ausdrücklich verneint. Katholischen Untertanen 


93 


war streng verboten, ein protestantisches Land zu betreten. In 
geistlichen und weltlichen katholischen Fürstentümern sah das 
Volk mit wachsendem Neid auf die viel wohlhabenderen prote¬ 
stantischen Länder. »Eine unermeßliche Schuldenlast, und in¬ 
folge derselben unerschwingliche Steuern, die dazu noch von ei¬ 
nem Stande, dem der Bürger und Bauern aufgebracht werden 
mußte, nicht auch auf die beiden ersten Stände, dem Adel und 
die Geistlichkeit, gleichmäßig sich verteilten, die mit Füßen ge¬ 
tretene Hingebung des einst treuen Volkes, alles wirkte hier zu¬ 
sammen«^ 189 '. Letzten Endes waren Papst und Kurie schuldig an 
den Mißständen, weil sie alle Kirchebeamten ernannten, allein 
nach Geldzahlungen, Beziehungen und Gutdünken beförderten. 
Fernab vom wirklichen Leben, unterschätzte die Kurie wiederum 
das Ausmaß der wirtschaftlichen Rebellion unter ihren Katholi¬ 
ken. Der Niedergang der Kirche wurde nach dem Siebenjährigen 
Krieg offenkundig. Papst und Kurie, di e Anstifter dieses ersten Rin¬ 
gens in Kontinenten, ahnten nicht, daß sie damit ihre eigene Macht 
zu Grunde richteten. Mit dem Starrsinn alter Druidenpriester ver¬ 
suchte Clemens XIII. (1758 bis 1768) jegliche Neuerung zu ver¬ 
hindern. »Er erwartete alles Heil von den Jesuiten und versam¬ 
melte diese um seinen Thron«. 

Aber der »Wirtschaffsboom« und demzufolge der Widerhall der 
Aufklärung, der stetig wachsende Zweifel an Priester, Glauben 
und Kirche ließ sich nicht verbieten. »Sie (die Theologen) began¬ 
nen ihre bis dahin unbestrittene Führung vor den anderen Fakul¬ 
täten und im Bewußtsein der Öffentlichkeit zu verlieren. Die Glie¬ 
der der Gemeinden bröckelten ah, ohne daß ihnen dieses verwehrt 
wurde; die Kirchendisziplin wurde nicht mehr drastisch und augen¬ 
fällig gehandhabt wie im 17. Jahrhundert und noch zur Zeit des Pie¬ 
tismus. Die Gebildeten gaben sich betont unkirchlich und die Vorstel¬ 
lung einer aufeinander angewiesenen Christen- und daher Bürger¬ 
gemeinde wurde stillschweigend aufgegeben. Die kritische Phi¬ 
losophie von Kant war deshalb (sic!) nicht imstande, eine neue 
Frömmigkeit zu fördern«' 190 '. 

Das katholische Ausland ging sogar vor den Deutschen zu Taten 
über. 

Spanien und Portugal vernichteten 1757 durch einen kurzen 
Krieg in Paraguay das von Jesuiten eingerichtete erste bolschewi¬ 
stische Wirtschaftsystem der Geschichte. Der freisinnige Minister 
Pombal sah Portugals Wirtschaft durch die Jesuiten ruiniert. 
Nach einem Mordanschlag auf den König wurden sie aus dem 
Lande verwiesen. Als Clemens die Gläubigen durch eine Bulle 
zur Empörung aufhetzen wollte, wurde ihre Verlesung bei Andro¬ 
hung des Galgens verboten (1759). Die Spanier luden ihre Jesu¬ 
iten auf Schiffe und schickten sie dem Papste zurück (1767). Auch 
Frankreich wies 1769 die Jesuiten aus. So widernatürlich und un¬ 
moralisch, vor allem wirtschaftlich bedrückend wurde ihre Herr¬ 
schaft empfunden, daß selbst abgestumpfte katholische Gläu¬ 
bige sie nicht mehr ertrugen. 1770 brach das (jesuitisch be¬ 
herrschte) päpstliche Privatland Polen wirtschaftlich zusammen. 
Nicht ein Pole oder polnischer Priester hat einen Schuß zur Ver¬ 
teidigung dieses Staates abgegeben, als seine Nachbarn begannen, 
den Leichnam unter sich aufzuteilen (1772). Ja, es ist bezeich¬ 
nend für die erbärmlichen Lebensverhältnisse und die nationale 
Werteskala der »besseren Stände« in Polen, daß ein paar Gold¬ 
stücke genügten, die ausdrückliche Zustimmung des polnischen 
Seijm dafür zu erlangen. Papst Clemens XIV. mußte den Jesui¬ 
tenorden 1774 aufheben. »Dieser Akt verursachte in ganz Europa 
den ungeheuersten Jubel«. Mit dem Verlust ihrer Geldeinkünfte 
und Wirtschaffsmacht wurde der Niedergang der Kirche noch be¬ 
schleunigt. 


Jetzt fielen hohe Geistliche von der Romkirche ab. Nikolaus von 
Hontheim, Weihbischof von Trier, schrieb unter dem Namen 
Febronius »Über den Zustand der Kirche« (den er »erbärm¬ 
lich« nannte), er griffPapst und Kurie an, deren »Herrschaft über 
die Menschen usurpiert« sei beinahe ein neuer Wycliffe. Ein 
anderer war Joseph Emmerich von Breitenbach, Erzbischof 
von Mainz, »der, den Jesuiten abgeneigt, die aufklärerische Ten¬ 
denz in seinem Gebiete ernstlich förderte«. Er wurde 1774 durch 
Gift ermordet. Sein Nachfolger Erthal »war moralisch verkom¬ 
men und gab alle Reformen preis«' 191 '. Nach dem Tode Maria 
Theresias 1780 ging Kaiser Joseph II. sofort gegen die Wirt¬ 
schaftsmacht der Kirche in Österreich an. Er enteignete zugunsten 
des Staates 700 Klöster von 2000 und stellte fast alle Zahlungen 
an Rom ein. Aber Priester können nicht ohne Geld bestehen. Der 
Papst war verzweifelt. Er kam 1782 selbst nach Wien, konnte Jo¬ 
seph II. nicht erweichen und wurde höflich heimgeschickt. 1786 
wäre mit der Emser Punktation die Auflösung der katholischen Kir¬ 
che in Deutschland Tatsache geworden, wenn sich nicht, wie wir 
gesehen haben, Friedrich der Grosse vor Papst und Kurie ge¬ 
stellt hätte. Unvorstellbar wären die Folgen gewesen, der riesige 
Grundbesitz der Kirche, ihre geheiligte Machtbasis wäre endlich 
ihr entrissen worden, Rom hätte dadurch seine Rolle für immer 
verspielt. Selbst in der Stauferzeit stand die Kirche nicht so nahe 
am Zusammenbruch! 

»In den Jahren unmittelbar vor der französischen Revolution war 
eine beachtliche Depression aufgetreten«' 192 '. Natürlich, der Gold- 
und Silberzufluß hatte ja aufgehört! Die wirtschaftlichen Folgen 
davon retteten die Papstkirche in Deutschland und Österreich. Die 
Priester fanden nun zunehmend Rückhalt unter den (nicht- deut¬ 
schen!) Völkern Österreichs um sie gegen die Reformpolitik Jo¬ 
seph II. aufzuwiegeln. Josef II., der deutscheste unter allen Habs¬ 
burgern, erkannte wie kein anderer die Übel, die vom Tschechen- 
tum und dem ungarischen Großgrundbesitz gegen das Staatswohl 
ausgingen, und er tat alles, sie zurückzudrängen. Die Priester ver¬ 
bündeten sich mit dem tschechischen und ungarischen Adel und 
lösten in Ungarn Aufstände, in Böhmen eine neue Tschechisie- 
rungswelle aus. Um Joseph II. endgültig zu erledigen entfachten 
sie einen Sezessionskrieg in dem zu Österreich gehörenden Bel¬ 
gien (Brabanter Aufstand 1789). Seine Folge war die politische 
Unabhängigkeit dieses Landes - bis Napoleon es zu Frankreich 
schlug. So bekämpfen Priester den Staat und seinen Herrscher, 
der sich ihnen entgegenstellt. Joseph II. ist daran zerbrochen, er 
starb 1790 mit 48 Jahren' 193 '. Durch rücksichtslose Wirtschafts¬ 
reformen zu Lasten von Adel und Kirche hätte er das Volk hin¬ 
ter sich gebracht, und damit wäre ihm gelungen Friedrich den 
Grossen weit zu übertreffen. Dann wäre er, nicht Frankreich der 
Wegweiser in eine neue Zeit geworden, und die wäre vom deut¬ 
schen Volke ausgegangen. Eine große Gelegenheit für unsere Na¬ 
tion ging vorüber - aus Mangel an Wissen über Wirtschaft und 
Priester. 

Revolution in Frankreich und die Folgen 

Für über 100 Jahre war Frankreich Eckpfeiler der Kirche, dann 
brach es 1788 wirtschaftlich zusammen. Der Spottvers ging um: 
»Der König stützt sich auf Adel und Klerus, die beiden stützen sich 
wieder auf ihn. Das gleicht dem Baron von Münchhausen, sich am eig¬ 
nen Zopf aus dem Sumpfe zu ziehen«. 

Bis zuletzt versuchte die Kirche das sogenannte »ancien regime« 
und sein verfaultes Wirtschaft- und Gesellschaftssystem zu erhal¬ 
ten. Wie immer ging es dem katholischen Staate um seine Rettung 
auf anderer Leute Kosten. Doch der Versuch schlug fehl, seine un¬ 
geheure Schuldenlast auf den Bürgerstand abzuwälzen. Das Bür- 


94 


gertum, von den Priestern mehr denn je gehaßt, war in Frank¬ 
reich viel kräftiger, selbstbewußter und freier als in Österreich. In 
der Freimaurerei hatte es eine geheime internationale Organisa¬ 
tion aufgebaut, die einen geschlossenen politischen Willen besaß. 
Ob sie tatsächlich und in den Zielen mit ihm übereinstimmte, mag 
man bezweifeln, aber das war nicht entscheidend. Entscheidend 
war: Das Bürgertum, das allein von Geldvermehrung, Kriegen, 
Aufklärung und dem Niedergang der Kirche den Nutzen hatte, 
ließ sich nicht in den Geldbeutel greifen. Es schlug unerwarteter¬ 
weise zurück, und es schlug so kraftvoll zurück (»Französische 
Revolution«), daß das alte Herrschaftsystem im Nu zusammen¬ 
brach. Das Bürgertum wurde die entscheidende politische Kraft 
in Frankreich. Als ein Teil von Adel und Geistlichkeit - diej enigen 
mit feinem Gespür für die Machtverhältnisse! - überliefen, lag 
der »Absolutismus« (auch orientalisches Sultanat, Cäsarentum 
oder civitas dei = Gottesstaat zu nennen), dieses elende Geschöpf 
hochnäsiger Priesterpolitik, die Herrschaft der Könige (und Für¬ 
sten) von »Gottes Gnaden« am Boden. 

Fortan fielen alle politischen Beschlüsse und Entscheidungen im 
Parlament. Der Konvent sah die Kirche als den Hauptfeind mensch¬ 
lichen Fortschrittes an. Schon am 2. November 1789 beschloß er 
die Abschaffung des Zehnten und die Verstaatlichung allen Kir¬ 
cheneigentums. Durch Gesetz wurden ihr zehntausende Qua¬ 
dratkilometer Land abgenommen. Alle Stände wurden fortan 
in gleicher Weise besteuert. Übergelaufene Priester, wie Mau¬ 
rice Talleyrand, ehemals Bischof von Autun, traten am eifrig¬ 
sten dafür ein. Dadurch errangen sie (z. B. auch Abbe Sieyes) be¬ 
achtlichen Einfluß auf den Gang der Ereignisse. Im Juli 1790 un¬ 
terwarf man die Geistlichkeit der bürgerlichen Verfassung. Kir¬ 
chendiener wurden besoldete Staatsbeamte. Fortan sprach man 
von der »konstitutionellen Kirche Frankreichs«. Damit war das 
Kernland der katholischen Weltpriestermacht wieder einmal ab¬ 
gefallen. Kaum eine Hand erhob sich zugunsten der Kurie. »Mit 
dem Ausbruch der Revolution übernahm die Vernunft die Stelle 
des Christentums. Diese anti-christliche Einstellung wurde bald 
allgemein«^ 94 ). 

Auf das französische Volk waren die Auswirkungen der Kirchen¬ 
enteignung gewaltig. Eine ungeheure wirtschaftliche Bürde fiel ihm 
von den Schultern. Der Fortfall des Zehnten und der vielen Kirche¬ 
abgaben hob das Einkommen des Volkes ganz bedeutend. Das 
durchschnittliche Realeinkommen eines Bauern vervielfachte sich. 
Dementsprechend stiegen alle anderen Löhne. Eine Welle von 
Gemeinschaftsgefühl und nationaler Begeisterung durchrauschte 
die Franzosen. Das waren »Freiheit und Gleichheit« -»Brüder¬ 
lichkeit« kam erst später hinzu - von der sie unter geistlicher Lei¬ 
tung nie hatten träumen dürfen. Wie ein Waldbrand griffen die 
Ideen der Revolution - vor allem die wirtschaftlichen - in den ver¬ 
rotteten geistlichen Herrschaften der deutschen »Pfaffengasse«, 
ja sogar bis nach Kursachsen (katholisch regiert) um sich. Als die 
aufgeschreckten Fürsten Deutschlands dieser Volksbewegung mit 
ihren elenden Söldnerheeren entgegentraten, traf sie entschlos¬ 
sener Widerstand des französischen Volkes. Entmutigt gaben sie 
alle Einmischungsversuche bald auf. Mit Recht sahen die Franzo¬ 
sen in den Angriffen die Absicht, die alte Priester- und Fürsten¬ 
mißwirtschaft ihnen wieder aufzuzwingen. Nirgends habe ich bis¬ 
her einen Geschichtekundigen gefunden, der die Entschlossen¬ 
heit der Nation, Volk, Vaterland und revolutionäre Neuordnung 
gegen die Fremden zu verteidigen, auf wirtschaftliche Lebensver¬ 
besserungen zurückführte. Also, allgemeiner Wohlstand erzeugt po¬ 
litische Mündigkeit und jenen Gemeinschaftsgeist des Volkes, den man 
seitdem Nationalismus nennt. 


Freilich zeigt der lächerliche Kult des »höchsten Wesens«, den 
die Umstürzler glaubten einführen zu müssen, auf welche Abwege 
ihr unzureichendes Wissen sie führte. Aber über die vielen gehei¬ 
men Verbindungen und Verschwörungen dieses Zeitabschnit¬ 
tes und was sie bezweckten sind zu viele Vermutungen und Theo¬ 
rien in Umlauf, als daß es sich lohnt, darüber zu reden. Schließlich 
sollte man die Hinrichtung von einigen tausend Adligen und an¬ 
deren, vermeintlichen oder wirklichen Gegnern des Regimes im 
richtigen Verhältnis zur Geschichte sehen. Die »Schreckensherr¬ 
schaft der französischen Revolution« verblaßt zu einer kurzen Ba¬ 
gatelle, verglichen mit dem, was die römische Kirche in Frank¬ 
reich jahrhundertelang an Verbrechen, Terror, Kriegsgreuel und 
millionenfachen Massenmorden beging. Sie war eine Kleinigkeit 
gegenüber dem, was Napoleon»le Grand«, »der liebe Sohn 
der Kirche«, später unter den Völkern Europas anrichtete: Zwei 
Millionen Tote. 

Gewiß haben die kommunistischen Ideen der Jakobiner zu den 
Auswüchsen der Revolution beigetragen. Aber Kommunismus ist 
eine Begleiterscheinung jeder Lebensverschlechterung. Wirsehen 
das im Laufe dieser Geschichtebetrachtung immer wieder. Ein Re¬ 
gime, das an der Wirtschaftsfrage scheitert, greift stets zum Terror, um 
sich im Besitze der Macht zu halten. Und da die Wirtschaft von der 
Geldversorgung her gesteuert wird, ist für den Fehlschlag der Re¬ 
volution ausschließlich die Geldfrage verantwortlich. Es war zwar 
folgerichtig, daß die republikanische Regierung das Edelmetall¬ 
geld ausschaltete, zumal die geflohenen Emigranten große Men¬ 
gen fortgeschleppt hatten und die wirtschaftlich unsichere Zu¬ 
kunft den Metallgeldumlauf zum Stocken brachte. Geld mußte 
man aber haben, und so beschloß der Konvent die Ausgabe von 
»Assignaten«. Sie waren eine Wiederholung des Papiergeldes des 
John Law. Eine Kontrolle der ausgegebenen Geldmenge war na¬ 
türlich unbekannt, und so kam wie es kommen mußte: Der un¬ 
beschränkte Druck von Papiergeld senkte den Kaufwert der Assi¬ 
gnaten auf Null, zerstörte allen Kredit und zugleich die Wirtschaft 
(1794). Die sich selber verschlingende Gewaltherrschaft von Gi¬ 
rondisten bis zum Jakobinerklub Robespierres war die Frucht 
verzweifelter Anstrengungen der in Gelddingen Ahnungslosen, 
den Verfall der Währung durch Höchstpreisgesetze und drako¬ 
nische Strafen aufzuhalten (»Maximumgesetz«, Verbot der Be¬ 
nutzung von Metallgeld). Wie das » ancien regime « vorher, schei¬ 
terte die Revolution an der Geldfrage - alle anderen Gründe sind 
zweitrangig. 

Aber irgendwie muß es weitergehen, die fürstlichen Heere Euro¬ 
pas bedrängten die Republik, das Volk wollte leben, auch die neue, 
Direktorium genannte Regierung mußte sich Geld verschaffen. 
Ohne Gold und Silber war nach dem Wissen der Zeit kein Ver¬ 
trauen zum Gelde herzustellen. Das besaßen die internationalen 
Bankhäuser. Sie stellten der Regierung ihre Bedingungen: Rück¬ 
kehr zum Golde, hohen Zins für Anleihen und unbedingte Ver¬ 
pflichtung, es zu einem bestimmten Termine wieder zurückzuer¬ 
statten. Wie konnte sie aus Frankreich Gold herauspressen, nach¬ 
dem es durch die Assignaten vertrieben war? Es gab nur die Ge¬ 
waltlösung, genannt »außenpolitische Diversion«: Sie schickte 
Generale und große Heere aus, es in fremden Ländern zu erbeu¬ 
ten. »Fünf Armeen stellte im Jahre 1796 die französische Repu¬ 
blik ins Feld«. Drei davon marschierten nach Deutschland hin¬ 
ein. Sie kamen bis in die Oberpfalz (Schlacht bei Amberg). Durch 
Plünderungen und Gewalttaten machten sie sich so verhaßt, daß 
selbst das katholische Volk Deutschlands aufstand und sie über 
den Rhein zurücktrieb. Erfolgreicher waren die Armeen un¬ 
ter der Führung des jungen Napoleon Bonaparte in Italien. 
Der schlug die Österreicher mehrmals, besetzte Oberitalien und 


95 


raubte es aus. Die meiste Beute war natürlich im Kirchenstaate zu 
machen, der militärisch und wirtschaftlich sowieso zum Wider¬ 
stande unfähig war. Obendrein von Gott verlassen, zu dem die 
Priester bis zuletzt vergeblich gebetet hatten, wurde Rom von Ge¬ 
neral Berthier 1798 besetzt, der Papst für abgesetzt erklärt und 
trotz Jammerns und Bitten um Mitleid nach Valence geschafft, wo 
er am 29. August 1799 einsam starb. »Das, was das Volk so lange 
von Päpsten und Fürsten erdulden mußten, hatte die Herzen der 
Republikaner für die Leiden eines alten Papstes unempfindlich 
gemacht«. Nicht einmal die Römer verwendeten sich für ihn. Im 
Gegenteil, sie jubelten und sangen: 

Non abbiamo pazienza, Wir haben keine Geduld, 
non vogliamo Eminenza, wir wollen keine Eminenz, 
non vogliamo Santita, wir wollen keine Heiligkeit, 

ma Egulianza e Liberta«^ 195 \ sondern Freiheit und Gleichheit. 
Die Armeen der Revolution fanden das Volk Italiens auf ihrer 
Seite, weil es sich von der französischen Herrschaft wirtschaftlich 
bessere Zeiten als unter den Päpsten erhoffte. Das stellte sich schnell 
als trügerisch heraus. Diese Zeiten war inzwischen vorbei. Denn 
der Befehlshaber war ein Mann, der selbst zu den Jakobinern ge¬ 
hörte und nun seine Gelegenheit erkannte, dem großen Räuber 
und Staatsmann Julius Caesar nachzueifern. Er warf mit Geld 
um sich, um Kreaturen und politische Vorteile zu erkaufen, er griff 
zur Gewalt und achtete nicht Leichenberge. Im Feldzug in Italien 
bereicherte sich Napoleon persönlich ungeheuer und konnte 
dennoch große Mengen Gold und Silber dem Direktorium zu¬ 
senden. Als er durch Staatsstreich am 9. November 1799 die Herr¬ 
schaft in Frankreich errang, stand sein Bündnis mit der Hochfi¬ 
nanz schon so fest wie einst Caesars. Die Gründung der Bank 
von Frankreich als Geld-Notenbank war eine seiner ersten Taten 
als Konsul. 

Gewiß war Napoleon ein militärisches Genie, bedeutend auch 
als Staatsmann. Aber menschliche, sittliche und charakterliche 
Größe fehlte ihm. Obwohl er Friedrich den Grossen als sein 
Vorbild ansah, verspürte Napoleon keine Verpflichtung, der er¬ 
ste Diener seines Staates zu sein. Er war halt ein Italiener (fraglicher 
Rasse). »Napoleon ist der größte Gewaltherrscher der Neuzeit, 
er arbeitete auf die Alleinherrschaft im festländischen Europa hin. 
Die anhaltende Wirkung seiner Herrschaft ist trotz seines Sturzes 
sehr groß. »Seine Absicht, ein orientalischer Despot (Cäsar) zu 
werden, eine neue Dynastie zu begründen, die ganz Europa regie¬ 
ren sollte, mußte ihn dem französischen Volke entfremden, ob¬ 
wohl er zunächst dessen Zustimmung erhielt. Wie konnte es vor¬ 
aussehen, daß Kaiser, Kirche und Kapital das Volk wirtschaftlich 
ruinieren würden? Sein Rückzug von den zehn Jahre zuvor errun¬ 
genen Freiheiten und Lebensverbesserungen, sein Kniefall vor 
Gold und Silber, die Wiederherstellung des kapitalistischen Aus¬ 
beutungssystems in aller Schärfe, war allerdings ganz im Sinne der 
Priesterkaste. Für sie stand allezeit fest: Die wirtschaftliche Aus¬ 
beutung der Menschen bedarf unbedingter Stützung durch die 
Religion. Nur der Katholizismus konnte sie bieten. Wahrschein¬ 
lich erhielt Napoleon diesen Rat - oder Befehl - von seinen 
Geldherren. Er erklärte seinen Verrat an den Errungenschaften 
des 18.Jahrhunderts hohen Klerikern zu Mailand im April 1800 
wörtlich: »Die Erfahrung« (des finanziellen Zusammenbruches 
der Revolution) »hat die Franzosen enttäuscht und sie überzeugt, 
daß die katholische Religion besser ist als jede andere Art von Re¬ 
gierung. Vernunft reicht nicht aus, um ihn zu erleuchten, die ka¬ 
tholische Kirche allein, mit ihrer »Unfehlbarkeit« führt den Men¬ 
schen vom Anfang bis zum Ende«*- 196 ^. 

Die Beherrschung der Gedanken war denen unentbehrlich, die 
das Volk zum Arbeiten, Zahlen und Sterb en » ad maioram gloriam 


dei« verbrauchen wollten: Was Napoleon bezweckte, das Ver¬ 
trauen der Kirche zu gewinnen, verriet er seinen Vertrauten: »Im 
Hinblick auf meine Machtstellung in Italien war anzunehmen, daß 
ich früher oder später dem Papst meinen Willen aufzwingen konnte. 
Welch einen ungeheuren Einfluß gewönne ich damit über Eur¬ 
opa !«( 197 f So gewaltig sich über das Geheimnis des Priestertums 
zu täuschen mußte ihn früher oder später scheitern lassen. 

»Aber die klügsten aller weltlichen Weisen finden ihren Meister 
im Vatikan«^ 198 '. Die hohen Priester leben mit Jahrtausende alter 
Erfahrung in der Menschenbeherrschung, sie wußten den Anfang 
ihres neuen Aufstieges wahrzunehmen. Sie verhandelten im Be¬ 
wußtsein ihrer Unentbehrlichkeit für die kapitalistische Gottes¬ 
ordnung. Kardinal-Staatssekretär Consalvi ließ sich von Zorn¬ 
ausbrüchen und Drohungen Napoleons nicht einschüchtern. 
Die Zugeständnisse, die er dem Staate widerstrebend machte, gal¬ 
ten für die Kirche nur befristet - wir kennen das. Weitaus schwe¬ 
rer wogen für die Kurie die geheimen Zusicherungen, mit denen 
Napoleon sich ihr Wohlwollen erkaufte - erkaufen mußte. Nach 
dem Abschluß des Konkordates (1801) und einem großen Te- 
Deum in Notre Dame waren jedenfalls beide Parteien sehr zu¬ 
frieden, daher »schrieb der Papst seinem geliebtesten Sohne Bona¬ 
parte : An ihn wolle er sich wenden, wenn er Hilfe brauche.«^ 199 '. 
Die Priester bauten Napoleon als kommenden großen katholi¬ 
schen Herrscher auf. Und er hatte eine zynische Erklärung für dieje¬ 
nigen bereit, die die Notwendigkeit der wieder hergestellten Kir¬ 
che nicht begreifen wollten (200 l 

Mit dem Frieden von Luneville (28. Februar 1801) erlangte 
Frankreich die lang erstrebte »Rheingrenze«. Eine »Reichsde¬ 
putation« (unter Talleyrands Aufsicht) tagte in Regensburg 
und faßte 1803 den berüchtigten »Hauptschluß«: Alle geistli¬ 
chen Fürstentümer (außer Kur-Mainz) und die meisten Reichs¬ 
städte wurden ihrer Souveränität beraubt und finanziell enteignet. 
Es wurde behauptet, durch die Abschaffung der geistlichen Staa¬ 
ten in Deutschland habe die Kirche ein Vermögen von umgerech¬ 
net 25 Milliarden Goldmark eingebüßt. Und trotzdem unternahm 
der Papst, der immer nach Geld schielt, nichts gegen ihre Einver¬ 
leibung durch Frankreich und deutsche Fürsten. Nur ein Jahr da¬ 
nach segnete er Napoleon als katholischen Kaiser! Auch blieb er 
»des Papstes lieber Sohn«. War die schmerzhafte finanzielle Ein¬ 
buße in Deutschland bei den Verhandlungen auch abgesprochen 
worden, weil es den Oberpriestern um Größeres ging? 

Die Kirche wußte, daß sie bei den Deutschen der Pfaffengasse alle 
Sympathien verloren hatte. »Hier gerade hatte man das Elend des 
verkommenen deutschen Reiches recht vor Augen - und nirgends 
sonst empfand man es so wie in den geistlichen Gebieten, z. B. in 
Trier, Köln und Mainz. Die Bevölkerung klagte über Steuerdruck, 
mangelhafte Gerechtigkeitspflege, Jagdunwesen, Lasten der Leib¬ 
eigenschaft und dergleichen. Selbst die ausgelassensten republika¬ 
nischen Lehren, selbst die jakobinischen Greuel schreckten hier 
nicht ab, sich den »Neufranken«, die mit gleißenden Worten alle 
Völker als Brüder grüßten, anzuvertrauen« < - 201) . Die Angleichung 
an die Rechts-und Wirtschaftsreformen Frankreichs in den an¬ 
nektierten Gebieten machte die Rheinländer schnell franzosen¬ 
freundlich. Nach ihren bisherigen Erfahrungen kein Wunder. 

Den Knalleffekt dieser Politik ahnte kein Historiker - er beleuch¬ 
tet die meisterhafte vatikanische Staatskunst und ihre Ziele: Die 
raffgierige Mittelinstanz der Bischöfe war zu selbständig, das mei¬ 
ste Geld versickerte in den Diözesen, Rom war von ihnen finanzi¬ 
ell abhängig. Also gebrauchte die Kurie Napoleon als Werkzeug, 
die politische Gewalt der Fürstbischöfe und -äbte zu vernichten; 
deren Rechte, Gelder und Kontrolle der Finanzen gingen an Rom 
über, ohne es mit dem Fluch der Mißwirtschaft zu belasten. 


96 


Napoleon betrachtete sich fortan als Kaiser des Abendlandes und 
Nachfolger Karl des Grossen. Denn er hatte dem Papst beim 
Abschluß des Konkordates versprochen, ganz Deutschland wieder 
katholisch zu machen l ' l97 \ Innerhalb von vier Jahren wurde Napo¬ 
leon der (weltliche) Herr Europas. Zu seinem Polizeiminister 
Fouche sagt er: »Ich habe meine Aufgabe noch nichterfüllt, und ich 
will vollenden, was ich begonnen habe. Wir brauchen ein europäisches 
Gesetzbuch, ein oberstes europäisches Gericht, einheitliche Währung, 
Maße und Gewichte. Die gleichen Gesetze müssen für ganz Europa 
gelten. Ich werde alle seine Nationen zusammenschweißen«^ 97 \ Na¬ 
poleon als Gründer der »Vereinigten Staaten von Europa«, der 
große Plan der internationalen Geld- und Kirchenmächte (seit 
1200Jahren). 

So schöne Pläne, so herrlich ausgedacht. Nur täuschten sich die 
Priester; wie immer wenn sie eine willenstarke Persönlichkeit für 
ihre Ziele dienstbar gemacht glauben. Napoleon war nicht zu be¬ 
herrschen, es war nicht anders als mit Heinrich IV., Friedrich 
II., Ludwig dem Bayern, Wallenstein, auch diesmal erwuchs 
aus dem lieben Freunde ein Widersacher. Napoleon schaffte 
nicht weltliche Neuerungen wie die Zivilehe ab, er unterließ die 
von der Kurie erwarteten Zwangsbekehrungen in Deutschland. 
Politisch begreiflich, denn hätte ihm eine weitere Stärkung der ka¬ 
tholischen Priestermacht genützt oder geschadet? Aber für Prie¬ 
ster gibt es keine Gegenseitigkeit politischer Dienstleistungen. 

Für die Politik der Kurie sind Bundesgenossen austauschbar. Sie 
verkehrte unbeirrt mit allen Feinden Napoleons, auch England 
und Rußland. Die Mehrgleisigkeit päpstlicher Diplomatie er¬ 
zürnte und erbitterte ihn. Ihm wollte nicht gelingen, auf sie Druck 
auszuüben. Sie ließ es eher auf den Bruch ankommen als seinem 
Willen nachzugeben. Napoleon blieb nur der Gewaltweg übrig. 
Er wußte nichts besseres, und das bedeutete: Er war politisch ge¬ 
scheitert. In den wenigen Jahren des Konkordates hatte die Kirche 
ihre Macht bereits unangreifbar gefestigt. Sie exkommunizierte 
ihn und setzte ihm fortan Zweifel und Mißtrauen aller gläubigen 
Katholiken entgegen. Napoleons Antwort hieß Aufhebung des 
Kirchenstaates und Inhaftierung des Papstes in Savona und Fon¬ 
tainebleau, doch sie war wirkungslos. Als Märtyrer bzw. Wider¬ 
ständlerward Pius VII. eine Trumpfkarte der Zukunft. 

Allerdings war die hohe Priesterschaft in ihrem Verhältnis zu Na¬ 
poleon gespalten. Ein großer Teil der Kardinäle und Bischöfe 
ging mit ihm, versprach sich davon größeren Einfluß und eine 
mächtigere Kirche. Sogar Pius VII. und Consalvi galten nicht als 
unversöhnliche Gegner des Umsturzes und Napoleons. Selbst 
nachdem sie ihn exkommuniziert hatten, ließen sie sich schlau 
stets eine Hinter- und Verbindungstür offen. 

Wäre von Napoleon und seinen Werkzeugen die deutsche Na¬ 
tion bezwungen worden, hätte im Höhepunkt seiner Macht 
(1808) die Geschichte Deutschlands eigentlich geendet. Napo¬ 
leon mochte glauben dem Ziele nah zu sein. In Norddeutschland 
war unter seinem Bruder Jerome ein unverhüllt französischer 
Staat entstanden, amtlich zweisprachig, mit Vorrang des Franzö¬ 
sischen natürlich. Französische Beamte, Polizei, Gerichte, Ge¬ 
setze, römisches Recht wurden rücksichtslos angewendet. Fran¬ 
zösische Truppen überwachten Land und Leute, fremde Finanz¬ 
hyänen saugten die Bevölkerung aus. Die deutsche Jugend wurde 
für Napoleons Kriegszüge ausgehoben und verheizt. Die Rhein¬ 
bundstaaten waren Vasallen Napoleons, widersprechen durfte 
niemand; französische Sprache und Verwaltung wurden unter 
der Hand eingeführt. Gehörte das linke Rheinufer unmittelbar zu 
Frankreich, mit allen Folgen, die sich daraus ergaben, so hörte Na¬ 
poleons Macht nicht an der Elbe auf. Scharf wachte er darüber, 
daß Preußen sich nicht aus den Fesseln des Tilsiter Friedens be¬ 


freite. Ungeheuerliche Besetzungs- und Tributzahlungen hielten 
Preußen nieder. 

Die Erbitterung über wirtschaftlichen Niedergang und zuneh¬ 
mende politische Bedrückung machte sich 1809 in zahlreichen 
Aufständen Luft. Es gelang Napoleon, sie alle niederzuschlagen 
und mit verschärfter Gewaltherrschaft 12021 zu beantworten, aus¬ 
genommen Spanien. In diesem großen, dünnbesiedelten Lande 
tobte seitdem ein Freischärlerkrieg, dem er nicht Herr werden 
konnte und der Vorbild für alle deutschen Patrioten wurde. Fest 
steht, daß hierbei nicht nur Gold und Truppen aus England, son¬ 
dern auch die katholische Kirche die Hand im Spiele hatte. Sie op¬ 
ferte kleine, dumme Idealisten, die für die Freiheit ihrer Nation zu 
kämpfen glaubten und nur für die Wiedererrichtung der Pfaffen¬ 
herrschaft starben. 

Völlig ahnungslos in Geldfragen machte Napoleon die gleichen 
Fehler wie Friedrich der Grosse, aber mit weitaus schlimme¬ 
ren Folgen. 1811 sprach er vor der französischen Handelskammer 
und es ist sehr begreiflich, daß fortan von den Wissenden »kein 
Einziger mehr Vertrauen zu ihm hatte«: »Seit dem Frieden von 
Tilsit (1807) habe ich mehr als 1 Milliarde Franken an Entschä¬ 
digungen einkassiert: Österreich ist bankrott, England und Ru߬ 
land werden ihm folgen. Ich allein habe Geld! Jährlich nehme ich 
900 Millionen Steuern ein; dreihundert Millionen lege ich beiseite und 
verschätze sie in den Kellern der Tuilerien. Die Bank von Frankreich 
ist voll mit Silber, die Bank von England hat keins!«^ 197 \ Selbstver¬ 
ständlich mußten seine verfehlte Geldpolitik, die eine allgemeine 
Wirtschaftskrise (Rezesssion) in Europa auslöste, immer schwe¬ 
rer aufzubringende Steuerlasten und nicht zuletzt die vielen nutz¬ 
losen Blutopfer furchtbare Rückwirkungen auf die Völksmoral ha¬ 
ben. So wie die Franzosen ihn 15 Jahre zuvor bejubelten (als er 
das erbeutete Silber und Gold nach Frankreich brachte), hatten 
sie jetzt von ihm genug. Der Kirche nützte die um sich greifende 
Deflation und Notzeit wieder einmal gewaltig, sie ritt wie üblich 
auf der gesunkenen Volksstimmung, sie ließ ihren Napoleon le 
Grand fallen. 

Er war politisch verbraucht und wertlos geworden. Nach seiner 
widerwilligen Abdankung (1814) ist er verkleidet, unter falschem 
Namen und bei Nacht durch sein Vaterland mehr geschlichen als 
gefahren. Das Volk bewarf seinen Wagen mit Steinen und drohte 
ihn aufzuhängen. Es war die uralte Geschichte, die Napoleon 
nicht einmal im Exil auf St. Helena begriff, als er Zeit hatte, dar¬ 
über nachzudenken: Wer sich mit Priesterschaft und Geldfinanz 
einläßt, wird überspielt und geht an ihnen zugrunde. 

Deutschlands »Befreiungskriege« - für wen? 

Noch einmal wurde Preußen Ausgangspunkt der Erneuerung 
des deutschen Volkes. Hier kamen Männer zusammen, die zum 
ersten Male seit wie vielen Jahren nicht Kirchen-, Fürsten-oder 
Staatswohl, sondern das Allgemeinwohl als Schlüssel für die Zu¬ 
kunft des Staates ansahen. Was Scharnhorst zur Gestaltung 
des Völksheeres leistete, galt bis in unsere Zeit. Gneisenau ent¬ 
warf strategische Kriegspläne, Wilhelm v. Humboldt gestal¬ 
tete das Schulbildungswesen völlig um und errang damit einen 
erzieherischen Vorsprung Preußens vor der ganzen Welt. Ener¬ 
gisch betrieb Reichsfreiherr vom Stein die überfällige Staatsre¬ 
form in Preußen, er schaffte den orientalischen Absolutismus ab, 
führte die Gemeinde- Selbstverwaltung und eine minsterielle Re¬ 
gierung ein. Aber auf wirtschaftspolitischem Gebiete, der über Erfolg 
und Mißerfolg jeder Regierung entscheidet, begingen die Reformer 
Fehler über Fehler und machten damit den Großteil ihrer Neue¬ 
rungen selbst zunichte. Wissenschaftliche Erkenntnisse über die 
Geld- und Bodenfrage gab es nicht und alles geschichtliche Wis- 


97 


sen um die Wirtschaftsordnung unserer Vorfahren war längst ver¬ 
schüttet und vergessen. Der Jahrhunderte alte Ungeist, nur Rö¬ 
mer, Griechen und Juden als Vorbilder gelten zu lassen, dazu die 
Französelei seit Louis XIV. trug die Hauptschuld am staatsmän- 
nischen Versagen deutscher Volksführer. 

Die vielerwähnten und bewunderten »Steinschen Reformen« 
stellten sich als unheilvolle Nachahmung der englischen Staats¬ 
und Gesellschaftsordnung heraus. Stein ist nie aufgegangen, daß 
sie alles andere als vorbildlich waren. Ihm schwebte ein Bündnis 
zwischen grundbesitzendem Adel und bürgerlichem Geldkapi¬ 
tal - wie in England - als politisches Ideal vor. Dieser Mann, der 
zweifellos ein tüchtiger Beamter, aber denkunfähig war (was ei¬ 
nige seiner Bewunderer zugeben), ließ Gesetzentwürfe und Vor¬ 
schläge von Untergebenen (Frey, v. Schön u. a.) ausarbeiten, 
um sie als seine eigenen zu vertreten. Er redete viel von der »ger¬ 
manischen Freiheit« ohne eine Ahnung zu haben worin sie be¬ 
stand. Wie wir wissen, gehörten danach Bürgerrecht und Boden¬ 
besitz zusammen. Er begriff nicht, daß Privatgrundeigentum und 
Volksfreiheit unvereinbar sind. Er gestand nur dem Grundeigentü¬ 
mer das Wahl- und Stimmrecht zu. Er nahm in Kauf, daß das Pri¬ 
vatgrundeigentum die überwältigende Mehrheit des Volkes ohne 
eigenes Verschulden sowohl vom Boden wie von der Mitbestim¬ 
mung im Staate ausschloß, und dennoch sollten die Ausgeschlos¬ 
senen dafür Leben und Arbeit hergeben. Er leistete in schlimm¬ 
ster Weise dem Privatgrundeigentum mehr Vorschub als alle seine 
Gegner zusammen. Vom Stein verschleuderte den riesigen Do¬ 
mänenbesitz der preußischen Könige, dessen Verkauf ausdrück¬ 
lich gesetzlich verboten war* 203 *. Es entsprach nicht der Wahrheit, 
damit die Tribute an Napoleon zu bezahlen. Die Domänen wur¬ 
den den Käufern spottbillig überlassen, fast geschenkt. An das ar¬ 
beitende Volk auf den Domänen dachte er keinen Augenblick. Er 
sah die Entwurzelung der Völksmassen voraus - schließlich hatte 
England das vorexerziert - aber er fand das ganz natürlich und 
schwätzte: »Wir sind übervölkert, haben überfabriziert, überpro¬ 
duziert, sind überfüttert und haben mit Buchstaben und Tinte die 
Beamten entmenscht«* 204 *. Er, der deutsche Patriot, empfahl die 
Auswanderung der besitzlosen Deutschen nach Amerika. Er tobte 
gegen die »verderbliche Vervielfältigung der eigentumslosen, hei¬ 
matlosen Klasse«, »das Anhäufen eines unsittlichen lasterhaften 
Gesindels«. Damit meinte er diejenigen Deutschen, die seine Po¬ 
litik vom Lande vertrieben hatte und die Untugend besaßen, als 
Enterbte weiterleben zu wollen. Wäre Stein der deutsche, volks¬ 
bewußte Staatsmann, als den man ihn ansieht (er sprach im Fa¬ 
milienkreise nur französisch), hätte er ein kleines bißchen wirt¬ 
schaftspolitisches Verständnis besessen, ein wenig über Grundbe¬ 
sitz und Staatsfinanzen nachgedacht, er hätte den naheliegenden 
Weg durchgesetzt, das Domänenland auf die Bauern aufzuteilen, 
um sie als Pächter des Staates zu behalten. Alle nachteiligen Fol¬ 
gen der »Bauernbefreiung«, die nichts anderes als ein landloses 
Proletariat schuf, wären damit vermieden worden. 
Scharnhorst, der bürgerliche Offizier, und Gneisenau, der be¬ 
sitzlose Adlige, hätten vermutlich weitaus bessere Staatsmänner 
abgegeben. Gneisenau verlangte die Einziehung des Grundei¬ 
gentums von denen, die sich der nationalen Sache nicht rückhalt¬ 
los anschlossen. Den Soldaten war die Bedeutung der Landfrage 
für ein kampfwilliges germanisches Volk völlig klar, sie rollten sie 
nicht mit dem Eifer auf, der dazu nötig war. Wofür hätte das Volk 
denn kämpfen wollen? Etwa für seine Grundherren und Geldka¬ 
pitalisten? Sogar das Verbot der Prügelstrafe für Soldaten mußte 
Gneisenau gegen vom Stein durchsetzen und verteidigen. 
Selbstverständlich war das Schul- und Erziehungswesen verkom¬ 
men, »denn Kirche und Schule gehörten zusammen«. »Schulbe¬ 


dienstete« waren entweder ehemalige Feldwebel oder, auf »La¬ 
teinschulen«, Pfarrer und Pfarranwärter, Kantoren und Präzen¬ 
toren. Humboldt schuf den hauptamtlichen Lehrerberuf und 
trennte ihn von den Kirchenämtern. Aber seine Schöpfung des 
humanistischen Gymnasiums war ein ebenso folgenschwerer 
Fehlwurf wie Steins Domänenverkauf. Wieder wurde bei der 
Volkserziehung der Unsinn verbreitet, Bildung sei nur mit Hilfe 
der »klassischen Sprachen« möglich, die unheilvolle Spaltung 
des Volkes in dünkelhafte »Gebildete« und alle sonstigen ver¬ 
ewigt^ 205 *. Wer nicht vom Gymnasium kam, war »ungebildet« 
und wurde als unfähig angesehen, leitende Stellungen in Staat 
und Wirtschaft einzunehmen. Das Volk gründete aus eigener Tat¬ 
kraft die Bürger- und Realschulen, die zum Glück allmählich (der 
Kampf dauerte bis ins 20. Jahrhundert) das Monopol der Neuhu¬ 
manisten auf die Volksbildung beseitigten. 

Nicht wegen ihrer wirtschaftspolitischen Fehler zogen sich die 
preußischen Reformer den Zorn des Adels als Klasse der mächtig¬ 
sten Grundeigentümer zu. Die Grundherren sahen ihre Vorrechte 
von den »preußischen Jakobinern« bedroht, sie ängstigten den 
König mit »schrecklichsten Folgen«. Jeder kleine Fortschritt, die ge¬ 
ringste Verbesserung im Staatsleben und der Lage des Volkes mußte den 
Grundherren in endlosem Streite abgerungen werden. Reichsfreiherr 
vom Stein wurde nach nur einem Jahre im Amt wegen einer poli¬ 
tischen Dummheit auf Verlangen Napoleons entlassen und ver¬ 
folgt (11. November 1808). König Friedrich Wilhelm III. (206 * 
grämte sich darüber nicht, er nahm als Nachfolger reiche Adlige, 
die Grafen Dohna und Altenstein, die an Engstirnigkeit und 
Feigheit kaum zu übertreffen waren. Letzterer ging in seiner Un¬ 
terwürfigkeit vor Napoleon so weit, die Königsfamilie unter die 
Gewehre der französischen Besetzung zurückzubringen. Außer¬ 
dem wollte er weitere preußische Provinzen den Franzosen auslie¬ 
fern (März 1810). Die Politik dieses schwerreichen Adligen zielte 
darauf ab, jegliche Veränderung der Grundeigentümermacht, not¬ 
falls mit Napoleons Hilfe unmöglich zu machen und die preu¬ 
ßischen Reformer kaltzustellen. Man vermutet den Einfluß der 
Königin Luise auf den ewig schwankenden, geistig beschränkten 
König, daß die Reformen gegen ihre Widersacher gelangen. Wie 
weit ihr Einfluß nach 1807 auf dem König ging, ist schwierig nach¬ 
zuweisen, denn über ihre Auseinandersetzungen im Ehegemach 
gibt es keine Zeugnisse. Aber aus ihren Bemühungen, Napoleon 
zur Vernunft zu überreden oder Schiller nach Berlin zu ziehen 
und ihn in Preußen anzustellen, läßt sich dennoch manches fol¬ 
gern. Die hoch geehrte Königin starb unter seltsamen Umständen 
bereits am 19.Julil810 (207) . 

Ihr Tod war für die Freiheitskriege tragisch. Als es galt, die Gunst 
der Stunde zu nutzen, hätte sie mit ihrer Klugheit Friedrich 
Wilhelm III. fortgerissen. Hardenberg war ein Kompromißler, 
ein Mann ohne Weitblick und ohne staatsmännisches Geschick. 
Die meisten übrigen preußischen Patrioten kündigten Fried¬ 
rich Wilhelm den Gehorsam, als er einen Bündnisvertrag mit 
Napoleon gegen Rußland schloß und an ihm festhielt. Scharn¬ 
horst trat als Kriegsminister ab und beschäftigte sich in Schle¬ 
sien mit Nebensachen. Gneisenau ging nach England, Clause- 
witz und andere nach Rußland oder Spanien. Das ließ in Preußen 
niemand von der Reformpartei in irgend einer Stellung von Ein¬ 
fluß und Macht. Es war die typisch deutsche politische Kurzsichtig¬ 
keit. Gerade die praktisch denkenden preußischen Soldaten hätten 
sich in dieser Lage den größten Einfluß im Staate sichern müssen. Al¬ 
lerdings ist es Steins Verdienst als Berater des Zaren, daß Napo¬ 
leons Friedensangebote scheiterten und seine Lage in Rußland 
aussichtslos wurde. Als die Große Armee zusammenbrach, fehlte 
es an Völksführern in Preußen, die den Aufstand ausgelöst hätten. 


98 


Beim Umschwung der militärischen Lage wären ein Staatskanzler 
Scharnhorst in Berlin, ein Armeebefehlshaber Gneisenau im 
Kriege Trümpfe gewesen, die stechen und die schnelle Entschei¬ 
dung herbeiführen konnten. Und wenn Napoleon dafür Fried¬ 
rich Wilhelm gestürzt hätte, so war das kein Schaden, sondern 
im Gegenteil zum Nutzen für deutsche Patrioten. 

Die tatsächliche Gewalt als höherer preußischer Truppenführer 
war Hans David Ludwig Yorcic zugefallen. Der war zwar Fran¬ 
zosenfeind, aber zugleich erbitterter Gegner der preußischen Re¬ 
former und bei seinen Soldaten als »General Isegrimm« wenig 
beliebt. Strategische und politische Fähigkeiten besaß er nicht. 
Seine Mängel fielen auf, als er im Oktober 1812 vom Untergang 
der Großen Armee erfuhr. Es wäre Zeit genug gewesen, durch ei¬ 
nen Volksaufstand der Deutschen Napoleon in Rußland abzu¬ 
schneiden und zu vernichten. Noch im Dezember sandte der un¬ 
tertänige Yorcic einen Major nach Berlin, um Instruktionen zu er¬ 
bitten. Friedrich Wilhelm III. gab ihm die geistlose Weisung: 
»Nicht über die Schnur hauen!« So im Stich gelassen wurde 
Yorcic mühsam von preußischen Patrioten auf russischer Seite 
überredet, die Konvention von Tauroggen abzuschließen (31. De¬ 
zember 1812). Er, der sich immer als Untertan bekannte, nahm 
seinem König eine weltgeschichtliche Entscheidung über den 
Kopf! Yorcic spielte eine Rolle, die nicht auf ihn paßte. Wäre er 
nicht ein engstirniger kleiner Adliger gewesen, er hätte in diesem 
Augenblick den Weg zu den Reformern, den patriotischen Deut¬ 
schen und zum Volke gefunden. Aber nicht einmal seine Abset¬ 
zung und Anklage vor dem Kriegsgericht wegen Hochverrat (9. 
Januarl 1813) konnte Yorcic veranlassen, mit dem feigen König 
zu brechen und Völksführer zu werden. 

Man muß diese wenig bekannten Zusammenhänge herausstei¬ 
len, um zu verstehen, wie schwer dem deutschen Volke im Jahre 
1813 seine Befreiung von der Fremdherrschaft gemacht wurde. 
Hardenberg und Friedrich Wilhelm III. ließen sich von den 
Ereignissen treiben. Als man Friedrich Wilhelm bedrängte, 
wehrte er ab: 

»Napoleon ist ein großes Genie, weiß immer Hilfsmittel zu fin- 
den«( 208) . Die Mängel dieses Monarchen, seine Unfähigkeit den 
Staat zu führen waren längst erwiesen. Im Mittelalter wurden deut¬ 
sche Kaiser deswegen abgesetzt, die Franzosen hatten Louis XVI. 
gestürzt, die Engländer James II. - warum scheuten deutsche Un¬ 
tertanen davor zurück? Ich sage: Die Verschüttung der nationalen 
Eigenart durch Christentum und Kirchen, wirtschaftlicher Verfall 
unter der Fremdherrschaft lähmten Freiheitsgeist, Moral und Ent¬ 
schlußkraft. 

Mochte dem sein wie es wollte, fügen wollten sich die Deutschen 
nicht mehr. Sie verlangten leidenschaftlich die Befreiung, wenn 
schon nicht von diesem König, so doch von den Fremden. Was 
sich seit dem Januar 1813 von Ostpreußen ausgehend durch ganz 
Deutschland verbreitete, ist eine gänzlich neue Erscheinung in der 
Geschichte der Menschheit. Sie hatte nichts von der Mob- und 
Schreckensherrschaft der französischen Revolution. Sie wollte 
im gründe nur das Recht erstreiten, nach der eigenen seelischen 
Art zu leben, nicht mehr fremden Herren und Ausbeutern unter¬ 
worfen sein. Die Deutschen von 1813 mögen vom Kampfe ihrer 
Vorfahren gegen die Römerherrschaft so gut wie nichts mehr ge¬ 
wußt haben, die Kenntnis der germanischen Gesellschaftsord¬ 
nung mochte verloren gegangen sein. Dennoch ließen sie genau 
im Sinne ihres Erbes sich nicht vom Kampfwillen abbiegen. Die 
Versammlung der ostpreußischen Stände, von Stein berufen, rief 
Freiwillige zum Krieg auf (4. Februar 1813). Es kam dabei zu ei¬ 
ner erbitterten Auseinandersetzung zwischen Stein und Yorcic, 
dieser war nicht bereit, ohne »Befehl von oben« zu marschieren. 


Es gab keinen deutschen Volksführer der Befreiungskriege. 

Im Frühjahr 1813 rührte es sich überall, von Hamburg bis Tirol, 
von Ostpreußen zum Rhein. Man hätte den Krieg wenn nicht in 
Rußland beenden, so am Rhein gegen Frankreich eröffnen kön¬ 
nen. Der Wille zur wirtschaftlichen Befreiung war es, der das Volk in 
Preußen unter die Waffen rief den alle Geschichte-Lehrer merkwür¬ 
digerweise verschweigen. »Land und Freiheit« war das Schlag¬ 
wort des aufständischen Volkes. Man hatte weit mehr Freiwillige 
als Waffen zur Verfügung. Selbst der Freimaurer vom Stein er¬ 
kannte jetzt die Fehler seiner »Bauernbefreiung« und versuchte 
sich anzupassen. Die den Ausbeutern bedrohliche Erhebung der 
Deutschen einzudämmen gelang den Geheimmächten trotz aller 
Verzögerungstaktik nicht. FünfMonate warenbereits verloren, als 
Friedrich Wilhelm III. widerstrebend den Aufruf »An mein 
Volk« erließ: »Freiwillige aufrufen - wenn meinen. Doch kei¬ 
ner kommen«. Die Freimaurerei, die ihn verfaßt hatte, stellte sich, 
siehe das Logen-Datum - 17. März 1813 - an die Spitze des Auf¬ 
standes, um ihn unter ihre Kontrolle zu bringen. Keineswegs woll¬ 
ten sie einen Volkskrieg, und das sagten einige Maßgebende so¬ 
gar laut. 

Man macht viel Aufhebens davon, weshalb das ausgesogene Preu¬ 
ßen kein Geld für den Krieg aufbringen konnte und angeblich des¬ 
halb keine Fortschritte machte. Man rühmt, wie das Volk auch hier 
einsprang und jedes persönliche Opfer für den Staat leistete: Man 
erinnert uns noch heute an die eisernen Trauringe, denen man die 
Aufschrift gab: Gold gab ich für Eisen! Was für ein Theater. Das 
Volk mochte es nicht besser wissen, es tat sein Bestes, aber wo 
war seine humanistisch gebildete Führerschicht? Hatte die wie¬ 
der einmal die Griechisch-Lektionen vergessen, nämlich wie man 
in Sparta mit eisernen Münzen ausgekommen war? Warum ließ 
die preußische Regierung nicht eisernes Geld prägen und verzich¬ 
tete auf das Gold der Bürger? Hatte nicht Schweden 100 Jahre zu¬ 
vor eine Kupferwährung eingeführt und damit Kriege finanziert? 
Traurig festzustellen wie die »besseren Stände« versagen bei der 
Anwendung ihrer Gelehrsamkeit. Nicht zuletzt war es ihre Ratlo¬ 
sigkeit in Geldsachen, wenn Wucherer und Kriegsgewinnler, vor al¬ 
lem die Rothschilds, vom Blute der Völker Europas zur Welt¬ 
macht wurden. 

Es wurde weiter getrödelt, aber Ende April war’s vorbei, alle poli¬ 
tischen Vorteile vom blitzartig handelnden Napoleon vernichtet. 
Da packte Friedrich Wilhelm III. und Hardenberg schreck¬ 
liche Angst. Sie hatten Frankreich den Krieg erklärt, unter dem 
Druck der Völksstimmung erklären müssen. Statt auf die Kräfte 
der Nation zu bauen und mit ihnen zu siegen oder unterzuge¬ 
hen, suchten sie verzweifelt Verbündete um jeden Preis. Sie bet¬ 
telten um Hilfe von Österreich, aber Kaiser Franz und Metter¬ 
nich ließen sie schmoren: Je mehr Napoleon siegte, um so mehr 
konnte Habsburg für sich erpressen. Hardenberg, der Knecht 
der Bankiers, schloß Verträge mit Schweden und England, dem 
er Wiederherstellung und Vergrößerung Hannovers auf preußi¬ 
sche Kosten zusicherte, für das Taschengeld von 8 Millionen Ta- 
lern (209) . Ausdrücklich verzichtete Friedrich Wilhelm auf 
eine Führungsrolle in Deutschland und von einer Bestrafung der 
Rheinbündler war keine Rede mehr. Ja, die Regierung Friedrich 
Wilhelms ging noch weiter und versuchte die Patrioten zu un¬ 
terdrücken. Ernst Moritz Arndt wurde »von der preußischen 
Zensurpolizei« verfolgt, »die noch immer die Furcht vor dem 
großen Napoleon im Leibe hatte«: Er habe von ihm, dem Lan¬ 
desfeind, »mit gebührender Ehrerbietung zu sprechen« t 210 \ So 
erbärmlich war der »König der Befreiungskriege«. Die »alliier¬ 
ten« Fürsten und Heerführer waren große Freimaurer und boten 
alles auf, ihren Bruder und Kaiser Napoleon zu erhalten - gegen 


99 


den Willen des deutschen Volkes. Wer den Ablauf des ungeheuer 
blutigen und teuren Krieges von 1813 bis 1815 kennt, den packt 
der Zorn, wie oft deutsche Freiheitskämpfer von ihren fürstlichen 
Truppenführen und Staatsmännern mitgeleitet und verraten, Deut¬ 
sche gegen Deutsche geführt und hingeschlachtet wurden. Som¬ 
mer 1813 boten sie Napoleon und Frankreich den Rhein an. Bei 
allen großen Schlachten, Leipzig besonders auffallend, ließen sie 
ihm eine Hintertür offen, damit er, geschlagen, entwischen und 
sich erneut stellen konnte. Es scheint jedoch, daß in diesem gehei¬ 
men Streit zwischen Logen und Kirche die Priester am Ende siegten 
und den Sturz Napoleons durchsetzten. 

Was erreichte das deutsche Volk in diesem Kampf zwischen Na¬ 
tion und Internationalismus? Seine Wünsche waren stets klar aus¬ 
gesprochen worden: Es wollte die staatliche Einheit, »soweit die 
deutsche Zunge klingt«. Es wollte nicht Frankreich rachsüch¬ 
tig beherrschen und ausplündern. Es wollte nicht einmal die Nie¬ 
derlande oder Polen. Es wollte eine starke, einheitliche Reichsge¬ 
walt, den Einzelfürsten ein für alle mal das Recht nehmen, sich an 
den Landesfeind anzuschließen und willkürlich gegen das eigene 
Volk zu herrschen. Es wollte »Land und Freiheit«, und das heißt 
in besseren Worten ausgedrückt: Die Wiederherstellung der ger¬ 
manischen Wirtschaftsund Gesellschaftsordnung. 

Die Fürsten, die Deutschland und sein Volk seit 1800 schon oft 
verraten hatten, die im Volkskriege mit dem Feinde schacherten 
und Siege verschenkten, sie taten es wieder mit kalter Gewissen¬ 
losigkeit. »Wie das Geschmeiß hungriger Fliegen stürzte sich 
Deutschlands hoher Adel auf die blutigen Wunden seines Vater¬ 
landes«^ 211 *. Sie waren ja absolute Herren über ihre Untertanen 
geblieben, die Knechte Napoleons und der Kirchen trotz aller 
Niederlagen obenauf. Mittellos bettelten die Invaliden der Frei¬ 
heitskriege durch Deutschland. Von einer Wirtschafts- und Land¬ 
reform wollte man jetzt nicht mehr reden. Am schlimmsten war 
das Übergehen der Schulden, die Napoleon auf Deutschland gelegt 
hatte. Alle Städte und Länder hatten die erpreßten »Kontributionen« 
durch öffentliche Schuldtitel garantieren müssen. Sie wurden auf dem 
Wiener Kongreß nicht erwähnt, geschweige denn verhandelt* 212 *. 
Frankreich dagegen mußte von allem Raub nichts zurückgeben, 
einige wenige Kunstgegenstände ausgenommen. 

Aber der von allen übersehene eigentliche Gewinner der Erhe¬ 
bung der Deutschen Nation gegen Napoleon war - die Katho¬ 
lische Kirche! Ein Meisterstück ihrer Diplomatie, nicht-katho¬ 
lische Mächte (England, Rußland, Preußen, Schweden) als ihre 
Bundesgenossen gegen Napoleon einzuspannen. Mit jedem ihrer 
Siege wußte der Papst seine Stellung zu erhöhen. Als Paris gefal¬ 
len war, zog Pius VII. triumphierend in Rom ein, und sogleich ließ 
er den nicht-katholischen Siegern unverschämte Forderungen sei¬ 
ner Kirche zustellen. 

Auch auf dem Wiener Kongreß zogen die Priester alle Fäden. 
Consalvi, der Meister römischer Diplomatie, lenkte selbst und 
über seine »persönlichen Freunde« Talleyrand, Metter¬ 
nich, Gentz, Castlereigh und Hardenberg (!) die Verhand¬ 
lungen (während sie für die Nicht-Eingeweihten Tanzlustbarkei¬ 
ten veranstalteten). Was sie beschlossen, war das Gegenteil von 
allem Volkswillen. Auf eifrige persönliche Verwendung Friedrich 
Wilhelm III. stellte der Kongreß den Kirchenstaat wieder her, er¬ 
hob den Papst erneut zum Glanz und Gloria des Mittelalters und 
unterdrückte Italiens nationale Einigungskräfte. Als Dank für das 
Geschenk protestierte Pius VII. empört gegen den Frieden. Er 
verlangte, daß seine Gebiete reicher ausgestattet werden müßten. 
Preußen, das den Volkskrieg entfesselt und die meisten Opfer ge¬ 
bracht hatte, ließ sich am schnödesten abfertigen. Sein elender 
König, der unbelohnte Diener Roms, verriet sogar seine treu er¬ 


gebenen Friesen an fremde, ausländische Herren. Ein großer Teil 
Deutschlands wurde überhaupt nicht als Bundesgebiet aner¬ 
kannt. Nicht einmal die Maas, die alte Reichsgrenze, gestand man 
Deutschland zu. Frankreich behielt rein deutsche Gebiete und 
konnte sie ungestört französieren. Ein einheitliches, starkes Reich 
wünschte die Kirche auf keinen Fall, und der Kongreß teilte das 
deutsche Volk unter 39 souveränen Staaten auf. 

Die Priesterpartei, die zwölf Jahre lang auf Napoleon gebaut 
hatte (an der Spitze Talleyrand und Kardinal Fesch, Napole¬ 
ons Onkel), ergab sich dem Papst - und ihr wurde gnädig verzie¬ 
hen. Ihm war ihre Mitarbeit zur Wiederherstellung mittelalterli¬ 
cher Kirchenmacht willkommen. Seine Fehde mit Kongreß, Für¬ 
sten und Völkern, allen nicht katholischen Staaten, denen er doch 
Freiheit, Würde, Rom und den wieder erstandenen Kirchenstaat 
zu verdanken hatte, eröffnete er sofort: Ohne sie einer Mitteilung 
zu würdigen, rief er den Jesuitenorden wieder ins Leben (6. Au¬ 
gust 1815). 

Die drei Potentaten von Rußland, Österreich und Preußen 
(Friedrich Wilhelm III. konnte da natürlich nicht fehlen!) 
schlossen die »Heilige Allianz«, sie beschworen einander ihre 
Rückkehr zum Absolutismus und Gottesgnadentum des 17. Jahr¬ 
hunderts. Wieder durften sich geistig minder-bemittelte Monar¬ 
chen einbilden, die ererbte Gnade Gottes erleuchte sie, ihre Völ¬ 
ker mit ihrem »beschränkten Untertanenverstande« weise zu 
führen. 

»Die Heilige Allianz strebte mit Hintansetzung aller Gerechtig¬ 
keit, aller Ehre und Scham das Mittelalter, die gute alte fromme Zeit 
zu restaurieren, j ede leise Mahnung des deutschen Volkes an die ge¬ 
machten Versprechungen, jede Erinnerung an seine Rechte, jedes 
vaterländische Gefühl verfolgte sie als Verbrechen. Preußen hing 
willenlos im Schlepptau der Metternichtigkeit«* 213 *. Politiker wie 
Metternich und Gentz, Literaten wie Görres und Kotzebue 
bezogen enorme Bestechungsgelder vom Ausland (Metternich 
jährlich 75 000 Dukaten allein vom Zaren), »dieweil das deutsche 
Volk das ärmste von Europa war«. Damit war in Deutschland die 
Ausbeutungswirtschaft für absehbare Zeit vor Angriffen des Volkes si¬ 
chergestellt. Die in der Stunde der Not dem Volke gegebenen Ver¬ 
sprechen verfassungsmäßiger Mitregierung wurden in Preußen zu¬ 
erst gebrochen. Als die Untertanen aufmuckten, baute der absolu¬ 
tistische Klüngel um Friedrich Wilhelm III. einen Polizeistaat 
auf, der dem Napoleons um nichts nachstand. Den freimütigen 
Abgeordneten Friedrich List entfernte man mit der Polizei aus 
dem württembergischen Landtage und verwies ihn des Landes. 
Professoren, Lehrer, Beamte verloren ihre Stellung ohne Gericht 
und Urteil. Staatsrechtler Welcicer und Turnvater Jahn wurden 
auf die Festung Kolberg gebracht. »Nirgendwo sonst in Deutsch¬ 
land wurde die politische Verfolgung so unerbittlich betrieben. 
Jahrelang durfte eine Rotte von Verworfenen und Verblendeten 
das kleinliche Mißtrauen für ihre unheimlichen Zwecke ausbeuten 
und die Opfer ihrer Verdächtigung mit tyrannischer Willkür mi߬ 
handeln«* 199 *. Das war die Strafe für die Patrioten, die Stunde der 
Abrechnung mit einem Wichte wie Friedrich Wilhelm III. ver¬ 
säumt zu haben. Er ist nicht der einzige König, der Sinn und Wert ei¬ 
ner Erbmonarchie in Frage stellt, er ist darum einer der übelsten, weil er 
in einer geschichtlich entscheidenden, vorwärtsstürmenden Zeit so voll¬ 
ständig versagte. Dem deutschen Volk blieb von seinen gewaltigen Op¬ 
fern nur der bescheidene Erfolg, die Übermacht Frankreichs - im Dien¬ 
ste der Priesterpolitik -für immer gebrochen zu haben. 

Nichts für das Volk - das Reich nur für Reiche 

Bis 1815 hoffte die Mehrheit des deutschen Volkes, als Ergebnis 
der Befreiungskriege seine wirtschaftlichen und politischen Ver- 


100 


hältnisse verbessert zu erhalten. Die große Enttäuschung des Wie¬ 
ner Kongresses, die erbärmliche Bundesakte vom 8. Juni 1815 of¬ 
fenbarten, daß die Herrschenden so etwas noch weniger als eine 
deutsche Reichsgewalt wollten. War die politische Lage der 39 
deutschen Staaten beängstigend genug und eine Einladung an 
seine Nachbarn, sie unter sich aufzuteilen, ihre wirtschaftlichen 
Zustände wurden in wenigen Jahren geradezu schauerlich. Mit 
großem Zynismus unterwarfen deutsche Adlige das deutsche 
Volk, das mit so viel Blut gerade die Willkür der französischen Aus¬ 
beuter abgeschüttelt hatte, der wuchernden Geldfinanz. Wollten 
sie die deutsche Nation bestrafen? Sie erhielt keine Gelegenheit, 
Leben und Land schaffend wieder aufzubauen, sie wurde, wie es 
in der Bibel steht, »zinsbar gemacht bis auf den heutigen Tag«. In¬ 
folge der finanzpolitischen Unfähigkeit der Regierung war vom 
Befreiungskrieg bis zum Jahre 1818 die preußische Staatsschuld 
auf 217 Millionen Taler gestiegen. Vierprozentige Anleihen fie¬ 
len an der Börse bis auf 65. Im Jahre 1817 verschuldete Fürst Har¬ 
denberg Preußen durch eine fünfprozentige Anleihe in England 
zum Kurse von 72 (!) und »schätzte sich glücklich« für so eine - 
Schurkentat. Dem »würdelos nachgiebigen Staatskanzler« (214) 
verdankte das Geldkapital im bankrotten preußischen Staate zahl¬ 
reiche Gunstbezeugungen - und strich saftige Gewinne ein: Sein 
»Staatsschuldengesetz« demaskiert ihn abermals als ergebe¬ 
nen Dienstmann der Bankiers. Die erklärten den Staat für »völ¬ 
lig verarmt« und verlangten immer höhere Wucherzinsen. Da die 
Staatsschuld nur mittels Steuern zu verzinsen war, erwürgte sie 
die Wirtschaft. Die katastrophale steuerliche Verfassung drohte 
(wie stets bei solchen Zuständen) den preußischen Staat ausein¬ 
anderzureißen. In seinen Provinzen machten sich mächtige ab¬ 
trünnige Bestrebungen geltend, »die darauf ausging[en], den ge¬ 
einten deutschen Norden in ein Chaos ständischer Kleinstaaten 
zu zersprengen« (214) und an denen sich die hohe, meist adlige 
Beamtenschaft führend beteiligte. (Friedrich Wilhelm I. hätte das 
als Hochverrat geahndet - der hatte bekanntlich die Besteuerung 
des Adels durchgesetzt.) Wenn es schließlich nicht dazu kam, 
dann nur weil Friedrich Wilhelm III. seine Großgrundeigentümer 
für steuerfrei erklären ließ. Da wurden sie wieder gute preußische 
Patrioten. Wie im alten Rom, im absolutistischen Frankreich oder 
Rußland mußte das schaffende deutsche Volk dafür einstehen und 
für die Steuerfreiheit der Großen aufkommen. Nicht genug damit, 
die bescheidenen Errungenschaften der Stein'schen Reformen 
legte Hardenberg zum Schaden der »Befreiten« aus (Deklaration 
zum Bauernbefreiungsedikt 29. Mai 1816). Damit verkehrte Har¬ 
denberg die Bauernbefreiung ins Gegenteil. Er lieferte den Bau¬ 
ernstand den Wucherern und Großgrundbesitzern aus. Von 1816 
bis 1870 gingen allein in Preußen östlich der Elbe 1 Million Hektar 
Bauernland an das Großgrundeigentum verloren. »Bald stellte 
sich heraus, daß die Umstellung auf Lohnarbeit durchaus vorteil¬ 
haft war - für die Junker, versteht sich. Von den »Befreiten« war 
es nur wenigen möglich, ihren angestammten Hof zu behalten, um 
ihn dann in endlos langen Jahren den Junkern abzuzahlen - ein 
vollkommen betrügerischer Vorgang, da vor den Ablösungsrege¬ 
lungen die Landjunker nur in seltensten Fällen auch Eigentümer 
des Bauernlandes gewesen waren. Für hunderttausende ehemaliger 
Bauern war das der Anfang einer Karriere, wie sie die Reformer 
wohl kaum geplant hatten. Arbeits- und heimatlos zogen sie 
umher oder blieben wo sie waren, hofften auf ein paar Almosen, 
eine Gelegenheitsarbeit oder den Tod.« (215) 

Der nächste Großangriff auf die letzten Reste deutscher Volksfrei¬ 
heit war das Gemeinheitsteilungs- Gesetz vom 7. Juli 1821, eben¬ 
falls von Hardenberg, seiner adligen reaktionären Clique und mit 
hirnloser Zustimmung Friedrich Wilhelms III. verordnet. Nach 


den Domänen verschob man den noch bestehenden öffentlichen 
Boden- Gemeinbesitz (die Allmenden) in Privathände. So legten 
die Mächtigen, die Grundeigentümer, den Kriegsruf von 1813 
»Freiheit undLand« aus! 3000jähriges Volksrecht wurde mit Po¬ 
lizeigewalt finanzkräftigen Landräubern überantwortet. Der Wi¬ 
derstand des Volkes dagegen war hart, aber vergeblich, hunderte 
Bauern wurden in Gefängnisse geworfen. Die Spekulanten waren 
stärker, weil sie die Regierung hinter sich wußten. Im Königreich 
Hannover wurden von 1834 bis 1858 über 245 000 Hektar Ge¬ 
meindeland »aufgeteilt«. Millionen Deutsche verloren damit ih¬ 
ren letzten Anspruch auf die Erde, ohne die doch niemand leben 
kann. Der Gemeindeboden hatte sich als der letzte Anker in wirt¬ 
schaftlicher Not seit Jahrhunderten bewährt. Er wurde aus Ge¬ 
winnsucht Einzelner willkürlich zerstört. Alle diese Vermögens¬ 
und Besitzverschiebungen zugunsten der Geld- und Großgrund¬ 
macht zogen einen erheblichen Rückgang des Lebensstandards 
für die Masse des Volkes nach sich und wirkten niederschmet¬ 
ternd auf seine Moral. 

Die befürchtete Abwendung des Volkes zu verhindern, ergriffen 
die Volksbeherrscher Maßnahmen zur »Stärkung von Religion 
und Christentum«, dem seit Jesus Christus erprobten Heilmit¬ 
tel gegen soziale Empörung. Wenn es mit Wirtschaft und Lebens¬ 
stand der Menschen abwärts geht, haben die Kirchen Aufwind. 
Nach der Wiederherstellung des Kirchenstaates hatte der katholi¬ 
sche Klerus innerhalb weniger Jahre den Kalender Europas bis 1700 
zurückgedreht. Der Papst bekämpfte die Wissenschaften als un¬ 
christlich, duldete keine nationale Bewegung, keine Mitsprache 
des Volkes im Staate und sorgte durch BeeinFlußung ihm höriger 
Staats [hampel]männer für die Unterdrückung jeglicher Gedan¬ 
kenfreiheit. 

In Frankreich hatte er den Bourbonen Louis XVIII. auf Betreiben 
der Habsburger (erklärlich!) auf den Thron hieven lassen. Ein wil¬ 
ligeres Werkzeug der Priester als Napoleon, war er freilich auch 
ein viel schlechteres. Einflußreiche kapitalstarke Katholiken er¬ 
neuerten 1822 zu Lyon - wen wundert das? - die »propaganda 
fide«. Louis' Bruder und Nachfolger Charles X. wählte das un¬ 
taugliche, von den Priestern oft angewendete Mittel, durch Verfas¬ 
sungsbruch die Verhältnisse der Zeit vor 1789 wiederherzustellen. 
Doch es mißlang, den Kirchen- und Adelsbesitz in Frankreich zu¬ 
rückzuerhalten. Mit der Julirevolution 1830 hatten die Freimaurer 
nicht viel Mühe, den verhaßten Monarchen zu stürzen. 

Die Könige beider Sizilien und Piemont waren »erzreaktinär und 
unterdrückten jeden unabhängigen Gedanken«. Als Piemont re¬ 
bellierte (1821), schickte Österreich Truppen und setzte den pfaf¬ 
fenbeherrschten Despoten wieder ein. Zehn Jahre später mar¬ 
schierten sie, um mit ihren Bajonetten den Papst vor den unzu¬ 
friedenen Untertanen des Kirchenstaates zu schützen. In Spanien 
und Portugal wurden die Verfassungen aufgehoben. »Ein klerika¬ 
les Regime unter König Ferdinand VII. ('ein reaktionärer Pfaf¬ 
fenknecht der übelsten Sorte') setzte sich [ebenfalls] das Ziel, die 
Verhältnisse des alten Systems wiederherzustellen, es verfolgte je¬ 
den, der irgendwie mit der Verfassung von 1812 zu tun hatte und 
errichtete eine unbeschränkte Tyrannei«. Gegen die neuerstan¬ 
dene Priesterherrschaft in Europa war die 

Freimaurerei offenbar nicht mächtig genug, aber sie bewirkte 
den Abfall der spanischen und portugiesischen Kolonien Amerikas 
von Mutterlande. Vor der Drohung der Monro- Doktrin (1822) 
wich die schwarze »Restauration« zurück. Spanien und Portu¬ 
gal waren aus wirtschaftlichen und finanziellen Gründen viel zu 
schwach, sich für sie zu schlagen. Seitdem lösen sich - bis zum 
heutigen Tage - in erbittertem Untergrundkampfe Freimaurer 
und Jesuit bei der Herrschaft über Südamerika ab. 


101 


Die vereinten Niederlande unterstanden seit 1815 dem holländi¬ 
schen, kalvinistischen Königshaus - etwas der Kurie Unerträgli¬ 
ches. »In Belgien stand die Klerisei an der Spitze der Rebellen, und 
sobald sie die Teilung der Niederlande durchgesetzt, wußte sie alle 
konstitutionellen Freiheiten, welche der römische Stuhl so oft 
verdammt hatte, ...mit großem Geschick für ihre Zwecke auszu¬ 
nutzen... In Irland schürten die Ultramontanen den Aufruhr«* 2141 . 
Der katholischen Kirche zuliebe opferten sich die Polen (nichtzum 
ersten und letzten Male) in einem vergeblichen, blutigen Aufstande 
1831, der ihnen alle verfassungsmäßig gewährten Freiheiten ko¬ 
stete. Griechenland, das sich von den Türken freigekämpft hatte, 
erhielt in Otto von Wittelsbach 1832 einen katholischen Kö¬ 
nig. Wer römische Priester und ihre Intrigen kennt, sieht darin ei¬ 
nen neuen Versuch, orthodoxes Land dem Katholizismus zu ge¬ 
winnen. In Baden und Bayern zementierten Konkordate die Herr¬ 
schaft der wiedererstarkten römischen Kirche. München wurde 
zum Sammelplatz aller ultramontanen Fanatiker Deutschlands. 
Die in Preußen seit Jahrhunderten geübte Toleranz in Glaubens¬ 
sachen warf man über Bord. Friedrich Wilhelms höchsteigene 
Idee war die Kirchenunion (1817), ein erzwungener Zusammen¬ 
schluß von Kalvinisten und Lutheranern, der den gegenseitigen 
Haß nur vertiefte und bezeichnend ist für die vielen politischen 
Torheiten dieses unfähigen Königs. Vom katholischen Ausland 
wurde das Rheinland mit klerikalen Flugschriften und Hetzern 
(Agitatoren) überschwemmt, die - wieder einmal - die Abtren¬ 
nung Westdeutschlands von Preußen (bzw. Deutschland) als 
Heilmittel für Wirtschaftsprobleme und Geldnöte anpriesen: Sie 
»schilderten den Rheinländern, wie sie allesamt Sklaven seien, 
auf preußisch hinters Licht geführt, wie das Land vor 25 Jahren 
mehr Kronentaler besessen hätte als heute Silbergroschen« und be¬ 
schuldigten den »evangelischen König« und seinen »Seelenver¬ 
kauf« für alle Übel* 2141 . Die Agitatoren wußten also recht gut, wo 
dem Volke der Schuh drückte, sie beuteten Geldmangel und Wirt¬ 
schaftsnot frech für ihre kirchenpolitischen Ziele aus! 

Die Trennung der Deutschen vom Boden der Nation und ihr 
Mangel an Finanzmitteln, angesichts der allmächtigen Grundbe¬ 
sitzerkaste Land zu erwerben, gab Anlaß für die erste große Aus¬ 
wanderungswelle des 19. Jahrhunderts, die nach Amerika, Austra¬ 
lien und sogar Rußland ging - um dort freies Land zu suchen. Preu¬ 
ßen wurde hiervon hart betroffen. Vergeblich versuchte die preu¬ 
ßische Bürokratie sie aufzuhalten. Preußen hörte nicht nur auf 
Einwanderungsland zu sein, für Deutschland verlor es seine Vor- 
bildrolle. Wegen seiner volksfeindlichen Wirtschaftsund Finanz¬ 
politik, strengster Zensur aller Gedanken und niederträchtiger 
Verfolgung von »Demagogen« war es ein erklärter Polizeistaat 
geworden und die Abscheu von allen denkenden Deutschen. 

Die wirtschaftlichen Mißstände verschlechterten sich zusehends 
weiter. Mangel an umlaufendem Gold- und Silbergeld verursachte 
imjahre 1841, vonEngland ausgehend, eine weltweite Wirtschafts¬ 
krise, die bis 1844 zum allgemeinen Zusammenbruch ausartete. 
Nur zwei kapitalistische Einrichtungen wurden davon nicht be¬ 
troffen: Eisenbahnen und Kirchen! Eisenbahnen wurden hek¬ 
tisch gebaut, weil die Lösung des Beförderungsproblems gewal¬ 
tige Zinsgewinne auch in der Notzeit versprach. Und viele große 
und kleine Kirchen entstanden, wurden vergrößert, verschönert 
und umgebaut (1842 Wiederaufnahme des Bau amKölnerDom), 
weil das Volk in der Religion Rettung suchte. 

Kennzeichnend für den mit der Wirtschaftskrise eintretenden 
moralischen Verfall - den Kirche bzw. Religion nicht aufhielten! 
- sind die Überhandnahme der Verbrechen: »Beim Berliner Kri¬ 
minalgericht wurden 1844 allein 3221 Untersuchungen geführt, 
davon 1115 wegen Diebstahls; im nämlichen Jahre wurden im 


Regierungsbezirk Düsseldorf 5209 Verbrechen begangen, da¬ 
von 4361 Eingriffe in das Eigentum anderer. Der Polizeistatistik 
von Berlin zufolge gab es 1846 10000 prostituierte Frauenzim¬ 
mer, 18000 Dienstmädchen, so der Liederlichkeit ergeben, 2000 
uneheliche Kinder auf 10000 eheliche, 10000 syphilitische Er¬ 
krankungen jährlich, aber vor allen deutschen Städten (gebührt) 
München der Preis in den 40er Jahren«*' 2161 . Die Fälle von Selbst¬ 
mord verzehnfachten sich gegenüber dem Anfang des 19.Jahrhun- 
derts. Beim großen Brand von Hamburg 1842 brach die polizei¬ 
liche Ordnung zusammen; die Bürgerwehr war nicht imstande, 
den verarmten Pöbel an der Plünderung der Häuser zu hindern, 
der vor Freude die Flammen umtanzte. »Weithin durch die lange 
Kette der mitteldeutschen Hungergebirge erklang der Jammer¬ 
ruf der Arbeiter; die grimme Not stimmte die Massen empfäng¬ 
lich für kommunistische Träume«* 2141 . Die Löhne noch Beschäf¬ 
tigter sanken weit unter das zum Leben Mindeste: »Die Bielefel¬ 
der Feinspinner erwarben täglich zwei Silbergroschen, die Spin¬ 
ner vom Garn zweiter Qualität nur 7 Pfennige, und von solchem 
Erwerbe mußten in jener Gegend zwei Drittel der ganzen Bevöl¬ 
kerung leben ... in Köln waren 1844 30000 Menschen almosen- 
bedürftig«* 2161 . Zum Vergleich sei angegeben, daß damals eine Ei¬ 
senbahnfahrt 3. Klasse von Berlin nach Potsdam 71/2 Silberg¬ 
roschen kostete. »Die halbverhungerten Ostpreußen mußten, 
weil sie selber nicht zahlen konnten, den größten Teil ihrer dürfti¬ 
gen Ernte ins Ausland verkaufen«* 2141 . Weil bei Nichtzahlung der 
Zinsschulden ihnen die Höfe gepfändet und fortgenommen wurden. 
Welch eine Wahl, entweder zu verhungern oder im Nichts zu en¬ 
den und - auch zu krepieren. Verheerend wütete in Oberschlesien 
die Hungersnot. Von Galizien eingeschleppt, brach Hungerty¬ 
phus aus; in den Kreisen Pleß, Ratibor und Riebnik starben Zehn¬ 
tausende. Überall in Deutschland kam es zu großen Unruhen, am 
bekanntesten der Schlesische Weberaufstand 1844 und der erste 
große Bahnbauarbeiter-Streik von Bielefeld 1845. Auch in Berlin 
empörte sich 1847 das Volk gegen die Erpressungen der Grund¬ 
eigentümer. Preußisches Militär verteidigte mit Waffengewalt das 
Ausbeute»recht« der Kapitalisten. 

Die unschuldig in Not geratenen Menschen bekümmerten kei¬ 
nen Fürsten oder maßgebenden Bürokraten. Tiefgläubige Chri¬ 
sten wie sie waren, fiel ihnen nichts auf oder ein, denn gemäß be¬ 
kannter Christenlehre sind Verarmung und Hunger Bestandteil 
der Gottesordnung. Die evangelische Kirche dachte da genau so 
wie die katholische. Die Geistlichkeit aller Bekenntnisse predigte, 
die - geldlich verursachten - Mißstände seien Folge sündiger Auf¬ 
sässigkeit gegen Gott und, natürlich, vom Himmel gesandt. Not 
war seit alters her ihr bester Verbündeter: Wohlstand macht die 
Kirchen leer, aber Not lehrt beten! Hand in Hand mit der Ver¬ 
elendung des Volkes ging »Die große Erweckungszeit der Kirchen«. 
»Aus tiefer Not schrei ich zu dir« wurde zum bekanntesten aller 
Kirchengesänge. Von über tausend Liedern des Kirchengesang¬ 
buches läßt sich kein einziges finden, das Lebensfreude und Zu¬ 
versicht ausdrückt. Kummer und Sorgen machen mürrisch und 
freudlos. Der uns von früherem Wirtschaffsnotstand wohlbe¬ 
kannte Todeskult überwältigte die niedergedrückten Seelen: Aber¬ 
glaube, Bigotterie, Muckerei entwickelten sich zur Massenpsy¬ 
chose* 2171 . »Gläubige ergingen sich in übergeschnappter Hyste¬ 
rie. Kirchenversammlungen bellten und heulten wie Hunde den 
einen Augenblick, fielen im nächsten in erstarrte Betäubung. Un¬ 
verständliches Heulen und geistgestörtes Herumtaumeln waren 
an der Tagesordnung. Selbstverständlich gab es in so einer Um¬ 
gebung alle Unarten von sexuellen Hintergedanken«* 2181 . Höchst 
erfolgreich verunglimpften sie Vernunft, Wissen, Bildung, Thea¬ 
ter, Sport, Tanz, Sinnenfreude und Liebe. So wie die Christen 


102 


und ihre Kirche einst im verfallenden Römerreich die Nackt¬ 
heit bekämpften, im Mittelalter die Schließung der Badestuben 
erzwangen, drückten sie jetzt die Prüderie durch, die als »victo- 
rianisches Zeitalter« berüchtigt wurde und bis heute nicht über¬ 
wunden ist. Daraus entstanden zwangsläufig Seelenstörungen 
mit neurotischen Folgen. Die Frommen unterlagen ihren unter¬ 
drückten Trieben und kasteiten sich für ihre »Sündigkeit«*- 219 *. In 
Württemberg lebte die Pietistenschwärmerei von neuem auf. In 
Preußen zeigte sich »immer deutlicher, daß die neue, mit ihrem 
alten Feinde, dem Pietismus, versöhnte Orthodoxie geradewegs 
zurückstrebte zu dem starren Luthertum des 17.Jahrhunderts ... 
die Orthodoxie eiferte gegen die freie Wissenschaft ... neben der 
ehrlichen Frömmigkeit trat auch oft eine scheinheilige Kopfhänge- 
rei zutage«^ 214 / Zahllose Prediger verkündeten das nahende Ende 
der Welt und die bevorstehende Wiederkehr Christi (Chilias- 
mus). Erzbischof Arnoldi von Trier ließ 1844 den berüchtig¬ 
ten »Heiligen Rock« ausstellen und konnte eine Million Wallfah¬ 
rer zählen, die ihm 300 000 Gulden einbrachten. Wieder einmal 
verdiente die Kirche in bzw. an schwerer Wirtschaftsnot weitaus 
mehr als in einer Hochkonjunktur. Und während dieses großen 
»Siechtums« lebte die Geistlichkeit, zumindest die maßgebende hö¬ 
here, in Saus und Braus, verfügte über Geld in Hülle und Fülle, was der 
französische Prof. Halevi nachwies; bei deutschen Historikern 
habe ich darüber nur betroffenes Schweigen festgestellt. 

Als im Jahre 1843 mehrere Kometen erschienen, von denen einer 
einen riesigen, 60 Grad überspannenden Schweif zeigte und sogar 
bei Tage sichtbar war, der Komet Biela 1845 vor allen Augen zer¬ 
brach, da galten die Himmelserscheinungen für eine Bestätigung 
der von den Priestern geschürten Lebensangst. Es soll an vielen 
Plätzen vorgekommen sein, daß Pfaffen und zitternde Gläubige 
auf Berge stiegen, das Ende der Welt zu erwarten (später haben sie 
es glatt bestritten und als »Mythen« erklärt). 

Diese schauerlichen Rückfälle in orientalischen Aberglauben und 
Geisteszustand - wir schreiben immerhin Mitte des 19.Jahrhun- 
derts - sind genaue Parallelen früherer Seelen zerstörender wirt¬ 
schaftlicher Notzustände. Glänzend erfüllte die Religion ihre Auf¬ 
gabe, die Aufmerksamkeit des Volkes vom Geldmangel ab - und 
himmlischen Dingen zuzuwenden. 

»Sie sang das alte Entsagungslied, das Eiapopeia vom Himmel, 
womit man es einlullt, wenn es greint, das Volk, den großen Lüm¬ 
mel« (Heinrich Heine 1844). 

Sie beschäftigte es mit dem »ewigen Leben« und - begreiflich 
- dem »besseren Jenseits« statt dem hungrigen Magen im Dies¬ 
seits. Man sprach viel von Barmherzigkeit, von Wirtschaftsrech¬ 
ten niemals; als typisch himmlischen Ersatz für weltlichen Wohl¬ 
stand des Volkes erfand ein Pfarrer die »Innere Mission«. Die 
sollte eine Art von Marktlücke schließen, denn bei manchen, et¬ 
was geistig Fortgeschrittenen entstand erstmals ein Vertrauens¬ 
schwund in die Kirchen, wobei wir offen lassen, wie viel dazu jü¬ 
disch - kommunistische Wühler beitrugen. Wie in früheren Not¬ 
zeiten fanden internationalistische und kommunistische Ge¬ 
danken wieder reichlich Platz in den Köpfen. Das machte die 
Obrigkeit nervös. Erfüllt von frommer Angst wies die preußische 
Regierung Karl Marx 1843 aus. Das »Kommunistische Mani¬ 
fest« erschien 1847. Auch (ur) christlicher Kommunismus lebte 
kräftig allerorten auf, doch fehlte ihm an charismatischen Führern 
(ihre Kommunen zerfielen rasch in den 50er Jahren). Pierre Jo¬ 
seph Proudhon kam mit seinem Buche »Die Philosophie des 
Elends« (1845) der Lösung der sozialen Frage sehr nahe. 

Da Wirtschaftsaufschwung unbestreitbar das Nationalbewußtsein 
fördert, Stolz und Kultur hebt, zeigt jede Rezession die entgegen¬ 
gesetzte Wirkung: Demut vor »höheren Mächten«, Verleugnung 


der Nation, Vernichtung völkischer Gedanken, Verfall der Kultur. 
»Das Rückwärtsstreben zum Mittelalter wurde in der europäischen 
Gesellschaft nicht nur eine oberflächliche, rasch vorübergehende 
Mode, sondern eine tiefgreifende Stimmung, bei vielen, sehr vielen, 
und keineswegs nur kleinen Geistern oder nur schlechten Men¬ 
schen eine bis zum Fanatismus gehende Überzeugung. So ist die 
Rückkehr zum Katholizismus die notwendige Konsequenz der ro¬ 
mantischen Prämissen«^ 216 ). Scheu schrieb vom »literarischen 
Zersetzungsprozesse der Romantik«, das heißt: Dekadenz. 25 
Jahre wurden schon nationale Gedanken unterdrückt, jetzt fie¬ 
len die letzten Rücksichten: Man machte Patrioten heimatlos und 
trieb sie zur Verzweiflung. Im Krisenjahr 1844 wurde der Dichter 
des Deutschlandliedes, Heinrich Hoffmann von Fallersle¬ 
ben seiner Professur in Breslau enthoben und aus Preußen ver j agt. 
Er schlug sich in Mecklenburg als Kuhhirt durch. Der Volkswirt 
und Streiter für Deutschland Friedrich List endete in Kufstein 
1846 durch Freitod. Das öffentliche Leben der deutschen Staaten 
wurde von allen gesäubert, die man gesamtdeutscher Pläne ver¬ 
dächtigte. 

Auch die übrigen inneren Feinde der Nation krochen 1844 aus 
dem Sumpfe des Wirtschaft-Zusammenbruches. »Der Zollver¬ 
ein mußte jetzt seine Feuerprobe bestehen. Die erste und schwerste 
Krisis aber kam aus dem Volke. Nord und Süd drohten sich zu tren¬ 
nen ... unausbleiblich (verschärfte sich) der Parteikampf im In¬ 
nern ... Die (preußische) Regierung verhielt sich bei alledem fast 
ganz untätig. 

Unter so trüben Aussichten begann im Juli 1845 die Karlsruher 
Zollvereinskonferenz, die unfriedlichste der ganzen Zollvereins¬ 
geschichte. Sie währte unter wachsender Aufregung fast vier Mo¬ 
nate, so daß wieder kein Beschluß zustande kam und die Konfe¬ 
renz in arger Zwietracht auseinander ging«^ 214 f Nicht nur Deutsch¬ 
land, selbst den deutschen Einzelstaaten drohte die Auflösung. In 
Preußen verbissen die Provinzen sich in ihre örtlichen Probleme, 
in Bayern rebellierten die Franken, in Baden der katholische Sü¬ 
den gegen die hilflose Staatsführung. Bürokraten, Unternehmer, 
Zeitungsschreiber stritten und schmähten sich gegenseitig, such¬ 
ten irgendwo und irgendwie Rettung. 

1844 befahl Friedrich Wilhelm IV. »strenge Wachsamkeit ge¬ 
gen die schlesischen Blätter, in welchen das Bestreben, die unteren 
gegen die höheren Stände, die Armen gegen die Wohlhabenden 
aufzuregen, nicht zu verkennen ist«. Heinrich Heine schrieb 
dagegen das Weberlied: 

»Ein Fluch dem König, dem König der Reichen, 

Den unser Elend nicht konnte erweichen, 

Der den letzten Groschen von uns erpreßt 
Und uns wie Hunde erschießen läßt.« 

Ab er das rebellierende Volk wollte nicht die Revolution der Kom¬ 
munisten, es wollte die Lösung der sozialen Frage. Immer wieder 
kam man auf die Landfrage zurück. Wie schon 1525 oder 1813 
war das Grundübel der deutschen Staatsordnung dem Volke ir¬ 
gendwie bewußt und das gipfelte 1848 in seiner Bitte an Fried¬ 
rich Wilhelm IV.: »Der König muß uns Land verschreiben!« 
Natürlich geschah das nicht, in den von ihm berufenen Provinz¬ 
landtagen bevorzugte er seine Großgrundeigentümer, wo sie als 
geringste Minderheit 1/3 aller Sitze einnehmen durften, aber kein 
einziger Arbeitervertreter zugelassen wurde. Friedrich Wil¬ 
helm IV. war »ein König, der das Christentum vorlebt«, schrieb 
die Königin Elisabeth einmal dem Papste. Man darf den Zeitge¬ 
nossen glauben, daß er in solch siecher Zeit eine äußerst wertvolle 
Stütze der Gottesordnung war und - wir sind davon auch über¬ 
zeugt. Dem Könige - der Christlichkeit seiner Berater stets höher 
wertete als Fähigkeit - wuchsen freilich über den wirtschaftlichen 


103 



Fragen die politischen über den Kopf, auch die Verachtung seiner 
Person. Am 26. Juli 1844 wurde auf ihn ein aufsehenerregendes 
Attentat verübt, das ihn leicht verletzte. Im Volke bedauerte man 
sein Misslingen. 

Zugleich mit der Wirtschaftsnot lief ein neuer antideutscher Feld¬ 
zug in allen den Deutschen benachbarten Völkern an. Der hollän¬ 
dische Staat würgte mit seinen Rheinzöllen den westdeutschen 
Handel ab. An der niederländischen Grenze entwickelte sich 
eine bittere Feindschaft zwischen den zwei deutschen Stämmen. 
Ein ganz krankhafter, unverständlicher Deutschenhaß machte 
sich unter den ebenso stammverwandten Dänen seit 1840 breit, 
die Schleswig-Holstein gerne dem dänischen Staate einverlei¬ 
ben und dessen Jahrhunderte alte rechtliche Sonderstellung auf- 
heben wollten. Die panslawistische Bewegung nahm einen über¬ 
raschenden Aufschwung, scheinbar ganz aus dem Nichts heraus, 
den Bestand der deutschen Nation offen bedrohend. Sie hatte ih¬ 
ren Ursprung unter den unzufriedenen Tschechen und Polen des 
Habsburgerstaates. Deren politisches Erwachen, zugleich mit ih¬ 
rer haßerfüllten Frontwendung gegen die Deutschen, kann kein 
Zufall gewesen sein - man erinnere sich an Joseph II.! Die katho¬ 
lisch-österreichische Regierung Metternichs ließ sie ruhig ge¬ 
währen, während sie deutsche Patrioten unerbittlich unterdrückte 
(Karlsbader Beschlüsse usw.). Wir müssen daher fragen, woher 
die Geldmittel für ihre Propaganda kamen. Der Aufschwung des 
Slawentums im 19. Jahrhundert hat dieselbe Ursache, die wir für sei¬ 
nen Ursprung 400 Jahre zuvor nachwiesen: Eine unvorstellbar harte 
wirtschaftliche Notzeit. 1848 stellten die Panslawisten auf ihrem 
ersten Kongreß eine ungeheuerliche Forderung auf: »Vertrei¬ 
bung aller Deutschen ostwärts der Linie Stettin - Triest inner¬ 
halb von 100 Jahren«. Sie ist bekanntlich genau in Erfüllung ge¬ 
gangen! Rußland, der alte Freund Preußens, machte zur gleichen 
Zeit eine äußerst feindselige politische Kehrtwendung. Man er¬ 
hob Ansprüche auf Kiel. Die Engländer standen nicht abseits, die 
britische Presse hetzte gegen angebliche gewaltpolitische, ehrgei¬ 
zige Pläne Friedrich Wilhelm IV., der gewiß einer der fried¬ 
fertigsten Könige überhaupt war und diese Unterstellungen nie 
begreifen konnte. Die Franzosen machten um 1840 öffentliche 
Propaganda für die Rheingrenze, was ganz Deutschland in Auf¬ 
regung versetzte. Man rechnete mit einem neuen Eroberungs¬ 
kriege Frankreichs. In Italien erstrebte der Geheimbund der Car- 
bonari die Einigung Italiens und wollte es bereits bis zum Bren¬ 
ner, d. h. einschließlich des deutschen Südtirol ausgedehnt sehen. 
Das Merkwürdige dieser antideutschen Kampagne ist ihr völli¬ 
ger Mangel an Motiven. Deutschland war für niemanden eine Bedro¬ 
hung, aber seine grauenhafte wirtschaftliche, politische und militäri¬ 
sche Ohnmacht war eine Einladung für alleNachbarn, sich unser Hei¬ 
matland anzueignen und es aufzuteilen. In dieser Zeit wurde die Kari¬ 
katur des »deutschen Michel« erfunden. Bis heute zeichnet man ihn 
mit dem albernsten Bekleidungsstück jener Tage: Der Schlafmütze. 
Mit einem Vernichtungskriege gegen die Deutschen hätte man 
die eigenen, wegen der Not rebellischen Massen abzulenken ver¬ 
mocht. Wirtschaftsnot macht ja eine politisch zerrissene Nation 
gegen äußere Bedrohungen praktisch wehrlos. Es drehte sich wohl 
nur um die Frage, wer als erster den Zugriff gewagt hätte, dann 
würden alle übrigen wie Hyänen herangestürzt sein. Es ist nicht zu 
bezweifeln, daß die priesterlich wohl beherrschten Franzosen, Po¬ 
len und Tschechen die besten Räuber abgegeben hätten. Aber die 
Deutschen - und ihre Historiker - erkannten niemals diese tödli¬ 
che Gefahr für unser Land, und zum Glück ging sie vorüber. 
Bekanntlich mündete die Wirtschaftskrise in die Revolution von 
1848. Karl Marx und Heinrich Heine hatten sie vorausgesagt, 
und sie hatten bekanntgegeben, was sie sich von ihr erhofften: Die 


Vernichtung des Bürgerstandes und die Aufrichtung des Kollek¬ 
tivstaates, genannt Kommunismus. Man hätte ihn ebensogut Got¬ 
tesstaat (civitas dei) nennen können, denn es drehte sich ja immer 
um die Wiederherstellung des Kapitalmonopols und die vollstän¬ 
dige Sklaverei des Volkes. Sie lief sich fest, die Deutschen machten 
nicht so mit wie es geplant war. Noch einmal gingen die alten Feu¬ 
dalmächte aus dem Streite als Sieger hervor. Große Goldfunde in 
Kalifornien (1849), Sibirien (1850) undAustralien (1853) brem¬ 
sten alle Umsturz-Bestrebungen der Kommunisten, denn nun 
kam eine neue Konjunktur in Gang, die bis 1859 anhielff 220 \ Eine 
neue gewaltige Auswanderungswelle ging damit einher. Der Be¬ 
völkerungsverlust Deutschlands durch Auswanderung seiner un¬ 
ternehmungslustigsten Menschen war verheerend. Man hat aus¬ 
gerechnet, daß bis 1865 über fünf Millionen Deutsche (etwa 
15%) ihre Heimat verließen und sich zwischen fremden Völkern 
ansiedelten. In der Ferne sind die Deutschen früher oder später 
unserer Nation verloren gegangen, in den englisch - sprechenden 
Ländern am schnellsten, weil hier das Kulturgefälle am geringsten 
war. Und doch war dies erst der Anfang des Volkskraftverlustes. 
Als Deutschlands ausgestoßene Kinder wenige Generationen spä¬ 
ter, von Priester- und Geldagenten verhetzt, gegen ihr Heimat¬ 
land in den Krieg zogen, haben sich die angerichteten Schäden des 
Ausbeutungssystems blutig offenbart (221) . 

Bismarcks verfehlte Wirtschaftspolitik 

Die Wirtschaftspolitik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts 
brachte der deutschen Nation noch schwerere Verluste durch 
politische Spaltung und Auswanderung bei. Man ist leicht ge¬ 
neigt, über Bismarcks herrlichen Erfolg der staatlichen Eini¬ 
gung Deutschlands die Schäden zu übersehen, die seine Ahnungs¬ 
losigkeit in Wirtschaftsdingen an unserer Nation anrichtete. In Bis¬ 
marcks »Gedanken und Erinnerungen« findet man keine ein¬ 
zige Betrachtung zu Wirtschaftsfragen. Die oftmals schrecklichen 
Deflationsjahre von 1841 bis 1848, 1859 bis 1863, 1874 bis 1890 
sind an Bismarck als Großgrundeigentümer, Beamter und Staats¬ 
mann unbemerkt und spurlos vorbeigegangen. Bismarck war in 
Geldfragen völlig hilflos. Das einzige, das er darüber seit seiner 
Studentenzeit wußte, war seine Unentbehrlichkeit sowie das Be¬ 
streben aller Junker, ständig genug davon zu bekommen - und sei 
es als Schulden. Otto v. Bismarck war nicht frei von Geldgier. 
Ihn zu bereden, von Frankreich fünf Milliarden Franken Kriegs¬ 
entschädigung zu verlangen um damit im Deutschen Reich die 
Goldwährung einzuführen, dürfte seinen jüdischen Finanzbera¬ 
tern Bleichröder und Bamberger nicht viel Mühe gekostet ha¬ 
ben. 

Bismarck sah offenbar, wie so viele vor ihm und nach ihm, Juden 
als Finanzzauberer und Geldfachleute an. Niemand erinnerte ihn 
an die üblen Erfahrungen der Freiheitskriege, Friedrichs des 
Grossen und Maria Theresias, an die vielen Hofjuden, die so 
viel Unbill in Deutschland verursachten. Es ist ein trauriger Witz, 
daß Bismarck grundsätzlich ablehnte, an Juden ein Staatsamt zu 
übertragen, aber die Aushändigung der Währung des Deutschen 
Reiches an Juden ganz in Ordnung fand. Als nämlich die Grün¬ 
dung der Reichsbank im Reichstag verhandelt wurde, erklärte der 
»Währungsfachmann« Bamberger, daß »diese Bank von Juden 
für Juden« geschaffen werden solle! Wer erinnert sich nicht dabei 
an die Worte des Stammvaters des Hauses Rothschild, Maier 
Amschel: »Gib mir die Macht, das Geld eines Staates herauszu¬ 
geben und ich frage nicht danach, wer die Gesetze macht«. Bam¬ 
berger sagte so etwas nicht dem Reichskanzler, den Ministern 
und Abgeordneten. Er sagte nicht - oder wußte er nicht? - daß 
Gold das schlechteste Tauschmittel ist, das es geben kann. Er sagte et- 


104 


was ganz anderes: »Währung ist was selber währt, und kraft sei¬ 
ner Metalleigenschaften drängt sich das Gold uns als Geld auf«. 
Wenn jemand solchen Quatsch nicht hinnehmen wollte, warnte 
Bamberger: »Die Liebe und die Währungsfrage hat die meisten 
Verrückten gemacht, wir wollen doch zuliebe einer Theorie nicht 
unseren Verstand auf eine vielleicht gefährliche Belastungsprobe 
stellen!«* 222 ). Am 14.März 1875 (kabbalistisches Datum!) wurde 
die Reichsbank gegründet, mit ihr erhielt die deutsche Nation die 
jüdische Goldwährung. Die Staatshoheit über das Tauschmittel 
wurde einer selbstsüchtigen, verantwortungslosen, raffgierigen 
Clique übergeben, die als »Reichsbankaktionäre« bis in die heu¬ 
tige Zeit herumgeistern. Die Goldwährung, die Ägypten, Hellas, 
das römische Imperium in den Abgrund geführt hatte, sollte auch 
das Deutsche Reich zugrunde richten. 

Die bloße Nachricht, Frankreich müsse dem Deutschen Reich die 
fünf Milliarden in Gold liefern, löste bereits 1871 eine unvorstell¬ 
bare Spekulations- und Geldanlagewelle aus. Das Geld war billig, 
weil jedermann in die Sachwerte flüchtete. »In diesen Gründer¬ 
jahren wurden in Deutschland 103 neue Aktienbanken, 93 Mon¬ 
tanunternehmen, 102 Bauunternehmen und 25 Eisenbahnge¬ 
sellschaften gegründet, insgesamt 843 Aktiengesellschaften. Der 
durchschnittliche Satz der ausgeschütteten Dividenden belief sich 
in dieser hektischen Phase auf etwa 12,5%, wuchernden Binnen¬ 
markt und Ausdehnung des Welthandels, Verdopplung des Eisen¬ 
verbrauchs pro Kopf der Bevölkerung« * 223 ). 

So eine Hochkonjunktur, die durch Vollbeschäftigung natür¬ 
lich den Lebensstandard des deutschen Volkes kräftig anhob, hat 
fast nebenher das neue Gemeinschafts- und Glücksgefühl der 
deutschen Nation geschaffen. »In Folge der nicht zu befriedigen¬ 
den Nachfrage nach Arbeitskräften mußten die Unternehmer und 
Geschäftsleute die Löhne um das Doppelte und Dreifache erhöhen, 
Handwerker verdienten 3 und 4 Taler täglich, einzelne Arbeiter 
in Stücklohn bei Neubauten brachten es innerhalb einer Tages¬ 
zeit bis zu 7 Taler. Der blaue Montag genügte nicht, um den Ver¬ 
dienst wieder durchzubringen, es wurde bis zum Dienstag, auch 
wohl bis zum Mittwoch gefeiert«*' 223 ). Eine Woge nationaler Begei¬ 
sterung ließ plötzlich keinen Platz für reichsfeindliche Kräfte. Bei 
den ersten Reichtagswahlen wurde ein einziger Sozialdemokrat 
gewählt - August Bebel (der den orthodox - jüdischen Bankier 
Witkowski zum Freunde, Berater und sicherlich auch Geldge¬ 
ber hatte). Und die Kirchen? Die katholische Kirche konnte den 
Sieg des protestantisch geführten Preußen nie verwinden, sie war 
von Anbeginn offener Feind des Deutschen Reiches. Aber in die¬ 
sen Konjunkturjahren fand sie weder Widerhall noch Gehorsam 
unter deutschen Katholiken. Zufällig entdeckte ich die Aufzeich¬ 
nung eines lutherischen Pfarrers, der vor und im Kriege von 1870 
in Frankreich gelebt hatte: »Es liegt dem Schreiber dieser Zeilen 
fern, das deutsche Nationalgefühl anzustacheln. Deutsche Chri¬ 
sten müssen vielmehr darüber klagen und Leid tragen, daß das 
deutsche Volk seinem Gott den großen Sieg, den er ihm 1870 ver¬ 
liehen, so übel entgolten und mit Undank und greulicher Verach¬ 
tung seines Evangeliums abgelohnt hat«* 224 ). Da haben wir es wie¬ 
der! Schon eine kurze Wirtschaftsblüte löst das Volk seelisch von 
seinen Zwingherren, führt zu massenhaftem Abfall von Glauben 
und Kirchen. Grund darüber zu jammern hatten die Pfaffen ge¬ 
wiß. Oberflächlich wie sie sind, sahen sie diesmal im erwachten 
Nationalgefühl die Ursache. Natürlich fürchteten sie sich, es »an¬ 
zustacheln«. Zu ihrer Erleichterung und zum Unglück der deut¬ 
schen Nation dauerte die gute Zeit nur zweieinhalb Jahre. Mit der 
Wirtschaftskrise »brach das religiöse Fieber wieder aus und wü¬ 
tete schlimmer als zuvor«. 


Die sogenannten Gründerjahre beweisen wieder einmal, wie im 
kapitalistischen Wirtschaftssystem durch das bloße Gerücht einer 
Geldvermehrung eine Konjunktur in Gang kommen kann und so 
lange anhält, wie man an diese GeldmehrungglauH. Dieser Glaube 
kann ebenso leicht in das Gegenteil Umschlagen, dann flüchtet je¬ 
dermann in den Geldbesitz, der Preis aller Sachwerte fällt, und bei 
fallenden Preisen ist eine Wirtschaft kaufmännisch nicht möglich 
- das ist eben die »Wirtschaftskrise«. Die trat schon im Herbst 
1873 ein, dem »Gründerboom« folgte der »Große Krach«: Das 
neu geschaffene Statistische Reichsamt gab für die Zeit bis 1886 einen 
Rückgang der Grundpreise um 25% an. Infolgedessen stürzten alle 
anderen Preise - mit schrecklichen Folgen. 

In einem Jahre war der Durchschnittskurs der Aktien um 50% ge¬ 
fallen, Hunderte von Gesellschaften zusammengebrochen, zahl¬ 
lose kleine Kapitalanleger ruiniert. Der größte Teil der Kriegsent¬ 
schädigung, von den erbitterten Franzosen »Hunnenschatz« ge¬ 
nannt, war wieder ins Ausland zurückgeflossen: Bis 1874 wur¬ 
den für 3646 Millionen Mark mehr Waren ein- als ausgeführt, 
während vor dem Kriege die deutsche Ausfuhr stets größer war. 
Gerüchte um die Entmünzung des Silbers zugunsten der reinen 
Goldwährung trugen gleichfalls bei, den Geldkreislauf zu unter¬ 
brechen. Eben deswegen versuchte eine Reihe von Fachleuten, 
die Bimetallisten, das Silber als Münzmetall beizubehalten. »Sie 
erklärten als Ursache der Wirtschaftskrise die ungenügende Geldver¬ 
sorgung, worauf Bamberger und Genossen auf die großen Bank¬ 
bestände, den niedrigen Zinsfuß hinwiesen und erklärten das für 
einen unumstößlichen Beweis, daß eigentlich noch zu viel Geld 
vorhanden sei. Den Preisverfall begründeten sie mit einem allge¬ 
meinen Rückgang der Erzeugungskosten (auch des Goldes?), mit 
einer Zuvielerzeugung (Überproduktion) an Waren. Die Dop¬ 
pelwährungsfreunde, vor allem Laveleye, entkräfteten diese Be¬ 
hauptung glänzend durch den Nachweis, daß das Geld kaufmän¬ 
nisch nicht umlaufen kann, wenn es nicht in einer Menge angeboten 
wird, die genügt, um einen Rückgang der Preise zu verhindern. Die 
großen Bankbestände, der niedrige Zins wären der schlagendste 
Beweis, daß nicht genügend Geld angeboten würde«* 222 ). 

Auf das deutsche Volk war die Wirkung der Golddeflation verhee¬ 
rend. Die Löhne sanken um über 50%, Millionen Deutsche waren 
ohne jedes Einkommen. Josef Schumpeter* 225 ) sagt darüber: 
»Wenn wir der von einigen Verfassern erwähnten Zahl von 3 Mil¬ 
lionen »Landstreichern < Glauben schenken, dann würde dies zei¬ 
gen, daß die relative Arbeitslosigkeit tatsächlich noch größer war 
als während der Weltkrise 1930«. Selbstverständlich gab es kei¬ 
nerlei öffentliche Unterstützung, und für Bismarck haben sie 
niemals existiert. Ich erspare mir, hierzu wieder Einzelheiten der 
trostlosen Notstände dieser Jahre aufzuführen. 

Kultur, Wissenschaft und Technik verfielen. Weil in Deutsch¬ 
land - infolge der schädlichen Goldwährung - kein anlagefreu¬ 
diges Kapital aufzutreiben war (»das Risiko zur Geldanlage war 
zu groß«) wanderten große deutsche Erfindungen nach Frank¬ 
reich, England und Amerika, um von dort 15 oder 20 Jahre spä¬ 
ter als fremdes Werk - und Kapital - nach Deutschland zurück¬ 
zukehren: Der schnellaufende Verbrennungsmotor und der Kraft¬ 
wagen, Siemens' Elektromotor, elektrische Lokomotive und Stra¬ 
ßenbahn, die junge Wechselstromtechnik und das Telefon, die 
Organische Chemie und deutsche Kulturwerke, oft mitsamt sei¬ 
ner Träger. 

Man mag es Bismarcks staatsmännischer Lebensschule zugute 
halten, wenn er sich aus einem Monarchisten zum Demokraten 
entwickelte. Doch Bismarck wäre vermutlich viel früher bereit 
gewesen, notfalls seinen König zu stürzen, sollte er das heilige Pri¬ 
vatgrundeigentum antasten. Als nämlich die Regierung Preußens 


105 


1849 die Steuerfreiheit der Rittergüter wieder aufheben wollte, 
schrieb er erbittert an Friedrich Wilhelm IV: »Diese Konfis¬ 
kation trifft den Landbesitz mit einer Willkür ; wie nur Eroberer und 
Gewaltherrscher sie bisher übten. Rechtlose Gewalttaten ... gegen 
eine jetzt wehrlose, aber dem Thron seit Jahrhunderten treue Klasse 
der Untertanen« (glatt gelogen, wie wir längst wissen). Seit die 
Bismarcks (=Bischofsmark) zum märkischen Uradel gelangten, 
kämpften sie zuerst für ihre eigenen Pfründe, Königstreue und Va¬ 
terlandsliebe waren dem nachgeordnet. Grundbesitzadel war nie¬ 
mals anders. Konnte das Volk bei diesen einflußreichen Gegnern 
hoffen, von seinem Könige »Land verschrieben« zu bekommen? 
Die Stein sehe Freizügigkeit wirkte - ungewollt - allerdings oft ver¬ 
heerend gegen Privatgrundeigentum und Staat. Mit der Industri¬ 
alisierung Deutschlands begann eine massenhafte Landflucht, die 
Mengen strömten in die Großstädte - und fanden dort ebenfalls 
Grundeigentümer vor, die ihnen über die Mieten abknöpften, 
was an Löhnen das Landarbeitereinkommen überstieg. Die länd¬ 
lichen Grundeigentümer hatten angesichts der Landflucht nur 
die Wahl, ihren Arbeitern höhere Löhne zu bieten und sie damit 
zum Bleiben zu veranlassen, was nur auf Kosten des Grundrenten¬ 
einkommens möglich war, oder gar keine Rente zu erhalten. Sie 
fanden einen dritten Ausweg, für »treue deutsche Patrioten« an 
der Spitze des Staates bezeichnend: Sie holten sich Fremdvölki¬ 
sche ins Reich, Polen und andere Ausländer (in Süddeutschland), 
die froh waren, noch niedrigeren Löhnen ade zu sagen. Im Jahre 
1913 gab es allein in Ostdeutschland 437 000 slawische Wander¬ 
arbeiter. Obendrein drückte eine andere Seite die Grundrenten¬ 
einkommen, nämlich ausgewanderte Deutsche, die in Amerika 
und Australien das Korn billiger bauen und heimschicken konn¬ 
ten als die Grundeigentümer in Deutschland, mit polnischen 
Wanderarbeitern oder ohne, auf den Markt warfen. Da Grundei¬ 
gentümer die Zinsen für geldlich festgeschriebene Landbeleihun¬ 
gen (Hypotheken) erwirtschaften müssen, konnten sie aus den 
Gülten nicht mehr ihre Schulden bezahlen. Die Bodenbeleihung 
durch Pfandbriefe erwies sich als Würgegriff des Geldkapitals ge¬ 
gen den sie machtlos waren. Von 1883 (seit Statistiken darüber ge¬ 
führt werden) vermehrte sich die private Grundschuld um 200 
Millionen Goldmark jährlich, seit 1891 sogar um 300 Millionen 
im Jahr. Im Jahre 1900 betrug die Pfandbriefschuld 6,362 Milliar¬ 
den, 1914 bereits 11,622 Milliarden Mark. Die Zinszahlungen für 
diese ungeheuren Summen sind kaum zu erfassen, jeder wird sich 
vorstellen können, wie sie die deutsche Landwirtschaft belasteten. 
Niedrigere Grundrente heißt wiederum geringere Grundstücks¬ 
preise - sie konnten nur mit Verlust »ihr« Land verkaufen. Solche 
Zwangslage nannte man »Not der Landwirtschaft«. Da es sie alle 
traf, liefen sie geschlossen zum Staat, zur Regierung und verlang¬ 
ten gerettet zu werden. Bismarcic rettete sie, wenigstens zeitweise 
(Bismarck wußte nicht, daß so eine »Rettung« immer nur zeit¬ 
weise sein kann). Er hob den Freihandel auf, führte Schutzzölle 
ein. Bismarck verteuerte dem Arbeiter das Brot, senkte dessen Le¬ 
bensstandard, damit die Grundrentner in Deutschland wieder hö¬ 
here Renten kassieren, infolgedessen bei der Geldmacht größere 
Bodenbeleihungen finanzieren konnten. Zugleich führte er da¬ 
mit - zwangsläufig - der Sozialdemokratie neue Anhängermas¬ 
sen zu und wir gehen kaum fehl, wenn wir höhere Spenden der 
Geldfinanz für den Sozialismus vermuten. Er veranlaßte weitere 
Millionen von Deutschen den Koffer zu packen, um sich in Kanada, 
Argentinien, Australien niederzulassen, hoffend dort ein besse¬ 
res Leben zu führen als es im Heimatlande möglich war. Die Ree¬ 
dereien Deutschlands machten mit der Menschenfracht gute Ge¬ 
schäfte, ja Ballins HAPAG (die eigentlich dem Bankhause War- 
burg gehörte) lebte davon. Deutschland verlor durch Bismarcks 


volksfeindliche Wirtschafts- und Geldpolitik mehr Menschen als im 
Ersten Weltkrieg. Allein im Jahre 1881 verließen nicht weniger als 
eine Viertelmillion Deutsche ihr neugeschaffenes Vaterland. Zwar 
hatte Bismarck dem Deutschen Reiche seit 1884 einige Kolo¬ 
nien erworben, aber fast kein Deutscher dachte daran, sich in die¬ 
sen fernen Reichsgebieten niederzulassen. Sie waren ein unnüt¬ 
zer, überflüssiger Ballast, der mit Ausnahme Togos bis 1914 nicht 
einmal finanziell auf eigenen Füßen stehen konnte. In Ostelbien 
jedoch marschierte das Polentum in die Lücken der Deutschen 
und nahm mit Geldhilfe der Jesuiten die bankrotten Güter in ihr 
Eigentum, um das deutsche Volkstum schrittweise zu verdrän¬ 
gen. Diese Drahtzieher wußten weit besser als Bismarck um die 
Wichtigkeit der Bodenfrage und ihre Bedeutung für den Bestand 
der Nation. Die den Priestern hündisch ergebenen Polen kämpf¬ 
ten gegen die ewig frei und wirtschaftlich unabhängig sein wollen¬ 
den Deutschen, so gab es keine Frage, auf welcher Seite die Kirche 
stand* 226 *. Was nützte es, wenn Bismarck durch Ansiedlungsge¬ 
setze den Vormarsch des jesuitisch gelenkten Polentums aufhal¬ 
ten wollte? Gar nichts, es wurde nur halbherzig in Angriff genom¬ 
men, machte unendlich viel böses Blut in der Öffentlichkeit - weil 
es aus dem Steueraufkommen finanziert wurde und hauptsächlich 
die großen Privatgrundeigentümer (wen sonst?) förderte. 

Hier rächte sich nochmals bitter Bismarcks Unwissenheit 
in der Währungsund Bodenfrage, die er nur aus dem bornier¬ 
ten Blickwinkel des privaten Grundherrn zu sehen vermochte. 
Aber auf Ratschläge und Kritik wollte Bismarcic niemals hö¬ 
ren, wie Friedrich der Grosse meinte er alles besser zu wis¬ 
sen. Wie vollständig kapitalistisches Denken die Führungskräfte 
in Deutschland beherrschte, zeigte sich bei der Verstaatlichung 
der Eisenbahnen. Bismarck war keineswegs marxistisch beein¬ 
flußt, als er diese Maßnahme durchsetzte. Man braucht nichts ein¬ 
zuwenden, die Bahnaktionäre durch Staatsschuldscheine zu ent¬ 
schädigen, vielleicht unangemessen entschädigen. Die tüchtige, 
ehrliche Beamtenschaft verwaltete Deutschlands Eisenbahnen 
weit besser als vormals die korrupten Privatbahndirektoren. Nicht 
in der Finanzverwaltung. Man hat niemals untersucht, wer die Fi¬ 
nanzpolitik bestimmte. Sie war darauf angelegt, die Staatsbahnen 
als ergiebige Melkkuh der privaten Kapitalbesitzer weiterzuführen. 
In 30 Jahren erwirtschaftete die KPEV fast 23 Milliarden Gold¬ 
mark Überschüsse. Sie zahlte davon fast 6 Milliarden Goldmark 
für die Verzinsung des Kapitals, das 1913 bis 7,7 Mrd. Mark aufge¬ 
laufen war und immer weiter stieg. Sie überwies ferner dem Staate 
weitere 15 Mrd. für anderweitige Zwecke. Eine vernünftige Ver¬ 
waltunghätte das tun müssen, was jeder Privatmann macht, näm¬ 
lich die Schulden so schnell wie möglich abzahlen. Es geschah 
das Gegenteil. Für jede neue Anlage, selbst so geringfügige Sum¬ 
men für die Versuche des elektrischen Betriebes, mußte die KPEV 
umständlich eine Anleihe durch den Landtag erbitten und geneh¬ 
migen lassen* 227 *. Jede Anleihe vermehrte die Schuld, belastete 
die Bahn, die nicht einmal von Staatswegen die unwürdigen Ar¬ 
beitsbedingungen* 210 ^ der Eisenbahner zu heben versuchte, son¬ 
dern ihnen Mitgliedschaft in Gewerkschaften und Sozialdemo¬ 
kratie verbot. Es ist nicht auszudenken, was eine zins- und schul¬ 
denfreie Staatsbahn für das Allgemeinwohl hätte leisten können. 
Gewiß hätte sie für andere Betriebe ein Vorbild sein, die Schaffen¬ 
den mit dem Staate versöhnen und ihr Leben etwas besser gestal¬ 
ten können* 228 *. Vergessen wir nicht, welche Rückwirkungen jede 
Verbesserung des Lebensstandes auf Auswanderungswillige ge¬ 
habt hätte. 

Vom Großen Kurfürsten zu den »herrlichen Zeiten« des Kai¬ 
serreiches - welch ein Niedergang der Staatskunst in Deutschland. 
Das Vordringen der kapitalistischen Ausbeutungswirtschaft, die 


106 


feige Kapitulation vor Geld- und Grundbesitzern ließ den deut¬ 
schen Staatslenkern das allgemeine Volkswohl gleichgültig sein. 
Welch eine volksschädigende Ausnutzung des (römisch-orientali¬ 
schen) Privatgrundrechtes offenbaren die sogenannten »Terrain¬ 
gesellschaften« der Bismarckzeit. Meist als Aktiengesellschaften 
gebildet, taten sie nichts anderes, als irgendwelche, als günstig an¬ 
gesehene Liegenschaften in der Nähe von Großstädten billig auf¬ 
zukaufen und dann mit 1000, ja bis zu 9000% Gewinn wieder zu 
veräußern. Staatsregierungen und Gemeindebehörden behan¬ 
delten sie, als seien ihre Raubzüge völlig in Ordnung. Die Kor¬ 
ruption, die mit solchen Geldgewinnen einhergeht, hat die sittli¬ 
chen und ehrenwerten Grundsätze altpreußischer und deutscher 
Verwaltung völlig zerfressen. In den allermeisten Fällen dieser Art 
wurden Skandale unter den Teppich gekehrt. 

Die heimliche, die Regierung lenkende Macht - in Richtung 
Mehrwertgewinn - beweist als weiterer Fall das unter Bismarck 
in Kraft getretene Allgemeine Berggesetz von 1865. Es schenkte 
den Mutenden die Bodenschätze ohne Gegenleistung, der Berg¬ 
bauzehnte wurde mehrfach herabgesetzt und unter Bergwerksmi¬ 
nister von Berlepsch »außer Hebung gesetzt«. Mit den so er¬ 
beuteten Berechtsamen trieb man sogleich schwunghaften Han¬ 
del und ging den Staat frech um weitere Zugeständnisse an. Es gab 
praktisch nichts mehr, was dem Volke oder sei es, dem Staate, am 
Allgemeinvermögen noch zustand. Alles, restlos alles was sich in 
Kapital verwandeln ließ, d. h. Zins eintragen konnte, wurde den 
Kapitalisten zugeschoben. Das ist die unerfreuliche Kehrseite der 
vor-bismarckschen und nach-bismarckschen »Staatskunst«, von 
der unbefügterweise bisher nur die Marxisten geredet haben. 

Das von deutschen Staatslenkern gehuldigte Geldkapital ist des¬ 
halb für alle wirtschaftlichen, gesellschaftlichen (sozialen) und na¬ 
tionalen Mißstände im Deutschen Reiche verantwortlich zu ma¬ 
chen. Dieses Wirtschaftssystem ist ein Schlachtfeld, auf dem viele 
bleiben, Proletarier wie Kapitalisten. Nicht der Beste und Tüch¬ 
tigste siegt, sondern der Rücksichtsloseste, Unmoralischste. Die 
geld- und grundbesitzende Kaste bestimmte über das deutsche 
Volk und plünderte es auf allen Gebieten rücksichtslos aus. Als 
Geldkapitalisten wußten sie von der Staatsregierung verlorene 
Staatzuschüsse, Zinsgarantien, Industriezölle, Steuernachlässe, 
Eisenbahn- und Kanalbauten, Staatsaufträge und anderes mehr 
zu erpressen. Als Grundeigentümer verschacherten sie deutsches 
Land, als Gemeinderäte, Landräte bewilligten sie die Schiebun¬ 
gen, als Volksvertreter machten sie Gesetze dafür, als Pressebesit¬ 
zerbeherrschten sie die öffentliche Meinung, als Meinungsmacher 
ließen sie ihre Raubzüge bewundern und gutheißen, als Mächtige 
mißhandelten sie das besitzlose Volk, als Hofleute glänzten sie, 
als Nichtstuer verpraßten sie die ergaunerten Gewinne in Schlös¬ 
sern, Spielbanken und Bädern. Gewissenlose Halunken lebten 
und starben als (oft geadelte) Ehrenmänner. Ein schlesischer Rit¬ 
tergutsbesitzer namens Heydebrand und von der Lasa galt 
als der »ungekrönte König von Preußen«. Der Einfluß, den Graf 
Mülheim- Stirum, Freiherr von Levetzow (Reichstagsprä¬ 
sident), die Grafen Dohna und ihre Freunde auf die Politik des 
Reiches ausübten, drehte sich stets nur um die stille Frage, wie die 
Reichen sich noch mehr bereichern könnten. Einen Unterschied 
zu den herrschenden Kasten in Amerika, Rußland, England, Ita¬ 
lien oder Frankreich kann man nicht erkennen. 

Die Unmenschlichkeit der Grundeigentümer, Haus- und Fabrikbe¬ 
sitzer gegenüber ihren rechtlosen Landsleuten wäre jedoch nie¬ 
mals möglich gewesen, wenn der Staat sich unparteiisch allen sei¬ 
nen Untertanen verpflichtet gefühlt hätte. Das tat er eben nicht. 
Wenn er sich in die sozialen Probleme nicht einmischen wollte, 
dann tat er damit den Ausbeutern einen ganz großen Gefallen. 


Aber wenn die Ausgebeuteten zur Selbsthilfe griffen, sich zusam¬ 
menschlossen oder streikten, dann trat der gleiche Staat mit Waf¬ 
fen- und Polizeigewalt gegen sie auf. Was sonst konnte das Volk 
von den Verantwortlichen erwarten, wenn diese sich ausschlie߬ 
lich aus den Kreisen des kapitalistischen Grundeigentümeradels, 
der Geld- und Kapitalbesitzer rekrutierte? 

Ist es da ein Wunder, wenn das schaffende Volk so einen Staat, der 
ihm nichts gab und nur nahm, als seinen Feind ansah? In zwan¬ 
zig Jahren wuchs die Sozialdemokratie zur stärksten Partei im 
Reichstag. Das entwurzelte (d. h. vom Boden getrennte) deutsche 
Volk lief ihr zu, aus Verzweiflung, weil sie als einzige sich gegen 
die ausbeuterischen Wirtschaftzustände aussprach und sie »be¬ 
kämpfte«. Die Sozialdemokratie lenkte den Zorn der Masse ge¬ 
gen die Unternehmer, die Grundeigentümer, den Adel und die 
Fürsten. Sie lenkte das Volk von den Ursachen ah, die Lösung der so¬ 
zialen Frage wurde von ihr weder vorgeschlagen noch beabsich¬ 
tigt. Im Gegenteil, sie unterstützte die Goldwährung, sie vertei¬ 
digte das Gold und die Wertlehre leidenschaftlich, »sie hielt Wa¬ 
che an Mammons Thron«, sie stellte sich gegen alle Bestrebun¬ 
gen, die Frage des Privatgrundeigentums aufzurollen. Sie tarnte die 
Geldfinanz, von der ihre einflußreichsten Männer (und Weiber) 
beauftragt und bezahlt wurden. Die sozialistische Bewegung ver¬ 
dankte Einfluß und Macht den von ihr angeprangerten Übeln, ja 
ihre Funktionäre lebten von diesen Übeln. 

Ihr gegenüber stand eine kapitalistenhörige Regierung, die mit al¬ 
len Mitteln, einschließlich der Gewalt sie aufzuhalten versuchte. 
Gewiß bereitete das Anwachsen des Sozialismus Bismarck viele 
schlaflose Nächte. Aber Bismarcks Regierung - wie alle anderen 
auch - lebte politisch von der Hand in den Mund (was man heute 
»Pragmatismus« - auf deutsch Wursteln - nennt). In welche 
Zwangslage die kapitalistische Raff- und Profitwirtschaft das Volk 
brachte, begriff er nie; nur allmählich und widerwillig anerkannte 
er, daß es soziale Mißstände tatsächlich gab. Bismarck meinte, ih¬ 
nen ohne Veränderung des Ausbeutungssystems beizukommen. 
Er griff auf die Vorschläge seines früheren Freundes Lassalle 
zurück, versuchte einen Staatsozialismus aufzubauen. Er verwik- 
kelte sich dabei in unlösbare Widersprüche. Einesteils bildete er 
sich ein, er könne mit seiner Sozialgesetzgebung die sozialistische 
Bewegung eindämmen, andererseits weigerte er sich hartnäckig, 
die empörende Kinderarbeit zu verbieten, die so viel zur Lohn¬ 
drückerei und Verbitterung beitrug. Hier kommt wieder einmal 
der Großgrundbesitzer in ihm zum Vorschein, denn Kinderar¬ 
beit, dieser Krebsschaden der Volksgemeinschaft, war ja auf dem 
Lande noch übler als in den Städten. Sie verdummte die Jugend und 
nur Landgrundeigentümer hatten davon Nutzen. Echte Landjun¬ 
ker - gewöhnlich faul, roh und ungebildet - mochten nur die lei¬ 
den, die dumm und stark waren. Sie betrachteten Schulmeister als 
ihre heimlichen Feinde^ 229 '. Die ganz mangelhafte Schulbildung, 
die - vom priesterkapitalistischen Standpunkt verständlich - auf 
eine christliche, religiöse Erziehung ihr Hauptaugenmerk richtete 
und alles andere vernachlässigte, hing damit unmittelbar zusam¬ 
men. Das Lehrfach Religion stand in allen Zeugnissen obenan. 
Den Herren sich unterwürfig zeigen war die erste Pflicht, die Kin¬ 
der zu lernen hatten. Katechismus und Kirchenlieder mußte jeder 
auswendig kennen; richtig rechnen und schreiben war unwichtig 
und Aneignung von Allgemeinwissen verpönt. Die Geistlichkeit 
besaß im 19.Jahrhundert keine andere Einstellung zur Volksbil¬ 
dung als 1000Jahre zuvor. »Die Kirchen setzten den Erziehungs¬ 
versuchen der Staatsgewalt einen ungeheuren Widerstand entge- 
gen«( 214 f Bezeichnend ist, daß in den 1840er Jahren im evangeli¬ 
schen Elberfeld 79%, im katholischen Aachen nur 37% zur (christ¬ 
lich ausgerichteten) Schule gingen. Niemand konnte besseres 


107 


erwarten, seit die Volksschulaufsicht von Friedrich Wilhelm 
III. wieder den Pfaffen überlassen worden waff 230 \ Damit war der 
Bock zum Gärtner gemacht, denn zu allen Zeiten war das Privat¬ 
grundeigentum die wichtigste Stütze der Geistlichkeit. Guts- und 
Grundeigentümer waren gewöhnlich »Patrone« der örtlichen 
Kirchen, sie hatten einen bevorzugten Platz unter der Kanzel und 
der Pfarrer wußte, wer das entscheidende Wort von seiner Ernen¬ 
nung bis zu seinem bescheidenen Gehalte aussprach. 

Unter den üblen wirtschaftlichen Verhältnissen nach 1873 nah¬ 
men im Kaiserreich auch klerikale Vereine und Parteien gewalti¬ 
gen Aufschwung. Sie verkündeten bedrückten Ausgebeuteten an¬ 
stelle sozialistischer Täuschungskunst wie gewohnt christlichen 
Trost und himmlische Hoffnung. Wenn Bismarck die Sozialisten 
mangels Wissen nicht ausschalten konnte, so war die allgemein an¬ 
erkannte christliche Religion und Kirche die Hemmung, die er 
nicht ausschalten wollte. Aber die schadeten Deutschland und der 
deutschen Nation weitaus mehr als die soziale Frage. 

»Kulturkampf« = Priesterkampf gegen Deutsche 

Schauen wir noch einmal zurück bis zum Wiener Kongreß. 

Einen Dank des Papstes an den preußischen König für die Wie¬ 
derherstellung des Kirchenstaates hat es nicht gegeben. Der Dank 
für religiöse und nationale Duldsamkeit war der unerbittliche An¬ 
spruch des Klerus, den protestantischen Staat unter seine Botmä¬ 
ßigkeit zu zwingen. Schon früh zeigte der kölnische Bischofstreit, 
die Auseinandersetzungen zwischen der preußischen Verwaltung 
unter F lottwell in Posen mit den polnischen Bischöfen was sich 
die Geistlichkeit an Frechheiten herausnehmen durfte und welche 
Furcht vor Papst und seiner Aufhetzung der Untertanen zum Un¬ 
gehorsam den weltlichen Staat beherrschte. Die unfähige Regie¬ 
rung Preußens ließ sich unterwandern, sie ließ eine »Katholische 
Abteilung« (geschaffen vom Freiherrn vom Stein) im Staatsmi¬ 
nisterium zu, die die Polonisierung und Katholisierung betrieb, 
sie ließ zu, daß man das Sprachgemisch (»Wasserpolnisch«) in 
Oberschlesien nicht durch Deutsch, sondern durch »Hoch«-Pol¬ 
nisch ersetzte, sie ließ zu, daß die Universität Breslau zur Hoch¬ 
burg der »Slawistik« ausgebaut wurde, sie gestattete Beamten 
und Gelehrten, sich zu Polen zu machen und fortan ihre deutsche 
Nation zu bekämpfen. Die Folgen blieben nicht aus. Polnische Ab¬ 
geordnete hielten deutschfeindliche Reden im preußischen Land¬ 
tag und Reichstag, verbündeten sich mit den anderen klerikalen 
Deutschenfeinden, den klerikalen Protestlern des Elsaß und vor 
allem dem politischen Arm des Papstes im Reiche, dem Zentrum. 
Das Zentrum wiederum hielt seine Hand schützend über die Po¬ 
len und allen, was der deutschen Nation zu schaden entschlossen 
war. Es ging den Priestern auch im 19.Jahrhundert in erster Linie 
um die Niederzwingung der Deutschen Nation. Jeder innere und äu¬ 
ßere Feind war ihnen dazu willkommen. 

Mit dem Unfehlbarkeitsdogma vom 18. Juli 1870 zielte der Papst 
wiederum in erster Linie auf die Deutschen, obwohl sich die gesamte 
freisinnige Menschheit hätte betroffen fühlen und empören müs¬ 
sen. Aber alle nichtkatholischen Staaten der Welt standen abseits, 
überließen den Deutschen den Kampf. Die Kriegserklärung des 
klerikal regierten Frankreichs am darauf folgenden Tage war der 
Kurie gleichzeitiger Marschbefehl an ihren Büttel, unverzüglich den 
päpstlichen Willen zu vollstrecken. Denn in Deutschland hatten 
die hitzigen Debatten um das Unfehlbarkeitsdogma eine Rebel¬ 
lion ausgelöst, die sogar Erzbischöfe erfaßte. Doch unser großer 
Staatsmann Bismarck kümmerte sich überhaupt nicht um den 
Widerstand der deutschen Katholiken gegen Rom. »Man kann 
bei diesem großen Geschichtekenner die Lücke in der Kirchenge¬ 
schichte erweisen^ 231 *, das heißt, er war in Fragen der Priesterpoli¬ 


tik genau so unwissend wie zu Geld und Wirtschaft. Er nahm nicht 
die Gelegenheit zur Gründung einer Nationalkirche wahr, wie sie 
schon 60 und 100 Jahre zuvor versucht und jedesmal am Wider¬ 
stande Preußens gescheitert war. »Der Erzbischof Ketteler von 
Mainz reiste persönlich zu Bismarck, um von ihm zu erfahren, 
ob das deutsche Episkopat sich des Rückhaltes der Staatsgewalt 
versichert halten dürfe, wenn es in Ablehnung des Dogmas ver¬ 
harre und dann der Kampf mit Rom beginne. Das war der große 
Augenblick, der hätte ergriffen werden müssen: Das Schisma, die 
Trennung des größeren Teiles des deutschen Katholizismus stand 
in Aussicht, so etwas wie eine zweite Reformation. Bis in weite 
Kreise der Katholiken war das Volk gegen Rom aufgestanden und 
wartete auf ein Zeichen der Hilfe von der Regierung. Aber es ge¬ 
schah nichts, Bismarck lehnte ab, er wollte mit der Sache nichts 
zu tun haben. Zwar entstand der Altkatholizismus, dessen gewal¬ 
tige Möglichkeiten von der preußischen und deutschen Staatsfüh¬ 
rung Bismarcks völlig verkannt wurden; man benachteiligte diese 
junge Kirche wo man konnte und so blieb sie eine kleine Splitter¬ 
gruppe. Hätte man ihr damals geholfen in den weiten Kreisen, die 
damals gegen Rom aufstanden Boden zu fassen, es wäre im weite¬ 
ren Verlaufe der deutschen Geschichte vieles, wahrscheinlich al¬ 
les anders gekommen«^ 232 -*. Der Papst überstand die Krise, die ihn 
den Kirchenstaat kostete (20. September 1870 Fall von Rom), al¬ 
lein durch Bismarcks Kurzsichtigkeit und schlug zu, als die Lage 
des deutschen Volkes sich nach dem wirtschaftlichen Zusammen¬ 
bruch von 1873 verschlechterte: Er brach den »Kulturkampf« 
vom Zaun, den Bismarck auf der ganzen Linie verlor, mit einer 
Ausnahme: Die Jesuiten wurden und blieben aus Deutschland 
verbannt. 

Der europäischen Diplomatie war damals bekannt, welche schäd¬ 
liche Rolle die »Krieger des Papstes« 60 Jahre in Deutschland - 
und gegen die Deutsche Nation - spielen durften. Der ursächli¬ 
che Zusammenhang (Kausalnexus) zwischen politischem Katho¬ 
lizismus und Wirtschaft - Geld - Völksausbeutung wird allerdings 
heute so wenig wie damals begriffen. Wer in kapitalistischen Vorur¬ 
teilen befangen ist, wird Kirche und Religion als naturnotwendig er¬ 
klären, mögen sie sich noch so unmenschlich, unsittlich, unmoralisch 
offenbaren. Geistige Unterdrückung ertragen die meisten Men¬ 
schen leicht, weil ihnen an Verstand fehlt und sie für Gedanken¬ 
freiheit kein Bedürfnis haben. Aber die wirtschaftliche Ausbeu¬ 
tung, die sie knapp überleben läßt, während geldraffende Herren 
und Priester prassen, die erbittert. Seit Luthers Zeiten waren die 
Deutschen leider weit davon entfernt, wirklich gegen sie zu rebel¬ 
lieren. Diese Geduld haben nicht alle Völker; es sei dahingestellt, 
ob di e finanzielle Volksausplünderung woanders übler war. Wie er¬ 
innerlich, führte sie 100 Jahre zuvor zur Vertreibung der Jesuiten 
aus Spanien und Portugal. 

Wir sahen, daß sie nach ihrer Wiedererweckung 1815 sogleich 
den spanischen König umstanden und fortan die Politik Spaniens 
bestimmten. Genau 50 Jahre danach »beherrschten Jesuiten die 
in jeder Hinsicht unwürdige Königin Isabella II.«, bis sie Gene¬ 
ral Prim zum Jubel des ausgeplünderten Volkes 1868 buchstäb¬ 
lich davonjagte (aber nicht diejesuiten). Sie waren es, die über die 
ihnen hörige Kaiserin Eugenie 1867 den Marsch französischer 
Truppen nach Rom durchsetzten, um den wirtschaftlich bankrot¬ 
ten Kirchenstaat - wieder einmal - vor dem Volke zu retten (233 \ 
Weil Präsident Benito Juarez 1860 die Finanzen Mexikos in 
Ordnung brachte und das riesige Vermögen der katholischen Kirche 
säkularisierte, inszenierten diejesuiten einen Bürgerkrieg, der sich 
sieben Jahre lang blutig hinzog. Alle katholischen Reiche Euro¬ 
pas wurden aufgeboten, die Kirchenmacht in Mexiko wiederher¬ 
zustellen: Ein Habsburger sollte Kaiser von Mexiko werden, und 


108 


»Napoleon III. schwang das Schwert der Klerikalen«. Dieses 
Unternehmen mißlang der Kirche ebenfalls. Napoleon bekam 
andere Sorgen, vor allem die wirtschaftlichen Schwierigkeiten im 
eigenen Lande, mit denen er nicht mehr fertig wurde. Wie sollte 
er, wenn Jesuiten seine Politik bestimmten. Nicht in Paris, son¬ 
dern im Vatikan liefen die Fäden der internationalen Intrigen zusam¬ 
men, wurden sie gesponnen und beschlossen, einschließlich Aus¬ 
fuhr ungsdaten. 

Der Vatikan empfand die Niederlage der Habsburger und ihren 
Hinauswurf aus Deutschlands Angelegenheiten als seine eigene 
Niederlage. »II mondo casca« (Die Welt stürzt ein) hatte der Kar¬ 
dinal - Staatsekretär Antonelli beim Eintreffen der Nachricht 
vom preußischen Siege zu Königgrätz entsetzt geschrien. Mit dem 
nur für Klerikale begreiflichen Schlagwort »Rache für Sadowa!« 
(Sadowa = Königgrätz) schürte ihre Presse den Deutschenhaß. 
Sie bearbeiteten die Regierung Napoleons III., Krieg gegen 
Preußen - Deutschland vorzubereiten und dafür mit allen Mit¬ 
teln zu rüsten. Sie versuchten - vergeblich - eine neue Koalition 
Frankreich-Österreich zustande zu bringen und Süddeutschland 
von Preußen zu trennen. Jesuiten heckten eine üble Intrige aus, 
den Kriegsvorwand zu liefern: Das Angebot an die Hohenzollern, 
den spanischen Thron zu übernehmen. Das war kein harmloser 
Zufall, kein Volkswille. Zwei Jahre lang stand der spanische Thron 
leer und die Kirche störte sich nicht daran. Im Sommer 1870, als 
das vatikanische Konzil zu scheitern drohte, hielten die Oberprie¬ 
ster eine Ablenkung der Aufmerksamkeit von ihnen für unabding¬ 
bar. Alles lag auf einer Linie: Die Hetze der klerikalen Presse ge¬ 
gen Preußen, der hektische Eifer der französischen Regierung, 
trotz Verzichts der Hohenzollern den Krieg unter allen Umstän¬ 
den zu entfesseln. Genau wie der Dreißigjährige Krieg, der Sieben¬ 
jährige Krieg und viele andere zuvor, war der Krieg von 1870/71 ein 
Kreuzzug der Kirche gegen die deutsche Nation. 

Bismarck brauchte viele Jahre, bis er das wenigstens teilweise 
erkannte. Bot er doch Ende 1870 - kaum glaubliche Einfalt die¬ 
ses deutschen Staatsmannes - dem Papste Asyl und Residenz in 
Deutschland an. Als es um 1887 so aussah, als stünde der näch¬ 
ste Waffengang mit Frankreich bevor (Kriegshetze des von Jesu¬ 
iten gelenkten und finanzierten Generals Boulanger), gab Bis¬ 
marck zu erkennen, daß er - wie in Wirtschaftsfragen viel zu spät 
- klüger geworden war: »Eine ultramontane Regierung - möge 
sie heißen wie sie wolle - wäre gar nicht imstande, einen Krieg zu 
unterlassen, sobald die Jesuiten es für zweckdienlich hielten, daß er 
geführt werde, unter einem klerikalen Regime ist die französische 
Armee nichts anderes als Soldaten des Papstes, die auf seinen Be¬ 
fehl dorthin marschieren werden, wohin die Jesuiten sie dirigieren 
wollen. Ähnliches haben wir im Sommer 1870 schon einmal er¬ 
lebt« ( 234 l Staatsmännische Fehler rächen sich früher oder später, 
niemand wußte das besser als Bismarck. Wie konnte er im »Par¬ 
tikularismus« und der Anti-Preußen-Wühlerei gewisser Kreise in 
Posen, Bayern, im Elsaß, Rheinland, und anderswo die Fernsteue¬ 
rung der römischen Kurie übersehen? »Das Papsttum ist jeder¬ 
zeit eine politische Macht gewesen, die mit größter Entschie¬ 
denheit und mit dem größten Erfolge in die Verhältnisse die¬ 
ser Welt eingegriffen hat. Das Ziel, welches der päpstlichen 
Gewalt ununterbrochen vorschwebte, ist die Unterwerfung 
der weltlichen Gewalt unter die geistliche«. Solche Erkennt¬ 
nisse Bismarcks 25 Jahre früher angewendet, hätten die Welt¬ 
geschichte umgestürzt. Sie hätten ihn auf die Geldmachenschaf¬ 
ten der Priester führen müssen. Hätte er das deutsche Volk wirt¬ 
schaftlich zufrieden gemacht, wären die Auseinandersetzungen 
mit dem katholischen Klerus leicht zu gewinnen gewesen. Schau¬ 
erliche Kurzsichtigkeit zeigte er in der entscheidenden Frage der 


Priesterherrschaff. Es war die bayerische Regierung, die sich gegen 
die ultramontanen Ansprüche am hartnäckigsten zur Wehr setzte 
(Jesuitenausweisung, Standesämter, Verkündung des Unfehlbar¬ 
keitsdogmas usw.), nicht Preußen. 

Am Ende war es nicht der Kampf mit der Kirche, in dem der 
Staatsmann Bismarck nur Niederlagen erlitt; er stürzte (17. 
März 1890) über die ständig drängender werdende soziale Frage. 
Genau wie auf den Feldern Kirchengeschichte und Volkswirt¬ 
schaft, begann er viel zu spät hinter den Unruhen etwas mehr zu 
vermuten. Kurz vor seinem Fall soll er den Schweizer Prof. Ruh- 
land beauftragt haben, die Ursachen der gesellschaftlichen Spal¬ 
tung zu ergründen. Ruhland hat in seiner Arbeit die Käuflichkeit 
des Bodens und der Bodenschätze mit untersucht. Ruhlands 
Werk wird merkwürdigerweise totgeschwiegen und ist von Bis¬ 
marck nie erwähnt worden. Ruhlands Ergebnisse waren auf¬ 
regend: Die ersten Bankleute waren die Priester von Babylon. In 
Babylon mußte jeder den »Zins des Sonnengottes« von 33% be¬ 
zahlen. Sie begannen die Umwandlung des Volksbesitzes in Kapi¬ 
talwerte und organisierten die Auf- und Ab-Bewegung der Preise 
(sogenannte Konjunkturschwankungen). Die eingeweihten Prie¬ 
ster, in Zusammenarbeit mit Königen, Adel, Finanzgaunern berei¬ 
cherten sich maßlos, während das Volk arbeitete, betete und aus¬ 
geplündert wurde. Priesterschaff und Kapital kennen kein Volk, 
keine Nation, keine Rasse, keine Heimat, kein Vaterland und kei¬ 
nen Staat. Dieses » System der Raffgier« richtet früher oder später 
jeden Staat zugrunde, Ruhland bewies dies anhand seiner For¬ 
schungen über das Schicksal von 22 »Staatsleichen«. Für einen 
Staatsmann, der in der kapitalistischen Gedankenwelt völlig be¬ 
fangen war, müssen die Enthüllungen Ruhlands niederschmet¬ 
ternd gewesen sein. 

Die Deutsche Nation hat sich im 19. Jahrhundert gegen ihre sichtba¬ 
ren Feinde mehr als behauptet. Sie überwand in geistiger und kulturel¬ 
ler Hinsicht die Folgen des Dreißigjährigen Bürgerkrieges (1618 bis 
1648) und errang wieder einen Platz in Europa, wenn auch mit Neid, 
Mißgunst und Rachsucht von den Nachbarvölkern beobachtet. Große 
Goldfundein Übersee (Gold ist heimatlos, international) und der tech¬ 
nische Fortschritt des 19. Jahrhunderts hoben die deutsche Volkswirt¬ 
schaftgewaltig. Den Nutzen hatte das deutsche Bürgertum, das finan¬ 
ziell erhebliche Bedeutung und Freiheit erringen konnte. Seine wirt¬ 
schaftliche Stärkung belebte den deutschen Nationalgedanken und 
brachte unvergeßliche kulturelle Leistungen hervor. Mit der Golddefla¬ 
tion nach 1873 trat Stillstand und langsamer Verfall auf allen Lebens¬ 
gebieten der deutschen Nation ein. Sie konnte nicht mit ihren geheimen 
Feinden fertig werden, die sich erneut und tückisch im Volkskörper und 
Volksleben einnisteten und seine Kräfte verzehrten. Ein großer Teil der 
Bevölkerung litt unter dem Ausschluß von den meisten kulturellen und 
wirtschaftlichen Lebensverbesserungen und fiel Reichsfeinden zu. Die 
aus dem eigenen Volke hervorgegangen Grundeigentümer wurden je 
länger sie das Volk ausbeuteten, um so anmaßenderund niederträchti¬ 
ger, sie spalteten Volk und Staat aus Eigensucht und Raffgier Das deut¬ 
sche Volk verlor wieder alle Vorteile und Freiheiten, die es sich infolge 
des Niederganges der Kirche und der Befreiung von den Fremden er¬ 
kämpft hatte, durch Dummheit, Ahnungslosigkeit, Duldsamkeit, Be¬ 
stechlichkeit oder Unfähigkeit seiner Führer Die begriffen nicht, daß 
die Teilung des Volkes in eine Minderheit, die Land und Geld besitzt 
und eine überwältigende Mehrheit, die davon ausgeschlossen ist, früher 
oder später den Untergang des Staates herbeiführen muß. Das Ausbeu¬ 
tungssystem hatte sich so in den führenden Köpfen festgesetzt, daß eine 
Möglichkeit der Änderung von ihnen für undenkbar gehalten wurde. 
Ein Irrtum, den alle Deutschen, vom Kaiser bis zum letzten Arbeiter, 
eines Tages teuer bezahlten. 


109 


Die Einfadelung des (Ersten) Weltkrieges 

Über den »Ausbruch« und die Gründe des Ersten Weltkrieges ist 
viel geschrieben worden. Er war kein Naturereignis, denn er wurde 
selbstverständlich »gemacht« wie alle Kriege. Von allen Seiten 
ging man die Schuldfrage an, aber ganz selten wird auf die wirt¬ 
schaftlichen und religiösen Ursachen hingewiesen. Es ist notwendig, 
das Scheinwerferlicht auf jene verdunkelten Vorgänge zu richten, 
welche die entscheidenden dieses Groß Verbrechens waren. 

Von 1893 bis 1913 erlebte die Welt, allerdings kurz 1907 bis 1910 
unterbrochen, einen beachtlichen Wirtschaftsaufschwung. Die 
Ursache? Um 1890 wurden in Alaska und Westaustralien riesige 
Goldvorkommen entdeckt, Anfang des 20.Jahrhunderts (nach 
der britischen Annexion des Burenlandes - auch ein Gold- und 
Landraubkrieg) die südafrikanischen Goldbergwerke erschlos¬ 
sen. Genau wie wir es von früheren Zeiten lernten, befruchtete 
der Münzmetallzustrom wiederum nicht nur die Wirtschaft, er er¬ 
griff alle Gebiete des Geisteslebens. Dazu gehörte selbstverständ¬ 
lich Kritik an und Abfall von Glauben und Kirche: Der evangeli¬ 
sche Theologe Adolf von Harnacic, aber auch andere rüttel¬ 
ten mit Scharfsinn an den christlichen Lehren und Legenden. Von 
Österreich ausgehend fand die »Los-von-Rom«-Bewegung star¬ 
ken Widerhall. Daß sie überhaupt entstehen konnte, ist bezeich¬ 
nend für die neue, freiere Zeit. Geistig nicht erstorbene Priester 
fielen von der Kirche ab. In der katholischen Kirche machten sich 
mächtige zweifelnde Bestrebungen geltend, die vom Papste mit 
üblicher Brutalität unterdrückt wurden (1907) und im »Moder- 
nisteneid« gipfelten (1910). Wer denken konnte sah jetzt, daß 
die umwälzenden neuen Erkenntnisse der Wissenschaft und For¬ 
schung unvereinbar mit dem Kirchenglauben waren. Eben darum 
waren die Leistungen der vom seelischen Druck befreiten Hirne 
gewaltig: 1895 fand Röntgen die X-Strahlen, 1896 Becque¬ 
rel die Radioaktivität, 1900 entwickelten Planck die Quan¬ 
ten -, Lorentz und Hilbert die Relativitätstheorie, das Atom 
wurde erforscht, die letzten weißen Flecken (Polargebiete) der 
Erde betreten usw. Erfolgreich konnte die Technik auf allen Ge¬ 
bieten mit neuen Entwicklungen aufwarten: Drehstrom, Diesel¬ 
motor und Dampfturbine, der Mensch lernte zu fliegen, draht¬ 
los über die ganze Welt zu verkehren, die Nacht mit künstlichem 
Licht zu erhellen, Bewegung auf Film zu bannen. Die innere Be¬ 
freiung fehlte ebensowenig, ich stelle das Auftreten der Jugend¬ 
bewegung (1895), der Lebens- und Kleidungsreform, ebenso 
mit dem Wirtschaftsaufschwung in Zusammenhang wie die Su¬ 
che nach Lösung der sozialen Unrechtszustände: Bodenreform¬ 
bestrebungen, das Genossenschaftswesen wie vor allem - jawohl, 
das gehört ebenfalls in diese Zeit - die Arbeiten Gesells (und an¬ 
derer, freilich nicht so erfolgreich) in der Geldfrage. Der deutsche 
Nationalstolz nahm einen beachtlichen (später bekrittelten) Auf¬ 
schwung, der sich in Schriften, Kunstwerken und Kulturbauten 
äußerte, der Freude am Soldatentum, der jungen Flotte und Wehr¬ 
haftigkeit des Reiches zeigte, der seine Empfindlichkeit gegenüber 
Zurücksetzungen und Beleidigungen dem Ausland kund zu ma¬ 
chen wußte. Mein Leser möge jedoch niemals außer acht lassen: 
Die Konjunktur führt bei diesem Geldsystem zwar eine Verbesse¬ 
rung unseres Lebens herbei, sie ist aber keine Lösung der sozialen 
Frage. Die Ausbeutung der Schaffenden bleibt bestehen, die Kapi¬ 
talistenklasse insgesamt büßt nichts von ihren Vorrechten ein. Aus 
den gleichen Gründen blieben die sozialistischen und klerikalen 
Bewegungen bedrohlichste Widersacher der Deutschen Nation. 
Die deutsche Politik zielte auf den führenden Platz des Weltmark¬ 
tes und gestand das - dumm, sehr dumm - bei jeder Gelegenheit 
ganz offen. Die Erzeugung von Stahl und Industriewaren über¬ 
holte Großbritannien, die erste wirtschaftliche Weltmacht der 


Zeit. Die Handelsflotte Deutschlands wuchs von 82 000 Tonnen 
imjahre 1872 auf 10,4 Mio. Tonnen 1897. Die englische Geld- und 
Grundbesitzklasse empfand, wie sie zugab, den Konkurrenzdruck 
der deutschen Wirtschaft am stärksten und unerträglichsten. 
1896 veröffentlichte die Zeitung der britischen Plutokratie »Sa- 
turday Review« eindeutig geheime Beschlüsse dieser Kreise. Sie 
gab die Parole aus: »Germania esse delendam« (Deutschland ist 
zu vernichten) (23S) . Die »alliierten« Geldbesitzer hofften, ihre Kapi¬ 
talien durch die Zerstörung Deutschlands und seiner Wirtschaftskraft 
aufzuwerten. Die britischen Großkapitalisten suchten und fanden 
einen willigen Bundesgenossen in den zerrütteten Wirtschaftsver¬ 
hältnissen Frankreichs, dessen Lenker das Volk durch außenpo¬ 
litische Konfrontation - nur Deutschland kam hierfür in Frage - 
ablenken wollten. Trotz größter innenpolitischer Nöte*- 236 - 1 gaben 
sie auf Kosten des französischen Volkes immer neue Geldanlei¬ 
hen an Rußland, um diesen in der Anarchie versinkenden Staat als 
Bundesgenossen aufzurüsten. So war die große Wirtschaftskon¬ 
junktur, die gar nicht von Deutschland veranlaßt oder ausgegan¬ 
gen war, der Fleiß der deutschen Nation Anlaß zu Kriegsplänen. 
Nur: Geld ist feige und die Gebieter der Geldmacht können nicht 
wagen, sich als Lenker der Politik der Öffentlichkeit erkennen zu 
geben. Kein Volk würde wissend für den Geldgewinn seiner Aus¬ 
beuterklasse kämpfen. Selbst Vereine von Kapitalisten und Ban¬ 
kiers sind nicht imstande, die Völker derart gegeneinander zu het¬ 
zen, daß sie sich schlagen und am Ende die Kriege so ausgehen, 
wie man sich gewünscht hat. Dazu bedarf es vieler Einflüsse: Sol¬ 
che, die Politiker leiten und andere, die Völker herunter bis zum 
einzelnen Menschen beherrschen. Beherrschen kann man die 
Menschen durch Terror, Geld oder - wirkungsvoller und allge¬ 
mein unbemerkt - Propaganda und seelische Fesselung, eben die 
»re-ligio«. Über die religiösen Ursachen des Weltkrieges 1914 bis 
1918 wird von den Historikern noch weniger gesprochen als über 
die finanziellen und wirtschaftlichen. Wir müßten uns wundern, 
wenn wir in den jahrzehntelangen Intrigen und Vorbereitungen 
zu dem riesigen Völkermord des 20. Jahrhunderts nicht die Tätig¬ 
keit der römischen Kurie finden würden. 

Zweifellos erfüllten die freiheitlichen Gedanken der Deutschen, 
»der wachsende Zweifel am Glauben«, ein protestantisches Kai¬ 
serhaus, das über Katholiken herrschte (entsetzlicher Alptraum 
für den Papst), die römische Kurie mit großer Besorgnis und ließ 
sie eifriger nach Werkzeugen ihrer Machtpolitik suchen. Viele 
Jahre bevor die alliierten Kapitalisten und Logen-Verschwörer 
erschienen, lange vor dem Wirtschaftsaufschwung von 1893 bis 
1913 bereitete die Kirche den nächsten Kreuzzug gegen Deutsch¬ 
land vor. Die katholische Kirchenführung spielte in der Planung 
und Einfadelung des Weltkrieges eine entscheidende Rolle. Um bei 
dem Bilde des Schauspiels auf der Weltbühne zu bleiben, kann 
man noch deutlicher sagen: Die Kirche soufflierte ihren gläubigen 
Werkzeugen (dazu gehörten auch ahnungslose Evangelische und 
Orthodoxe) die Reden und Taten, die mit der großen Katastrophe 
im Fünften Akt endeten. 

»Hätte die römische Kirche nicht die Habsburgermonarchie als Werk¬ 
zeug benutzt , um ihren kirchlichen Einfluß über den Balkan auszudeh¬ 
nen, und hätte sich die Donaumonarchie nicht im eigenen Machtinter¬ 
esse als kirchliches Werkzeug mißbrauchen lassen, dann wäre Europa 
wohl noch lange der Friede erhalten geblieben. Der Erste Weltkrieg 
begann eindeutig als Krieg mit kirchlichen Zweckgründen <« 257) . 
Von diesem Anteil der römischen Kirche an der Kriegsschuld ist 
nun allerdings nichts, überhaupt nichts, in Gedenkreden, Fernseh¬ 
sendungen oder solchen Büchern zu finden, die den Beifall der 
»veröffentlichten Meinung« erhalten. So wie Kammeiers oder 
Gesells Werk totgeschwiegen wird, so wurden Millers Enthül- 


110 


lungen von den Volksbeeinflussern stillschweigend verschluckt. 
Das katholische Fußvolk hält sich und unsere Zeit für freiheit¬ 
lich und aufgeklärt; es kann sich nicht vorstellen, daß die Kirchen¬ 
politik im 19. und 20. Jahrhundert dieselbe ist wie vor 500, 1000, 
1500 Jahren. Es weigert sich für möglich zu halten, daß ihre ehr¬ 
fürchtig verehrten Oberpriester kaltblütig die eigenen katholisch 
gläubigen Massen zu Millionen opfern können, sofern dadurch ihre 
Macht vergrößert wird. Die Priester verstanden ja zu allen Zeiten, 
unschuldige Mienen aufzusetzen, den Dienst für Gott zu suggerie¬ 
ren und die Verantwortung für die Folgen ihres unheilvollen Wir¬ 
kens auf ihre Diener abzuschieben. 

Die Anfänge dieser Kriegsplanung lassen sich bis vor das Jahr 1880 
zurückverfolgen. Mit der Wahl Leo XIII. im Februar 1878 und nur 
sechs Monate danach dem plötzlichen Tode (wie damals vermutet 
wurde, durch Vergiftung) des Kardinal-Staatssekretärs Franchi 
kam in der Kurie eine andere Priesterpartei zur Herrschaft. Bald 
nach dem Machtwechsel im Vatikan müssen strategische Pläne 
und Beschlüsse gefaßt worden sein, die ein Eingeweihter niedri¬ 
gen Ranges (damit es nicht auffiel) und von der Öffentlichkeit un¬ 
beachtet, bekannt machte, um sie als Programm schrittweise über 
Jahrzehnte in politische Intrigen und Taten umzusetzen. In jenem 
Jahre 1880 veröffentlichte nämlich der römische Prälat Pressuti 
»mit Billigung und warmer Anerkennung des Papstes« (aha!) 
»eine Denkschrift: »... nebst dem Vorteile derkath. Religion als dem 
Hauptziele , nach dem der Hl. Stuhl fortwährend strebt, ist es einleuch¬ 
tend, daß Österreichs Übergewicht in den längs der Donau liegen¬ 
den slawischen Provinzen den Mittelpunkt ... bildet. Die slawi¬ 
sche Bewegung, die sich auf allen Seiten, drohend oder hoffnungs¬ 
voll, ankündigt, kann vielleicht leichter zugunsten Österreichs als 
zugunsten Rußlands ausfallen. Der daraus resultierende Staat wäre 
einer der homogensten ... in Europa und auf Erden, er wäre ... 
der Anknüpfungspunkt der europäischen an die asiatische Christen¬ 
heit«^ 137 ^. Diese erstaunliche »Denkschrift« betraf alle der ortho¬ 
doxen Kirche zugehörigen - und islamischen - Völker auf dem Bal¬ 
kan, in weiterem Sinne Rußland. Der strategische Plan der römischen 
Kurie hatte die Überwältigung der Ostkirchezum Ziele. Unzweifelhaft 
handelte es sich um die Neufassung eines tausend Jahre alten Pla- 
nes (23s) Jjeggj-f) Zwecke übernahm die katholische Kirche die 
panslawistische Bewegung, um sich an deren Spitze zu stellen - 
genau wie einst die Druiden sich an die Spitze des Christentums 
gestellt hatten. »Stärkung des Slawentums« war demnach der er¬ 
ste Punkt ihres Programms. Die Anstifter waren der Öffentlichkeit 
verborgen, und ihre Propaganda war keineswegs als kirchlich inspi¬ 
riert zu erkennen. Mit welcher Wucht und Hinterhältigkeit sie auf¬ 
gezogen wurde, beweisen viele zeitgenössische Äußerungen über 
»die Slawen als kommende Rasse«. Niemand fragte, warum man ei¬ 
nem chaotischen Rassenmischmasch und Sammelsurium kleiner 
und kleinster Völker Osteuropas von erbärmlichem wirtschaftli¬ 
chen, geistigen, kulturellen und politischen Tiefstände auf einmal 
Zukunftaussichten einräumte. Nicht eine Stimme ist bekannt, die 
den Unsinn einer »slawischen Rasse« durch Sachkenntnis - ein 
Blick genügte! - aufgezeigt hätte. Im Gegenteil: Sogar Oswald 
Spengler ließ sich in seinem berühmten Buch »Untergang des 
Abendlandes« (niedergeschrieben vor dem Ersten Weltkrieg) da¬ 
von einwickeln. 

Aber Österreich-Ungarn war doch »ein deutscher Staat«, be¬ 
deutete eine Förderung des Slawismus nicht gleichzeitig Vernich¬ 
tung des Deutschtums? Angefangen von Kaiser Franz Josef hat 
kein österreichischer Katholik sich diese Frage vorgelegt. Sie ge¬ 
horchten - ohne zu bedenken wie sehr den Priestern das Deutsch¬ 
tum verhaßt ist. Die klerikale antideutsche Kampagne in Öster¬ 
reich - Ungarn, ausgeführt vom Großgrundeigentümer - Adel, 


war so wenig wählerisch in ihren Mitteln wie in Polen. Innerhalb 
von 70 Jahren war das Deutschtum in Ungarn so gut wie zerstört - 
selbst Kaiserin Elisabeth lernte ungarisch, eine asiatische Spra¬ 
che. Der Thronfolger Franz Ferdinand gebrauchte privat und 
wenn immer möglich nur die tschechische Kunstsprache. Er galt 
als Deutschenhasser. 1897 öffnete der Minister Badeni, ein Pole, 
durch seine »Sprachverordnung« den Tschechen, Polen und Slo¬ 
wenen alle Schleusen. Mit viel Geld setzten die ermutigten sla¬ 
wischen Hetzer ihre Sprache gegen die duldsamen Deutschen 
durch. Man begreift die ungeheuerlich zersetzende Entwicklung 
in Österreich-Ungarn nicht, wenn man nichts von ihrem Volks¬ 
tumskampf weiß. Preßburg und Brünn waren um 1900 noch fast 
rein deutsche Städte, deutsch waren in »Slowenien« Marburg an 
der Drau oder Bozen in Südtirol. Aber Wien war schon auf dem 
besten Wege, eine Tschechenstadt zu werden. Um 1914 waren die 
Deutschen der k.u.k. Monarchie eine Minderheit. 

Punkt zwei des geheimen Eroberungs-Programms des Hl. Stuhls 
wurde von Miller nur unvollständig enträtselt, kann aber jetzt 
als entschlüsselt gelten: Rußland und Deutschland mußten in ei¬ 
nen Krieg auf Leben und Tod verwickelt werden. Mit dem Sturz 
von Kaiser und Zar, über die Trümmer von Protestantismus und 
orthodoxer Kirche hoffte man, der Verwirklichung des römisch- 
katholisch-druidischen Priester-Weltreiches einen riesigen Schritt 
näher zu kommen. Deutschland hatte zu dieser Zeit aber nur ei¬ 
nen Feind: Frankreich. Von diesem und Rußland in die Zange ge¬ 
nommen, mußte es zu überwältigen sein. Und so sehen wir - in 
Ausführung von Pressutis Programm! - seit Anfang der 80er 
Jahre Kardinal-Staatssekretär Rampolla unermüdlich bestrebt, 
Rußland und Frankreich zusammenzuschmieden. Nach vielen 
Annäherungsversuchen, die schon von Bismarcic mit großer Be¬ 
sorgnis beobachtet wurden, kam 1897 ein französisch-russisches 
Bündnis gegen Deutschland zustande. 

Es wurde zweimal mit einem großen Te Deum in der Kirche Sacre 
Coeur auf dem Montmartre gefeierft 239 f Der österreichisch-ungari¬ 
sche Botschafter am Vatikan, Ambro, meldete nach Wien: »... daß 
der Vertreter Leo XIII. dem feierlichen Dankgottesdienste in der 
Sacre Coeur Kirche beiwohnte, den himmlischen Segen auf das ge¬ 
heiligte Haupt des Zaren und das geheiligte französische Reich her¬ 
abflehte und endlich den päpstlichen Segen erteilte«. Das Kriegs¬ 
bündnis des Erzfeindes Deutschlands mit dem nichtkatholischen 
Rußland wurde der Welt als ganz großes Kirchenereignis verkündet, 
an dem sich der Papst als dritter Bundesgenosse beteiligte. Ein Jahr 
später erklärte Rampolla dem französischen Botschafter Mon- 
bel vertraulich: »Der Heilige Stuhl sei bereit, sich Frankreich, so¬ 
gar Italien und - ohne jedes Schwanken - Rußland anzuschließen, 
wenn diese Mächte in den Kampf gegen Deutschland eintreten wür¬ 
den, denn die Hauptgefahr für sich sehe die römische Kurie ... in 
Deutschland« (Eine beinahe gleichlautende Erklärung für den 
Beistand Großbritanniens gab 14 Jahre später, 1912, Sir Edward 
Grey dem russischen Außenminister Ssasonow in London. Das 
vorgeblich papstfeindliche England schwenkte in die Kriegspolitik des 
Vatikans ein. Zufällige Übereinstimmung ist ausgeschlossen, jedoch 
die Weitergabe geheimer Pläne und Gedanken an »Eingeweihte« 
selbstverständlich). So organisierte die Kirche die künftige Kriegs¬ 
koalition. Den deutschen Diplomaten am Vatikan logen die Prie¬ 
ster schamlos an, »der Papst erhoffe sich von dem französisch-rus¬ 
sischen Bündnis die Wiederherstellung des Kirchenstaates«^ 240 ^. 
Punkt drei des im Vatikan ausgeheckten geheimen Eroberungs¬ 
programmes war, Österreich-Ungarn zur slawischen Balkangro߬ 
macht zu entwickeln, die einmal bis zum Schwarzen Meer reichen 
sollte. Als Punkt vier ergab sich daraus, wie Pressuti vorschlug, 
die »Aufteilung der Türkei«. 


111 


Bereits vor der Bekanntgabe des »PRESSUTI-Programms« folgte 
man in Wien den neuen kirchlichen Aufträgen. Schon am 7. Ja¬ 
nuar 1880 machte der österreichische Außenminister Baron Hay- 
merle bekannt, »daß die österreichische Regierung sich behufs 
Regelung der kirchlichen Angelegenheiten in Bosnien und Her¬ 
zegowina (die staatsrechtlich türkisch waren) mit dem Hl. Stuhl 
ins Einvernehmen gesetzt habe«. 1881 richtete der österreichi¬ 
sche Kaiser das Erzbistum Sarajewo und die Bistümer Banjaluka 
und Mostar ein. »Der Habsburgerstaat trat nun sofort als Missi¬ 
onsmacht gegenüber Südslawen und Moslems aufi 237) . 1908 wagte 
die Wiener Regierung, die beiden Balkanländer zu annektieren, 
was einen riesigen politischen Aufruhr in Europa auslöste. Der Hl. 
Stuhl und seine Wiener Vasallen ritten ihn kaltblütig durch. Sie er- 
öffneten nunmehr den Druck auf Serbien, dem sie so zusetzten, 
daß es vor der Wahl stand, entweder von Österreich-Ungarn ver¬ 
gewaltigt zu werden oder ein Konkordat mit dem Vatikan abzu- 
schließen. Man verschaffte sich das österreichische Protektorat 
über Albanien (Kardinal Agilardi: »Ein Glück für die katholi¬ 
sche Kirche«) und versuchte bereits nach (dem orthodoxen) Ma¬ 
zedonien zu greifen. 

Diese 35jährige Gewaltpolitik der Wiener Hofburg dürfte den 
letzten Zweifler überzeugen, wer hinter ihr stand und wie die Chri¬ 
stus- und Marienbotschaft der Kirche zu verstehen ist. Sie glaubte 
dem Ziel der Pläne nahe zu sein: Kardinal Nagl von Wien prophe- 
zeitezur Zeit des Balkankrieges 1912 »ein katholisches Slawenreich 
... durch den Einfluß einer katholischen Großmacht (Österreich) 
mit berechtigten Balkaninteressen«. Am 31. Januar 1913 sagte 
der österreichisch ungarische Außenminister Graf Berchtold 
dem deutschen Staatssekretär Helfferich, »die Auseinander¬ 
setzung zwischen Germanen und Slawen werde sich auf die Dauer 
nicht vermeiden lassen«. So ein Zeugnis der Hirnlosigkeit stellte 
sich ein Minister des Staates aus, der aus Deutschen und Slawen 
zusammengesetzt war. 

Die politische Entwicklung lief allerdings Kirche und erzkatholi¬ 
scher Wiener Kamarilla davon. Der nationale Haß gegen Öster¬ 
reich wuchs weitaus schneller als die Bekehrungen zum Katholi¬ 
zismus. Ja, wenn die Kirche den Balkanvölkern wirtschaftlichen 
Wohlstand verschafft hätte, dann wären sie vielleicht zu gewinnen 
gewesen. Doch das stünde ja im Widerspruch zu unserer alten Er¬ 
kenntnis, daß Kirchengläubigkeit und Volkswohlstand sich aus¬ 
schließende Gegensätze sind. Die slawischen Völker sahen nur die 
in Wien und Budapest regierenden hohen, anmaßenden, faulen 
und geistig beschränkten Adligen, sie sahen sie nicht als fromme 
Werkzeuge in den Händen römischer Priester. Sie sahen sich von 
ihnen politisch entmündigt und wirtschaftlich ausgeplündert. Ange¬ 
stachelt durch nationalistische Geheimbünde, erhofften sie in der 
nationalen Unabhängigkeit zugleich die wirtschaftliche Befreiung. 
Deren Fernsteuerung vom Ausland durchschauten die Eingeweih¬ 
ten freilich ebensowenig wie die österreichische Geheimpolizei. 
Um 1914 sahen die Weiterblickenden den baldigen Zerfall des 
Habsburgerreiches klar voraus. Österreich-Ungarn ging an seiner 
kirchlich geschaffenen Nationalitätenfrage zugrunde. Allein die - 
zu Unrecht - geachtete Person des greisen Kaisers Franz Josef 
hielt es noch zusammen. Die ganze Welt erkannte das, ausgenom¬ 
men Berlins Wilhelmstraße. Noch weniger fiel es dort jemand ein, 
sich über die Rettung des deutschen Teiles Gedanken zu machen. 
Der Habsburgerstaat war politisch und militärisch wertlos, ja eine 
Belastung, und als das hat er sich schnell herausgestellt. Die Auf¬ 
teilung seiner Konkursmasse hätte alle seine Gegner befriedigt, 
auch das Deutsche Reich endlich vollendet - und den Frieden er¬ 
halten. Nur, das wäre die Katastrophe der priesterlichen Weltherr¬ 
schaftspläne gewesen. 


Die letzten Zweifel an der Aufhetzung zum Kriege durch den Vati¬ 
kan hat Miller in einer ausführlichen Dokumentation vom Tisch 
gefegt. Ich will mich hier so kurz wie möglich fassen. Schon 1912, 
während des Balkankrieges sprachen maßgebende Katholiken 
von »dem lang erwarteten europäischen Krieg«, der »heute oder 
morgen kommen muß«. Sie sagten unverblümt in wessen Dien¬ 
sten: »Wenn ... der Papst und die Interessen der Kirche eines star¬ 
ken Armes und eines gewichtigen Wortes bedürfen, gewiß dann 
wird auch der katholische Kaiser Europas sich als Sohn der Kir¬ 
che zeigen und wie jeder Laie, wie jeder katholische Souverän ei¬ 
nes katholischen Staates dem HI. Vater seinen Einfluß zur Verfü¬ 
gung stellen, als Sohn dem Vater, als Kronfeldherr der Kirche « (241) . 
Pius X. erklärte bei einer Audienz des jungen Erzherzogs Karl 
am 24. Juni 1911 vor den verblüfften Angehörigen: »Ich segne 
den unmittelbaren Nachfolger des Kaisers Franz Josef auf dem 
Kaiserthron von Österreich.« Zu dieser Zeit kannte der Papst den 
Plan - und billigte ihn - , der aus Freimaurerlogen und Geheim¬ 
zirkeln erst ein Jahr später heraussickerte, nämlich den Thronfol¬ 
ger Franz Ferdinand für den äußeren Anlaß zum Krieg zu op¬ 
fern. War dieser slawophile Mann der Kirchenpolitik zu eigenwil¬ 
lig, hielt sie den einfältigen Karl für brauchbarer? 

Während in den spannungsreichen Julitagen 1914 die meisten 
Staatslenker - Churchill ausgenommen - zögerten, das Völ¬ 
kermorden zu entfesseln, ausgerechnet der »Heilige Vater« als 
einziger schlug hemmungslos auf die Kriegstrommel. Der bay¬ 
erische Gesandte am 24. Juli 1914 nach München: »Papst billigt 
scharfes Vorgehen Österreichs-Ungarn gegen Serbien und schätzt 
im Kriegsfall russische und französische Armee nicht hoch ein«. 
Der Papst rechnete also zuversichtlich mit dem Eingreifen Ru߬ 
lands und Frankreichs; er ließ seine Katholiken wissen, daß er ein 
riesiges Blutbad voraussah und es ihm willkommen sei. Der k.u.k. 
Gesandte am Vatikan Moritz Palffy: »Von einer besonderen 
Milde und Versöhnlichkeit war in den Bemerkungen seiner Emi¬ 
nenz (des Kardinal-Staatsseketärs) nichts zu fühlen. Seine Heilig¬ 
keithabe mehrmals das Bedauern geäußert, daß Österreich es un¬ 
terlassen habe, seinen gefährlichen Nachbarn an der Donau zu 
züchtigen ...«. 

Palffy wunderte sich, »weshalb die katholische Kirche, wo sie 
doch von einem heiligmäßen, von wahrhaft apostolischen Ideen 
durchdrungenen Oberhaupte geleitet wird, sich so kriegerisch zeigt. 
Österreich sei der katholische Staat katexochen (schlechthin), das 
stärkste Bollwerk des katholischen Glaubens. Dieses Bollwerk 
stürzen, hieße daher für die Kirche ihren mächtigsten Stützpunkt 
verlieren und im Kampfe gegen die Orthodoxie « (also war das der 
religiöse Zweck des Weltkrieges) »ihren stärksten Vorkämpfer fal¬ 
len zu sehen. In diesem Lichte betrachtet, läßt sich zwischen apo¬ 
stolischer Gesinnung und kriegerischem Geiste sehr wohl eine Brücke 
schlagen«^ 237 ). 

Für die fromme, seit Jahrhunderten vom katholisch-religiösen 
Wahn besessene Regierung der Habsburger war das ein Gottes¬ 
befehl, jeder andere Gedanke »Ungehorsam gegen Gott«. Daher 
wurde die serbische (de facto) Annahme des Ultimatums verwor¬ 
fen und der Krieg erklärt. Man erinnere sich der klerikalen Regie¬ 
rung Frankreichs im Sommer 1870, die genau so hörig den Krieg 
gegen Deutschland auslöste. Leider: Deutschland hatte jetzt kei¬ 
nen Bismarck. Wilhelm II. fürchtete jeden bedeutenden Mann, 
versagte während seiner ganzen Regierungszeit (30 Jahre lang) 
in der Wahl verantwortlicher Leiter des Reiches. Dieser Mensch, 
durch körperliche Mißbildung und erzieherische Fehlbildung 
zu allem untauglich außer zum Holzhacken, besaß die geistige 
(Un-)Reife eines Dreizehn-Vierzehnjährigen, über die er zeitle¬ 
bens nicht hinausgelangt ist. Er war verspielt, eitel, feige und fle- 


112 


gelhaft. An der Spitze eines Volkes von 60 Millionen stellte er eine 
immerwährende Gefahr für das Deutsche Reich dar. Das erkann¬ 
ten kluge Leute beizeiten, denn zwei- oder dreimal war man nahe 
daran, ihn abzusetzen, sogar zu entmündigen. Aber es fehlte ihnen 
sowohl Mut wie - noch wichtiger - Pflichtgefühl gegenüber Staat 
und Volk. 

Deutschland war an den Balkanhändeln unbeteiligt. Es bedrohte 
Rußland nicht. Das vom Papste feierlich gesegnete Bündnis von 
1897 war keineswegs so zuverlässig, um nicht von Rußlands In¬ 
teresse verworfen zu werden. Der russischen Kriegspartei wider¬ 
standen einflußreiche und erbitterte Gegner. Die Kreuzzügler in 
Frankreich und ihre Ränke schalteten sie nicht aus. Wie war der 
»Pontifex Maximus« der Orthodoxen Kirche zu bewegen, das 
Schwert zu ziehen als Werkzeug seiner geheimen Todfeinde Vati¬ 
kan und Freimaurerei? Sie griffen zum Äußersten: Der Präsident 
Frankreichs wurde persönlich Mitte Juli 1914 nach Petersburg ge¬ 
schickt. »Es wird viel Mühe machen, die Russen zu überzeugen« 
(»... daß marschiert werden muß«), sagte Poincare zu Kam¬ 
merpräsident Deschanel vor seiner Abreise. Millerand be¬ 
zeugte: »Ich habe Poincare gefragt: Aber was hast du den Rus¬ 
sen gesagt? Nie habe ich von ihm eine Antwort erhalten können«. 
Laut Angabe des ehemaligen Botschafters Georges Louis wur¬ 
den gewisse Andeutungen aus den Dokumenten getilgt 1242 ' 1 ! 
Poincare, dessen Vorfahren Viereggl hießen und aus Galizien 
nach Bar-le-Duc gekommen waren, hatte die Anleihen an Ru߬ 
land vermittelt - insgesamt 30Milliarden Franken. Er galt als »in¬ 
offizieller« Unterhändler des Bankhauses Rothschild. »RF« 
heißt wohl amtlich »Republique Francaise« - unter Wissenden 
bedeutet es »Rothschild Freres«! 

Das Bankhaus Rothschild steckte schon immer in dunklen po¬ 
litischen Geschäften und bediente sich dazu manipulierter Politi¬ 
ker. Es ist kein Geheimnis, daß Rothschild von Anbeginn Pläne 
der Zionisten finanziell förderte, eine »jüdische Heimstätte in Pa¬ 
lästina« zu schaffen. Der Zionismus ist eine religiös politische Be¬ 
wegung (gegründet »zufällig« auch 1897!). Ihren Ursprung fin¬ 
det man in den Mißständen und Klassengegensätzen des Zaren¬ 
reiches. Im 19.Jahrhundert durchtobten laufend Verschwörun¬ 
gen und Aufstandsversuche das russische Reich. Das fanatische 
(Ost-)judentum griff in den russischen Untergrundkampf ein 
und war nicht zimperlich in seinen Methoden. Die blutige Ten¬ 
denz war unaufhaltsam steigend (in einem Jahre allein - 1906 - 
gab es 4262 Attentate mit 1447 Todesopfern, unter ihnen 53 Mi¬ 
nister und hohe Beamte!). Jüdische Priester/Führer waren sich 
im klaren, daß polizeiliche Abwehrmaßnahmen des Zaren-Staa¬ 
tes das Rekrutendepot für das Fernziel der künftigen »jüdischen 
Heimstätte« kräftig auffüllten. 

Mit solcher Provokationspolitik wurde Rußland unregierbar. Die 
Monarchie und mit ihr die Orthodoxe Kirche - betont judenfeind¬ 
lich - mußte darüber fallen. Pläne, Intrigen und Politik des Juden¬ 
tums stimmten »zufällig« mit denen der Romkirche überein. 

Wir können somit das Geheimnis lüften, womit Nikolaus II. er¬ 
preßt wurde. Das Druckmittel hieß Geld: Frankreichs Staatsprä¬ 
sident war beauftragt, den Willen der Rothschilds durchzu¬ 
setzen - sie selber blieben vorsichtig im Hintergrund. Poincare 
drohte dem Zaren die Kündigung aller Kredite an, falls er nicht so¬ 
fort Rußland zum Kriege mobil mache. Beharre er auf seinem Wi¬ 
derstreben, würden die Finanzen Rußlands zusammenkrachen, 
die Wirtschaft Bankrott machen, eine Revolution ausbrechen, die 
1905 in den Schatten stellen und den Zaren stürzen würde. 
Zeugen haben später beschrieben, wie der Zar völlig niederge¬ 
schlagen den Befehl zu Mobilmachung Unterzeichnete - und ihn 
dennoch, nach der Abreise Polncares am 24. Juli, unter dem Ein¬ 


fluß der Friedenspartei und auf Vorstellungen Kaiser Wilhelms 
zurücknahm. Poincare, der die Nachricht bei seiner Rückkehr 
in Frankreich erhielt, bekam einen Wutanfall. 

Jetzt hing alles von der russischen Kriegspartei ab. An ihrer Spitze 
stand der Befehlshaber des russischen Heeres Großfürst Niko¬ 
lai Niicolajewitsch, Großgrundeigentümer, ungeheuer reich, 
überaus anmaßend und borniert, manipulierbar, ein fanatisch or¬ 
thodox Gläubiger, der alltäglich vor Ikonen Andachten hielt und 
die Truppen zu Betstunden kommandierte. Er war, wie sie in Ru߬ 
land genannt werden, »ein Narr in Christo«, besessener Pan¬ 
slawist und ebenso erbitterter Deutschenhasser. Sein religiöser 
Wahn stellte die Deutschen dar als das große Hindernis für die 
Eroberungspläne der Orthodoxen Kirche und eines noch größe¬ 
ren Rußland - das heißt seine Einverleibung aller Slawen. Als Eh¬ 
rengast der französischen Manöver im Sommer 1912 brachte er 
beim Abschlußbankett den Trinkspruch aus: »Auf unsere künfti¬ 
gen Siege! Auf Wiedersehen in Berlin!« und die anwesenden »alli¬ 
ierten« Generale applaudierten. 

Weitere maßgebende Kriegstreiber waren Freimaurer und eher 
zur Schau orthodox gläubig, ihre Motive anders, nur für Ahnungs¬ 
lose in kapitalistischer Geschichtsschreibung unerklärlich: Su- 
CHOMLINOW, der Kriegsminister, Januschkewitz, der General¬ 
stabschef, Ssasonow und Iswolskij, beide Minister und Diplo¬ 
maten. Eines ist von ihnen wohlbekannt: Sie lebten weit über ihre 
Vermögensverhältnisse. Ihre Frauen waren wegen ihrer extrava¬ 
ganten Reisen und Einkäufe das Gespött der Pariser. Diese Clique 
war enorm verschuldet, aber an wen? Welche Bank hatte ihnen 
Geld geliehen? Hatten sie es von Rothschild? Wer sonst, fragen 
wir heute, präsentierte ihnen die Schuldverpflichtungen ? Würde 
das erklären, wehalb diese Männer in den letzten Julitagen rasen¬ 
den Eifer entfalteten, dem Zaren den Widerruf seines Widerrufes 
aufzureden, weil sie längst eigenmächtig Mobilmachungsbefehle 
hatten hinausgehen lassen? 

Zahlreiche Ahnungslose traten in die Dienste der Kriegsentfesse¬ 
lung. In Deutschland wühlte das Zentrum, der politische Arm des 
Papstes, die Kriegsstimmung anzuheizen. Mathias Erzberger, 
ein von hohen katholischen Priestern geleitetes Chamäleon, das 
sich je nach Bedarf und Lage (über-nationalistisch, demokratisch, 
monarchistisch, militaristisch, pazifistisch, sozialistisch oder ka¬ 
pitalistisch färben konnte, verlangte unverschämte Annexionen 
zugunsten Deutschlands(?), so daß dies später als Beweis deut¬ 
scher Eroberungslust ausgelegt wurde. Kein Historiker hat darin 
eine echt ultramontane Provokation vermutet. »Die katholische 
Presse warnte vor jeder Vermittlung, vor jedem Nachgeben, jeder 
Freund des Friedens sah sich schwersten Beschimpfungen ausge¬ 
setzt ... einmütig kriegshetzerisch waren nur die katholischen Zei¬ 
tungen. Man muß das wieder einmal vor der Geschichte festhal- 
ten« l237 l. Sie beschworen die »Nibelungentreue« zu Österreich, 
denn der Bündnisfall lag zweifellos nicht vor, aber wenn sich das 
Deutsche Reich heraushielt, gingen ja alle Kriegspläne daneben. 
Wie die Kirche das wilde Nationalgefühl der Stunde ausbeu¬ 
tete, verriet der führende Jesuit Pater Lippert in den jesuitischen 
»Stimmen aus Maria Laach«: »Es ist wahr, Gott kann nicht in 
den Dienst des einen gegen den anderen Nationalismus treten. 
Wohl aber kann und soll jeder Nationalismus , auch wenn er Kriege 
führt, in den Dienst Gottes treten«. Man lese das noch einmal, setze 
für »Gott«= »Priester« - wie man es immer tun soll! Die Auf¬ 
hetzung der Franzosen zur »Revanche«, zur Rückeroberung der 
doch rein deutschstämmigen »Verlorenen Provinzen« war ge¬ 
schickt chauvinistisch verbrämter Vorwand. Den Italienern we¬ 
delte »Gott« die »historische Brennergrenze Italiens« und »Be¬ 
freiung der Irredenta« unaufhörlich vor, um die Kriegswilligkeit 


113 


des Volkes anzufachen. Und der Priester stand unsichtbar dahin¬ 
ter! Ich erinnere an die Äußerung des Kardinal Rampolla, der 
»ohne jedes Zögern« Italien (sowie Rußland), letztlich alle Völ¬ 
ker in den Kampf gegen Deutschland schicken wollte. 

Der okkultgläubige Generalstabschef von Moltice der Jüngere 
ermunterte den Wiener Klüngel zum Krieg und versprach - unbe¬ 
fugt - deutsche Unterstützung. Er ließ das »Medium« Lisbeth 
Seidler ins Große Hauptquartier zu spiritistischen Sitzungen brin¬ 
gen, die ihm den schlechten Ausgang des Krieges »weissagte«. 
Zynisch hat der Hochgradfreimaurer und »Antroposoph« Ru¬ 
dolf Steiner, der hinter der Seidler stand, in einem Vortrag im 
Oktober 1916 in Dornbirn eingestanden: »Und wenn einmal die 
Zusammenhänge aufgedeckt werden zwischen manchem, was im 
politischen Leben geschehen ist und den Quellen in den okkulten 
Verbrüderungen, dann wird man sonderbare Entdeckungen ma¬ 
chen. Es würde interessant sein zu zeigen, wie diese Maschinerie 
wirkt, die aus gewissen okkulten Verbrüderungen heraus die Fäden 
zieht und die betreffende maßgebende Persönlichkeit als recht un¬ 
maßgeblich erscheinen ließe«* 237 ). 

Ähnlich äußerte sich Thomas Mann in den »Betrachtungen ei¬ 
nes Unpolitischen« (1919), die Geschichte werde lehren, welche 
Rolle die internationalen Logen, die Freimaurerei, »unter Aus¬ 
schluß der ahnungslosen deutschen natürlich«, bei der Vorberei¬ 
tung und Entfesselung des Weltkrieges gespielt hätten. Hat sie es 
wirklich? Davon berichtet eine »anerkannte« Geschichteschrei¬ 
bung kein Wörtchen. Man muß »Untergrundliteratur« kennen, 
solche, die der geheimen Schweigezensur unterliegt, um etwas 
darüber zu erfahren 1 - 243 ). Dann gibt es keinen Zweifel, daß andere 
Geheimgesellschaften genau so auf den Weltkrieg hinarbeiteten 
wie die katholische Kirche. Man staunt über die verschwiege¬ 
nen Beziehungen der englischen, französischen, russischen Lo¬ 
gen untereinander und zu (»nationalen«) serbischen Geheim¬ 
bünden, deren Fernsteuerung von London, wo man am Sonntag, 
dem 28. Juni 1914 mit Spannung auf das Ergebnis des Attentats 
wartete* 244 / Auch fünf Wochen später lag die Entscheidung über 
Krieg und Frieden in London. Denn Wilhelm II. wäre nie in den 
Krieg gegangen, hätte er geahnt, England werde sich der Front ge¬ 
gen Deutschland anschließen. Das wußte die seit 1906 kriegsent¬ 
schlossene Führung Großbritanniens ganz genau. Er wurde da¬ 
her von seinen jüdischen Freunden Ballin und Haldane* 245 ) be¬ 
wußt im Irrtum bestärkt. 

Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg, Bankiersohn, Muster¬ 
schüler der ersten humanistischen Erziehungsstätte Deutsch¬ 
lands (Schulpforta), schon deshalb vollständig verdorben, ohne 
Weitblick oder seelische Verpflichtung zum deutschen Volke, 
stellte sich vorbehaltlos hinter die Wiener Hofburg. Niemand hat 
Deutschland mehr geschadet und zum Kriegsausbruch mehr bei¬ 
getragen als Bethmann-Hollweg, der als Hochgradfreimaurer 
schon zu seiner Amtszeit - und danach - von sämtlichen einflu߬ 
reichen Literaten und Historikern des In - und Auslandes gegen 
alle Vorwürfe abgeschirmt wurde. Er hielt am Bündnis mit Öster¬ 
reich fest, setzte die Kriegserklärung an Rußland durch und sprach 
im Reichstag von einem »deutschen Unrecht an Belgien«. Seine 
Rolle im Kriege war die unheilvollste die man sich denken kann. 
Er arbeitete auf Neugründung Polens (als katholischer Kirchen¬ 
staat) hin, verhinderte mit größter Energie Verhandlungen über 
einen Sonderfrieden mit Rußland, sabotierte den Seekrieg gegen 
Großbritannien. Tirpitz brachte überzeugende Argumente vor, 
daß Bethmann-Hollweg ein Mann der Alliierten, vor allem 
Englands war* 246 / Bethmann-Hollweg handelte aber auch voll¬ 
ständig im Sinne der Kriegspolitik des Heiligen Stuhls. Man ist zu der 
Frage berechtigt, ob Freimaurerei und Kirche, die sich in den un¬ 


teren Graden erbittert bekämpfen, nicht in Wirklichkeit eine ge¬ 
meinsame, geheime Oberleitung haben* 247 ). 

Das Ende einer verfaulten Herrenschicht 

Es wäre nie zu dem großen Massenmorden gekommen, hätten 
die Mächtigen nicht in den entscheidenden Tagen vor Kriegsbe¬ 
ginn die Goldwährung über Bord geworfen. Das Gold, um das seit 
3000Jahren immer wieder Kriege geführt wurden, das so viel Un¬ 
glück über die Menschheit gebracht hat, wäre erstmals Retter der 
Völker geworden, wenn die Staatsführungen an ihm festgehalten 
hätten. Denn als die Gefahr eines Krieges heraufzog, versuchte 
jedermann, Gold zu ergattern und sich in dem Besitz von etwas 
Kostbaren und Wertbeständigen zu sichern. Der Goldgeldumlauf 
brach schlagartig zusammen. 

So plötzlich kam der Kollaps der Goldwährung, daß die Bevöl¬ 
kerung eine regelrechte Psychose erfaßte. Gerüchte von französi¬ 
schen und russischen Agenten, die sich mit dem Golde über die 
Grenze davonmachen wollten, versetzten ganz Deutschland, vor 
allem nahe den Grenzen, in regelrechte Raserei. Wachen sprangen 
auf, die alle Autos anhielten und durchsuchten, es wurde von den 
Goldj ägern sogar aus Panik geschossen. Hätte man von genau dem 
gleichen Schauspiel in Rußland, Frankreich, Großbritannien oder 
Italien gewußt. Dort rasten Gerüchte von deutschen Agenten, die 
das Gold heimlich über die Grenze schaffen wollten, was man mit 
den gleichen Mitteln wie in Deutschland zu begegnen suchte. 

Weil die Reichsbank - wie alle Notenbanken der Großmächte - 
verpflichtet war, ein Drittel der ausgegebenen Noten durch Gold 
zu decken, wäre sie innerhalb weniger Stunden alles Gold losge¬ 
worden, um in den Truhen der »Glücklichen« auf bessere Zei¬ 
ten zu warten. Den Gesetzen zufolge hätten die Notenbanken nun 
alles Papiergeld zurückrufen müssen. Die Wirtschaften wären 
aus Geldmangel zum Stillstand gekommen und keiner der Staaten 
wäre imstande gewesen, einen Soldaten in Marsch zu setzen oder einen 
einzigen Schuß abfeuern zu lassen. 

Das Gold versagte, als es sich ein einziges Mal nützlich zeigen konnte. 
Es hielt dem bloßen Glauben an einen Krieg nicht stand und ver¬ 
schwand - spurlos* 248 ). Die Notenbanken weigerten sich, die für 
sie gemachten Gesetze zu beachten* 249 ). Die Einlösepflicht in Gold 
wurde überall in der Welt sang- und klanglos aufgehoben. Man 
brauchte Geld für den Krieg, Geld, Geld und noch mehr Geld. 
Papier war gut genug dazu. Und weil selbst der Staatschatz, der 
im Juliusturm zu Spandau aufbewahrt wurde, nur für einige we¬ 
nige Tage Krieg gereicht hätte* 250 ), mußte der Reichstag Kriegs¬ 
kredite bewilligen. Der Krieg wurde fortan »auf Pump« geführt. 
In Frankreich, England, Rußland, Österreich-Ungarn wurde das 
Geld für die Kriegführung geborgt. Von wem? Von den Bankiers 
natürlich - und das Volk mußte garantieren. Jede Anleihe, die der 
Bankier »plaziert«, muß vom schaffenden Volke, niemand sonst, 
bezahlt werden. Mehr noch. Die Regierungen mobilisierten ihre 
Heere und Flotten, hätten sie nicht auch das Geld mobilisieren 
müssen? Nein, sie krochen zu den Geldbesitzern, versprachen ih¬ 
nen einen höheren Zins als im Frieden, bettelten sie an: »Zeichnet 
Kriegsanleihen! Ohne Geld können wir nicht Krieg führen«* 2S1 ). 
Niemand soll das einseitig sehen, bei den Alliierten wurden die 
genau gleichen Methoden angewendet. Ja, Engländer und Fran¬ 
zosen gingen bald zur Hochfinanz nach USA und legten dort An¬ 
leihen auf, und für die war es ein gutes Geschäft, das sie sich nicht 
entgehen ließ. Trotzdem war der Goldwahn nicht tot. Die Reichs¬ 
bank rühmte sich im Jahre 1917 mehr Gold in Reserve zu besit¬ 
zen als zu Anfang des Krieges. Diesem Wahn zuliebe opferten Kai¬ 
ser, Kanzler und Reichstag Hunderttausende von Hungertoten im 
berüchtigten Steckrübenwinter 1916/17. Für das Gold, das nutz- 


114 


los in den Kellern der Reichsbank lagerte, hätten die goldwahn¬ 
sinnigen Engländer selber dem deutschen Volk genug zu essen ge¬ 
liefert. Dieser Goldhort mußte nach dem Waffenstillstand ausge¬ 
händigt werden, das deutsche Volk aber weiter hungern. 

Fromme berufen sich seit tausend Jahren auf die Bibel und den 
»Willen des Herrn«, um Völkerkatastrophen zu »prophezeien« 
(Bisher wagte niemand, Naturkatastrophen vorauszusagen). Etwa 
1884 tauchten in den Vereinigten Staaten die sogenannten »Ern¬ 
sten Bibelforscher« (später »Zeugen Jehovas«) auf, die aus der 
Bibel die große Endschlacht von Armageddon, Wiederkehr Christi 
Jesu, das Jüngste Gericht und die Errichtung des »Gottesreiches 
auf Erden«, die »Bindung Satans auf 1000 Jahre« ganz genau 
für den Herbst 1914 »prophezeiten«. Diese Leute, die natürlich 
nicht wußten, wozu sie benutzt wurden, verkündeten öffentlich die 
geheimen Pläne einer Weltherrschaft der Priester auf den Trüm¬ 
mern Deutschlands. Denn im gleichen Herbst 1914 sollte die rus¬ 
sische Armee in Berlin einmarschieren, die Zarenfamilie sprach 
offen, dort den Franzosen die Hände zu schütteln; die englische 
Flotte wollte bei Helgoland »die Schiffe des Kaisers in den Grund 
bohren« ( ' 2S2) . Was danach kommen sollte, haben die Drahtzieher 
nicht bekannt werden lassen, weil sie von der Wucht der Ereig¬ 
nisse überrannt wurden. Die jahrzehntelang ausgeheckten Pläne 
waren vollständig mißlungen (253 \ 

Denn im Herbst 1914 war der Angriff Österreich-Ungarns auf 
das kleine Serbien völlig fehlgeschlagen, die »russische Dampf¬ 
walze« von Hindenburgs Armee für immer aufgehalten und 
im langsamen Zurückrollen. Der Versuch Lothringen zu erobern 
hatte zu einer französischen, der deutsche Vormarsch in Frank¬ 
reich zu einer deutschen Niederlage (»Wunder an der Marne«) 
geführt. Eine Handvoll U-Boote löste Panik in der britischen Ma¬ 
rine aus; vor ihr floh die Grand Fleet^ 254 ) im September 1914 aus 
dem Firth of Forth nach Scapa Flow, fühlte sich auch dort nicht si¬ 
cher und verlegte im Oktober weiter fort nach Loch Ewe (West¬ 
küste Schottlands) und schließlich sogar nach Nordirland. Nord¬ 
see und englische Küste lagen im Herbst 1914 der Hochseeflotte 
wehrlos offen. Und sonderbar, zur gleichen Zeit traten »Freunde « 
und »Berater« des Kaisers in Aktion, an der Spitze Reichskanzler 
Bethmann-Hollweg, sie beschworen ihn eindringlich und mit 
Erfolg, die deutsche Flotte jetzt nicht gegen England einzusetzen. 
Der Krieg hatte sich festgefahren. Man konnte sich um Frieden auf 
der Grundlage des Status quo einigen - wenn es die politisch - re¬ 
ligiös - kapitalistischen Geheimbünde nicht gegeben hätte. An de¬ 
ren Bösartigkeit scheiterten alle Friedenswünsche der Völker. 
Nicht nur sie wollten ihre Kriegsziele trotz allem erreichen, gleich¬ 
gültig wie viele dafür sterben mußten. Der Krieg stellte sich als ein 
gewaltiges Geschäft für das Großkapital heraus, der nach dessen 
Wünschen ewig dauern könnte. 90% der Kriegsanleihen - hüben 
wie drüben - flössen in Koffer der Waffenfabrikanten. Der Waf¬ 
fenkönig Großbritanniens, »Sir« Basil Zaharoff, dunkler 
Herkunft und Milliardär, »beriet« persönlich die britische Re¬ 
gierung vor jeder Entscheidung von Kriegsoperationen. Krupps 
- Kanonen und Granaten, an Rußland geliefert, mit hochverzin¬ 
sten Anleihen aus Frankreich bezahlt, zerfetzten deutsche Solda¬ 
ten. Vickers-Armstrong versorgte die Türkei mit Munition, 
die die Türken den Engländern - explodierend - zurückschick¬ 
ten. Das löste einen Skandal aus, aber eine »Königliche Kommis¬ 
sion« fand nichts Arges darin. Krupp war darin verwickelt: Für 
die KRUPP-Patentrechte und 123 Millionen Zünder mußte Vnt- 
kers nach dem Kriege enorme Entschädigung zahlen! Der »Pul¬ 
vertrust« der DuPonts in Amerika lieferte allein 40% der Muni¬ 
tion der Alliierten und schlug daraus 948 Millionen Dollars Ge¬ 
winn (» ohne die DuPonts wären die D eutschen nie besiegt wor¬ 


den«). Die »Kriegsgesellschaften« des Judenführers Rathenau 
monopolisierten den deutschen Rohstoffmangel und schütteten 
100% Dividende aus. Das sind nur einige Beispiele: Wären Kriege 
kein internationales Riesengeschäft, hätten wir immer Friede. 

Man hatte sich in der Kraft des deutschen Volkes verrechnet. Zwei 
Jahre lang widerstanden 60 Millionen einer zehnfachen Über¬ 
macht. Doch die »Geschäftsleute des Todes« wußten nicht nur 
der geldmachthörigen Regierung des Professors Woodrow 
Wilson, sondern auch der Staatsführung Deutschlands alle po¬ 
litischen Schritte vorzuschreiben - damit das Geschäft mit dem 
Tode nicht behindert werde. Gestört wurde es durch den U-Boot- 
Krieg (Versenkung der mit Munition beladenen »Lusitania« Mai 
1915). Am 17. März 1916 (man beachte das kabbalistische Da¬ 
tum) wurde Tirpitz, der zähe Verfechter energischer Seekriegs¬ 
führung, entlassen. Den Monat danach erreichte Wilson von 
Bethmann-Hollweg seine völlige Einstellung. Erst dadurch 
wurden »Materialschlachten«(!) militärisch möglich, wuchsen 
die Opfer des Todesgeschäftes in die Millionen. Auch hier gingen 
unfähige, sofern nicht weltanschaulich (d. h. von Priestern) ge¬ 
lenkte Schufte der deutschen Führung voran: 21. Februar 1916, 
Beginn des völlig sinnlosen Angriffes auf die Festung Verdun. Im 
Westen griffen die Briten (Somme), im Süden die Italiener (Iso- 
nzo), im Osten die Russen (Brussilow) an. Die britische See- 
Blockade wirkte sich jetzt wirtschaftlich würgend aus, aber es 
mißglückte, die deutsche Flotte am Skagerrak zu vernichten. Al¬ 
lerdings war diese Seeschlacht - was ganz wenige wissen - Anlaß 
zu einer gewaltigen Börsenspekulation und wurde ein Millionen¬ 
profit der britischen und US-Geldfinanz wie einst die Schlachtbei 
Belle Alliance/Waterloo. 

Die deutschen und österreichischen Fronten wankten unter den 
Generalansturm. Als Rumänien am 27. August 1916 den Krieg er¬ 
klärte, womit die letzte versorgungswichtige Basis verloren war, 
sah die Lage für Deutschland hoffnungslos aus. Jetzt erst, ange¬ 
sichts des Versagens seiner unfähigen Generale und Schranzen 
ließ sich der Kaiser nach zweijährigem, eigensinnigem Widerstre¬ 
ben herbei, den General in die Oberste Heeresleitung zu berufen, 
der ihm in diesem Kriege alle Siege erfochten hatte: Erich Lu¬ 
dendorff. Aber die Logen- und Priesterpresse häufte auf den al¬ 
ten, senilen Hindenburg allen Ruhm, während Ludendorff 
für den sensationellsten Sieg des Weltkrieges (Tannenberg) die 
billigste Auszeichnung erhielt (Eisernes Kreuz 2. Klasse), für zwei 
andere Siege (Straf ?-)Versetzung. Er ist vom Kaiser nicht weniger 
als viermal aus wichtigen militärischen Stellungen abberufen wor¬ 
den. 

»Ludendorff krempelte den Krieg um«. Er befahl, sofort den 
Angriff auf Verdun einzustellen, der Deutschland eine halbe Mil¬ 
lion Tote gekostet hatte. Er griff Rumänien, Rußland und Italien an 
und schlug sie zu Boden. Er reorganisierte die Widerstandskräfte 
und Wirtschaft Deutschlands. Kein Wunder, daß Erich Luden¬ 
dorff für Geheimgesellschaften und ihre Ziele die Verkörperung 
des Hassenswerten darstellt. Er hatte ihnen in drei Monaten Pläne 
und Siegeshoffnungen zu gründlich verdorben. 

Im November 1916 war die Krise bei den Alliierten. Russische 
Soldaten wollten nicht mehr kämpfen. Auch französische Trup¬ 
pen zeigten sich erstmals unbotmäßig. Große Unruhen und Wi¬ 
derstände im ganzen Britischen Weltreich (Irland, Indien, Austra¬ 
lien), die Entente-Regierungen unter sich zerstritten. In einer Ge¬ 
heimsitzung der Kammer erklärte Ribot es als unmöglich für die 
Entente, Deutschland zu bezwingen, man müsse die Amerikaner 
in den Krieg bringen und ihre Hilfe abwarten. Alle Hoffnungen, 
imjahre 1917 den Frieden diktieren zukönnen, waren dahin. 

Da eröffneten der Tod von Kaiser Franz-Josef am 21. Novem- 


115 


ber und die Wiederwahl Wilsons neue Möglichkeiten. Im De¬ 
zember wurde in England Lloyd George Erster Minister, großer 
Freimaurer, Strohmann der Bankiers, bekannt für Härte gegen die 
kriegsmüden Völker des Empire. 

Zwei Tage nach Franz-Josefs Tod liefen jahrelang vorberei¬ 
tete Intrigen an, Österreich-Ungarn von Deutschland zu tren¬ 
nen. Dem Hl. Stuhl ging es keineswegs um den allgemeinen Frie¬ 
den, ihm ging es um die Rettung des brüchigen Habsburgerstaa¬ 
tes. Rußland mochte (sollte) fallen, aber die »apostolische Maje¬ 
stät« sollte als »Kronfeldherr der Kirche« erhalten werden. Der 
hoffnungslos geistig beschränkte, willenschwache Kaiser Karl, 
beherrscht von der katholisch besessenen, deutschfeindlichen 
Kaiserin Zita, ließ sich zum Landes- und Bündnisverrat bere¬ 
den. Sein Schwager, der Bourbon-Parma Prinz Sixtus, ein (afHli- 
ierter) Jesuit und französischer Offizier, diente als Zwischenträger, 
einen Sonderfrieden zu erbetteln. Hinter dem Rücken Deutsch¬ 
lands verhandelte der ehrlose, verlogene Habsburger bis zum 
Winter 1917/18 mit der Entente. Zweimal ließ er Sixtus zu per¬ 
sönlichen Gesprächen nach Wien kommen (24. bis 25. März und 
8. Mail917) und gab alle Staatsgeheimnisse preis. Für die Poli¬ 
tiker der Alliierten, denen SixTUS ausführlich Bericht erstattete, 
war Karls Angst- und Schwächebekenntnis Grund genug, Hoff¬ 
nung zu schöpfen. 

Unbedingt mußten jetzt die Vereinigten Staaten in den Krieg ge¬ 
zogen werden. Kein Problem mit dem leicht erpreßbaren Präsi¬ 
denten, wohl aber der amerikanischen Öffentlichkeit, der er als 
Friedensengel dargestellt worden war. Den Umschwung der Stim¬ 
mung besorgte die Fernsteuerung der internationalen Logen auf 
dem Umweg über Deutschland: Ganz überraschend gab Reichs¬ 
kanzler Bethmann-Hollweg am 6. Februar 1917 seinen hart¬ 
näckigen Widerstand gegen den U-Boot-Krieg auf. Das war der er¬ 
sehnte Vorwand für Wilson, am 6. April den Krieg zu erklären. 
Am 15. März 1917 wurde der Zar gestürzt^ 2SS \ Am 17. März 
(schon wieder!) bildete sich die »Vorläufige Regierung« unter 
Fürst Lwow (Freimaurer), Kerenski (alias Apfelbaum) wurde 
Kriegsminister. Wenn nicht Reichskanzler Bethmann-Hollweg 
den deutschen Weitermarsch zum Siege verhindert hätte , wäre Ru߬ 
land aus dem Kriege ausgeschieden. Rußland hatte keine Armee, 
keine Wirtschaft, kein Geld mehr. 

Aber die Großbanken der USA hatten genug davon, nicht zu ver¬ 
schenken, o nein, aber zu »leihen«. Verzinsung und Rückzah¬ 
lung ... von den Kindern der Kriegsopfer. »Die US-Regierung 
gewährte Anleihen von 325 Millionen Dollars für die Vorläufige 
Regierung. Elihu Root, der Präsident Wilsons Mission nach 
Rußland führte, machte ihr klar, daß die Bedingung lautete: >Kein 
Krieg, kein Geld<« ( - 256 J 

Lenin sah den Zweck klar wie alle Eingeweihten. Aus seinem Exil 
in Zürich, veröffentlicht in der »Prawda« am 3. April, »schrieb 
er den Erfolg der März-Revolution den »britischen und französi¬ 
schen Botschaften mit ihren Agenten und Verbindungen zu, die 
ungeheure Anstrengungen machten zu verhindern, daß Niko¬ 
laus II. einen Sonderfrieden mit Deutschland schloß«« 1 - 257 ) (Der 
ihm und zugleich Wilhelm II. den Thron erhalten hätte). 

Dem Umsturz in Rußland folgte ein Ränke- und Betrugsspiel 
ohnegleichen in der Geschichte. Für alle, die das Zusammen¬ 
wirken von Geld, Religion und Geheimbünden nicht begreifen - 
undurchschaubar. 

Von US-Großbanken finanziert und mit von Präsident Wilson 
persönlich ausgestellten Pässen versehen verließen Bronstein/ 
Trotzici und ein Haufen anderer bolschewistischer Revolutio¬ 
näre schon am 26. März New York - und wurden am 3. April in 
Kanada verhaftet^ 258 ). 


Lenin, der noch am 24. März nichts von Reiseplänen nach Ru߬ 
land wußte, auch kein Geld zum Reisen besaß, brachten geheime 
Fürsprecher der finanziell und religiös einflußreichsten Kreise 
Deutschlands (von denen er nie etwas in Wort und Schrift verra¬ 
ten hat) ins Rennen um die Macht in Rußland. Ein Handlanger 
des »jüdischen Weltweisen« Rathenau, ein gewisser Dr. Hel- 
phand - (nomen est omen) auch unter dem Namen Parvus 
(alias Israel Lazarowitsch) bekannt, machte ahnungslose 
maßgebende Deutsche auf Lenin in Zürich aufmerksam, nur der 
sei fähig, den Kriegswillen der Russen zu zersetzen. Sein Vorschlag 
wurde unterstützt von Erzberger, dem willigen Agenten des Vati¬ 
kans 1 ' 1 ^. Erzberger unternahm nichts ohne priesterliche Wei¬ 
sung! Bethmann-Hollweg, der sich bisher allen Friedensver¬ 
handlungen mit Rußland widersetzt hatte, war von Helphands 
Vorschlag und Erzbergers Fürsprache begeistert und erklärte, 
das sei »ein brillantes Manöver«. Er veranlaßte, Lenin auf Ko¬ 
sten des Deutschen Reiches mit 50 Millionen Mark auszustat¬ 
ten, wohlgemerkt ohne Bedingung, Frieden mit Deutschland zu 
schließen oder es zurückzuzahlen. Die Koffer voll Geld erklären, 
weshalb Lenin und seine Mitbolschewiken in einem geschlosse¬ 
nen Sonderzuge über Schweden nach Rußland fuhren. Nun, die 
Drahtzieher wissen seit 3000 Jahren, daß ohne reichlich Geld je¬ 
der Versuch einer »Machtergreifung« zum Scheitern verurteilt 
ist. Wenn sie politische Gimpel über den Zweckbelügen und noch 
dafür zahlen lassen, um so billiger gelingt das Komplott* 259 -*. 

Daß die katholische Kirche mit hinter diesem Schachzug steckte, 
mag vielen ungeheuerlich, undenkbar, unmöglich erscheinen. 
Lenin und seine Bolschewisten, waren sie nicht als Gottlose und 
Feinde des Glaubens bekannt? Ich frage dagegen: Darf man so¬ 
genannte Arbeiterführer und Politiker für ehrlich halten, die von 
den größten Kapitalisten Geld annehmen? Waren sie in Fragen 
der Religion ebenso unehrlich oder besser: verlogen? War Lenin 
aus Vorsicht ebenso schweigsam in seinem Verhältnis zur katholi¬ 
schen Kirche wie über seine Geldgeber? 

Nicht Lenins marxistischer Biograph David Shub, der Prie¬ 
ster und Mitarbeiter des »Osservatore Romano« Dr. Viktor 
Bede, hat 1929 im Zentrumsblatt »Germania« voll Stolz zugege¬ 
ben, daß er ein Duzfreund Lenins gewesen war und mit ihm viele 
freundschaftliche Aussprachen hatte. Priester Dr. Bede schrieb, 
Lenin habe stets voll Bewunderung und Anerkennung der Macht 
der katholischen Kirche und ihre Beherrschung der Menschen gespro¬ 
chen. »Unsere Ideale und deren Märtyrer müssen ähnlich denen 
der Kirche zum Triumphe führen«, habe Lenin erklärt. Worauf 
ihm Bede zu bedenken gibt: »Wie wäre es aber, wenn man sich 
eine Art von Allianz zwischen Kommunismus und der größten mo¬ 
ralischen Macht, dem Papsttum vorstellen könnte?« Also, Priester 
steckten mit Lenin im Exil zusammen, um eine Allianz zwischen 
Kirche und Bolschewismus zu schmieden. Da Jesuiten voller Eifer 
in gleichem Geiste wühlten, wie viele ihrer Veröffentlichungen er¬ 
kennen lassen, erfüllten sie Kirchenpolitik* 260 *. 

Demnach war Lenin kein Feind von Religion und Papsttum. Die 
Kirche machte mit der Förderung Lenins und des Bolschewismus 
Politik auf weite Sicht. Lenin sollte die orthodoxe Kirche zerstören, 
damit auf ihren Trümmern Rom seine Richtung des Christentums 
errichten konnte. Die Brutalität der Roten geschah im Dienst für 
die römische Kirche: Abschlachten des Grundeigentümer-Adels, 
Hauptstütze der Orthodoxen, und Ausrotten des unabhängigen 
Bauerntums. Wie überall, wohin die Kirche seit 1500 Jahren ihre 
Diener mit dem Schwerte schickte. Sie wußte andererseits, daß 
das Wirtschaftssystem der Kommunisten ohne die Fessel der Reli¬ 
gion nicht dauern würde. 


116 


Und genau das ließen ihre Priester mit dem bei ihnen üblichen Ge¬ 
schrei von großen Wunderereignissen den einfältigen Gläubigen 
auf der Erde verkünden: Am 13. Mai 1917 erschien in Fatima die 
»Muttergottes« drei (!) Hirtenkindern zu ersten Male*- 261 ^. Die 
»Erscheinung der Maria« zu diesem Zeitpunkt macht uns nach¬ 
denklich, weil ihre »Offenbarungen« ein politisches Programm 
zum Inhalt haben - sie beschäftigen sich mit dem Schicksal Ru߬ 
lands. Rußland werde sich zur römischen Kirche bekehren - ent¬ 
weder freiwillig oder »mit Blut und Tränen«, und »etliche Völ¬ 
ker werden vernichtet werden«. Man beachte: Zur gleichen Zeit, 
da Bolschewiken von internationalen Großbanken finanziert 
den Umsturz in Rußland versuchen, prophezeien die Priester der 
Weltöffentlichkeit, daß sie in naher oder ferner Zukunft von der 
katholischen Kirche abgelöst werden. 

Als Trotzici und seine Gruppe von Bolschewiken am 3. Mai 1917 
endlich in Rußland ankam, hatten sie ebenfalls die Koffer voll Bar¬ 
geld. Zugegeben werden zwar nur 10000 Dollar, aber das dürfte 
bloß das Reisegeld gewesen sein. Die tatsächlichen Beträge waren 
bestimmt ein Vielfaches davon. Denn in jenen Tagen sind viele 
Millionen nach Rußland geflossen, als Bargeld sind sie irgendwie 
angekommen. Spendierer waren Großbanken von New York, wie 
Kuhn Loeb und Co., Chase Manhattan (Rockefeller) und - 
Guaranty Trust, das heißt J. P. Morgan. Morgan aber galt als 
Bankier des Papstes^ 242 '. Es war die Intervention von Agenten des 
Guaranty Trust, die bei den kanadischen Behörden die Freilas¬ 
sung Trotzkis durchsetzten (2S8) . 

Doch die Revolutionspläne der Bolschewiken kamen nicht von 
Fleck. Lenins Versuch am 16. bis 17.April mißglückte, der für 
Mai geplante Putsch blieb in der Schublade. 

Zu dieser Zeit rannten die Franzosen vergeblich gegen Luden¬ 
dorffs verbesserte Abwehr der Westfront an - und brachen 
ebenfalls zusammen. Im Mai 1917 entlud sich die Verzweiflung 
über das Massenmorden in allgemeiner Meuterei des französi¬ 
schen Heeres. Sie wurde mit scheußlicher Brutalität von dem neu¬ 
ernannten Generalstabschef Foch^ 262 ^ unterdrückt. Hunderte 
Franzosen sollen füsiliert worden sein. Bezeichnend: Alle Akten 
darüber sind vernichtet. Der gewissenlose Foch, eine militäri¬ 
sche Null, stand beim Papste im höchsten Ansehen. Mit Sicher¬ 
heit ist seine Ernennung ebenso kirchlich veranlaßt wie die Sen¬ 
dungen Pacellis und Erzbergers. 

Der Papst wußte um den Ernst der Lage. Zum Schutze von Pa¬ 
ris standen nur noch zwei Divisionen in der Front. Der unbe¬ 
schränkte U-Boot-Krieg ließ die Versenkungsziffern der Han¬ 
delsschiffe in die Million-Tonnen-Höhe schnellen. Am 5. April 
schickte Lloyd George seinen Verbindungsmann zu den Zio¬ 
nisten, Arthur Balfour, nach New York, um über dringende 
Finanzhilfe (und andere, jüdisch-religiöse Pläne) zu verhandeln. 
Am 7. April telegrafierte er verzweifelt nach Amerika: »Schiffe, 
Schiffe, abermals Schiffe!«. Großbritanniens Zufuhr schwebte 
imjuni am Rande des Zusammenbruches. Im August 1917 brach 
auch die Disziplin der britischen Armee zusammen. Um die briti¬ 
sche Hauptbasis Etaples trieben sich zeitweise über 5000 Deser¬ 
teure herum. Deutschland hatte den Frieden in der Hand - wenn 
nicht in dieser für die Alliierten fürchterlichen Krisis Papst und Kir¬ 
che eingegriffen hätten. 

Sie schickten den besten Diplomaten des Heiligen Stuhls, Eu- 
GENIO Pacelli (wurde später Papst Pius XII.) am 26. Juni 1917 
nach Deutschland. Das ließ in der Wilhelmstraße keine Alarm¬ 
glocken schrillen, löste kein Nachforschen über die Personalien 
dieses einflußreichen Priesters aus. Jeder Sachbearbeiter hätte so¬ 
fort entdeckt, daß Pacelli zum engsten Kreise des »glühenden 
Deutschenhassers« Kardinal Rampolla gehörte, dem Vater der 


Einkreisung und Bündnis Frankreich/Rußland. Mitglieder der 
vatikanischen Kreuzzugsclique waren Papst Benedikt XV und 
Kardinal/Staatssekretär Ferrata, früherer Nuntius in Paris, als 
dessen Assistent Pacelli jetzt wirkte. Man konnte den Akten ent¬ 
nehmen - wozu sonst werden die Akten im Auswärtigen Amt auf¬ 
bewahrt? - daß der Vatikan im Juli 1914 der eifrigste aller Kriegs¬ 
treiber gewesen war. Es lag absolut kein Grund zu der Annahme 
vor, die Kurie habe ihre Kreuzzugspolitik gegen das Deutsche 
Reich und den evangelischen Kaiser aus Friedenssehnsucht oder 
Menschlichkeit aufgegeben. Wenn in dieser Stunde Pacelli, Pro¬ 
fessor für kirchliche Diplomatie von 1909 bis 1914, als Friedens¬ 
engel in Berlin auftrat, durfte es keinen Mann der Reichsführung 
geben, der nicht hinter seiner Maske eine ganz große Gefahr für 
die deutsche Sache witterte. 

»Es ist leider eine Tatsache, daß die deutsche Diplomatie in jenem 
Krisenjahr 1917 der Lage nicht mehr recht gewachsen war« (sie 
war es nie!). Bethmann-Hollweg an der Spitze, empfing sie 
Pacelli mit offenen Armen. Naiv erzählten sie ihm ihre Sorgen 
und schütteten regelrecht das Herz aus. Mit der in Aussicht ge¬ 
stellten Friedensvermittlung des Papstes - nicht umsonst, nur un¬ 
ter gewissen Bedingungen zugunsten der Kirche - düpierte die¬ 
ser Meister der Täuschung Kaiser, Minister und Volksvertreter. 
Bei dem Mißtrauen, das gegenüber hochrangigen Priestern stets 
angebracht ist, hätte man ihm kühl sagen müssen: »Sie wenden 
sich hier an die falsche Adresse. Vorleistungen ins Blaue geben wir 
nicht. Wir haben schon im Dezember 1916 Frieden angeboten 
und sind höhnisch zurückgewiesen worden. Reisen Sie erst nach 
Paris und London und wenn man drüben anderen Sinnes ist, kön¬ 
nen Sie zu uns kommen«. 

Unzweifelhaft wußte Pacelli von Geheimverträgen der Alliier¬ 
ten, die eine Vermittlung des Vatikans ausschlossen - Italien hatte 
das durchgesetzt. Also war seine Mission von Anbeginn unehr¬ 
lich und zwecklos - sie war nur Vorwand. Sein eigentlicher Auf¬ 
trag war, das Deutsche Reich nicht nur gegenüber den Alliierten 
entscheidend politisch zu schwächen, sondern auch in seinem 
Inneren den Umsturz von Ordnung und Verfassung einzuleiten, 
den im November 1918 Reichskanzler und linke Parteien - auch 
dabei das Zentrum - mit Revolution und Kaiserabdankung für 
alle sichtbar ausführten. Alle für dieses Fernziel erforderlichen 
Schritte schaffte dieser Priester mit den religiös gläubigen, verblö¬ 
deten, verräterischen Politikern in Deutschland (und Österreich- 
Ungarn) ohne große Mühe. 

Der Papstgesandte Pacelli bearbeitete nach seiner Ankunft so¬ 
gleich die Politiker - nicht bloß die katholischen. Für die Aussicht 
auf gut bezahlte Posten und Macht waren (und sind) Parlamenta¬ 
rier zu allem bereit, sogar zum Verrat. In geheimen Besprechungen 
- völlig unüberwacht - weihte er schon am 2. Juli führende Abge¬ 
ordnete der Zentrumspartei in die Pläne ein, wobei Unzuverläs¬ 
sige, sogar der Fraktionsvorsitzende Dr. Spahn, ausgeschlossen 
waren. Man beabsichtigte, die konstitutionelle Monarchie durch 
»Parlamentarisierung« aus den Angeln zu heben. 

Die Schlüsselrolle spielte wiederum Erzberger, der in der 
Schweiz den Jesuitengeneral sah und z. B. bereits am 21. April vom 
Wiener Kardinal Piffl geheime Instruktionen erhielt. Als Pro¬ 
pagandachef der deutschen Regierung leistete er erstaunlich we¬ 
nig. Auffallend jedoch, wie er diese Stellung ausnutzte, zwischen 
Stockholm, Zürich, Wien und Berlin herumzureisen, um einflu߬ 
reiche oder zwielichtige Personen zu treffen. Erzberger war in 
die Intrigen Kaiser Karls und Zitas gegen Deutschland einge¬ 
weiht, ihm wurde eine geheime Denkschrift Czernins zuge¬ 
spielt, die unwahrhaftig die Lage der Mittelmächte als hoffnungs¬ 
los darstellte^ 263 ^. 


117 


Erzberger wirkte unter der Suggestion, er sei ein großer Staats¬ 
mann und der Friedensmacher der Welt. Am ö.Juli 1917 erklärte 
Erzberger überraschend und »vertraulich« - aufgrund dieser 
Denkschrift - vor verblüfften Zuhörern, Deutschland sei am Ende 
und sollte um Frieden bitten, »und erzeugte damit eine politische 
Panik im Reich, die durch keine militärischen Erfolge mehr wett¬ 
gemacht werden konnte <A 26i \ 

In intriganter Umkehrung der Ursachen - vatikanische Diplo¬ 
matie in Reinkultur - diente Erzbergers Verrat zum Vorwand, 
den Reichskanzler durch Zentrum, Sozialdemokraten und Fort¬ 
schrittspartei am 14. Juli zu stürzen. Er hatte Kirche und Alliier¬ 
ten viele nützliche Dienste geleistet, er war der Gegner energischer 
Kriegsführung, aber es ging den Wühlern gar nicht um seine Unfä¬ 
higkeit - er war j a der Mann des Kaisers. Auch das war eine Intrige 
auf lange Sicht. Schon im Februar hatten sich Erzberger und der 
»bürgerliche« Parlamentarier Stresemann^ 265 ^ geeinigt, Beth- 
mann-Hollweg zu stürzen. Mit seinem Fall nahm der Reichs¬ 
tag dem Reichsoberhaupt die Entscheidungsgewalt über die Re¬ 
gierung. Parlamentspolitiker sollten fortan ihre Stelle einnehmen. 
Das Zentrum hätte damit de facto die politische Macht in Deutsch¬ 
land erhalten. Daß das beinahe ein Staatsstreich war erkannte so¬ 
gar der Kaiser (aber nicht Pacellis Intrige). Trotz dieser Gefahr 
war er nicht zu bewegen, seine kindischen Komplexe zurückzu¬ 
stellen, zugunsten des Staatswohls den einzigen Mann zum Kanz¬ 
ler zu machen, der Können und Willen dazu mitgebracht hätte: 
Alfred von Tirpitz. Wilhelm II. ernannte lieber eine politi¬ 
sche Null, den christlichen Aktivisten der Brüdergemeinde Mi¬ 
chaelis. Knapp drei Monate hielt der sich. Graf Hertling, den 
»man« schon als Nachfolger Bethmanns ernannt haben wollte; 
ein total verkalkter Greis von 75 Jahren, »ein streng katholischer 
Denker« und gehorsamer Zentrumsmann, Berufsparlamentarier 
seit 1875 (!) löste ihn ab. Genauer: Er wurde offiziell Reichskanz¬ 
ler am 1. November 1917 , ALLERHEILIGEN, dem 400. Jahrestage 
der Reformation. Dieses Datum deutet den heimlichen Sieg der 
Kirche und Roms über Deutschland (und die gehaßten evangeli¬ 
schen Ketzer) an. So wurde auch der Kaiser wieder einmal - von 
den Priestern übertölpelt. Das Programm Pacellis war - freilich 
mit etwas Verspätung - restlos erfüllt. 

»Der Geheimbericht des Grafen Czernin (k.u.k. Außenmini¬ 
ster) über die hoffnungslose Lage der Mittelmächte ist etwa im Juli 
1917 dem englischen Ministerrat zugegangen und hat den Gegen¬ 
stand eingehender Beratungen gebildet. Danach noch mit Deutsch¬ 
land zu verhandeln, wäre nach Ansicht aller Minister Wahnsinn gewe¬ 
sen«^. 

Die »unabhängige« Sozialdemokratie organisierte im Juli 1917 
die erste Meuterei in der deutschen Flotte. Ihre politischen Anstif¬ 
ter wurden nie zur Verantwortung gezogen. Woanders wären sie 
gehängt worden. 

Die von Bethmann-Hollweg erzwungene Ruhepause für Ru߬ 
land gab den von der Entente geschickten Agenten Gelegenheit, 
die Russentruppen neu zu formieren und am l.Juli eine große 
Entlastungs - (Kerensici-) offensive zu beginnen. Noch einmal 
mußten zahllose deutsche, österreichische und russische Solda¬ 
ten sterben, weil die Handlungen der politischen Führer von Ge¬ 
heimbünden vorgeschrieben wurden. Aber schon nach 14 Tagen 
brach sie blutig zusammen. Das russische Heer löste sich auf. 

Am 13. Juli 1917 erschien die »Heilige Jungfrau« in Fatima den 
Kindern ganz groß zum dritten Male und »verkündete, sie werde 
wieder kommen, um die Weihe Rußlands an ihr Unbeflecktes Herz 
zu fordern.« Auch diesmal wird der verbrämte politische Hinter¬ 
grund der religiösen »Erscheinung« durch das nächste Ereignis 
erleuchtet, nämlich: 


Der Umsturzversuch der Bolschewiken am 17. Juli, der nachge¬ 
wiesen wohl finanziert, wiederum kläglich scheiterte. Lenin floh 
nach Finnland, Trotzki und die meisten Bolschewiken (außer 
Stalin) wurden verhaftet, aber schon am 17. August (Trotzici 
am 17. September) freigelassen (267) . 

Und am 18. Juli schrieb Lord Rothschild einen vertraulichen 
Brief an Arthur Balfour, Palästina solle als Heimstätte für das 
Jüdische Volk eingerichtet werden und die »Regierung Seiner 
Majestät solle die erforderlichen Vereinbarungen mit der zionisti¬ 
schen Organisation treffen«. 

Auf »Anregung« Erzbergers ward der Papst um Friedensver¬ 
mittlung angegangen. Der Heilige Stuhl nutzte die Gelegenheit 
zur Machterweiterung und erlangte als bedingungslose Vorlei¬ 
stung die Wiederzulassung des Jesuitenordens in Deutschland. 
Als der Papst schließlich im August zum Frieden aufrief, war die 
Krise der Alliierten fast überstanden. Er grämte sich nicht dar¬ 
über, daß die Friedensgegner ausschließlich im Lager der Feinde 
Deutschlands waren, hatte er doch den Kampfwillen der Deut¬ 
schen entscheidend geschwächt und die innere Geschlossenheit 
des Reiches zu Fall gebracht. Nun war freie Bahn für die Unter- 
wühlung der deutschen Widerstandskraft. »Die Wirksamkeit des 
Heiligen Stuhles während des Krieges betätigte sich beständig zu¬ 
gunsten der Ententemächte«^ 265 ^. 

Weil der Kaiser jede starke politische Führung fürchtete, blieb 
ihm nur die Übergabe an die Reichstagsparteien. Von denen war 
Siegwille nicht zu erwarten. Was folgte, war ein 15 Monate langer 
schleichender Abbau der nationalen Widerstandskraft bis der Zu¬ 
sammenbruch für alle sichtbar wurde. Am Anfang dieses nationa¬ 
len Unglücks steht als Reichskanzler der Bankierssohn und Hoch¬ 
gradmaurer Bethmann-Hollweg, fünf Wochen vor dem Ende 
ernennt Wilhelm II. den Freimaurer aus dem deutschen Hoch¬ 
adel, Prinz Max von Baden zum Reichskanzler, der den Ham¬ 
burger Bankier Warburg und den Juden Hahn zu Beratern hat - 
und von denen Wilhelm II. den verdienten Arschtritt erhält. Un¬ 
ausweichliches Resultat der Bequemlichkeit, sich mit Schmeich¬ 
lern und Heuchlern zu umgeben. 

Wen sehen wir aber in der Frontlinie jetzt, da es das deutsche Volk 
zu retten oder zu unterwerfen gilt ? Herrn Erzberger ! »Nur nach¬ 
gebe, nachgebe, das isch das einzige, was uns noch helfe kann!« 
Der besessene Katholik Erzberger mit besten Beziehungen zu 
Hochfinanz und Vatikan trat als Führer der deutschen Waffenstill- 
standsabordnung - Zivilist in einer militärischen Angelegenheit 
- vor den besessenen Katholiken und Menschenschlächter Mar¬ 
schall Foch. Haben beide gute Katholiken die einmalige Gelegen¬ 
heit genutzt, Frieden zu stiften, christliche Liebe und menschliche 
Versöhnung zu üben? Wer die Geschichte kennt, weiß es besser. 
Foch spie mit ekelerregendem Haß die Deutschen an, einem Haß, 
den nur Pöbel und Priester beseelen. Ging es nicht wiederum um 
die Unterwerfung der Deutschen? Erkauft wurde der Waffenstill¬ 
stand mit der Räumung Deutschlands bis zum Rhein, der Über¬ 
gabe der Transportmittel, sogar Tausende Milchkühe mußten den 
Feinden geliefert werden, während in diesem Winter Hundert¬ 
tausende deutscher Christen - auch Katholiken - den Hungertod 
starben. Mit Hilfe von Erzbergers Unterwürfigkeit erreichten 
die Alliierten weit mehr als sie zu hoffen wagten. Aber damals gab 
es noch deutsche Patrioten. Nicht wenige Verräter am deutschen 
Volk erreichte bald nach dem Krieg die rächende Kugel. Dazu ge¬ 
hörten Erzberger und Walter Rathenau. Diese beiden mu߬ 
ten niemals trocken Brot und Steckrüben essen, sie vertraten in 
zahllosen Aufsichtsräten die Ausbeutungswirtschaft der Hochfi¬ 
nanz und füllten sich die eigenen Taschen. Beide waren »tief re¬ 
ligiös«, der eine besessen von der göttlichen Sendung der katho- 


118 


lischen Kirche, der andere von der Gottsendung des Judentums. 
Beide förderten die (angebliche Arbeiter-)RevoIution, so sehr, daß 
sie sich ihrer Verdienste darum rühmten, wurden Minister und ver¬ 
rieten als »Republikaner« noch einmal das deutsche Volk. 

In den Tagen völliger Auflösung von Heer, Marine und Staatsord¬ 
nung, als der Kaiser nach Holland flüchtete, das Volk führungslos 
dastand, versuchten die bolschewistischen Kräfte, ihre Herrschaft 
auch in Deutschland aufzurichten. Mit viel Geld und Propaganda¬ 
material aus dem Sowjetreich unterstützt, griffen ihre bewaffne¬ 
ten Banden zu Aufstand und Terror. Und wieder zeigte in diesem 
Augenblick das deutsche Volk dieses feine Gespür für seine Frei¬ 
heit, für Recht und den Willen, sich nicht bezwingen zu lassen. 
Die heimkehrenden, kriegsmüden, enttäuschten Soldaten grif¬ 
fen freiwillig zur Waffe und schlugen die Fremden, die nach der 
Herrschaft über die Deutsche Nation lechzten, in harten Kämp¬ 
fen nieder. Freilich wurde damit Deutschland nicht frei. Seine 
Feinde sorgten dafür, daß unserem Volke finanzielle und geldpo¬ 
litische Ketten angelegt wurden - dank schöner Einmütigkeit ro¬ 
ter und schwarzer Politiker, die sich dennoch Deutsche nannten. 
Sie machten die wirtschaftliche Ausbeutung Deutschlands für 
fremde Interessen möglich, sie waren gewissenlos genug, diese so¬ 
gar für die nächsten Generationen festzulegen. An die Dauerhaf¬ 
tigkeit dieses »Friedens« glaubten nur verblödete Pazifisten in 
Deutschland, aber keiner der führenden Alliierten. Schon 1919 
versprach der Deutschenhasser und Freimaurer Clemenceau 
jungen französischen Offiziersanwärtern eine Kriegskarriere, 
und Churchill erwartete den nächsten Krieg gegen Deutsch¬ 
land in 20 Jahren. Dieser »Erleuchtete« hat nach seinen Worten 
»die meiste Zeit seines Lebens damit zugebracht, Kriege gegen 
Deutschland vorzubereiten oder zu führen«. 

Wenn wir das schreckliche Massenschlachten dieses Kreuzzuges, 
bei dem 10 Millionen Menschen starben, auf sein Ergebnis be¬ 
trachten, dann verlor das deutsche Volk viel, aber erlangte den¬ 
noch nicht zu übersehende Fortschritte. Es war die Goldwährung 
los, und wenn man sie mit dem DAWES-Plan wieder einzuführen 
versuchte, sie hatte keinen Bestand. 

Zum Zweiten erwiesen sich Absetzung und Flucht von Fürsten 
und Hochadel als politischer Segen für die deutsche Nation. Der 
rühmlose Fall der Adelsmacht bietet eine gute Lehre, wie wirt¬ 
schaftliche Vorrechte, Schmarotzertum, Anmaßung und Volks- 
verrat eine Menschenklasse entartet. Man hätte sie am besten wie 
in Österreich verbannen, enteignen und die Adelstitel ganz ab¬ 
schaffen sollen. Dieser Klüngel hatte längst jegliche Beziehung 
zum deutschen Volke verloren. Der »deutsche« Hochadel besaß 
keinen Nationalstolz und keine Spur von nationaler Würde. Er be¬ 
trachtete sich als eine anationale, vaterlandslose Gesellschaft und 
schmeichelte sich mit dem vornehmer denkenden Hochadel des 
Auslandes verwandt zu sein. Ich weiß kein Mitglied des dekaden¬ 
ten deutschen Hochadels, das nicht durch seinen Übertritt zum 
Ausland zugleich und sofort ein Renegat (Volksverräter) gewor¬ 
den wäre: Die letzte Zarin, eine Prinzessin von Hessen-Darm- 
stadt, erlaubte nicht ihren Kindern deutsch zu lernen! Angehörige 
deutschen Hochadels saßen auf zahlreichen Thronen Europas, wie 
Belgien, Griechenland, Rumänien usw. Sie strebten nach Litauen, 
Kurland, Finnland, Polen usw., um in den mit dem Blute des deut¬ 
schen Volkes eroberten Ländern neu zu schaffende Throne zu be¬ 
setzen. Nicht einer von ihnen hat in Frieden oder Krieg den klei¬ 
nen Finger zugunsten Deutschlands krumm gemacht. Im Gegen¬ 
teil, sie unterstützten alle Feinde ihres Heimatlandes. Längst ist 
allgemein erkannt, wie der hohe Adel durch Inzucht, Faulheit, 
Verdorbenheit, Anmaßung, Einbildung, Beschränktheit, Herrsch¬ 
sucht und Gewalt jeden Fortschritt der Völker aufhielt. Mit ihm 


verschwand die für das deutsche Volk sichtbare Hauptstütze des 
Privat-Grundeigentums für immer. Die Kirche verlor damit ihren 
wichtigsten politischen Helfer (Treue zu »Thron und Altar«), was 
sich erst in weiter Zukunft auswirken wird. 

Drittens war der Unterwanderung der Deutschen durch das prie- 
sterlich (und freimaurerisch) geleitete Polen-, Tschechen- und 
Südslawentum schlagartig ein Ende gemacht. Die polnischen und 
tschechischen Volksgruppen in Deutschland und Österreich bra¬ 
chen innerhalb von 15 Jahren vollständig zusammen. Ein Beweis, 
wie sie von fremden Kräften genährt, sich nur infolge der anti-na¬ 
tionalen, undeutschen Volkstumspolitik beider Kaiserreiche aus¬ 
breiten konnten. Im deutschen Nationalstaat war für sie kein Be¬ 
darf und keine Kirche konnte das ändern. 

Viertens war die Einheit der Nation in viereinhalb Kriegsjahren 
so gefestigt, daß alle separatistischen Abspaltversuche der Nach¬ 
kriegsjahre kläglich mißlangen. Der steuernde Einfluß durch die 
Kurie wird natürlich verschwiegen, man hat ihn dennoch nachge¬ 
wiesen: Sie wurden alle von den katholischen Parteigängern im 
Rheinland, der Pfalz, Bayern, Schlesien und Westpreußen ausge¬ 
heckt. Frankreich als bewaffneter Handlanger der Kurie wendete 
jedes Mittel an, sie durchzusetzen. Die Intervention katholischer 
Kirchenleute bei den Alliierten verhinderte den 1919 vom Volke 
beschlossenen Anschluß Deutsch-Österreichs. 

Zwar verlor Deutschland zu den 2,75 Millionen Toten des Welt¬ 
krieges durch Landabtretungen weitere 6 Millionen Deutsche, 
Österreich gar noch mehr. Ob die ungeheuren Opfer dieses, ge¬ 
messen an den Plänen, sehr mageren Kriegsergebnisses für En¬ 
tente und Kurie zu rechtfertigen waren, ist freilich zu bezweifeln. 
Darum hofften sie wohl auf eine künftige, baldige, »endgültige« 
Abrechnung. Vor der Geschichte zählt, daß man mit jahrelangem 
Kriegfast der ganzen Welt gegen Deutschland und danach Revolution, 
Friedensdiktat, Geldentwertung, Separatismus und korrupter Regie¬ 
rung das deutsche Volk nichtbezwungen hatte. 

Verrat am Volk - die größte Niederlage 

Zum Abschluß meiner Geschichtebetrachtung muß ich mich, fast 
wider Willen, mit Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg be¬ 
fassen. 

Warum wird noch 50 Jahre nach seinem Untergang so viel ge¬ 
schrieben, geredet und - gelogen - über jene zwölf Jahre, und 
durchweg nur Schlechtes? Wird »der Nationalsozialismus nicht 
wegen seiner Mißgriffe verteufelt, sondern der Tugenden wegen, 
für die er eintrat«? Versuchte Hitler mit seiner Bewegung Na¬ 
tion und Rasse zu gesunden und zu erneuern? War der National¬ 
sozialismus ein Aufstand des deutschen Volkes gegen seine Be¬ 
drückung durch Juden, Priester und Großkapital? War das Wirt¬ 
schafts- und Finanzsystem Hitlers etwas Neues, Einmaliges? 
War es ein Versuch, sich von Gold und internationaler Hochfinanz 
zu befreien, was den Vernichtungskrieg gegen Deutschland aus¬ 
löste? 

Wir haben ein Recht zu wissen, ob Hitler und Nationalsozialismus 
dem Willen des deutschen Volkes entsprach oder - oh sie dem deut¬ 
schen Volke durch fremde, deutschfeindliche Kräfte aufgezwungen 
wurden. Im zweiten Fall habe ich zu beweisen, daß Untergang von 
Weimarer Republik und Drittem Reich geplante Politik von Prie¬ 
stern gewesen sind. 

Nicht Hitler, der fanatisch katholische Reichskanzler Brüning 
war der erste Diktator Deutschlands. Brüning machte das deut¬ 
sche Volk durch Wirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit, Verar¬ 
mungspolitik und Notverordnungen planmäßig reif für das »Na¬ 
ziregime«. Brüning, nicht Hitler, zerstörte die Weimarer Repu¬ 
blik mittels Preisabbaupolitik (Deflation) im Aufträge der Geld- 


119 


macht (Bankier Pferdmenges: »Man muß dem Geldkapital 
die Chance fallender Preise lassen«), begeistert unterstützt von 
der angeblich opponierenden Sozialdemokratie. Brünings eige¬ 
nen Worten gemäß diente sein Wirken religiös-kirchlichen Zie¬ 
len: »Damit sind wir endlich da angelangt, wohin wir - wir sagen es 
heute offen - die deutschen Geschicke schon immer hingewünscht ha¬ 
ben: Das deutsche Volk soll einsehen, daß es keine anderen Wege der 
Rettung gibt als die christlichen Sittengesetze« (d.h. kapitalistische 
»Gottesordnung«) * 269 / Und nachdem er durch diese fromm ka¬ 
tholische, hochfinanzfreundliche, schwarz-rot-goldene Politik so 
verhaßt war, daß er gehen mußte, trieb sein Nachfolger Franz 
von Papen es genau so weiter und verschlechterte die Lage der 
Republik noch weiter. Deutschlands einflußreichster Priester, 
Kardinal Faulhaber Jubelte: »Wenn die Welt aus tausend Wun¬ 
den blutet, und die Sprachen der Völker verwirrt sind wie in Ba¬ 
bylon, dann schlägt die Stunde der katholischen Kirche.« Stimmt so¬ 
gar: Not und Kirche gehören zusammen, das fanden wir ja oft ge¬ 
nug in der Geschichte. Die verzweifelten Massen liefen scharen¬ 
weise NSDAP und Kommunisten zu. 1932 stand in Deutschland 
der Bürgerkrieg vor der Tür. 

Dennoch: Trotz der Katastrophenpolitik von Brüning, Papen 
usw., wäre der Nationalsozialismus niemals eine Massenbewe¬ 
gung geworden, wenn er nicht mit hunderten von Millionen Mark 
- und Dollars - großgepäppelt worden wäre. Nur internationale 
Großbankhäuser, genannt »Hochfinanz«, besitzen Geld genug, 
es zur politischen Beeinflussung ganzer Völker auszugeben. Aller¬ 
dings ist wohl niemand im Zweifel, daß sie auf bloße Versprechen 
(angesichts eines Emporkömmlings wie Hitler) hin nicht ei¬ 
nen Pfennig verschenkt oder auf gut Glück gibt. Sie wird vielmehr 
ihre eigenen Leute hineinsetzen, damit sie ihre Pläne und Willen 
ausführen, und sie wird Sorge tragen, Unterweltgrößen bereitzu¬ 
stellen, um Widerstrebende oder Ungehorsame erforderlichen¬ 
falls zu ermorden. Wenn man Millionen einer Partei - egal wel¬ 
cher! - gibt, um sie demokratisch an die Macht zu bringen, dann 
ist das ein Geschäft, aus dem man Milliarden erwartet und die Zahl 
der Leichen keine Rolle spielt. Den besser Unterrichteten dürfte 
bekannt sein, daß die internationale Hochfinanz laufend kom¬ 
munistische Revolutionsversuche in Europa und Amerika finan¬ 
zierte^ 270 ^. Diese, offenbar als Endziel erstrebte Tyrannei war nach 
dem Ersten Weltkrieg am deutschen Völkswillen festgefahren und 
konnte ohne seine Brechung nicht weiter kommen. Weltkrieg und 
kommunistische Volksverhetzung hatten ein Bewußtsein für die 
Wichtigkeit der sozialen Frage bewirkt. Man erfuhr, daß das bolsche¬ 
wistische Experiment die Völker der Sowjetunion versklavte und 
verelendete. Durch den Krieg enttäuschte und verratene Men¬ 
schen begannen Wirtschafts- und Geldfragen aufzurollen. Als echte 
Volksbewegung wuchs sie infolge Geldentwertung (»Inflation«) 
und völlig unfähigen Regierungen über die Parteien hinaus. Für 
die Nutznießer der Völksbeherrschung und Ausbeutung konnte 
nichts gefährlicher sein. 

Die Abbiegung, Zerstörung des Völkswillens und nationalen 
Denkens der Deutschen ward das wichtigste strategische Ziel der 
Internationalisten. Zu erreichen war das nur durch einen Vernich¬ 
tungskrieg, zu dem die ganze Welt aufzubieten war und an dem 
sich überdies, wie der Weltkrieg treffend zeigte, hervorragend ver¬ 
dienen ließ. Für das durch Inflation, Deflation, Reparationen (Un¬ 
terwerfungstribute) und Zinswucher gerade am Existenzmini¬ 
mum gehaltene deutsche Volk sollte eine Partei aufgebaut wer¬ 
den, die von den größten Demagogen der Geschichte geführt, 
jeder politischen Vorstellung etwas versprach. Die 25 Programm¬ 
punkte der NSDAP kann man als Musterbeispiel der Verführung 
nationaler Deutscher bezeichnen. Sie verlangten Wiederherstel¬ 


lung Deutschlands in seinen alten Grenzen, Kolonien, Wehrho¬ 
heit, Beseitigung fremden Einflusses, Verstaatlichung der Gro߬ 
industrie, Enteignung des Großgrundbesitzes, Reichsreform, Bo¬ 
denreform, Brechung der Zinsknechtschaft, »positives Christen¬ 
tum«, praktisch alles, was in völkischen Kreisen im Gespräch war. 
Wie üblich wird der Einfluß von Geldgewaltigen und Priestern auf 
die Hitlerpartei nirgends erwähnt. Wir können hinter den Mas¬ 
sen wieder Geheimbünde erkennen, die ihr Süppchen an die¬ 
sem Feuer munter kochten. Zuerst kam - natürlich - die römische 
Kirche. Sie befreite Hitler, den treuen Katholiken* 271 ^ aus dem 
Landsberger Gefängnis, damit er die aus den Fugen geratene NS¬ 
DAP wieder unter Kontrolle brachte. Kirche und die amerikanische 
Finanzelite arbeiteten eng zusammen, den größten Trommler aller 
Zeiten dem deutschen Volke als »Führer« aufzudrängen. 

Am 4. Januar 1933 trafen im Hause des jüdischen Bankiers Kurt 
von Schröder zu Köln Agenten der amerikanischen Geldgrö¬ 
ßen und des Vatikans ihre Verbindungsleute in der NSDAP. Als 
Vertreter der Wallstreet erschien John Foster Dulles (spä¬ 
ter US-Staatssekretär und Geburtshelfer des Bonner Regimes), 
für die katholische Kirche sprach der päpstliche Vertraute Franz 
von Papen, unsicher ist, aus naheliegenden Gründen, wer von 
der NSDAP dabei war. Wahrscheinlich waren es Herr von Rib- 
bentrop oder/und Hermann Göring, die über ausgezeichnete 
Beziehungen zu Bankierskreisen verfügten. Sie besprachen und 
beschlossen die »Machtergreifung« Hitlers. Da die NSDAP für 
den vorgesehenen letzten großen Wahlkampf viel Geld brauchte, 
das in Deutschland nicht aufzutreiben war, war zur gleichen Zeit 
der junge Bankier James Warburg wieder nach Deutschland ge¬ 
kommen. Nach seiner späteren Darstellung hatte er kein Dollar- 
Scheckbuch mit, vielleicht gibt es welche, die ihm das glauben! 
Das deutsche Volk hat dennoch - vielleicht instinktiv - bei den 
letzten allgemeinen freien Wahlen den Nationalsozialisten die 
Reichstagsmehrheit nicht zugestanden. Der Freimaurer und Reichs¬ 
präsident Hindenburg ernannte zwar Hitler zum Reichskanz¬ 
ler (30. Januar 1933), aber ohne Mitwirkung der katholischen Par¬ 
teien war das »Ermächtigungsgesetz«, die legale Aufrichtung der 
Diktatur, nicht durchzusetzen. Das war ohne ausdrückliche Billi¬ 
gung der Kurie unmöglich. 

Als erste Macht der Welt anerkannte der Vatikan die Hitlerregie¬ 
rung und Hitlers erste politische Gegenleistung war das von der 
Priesterschaff ersehnte Reichskonkordat - Pacellis Meisterwerk. 
Damit wurde rechtlich die Oberherrschaft der Römischen Kirche über 
das ganze deutsche Volk - auch der nichtkatholischen Teile - fest¬ 
gestellt, denn: »Die Bestimmungen des Reichskonkordates gehen 
allen Gesetzen vor«! Man verwundere sich nicht über die vielen 
Kundgebungen und Treue-Bekenntnisse der Priester zu diesem 
Regime, welches 12 Jahre später zum Schandfleck der Menschheit 
ausgerufen wurde* 272 / Es ist eine alte politische Erfahrung, daß 
das erste bedeutende Gesetz oder Vertragswerk Gesinnung 
und Hintermänner einer neuen Regierung verrät. 

Die Partei unter Führung Hitlers gelangte hauptsächlich zu dem 
Zwecke zur Macht, Deutschland in den von geheimen Gesellschaften 
längst geplanten zweiten Weltkriegzu stürzen. Als um 1939 nämlich 
einige gute, gehorsame deutsche Katholiken den gefährlichen po¬ 
litischen Kurs Hitlers erkannten, fragten sie erst bei ihrer Kir¬ 
che an, ob man dem Regime Widerstand leisten solle. Der Papst 
ließ antworten, »der Führer sei das gewählte Oberhaupt der Deut¬ 
schen, ihm den Gehorsam zu verweigern sei Sünde.« Die Kirche 
stellte sich also voll und ganz hinter Hitler, sie wünschte keinen 
Widerstand. Sie übernahm folglich die volle Verantwortung für 
alle Fehler und Verbrechen, die unter seiner Herrschaft geschahen. 
Das hinderte die Kurie keineswegs, ihre alterprobte Mehrgleisig- 


120 


keit in politischen Intrigen unverfroren zu betreiben. Sie spielte 
beim Landesverrat der »Abwehr« (der heute als »Widerstand 
gegen das NS-Regime« bezeichnet wird) via Vatikan mit, deckte 
ihn und hinterging bzw. verriet die Regierung des Dritten Rei¬ 
ches. Ein weiteres Bild schillernder Priestergesinnung sind An¬ 
maßungen und Unzufriedenheit der Kirchenmänner auf mittlerer 
Ebene (Bischöfe) mit der NS-Politik. Doch die Masse der Katho¬ 
liken blieb der nationalsozialistischen Sache treu und die Mehr¬ 
heit der Nationalsozialisten katholisch. Trotz aller wirtschaftli¬ 
chen Schwierigkeiten, von denen noch die Rede sein wird, wur¬ 
den bis Kriegsausbruch fast 1000 Kirchen im Dritten Reiche neu 
gebaut' 273 '. Angesichts dessen vom »Widerstand der Kirche gegen 
das Naziregime« zu sprechen, wie es seit 1945 geschieht, ist eine 
der üblichen frechen Geschichtsfälschungen, mit denen Priester 
seit jeher die Welt täuschen. Sie haben sich in fast jedem Staat und 
zu jeder Zeit mit den weltlichen Machthabern arrangiert und zu¬ 
gleich gezankt. Man denke an Freundschaftsbündnisse und Strei¬ 
tigkeiten mit den Regierungen Italiens, Frankreichs, Spaniens 
oder Österreichs - nur von Polen und Irland hörte ich nichts der¬ 
gleichen. 

Erste Schlußfolgerung: Gegen Kirche und Priestertum waren 
Hitler und Nationalsozialismus nie, sie standen eher in deren 
Diensten. 

Zu diesem Riesenerfolg der Kirche stellte die Hochfinanz ihre 
Diener zur Steuerung der NS-Staatsmaschine. Als ersten den 
Hochgradfreimaurer Hjalmar Schacht, Agent der Wallstreet, 
der sich bei der Schaffung der Rentenmark und der Auslieferung 
der Währung Deutschlands an die USA-Hochfinanz (durch den 
ÜAWES-Plan) »bewährt« hatte. Er bekannte sich seit 1931 öffent¬ 
lich zu Hitler und trug das Goldene Parteiabzeichen. Die Ernen¬ 
nungsurkunde zum Reichsbankpräsidenten vom 17. März 1933 
(!) enthüllt die dem Volke unbekannten Hintermänner der NS- 
Bewegung. Charakterlos verriet Hitler seinen treu ergebenen 
»Währungstheoretiker« Gottfried Feder: Schacht persön¬ 
lich veranlaßte dessen Hinauswurf. Denn Feder war bestimmt 
nicht der Mann, dem die Hochfinanz die Verwaltung der deut¬ 
schen Währung anvertraut hätte - wir übrigens auch nicht. Par¬ 
teigenosse Feder, von der bekannt treuherzig-deutschen Einfäl¬ 
tigkeit im politischen Ränkespiel, hatte im gleichen Jahre 1933 
ein Buch veröffentlicht: »Kampf gegen die Hochfinanz«. Ein Buch, 
aber keine Tat. Zugleich eine Kränkung der HiTLER-Finanzierer. 
Logenbruder Schacht hingegen ließ 1935 feierlich - und hinter¬ 
gründig - eine Hitlerbüste in der Reichsbank aufstellen. Auch die 
Geldmacht hatte in Deutschland gesiegt! 

Das Vertrauen zu der von ihm verwalteten Reichsmark fehlte 
Schacht allerdings gänzlich. Er ließ sich sein Gehalt, das höher 
als des Reichspräsidenten war, in englischen Pfunden auszahlen. 
Ohne Schacht und die von ihm besorgte Geldvermehrung mit¬ 
tels Mefo-Wechsel hätte Hitler nicht eine Kanone, nicht einen 
Panzer, nicht einen Bomber kaufen können. Schacht wurde 1935 
zusätzlich Reichswirtschaftsminister und trat Ende 1937 - keines¬ 
wegs als Protest gegen die NS-Politik, sondern - »vorsichtig« in 
den Hintergrund, zum Bedauern Hitlers, der ihm überschwäng¬ 
lich öffentlich dankte. Die NS-Regierung erbte als Reichsfinanz¬ 
minister den Grafen von Schwerin - Krosigic, Freimaurer und 
obendrein RHODES-Scholar' 274 '. Vom Reichsarbeitsminister Sel- 
dte, Freimaurer und früherer Führer des »Stahlhelms« wurde 
die Beschaffung billiger Arbeitskräfte besorgt, die Freizügigkeit 
der Arbeiter aufgehoben und der »Reichs-Arbeitsdienst« errich¬ 
tet, denn wie die Kommunisten war der Nationalsozialismus dar¬ 
auf aus, sein »Aufbauwerk« so billig wie möglich, d. h. auf Ko¬ 
sten der Löhne und zugunsten des Kapitals zu gestalten. Für die 


Kontrolle der Preise, besser Zwangswirtschaft genannt, sorgte als 
»Reichspreiskommissar« der Hochgradfreimaurer Dr. Goerde- 
ler, denn niemand sollte merken, daß das nationalsozialistische 
Wirtschaftsrezept das alte, uralte der Geldvermehrung, Inflation 
war |27S ( Damit waren die Schlüsselstellungen für die wirtschaftli¬ 
che und finanzielle Beherrschung des Dritten Reiches in Händen 
von Werkzeugen der Hochfinanz. 

Selbständige Politik betrieben die keineswegs, die Richtlinien 
wußten sie schon vor ihrer Ernennung. Freilich lassen sich da¬ 
für nicht schriftliche Beweise erbringen - die Anweisungen wur¬ 
den offensichtlich mündlich gegeben - aber dennoch ist die Fern¬ 
steuerung zu erkennen: 

Ein sonderbarer »Zufall« brachte innerhalb drei Wochen Hit¬ 
ler in Deutschland und Roosevelt in den USA an die Macht. 
Hitler wurde parlamentarisch' 276 ' unbeschränkter Diktator; 
auch Roosevelt sollte durch Ausschaltung des Kongreß 1934 
zum Diktator ausgerufen werden, was jedoch am öffentlichen Wi¬ 
derstand scheiterte - und seitdem verschwiegen wird. Diese bei¬ 
den stehen 1944 todkrank an der Spitze ihrer Staaten und ster¬ 
ben 1945 innerhalb von drei Wochen. Die Wallstreet finanzierte 
beide' 277 ', und »zufällig« sind beider wirtschaftliche Programme 
völlig übereinstimmend, bei Hitler der »Vierjahresplan«, der auf 
den »Neuen Plan« des Hochgradmaurers Schacht zurückgeht, 
bei Hochgradbruder Roosevelt der »New Deal«. Ganz eindeu¬ 
tig sieht man das an den wichtigsten Maßnahmen, mit denen die 
Wirtschaft, sei es USA oder Deutschland, in Gang gesetzt wurde. 
Geldvermehrung schafft Kredit zunächst für den Staat. Wo gibt er 
das neugedruckte Geld aus? Für geheime Aufrüstung und zwecks 
Ablenkung der Öffentlichkeit groß herausgestellt - zum Bau von 
Autobahnen (in den USA Highways genannt). Unter Umgehung 
des Kongreß wird auf Anordnung Roosevelts eine neue Flotte, 
als Kern Flugzeugträger, auf Kiel gelegt, die Entwicklung der stra¬ 
tegischen Luftwaffe vorangetrieben. Unter Görings Leitung ent¬ 
steht 1933 heimlich ebenfalls die (bisher verbotene) Luftwaffe 
und die Marine beginnt den Bau schwerer Kriegsschiffe. 

Uns fallen diese identischen Maßnahmen auf. Wer sollte denn der 
Feind sein, gegen den Roosevelt unverzüglich gewaltig aufrü¬ 
sten mußte? Eine neue Marine und Luftwaffe brauchten die USA 
nicht und Deutschland brauchte Autobahnen zu allerletzt. Im Ge¬ 
gensatz zu den USA hatte Deutschland kaum Autoverkehr, selbst 
die Reichsstraßen waren leer, der Kraftwagen war hier kein Allge¬ 
meinbesitz. Vor 1930 gab es in den USA schon auf 5,12 Bewoh¬ 
ner einen Kraftwagen, in Deutschland war das Verhältnis sage und 
schreibe 132:1. Hitler gab den Startschuß zur Massenmotori¬ 
sierung. Er hob die Besteuerung der Personenkraftfahrzeuge völ¬ 
lig aufi 278 ' und das Geschäft der riesigen Auto- und Ölgesellschaf¬ 
ten (General Motors, Ford, Standard, Shell, BP) lief flott an. Die 
amerikanischen Spenden für die NSDAP dürften schon im ersten 
Jahre hereingekommen sein. 

In den USA verlangten Kongreßleute von Roosevelt staatliche 
Maßnahmen zur Behebung des Wohnungselends. Roosevelt 
überging sie, das »Highway-Programm« war für seine Bauindu¬ 
strie viel einträglicher - vor allem drückte es nicht auf die Zinser¬ 
träge der Grundeigentümer. In Deutschland gab es keinen, der 
Hitler den Wohnungsbau hätte aufdringen können. Die wenigen 
von seiner Propaganda herausgestellten Arb eitersiedlungen waren 
bedeutungslos gegenüber den unverändert grausigen städtischen 
Notständen. »So ergibt sich aus den Ziffern (für 1938 - also nach 
fünf Jahren NS-»Aufbauarbeit«) die Tatsache, daß 2/3 aller Berli¬ 
ner Einwohner in familienunwürdigen Wohnungen lebe««. Autobah¬ 
nen, Parteibauten, Betonbunker und Kasernen gingen vor, sie ver¬ 
schluckten die Kraft der Bauindustrie, Ziegeleien, Zementfabri- 


121 


ken und anderer Zulieferer. Hitler beschäftigte sich nicht eine 
Sekunde mit dem fortschreitenden Verfall der Haussubstanz in 
Deutschland, jedoch ausgiebig mit größenwahnsinnigen Bauplä¬ 
nen für Berlin, München, Nürnberg und Linz. Mit Zorn hätten die 
unwürdig wohnenden und dennoch vertrauenden Deutschen rea¬ 
giert, wäre ihnen bekannt geworden, daß Hitler, der Verkünder 
des Grundsatzes »Gemeinnutz geht vor Eigennutz«, in seinen 
Privatsitz Obersalzberg fast eine Milliarde Mark verbauen ließ. 
Was dem Führer recht war, war den kleinen Hitlers billig. Göring 
baute außer dem Palast Karinhall ein halbes Dutzend anderer Lu¬ 
xuswohnsitze, die Gauleiter nahmen sich das gleiche Recht her¬ 
aus, freilich in rangmäßig gehörigem Abstande. Bei den National¬ 
sozialisten war - genau wie bei Demokraten - die Wirtschaft nur 
dazu da, einige wenige zu Prassern werden zu lassen. »Gemein¬ 
nutz geht vor Eigennutz« galt nur für »die ganz unten«. Wie man 
das Volk vor den Eigennützigen beschütze, die, von Hitler ange¬ 
fangen, die öffentlichen Kassen plünderten, war niemals Gegen¬ 
stand der Erörterung auf einem Reichsparteitag - oder sonstwo 
im Dritten Reich. Man könnte hier seitenweise Geheimberichte 
des SD wiedergeben, die auf die Gefahren dieser »beunruhigen¬ 
den Verhältnisse« (erfolglos) aufmerksam machten. 

Zum Glück für die »Finanzfachleute« verstand Hitler von Geld 
und Finanzfragen überhaupt nichts. Für den Führer war Geld al¬ 
lezeit unbegrenzt vorhanden, Schacht und Schwerin-Kro¬ 
sigk schafften es heran, er brauchte es nur auszugeben. Zu die¬ 
sem Zweck verstanden sie bestens in die Taschen anderer zu grei¬ 
fen. Ein sehr aufschlußreiches Musterbeispiel ist die Reichsbahn. 
Die deutschen Staatsbahnen hatten vor dem Ersten Weltkriege 
durchschnittlich eine Milliarde Goldmark im Jahr Überschuß ab ¬ 
geworfen. Solche Gewinne dufteten der Hochfinanz zu herrlich in 
die Nase, um sie nicht zum Zugriff zu reizen. Das geschah zuerst 
mit dem DAWES-Plan (279) . Nach dessen Bestimmungen mußte die 
Reichsbahn die Hauptlast der »Reparationen« tragen, 660 Mil¬ 
lionen Reichsmark im Jahr, Gelder, die an Großbanken im (»al¬ 
liierten«) Ausland überwiesen und von ihnen mit den Schulden 
dieser Staaten »verrechnet« wurden. Die Reichsbahn, deren Sub¬ 
stanz völlig verwirtschaftet war, konnte aus dem geschrumpften 
Verkehr und gestiegenen Preisen nur ihre Erhaltung tragen, nicht 
an Neuaufbau denken. Sie mußte sogar eine Anleihe aufnehmen 
und verzinsen, um dringendste Erneuerungen durchzuführen. 
Erst die Deflation erledigte die untragbar gewordenen Zahlungen, 
aber aufatmen durfte sie keineswegs. Hitler hatte anderes vor - 
eben den Autobahnbau, der laut Gesetz vom 27. Juli 1933 - so ei¬ 
lig hatte man es - fortan von der Reichsbahn übernommen wer¬ 
den mußte. Da die Überschüsse für die Vorhaben nicht reichten, 
wurde der Reichsbahn einfach ein Investitionsverbot auferlegt. Nur 
fachkundige Agenten der Hochfinanz konnten auf die Idee kom¬ 
men, ein einträgliches Staatsunternehmen zu ruinieren, indem man 
es zwang, mit seinem eigenen Geld einen Wettbewerber aufzu¬ 
bauen und finanziell zu unterhalten. 

Die Folgen waren für Deutschlands Wirtschaft verheerend. Zur 
Krisenzeit 1938 stellte Dorpmüller im Reichsverteidigungs¬ 
rat fest, daß die Reichsbahn infolge ihrer wirtschaftlichen Ausblu¬ 
tung nicht mehr mobilmachungsfähig sei. Hitler begriff ihn an¬ 
scheinend nicht, Göring war wütend und wollte Dorpmüller 
stürzen. Wehrmacht und Wirtschaft, ja alles hing im Kriegsfälle 
vom arbeitsfähigen Transportwesen des Reiches ab. Aus prakti¬ 
schen und strategischen Gründen konnten Lastkraftwagen und 
Automobil es niemals bewältigen. Im Gegensatz zur Eisenbahn 
war die Autoindustrie auf die Einfuhr von Ol, Kautschuk und an¬ 
deren Rohstoffen angewiesen - tödlich bei Devisenmangel oder 
Wirtschaftsblockade. Während der »Vierjahresplan« Deutsch¬ 


land wirtschaftlich autark machen wollte, betrieb Hitlers hoch¬ 
finanzhörige Verkehrspolitik das Gegenteil davon. Der Autobahn¬ 
bau ging weiter bis 1942. Mit erheblichen Steuergeldzuschüssen 
wurde ein für das kleine Deutschland kaum nötiger Luftverkehr 
künstlich hochgehalten, allein eine ehrgeizige, reiche Minderheit 
subventionierend. Mit riesigem Geldaufwand wurde 1938 der 
kostspielige Mittellandkanal vollendet und völlig überflüssige Ka¬ 
nalprojekte in Angriff genommen: Mosel- und Neckarkanalisie¬ 
rung, Rhein-Main-Donau-, Oder-Donau-Kanal usw. Deren stra¬ 
tegische Zwecklosigkeit interessierte Hitler so wenig wie volk- 
wirtschaftliche Kosten- und Nutzrechnungen. Damit waren die 
schweren Transportkrisen 1939 bis 1942 vorprogrammiert. 
Zweite Schlußfolgerung: Hitler und das Dritte Reich standen 
im Dienste von »deutschem« Großkapital und internationa¬ 
ler Hochfinanz. Der Nationalsozialismus besaß keine Kon¬ 
zeption, die einen Anspruch auf selbständige, unabhängige 
Geld- und Finanzpolitik rechtfertigt. 

Ich muß hier allen Gedanken entgegentreten, die HiTLER-Re- 
gierung habe wirtschaftlich viel Gutes dem Volk geleistet, sie sei 
dafür vom Ausland bewundert und gehaßt worden. Die Bewun¬ 
derer waren von der Fassade einiger Schaustücke geblendet, die 
Hasser sahen sie richtiger, aber keiner die fremden Drahtzieher, 
die die Wirtschaftspolitik Deutschlands bestimmten. Warum hat 
kein Nationalsozialist Pflichtbewußtsein und Selbständigkeit be¬ 
wahrt oder ertrotzt? Wurde am 30. Juni 1934 der NSDAP-Flü- 
gel der »sozialen Revolution« zugleich mit den meisten Mitwis¬ 
sern der geheimen Hitlerfinanzierung ermordet, damit sich eine 
volksfeindliche Politik ungestört durchführen ließ? Jedem dürfte 
einleuchten, daß die »Brechung der Zinsknechtschaft« niemals 
ernst gemeint war. Ich frage jetzt nochmals: Wer war Gewinner der 
NS-Wirtschafis- und Finanzpolitik? 

Woran ließe sich erkennen, ob der Nationalsozialismus wirklich 
»dem deutschen Volke nützen« wollte? Auch unter eingeschränk¬ 
ten hoheitlichen Verhältnissen sind kurzfristige, brauchbare Ma߬ 
nahmen möglich und leicht durchführbar, die dem Volk Zuver¬ 
sicht eingeben. Man denke an den Großen Kurfürsten! Ein Zei¬ 
chen dafür und eine volkswirtschaftlich gesunde Lösung der Wirt¬ 
schaft wäre gewesen, die Geldmittel (»Kredite«) an den Stellen 
größter Not zuerst einzusetzen - genau was das Volk von der Er¬ 
nennung Hitlers erhoffte. Hätte er das Geld anstatt für Aufrüstung 
und protzige Parteibauten in den Wohnungsbau gesteckt, so wäre 
nicht nur dem verarmten Volke geholfen worden, durch Rückzah¬ 
lung der Kredite über die Mieten hätte man das Geld wieder zur 
Verfügung erhalten um es anderweitig einzusetzen (Es wird spä¬ 
ter erörtert werden, weshalb solchen »Investitionen« Grenzen im 
kapitalistischen System gesetzt sind). Hätte man anstatt des Au¬ 
tobahnbaues die Reichsbahn modernisiert, etwa durch Elektrifi¬ 
zierung, so wären das eingesetzte (»investierte«) Kapital inner¬ 
halb von fünf Jahren zurückgekommen* 280 ) und obendrein wäre 
die Bahn wettbewerbsfähiger und billiger geworden. Damit hätte 
freies Geld für die Verbesserung anderer Lebensbedürfnisse- und 
Staatsnotwendigkeiten wieder zur Verfügung gestanden. Tatsäch¬ 
lich sind im Jahre 1938 nur „vier“ Bahn-Kilometer neu in elektri¬ 
schen Betrieb gekommen, dagegen wurden »1000 km neue Au¬ 
tobahnen dem (Auto-)Verkehr übergeben« - den es in Wirklich¬ 
keit gar nicht gab. Obwohl die deutsche Stahlindustrie bis 1941 
weit unter ihrer Kapazität arbeitete, wurden die »Reichswerke 
Hermann Göring« in Salzgitter und Linz auf der grünen Wiese 
gebaut. Ihre Finanzierung ist typisch nazistisch: Die deutsche 
Schwerindustrie wurde gezwungen, die Aktien für die »Reichs¬ 
werke« zu zeichnen. Ein ähnlich unverschämter Betrug der Na¬ 
tionalsozialisten sind Gründung und Aufbau des Volkswagenwer- 


122 


kes, das bis 1945 allein der Kriegsrüstung diente: Finanziert aus 
den Pflichtbeiträgen der Volkswagensparer* 281 / 

Hätte Hitler seinen Lieblings-Ingenieur Ferdinand Porsche 
beauftragt, statt des Volkswagens einen »Volkstraktor« zu bauen, 
einen Schlepper, der dem kleinen Bauern die Pferde ersetzen 
konnte, er hätte das Einkommen der Landwirtschaft gehoben, die 
Bauern auf ihrer Scholle gehalten, die Lebensmittelerzeugung ge¬ 
waltig vermehrt (bei damals vier Millionen entbehrlichen Pferden 
würden Anbauflächen für 32 Millionen Menschen frei gemacht), 
ungeheure Devisenmengen gespart und wäre obendrein »au¬ 
tark« geworden ohne dem Volke den Riemen enger zu schnallen. 
Hitler hat niemals an so etwas gedacht, auch niemals sich solche 
Vorschläge angehört. Im Gegenteil, die Entwicklung eines Klein¬ 
traktors wurde 1939 verboten! 

In maßgebenden Kreisen der Hochfinanz ist man sich über die 
Bedrohung ihrer Macht durch ungehinderte Kapitalvermeh¬ 
rung ziemlich im klaren. Kapitalvermehrung ja, aber nur durch 
die Hochfinanz selbst, so daß alle Gewinne in deren Koffer flie¬ 
ßen. Wettbewerber will sie so weit wie möglich hindern, Kapi¬ 
tal zu bilden, das Volksvermögen durch untragbare Steuerlasten 
und sinnlose Ausgaben verschleudern, was dennoch vorhanden 
ist, durch Spekulationsbetrug, Konfiskation oder Zerstörung ver¬ 
nichten. Wohnungsbauten, Sparguthaben usw. drücken auf die 
Zinserträge; Autobahnen, Kasernen, Panzer, Kriegsschiffe, Bom¬ 
bergeschwader nicht, selbst wenn sie noch so viel kosten. Den So¬ 
zialismus/Kommunismus, Todfeind des freien Bürgertums, kann 
man als absoluten Kapitalismus bezeichnen, den Zustand, in dem 
es keine Wettbewerber der Hochfinanz mehr gibt oder geben darf. 
Was erklärt, warum gerade die reichsten Leute der Welt den Kom¬ 
munismus/ Sozialismus finanziell kräftig unterstützten. 

So paradox es für den Neuling in Wirtschaftsfragen klingt: Kapita¬ 
lismus und Kommunismus sind keine Feinde, waren es nie (denke 
anjESUS, Marx, Lenin). Gewiß ist dem überzeugten Kommuni¬ 
sten/Sozialisten nicht begreiflich, daß er bloß dummes Werkzeug 
der Hochfinanz ist und kalt geopfert wird. Maßgebende kommu¬ 
nistische Kreise sahen in Hitler und dem Nationalsozialismus eine 
Zwischenstufe, die so oder so im Kommunismus enden würde. - Gar 
nicht verwunderlich, denn aus der Abhängigkeit der NS-Führung 
vom Großkapital ergab sich, daß sie die Zwangsjacke kommuni¬ 
stisch-sozialistischer Planwirtschaft neu erfand. 

Dritte Schlußfolgerung: Eine nationale, freie, unabhängige 
Wirtschaftspolitik hat es unter dem Nationalsozialismus 
nicht gegeben. Alle seine wirtschaftlichen Maßnahmen wa¬ 
ren alten kapitalistischen und marxistischen (planwirtschaft¬ 
lichen) Vorbildern nachgeahmt. 

Der nationalsozialistische Staat war in der Politik der Hochfinanz 
nur für eine begrenzte Zeit gedacht. Bei der Stärke des deutschen 
Bürgertums konnte seine antikommunistische Plattform (und 
sollte aus politischer Taktik ebensowenig) nicht weggeworfen 
werden. Wie wir es an der Politik der Priester nachwiesen, durch¬ 
kreuzt das Bürgertum allein durch sein Dasein die Geldpolitik der 
Hochfinanz* 282 / Die NS-Wirtschaftspolitikarbeitete ganz im Sinne 
der Hochfinanz, schadete damit dem deutschen Bürgertum und 
sollte schaden. Die Bürger, die mit ihren Wahlstimmen Hitler 
zur Macht verhaften, zahlten teuer für ihren Glauben an seine Ver¬ 
sprechungen. Während die Rüstungsindustrie 1938 60% Zuwachs 
verzeichnete, stieg die Verbrauchsguterzeugung um kümmerliche 
4%. Konzerne und Großfirmen wucherten durch staatliche Auf¬ 
träge und Hilfen, die mittelständische Konkurrenz dagegen wurde 
durch staatlichen Druck schikaniert oder ganz ausgeschaltet. Bis 
Ende 1938 sind nicht weniger als 200 000 Kleinbetriebe im Deut¬ 
schen Reiche geschlossen worden! 


Nach Abgang Goerdelers blieb die Preiskontrolle fester Be¬ 
standteil der NS-Wirtschaftspolitik; hinderte jede Lust zu priva¬ 
ten Investitionen und Geschäften. Die Ausgaben der NS-Regie- 
rung rollten nicht ins Volk zurück, hatten keinen unmittelbaren 
Nutzen, waren vergeudet. Zwar kamen durch Geldvermehrung 
und Zwangsarbeit (wozu der »freiwillige« Arbeitsdienst gehört) 
die meisten Erwerbslosen irgendwo unter* 283 / aber seit 1936 sank 
der Lebensstandard unaufhaltsam ab. Der geheime SD-Abschlußbe- 
richtfiür 1938 gab zu, daß das durchschnittliche Realeinkommen im 
Jahre 1938 um 20%gegenüber 1933gefallen war. In diesem Rückgang 
des wirtschaftlichen Arbeitsergebnisses für den Einzelnen läßt sich ein¬ 
leuchtend die Hauptursache für den aufkeimenden »Widerstand« ge¬ 
gen Hitler und den Nationalsozialismus auffinden. Ab 1938 faßte er 
rasch zunehmend in allen Kreisen, vom Unternehmer und adligen 
Grundeigentümer bis zum Arbeiter Fuß. Solange man das Volk 
durch außenpolitische Erfolge hinhalten konnte, ging das unbe¬ 
merkt, und HiTLERhatte ja große Erfolge. Freilich dürften ihm die 
meisten, vom Anschluß Österreichs abgesehen, aus dem Grunde 
zugestanden worden sein, das Volk von seinen wirtschaftlichen 
Sorgen abzulenken und an Hitler zu ketten. 

Geldvergeudung hat immer eine Grenze, auch wenn die Hitlerre¬ 
gierung das so wenig merken wollte wie jede andere zuvor (und 
danach). Schon 1937 konnte der Staat nur mit größten Schwie¬ 
rigkeiten und Verzögerungen die Rechnungen für Kasernen¬ 
bauten bezahlen. 1938 retteten die Währungsreserven Öster¬ 
reichs (1,3 Mrd. RM) noch einmal den bankrotten Außenhan¬ 
del des Regimes, doch 1939 war der Notstand da. Die Steuern 
wagte es nicht zu erhöhen, weil dann das Volk offen vom Natio¬ 
nalsozialismus abgefallen wäre. Geldbeschaffung über Staatsan¬ 
leihen war nicht gangbar, weil der Mittelstand gar nicht Kapital 
ansammeln konnte, sie aufzunehmen und die Großkapitalisten 
hüteten sich vor ihnen. Staatsschuldpapiere waren seit 1938 ein¬ 
fach nicht mehr unterzubringen (zu »plazieren«). In dieser Not¬ 
lage griff das NS-Regime wiederum zu seinen typischen Hinter¬ 
türmethoden. Es zwang die Gemeindeverbände und Gemeinden, 
unverzinsliche^) »Reichsschatzanweisungen« aufzunehmen 
und wälzte somit seinen Bankrott auf die Gemeinden ab. Die ver¬ 
suchten durch kräftige Erhöhung ihrer Steuern wenigstens drin¬ 
gendste öffentlichen Arbeiten weiterzuführen. Aber sie mußten 
eingestellt werden, weil bei der katastrophalen NS-Wirtschafts- 
politik dafür kein Material vorhanden war. Lange vor Kriegsaus¬ 
bruch wurde beinahe alles in Deutschland »Mangelware«. Ohne 
»Bezugscheine« und »Beziehungen« war kaum etwas zu erhal¬ 
ten. Kohle, Stahl, Zement u.a.m. waren »bewirtschaftet«, der 
private Wohnungsbau verboten, die Textilindustrie ohne Roh¬ 
stoffe, devisenbringende wichtige Exportaufträge konnten nicht 
erfüllt werden, Hitlers geliebte Autoindustrie ohne Zuliefe¬ 
rer (über den Reifenmangel, sogar für Fahrräder, wurde viel ge- 
witzelt), die am meisten leidende Landwirtschaft verzweifelt. 
Die landwirtschaftliche Produktion ging erheblich zurück. Trotz 
»Reichsnährstand« und »Erzeugungsschlacht« - an Schlag¬ 
worten fehlte es nie - mußte man 1938 mehr an Lebensmitteln 
einführen als 1933. Butter gab es nur unter dem Ladentisch oder 
als Zuteilungen, selbst so banale Dinge wie Zwiebeln verschwan¬ 
den vom Markt* 284 / Angesichts des drohenden Zusammenbru¬ 
ches wurde die Zwangswirtschaft weiter verschärft: Der Ausweg, 
auf den Idioten kommen. Ins Ungeheuerliche blähte sich die na¬ 
tionalsozialistische Wirtschaftsbürokratie auf. Hitler ernannte 
Reichspreis- , Reichskohlen-, Transport-, Zement-, Arbeitsein¬ 
satz-, Was-sonst-noch-Kommissare; »Reichsbevollmächtigte« 
für Motorisierung, Vier jahresplan, Chemie-, Bauindustrie. Es er¬ 
schienen »Reichsbeauftragte« und »Gaubeauftragte« für Woh- 


123 


nungswirtschaft, Fettwirtschaft, Mißwirtschaft. Es gab »Reich¬ 
streuhänder« der Arbeit, der Sozialversicherung usw., die wie¬ 
derum mit dem Reichsarbeitsminister, der Deutschen Arbeits¬ 
front (NS-Zwangsgewerkschaft) und NS-Volkswohlfahrt (NSV) 
totalen Zuständigkeitskrieg führten. Es erschienen bei »Engpäs¬ 
sen« »Sonder-« und »Führerbevollmächtigte« für »Stoßaktio- 
nen«* 28S l Jeder umgab sich mit zahlreichen Mitarbeitern, Büros, 
Telefonen und Schreibmaschinen (das Wehrwirtschaftsamt allein 
hatte 6000 Angestellte!), jeder wollte bestimmen, stritt um Macht 
und Einfluß, intrigierte viel, leistete wenig und war aus dem be¬ 
drohlich schrumpfenden Sozialprodukt zu bezahlen. Zwischen 
Reichswirtschaftsministerium, Wehrwirtschaftsamt, Wirtschaft¬ 
streuhändern der NSDAP, Reichsamt für den Vier jahresplan, SS- 
Wirtschaffshauptamt wüteten Zuständigkeits-Streitereien und 
Rivalitäten. Görings Reichsluftfahrtministerium, »Generalin¬ 
spekteur für das deutsche Straßenwesen« (der direkt Hitler un¬ 
terstellte Todt), selbständige Binnenschiffahrt schufen sich neue 
Verwaltungsimperien und -paläste außerhalb des Reichsverkehrs¬ 
ministeriums. 

Sogar Aufträge für die Rüstungsindustrie wurden storniert, weil 
Material und Geld nirgends reichte. Im spannungsreichen Jahr 
1939 entstanden nur 90 deutsche Panzerkampfwagen! Die Mo¬ 
torisierung der Wehrmacht, voller Getöse und Mißgriffe, stockte. 
Das Pferd mußte buchstäblich einspringen und Aufgaben über¬ 
nehmen, für die es gar nicht geeignet war (z. B. schwere Geschütze 
ziehen). Aufklärungsabteilungen wurden aus Mangel an Kraft¬ 
fahrzeugen mit Fahrrädern »behelfs-motorisiert«^ 2S6 \ 

Die Landflucht nahm trotz Gegenpropaganda, Reichserbhof¬ 
gesetz, staatlicher Entschuldung von Landeigentümern, »Blut 
und Boden«-Sprüchen, »Landjahr«, »Landdienst« (junge 
Menschen, deren Idealismus die NS-Bonzen ausbeuteten) und 
schließlich sogar staatlichem Abkehrverbot ständig zu. Gegen die 
Verschlechterung der Lebensbedingungen sind solche Mittelchen 
zwecklos^ 287 ). 

Das national-sozialistische Regime war 1939 politisch, wirtschaft¬ 
lich und finanziell am Ende. Noch ein oder zwei Friedensjahre, 
Hitler, alle seine korrupten Parteigenossen und Hintermänner 
hätten vor dem Scherbenhaufen ihrer Unfähigkeit kapitulieren 
müssen. Der Krieg hat sie davor gerettet, aber um welchen Preis 
für das deutsche Volk! 

Vierte Schlußfolgerung: Behauptungen, daß NS-Regierung 
und Hitler sich um die Hebung des Volkswohlstandes be¬ 
müht und sie auch erreicht hätte; Volksinteresse Leitstern der 
NS-Staatskunst gewesen sei (sechs Jahre Frieden, fünf Jahre 
Krieg!), sind falsch. 

Der wirtschaftliche Anlaß zum Kriege war naheliegend. In den 
USA, in Großbritannien (und im ganzen englischen Weltreich), 
Frankreich und Polen hatte die gleiche oder fast gleiche Politik und 
die gleiche Unfähigkeit zu den gleichen Ergebnissen geführt. Überall 
war die Arbeitslosigkeit wieder im Steigen^ 288 ), die Staatsverschul¬ 
dung führte zum Abbau der Lebensbedingungen, die schwere po¬ 
litische Unruhen vorhersehen ließen. Planwirtschaft und Wirt¬ 
schaftspläne waren mißlungen, die große Erlösung hieß: KRIEG! 
Und so sind wir gar nicht verwundert, daß die Haupthetzer zum 
Krieg aus den USA - nicht etwa aus Deutschland - stammen. Ich 
brauche die Aussage Joseph Kennedys, Botschafters in London, 
hier wohl nicht wiederzugeben. Dem (Katholiken) Hitler - und 
dem deutschen Volk - die Verantwortung für den angeblichen 
»Überfall auf Polen« aufzubürden ist plumpe Ablenkung vom 
Anstifter. Geschichtliche Wahrheit ist, daß Hitler nur sehr wi¬ 
derstrebend sich zum Kriege überreden ließ - an seiner Angst vor 
ungewissen Entschlüssen besteht kein Zweifel -, er glaubte bis zu¬ 


letzt an Verhandlungen. Das diplomatische Intrigenspiel und ihre 
Schlingen zu durchschauen, mangelte es Hitler und Ribben- 
trop an Intelligenz. Heute gibt man Hitler alle Schuld, nach 
dem Motto: »Der Überlebende hat recht«^ 289 \ 

Noch eine dritte »Gruppe« machte sich die »Machtüber¬ 
nahme«^) der Hitlerpartei zunutze: Der Zionismus. Er ging mit 
Hilfe der nationalsozialistischen Rassentheorien daran, den er¬ 
träumten Judenstaat zu verwirklichen. Die Entstehung des Zio¬ 
nismus um die Jahrhundertwende und die kurz danach erfolgte 
Gründung der »arischen« Geheimbünde sind unmöglich Zu¬ 
fall. Heute fast unbekannte Okkulte wie Lanz v. Liebenfels, Ru¬ 
dolf von Sebottendorf u. a. waren ihre Väter (Wälsungenor- 
den, Germanenorden, Thuleorden, Skaldenorden). Ihr sieben¬ 
stufiges System ist den Illuminaten des 18. Jahrhunderts und »na¬ 
tionalen« Geheimbünden des 19.Jahrhunderts, wie Carbonari, 
Dekabristen, Narodna Odbrana usw. erschreckend ähnlich. Den 
ersten »arischen« Orden gründete der selbsternannte »Arier« 
Jörg Lanz v. Liebenfels. Er war selber jüdischer Abstammung, 
katholischer Ordenspriester und dann »abgefallen«. Über seine 
Hintergründe und -männer liegt geheimnisvolles Dunkel. 

Lanz v. Liebenfels behauptete, die »Arische Rasse« sei das 
Licht der Welt, von ihr sei die gesamte abendländische Kultur 
geschaffen, daher sei sie berufen, über alle Völker zu herrschen 
- sie sei der Gegenpol zur »jüdischen Rasse«. Diese wirren, un¬ 
wissenschaftlichen, ja schwachsinnigen Phantastereien brauchte 
niemand ernst zu nehmen. Aber des jüdischen Lanz v. Lieben¬ 
fels arischer Antisemitismus gegen religiös besessenes Juden¬ 
tum - welch ein Doppelspiel. Wer finanzierte ihn, ließ seine vie¬ 
len Schriften verfassen, drucken und verbreiten? Arische Geheim¬ 
bünde waren um 1919 einflußreich genug, um antisemitische Be¬ 
wegungen aufzuziehen und zu steuern, darunter die NSDAP (zu 
der Hitler ja erst später stieß). Sollten deren Führer geheime reli¬ 
giöse Pläne verwirklichen? 

Zu welchem Ziele sollte die »arische Rasse« andere Völker beherr¬ 
schen? Ist nicht jede Herrenschicht binnen kurzem degeneriert? 
Übten die Verwalter, Direktoren, Beamten, Gouverneure in den Ko - 
lonien des britischen (französischen, spanischen, portugiesischen, 
oder sei es, römischen) Weltreiches ihre Herrschaft aus Liebe oder 
sittlicher Verpflichtung zu den unterworfenen Völkern aus? Sie be¬ 
reicherten sich und plünderten im Aufträge ihrer reichen Herren die 
unterworfenen Menschen erbarmungslos aus. Herrschaft über an¬ 
dere Menschen und Völker geschieht nicht rassisch, sondern ist nur wirt¬ 
schaftlich durch Geldkapital, Privat grundeigentum und artfremde Re¬ 
ligion möglich. Sie wird nie von ganzen Völkern ausgeübt, sondern von 
einer geld- und grundbesitzenden kleinen Minderheit. Diese dachte nie 
daran, »unterentwickelte Völker« rassisch oder kulturell zu heben, 
denn das bedeutet deren Stärkung, am Ende Vermischung, Nieder¬ 
lage und Untergang der »Herrenrasse«. 

Mitglieder der arischen Orden standen hinter - oder vor, wie man 
es nimmt - ihrem öffentlich sichtbaren Arm, der NSDAP. Wer 
glaubt, hier sammelten sich nordische Germanen, irrt ganz gewal¬ 
tig. Ein Blick auf die Gesichter von Lanz v. Liebenfels, Hitler, 
Hess, Himmler, Streicher, Göring, Goebbels, Bormann, 
Koch usw. verrät den rassischen Mischmasch. Sie maßten sich ein 
Germanentum an, mit dem sie weder äußerlich noch seelisch und 
charakterlich - schon gar nicht moralisch - im geringsten überein¬ 
stimmten. Die Deutschen waren schon lange nicht mehr rassisch 
einheitlich, eine für jeden sichtbare Tatsache, die arische Ideolo¬ 
gen mutwillig übersahen. Unter dem Banner nationalsozialisti¬ 
scher »Rassenlehre« verbarg sich nichts weiter als wüster Antise¬ 
mitismus, der Deutschland in die politische Sackgasse lenkte. So 
übel sind die Auswirkungen dieser Irrlehren, daß die wirtschaft- 


124 


lieh und politisch mächtigen Zionisten jeden verfolgen und verfe¬ 
men, der es wagt, über Rassefragen überhaupt etwas zu sagen. 

Die Behauptung von Zionisten und Nationalsozialisten, Juden 
seien eine »Rasse« ist eine politische Zwecklüge. Die Propaganda 
von Julius Streicher (Mitglied des »arischen Germanenor¬ 
dens«) in dessen Wochenblatt »Der Stürmer« führte Juden als 
eine orientalische Rasse vor, tatsächlich war der Zionismus eine 
Idee der Ostjuden (Ashkenazim). Nicht einmal im Biologie-Un¬ 
terricht der Schulen in der Hitlerzeit ließ sich die nazistisch-zioni¬ 
stische Rasselehre vertreten. Allerdings war für Zionisten die Be¬ 
rufung auf »Rasse« aus politischen Gründen vorteilhaft. Ohne 
sie wären die »Nürnberger Gesetze« in ihrem rein zionistischen 
Geiste - bis heute gültig in Israel - nicht verständlich. Die jüdi¬ 
sche oder arische Abstammung bis zu den Großeltern sollte ent¬ 
scheiden, zu welcher Rasse jemand gehörte. Und wie stellten die 
nationalsozialistischen Behörden das fest? Indem sie die standes¬ 
amtlichen Urkunden auf die Religion überprüften! Was man mit 
diesem Trug beabsichtigte und erreichte, war die Verfolgung der 
Juden, die sich ihrer Knechtung durch Priester und Synagoge ent¬ 
zogen, sich taufen, ihre Söhne nicht beschneiden ließen, längst vom 
Judengeiste gelöst lieber deutsch als jüdisch waren. Die »Nürn¬ 
berger Gesetze« sollten die jüdische Auflösung aufhalten, denn 
für Zionisten - eine religiös gesteuerte politische Bewegung (das ken¬ 
nen wir) nach eigenem Bekenntnis - ist Assimilation Verrat am 
Judentum. Hätte man die Religion zur Scheidung von Juden und 
Deutschen gewählt, war die zionistische Judenverfolgung un¬ 
möglich. Moslempriester drohen Abtrünnigen von Allah den Tod 
an; die katholische Kirche bekehrt »Ketzer« mit Scheiterhaufen 
und Schwert (heute »nur« Verfemung), das Rabbinat bestraft 
ungehorsame Juden (unzweifelhaft gibt und gab es auch interne 
Kämpfe zwischen Sepharden und Ashkenazi) mit Verfolgung 
durch rabiate Antisemiten. Also - trieben die Nationalsozialisten 
zionistische Politik oder nicht? Am deutlichsten sagte es Rein¬ 
hold Heydrich, der hohe SS-Führer: »Als Nationalsozialist bin 
ich Zionist!« Leo Baecic, damals Oberrabbiner und Judenchef 
von Deutschland, sprach ganz Ähnliches - nur umgekehrt (den¬ 
noch kein Makel auf Baecics Kaftan)! 

Wie stand das deutsche Volk insgesamt zu diesem Teil national- 
sozialistisch-zionistischer Politik? Es bejubelte nicht die Nürn¬ 
berger Gesetze, es überhörte sie, kümmerte sich nicht darum. Das 
»Pogrom« von 9. November 1938 wurde nicht vom Volke veran¬ 
staltet, sondern von Kommandos, von denen man bis heute nicht 
weiß, (oder zu sagen wagt) wer sie organisierte bzw. Befehle dazu 
gab (Hitler war es nicht). Wir erinnern an dieser Stelle, daß ein 
besessener Katholik den amtlichen Kommentar zu den »Nürn¬ 
berger Gesetzen« verfaßte: Dr. Hans-Maria Globke. Der Anti¬ 
semit Globice überstand nicht nur das Dritte Reich unversehrt, er 
war dank der Macht seiner Kirche unbelastet, um als Staatssekretär 
des Bundeskanzlers Adenauer gewaltigen Einfluß auf die (romhö¬ 
rige) Politik der westdeutschen Bundesrepublik auszuüben. Ganz 
ohne Widerspruch der Zionisten. 

Von einem allgemeinen Judenhaß war dennoch in Deutschland - 
im Gegensatz zu Polen - niemals die Rede. Der führte selbst in 
der NS-Presse ein bescheidenes Randleben. Das widerliche Ge- 
geifer, wie es die britische und amerikanische Massenpresse seit 
jeher betrieb, war in Deutschland bis 1945 nie zu spüren. Erst seit 
der Niederlage und Besetzung werden die Deutschen im typisch 
jüdisch-anglo-amerikanischen Stil bearbeitet. 

Fünfte Schlußfolgerung: Die angebliche NS-Rassenpolitik, 
welche die deutsche Nation zu einem »Herrenvolk« machen 
wollte oder sollte, ist Lüge. Eine völkische und rassische Er¬ 
neuerung (bzw. Verbesserung) des deutschen Volkes wurde 


von der NS-Führung ebensowenig beabsichtigt wie die »Bre¬ 
chung der Zinsknechtschaft« und nur von unmaßgeblichen 
Parteigenossen erträumt. 

Nicht wegen seines Antisemitismus stimmte das deutsche Volk 
für Hitler, sondern aus wirtschaftlichen Gründen, weil er ihm 
»Arbeit und Brot« versprach, »niemand mehr hungern und frie¬ 
ren« sollte. Zu lebhaft erinnerte es sich der schwarzrot-goldenen 
Schreckenszeit 1919 bis 1932. Die nur für Volksfremde »Golde¬ 
nen Jahre« der Weimarer Republik, die Völksberaubung durch 
Inflation und Deflation, zahllose Justiz- und Korruptionsskan¬ 
dale, in die demokratische Politiker verwickelt waren, ein ständi¬ 
ges Millionenheer Erwerbsloser, öffentliche Unsicherheit, unver¬ 
schämte antideutsche Gehässigkeit jüdischer Literaten empörten 
aufrechte Deutsche zu Recht. 

Nach der Machtergreifung Hitlers wehte nun plötzlich ein an¬ 
derer Wind im Deutschen Reiche. Die bisher geübten Beleidigun¬ 
gen des Nationalgefühls^ 290 * wurden amtlich nicht länger gestattet. 
Der Aufschwung völkischer Gedanken nach 1933, Bevorzugung 
deutscher Kunst anstelle dekadenter Machwerke, freudige Zuver¬ 
sicht sind nicht allein Folge der Ausschaltung jüdischen Einflusses, 
sondern Ergebnis wirtschaftlicher Besserung nach Jahren bitte¬ 
rer Not. Die propagandistisch herausgestellte Volksgemeinschaft 
fand allgemein Widerhall, ungezwungen schmückte das Volk bei 
festlichen Anlässen Häuser mit Hakenkreuzfahnen. Die Gängelei 
durch die NSDAP nahm man hin, weil der Staat andere Freiheiten 
duldete, z. B. das Waffenrecht oder zu »meckern«. Politische Er¬ 
folge (Wehrhoheit, Anschluß der Saar, Österreichs usw.) verglich 
man mit der erfolg- und würdelosen Feigheit der »System-Demo¬ 
kraten«. In der Weimarer Republik regierte öffentlich der Poli¬ 
zeiknüppel - wie heute in der Bonner Republik. 

In der ganzen Zeit des Dritten Reiches gab es keine Straßen¬ 
schlacht, keine einzige in zwölf Jahren! Auch Frauen konnten bei 
Dunkelheit wieder sicher nach Hause gehen. Es gab kein Drogen¬ 
süchtigenproblem, Asylantenpack, keine Hippis, Rockbanden, 
Chaoten, Graffitischmierer. 

All das täuschte Ordnung, Sauberkeit und nationale Unabhängig¬ 
keit vor, die das deutsche Volk hoffen ließ, dank der Weisheit des 
Führers führe sie schließlich zur wirtschaftlichen Gesundung des 
Staates. 

Sechste Schlußfolgerung: Nebenströmungen im Dritten 
Reich und wirtschaftliche Auswirkung der Geldvermehrung 
nach 1933 dürfen nicht für zielbewußte Staatskunst der na¬ 
tionalsozialistischen Machthaber angesehen werden. 

Als Führer des deutschen Volkes wäre für Hitler die erste Pflicht 
gewesen, die Partei dem Staatswohl unterzuordnen, nicht umge¬ 
kehrt, wie es tatsächlich geschah. Als Staatsmann war seine wich¬ 
tigste Aufgabe, Deutschland wirtschaftlich zu gesunden und vor 
den finsteren Kriegs- und Vernichtungsplänen seiner Feinde zu 
bewahren. Er konnte ihre Intrigen zerreissen, hätte er dazu Wis¬ 
sen, Willen, Charakter, Weitblick und Verstand besessen: »Wir 
marschieren nicht, die können machen was sie wollen!« Freilich 
wissen wir aus der Geschichte: Ein ungehorsames Werkzeug an 
der Spitze des Staates wird bald ermordet. Und falls Hitler den 
Krieg willig oder gezwungen entfesselte? In solcher Lage war es 
nationale Pflicht aller, die Zugang zu ihm hatten, ihn durch eine ent¬ 
schlossene Tat zu stürzen. Es gab Männer im ganzen 80-Millionen- 
Volk der Deutschen, die Hitler als das große nationale Unglück er¬ 
kannten^ 91 ^. Als noch Zeit war, konnten sie sich zu seiner Beseiti¬ 
gung nicht entschließen. Der letzte Termin dafür war der August 
1939. Es gibt in unserer Geschichte kaum einen tragischeren Au¬ 
genblick: Die Generale, die sich auf dem Obersalzberg einfanden, 
wußten, daß das Deutsche Reich sich nicht auf einen Krieg einlas- 


125 


sen durfte. Sie versagten in einer Sternstunde der Entscheidung. 
Nicht einer von ihnen sagte Hitler ein Wort, keiner fand im letz¬ 
ten Augenblickseine Pistole* 292 / 

Was niemand für möglich hielt, Hitler verriet die deutsche 
Nation in wirtschaftlicher, militärischer und politischer, ja so¬ 
gar in kultureller Hinsicht: Im Dezember 1941, zugleich mit der 
Kriegserklärung an die USA und den Niederlagen in der Sowje¬ 
tunion ließ er die deutsche Schrift abschaffen und verkündete, daß 
die Deutschen für »Lebensraum« und - zugleich - ein »Vereinig¬ 
tes Europa« zu kämpfen hätten. Er verlangte vom deutschen Volk, 
»fanatisch an den Nationalsozialismus zu glauben und bereit zu 
sein, sich dafür totschlagen zu lassen«. Das deutsche Volk hatte zu 
der Zeit nur noch eine Sorge, nämlich heil aus dem Kriege heraus¬ 
zukommen und scherte sich den Teufel um Europa oder Lebens¬ 
raum. Für den Nationalsozialismus und seine verworrenen Ideen 
war nicht einmal Hitlers nächste Umgebung bereit zu sterben, 
geschweige denn das Volk. 

Ich habe mit eigenen Augen 1941/42 erlebt, wie das Volk sich von 
ihm abwendete* 293 / Verachtung der Parteifunktionäre (»Goldfa¬ 
sanen«), keine Hakenkreuzflaggen mehr, sie verschwanden sogar 
von öffentlichen Gebäuden. Kein Wunder, wenn das wackelnde 
Regime in Angst um seine Herrschaft zum Terror griff. Zu allen 
Zeiten handelten andere Machthaber in dergleichen Lage genauso. 
Unterdrückung Nichtkonformer, Ermordung Unbequemer, 
Rechtlosigkeit, Willkür, politische Justiz, Gefängnishaft ohne An¬ 
klage sind durchaus nicht einmalig und nazistisch. Die Beherr¬ 
scher der Sowjetrussen, Briten, Amerikaner, Franzosen, Italiener, 
Polen, Tschechen, Litauer und mißhandelten ebenso tausende, ja 
Millionen ihrer Landsleute, verbrachten sogar geschützte Parla¬ 
mentarier in Konzentrationslager. Der große Unterschied besteht 
einzig darin, daß wir Deutsche den Krieg verloren. Fremde, die 
bis heute über Deutschland Gewalt haben, bestimmen was über 
die Hitlerzeit gesagt werden darf. Obwohl der »Führer« sein Pro¬ 
gramm preisgab, das deutsche Volk über seine Politik täuschte, 
versagte und scheiterte, seine Anhänger verriet, im Auftrag frem¬ 
der Geldgeber die nationale Platte abspielte, sich am Ende feige im 
Bunker verkroch und aus dem Leben verdrückte, wird alles Deut¬ 
sche als »nazistisch« geschmäht. Je weiter die Zeit sich von der 
national-sozialistischen Ära entfernt, um so mehr macht man sie 
der unwissenden Nachwelt zum Monstrum* 2941 . Je schrecklicher 
man den Nationalsozialismus darstellt, je mehr Lügen man über 
seine Herrschaft und Zeit verbreitet, je öfter man mit dem war¬ 
nenden Finger auf ihn zeigt, um so sauberer glauben die heutigen 
Machthaber vor dem Volke dazustehen. Was das Bonner Regime 
als »Neonazis« ausschreien läßt, sind ein paar gekaufte, haltlose 
Subjekte, die für Greuel-Propaganda gegen volksbewußte, stolze 
Deutsche brauchbare »Aufhänger« liefern sollen. 

Wie oberflächlich der Nationalsozialismus im deutschen Volke 
wurzelte, wie schlecht diese Partei trotz anfänglicher äußerer Er¬ 
folge in den Augen des Volkes war, beweist ihr vollständiges Ver¬ 
schwinden mit dem Ende Hitlers. Selbst eifrigste Parteigänger 
fanden es nötig, sich so weit wie möglich von Hitler und dem 
Nationalsozialismus abzusetzen. In Italien hielten sich Faschisten 
noch Jahrzehnte und trauerten ihrem »Duce« nach. Nichts der¬ 
gleichen gab es in Deutschland. Es bedurfte dazu nicht einmal be¬ 
sonderer Verbote und der »Entnazifizierung«. 

Sie alle fürchten die deutsche Nation und ihre innere Stärke. Das ist 
die Ursache, weshalb sie unter keinen Umständen einen Schlu߬ 
strich unter diese winzig kurze Episode unserer tausendjährigen 
Geschichte unter Priester- und Geldherrschaft ziehen wollen. Das 
deutsche Volk hat Schlimmeres als die Hitlerzeit erlebt - und er¬ 
lebt es heute! 


Letzte Feststellung: Der Nationalsozialismus ist vor über 
fünfzig Jahre untergegangen. Er lebt nicht in Überresten und 
Schlupfwinkeln, er ist mausetot, doch er ist keine Leiche und 
erst recht keine Mumie. Der Nationalsozialismus ist ein Ge¬ 
spenst. Aber welcher Aufgeklärte glaubt an Gespenster - und 
läßt sich damit schrecken? 


126 


3. Teil: 

Die verrottete 
Gesellschaftsordnung 
»Das Geld ist die einzige 
Erfindung, die die Gewalt 
einer Naturkraft besitzt«. 
Wie lange noch Nation 
im Unglück? 


127 



Wie lange noch Nation im Unglück? 

Meine Darstellung von der Entstehung der Deutschen als Rasse 
und Nation und dem 2000jährigen Kampf fremder Mächte gegen 
sie ist nicht Selbstzweck. Man möge nicht daraus schließen, daß 
das alles zwar ganz interessant und meine Aufgabe hiermit been¬ 
det sei. Damit wäre nur halbe Arbeit geleistet. Die von mir vor¬ 
gelegte Geschichtebetrachtung muß uns, der gegenwärtigen Ge¬ 
neration und der deutschen Nation Lehrstoff sein. Unsere Aufgabe 
muß sein, aus den historischen Zusammenhängen von Wirtschaft , 
Geld und Religion endlich zu lernen. Wir haben zu lernen, was un¬ 
sere Vorväter falsch gemacht, was sie übersahen, weshalb sie von 
fremden Machthabern geknechtet, seelisch und sittlich verwirrt, 
von der artgemäßen Lebensweise unserer Vorfahren weggeführt 
werden konnten. Anschließend müssen wir ergründen, wo heute 
die Hindernisse liegen, die uns verwehren, auf den ursprüngli¬ 
chen, biologischen, natürlichen Entwicklungsgang zurückzukehren. 
Und schließlich müssen wir, wenn wir unser genetisches, nationa¬ 
les und kulturelles Erbgut erhalten wollen, diese Hindernisse aus 
dem Wege räumen und tapfer die Straße in die Zukunft beschrei¬ 
ten, die dorthin führt. 

Ich fasse meine Darstellung unserer Entwicklung und Geschichte 
zusammen und lenke die Beachtung auf die entscheidenden Wen¬ 
depunkte. 

Die deutsche Nation ist die erste in der Menschheitsgeschichte, 
der dieser Begriff überhaupt zugebilligt werden kann. Kein ande¬ 
rer Staat, kein Volk des Altertums, kein moderner Staat hat trotz 
mancher Versuche etwas ähnliches entwickelt. In jeder Hinsicht 
entsprach sie naturgewollten Grundsätzen. Sie war rassisch einheit¬ 
lich, sie dachte in einer Sprache die im Rasseerbgut wurzelte und 
nicht von fremden Einflüssen verdorben war, sie entwickelte eine 
eigene Kultur, deren Grundsätze in die ganze Welt gegangen sind; 
sie besaß einen geschlossenen Lebensraum, in dem für andere 
Rassen und Volker kein Platz war, und sie hatte sich eine Wirt¬ 
schaftsordnung gegeben, die naturgesetzliche Lebensbedingun¬ 
gen bis ins letzte verwirklichte. Die Einheit von Wirtschaftsordnung, 
Heimatland, Sprache und Kultur wirkten als naturgewollter Schutz¬ 
wall der Rasse, die wiederum das biologische Übergewicht aufrecht 
hielt und sicherte. Was für eine heute unbegreifliche Stärke sie dar¬ 
aus entwickelte, sahen wir bei ihrem fünfhundertjährigen Kampfe 
gegen das Römerimperium. Kein anderes Volk des Orients und 
Okzidents hat den Römern auf Dauer widerstehen können, kei¬ 
nes besaß die nationale Kraft, über die Abwehr hinaus zum Ge¬ 
genangriff zu schreiten und schließlich den gewaltigsten Staat 
des Altertums zu zertrümmern. Als tatsächlich entscheidend er¬ 
wies sich zuerst die Wirtschaftsordnung, nicht Kinderzahl oder Su¬ 
che nach »Lebensraum«, auch nicht Tapferkeit oder »furor teu- 
tonicus« (deutsches Ungestüm). Die Germanen hatten in ihrer 
Wirtschaftsordnung keine Grundherren, keine Zinsendienste oder an¬ 
dere Schmarotzer, gleich welcher Herkunft, zu tragen. Die Kriegsaus¬ 
gaben waren erträglich, weil sie keinen Germanen arm machten 
(oder einige wenige reich) und nur die jeweils lebende Generation 
belasteten, für die es darum trotz vieler Opfer eine Lust war zu le¬ 
ben und zu schaffen. Ihr war der gesunde Anstieg der Bevölkerung 
zu danken, der alle Menschenverluste der Kriege wettmachte. Ge¬ 
schenkt wurde ihr freilich nichts, weil sie sich im härtesten Kampfe 
bewähren und durchsetzen mußte. 

Bis ins frühe Mittelalter fanden wir die Gesellschaftsordnung der 
Germanen in voller Übereinstimmung mit den Absichten der Na¬ 
tur. Den Stillstand und Niedergang des germanischen Volkslebens 
seit dem konnten wir auf die Zerstörung seiner wirtschaftlichen 
Grundsätze und staatlichen Einrichtungen zurückführen. Wir er¬ 
innern uns, wie bald die (West-)Franken nach Einführung der ka¬ 


pitalistischen Wirtschaftsordnung und Religion völlig »entar¬ 
tet« sind. Das orientalische Geistesgut wirkt überall auf der Welt, 
in jedem Volk kulturzerstörend, es vernichtet jede Vorgefundene 
sittliche, rechtliche und wirtschaftliche Organisation von Rasse, 
Volk und Gemeinwesen. Der Kapitalismus braucht die Religion; die 
christlichen, richtiger: orientalischen Glaubenslehren sollen den seeli¬ 
schen Widerstand gegen das naturwidrige Ausheutesystem brechen. 
Ich wies nach, daß Glauben und Priester um so mächtiger herrsch¬ 
ten, je übler die Notzustände der schwankenden Volkswirtschaft 
waren. Umgekehrt stellten wir stets den allgemeinen Abfall von 
Glauben und Kirche, den Machtschwund der Priester fest, wenn 
die Wirtschaft einen kräftigen Aufschwung nahm. Diese Zu¬ 
sammenhänge wurden bisher nicht beachtet und von allen Ge¬ 
schichte-Forschern übersehen. Politik ist zu 99% Folge wirtschaft¬ 
licher Zustände, Pläne und Gewinnabsichten. »Sacralpolitik« ist 
kapitalistische Wirtschaftspolitik! Hier liegt der Angelpunkt, der 
uns zwingt, in fast allen Fällen den wirtschaftlichen Gründen Vor¬ 
rang vor politischen einzuräumen. 

Da Geld in der germanischen Volkswirtschaft keinen Platz hatte, 
müssen die religiösen Vorstellungen der Germanen auf ganz an¬ 
deren Grundlagen als die christlichen beruht haben. Ihre von der 
Kirche planmäßig zerstörten Heiligtümer (Bäume, Berge, Quel¬ 
len, Felsen) weisen auf die innige Verbindung unseres Volkes zur 
belebten und unbelebten Natur hin. Die wenigen schriftlichen 
Zeugnisse hierüber, sei es Edda oder bei Tacitus, sind nicht in ih¬ 
rer ursprünglichen Gestalt überliefert und machen uns durch selt¬ 
same Aussagen mißtrauisch. Wie Tacitus behauptet, sollen Prie¬ 
ster bei den Germanen eine führende Rolle gespielt haben. Diese 
Stelle der »Germania« muß, wie so vieles über unsere Vorfahren, 
deshalb vorsätzlich gefälscht sein, weil die Quellen des Frühmit¬ 
telalters bzw. Karolingerzeit nichts von germanischen Priestern zu 
berichten wissen. Niemand hat von ihrem Einfluß auf die Kampf¬ 
moral gehört (wie einst die Druiden bei den Kelten). Bemerkens¬ 
wert sind die Missionen des Bonifacius in das Innere Deutsch¬ 
lands, dem niemals germanische Priester begegneten. Ich werde 
später begründen, weshalb Priester und kapitalistische Geldwirt¬ 
schaft einander bedingen. In der germanischen Gesellschaftsord¬ 
nung war einfach kein Platz für Priester. Wie bei vielen anderen 
heidnischen Völkern, leiteten die angesehensten Ältesten und 
Volksführer der Germanen gemeinsame Feierlichkeiten. 

Einen urtümlichen germanischen Geburtsadel, dem allein die 
Führerstellungen Germaniens zustanden, stellte ich bereits früher 
in Abrede. Jeder Adel istbestrebt, vor allen anderen Aufgaben und 
Interessen sich und seinen Nachkommen die Vörzugstellung über 
dem Volke zu sichern. Er verriet eher das eigene Volk als seine Vor¬ 
rechte. Solche Versuche sind uns aus der Römerzeit wohl bekannt, 
aber man darf daraus nicht auf die Mehrheit der »Edelinge« 
schließen, die moralisch intakt und vom Volkswillen abhängig 
blieb. Aus der Spätzeit der germanischen Gesellschaftsordnung 
gibt es zahlreiche Nachweise, daß noch alle Führer vom Volke ge¬ 
wählt wurden. Als Erster (germanisch: »First«) wurde demnach 
jeder bezeichnet, der in eine Führerstellung berufen wurde, selbst 
wenn er ein einfacher Bauernsohn war. Natürlich hatten aufgrund 
seiner Erbanlagen dessen Söhne eher Aussichten, Führer zu wer¬ 
den. Bei solchen Sippen mag sich also die Bezeichnung »Ede¬ 
linge« eingeführt haben. Eine Gefahr, daß zum Schaden der Ge¬ 
samtheit kranke oder unfähige Kinder eines Edelings in die Volks- 
leitung gelangten, bestand bei der germanischen Staatsverfassung 
nicht. Aus diesem Grunde treten in der Germanengeschichte bis 
zur Großen Landnahme (»Völkerwanderung«) Herzoge und 
Volksführer auf, die nicht aus wenigen bevorrechtigten Geschlech¬ 
tern stammen. Wiederum läßt sich eine natürliche Auslese, ein 


129 


Streben zur Höherentwicklung des Menschen erkennen. 

Der germanische »First« hatte kein Land und keine Macht zu ver¬ 
erben, und was ihm gehörte, war kein Kapital. Seine Söhne mu߬ 
ten sich, vom Hoferben abgesehen, Wohnplatz und Ansehen wie 
jeder andere neu erringen. Mit dem Einbruch der Geldmacht wird 
alles umgestürzt. Es ist begreiflich, wenn viele germanische Füh¬ 
rer von der Macht und den Möglichkeiten großen Geldbesitzes zu 
beeindrucken waren. Keiner wird bedacht haben, daß das Geld, 
welches reiche Römer oder Priester an sie verteilten, anderen vom 
Einkommen genommen war - das tun ja auch heute nur die aller¬ 
wenigsten. Die Zersetzung des Volkskörpers nahm (und nimmt) über¬ 
all mit der Bestechung der Volksführer ihren Anfang - auch bei den 
Germanen. Geld sowie die scheinbar unangreifbare, überragende 
Stellung der fremden Priester (und, nicht zu vergessen, deren cha¬ 
rakterliche Verderbnis, die eine einmalige Verstellungskunst ent¬ 
wickelte) und ihre Einflüsse veränderten die verfassungsmäßigen 
Grundlagen des Germanenstaates und besonders das Verhältnis 
zwischen Führerschaft und Volk vollständig* 1 *. Sie veränderten 
ebenso die Eigenschaften und die rechtliche Stellung der »Er¬ 
sten«. Nachdem man die Führer durch die Verlockung des Geldes 
in der Hand hatte, genügten allermeist nicht Geschenke, sondern 
der Strick einer Anleihe gegen einen Schuldschein. Das ist die ur¬ 
alte, bis heute übliche Methode, Politiker zu kaufen und zu bezwingen. 
Die Angst, der Schuldtitel könne zu jeder Stund’ zur Einlösung präsen¬ 
tiert werden, hält sie in Schach (und überzeugt können sie dann be¬ 
ten: »Vergib uns unsere Schuld!«). 

Der mittelalterliche Geburtsadel (wie er sich uns bis heute dar¬ 
stellt) entstand also aus der Bevorzugung durch volksfremde 
Priester, durch Vererbung des kapitalisierten Vermögens und 
die Erblichkeit von Rang und Stellung - was sämtlich rein orien¬ 
talische Gebräuche sind. Aus seiner Aufgabe als natürliche, ge¬ 
wählte Volksführer ward der Adel zu einem Stande von ungewähl¬ 
ten Volksherren (englisch »Lord«, identisch mit der Bezeichnung 
Gottes) korrumpiert. Bei dem gleichzeitig eintretenden wirt¬ 
schaftlichen Niedergang und der Verelendung des Volkes mußte 
der Adel sich fest an die Priester anschließen, um für sich einen 
besseren Lebensstand zu sichern. Aus dieser Vorzugsstellung her¬ 
aus sich besser dünkend als das übrige Volk und schließlich die un¬ 
geheuerlichsten unsittlichen (ius primae noctis) und wirtschaft¬ 
lichen (Leibeigenschaft) Vorteile erpressend, ward er die Haupt¬ 
stütze der christlichen Religion, der Kirche und des Privatgrund¬ 
eigentums. So entwickelte das Bündnis von Geldkapital, Klerus 
und Adel gegen das übrige Volk im Germanenlande die zwei Klas¬ 
sen der Herren und Untertanen. Nirgendwo fanden Herrschsucht 
und Größenwahn eines Adeligen jetzt mehr Befriedigung, als die 
Stellung eines höheren Priesters zu bekleiden 1 ' 2 *. Erinnern wir hier 
an Ordensritter, die Adelige und Priester zugleich waren, bis hin¬ 
auf zu geistlichen Kurfürsten, die jahrhundertelang vom Hoch¬ 
adel eingenommen wurden. Wir haben es den Kommunisten zu 
danken, daß er Anfang unseres Jahrhunderts bei uns gestürzt und 
politisch entmachtet wurde. 

Nein, das Christentum kam nicht als überzeugende Lehre zu den 
Germanen, als kapitalistisch-finanzielle Macht schlich es sich ein. 
Diese Macht wurde von der festgefügten Priestergesellschaft ver¬ 
treten, die reiche Erfahrung im Gebrauche von Geld, Betrug und Ge¬ 
walt besaß. Dem Einbruch der Geldwirtschaft in Verbindung mit 
orientalisch-druidischer Religionslehre und Wirtschaftspolitik 
war der Deutsche nicht gewachsen. Wir sind der Überzeugung, 
daß diese Kräfte für sich allein nicht dazu imstande waren. Die 
Münzenfunde aus früher Zeit und totgeschlagene »Glaubensbo¬ 
ten« in Germanien beweisen das. Unbedingte Voraussetzung des 
Sturzes der germanischen Volkseinheit war die Aufhebung des 


Gemeineigentums an Grund und Boden (»Schenkungen« an die 
Kirche, Privatisierung des Adelsbesitzes). Die Priester verfolgten 
deshalb Schritt für Schritt ihre uralten wirtschaft-strategischen 
Pläne, um in den Besitz des germanischen Völksbodens zu gelan¬ 
gen. Wir sind imstande, die einzelnen Stufen zu erkennen. 

1. Ohne Volksfremde und Gründung von Missionsfestungen 
(Klöster) hätten sie niemals in Deutschland Fuß fassen können. 

2. Diese hätten sich nicht auf die Dauer halten können, wenn sie 
nicht den Schutz organisierter Waffengewalt erhielten, deren 
Häuptlinge teils durch Bestechung, teils durch Verdummung in 
den Händen herrschsüchtiger Priester waren. 

3. Mit willkürlich ausgelegten religiösen Vorschriften und wirt¬ 
schaftlicher Bedrückung wurde die natürliche seelische Eigenart 
im Volke zerrissen. 

4. Dennoch setzten die Deutschen ihrer Enteignung solchen er¬ 
bitterten Widerstand entgegen, daß man viele Zwischenstufen 
des orientalischen Bodenrechts erfinden mußte. 

5. Priesterlist und abhängige Adlige fanden Formeln, über Jahr¬ 
hunderte und Geschlechterfolgen allmählich das germanische 
Recht auszuhöhlen. 

6. Erst im 19.Jahrhundert konnte das gesetzlich unbeschränkte 
Privatgrundeigentum (wiederum durch hohe Adlige) durchge¬ 
setzt werden. Das ist beachtlich, über tausend Jahre brauchte man 
dazu bei den Deutschen. Bei anderen Völkern hat man solcherlei 
Aufhebens nicht zu machen brauchen. Bei den Ägyptern genüg¬ 
ten bekanntlich Vierzehn jahre vonj osephs Finanzwirtschaft. Die 
Spanier, Portugiesen, Engländer, Franzosen brachten es mit einfa¬ 
chen »Gesetzen« fertig, in ihren Kolonien der einheimischen Be¬ 
völkerung den Boden zu rauben. In Nordamerika verzichteten die 
Landräuber sogar auf Gesetze, Gewehre genügten. In jedem Falle 
wurde dabei die Bevölkerung wenn nicht gleich ausgerottet, dann 
vollständig proletarisiert, die alte Kultur zerstört. 

In Deutschland konnte dieses Herrschaftssystem trotz allen Ter¬ 
rors die Nation nicht bezwingen. Es bestand allerdings so lange un¬ 
erschüttert, bis die Brakteaten die Übermacht des Geldkapitals 
brachen. Wieder ereignete sich ein entscheidender Durchbruch 
der Menschheitsentwicklung in Deutschland. Vom erstmals in 
der Geschichte zinsfreien Geld wurde der Bürger geboren. 

Die Geburt des Bürgertums war ein lawinenartiger Einbruch, 
der die ganze ausbeuterische »Gottesordnung« über den Hau¬ 
fen warf. Hier bildete sich ein dritter Stand zwischen Adel/Klerus 
und besitzloser Masse, der grundsätzlich allen Beherrschungsme¬ 
thoden widerstehen konnte, weil er zu zahlreich und wirtschaft¬ 
lich unabhängig war, sowie aus Selbsterhaltungstrieb zusammen¬ 
hielt. Der Bürgerstand war selbst durch die Rückkehr zum kapi¬ 
talistischen Geld und schwerster Wirtschaftsnot nicht mehr zu 
überwinden. Damit wurde er tatsächlich zum Bestandteil des 
menschlichen Fortschrittes. Man findet die Ursachen dafür gro¬ 
ßenteils in den Erbanlagen der germanischen Rasse. Vor allem 
der Spartrieb, dem wir die Überwindung der ersten großen ger¬ 
manischen Daseinskrise verdanken, ermöglichte durch seine An¬ 
wendung auf das an sich tote Geld dem Bürgerstand das Überle¬ 
ben. Auf Einzelheiten sei hier nur am Rande hingewiesen: Als im 
19. Jahrhundert das Bürgertum neuerlich erstarkte, wurde sein Be¬ 
streben, das kapitalistische Geld in die Gesellschaft einzubauen, in 
erster Linie vom Geldsparen, nicht Geldhorten getragen. Ich erin¬ 
nere an die Gründung der Sparkassen, Darlehensgenossenschaf¬ 
ten usw. Diesen Anstrengungen, finanziell unabhängig zu werden, 
steht das gleichzeitige Bemühen des Großkapitals (Hochfinanz) 
gegenüber, die Kreditgewährung in ihrer Hand zu monopolisieren, 
was sich durch Riesenbanken, Kontrolle der Geldausgabe durch 
Zentralnotenbanken, Einfluß auf die staatliche Bankengesetzge- 


130 


bung und vor allem durch Betrug an den Sparern' 3 * immer wie¬ 
der zeigt. Zu keiner Zeit fehlte es an Versuchen, den Bürgerstand 
wieder zu beseitigen. Da er von der Kirche von Anfang an erbit¬ 
tert bekämpft wurde, läßt sich begreifen, wenn der junge Bürger¬ 
stand seinerseits in der Kirche seinen Feind sah. Dieses Feindbild 
abzubauen ist den listigen Priestern allmählich bei der Mehrheit 
der Bürger gelungen, aber ihr eigener ungebändigter Haß gegen 
den »Mittelstand« (der nämlich über eigene Finanzmittel verfügt) 
wirkt bis in unsere Tage unvermindert fort, wir finden dabei christ¬ 
liche Politik und sozialistische Bewegung in gar nicht so seltsamer 
Einmütigkeit. Vielleicht begreift man jetzt die wahren Hinter¬ 
gründe der marxistischen Bewegung, ihren Haß gegen die »Bour¬ 
geoisie« (bewußte Vermeidung des Begriffs Bürgerstand!), ihre 
unablässigen Anstrengungen, die Mittellosen gegen ihn aufzuhet¬ 
zen, ihre Pläne, eine staatliche Finanzkontrolle durchzusetzen und 
- beachte! - ihre geheime Zusammenarbeit mit Hochfinanz und 
Priestern. Durch den Umsturz der wirtschaftlichen Wettstreitbe¬ 
dingungen in der germanischen Gesellschaft ergab sich eine wei¬ 
tere zwangsläufige biologische Folge, die bis heute die Wenigsten 
erkannten: Die natürliche Weiterentwicklung der menschlichen 
Gene wurde plötzlich gestoppt. 

»Der Menschenschlag, der den Maßgebenden im Staate gefällt, der 
herrscht (von jetzt ab) vor. Dann erobert sich der Mensch seine 
Stellung nicht mehr kraft seiner persönlichen Fähigkeiten, nicht 
mehr durch sein Verhältnis zur Menschheit und zur Welt; sein 
Verhältnis zu den herrschenden Parteihäuptlingen gibt vielmehr 
die Entscheidung. Er erschleicht seine Stellung, und die besten 
Schleicher hinterlassen dann die stärkste Nachkommenschaft - 
die gesetzmäßig auch die Eigenschaften der Eltern erbt. Wer nicht 
mitmachen will, kommt ins Hintertreffen, seine Art geht zurück 
und verschwindet schließlich ganz. Eine Fortentwicklung über 
die Schablone hinaus wird unmöglich«' 4 *. 

Solange die wirtschaftlichen Voraussetzungen gleicher Wettstreitbe¬ 
dingungen für jeden nicht wieder hergestellt werden, kann es kei¬ 
nen Ausweg aus der fortschreitenden Entartung der Menschen 
geben. Was auch immer die Natur an Möglichkeiten zur Fortent¬ 
wicklung in Einzelmenschen bereitstellt, es muß entarten (dege¬ 
nerieren), wenn es in eine faule, schmarotzende Kaste hineinge¬ 
boren wird, es vernichtet sich selbst, wenn es zu einer Priesterge¬ 
sellschaft findet, und es muß untergehen, wenn es in einer entrech¬ 
teten, unterdrückten, ausgebeuteten Klasse zur Welt kommt. 

Eine Beobachtung der am längsten - 3000Jahre oder mehr - vom 
Verbund zwischen Geldkapitalismus und Religion beherrschten 
Völker des Mittleren Ostens bestätigt uns, daß die Entartung dort 
am weitesten fortgeschritten ist. Nicht biologische Eigenschaften 
und seine Tüchtigkeit bestimmt beim männlichen Geschlecht, 
wer seine Gene fortpflanzt, sondern allein das Geld, das er besitzt. 
Die Religion gestattet ihm Vielweiberei, einen Harem oder we¬ 
nigstens vier legale Frauen, sofern er sie versorgen kann. Das al¬ 
lerdings kann nur durch Ausbeutung der Arbeitskraft anderer ge¬ 
schehen, die zugleich von der Fortpflanzung ausgeschlossen wer¬ 
den. Das weibliche Geschlecht besitzt im Orient überhaupt keine 
gesellschaftlichen Rechte, keineswegs steht ihm zu, den Vater der 
Kinder zu wählen. Die Mädchen werden (oft als Kinder) von den 
Alten gewöhnlich um Geld ausgehandelt, also verkauft, Heiraten 
sind nur innerhalb der Kaste zugelassen, Religion, Sitte und Kul¬ 
tur verbieten freie Werbung. Das wirkt als zielbewußte Auslese der 
von der Geldbesitzerkaste erwünschten Eigenschaften. Die rassische 
Übereinstimmung z. B. der gesellschaftlichen Klassen von Ara¬ 
bern, Indern, Malayen, Koreanern usw. ist rein äußerlich. Nicht 
nur materiell, auch seelisch und erbgutmäßig könnten die Unter¬ 
schiede innerhalb dieser Nationen nicht größer sein. Land und alle 


Bodenschätze sind dort vollständig in den Händen einer Handvoll 
Familienclans, die haben alle Staatseinrichtungen wie Gesetzge¬ 
bung, Armee, Verwaltung, Rechtsprechung und Polizei lückenlos 
in ihrem Besitz, der Rest hat nichts, weder Eigentum noch Rechte. 
Er ist nur zum Arbeiten da, die Arbeitsbedingungen sind schau¬ 
erlich, der Verdienst reicht gerade zur Erhaltung der Arbeitskraft 
(Kulis). Unter dem Schutze bzw. Druck der Religion findet eine 
Züchtung von Menschen statt, die sie buchstäblich auf die Stufe 
von Haustieren hinunterdrückt. Die Herrenklasse lebt in Faulheit, 
unvorstellbarem Luxus und sexuellen Ausschweifungen. Jede Re¬ 
bellion gegen sie wird sofort mit der Vernichtung - Tötung - ge¬ 
ahndet, die Angehörigen dem Elend und Hungertode preisgege¬ 
ben. Selbst geringfügige Vergehen läßt sie drakonisch und grau¬ 
sambestrafen. Die Herrscherkaste wählt gleichzeitig andere Men¬ 
schen aus, die sich durch Brutalität und Sadismus als Aufseher, 
Antreiber und Büttel auszeichnen und sie vor den »Unberührba- 
ren« beschützen. Auch sie vererben, Bluthunden gleich, ihre Ei¬ 
genschaften ihren Nachkommen. Die Religion übt die wirkungs¬ 
vollste Kontrolle über Kultur und Leben bis in jeden Winkel des 
Volkes (Islam, Hinduismus, Lamaismus usw.) aus. Die Religion 
verspricht den Gläubigen nach dem Tode im Paradies das Luxus¬ 
leben der irdischen Ausbeuter, sie predigt und rechtfertigt die Ge¬ 
walt, sie engt das Seelenleben in unveränderlichen Formeln ein, 
sie verfolgt zugleich jeden selbständigen Gedanken. Wenn alle ge¬ 
zwungen werden, drei- oder fünfmal am Tage zusammenzutref¬ 
fen, sich gemeinsam auf den Boden zu werfen und auf Kommando 
Gebete aufzusagen, sich vorschreiben lassen, was, an welchen Ta¬ 
gen und zu welchen Zeiten sie essen dürfen, was sie tun und las¬ 
sen müssen, zahllose andere Vorschriften aufs kleinste einzuhal¬ 
ten, dann ist das eine unaufhörliche Gesinnungsprüfung, dann 
fällt die kleinste Abweichung, schon ein verstecktes Heucheln auf 
und wird von den religiös Abgerichteten (d. h. der Gedankenpoli¬ 
zei oder am stärksten Verblödeten) fürchterlich geahndet. Unter 
solcher Bedrückung ist das betroffene Volk oder der Einzelne wil¬ 
lens - und erbgutmäßig nicht mehr in der Lage, aus dem Nieder¬ 
gang hinauszufinden. Ich weiß aus eigener Erfahrung im Umgang 
mit asiatischen Menschen bzw. Völkern, daß sie sich über ihre Ge¬ 
sellschaftsordnung niemals Gedanken machen. Sie streben nur 
nach einem, nämlich irgendwie Kapitalist zu werden, wenn nicht 
im Diesseits, dann im Jenseits. Ihre geradezu wahnsinnige Spiel¬ 
wut ist ein Ausdruck dieser Wunschwelt. Die dortigen ungeheu¬ 
erlich korrupten wirtschaftlichen, politischen, kulturellen, religi¬ 
ösen Verhältnisse sind nur für uns unmenschliche Zustände. Un¬ 
sere Empörung darüber ist begreiflich, weil in unserer Seele noch 
genügend Gene aus der Zeit der natürlichen Wirtschaftsordnung 
unserer Vorfahren vorhanden sind - der Orientale besitzt sie 
nicht. 

Die Wucht religiös-kapitalistischer Mittel zur Völksbeherrschung, 
die uns der Orient drastisch vorführt, dürfen wir auch in unserer 
Gesellschaft nicht leichtfertig außer acht lassen. Heuchelei ist das 
Antlitz der Frömmigkeit, Vertrauen ist da Dummheit, Ehrlichkeit 
gleich Leichtsinn. Wer in einer Religionsgemeinschaft mitmacht, 
ohne handfesten wirtschaftlichen Nutzen zu erwarten, ist ein 
hoffnungsloser Fall. Für Priester hat er allerdings den erwünsch¬ 
ten Idealzustand der Abrichtung erreicht. Jedoch im allgemeinen 
beruht die Macht der Priester über ihre Gefolgschaft letzten En¬ 
des auf den wirtschaftlichen Vorteilen, die sie ihren gehorsamsten 
Anhängern gewähren. Diese Tradition ist so alt wie die Gottesord¬ 
nung. Seit jeher wurde darüber diskret geschwiegen. Die vielen 
Religionskulte, die im Altertum blühten, waren in erster Linie Ver¬ 
dienst- und Postenvermittlungen. Wer bei ihnen unterkam und 
»eingeweiht« wurde, hatte selbstverständlich seine Glaubens- 


131 


brüder zu bevorzugen, konnte seinerseits mit Begünstigung rech¬ 
nen - und für ihre Priester fiel dementsprechend viel ab. So ist es 
bis heute geblieben. Ohne Wink mit Geldgewinn wären die Frei¬ 
maurerlogen längst ausgestorben, denn ihre Ideale locken keinen 
Hund hinter dem Ofen hervor. Wir erinnern uns, daß nach 1945 
in Westdeutschland Postchen verteilt und Beförderungen ausge¬ 
sprochen wurden, nachdem bei den Pfarrämtern Erkundigun¬ 
gen eingezogen worden waren. Damals schrieb der Staatssekretär 
Adenauers in Personalpapiere: »Ist ein guter Kirchengänger!« 
In kommunistisch regierten Staaten kamen die gehorsamsten, 
das heißt charakterlosesten Personen am ehesten »nach oben«. 
Am drastischsten verfährt das Judentum, man hat es definiert als 
Gelderwerbsgenossenschaft, die mit allen irdischen Zuchtmitteln 
zusammengehalten wird. »Wir haben stets gesehen, daß die Re¬ 
ligion ihren festen Sitz im Geldbeutel hat« (5) . Folgerichtig gründet 
jede Religionsgemeinschaft auf drei Pfeilern: Geld, Sex und Dummheit 
- nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge. 

»Soll sich der Mensch seiner Natur nach gebärden dürfen, so müs¬ 
sen ihn Recht, Sitte und Religion in Schutz nehmen, wenn er bei 
seinem wirtschaftlichen Tun dem berechtigten Eigennutz, dem 
Ausdruck des naturgegebenen Selbsterhaltungstriebes nachgeht. 
Widerspricht solches Tun den religiösen Anschauungen, trotz¬ 
dem der Mensch dabei sittlich gedeiht, so sollen solche Anschau¬ 
ungen einer Nachprüfung unterzogen werden. Es darf uns nicht 
gehen wie etwa dem Christen, den seine Religion in folgerichti¬ 
ger Anwendung zum Bettler macht und im Wettstreit entwaffnet, 
worauf er dann mitsamt seiner Brut im Auslesevorgang der Na¬ 
tur vollends zermalmt wird. Die Besten müssen gefördert werden, 
nur so kann man hoffen, daß die Schätze einst ausgeschüttet wer¬ 
den, die im Menschen schlummern - unermeßliche Schätze«^! 
Darüber vor der deutschen Nation zu reden, ist in unserer Gegen¬ 
wart fast unmöglich. Der Ausbeutungswirtschaff entspringt die 
Dekadenz und erfaßt die Deutschen ebenso wie alle anderen Völ¬ 
ker. Wir ersparen uns, der Frage nachzugehen, warum die Propa¬ 
ganda die Deutschen von den Kernfragen ablenkt. Man erkennt 
die Geschäftemacher, die Profitjäger, wenn sie den Besitz eines 
Automobils als unbedingte Notwendigkeit für jedermann sugge¬ 
rieren, jedoch nicht den von Kindern. Doch welchen Nutzen für 
den deutschen Volksangehörigen haben Aufrufe, von dem eigenen 
hart erarbeiteten Gelde arme, hungernde Negerkinder in Afrika zu 
ernähren, ja sie zu adoptieren? Kann jemand erklären, weshalb er 
andersrassige Kinder, fremdes Erbgut großziehen soll, wenn er ei¬ 
gene sich nicht leisten kann oder will? Ist das nicht geistige Ab¬ 
artigkeit, moralische Verkommenheit? Es widerspricht naturge¬ 
gebenen Instinkten, die eigenen Gene, die eigene Art weiterzuge¬ 
ben, zu bevorzugen, durchzusetzen, zu verteidigen? Wozu die Le¬ 
benssicherung (Fürsorge, Entwicklungshilfe!) der von der Natur 
zum Untergang verurteilten Individuen, ihre Freistellung vom Le¬ 
benskampf auf Kosten der Fleißigen, Kräftigen, Gesunden? Nir¬ 
gendwo in der gesamten Naturwelt gibt es das. So dumm ist kein 
Tier, ja nicht einmal eine Pflanze. Kann eine Menschengesell¬ 
schaft, eine Kirche, Erziehungsanstalt, Staatsleitung gesund, bei 
Verstand sein, Instinkte besitzen, wenn sie diesen ekelerregenden 
Abfall von der Natur hinnimmt oder gutheißt? 

Eine Umkehr aus diesem Marsch in den Verfall ist auf dem »de¬ 
mokratischen« Wege nicht möglich. Die wenigsten sind sich be¬ 
wußt, wie gründlich das Volk von den Machthab ern (die stets auf¬ 
gezwungen werden - das Volk darf nur seine Zustimmung mit 
dem »Wahlzettel« ausdrücken) des Staates manipuliert wird. 
Dauernd wird uns eingeredet: »die Deutschen hätten es noch 
nie in ihrer Geschichte so gut gehabt«, zeigen Sie mir einmal je¬ 
mand, der das nicht glaubt. Man redet von dem »unvergleichli¬ 


chen Wohlstand der Bundesrepublik«, beweist durch Statistiken, 
daß die Deutschen an einem der ersten Plätze aller Völker stehen, 
Regierung und Parteien rechnen es sich als alleiniges Verdienst an, 
daß wir es so herrlich weit gebracht haben. 

Und dennoch, wir brauchen nicht lange nachzudenken, um den 
allgemeinen Daseinszweifel und die Lebensangst des Volkes trotz 
des sogenannten Wohlstandes zu entdecken. Wäre es anders, dann 
würde sich die Zuversicht in der Kinderzahl ausdrücken, denn 
noch sind Kinder und Enkel der Stolz jedes Elternpaares. Wenn 
die Volksstimmung hingegen ständig äußert, »Kinder kann man 
sich heutzutage nicht leisten«, »wozu Kinder in die Welt setzen, 
sie haben ja keine Zukunft«, oder gar: »Nur die Dummen krie¬ 
gen Kinder, wir wollen unser Leben genießen«, dann kann von Le¬ 
bensfreude gar keine Rede sein, nur Beschränktheit die gegenwär¬ 
tige Welt in Ordnung finden. Ja, sagen darauf listig die Propagan¬ 
disten, es sei ja gerade der Wohlstand, der für die wenigen Kinder 
verantwortlich sei. Also würden die Deutschen mehr Kinder wol¬ 
len, wenn sie arm sind, weil sie dann ihre Kinder nicht einmal satt 
bekommen oder kleiden können? Aber warum erklären so viele 
Eltern: »Unser(e) Kind(er) soll(en) es einmal besser haben als 
wir«? Sie müssen den Daseinskampf als ungeheuer schwer, Um¬ 
welt und Staatsleitung als lebensfeindlich, die Zukunftsaussich¬ 
ten ihres Nachwuchses höchst ungünstig beurteilen, wenn man 
solche Redensarten an jeder Ecke hören kann. Geht nicht daraus 
Sorge und ein Verantwortungsbewußtsein hervor, das sich mit 
den Lügen der Völksbeeinflusser nicht verträgt? Das Unbewußte 
der Volksseele sieht die Dinge eben anders als die Propaganda 
dem Verstände einredet. Wie die allgemeine Völksstimmung den 
Lebenswillen des Einzelnen beeinflußt, erlebten wir mit der plötz¬ 
lichen Zunahme der Geburten infolge der Wiedervereinigung. 
Wenn sie aufhörte, in die Schrumpfung zurückfiel, dann sind die 
Ursachen im wirtschaftlichen Unrechtsystem des deutschen Staa¬ 
tes zu suchen. Die Wiedervereinigung begrub ein Unrechtregime, 
aber beseitigte kein Unrecht. 

Kritik an der gegenwärtigen Staatspolitik gibt es mehr als genug. 
Die Buchhändler bieten sie zentnerweise an. Die Verfasser geben 
sich dem Wahn hin, ihre Vorschläge müßten b ei den Machthabern 
des Staates Gehör finden. Die aber leben nach dem Grundsatz 
Metternichs, »uns hält das System noch aus, nach uns die Sint¬ 
flut! « Sie sind viel zu faul, auch zu feige, zu dumm und kurzsich¬ 
tig, um eine Verantwortung oder Pflicht zu spüren, geschweige 
denn zu erfüllen. Die moralische Zersetzung durch kapitalisti¬ 
sches Geld durchdringt alles im Staats- und Volksleben. 

Das ist nicht neu, wir fanden es in der Geschichte der Deutschen 
seit 1500 Jahren so. Die meisten Kaiser, Könige, Kirchenfürsten 
oder Volksführer (»Demagogen«) waren unwissend, ahnungs¬ 
los, unfähig oder korrupt. 

Sehen wir uns die Vorschläge der Kritiker selbst an, so wird man 
anhand aller Kenntnisse und Erfahrungen ihnen gleichfalls Ge¬ 
brauchswert absprechen. Natürlich bedeutet eine schrumpfende 
Bevölkerung eine Gefährdung der Kultur, der Nation, des Staates, 
der seinen Aufgaben nur nachzukommen vermag, wenn die jün¬ 
gere Generation die Pflichten der abgehenden übernimmt. Wel¬ 
che Auswege schlagen sie vor? Was soll der Staat nach ihrer Auf¬ 
fassung unternehmen, um den Verfallsymptomen des Volkes Ein¬ 
halt zu bieten? Soll er mehr Kindergeld zahlen oder die Steuern 
von Familienvätern herabsetzen? Billigere Wohnungen auf Staats¬ 
kosten schaffen? Der Staat hat kein anderes Geld als das, welches 
er seinen Bürgern zuvor aus der Tasche holte. Die erhoffte Wirkung 
wird darum ausbleiben. Der Bürger wird sich mit Staatshilfe nie¬ 
mals besser, sondern schlechter stehen, denn die Verwaltung ver¬ 
schlingt ja auch Geld. 


132 


Es geht um mehr als um irgendwelche von Millionen Einzelfra¬ 
gen; nicht um Luftverpestung, Kulturverfremdung, Kinderzahl 
usw., sondern das ganze gegenwärtige Staats- , Wirtschafts- und 
Gesellschaftssystem muß in Frage gestellt werden. Der grundsätz¬ 
liche Irrtum aller Kritiken und Vorschläge besteht in der unge¬ 
prüften Annahme, man könne das religiös/politisch/wirtschaft¬ 
liche Kapital- und Ausbeutesystem außer acht lassen, beibehal¬ 
ten und etwas am Staats- und Volksleben reformieren. Wir lern¬ 
ten aus der Geschichte, daß die Befreiung der Nation scheiterte, 
obwohl sie bereits die eine Hälfte des Kapitalsystems ausgeschal¬ 
tet hatte. Müßten wir nicht aus Fehlschlägen endlich geschichtli¬ 
che Erkenntnisse aufgreifen? Dann erst wird man begreifen, daß 
die Gedankenwelt, die uns umgibt, vollständig verrottet ist. Sie wider¬ 
spricht der Natur des Menschen, dem Leben überhaupt, zumindest des 
bewußten deutschen Menschen. 

Ich sage bewußt deutsch, denn die Kultur, und das ist die Summe 
aller menschlichen Lebensäußerungen, ist aus der Nation gebo¬ 
ren. Bei uns Deutschen hat sie eine Entwicklung von rund 4000 
Jahren durchgemacht. Was ich meinem Leser vorgetragen habe, 
beruht auf der Geschichte unseres Volkes, zugleich unserer Vor¬ 
fahren, deren vorläufiges Endglied wir selber darstellen. Wie 
sollte ich solche Gedanken als Pole, Araber, Afrikaner oder Mon¬ 
gole fassen können? Es wäre unmöglich. Nicht nur aus geneti¬ 
schen oder geschichtlichen Gründen, auch aus sprachlichen wä¬ 
ren sie undenkbar. Unsere reiche, naturgewachsene Sprache (äl¬ 
ter als die Nation - mindestens 30 000Jahre alt) drückt ja nur aus, 
was sich im Gehirn speichern läßt. Und die Entwicklung des soge¬ 
nannten Sprachzentrums im Gehirn erfolgt zwischen dem zwei¬ 
ten und sechsten Lebensjahre. Es ist vom übermittelten Erbgut 
der Eltern abhängig, aber nicht davon allein. Eine primitive oder 
künstliche Sprache wirkt genau wie ein schlechtes Computerpro¬ 
gramm, sie erschwert das Erscheinen und Verarbeiten von Gedan¬ 
ken bis zur Unmöglichkeit. Die spätere Denkfähigkeit (»Intelli¬ 
genz«) ist gewißermaßen bei der »hardware« und »Software« 
vorprogrammiert. Darum bewundert man die Griechen, nannte 
uns das »Volk der Dichter und Denker«, während andere geistig 
völlig unfruchtbar blieben und sich große Männer von uns steh¬ 
len gingen. Die gewachsene Sprache formt die Seele des Volkes, 
wird sie zerstört oder durch Kunstgebilde ersetzt, entsteht ein 
haltloser Mob. Kennzeichnend ist die Flucht in den Rausch (Be¬ 
wußtseinflucht) bei künstlichen und geistig/kulturell entwurzel¬ 
ten Völkern durch Alkohol- und Drogenvergiftung, dort gewißer¬ 
maßen als »Kulturbestandteil« anerkannt. Die Bedeutung von 
Sprache und Nation für den einzelnen Menschen haben Grie¬ 
chen und Römer vor Jahrtausenden unzweideutig nachgewie¬ 
sen - und dementsprechend gelebt. An dieser Tatsache läßt sich 
durch Vorschriften, Parlamentsbeschlüsse und Gleichheitspro¬ 
paganda nicht rütteln. Daran sollen Kritiker, Besserwisser und 
Opportunisten denken, wenn man die Frage des Nationalbe¬ 
wußtseins aufwirft. Warum weichen sie aus, meinen, man könne 
nicht einer Sache das Wort reden, die so in Verruf gebracht wurde 
und wird? Da sprechen und schreiben sie vom ȟberholten Na 
tionalismus, überspannten Nationalgefühl, veralteten National¬ 
denken, engen Nationalstaat«. Wenn ihnen gar nichts mehr ein¬ 
fallen will, warnt man andere vor »rechtsextremen und rassisti¬ 
schen Erscheinungen« und gibt zu erkennen, daß sie zwar »up to 
date«, »politisch korrekt« schwätzen können, aber geistig längst 
auf dem schwarzen, undurchlässigen, überhitzten, sterilen, to¬ 
ten Parkplatz des internationalen Geldkapitals, der orientalischen 
weltweiten Ausbeutungswirtschaft, der herrschsüchtigen Weltreli¬ 
gionen, der völkischen und rassischen Vermischungs- und Vermas¬ 
sungspolitik abgestellt wurden. So steuerten alle Diener und Hel¬ 


fer der Herrscherklasse und Volksausbeutung die Volksmeinung 
viele Jahrhunderte hindurch, ob sie nun Papst, Weltweise, Bun¬ 
despolitiker, Universitätslehrer oder Zeitungsschreiber waren. 
Sie propagieren das keineswegs aus menschlichen oder sittlichen 
Gründen, sondern aus eigennützigen, nämlich weil sie bezahlt wur¬ 
den, die Macht über ausgebeutete und verdummte Völker zu be¬ 
festigen. Denn international sind Gold und Finanzkapital, inter¬ 
national die Großbanken, international die größten Unternehmen 
der Welt, »Vereinten Nationen«, »Europäische Gemeinschaft«, 
Kommunismus, Kirchen und Priester. In jeder Nation sehen sie eine 
Gefahr für sich, sie fürchten die seelische Geschlossenheit der Rasse; sie 
allein kennen kein Vaterland, keine Moral, ihr einziger Maßstab ist 
der Profit, den man aus einem Volk herausholt- natürlich ohne dafür 
zu danken oder an eine Gegenleistung zu denken. Niemand wird 
bezweifeln, daß ein Volk um so kräftiger ausgebeutet wird, je ver¬ 
dummter es ist. Je mehr Sprachen im Staate die Verständigung un¬ 
tereinander erschweren, je geringer Zusammenhalt und Gemein¬ 
schaftsgefühl sind, je weniger gemeinsame Gene unter den Men¬ 
schen eines Staates übereinstimmen, um so weniger sind sie fähig, 
sich den Beherrschern und Ausbeutern zu widersetzen. Diese Tat¬ 
sache genügt, hier den Trennungsstrich zu ziehen, fortan das Ge¬ 
genteil für richtig zu halten und genau das zu befürworten, das uns die 
Verteidiger des verfaulten Gesellschaftssystems unter allen Umständen 
schlecht machen wollen. 

Wenn andere Völker mit diesem System leben und zurechtkom¬ 
men, dann ist das ihre Sache. Wir erstreben den Fortschritt der 
Menschheit und, weil wir Deutsche sind, den unserer deutschen 
Nation. Daraus ergeben sich jetzt die Grundfragen, die man sich 
vorlegen und beantworten muß: 

Erstens: Kann das deutsche Volk und seine Kultur unter Beibehal¬ 
tung des kapitalistischen politischen Systems erhalten werden ?Ja oder 
Nein? 

Zweitens: Wer die Zukunft unseres Volkes im Sinne hat, für seinen 
Wiederaufstieg arbeiten will, darf der das Wirtschaft- und Ausheutesy¬ 
stem übersehen, das ihm seit 1500 Jahren die schrecklichsten Schäden 
zufügte?Ja oder Nein? 

Drittens: Wie hat das Wirtschaftssystem auszusehen, das Zuversicht 
und Vertrauen in die Zukunft unseres Volkes schafft? 

Was man unter dem »kapitalistischen Wirtschaftssystem« zu 
verstehen hat, wie es funktioniert, werde ich in den nächsten Ab¬ 
schnitten darlegen. Ich schicke (zur Erleichterung meines Le¬ 
sers!) voraus, daß wir nichts von dem landesüblichen Geschwätz 
brauchen werden, das in Containerladungen von Büchern und 
Schriften angeboten wird. Die Theorien von Karl Marx waren 
längst überholt bevor sie in die Praxis umgesetzt wurden. Sie sind 
nicht bloß gescheitert, weil sie falsch waren. Sie waren der mit gro¬ 
ßem Aufwand, vielen Lügen und ungeheuren Opfern durchge¬ 
setzte und fehlgeschlagene Versuch, das Ausbeutesystem wieder 
vollkommen (»wasserdicht«) zu machen, es in eine Hand zu¬ 
rückzuführen, weil der Bürgerstand mit seiner eigenen Kraft zur 
Kapitalbildung ihm dauernd in die Quere kommt. Diesen Weg 
werden wir nicht verfolgen. Das Geheimnis des kapitalistischen 
Wirtschaftssystems wurde nicht von dem Juden und Jesuitenzög¬ 
ling Karl Marx, sondern von einem Deutschen und Germanen, 
Silvio Gesell enträtselt. Gesell , niemand sonst, hat den Weg zu 
seiner Überwindung aufgezeigt. 

Privatgrundeigentum - das Unglück der Nation 

Seitdem die Aneignung des Bodens durch Kauf mit dem 19. Jahr¬ 
hundert allgemein wurde, stößt jeder Einwand gegen das Prinzip 
des Privatgrundeigentums auf Unverständnis. Haben die Men¬ 
schen, zumindest die Deutschen, sich damit abgefunden den Bo- 


133 


den des Heimatlandes in den Händen einiger weniger Monopoli¬ 
sten zu sehen? Ist ihnen gleichgültig, ihren hart verdienten Lohn 
in den Taschen der Grund- und Kapitalbesitzer verschwinden zu 
sehen? Man findet - wenigstens seit den 60er Jahren - kaum je¬ 
mand, dem das Mißverhältnis zwischen seiner eigenen Arbeitslei- 
stung und seinem Arbeitsertrag auffällt! Die ungeheure Steigerung 
der Erzeugungsfähigkeit unserer modernen Volkswirtschaft, mit 
automatischen Maschinen, Selbstbedienungsmärkten, Compu¬ 
tern, und was der vielen Dinge mehr sind, riesiges Warenangebot 
und billige Befriedigung des Unterhaltungsbedürfnisses lenkt von 
den vielen Schmarotzern ab, die den Geldbeutel der schwer arbei¬ 
tenden Menschen leeren. Die Steuern, die gleich abgezogen wer¬ 
den, sieht man wohl; die indirekten, auf die Warenpreise aufge¬ 
schlagenen zwar nicht, aber man weiß von ihnen. Dann kommen 
Zinsen, von denen der Lohnempfänger nur weiß, wenn er Geld 
für einen Autokauf borgte oder die Pfandbriefe für sein Häuschen 
nicht getilgt sind. Wie viel mehr Zinsen er in jedem Bedarfsartikel 
in allem um ihn herum bezahlen muß, das entgeht ihm. Die grö߬ 
ten aller Schmarotzer am Lohnbeutel sind die Bodenrenten, und 
von denen weiß er gar nichts. Sie entspringen dem Privatgrund¬ 
recht. Das Niederträchtige an ihnen ist, daß sie sich tarnen. Kein 
Mensch, der Monat für Monat seine Miete zahlt, denkt daran, 
daß 3 A davon Zinsendienst und Grundrenten sind. Er bezahlt da¬ 
mit nicht irgend eine Leistung des Grundherren, sondern allein 
die Erlaubnis, auf dessen Privatgrundstück sich aufhalten zu dür¬ 
fen: Noch schlimmer, sehen wir zwölf Mietparteien in einem Ein¬ 
gang, jedes Treppenhaus winzige 2 l /i oder Dreizimmerwohnun¬ 
gen übereinander geschachtelt, vier Eingänge im ganzen Haus¬ 
block (nicht nur in Berlin, Hamburg, München oder Wien, heut¬ 
zutage schon in Kleinstädten) - wird da nicht jeder Quadratmeter 
des Bodens mit 100-Mark-Scheinen bedeckt? Gehen Sie einmal 
durch so ein Haus, fragen sie die Mieter, ob sie dagegen etwas vor¬ 
zubringen hätten: Man wird Ihnen sagen, daß sie sich darüber gar 
keine Gedanken machen. Es sei nun einmal so. Und wenn einer 
von ihnen sich entschließt, eigener Grundherr zu werden, für je¬ 
den Quadratmeter seiner »Parzelle« Tausende von Mark hinle¬ 
gen muß, wird er darüber zornig werden? Er wird froh sein, daß 
er in der Ecke noch etwas bekam, es sind ja so viele andere da - 
also wozu klagen? Es ist nun einmal so, heißt es wieder. Zwar ist 
das Geld für den arbeitenden Durchschnittsverdiener sichtlich 
knapper geworden, aber was ein richtiger Deutscher ist, der arbei¬ 
tet eben härter, macht mehr Überstunden und die Frau geht auch 
arbeiten, Kinder kann man sich nicht leisten, aber »wir leben ja so 
gut«. Nur hat die Sache einen ganz tollen Haken: Je mehr man ver¬ 
dient, um so mehr kann der Grundrentner davon für sich erpres¬ 
sen! Ja, Denkunfähigkeit ist die wichtigste Stütze des Privatgrund¬ 
eigentums. Auf Dummheit ruht die Vorstellung, das Privatgrund¬ 
eigentum sei gut, richtig, gerecht, unerschütterlich, sei die Grundlage 
unserer Freiheit. Niemand will glauben, daß das genaue Gegenteil 
zutrifft: Privatgrundeigentum ist eine moderne Form der Sklave¬ 
rei. Man findet großes Erstaunen, wenn man nachweist, daß Pri¬ 
vatgrundeigentum in Deutschland noch zu Anfang des 19.Jahr- 
hunderts nicht allgemein war, ja daß es ganze Länder und Kon¬ 
tinente gab, wo es unbekannt war. Es mag die Grundrentenzahler 
verwundern, wenn sie erfahren, daß allein des Privatgrundeigen¬ 
tums wegen Millionen Deutsche die Heimat verließen, ja sogar in 
den Krieg gegen sie zogen. Es wird das letzte sein, das ein Deut¬ 
scher hören möchte, daß deutsche Landsleute, oft mit angesehe¬ 
nen Namen, die Macht des Privatgrundrechtes dazu mißbrauch¬ 
ten, Deutsche aus Deutschland zu vertreiben ohne daß es ihr Ge¬ 
wissen rührte. Wir lernten im Laufe unserer Untersuchung hoch¬ 
berühmte Deutsche und vorgebliche Patrioten kennen, die das 


völlig in Ordnung fanden, ja die sie obendrein unmenschlich und 
unverschämt schmähten, verachteten und bekämpften. Gewiß be¬ 
darf es eines Willens zum Nachdenken, um einen Zusammenhang 
zwischen der »teuren Wohnungsmiete« und Auswanderern, kommu¬ 
nistischen Auf ständen, imperialistischen Kriegen oder dem Asylanten¬ 
zustrom zu begreifen. Aber erst wenn man erkennt, wie das öffentliche 
Leben und die Nation von dieser Einrichtung vergiftet ist, alle staatli¬ 
che und politische Macht diesem System dienen, weil hier Vorrechte ge¬ 
gen Entrechtete mit allen Mitteln, einschließlich Gewalt und Lüge ver¬ 
teidigt werden, dann wird man sich von seinem Vorurteil losmachen 
können. Selbst wenn die Herrschaft des Privatgrundeigentums 
nicht von heute auf morgen zu brechen ist, man wird aus den Er¬ 
kenntnissen meiner Schrift Vorteile im Kampf gegen die Grund¬ 
rente zu ziehen lernen: Das wird, so hoffe ich, den Weg zur inner¬ 
lichen Befreiung bahnen und den Willen stärken, unser Volk wirt¬ 
schaftlich zu befreien. Vielleicht wird die nachfolgende Darstel¬ 
lung des weltweiten Landraubes im 19.Jahrhundert dem Leser 
klar machen, wie unsittlich, ja verbrecherisch das Privatgrundei¬ 
gentum in geschichtlich ganz naher Zeit vorging. 

Zur gleichen Zeit, als der absolute Staat in Deutschland durch in¬ 
fame Gesetze die Allmenden an Landspekulanten verschob, eig¬ 
neten sich im britischen Weltreich bzw. den Vereinigten Staaten 
Landgesellschaften den Gemeinbesitz an Boden an. Ihre Metho¬ 
den enthüllen, daß das »geheiligte, unantastbare Privatgrundei¬ 
gentum« überall auf gleiche Weise zustande kam, nämlich durch 
Korruption, Betrug und Gewalt: 

Ein Verein von mäßig reichen Kapitalisten, die reicher werden 
wollten, nahm irgend einen, als siedlungshöfiig angesehenen 
Landstrich ins Auge und veranlaßte durch »Act of Parliament«, 
bzw. »Act of Congress« das Land als Kronland/Staatseigen- 
tum in Anspruch zu nehmen, zu »annektieren«. Dabei wurde al¬ 
les Eingeborenenland als herrenlos (»terra nullius«) angesehen. 
Die Landkompanie - meist Aktiengesellschaft - erwirkte nun 
eine »Charter« und »kaufte« das »Kronland« für eine geringe 
Summe dem Staate ab. So entstanden die Südaustralische, die 
Westaustralische, die Van-Diemens-Land-, die Neuseeland-, die 
afrikanischen, die ost- und westindische Kompanien. Auf irgend¬ 
welche Vorbesitzer wurde keine Rücksicht genommen, selbst 
wenn sie unter fremder Staatshoheit standen, siehe die Falkland- 
Islands-Company. Wer irgendwelchen Widerstand gegen den 
Raub des Landes wagte, wurde durch Einsatz von Militär verjagt. 
Das Vorgehen der Amerikaner gegen die vertraglich zugesicher¬ 
ten Indianerreservate ist ein einziger Schandfleck dieses Landräu- 
bertums. 

Nun hatten die Landschieber Menschen zu beschaffen, die etwas 
Geld besaßen und eine wirtschaftliche Besserstellung erhofften: 
Bei den Zuständen in Deutschland nach 1815 war das gar kein 
Problem. Die wirtschaftliche Verelendung in Deutschland arbei¬ 
tete den Landspekulanten in die Hände. Es ist für viele unvorstell¬ 
bar, mit welcher Niedertracht sie vorgingen; für sie gab es zweierlei 
Menschen, solche die Geld und das Bodenmonopol besaßen und 
die übrigen, die davon ausgeschlossen waren und dafür zu zahlen 
hatten. Die herausgekehrte Bibelfrömmigkeit der Grundeigentü¬ 
merklasse dieser Zeit ist bemerkenswert. Weil die Religion sie zu 
»guten Werken« anhält, förderten sie Bekehrungsunternehmen 
und »Missionen« finanziell. Die Geistlichkeit aller Konfessionen 
spielte überzeugt mit, wie wir es seit 2000 oder mehr Jahren erleb¬ 
ten. Es war das alte, brutale System, in dem der Ausgebeutete vor 
Sorgen und Not bedrückt sich an die Religion klammert und diese 
die Ausbeuterklasse stützt. So handhabten es die Quäker, kamen 
zugleich mit den Agenten der Grundstücksgesellschaften Missio¬ 
nare an Land, um die »Frohe Botschaft«, den »Wilden« zu brin- 


134 


gen: »Sie brachten die Bibel und nahmen das Land«. 

Je mehr dieses Geschäft eintrug, um so frecher wurden die Land¬ 
räuber. Weil die Aneignung des Bodens durch die »gentry« da¬ 
heim die Massen entwurzelte und verelendete, wurde das Volk so 
straffällig, daß Gefängnisse nicht ausreichten. So verfrachtete man 
die Verurteilten einfach in die neuen Kolonien, womit man gleich 
zwei Fliegen mit einer Klappe schlug. Sibirien und Australien 
wurden zuerst durch Sträflinge besiedelt. In Amerika hatten die 
Privatgrundeigentümer keinerlei sittliche Bedenken - das Chri¬ 
stentum stand dem nie im Wege! - mit Menschenware, Sklaven 
zu handeln. Nicht nur Neger wurden von brutalen Kapitänen ein¬ 
gefangen und unter unmenschlichsten Bedingungen verschleppt. 
Kaum jemand weiß, daß in den Vereinigten Staaten noch Mitte 
des 19. Jahrhunderts weiße Sklaven gehandelt wurden - darunter 
viele Deutsche! Man erinnere sich, was der Reichsfreiherr vom 
Stein seinen enteigneten Landsleuten zumutete. In Amerika 
wurde Landraub zum Staatsgrundsatz erhoben. Hier waren Land¬ 
räuber, Geldkapitalisten, Volksvertreter, Militärführer und Regie¬ 
rungsbeamte voneinander nicht zu unterscheiden. Besonders der 
Eisenbahnbau war ein Vorwand, sich riesige Landgebiete kosten- 
los(!) anzueignen. Selbstverständlich waren Indianer, da sie we¬ 
der Geld besaßen noch Ackerbau trieben, noch Zins zahlen woll¬ 
ten, für Grundeigentümer als Menschen wertlos, »nur ein toter 
Indianer ist ein guter Indianer«. 

Mit schönsten Versprechungen wurden in Europa, vor allem 
Deutschland Auswanderer geworben, um sie auf dem geraubten 
Land für teures Geld anzusiedeln. Verständlich: Weiße, Lands¬ 
leute oder andere, bedeuteten Gewinn, Profit oder, vielleicht be¬ 
greift man es jetzt leichter: Ausbeutungsobjekte^ 6 '. Wer einmal da 
war, hatte seine Ersparnisse verspielt, konnte fast nie zurück und 
mußte bald feststellen, daß die Großkapitalgesellschaften sie ge¬ 
nau so ausnutzten und ausplünderten wie ihre Landherren da¬ 
heim: Die Eisenbahngesellschaften - gleichfalls in erster Linie 
Großgrundeigentümer! - erhöhten ihre Frachten auf das Höchst¬ 
mögliche, was den Siedler ständig sich die Frage vorlegen ließ, ob 
es Sinn habe weiterzumachen oder aufzugeben. Wir werden nach- 
weisen, daß der kapitalistische Grundeigentümer diesen Punkt 
als Idealzustand betrachtet. Er unterscheidet sich von der Sklave¬ 
rei nur durch die zugestandene Möglichkeit, mit einem Bündel, 
Weib und Kind weiterzuziehen, während der Sklave (oder Leibei¬ 
gene) dieses Recht nicht besitzt. Wenn es Menschen möglich ist, 
dennoch in dieser Gesellschaftsverfassung Erfolg zu haben, dann 
weil die klügerem imstande sind, für eine gewisse Zeit den For¬ 
derungen der Grundeigentümer voraus zu sein. Ganz verfehlt er¬ 
wiesen sich alle Versuche, Monopolbesitzer und Ausbeutung mit¬ 
tels Zusammenschlüssen, Streiks und Rebellionen zu bekämpfen. 
In Amerika fanden sich die ausgebeuteten Farmer zu den »Gran- 
gers« zusammen, die gegen die Monopolherrschaft der Eisen¬ 
bahngesellschaften vorgingen und doch bald von der Geldmacht 
überwältigt wurden. Die Gewerkschaftsbewegung entsprang in 
erster Linie der Ausbeutung durch das Privatgrundeigentum, aber 
dank marxistisch-sozialistischer Mißleitung wendete sie sich ge¬ 
gen das reiche Bürgertum, die »Unternehmer«. Dann stand ein 
Mann auf, der bis heute nicht ganz vergessen ist: Henry George: 
Er schrieb um 1880 sein aufrüttelndes Buch »Fortschritt und Ar¬ 
mut«, erzielte einen gewaltigen öffentlichen Erfolg und brachte 
die Massen mit der Forderung hinter sich: »Nehmt ihnen die 
Grundrente ab!« Nicht nur auf dem Lande, in den Städten Ame¬ 
rikas war das Problem der Verelendung durch die städtische 
Grundrente kaum geringer als in Deutschland. Henry George 
verlangte die vollständige Einziehung der Grundrente durch Be¬ 
steuerung des Grundeigentums. Dadurch, so erklärte er, würden 


alle anderen Steuern überflüssig, der Lebensstandard gewaltig ge¬ 
hoben und die Spekulation mit dem Boden unmöglich gemacht. 
George sah auch die gewaltige Macht des Geldes in der Wirt¬ 
schaft, aber er erklärte sie als zweitrangig und aus der Bodenrente 
entsprossen. 

Henry George fand in Deutschland einsichtige und begeisterte 
Anhänger. Hier tat sich Michael FlüRSCHEIm hervor, der Grün¬ 
der der deutschen Bodenreformbewegung. Es gibt noch eine ge¬ 
ringe Anhängerschaft der Ideen Henry Georges (die » Single 
Taxer«), aber schon vor 100 Jahren gab es Männer, die seine Irr- 
tümer erkannten. Eine vollständige Erfassung der Grundrente 
durch Steuern wäre nur im Augenblick des Landverkaufs mög¬ 
lich, aber welchen Kaufpreis hat ein Grundstück, dessen Wert 
sich nicht kapitalisieren läßt? Es kommt vor, wengleich seltener, 
daß die Nachfrage nach Boden in gewissen Gegenden zurückgeht, 
also die Grundrente sinkt. Wie soll sich das steuerlich niederschla- 
gen? Eine Untersuchung dieses Problems führt zwangsläufig zu 
zwei entgegengesetzten Lösungen: 

1. Die Beibehaltung des Privatgrundeigentums mit gleichzeitiger 
steuerlicher Erfassung der Grundrente ist undurchführbar, daher 
ist die Aufhebung des Privatgrundeigentums erforderlich. 

2. Auf die vollständige Erfassung der Grundrenten durch die 
Steuer wird verzichtet, jedoch soll der Wertzuwachs beim Verkauf 
in das Staatssäckel überführt werden, ansonsten eine allgemeine 
Grundsteuer die Renten wenigstens teilweise beschneiden. 
Diesen zweiten Weg ging ein Bodenreformer, der in Deutsch¬ 
land bald zu größtem Ansehen gelangte: Adolf Damaschke. 
Er lehnte in seinem »Bund für Bodenreform« die Verstaatli¬ 
chung des Bodens ausdrücklich ab. Sein Bund beschränkte sich 
Erbpachtgesetze und Siedlungsland von Staatswegen zu beschaf¬ 
fen, außerdem fürchterliche Kritik an den Grundeigentümern zu 
üben. Das brachte ihm viel Zulauf, Anerkennung und Glückwün¬ 
sche von allen Seiten. Sogar Rabbiner und katholische Würden¬ 
träger, Reichspräsident v. Hindenburg und Industrielle wurden 
seine »Anhänger«: Nicht weniger als drei Ehrendoktorwürden 
wurden Damaschke verliehen. Was aber ist das Ergebnis dieser 
riesenhaften Schaumschlägerei? Geredet wurde viel, durchgesetzt 
schon zu seinen Lebzeiten wenig. Wer heute, rund 100 Jahre da¬ 
nach, nach Adolf Damaschke und seiner Bodenreform sucht, 
findet kaum eine Spur davon. Die Privatgrundeigentümer fan¬ 
den sich mit der Grundsteuer ab - soweit sie noch erhoben wird. 
Mit oder ohne sie, sie betrieben die Ausbeutung des Volkes selten 
schlimmer als heute. Das ist der Schutthaufen der Geschichte, auf 
dem Kompromissler, Feige, Ehrgeizige immer enden werden. Mit 
beißendem Hohn fällte Gesell ein vernichtendes Urteil über die 
»sogenannteBo denreformb ewegung «: 

»Weil die Grundeigentümer bald herausfanden, daß es sich um 
ein Schaf im Wölfsfell handelte, daß eine Besteuerung der Grund¬ 
rente wirksam nicht durchzuführen ist, so brauchte man den 
Mann (Damaschke) und seine Reform nicht zu fürchten. Also 
durfte die Presse frei von Henry Georges Schwärmerei reden. 
- Die Bodenreformer waren in der guten Gesellschaft gern gese¬ 
hen. Jeder Agrarier, jeder Kornzollspekulant wurde Bodenrefor¬ 
men Der Löwe hatte ja doch keine Zähne, also durfte man mit ihm 
spielen - wie so viele in den Sälen der vornehmen Welt mit dem 
Christentum spielen« (4) . 

Jener erste Weg, der mit dem Lärm von Damaschkes »Refor¬ 
men« übergangen, verschwiegen, bekämpft wurde, hat seinerseits 
zwei Möglichkeiten. Die eine verwirklichten die Kommunisten, 
indem sie einfach den gesamten Boden als »Volkseigentum« er¬ 
klärten und alle Grundeigentümer restlos und ohne jede Ent¬ 
schädigung enteigneten. Kommunisten sind überall in der Welt 


135 


nur über das ungelöste und unerträgliche Privatgrundeigentum- 
Problem zur Herrschaft gekommen. Waren sie zahlreich genug, 
die Erbitterung der Siedehitze nahe, konnten sie einen Volksauf¬ 
stand/Volkskrieg auslösen. Die Kommunisten haben in jedem Falle, 
wo sie zur Macht gelangten, dies mit dem Versprechen einer Bodenre¬ 
form zugunsten der Enterbten erreicht. Das sollte den Grundeigen¬ 
tümern zu denken geben, zumal die Kommunisten sie in der Regel 
totschlugen, eine einfache Lösung, die des Beifalls aller Hassen¬ 
den gewiß ist. Grund zum Hassen hatten die Ausgebeuteten seit 
Jahrtausenden, das lernten wir aus der Geschichte unseres Volkes. 
Die Kommunisten haben klugerweise stets die reichsten Grund¬ 
eigentümer zuerst, die kleinen erst viel später enteignet. Wenn sie 
mit dem System der Kollektivwirtschaft die Sklaverei der Grund¬ 
eigentümer durch etwas viel Schlimmeres übertrumpften, so wol¬ 
len wir nicht vergessen, daß der marxistische Sozialismus eigentlich 
die absolute Herrschaft des Kapitals darstellt. Die katholische Kirche 
war ihm das große Vorbild, am schroffsten im Jesuitenstaat Para¬ 
guay, dem ersten bolschewistischen Staate der Geschichte. Über¬ 
flüssig zu erinnern, daß er, wie die Sowjetunion unseligen Ange¬ 
denkens, innerhalb eines Jahrhunderts unterging (7) . Aber im glei¬ 
chen Schritt, wie der sozialisierte Boden wieder in Privathände 
fiel, sehen wir die kommunistische Bewegung erneut anwachsen. 
Soll dieser Krieg in alle Ewigkeit fortdauern, soll es niemals mehr 
Frieden im Volke geben? 

Es ist klar, diese Wege führen die Nation in eine Sackgasse, sie sind 
keine Fort-, vielmehr Rückschritte: So viel ist sicher: Die Pro¬ 
bleme von Wirtschaft und Ausbeutung hängen unmittelbar zu¬ 
sammen. Sie müssen mit wissenschaftlicher Gründlichkeit durch¬ 
gegangen werden, dann wird eine Lösung erkennbar sein. Begin¬ 
nen wir mit Gesells Untersuchung des Privatgrundeigentums 
und dessen Verhältnisses zum Arbeitslohn. 

Der ewige Krieg zwischen Grundeigentümern und 
Entrechteten 

Der Privatgrundeigentümer betrachtet sein Grundstück wie je¬ 
des andere bewegliche Eigentum. Grundsätzlich möchte er da¬ 
mit machen was er will. Die Öffentlichkeit, die ihm Einschränkun¬ 
gen dieser Willkür auferlegt, ist schon der erste Einspruch gegen 
das Privatgrundeigentum. Der Grundeigentümer wird daher im¬ 
mer Feind der öffentlichen Gewalt sein, wenn sie nicht auf seiner 
Seite steht. Umgekehrt ist im allgemeinen - heutzutage - die Öf¬ 
fentlichkeit nicht grundsätzlicher Feind des Grundeigentümers. 
Die Willkür des Grundeigentümers wird als sein »Recht« ange¬ 
sehen. Auch wenn er mit seinem Grundstück nicht alles machen 
darf, es bleibt ihm eine ganze Menge. Er darf zwar ohne besondere 
Erlaubnis nicht den Boden verkaufen, Häuser darauf bauen usw., 
er kann ihn ohne jegliche Nutzung liegen lassen und jedem Men¬ 
schen den Zutritt dazu von »rechts wegen« verbieten. Aber jeder 
Mensch ist auf den Boden genau so angewiesen wie auf die Luft, 
es ist unmöglich, ohne Boden zu leben. Jeder Mensch braucht Bo¬ 
den, er muß seine Füße darauf stellen, seine Nahrung ihm entneh¬ 
men, ja er kehrt nach seinem Tode in den Boden zurück. Und an¬ 
gesichts solcher Lebenfragen gibt es einige wenige (etwa 1% der 
Bevölkerung), die das Recht haben, den Rest nach Willkür vom 
Boden auszuschließen! Der Grundeigentümer hat mehr Rechte als 
der Besitzlose, er hat »Vorrechte«. Wer Boden braucht (und wer 
sein Bett aufschlagen will oder einen Apfel ißt, braucht etwas vom 
Boden), muß sich an den Grundeigentümer wenden. Da ihn nie¬ 
mand zwingen will - Fälle wie wir sie vom Großen Kurfürsten 
schilderten sind die seltene Ausnahme - steht es dem Grundei¬ 
gentümer frei, für die Benutzung seines Grundstückes eine Ge¬ 
bühr zu verlangen. Derjenige, der es nutzen möchte, wird sich be¬ 


reit finden müssen, sie zu bezahlen. Diese Bezahlung, nach mit¬ 
telalterlichem Rechte »Gült«, heute Pacht (von lat. »pactum« = 
vereinbarte Abgabe) genannt, erlaubt die Nutzung nach vertrag¬ 
lich festgelegten Bedingungen. Wie viel kann der Grundherr da¬ 
für verlangen, wie viel ist der Pächter willens hinzulegen? Es geht 
nicht willkürlich, sondern nach gewissen gesellschaft-gesetzli¬ 
chen Beziehungen zu. Wer zum Beispiel am Rande der Stadt eine 
Gemüsekultur anlegen möchte, muß sich an einen Grundeigen¬ 
tümer wenden, der ihm das geeignete Land dafür überläßt. Der 
Pächter wird sich ausrechnen, wie viel es ihn kostet, seine Erzeug¬ 
nisse auf dem weitest entfernten, ödesten Land zu bauen und zur 
Stadt zu schaffen, den Unterschied muß er dem Grundherrn be¬ 
zahlen. Oder: Wer Steine oder Kies zum Bauen braucht, zahlt für 
die Entnahme aus der nächsten Grube genau so viel wie aus ei¬ 
ner weit entfernten plus Beförderungskosten. Dieselbe Rechnung 
macht der Grundherr. Was der Pächter unternimmt, dem Boden 
Erträge abzugewinnen, der Grundherr verlangt immer so viel für 
sich davon, als wenn der Pächter das Land in Holland, Amerika 
oder Australien bebauen würde. Die Grundrente ebnet die ganze 
Welt geldmäßig ein, sie macht Moorland, Steppenland, die Farm 
in Neuseeland, in Feuerland, den Hof in der Nähe der Großstadt, 
der Grenze, für den Bebauer einkommensmäßig gleichgültig. Das, 
was ein Landarbeiter sich auf einem gepachteten Stück Land als 
Lebensunterhalt verdienen kann, ist die Grundlage der gesamten 
Lohnskala. Tiefer kann der Grundlohn nicht sinken, höher kann 
er nicht steigen. Alle anderen Löhne bauen sich auf diesem Lohne 
auf und unterscheiden sich grundsätzlich nur durch Angebot und 
Nachfrage. 

Es ist jedoch irrig (wie es viele, besonders Marx getan haben), 
diesen Lohn des Arbeiters auf »freiem Lande« als unverrückbar 
und ehern anzunehmen. Er unterliegt dem freien Spiel der Kräfte 
und ist von vielen Einflüssen abhängig. Wächst die Bevölkerung, 
so muß die Nachfrage nach Land ebenfalls wachsen, das Teilungs¬ 
verhältnis ändern und die Grundrente steigern, im gleichen Maße 
der Reallohn sinken. Wird eine Straße gebaut, so rückt mit der Er¬ 
leichterung der Beförderungskosten das ferne Land näher an den 
Markt, der Grundherr in dessen Nähe verliert entsprechend an 
Rente. Als im 19. Jahrhundert John Fowler den Dampfpflug er¬ 
fand, der praktisch nur auf großem Grundbesitz unter günstigen 
Bedingungen eingesetzt werden konnte, sparten die von der Na¬ 
tur begünstigten Grundeigentümer gewaltig an Löhnen, die ent¬ 
sprechend heruntergingen. Der Fortschritt der Technik wirkte 
sich folgenschwer gegen die gesamte Arbeiterschaft aus, selbst ge¬ 
gen die, die diese Pflüge bauten! Die Rückwirkung war eine ver¬ 
stärkte Auswanderung zum freien Lande, stärkte den »freien« 
Landarbeitern den Rücken und bewirkte allmählich einen Aus¬ 
gleich der Löhne. Als nach dem Zweiten Weltkrieg der Kleintrak¬ 
tor die Pferdekraft überflüssig machte, stieg das Einkommen des 
selbständigen Landarbeiters infolge der höheren Erzeugungkraft, 
andererseits durch die Abwanderung der Arbeiter zur Industrie, 
die Grundrenten fielen soweit, daß viele den Landbau aufgaben, 
weil er nicht mehr »rentabel« war. Die damals von den Grund¬ 
rentnern durchgesetzte staatliche Garantie der Mindestpreise 
hatte zur Folge, daß man in der ungehemmten Vermehrung der 
Erzeugung die Rettung sah. Wir haben damit eine einfache, ver¬ 
blüffende Erklärung für den »Butter-Eier-Gemüseberg« usw., 
die »Milchschwemme«, »Hühnerbatterien«, unabsetzbares Ge¬ 
treide und Staatszuschüsse für ihren Verkauf im Ausland, wo man 
sich ebenfalls den Klagen der einheimischen Grundrentner nicht 
verschließen konnte und ähnliches versuchte. Wir können nun¬ 
mehr mit Verachtung die Politiker und Minister betrachten, de¬ 
ren Geschwätz und Wurstelei als Regierung gilt, während ihre völ- 


136 


lige Kenntnislosigkeit gesetzmäßiger Zusammenhänge von Pri¬ 
vatgrundeigentum, Löhnen und Geldwirtschaft Volk und Staat in 
den Ruin führt. 

Die Privat-Grundeigentümer brachten es vom Altertum bis heute 
fertig, die Staatsmacht stets vor den Karren ihrer eigenen Interes¬ 
sen zu spannen. Wie konnte es d